Eine besonders interessante Arbeit sowohl für den Bürgerfreund als auch für den Musikinteressierten ist die Dissertation von Peter Graf aus dem Jahre 1928:

G. A. B U E R G E R ´ S

ROMANZEN UND BALLADEN IN DEN

KOMPOSITIONEN SEINER

ZEITGENOSSEN

Im Unterschied zur durchaus verdienstvollen Arbeit von Erich Ebstein werden in dieser Dissertation die Vertonungen Bürgerscher Werke vom Standpunkt des Musikwissen- schaftlers aus detailliert untersucht. Hiermit wird also nicht nur die Meinung anderer Autoren referiert, sondern auf ganz eigenständige und nachvollziehbare Art und Weise eine tiefgründige Analyse der Umsetzung von Dichtung in Musik vorgelegt.

Vom Umfang der Arbeit, es sind fast 250 Schreibmaschinen- seiten, sollte man sich nicht abschrecken lassen. Eine Kopie der Arbeit liegt in unserem Museum als .pdf vor. Eine Gliederung und wichtige Schlussfolgerungen dieser Arbeit wollen wir im folgenden für den Interessierten vorstellen.

Wörtliche Zitate aus der Dissertation werden in Anführungszeichen “...” gesetzt, Hervorhebungen durch Unterstreichung seitens des Bearbeiters gesondert gekennzeichnet.

 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Verzeichnis der wichtigsten benutzten Literatur

Einleitung

Erstes Kapitel. Romanze und Ballade in literarischer und musikalischer Entwicklung bis auf Bürger:

              a. Ironische Romanzen

              b. Singspielromanzen

              c. Balladen und Romanzen des Göttinger Hainbundes

Zweites Kapitel. G. A. Bürger´s Romanzen und Balladen unter dem Gesichtspunkt ihrer                                 kompositorischen Eignung

              a. Romanzen und kleine Balladen

              b. Grosse Balladen

Drittes Kapitel. Die Kompositionen der Bürger´schen Romanzen und Balladen

              a. Strophische und ihnen nahestehende Kompositionen

              b. Durchlaufende Kompositionen

                1) der Romanzen und kleinen Balladen

                2) der grossen Balladen

Aus dem Vorwort:

“Die Dichtung bildet den Ausgangspunkt für die gesamte Untersuchung. Aus der Entwicklung der literarischen Gattung heraus soll die Richtung gezeigt werden, in der die muisikalische Behandlung sich entwickeln konnte und musste. Dass dieser Weg der geeignetste war, wird sich hoffentlich aus der Arbeit selbst ergeben. Dass aber auch - soweit Literarisches in Betracht kommt - hier das Schwergewicht auf den Blickpunkt kompositorischer Eignung gelegt werden musste, bedarf wohl keiner näheren Begründung.

Bürger´s Balladen sind für die Untersuchung herangezogen worden, und zwar deshalb, weil sie die ersten Vertreter der neuen Gattung darstellen, und in einer Gestalt und Fassung, an der im Prinzip nichts mehr geändert wurde (Hervorhebung hinzugefügt). Um ein möglichst abgerundetes Bild über die Anfänge der modernen musikalischen Ballade bieten und das Charakteristische und Entscheidende herausstellen zu können, erschien eine ausschließliche Beschränkung auf Bürger´sche Balladen nicht geboten, vielmehr wurden auch andere frühe Balladen in den Kreis der Betrachtung gezogen.”

Aus “ Ironische Romanzen

“Der Name “Romanze” findet sich in der Deutschen Literaturgeschichte zuerst im 18. Jahrhundert bei Versuchen, die Gleim in der Gattung des erzählenden Gedichts unternahm....

Aus all dem geht hervor, dass Gleim erwartete und wünschte, dass seine Romanzen gesungen würden. Öfter wird in zeitgenössischen Berichten diese Dichtungsgattung als Lied bezeichnet, und es ist nicht zu leugnen, dass die meisten dieser Romanzen sich im Versmass und Strophenbau zum Gesang wohl schicken, sogar der volktümliche Refrain fehlt nicht....

In anderer Hinsicht wären diese ironischen Romanzen aber zur Komposition gar nicht geeignet. Ihr Inhalt und ihre Sprachbehandlung taugten zur musikalischen Einkleidung nicht....

Sehr treffend charakterisiert Schiebeler die Romanze in einer Romanze selbst, in der “Reise nach dem Parnassus”:

    “Da nahte die Romanze,
     Halb schleichend, halb im Tanze;
    Ihr Auge tat Betrübnis kund,
    Doch schalkhaft lacht ihr Rosenmund.”...

