06 Februar, 2017 Bürger in der Musik

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Wir sind hier: Musikalisches

Bürger und die Musik - für Viele ist Bürger, wenn überhaupt, nur durch den Welterfolg Münchhausen bekannt. Welche Rolle spielt er für die Musik? Es ist eine überraschend wichtige Rolle.
   Wohl jedermann kennt die Melodie aus dem letzten Satz von Beethovens 9. Sinfonie, der Ode an die Freude. Mancher wird auch wissen, dass diese Melodie schon in der Chorphantasie op. 80 auftaucht. Ihren Ursprung hat sie jedoch in der Vertonung eines Bürgerschen Gedichtes durch Beethoven. Neben Mollys Abschied und Blümchen Wunderhold vertonte Beethoven auch Seufzer eines Ungeliebten und Gegenliebe - hier findet man die Quelle der berühmten Melodie. Dass der berühmte Komponist Bürgers Werk gut kannte, beweist auch ein Stammbuchblatt, das 2002 in der Berliner Staatsbibliothek aufgefunden wurde. Es ist der Jugendfreundin Johanna von Honrath gewidmet und enthält Zeilen aus Bürgers Die beiden Liebenden. Von ungleich größerer Bedeutung ist eine Entdeckung, die Arnold Schering erst 1936 gemacht hatte. Bis dahin hatte man sich gewundert, dass ausgerechnet Beethoven sich nicht mit Bürgers grösstem Erfolg, der Lenore, auseinandergesetzt hatte. Gleichzeit rätselt man, welchen Hintergrund die Klaviersonate op. 101 A-Dur haben könnte. Erst Schering gelang die Lösung dieses Rätsels: er wies die Korrespondenz dieser Werke überzeugend nach.
   Musikalisch gesehen ist das jedoch eher der Endpunkt einer Entwicklung. Dazu muss man sich in Bürgers Zeit zurückversetzen. Ohne Radio und Fernsehen, selbst Bücher waren nicht nur des Preises wegen Mangelware - es fehlte vielen Menschen einfach die ausreichende Lesefähigkeit. Trotzdem war das Leben sehr gesellig. Es wurde gesungen und man lauschte dem Vortrag Lesekundiger. Das passierte am Brunnen, auf der Bleiche, in der Spinnstube, in der Kneipe oder auf dem Jahrmarkt. Bürger selbst hat den Wunsch geäussert, dass seine Lenore in den Spinnstuben gesungen werden sollte. Doch welche Charakter hatten diese Lieder? Es waren einfache Lieder mit mehreren Strophen, die aber alle nach einer Melodie gesungen wurden, als Beispiel sei Der Ritter und sein Liebchen genannt. Überraschenderweise löste ausgerechnet der Göttinger Hain, und hier vorrangig Gottfried August Bürger, eine kleine Revolution aus, wie der Musikwissenschaftler Karl Ernst Schneider 1865 bemerkt: “„Am Glücklichsten aber und besonders am Volksthümlichsten sproßte das eigentliche Lied im Kreise des Göttinger ´Hainbundes´, wo Hölty den schwermüthigen, Claudius den kindlichen und humoristischen Ton anschlug, während in des frühern und einer andern Landschaft angehörenden Lavater's Schweizerliedern schon der echte Naturton stellenweise auf das Täuschendste erklungen war. Der geniale Bürger aber, alle diese Seiten in sich vereinigend und nicht minder glücklich im gefühlvollen und anmuthigen Liede, wie vornehmlich in der dramatisch schwungvollen ´Ballade´ brachte diese ganze Produktion erst zu voller Blüthe. Streift er gleich mitunter in Stoffen und Ton an's Gemeine, so wiegt doch der echt volksmäßige, anschaulich drastische Charakter seiner Gedichte diesen Mangel hinlänglich auf. Keiner der damaligen Poeten ist so wahrhaft poetisch, keiner musikalisch so brauchbar und daher auch in den Liederwerken jener Zeit so stark vertreten, als er; die volksthümlichsten Lieder jener Tage, die noch jetzt beim Volke und bei der Jugend theilweise in Ehren stehen, wie ganz besonders die sagenhafte oder aus dem wirklichen Leben gegriffene Ballade, die, wie wir später sehen werden, auch in der Entwickelung des musikalischen Liedes eine besondere Stufe repräsentirt - sind regelmäßig von Bürger. Und dabei ist diese ganze Dichtung rein deutsch, rein menschlich und populär, ohne Bezugnahme auf das Alterthum, ohne mythologische Anspielungen, ohne gelehrten Apparat. Fast die ganze Göttinger Schule behandelte ausschließlich volksthümliche Stoffe in fließenden Versen, deren stillschweigendes Vorbild das Volkslied war. In dieser Poesie ist nichts Hohes und Erhabenes, nichts symbolisch oder allegorisch Dunkles, das zum Verständniß eines Kommentars bedurft hätte: die Stoffe sind vielmehr durchweg der volksvertrauten National- und Lokalsage, den Vorkommnissen des Alltagslebens und der Volkserfahrung entnommen; Anspielungen an Fremdes und Alterthümliches fallen nur selten dazwischen. Die Sprache aber ist von einer Reinheit, von einem Fluß und Schwunge, der sich in das unverbildete Ohr des Laien unausbleiblich einschmeichelt, aber ebensosehr auch edlere Kunstansprüche befriedigt. [...] Man begreift, wie diese verjungte, rein deutsche Dichtung, besonders in den Händen der Göttinger, zünden und begeistern mußte, nachdem das Lied 200 Jahre lang entartet und dem Volke entfremdet geblieben war.“ [...] Im Ganzen jedoch steht es fest, daß unsere größten Dichter im Fache des volksthümlichen Liedes die kleinsten sind, und daß, umgekehrt, die bescheidensten Ansiedler am deutschen Parnaß zu den beliebtesten Poeten zählen, wenn sich's um das kleine, populäre Lied handelt. Bürger, Hölty, Claudius u. A. haben ungleich weniger ideale Begabung, aber unendlich mehr Naturnähe und Naturton, als Herder, Schiller oder Göthe, und haben sich daher auch musikalisch ungleich verwendbarer gezeigt, als die auf höherm Kothurn wandelnden Klassiker.“
    Einer der führenden Liedkomponisten zu Ende des 18. Jahrhunderts war der königlich dänische Kapellmeister Johann Abraham Peter Schulz, der es sich zum Ziele gesetzt hatte: „gute Liedertexte allgemein bekannt zu machen.“ Schulz vertonte in seinen drei Liedersammlungen von 1785/90 vor allem Lieder von Dichtern des Göttinger Hain, nicht weniger als 20 Titel stammen von Bürger.