    “Wir singen, spielen, lachen,
    Die Toren klug zu machen,
    Verbessern den Ovidius,
    Der es geduldig leiden muss.”

Damit ist das Wesen der Romanze genügend charakterisiert, es läuft auf Burleske, Paradie und Ironie hinaus.

Aus “Singspielromanzen

“Die ironische Romanzendichtung blühte weiter bis in Bürger´s Zeit. Er selbst hat noch eine Anzahl Dichtungen dieser Art geschrieben.

Bald aber erscheint die Romanze in einer Verwendung, die ihr ein ganz anderes Gepräge gibt: sie wird in das neuerstandene deutsche Singspiel eingeschlossen. Chr. Fel. Weisse ist der erste, der die Romanze in dieser Art verwendet.

Zunächst war die Romanze in einem Singspieltext gestellt und konnte - wenn das auch nicht immer notwendig war - für den Fortgang und das Verständnis der Handlung nicht geringe Bedeutung haben. Damit musste natürlich der ironische, parodistische Charakter fallen. Dann war es klar, dass die Strophenzahl beschränkt sein musste, besonders dann, wenn mehrere Romanzen in einem Singspiel vorkamen, sodass die Gefahr einer Monotonie, wie sie sich beim Absingen vieler Strophen nach einer Melodie naturgemäss einstellen muss, stark herabgemindert wurde.”

Eine bedeutende Rolle bei den deutschen Singspielromanzen spielte Joh. A. Hiller.

“So sehen wir, dass Hiller in seinen Singspielromanzen schon etwas über die Berliner hinausdrängt in dem Bestreben, die Stimmung des Gedichtes möglichst auszuschöpfen. Aber sangbar und leicht sangbar blieb er trotzdem, und wie verbreitet die Hiller´schen Lieder waren, ist sattsam bekannt. Zu wirklichen Volksliedern sind sie sogar eine Zeit lang geworden. Das bezeugt Joh. Fr. Reichardt in einer Aufforderung “An junge Künstler” “Dass aber auch in unserm gemeinsten Volke für wahren einklängigen Volksgesang Sinn und Trieb liegt, kann jeder bemerken, der drauf Acht haben will, wie es sich die Hillerischen Liedermelodien - die mit Standfuss seinen unter all unsern Melodien, dem wahren Volksgesang am nächsten kommen - wie es sich die oft abändert und immer wieder simplifiziert, dass sie zuletzt fast Volkslieder werden.”

“Zusammenfassend muss aber festgehalten werden, dass dem deutschen Volke in den Singspielliedern das gegeben wurde, was es singen konnte und singen mochte. Minor geht sogar so weit zu behaupten, dass diese Singspiellieder eine nationale Errungenschaft waren, und es ist sehr die Frage, ob die Idee des Volksliedes als Herder sie wieder auf Tapet brachte, unter den gebildeten Klassen soviele Anhänger gefunden hätte, wenn man nicht auf den Gassen etwas Aehnliches hätte hören können. Bei Erscheinen der Schulzischen Lieder sagte daher Hiller: “Jetzt werden Volkslieder herausgegeben, welche das Volk nicht kennen lernt, nicht singt, nicht singen kann. Weisse und ich haben  nicht mit diesem Titel geprahlt, aber unsere Lieder sind wirklich von der Nation, dem Volke der Deutschen gesungen worde.””

Aus “Balladen und Romanzen des Göttinger Hainbundes

“Die Singspielromanzen hatten so stark gewirkt, dass liedartige erzählende Gedichte auch ausserhalb des Singspiels, für sich alleinstehend, gedichtet wurden. Daneben wirkte auch die ironische Romanze noch, und die Dichter konnten sich zunächst nicht grundsätzlich von ihr trennen. Selbst eine so feine Natur wie Hölty kommt in Ballade und Romanze über eine Mischung dieses ironisierenden Typus mit der neuen Richtung kaum hinaus. Beyer hat überzeugend nachgewiesen, dass Bürger in seiner Balladendichtung direkt von der ironischen Romanze ausging. Wie stark ihr Einfluss auf ihn sein mussste, erhellt daraus, dass er selbst nach der “Lenore” noch verschiedentlich in diesen Typus zurückgefallen ist. Was aber die Dichtungen der Göttinger als hervorstehendstes Merkmal eigen ist, und ihnen einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte sichert, ist das Zurückgreifen auf das echte alte Volkslied. (Hervorhebung hinzugefügt) Herder, und ihm folgend Bürger und der Hainbund hatten es als Lehrmeister aller Poesie hingestellt.”

“Anders wiederum geben sich die erzählenden Gedichte, die auf die alte Volksballade zurückgreifen. Als eine der ersten dieser Art dürfte eine Übersetzung J. J. Eschenburgs aus den “Reliques” gelten: “Lykas und Myrtha.” Sie erschien im Göttinger Musen-Almanach auf das Jahr 1772. Im Inhaltsverzeicnis wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie “nach Mallet´s vertrefflicher Romanze Margarete ghost” gedichtet ist. Die einheitrliche, düstere Grundstimmung, besonders das Helldunkle, das Dämmerhafte in Eschenburgs Gedicht sind es, die auch der Übersetzung etwas vom Geist der Volksballade einhauchen.

Die Wirkung, die eine solche Dichtung auf die musikalische Gestaltung der Ballade ausüben musste, blieb auch hier nicht aus. 1776 erschien sie mit der Komposition des Dr. Fr. W. Weis in dessen zweiter Liedersammlung. Wahrscheinlich ist die Komposition - die Vorrede lässt darauf schliessen - schon früher entstanden. Mit einem Schlage ist hier das Charakteristischje der neuen musikalischen Ballade - soweit es sich um strophische Komposition handelt - getroffen. Das Prinzip der modernen, kleinen strophischen Ballade ist hier vollwertig aufgestellt. (Hervorhebung hinzugefügt)

Der Charakter des sangbaren Liedes wird auch hier festgehalten, und doch wird eine Wirkung erzielt, mit der in den bisherigen Romanzen nichts zu vergleichen war. Die für dieses Gedicht bezeichnende Wirkung, die düstere, schaurige Grundstimmung, wird musikalisch durch die Unisonogänge in Singstimme und Begleitung scharf herausgearbeitet, und gerade diese Unisonogänge sind es, die in der Folge einen charakteristischen Bestandteil sowohl der strophischen als auch der durchkomponierten Ballade bilden; man vergleiche den Eingang von Zumsteeg´s “Des Pfarrers Tochter von Taubenhain”, auf den die Unisonogänge der Weise´schen Komposition vorausdeuten. Es ist auch sicher mehr als Zufall, dass Weis die Tonart f-moll wählte.

Noch etwas Anderes kam hinzu, was - vor allem für die Komponisten des 18. Jahrhunderts - die Dichtungen der Göttinger als willkommene Textunterlagen erscheinen lassen musste: das ungemein Sangbare, das ihrer Sprache an sich anhaftet. Alles ist Wohllaut und Klang;

nicht selten bringen sie es zum musikalisch tönenden Vers. Für die Erfindung einer Melodie ist dieses Moment nicht zu unterschätzen. Die Grenzen, die allerdings auch hier gezogen sind, werden bei der Besprechung der Bürger´schen Dichtungen deutlich werden.”

 

Aus “Romanzen und kleine Balladen

Bürgers ironische Romanzen : “Der Raubgraf”, “Die Weiber von Weinsberg”

“Vor allem zeigt die letzte Dichtung, “die sich durch Einheit und Einstimmigkeit über den Raubgrafen unendlich erhebt, wie man auch das Bänkelsängerlied durch Humor und geistvolle Behandlung, wobei einige Derbheit immerhin nicht ausgeschlossen ist, zu einer ästhetisch nicht übel wirkenden Dichtung verarbeiten könne.” (Holzhausen)......Übrigens hat Bürger auch ironische Romanzen gedichtet, die sich in nichts über ihre Vorläufer erheben, z.B. “Europa” und “Frau Schnips”. Bezeichnend ist, dass keine von diesen komponiert worden zu sein scheint.”

“In einer zweiten Gruppe könnte man die Romanzen zusammenfassen, die in leichtem Ton eine anmutige Erzählung geben, die sich zwar über ähnliche Gebilde in den Singspielen erheben, aber an ein so feines Stimmungsbildchen wie die vorhin erwähnte “Ballade” von Hölty nicht heranreichen:

“Spinnerlied”, ” Robert”, ” Der Ritter und sein Liebchen”, “Der wohlgesinnte Liebhaber”

Eine Sonderstellung nimmt die “Ballade” ein. Ihre Herkunft vom Volksliede ist unverkennbar. Motive und die Art der Behandlung weisen deutlich auf die alte Volksballade, ja Bürger hat hier selbst eine solche geschaffen mit ihren charakteristischen Merkmalen: der tragischen Grundstimmung, die dem Ganzen ein geschlossenes Gepräge gibt, der zauberhaften Dämmerung, die alles umhüllt, und dem Abgerissenen, Andeutenden des echten Volksliedes..”