 

 

 

 

 

Wie einige Äußerungen Bürgers belegen, war der Dichter sehr daran interessiert, dass seine Werke nicht nur vorgetragen, sondern möglichst gesungen wurden. Das gilt nicht nur für die “Lenore”, sondern noch viel mehr für Werke wie “Die Entführung”. Gerade bei diesem Werk wird davon ausgegangen, dass der musikalische Vortrag ein notwendiges Element des Werkes ist - die Verbindung zum “Bänkelgesang” ist hier naheliegend, siehe auch den Beitrag von W. Braungart.

Wer kennt nicht die 9. Sinfonie mit der “Ode an die Freude” aus dem Schlußsatz? Wenige wissen jedoch, dass Ludwig van Beethovens Meisterwerk auch eine direkte Verbindung zu G.A. Bürger hat. Der junge Beethoven muß Bürger sehr verehrt haben - ein in der Deutschen Staatsbibliothek erst 2002 aufgefundenes Albumblatt belegt es. Beethoven hat drei Gedichte von Bürger vertont:

Molly’s Abschied, Lied op.52 Nr.5
Das Blümchen Wunderhold, Lied op.52 Nr.8
Seufzer eines Ungeliebten und Gegenliebe, Lied WoO 118

Merkwürdigerweise hat die Gegenliebe keine Opuszahl, wurde also erst aus dem Nachlass mit Werk ohne Opuszahl als 118 gezählt. Diese Melodie erscheint jedoch Note für Note als bestimmendes Motiv in der “Fantasie c-moll für Klavier, Chor und Orchester” op. 80, der sogenannten “Chorphantasie”. Der Musikwissenschaftler Harry Goldschmidt schrieb 1970: “Doch was singen die Chöre? Niemand kann die unüberhörbare Nähe zum Freudenthema in der 15 Jahre später entstandenen neunten Sinfonie entgehen; Silbe für Silbe scheint die Liedmelodie jedem Ton wie angegossen.”

Noch eine Berümtheit soll erwähnt werden. In der Arbeit von Ebstein steht: “Aus einem Brief Zelters an Johann Wolfgang von Goethe vom 9. Oktober 1830 erfahren wir, daß Andrés Komposition der “altberühmten, unliebenswürdigen Lenore, an die Bürger so viel Fleiß gewendet hat”, und die dem Schreibenden ein Gräuel ist, “Hop hop im Galopp durch alle Straßen Berlins ritt.”” Andrés Lenore war also ein regelrechter Gassenhauer in Berlin! Der durchaus bedeutende Berliner Musiker Carl Friedrich Zelter (1758 - 1832) war Goethes Duzfreund, hat weder Mozart noch gar Beethoven verstanden - eine umstrittene Person, z.B. bezeichnete ihn H. Pfitzner als “boshafter Simpel”. Goethe jedoch war sich bewußt, wie stark namentlich seine Lied-Lyrik der Ergänzung durch die Musik bedurfte. Diesen Part sollte Zelter ausfüllen (nach MGG Bd. 14, S. 1211) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]

Eine erste Zusammenstellung der komponierten Werke Bürgers stammt von Erich Ebstein. Eine fundierte Analyse vieler Bürger-Vertonungen legte Peter Graf vor. Eine (hoffentlich unvollständige) Liste der zur Zeit im Handel erhältlichen Vertonungen ist beigefügt. Gearbeitet wird noch an der aktuellen Liste von Komponisten, die Werke von Bürger vertont haben. Das Problem besteht hier darin, dass in einigen Fällen zwar bekannt ist, dass es solche Vertonungen gibt - nicht jedoch welche. Beispiel: Salieri.