“Wenn die Musiker des 19. und 20. Jahrhunderts auch im allgemeinen ohne Rücksicht auf äussere Gestalt und Versmass einer Dichtung komponieren, so war das im 18. Jahrhundet ganz anders. Der Rationalismus dieser Zeit erwies sich auch hier wirksam und mass Strophenform und Versmass eines Gedichtes für dessen kompositorische Eignung ausschlaggebende Bedeutung bei.......

    Alle vierzeiligen Romanzen, die komponiert wurden, haben folgendes Versmass:
    v - v - v - v -
    v - v - v - v
    v - v - v - v -
    v - v - v - v                                                                                       Wechsel von drei- und vierhebigen Versen.........    

    “Der Bruder Graurock und die Pilgerin” weist folgende Strophenform auf:                                 v - v - v - v -
    v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v - v -
    Im Interesse eins symmetrisch-periodischen Aufbaues wird der letzte Vers zweimal gesungen, so dass wir im Grunde genommen in jeder Strophe 3 dreihebige katalektische Verse erhalten.

    Im “Ritter und sein Liebchen” ist foilgendes Versmass verwertet:                                        v - v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v - v - v
    v - v - v - v’
    v - v - v -
    Da auch hier beim musikalischen Vortrag die letzte Zeile voraussichtlich wiederholt wird, bleiben in jeder Strophe noch zwei dreihebige katalektische Zeilen.        

Die Tatsache nun, dass bei Bürger beide Fälle nicht willkürlich gemischt vorkommen, sondern dass schon im Strophenbau auf musikalische Forderungen - man kann wohl sagen - instinktiv Rücksicht genommen wird, ist ein untrügliches Zeichen für das sichere musikalische Gefühl Bürger´s. (Hervorhebung hinzugefügt).....

    Diese Ergebnisse sind nicht etwa künstlich konstruiert. Das zeigt sich am “Lied vom braven Mann”. Bürger hatte es seinem Arzt und Freunde Fr. W. Weis zur Komposition gegeben.. Der gab es mit dem Bescheid zurück, er könne keine Melodie zu diesem Gedicht finden. Bürger schrieb an Goecking im August 1777: “Zum Liede vom braven Mann kann Dr. Weis keine Komposition zu Stande bringen. Er rechnet mir des Henkers Schwierigkeiten vor. Ich verstehe mich nun zwar nicht darauf, indessen däuchte mir, ich wollte sogar eine Melodie darauf machen können.” Aber er konnte es eben nicht. Bei diesem Gedichte ging es auch nicht leicht. Da haben wir keine lyrische, sangbare Romanze oder Ballade. Als solche war sie auch nicht gedacht. Schon Strophen- und Versbau zeigen das:
    v - v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v - v - v -
    v - v v - v v - v -
    v - v v - v v - v -
    Die für das einfache Lied so günstige äussere Form, wie wir sie bisher fanden, ist aufgegeben. An ihre Stelle ist die grosse “architektonisch gegliederte” Strophe getreten.”

Aus “Grosse Balladen

“Hier fällt für die musikalische Gestaltung die äussere Form nicht so sehr ins Gewicht, weil - wenigstens von unserem Standpunkt aus - mit strophischer Komposition nicht gerechnet werden konnte. Und doch müssen Ver- und Strophenbau der grossen Ballade auf ihre Verwendbarkeit zu strophischer Komposition angesehen werden, weil Bürger mit strophischem Vortrag seiner Balladen rechnete. Ernstlich kann aber von einer solchen nicht die Rede sein. Schon mit der Länge wae im Grunde genommen das spezifisch Gangbare der Volksballade aufgegeben. Aber auch im Aufbau der einzelnen Strophen ging dieses Moment ziemlich verloren. Bürger hat sicher gefühlt, dass die Versmasse, die er in den Romanzen und kleinen Balladen verwendet hatte, zu lyrisch waren für die grossen erzählenden Dichtungen, Zwar berechnete Bürger seine Balladen bewusst auf strophische Komposition, und die Versmasse sind auch so sangbar gehalten, als es sich mit dem Charakter von Dichtungen, wie Bürger sie vorlegte, vortrug. Aber doch verwendet er hier grössere, architektonisch gegliederte Strophen......

Denkt man sich aber eine grosse Bürger´sche Ballade in strophischer Komposition, so braucht nicht näher dargelegt zu werden, dass der Vortrag unbedingt eintönig werden musste, zumal nur eine Melodie geschaffen werden konnte, die kaum bis zu dem festen Kern der Dichtung vordringen, wenigstens ihn nicht klar herausarbeiten konnte, weil Strophen von ganz verschiedenem Gepräge auch dieser einen Melodie vorgetragen werden mussten und deshalb eine musikalische Charakteristik nur an der Oberfläche haften konnte. Wenn man sich aber auf den Standpunkt stellt, der für viele Musiker der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Grundlage für ihr Liederschaffen bildete und den J. A. P. Schulz in dere Vorrede zur 2. Auflage seiner “Lieder im Volkston” v. 1785 etwa so formulierte: es sei die Aufgabe der Musik, gute Liedertexte bekannt zu machen, so ist gegen eine solche musikalische Fassung einer grossen Ballade nichts einzuwenden. Bezeichnend bleibt immerhin, dass Schulz selbst keine von Bürger´s grossen Balladen komponiert hat.Gerade an diesen Dichtungen erwies sich schon bald nach ihrem Erscheinen die Notwendigkeit, auf das Prinzip der strophischen Komposition zu verzichten, über dieses hinauszugehen und eine Form zu schaffen, die eine der Richtung gerechtwerdende musikalische Interpretation ermöglichte, wobei immer noch Gelegenheit genommen werden konnte, durch leitmotivische Verwendung scharfgemeiselter Themen zu dem Kern der Dichtung vorzudringen und ihn musikalisch noch schärfer und eindeutiger als Grundlage herauszustellen,....

Für den Literaturhistoriker mag “Der wilde Jäger” die Ballade sein, in der Bürger dem genialen Wurf der “Lenore” am nächsten kommt; dem Musiker des 18. Jahrhunderts bot sie sehr wenig Einladendes. Die Erzählung rast zu schnell weiter, als dass die Komposition, ohne gänzlich physiognomielos zu werden,ebensoschnell mitkönnte; denn wollte ein Musiker sich bei detaillierter Ausmahlung aufhalten, dann würde er einen Wesenszug der Dichtung zerstören. Dieser Wesenszug des “Wilden Jägers” hängt eng zusammen mit der Sprachbehandlung Bürger´s, die vom musikalischen Gesichtspunkt aus nicht unberücksichtigt bleiben darf. Auch sie zeigt, wie weit sich Bürger in seinen grossen Schöpfungen von den kleinen lyrischen Gebilden entfernt. Hier ist wenig zu merken von der einfachen, schlichten und doch so klangvollen Sprache, die die kleinen Erzählungen so sangbar machen. Vielmehr verleitet die ganze Art der Behandlung von Balladen grossen Stils den Dichter nicht selten zu einem deklamatorisch - rethorischen Ton, der einer musikalischen Behandlung widerstrebt. Auch hier ist es wieder - abgesehen vom “Lied vom braven Mann”, über das noch ein besonderes Wotz zu sagen sein wird - der “Wilde Jäger”, der am ungünstigsten hervorsticht.......

War es schon für strophische Komposition nicht gleichgültig, ob das Gedicht ganz oder grösstenteils aus Erzählung besteht, oder ob Monolog und Dialog auch für strophische Komposition nicht gleichgültig, ob das Gedicht ganz oder größtenteils aus Erzählung besteht, oder ob Monolog und Dialogauch für strophische Komposition eine schärfere musikalische Charakteristik ermöglichten, so spielt dieser Sachverhalt bei der durchlaufenden Komposition eine viel bedeutendere Rolle. Die grossen Balladen stellten den Musiker vor eine ganz neue Aufgabe, gerade, soweit es auf die erzählenden Partien ankommt, und es wird sich zeigen, dass sich gerade an diesem Punkte die Komponisten zunächst am schlechtesten zu helfen wussten. Sicherlich war die musikalische Fassung von Erzählungen den Komponisten des 18. Jahrhunderts nicht fremd, in Oper und Kantate fanden sie sich vor; aber hier war von vornherein auf die Komposition Rücksicht genommen. Die Opern- und Kantatentexte wollten nicht selbständig wirken, sondern nur in Verbindung mit der Musik und nahmen darauf in ihrem Aufbau von vornherein Rücksicht. In der Ballade waren nicht mehr Episches und Lyrisch-Dramatisches mehr oder weniger scharf auseinandergehalten; hier lag eine Dichtungsgattung grösseren Stiles vor, die ihren Aufbau nicht mehr nach musikalisvchen Gesichtspunkten regelte, weil sie - wenn eine musikalische Einkleidung auch erwünscht war - doch auch durch sich selbst wirken wollte und literarischen Eigenwert beanspruchte. Episches, Lyrisches und Dramatisches waren ineinander verwoben und zu einem geschlossenen Ganzen verarbeitet. Für diese Art der Verwendung erzählender Partien in einer Dichtung, die immer noch mit Komposition rechnete, lagen keine Vorbilder vor. Vor allem kam es für den Musiker darauf an, das einheitliche Gepräge der Dichtung zu erhalten, und die Lösungen, die die Komponisten für diese Aufgabe fanden, sind verschiedener Art.......

Zusammenfassend lässt sich in Bürgers Balladen das Prinzip beobachten, dass in der Erzählung eine Spannung gebracht wird, die allmählich so stark wird, dass sie in Reden der beteiligten Personen ihre letzte Steigerung findet. Dann folgt ein Zurücksinken in der Erzählung und eine Steigerung zu neuem Höhepunkt. Auf diese Weise werden alle entscheidenden Momente ibn den Balladen im Dialog gebracht, wo diese Technik sich eben anwenden lässt. Wo es aber nicht durchzuführen war, z.B. bei Ritt, Entführung, Mord, wird die Erzählung mit Monolog oder Dialog durchsetzt. Darin zeigt sich deutlich das Bestreben, die Erzählung über die Funktion bedeutungsloser Verbindungsglieder zwischen den einzelnen Höhepunkten hinauszuheben, sie teilnehmen zu lassen an der Bewegtheit der geschlossenen Dichtung. Im Interesse eines einheitlichenmusikalischen Ganzen muss dieses Moment hoch eingeschätzt werden; denn dadurch, dass in der Dichtung die einzelnen Balladenelemente verschmolzen, aufeinander abgeglichen waren, sich durchdrangen und nicht gesondert nebeneinanderstanden, war in bester Weise vorgearbeitet, auch musikalisch etwas Organisches zu schaffen......

Von besonderer Wichtigkeit ist noch ein Zug, der sich in allen grossen Balladen wiederholt, nämlich die Meisterschaft, mit der Bürger die Eingänge gestaltet, gerade in musikalischer Hinsicht. Aus der ersten Strophe lässt sich der Grundton des Ganzen erfühlen, wenigstens ist es so in “Lenore”, der “Pfarrerstochter” und der “Entführung”. In den ersten Zeilen wird die Grundstimmung der ganzen Dichtung eindeutig festgelegt, Hält man die ersten Strophe jeder dieser drei Balladen nebeneinander, so erhellt sofort, wie ungemein scharf und fein differenziert der Grundton jeder der Dichtungen in den ersten Zeilen getroffen ist. Hier konnte der Komponist gar nicht anders, er konnte nicht verfehlen, auch musikalisch die Grundstimmung in die ersten Takte hinein zu konzentrieren. Wie bewusst Bürger hier arbeitete, zeigt die “Lenore” ausserordentlich deutlich. Man vergleiche den jetzigen Eingang mit dem der ersten Fassung:

    “Lenore weinte bitterlich,
     Ihr Leid war unermesslich;
    Denn Wilhelms Bildnis prägte sich
    Ins Herz ihr unvergesslich.”

    Um wieviel musikalisch günstiger ist der jetzige Eingang:

    “Lenore fuhr ums Morgenrot
    Empor aus schweren Träumen:
    “Bist untreu Wilhelm oder tot?
    Wie lange willst du säumen?”

Abgesehen von seiner ungleich grösseren dramatischen Schlagkraft versetzt er vor allem durch das Heranziehen der Traumwelt in die gespensterhafte Geisterstimmung, die den Untergrund für alles Folgende bilden soll und die sich musikalisch so wohl fassen lässt.....”

 Aus “Strophische und ihnen nahestehende Romanzen und Balladen”

In diesem Kapitel werden folgende Vertonungen durch entsprechende Komponisten behandelt:

- “Der Raubgraf” durch G.W. Gruber

- “Die Weiber von Weinsberg” durch Gruber, Fr.W. Weis, Joh. André

- “Robert” durch Gruber, Weis, J.A.P. Schulz

- “Das harte Mädchen” durch Gruber, Schulz, Georg Benda

- “Schön Suschen” durch Gruber, Weis, Schulz, Ernst J.B. Lang, Ch.G. Neefe

- “Ballade” durch Gruber, Weis, Schulz, Caroline Wolf

- “Bruder Graurock” durch André, Schubart, Gruber, G.Fr. Wolf

- “Der Ritter und sein Liebchen” durch Gruber, Schubart, Lang, Weis, Reichardt, Schulz, Franz Anton Maurer

- “Untreue über Alles” durch Gruber

- “Lenore” durch Kirnberger, Gruber, Weis, G.Fr. Wolf, Reichardt

Da die Werkanalysen von beträchtlichem Umfang sind, soll hier nur ein Beispiel ungekürzt angegeben werden. Es handelt sich um “Der Ritter und sein Liebchen”, ein Werk, das u.a. auch von Weis, Reichardt und Schulz vertont wurde. Hier die diesbezüglichen Ausführungen in der Dissertation (S. 86 - 88):

Zum Schluss dieses Kapitels folgen noch einige Bemerkungen zu Gruber, der auch “Die Entführung”, “Das Lied vom braven Mann” und “Sankt Stephan” strophisch komponiert hat: “Eine nähere Einzelbesprechung jeder dieser Kompositionen würde sich nicht lohnen. Wesentlich Neues für Grubers Liederschaffen weisen sie nicht auf.”

Aus “Durchlaufende Kompositionen der Romanzen und kleinen Balladen”

”Der Bruder Graurock und die Pilgerin”

“So gehen C.W. Glösch und C.G. Werner, die die Erzählung durchkomponieren, über die Dichtung hinaus und heben sie in eine Sphäre, der sie im Grunde nicht angehört.” Nach mehr als zehnseitiger Analyse: “Zusammenfassend kann über die beiden Kompositionen gesagt werden, dass die Werners vor allem bedeutsam ist durch die Art des Aufbaus, während Glösch hauptsächlich in einzelnen kleinen Zügen interessiert.”

“Robert”

G.Fr. Brede lieferte dazu eine durchlaufende Komposition. “Ihm kam es darauf an, den Text aufs genaueste zu interpretieren, alle Schattierungen musikalisch zu fassen. Auchfür ihn ergab sich also der musikalische Aufbau aus engstem Anschluss an den Text. Brede war aber Musiker genug, der damit verbundenen Gefahr einer Zerstückelung des musikalischen Kunstwerkes zu entgehen und ein zu starkes Auseinanderfallen seiner Komposition zu verhindern. Was Brede erreichen will - genaue musikalische Interpretation des Textes - gelingt ihm mit ganz einfachen Mitteln, die über die der Berliner nicht wesentlich hinausgehen. Dabei wirkt seine “volkstümliche” Art ganz sympathisch. Der Einfluss von Schulz Liedern im Volkston ist bei ihm deutlich fühlbar.”

“Die Weiber von Weinsberg”

“Joh. Andre lehnt sich im Aufbau seiner Komposition an den Sinn des Textes an, auch insoweit wirkt die Kantate, als verschiedentlich rezitative Phrasen untermischt sind. Bezeichnend ist aber, dass die Strophenschlüsse fast ausnahmslos musikalisch als solche hervorgehoben sind. ... Das Verfolgen der Einzelheiten des Textes lies es aber zu wirklicher Geschlossenheit nicht kommen, ebenso nicht oft zu Gebilden, die als liedartig bezeichnet werden können.”

Aus “Durchlaufende Kompositionen der grossen Balladen”

“Lenore”

Joh. André war der Musiker, der als erster versuchte, eine der Dichtung ebenbürtige musikalische Einkleidung der “Lenore” zu schaffen.” Auf 25 Seiten wird dieser Versuch analysiert. 
Die erste Lenore-Ausgabe Andrés erschien 1775, die letzte 1808. Einige Kernsätze der Analyse:

“Wir sehen also, dass André sich an den strophischen Aufbau des Gedichtes hält, die Strophen aber nicht einfach nebeneinanderstellt, wo der Inhalt es erfordert, in einer Strophe abbricht und neu ansetzt, andererseits eine Reihe von Strophen unter weiteren Gesichtspunkten zusammenfasst.....Auf diese Weise gelingt es dem Komponisten, ein Werk vor uns hinzustellen, das in seiner Geschlossenheit über Zumsteeg hinausweist auf Schubert und Löwe. Der Aufbau der Andréschen Komposition ist der Bürgerschen Dichtung ebenbürtig. Schubart in der “Deutschen Chronik auf das Jahr 1775” schreibt u.a.: “Wer ein gutes Fortepiano hat, stark und mit Empfindung spielen kann, und entweder selbst singt, oder einen guten Sänger zur Seite hat, der wird mit diesem Stücke grosse aufschaurende Wirkungen hervorbringen.”.... Biester, ein Freund Bürgers, schrieb an diesen 1776 u.a.:...O Bürger! Bürger! wärst Du doch da gewesen! Solche Herrlichkeit der Musik, solche Kraft des Gesanges! Wie jeder Gedanke ganz ergriffen ist, und ganz ausgedrückt! Voll Wahrheit! Voll Natur! Einige Stellen sind über allen Ausdruck vortrefflich. Wie hats mein Herz gelabt! Und wie entzückte michs, dabey an Dich zu denken.”.....Die Bühnenwirkung, der die Bürgersche “Lenore” bei geeigneter Bearbeitung fähig sein musste, wurde bald erkannt und ausgenutzt. In der “Literatur- und Theaterzeitung” vom 15. September 1781 (Berlin) findet sich ein Bericht über “Bürgers Lenore von André in Musik gesetzt und im Chinesischen Schattenspiel aufgeführt von der Fräulein von Bxxx zu Regensburg 1781”

Javureks Vertonung von 1797 der Lenore analysiert Graf auf 15 Seiten. Ein wichtiger Aspekt:
“An Deutlichkeit der Charakteristik steht er André auch an andern Stellen der Komposition nach. Der Grund war wohl überall der gleiche: Javurek wollte jede Textstrophe musikalisch möglichst einheitlich und geschlossen gestalten. Vor allem fällt auf, dass er die Steigerungen, die der Text bringt, lange nicht in dem Masse herauszuarbeiten bestrebt ist wie André. Andererseits überbietet Javurek ihn in Einzelzügen bei weitem. Es sind die Stellen, die Möglichkeit zu musikalischer Tonmalerei boten, und zwar ist es die Begleitung, die in ausgiebigem Masse für solche Wirkungen herangezogen wird.”

Tomascheks Vertonung der Lenore entstand um 1799. Graf widmet der Analyse 9 Seiten. Zwei Aspekte:
“Er lehnt sich nicht grundsätzlich an die Strophenform der Dichtung an, sondern lässt den Sinn entscheiden, wo musikalische Einschnitte geboten sind......Wie nie bisher finden wir in dieser Komposition einen der Dichtung ebenbürtigen grossen, schwungvollen Zug, der vor allem dadurch erreicht wird, dass der Komponist ganz eindeutig das dramatische Element herausstellt. Alles ist auf dramatische Wirkung angelegt in Singstimme und Begleitung......War es also vor allem die Oper, die Tomaschek als Komponisten der Lenore beeinflusste, so scheinen häufig untermischte Rezitative und rezitatorische Bildungen auf Beziehungen zur weltlichen Solokantate zu weisen.”

Kunzens Vertonung der Lenore entstand um 1788 und trägt die Überschrift: “Lenore, ein musikalisches Gemälde von Friedrich Ludwig Aemilius Kunzen”. Graf u.a.: “Es ist ein ganz eigenartiges Werk. Die Ueberschrift ist schon bezeichnend. Wir haben keine eigentliche Ballade vor uns; komponiert sind nur die Partien, in denen Personen redend eingeführt werden. Alles Erzählende ist in Art eines “musikalischen Gemäldes” gehalten......Ein kurzer Bericht im “Musikalischen Wochenblatt” vom Jahre 1791 lautet:
“Die Idee, nach der Herr Kunzen die Lenore bearbeitet hat, ist genialisch. Es wird nur das gesungen, was Bürger den handelnden Personen wirklich als Rede in den Mund legt, das übrige wird von Instrumentalmusik ausgedrückt, und kann dabei still oder lauf gelesen werden. Im Gesange und ib der Instrumentalmusik ist viel wahrer Ausdruck und Reichthum.””

Gottl. Bachmanns Lenore, er ist in seinem Schaffen zeitweilig von Haydn und Mozart stark beeinflusst - “hat mit den bisher besprochenen im Aufbau nichts gemein. Alles rein Erzählende ist rezitativisch gesetzt: also auch Bachmann lässt diesen Partien musikalisch eine ganz besondere Behandlung zuteil werden. Die notwendige Folge ist eine starke Zersplitterung.”

“Lenardo und Blandine”

Nicht gut aufgenommen von der Kritik wurde diese Vertonung von Bachmann. Zitat von 1812/14: “Rezensent hält sich verbunden, Herrn Bachmann, der sonst Anlage zeigt, statt aller weiteren Beurteilung dieser Kleinigkeit, die doch nur auf das Nehmliche hinauslaufen und das letzte bestätigen würde, diese Anmerkung zu weiterem Ueberdenken und fernerer Anwendung, wofern er Selbsterkenntnis genug hat, für ähnliche Fälle anzuempfehlen.”

Die Vertonung von C. Belling besteht in einer Aneinanderreihung von Liedern. “Die Kritik hielt sie aber des Drucks nicht werth.”

“Lied vom braven Mann”

                               (noch in Arbeit)

 

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