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Bürger-Rezeption
 

 Bürger-Rezeption Volltexte 1790-1799

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
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  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950

 

1790

Beneke. Einheimische Litteraturproducte [...]. In: Annalen der Braunschweig-Lüneburgischen Churlande. Vierter Jahrgang. Drittes Stück.  Digitalisiert von Google.

“[S. 574] Bey der einmal erregten Aufmerksamkeit auf die Kantische Philosophie, konnte es demungeachtet nicht fehlen, daß sie nicht bald auch hier Eroberungen gemacht hätte. Schwierigkeiten reizten nur mehr; unbefrledigtes Forschen in andern Systemen trieb nach dem Neuen. Herr Professor Bürger verließ alle seine poetischen Beschäftigungen auf eine Zeit, um sich ganz in die relativen Mysterien dieser Philosophie einweihen zu lassen, die an ihm einen warmen, beredten und scharfsinnigen Apostel fand. Sein Vorlesungen über die Hauptpunkte der Kantischen Critik im Jahre 1787 wurden von einer ausserordentlich großen Anzahl von Zuhörern, worunter selbst mehrere graduirte Personen und die königlichen Prinzenhofmeister waren, besucht. Er wendete die Grundsätze der Critik auch auf die Aesthetik an, über die er Vorlesungen hielt.”

 

1790

Schatz, Georg. Rezension Bürgers Gedichte 1789. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und neunzigsten Bandes erstes Stück. Digitalisiert von Google.

“[S. 97] Das Vergnügen, das Rec. bey der Lektüre dieser neuen verbesserten und vermehrten Auflage der vortrefflichen Bürgerischen Gedichte empfand, wurde nur durch die getäuschte Erwartung etwas vermindert, verschiedene Stücke in derselben zu finden, von deren Daseyn er aus glaubwürdigen Nachrichten überzeugt war, und die er selbst aus einigen kleinen, aber herrlichen Proben kannte.

[S. 99] Er vergleicht den Dichter mit einem Schuhmacher, der mit einer großen Anzahl zum voraus verfertigten Schuhe zu Markte zieht. Er weiß sehr wohl, daß seine Schuhe nicht auf alle Füße passen werden; deshalb aber ist doch sein allgemeiner Maasstab, wonach er sich richtet, kein Unding; und ob mir, dem gewöhnlichen Manne, gleich nicht alle seine hundert oder tausend Schuhe wie angegossen passen, so könnte ich doch wohl, wenn es darauf ankäme, in allen hundert oder tausend Paaren ganz leidlich einhergehn. Wenig Nutzen würde hingegen ihm sowohl, als dem Publikum seine Bude gewähren, wenn er nur Zwerg- oder Riesenschuhe zu Markte gebracht hätte. [...] Unter den neuen Stücken des ersten Buchs zeichnen sich unserm Gefühl nach (ohne daß wir den übrigen dadurch ihren Werth streitig zu machen gedenken) das hohe Lied von der Einzigen, das Blümchen Wunderhold, und die Sonette vorzüglich aus. Höchste Pracht des lyrischen Ausdrucks, große, kühne, neue Bilder, Sonnenflug der Phantasie, ein zauberischer Wohlklang, der sich über ein mit großer Kunst ausgerechnetes Sylbenmaß, und doch ohne den mindesten Schein von Zwang und Künsteley ergießt, machen das hohe Lied zu einem Meisterstück in seiner Art. Und was würde es dann erst seyn, wenn ihm der Dichter im gleichen Grade Empfindung, und eben so viel Wärme, als Licht, Glanz und Schimmer gegeben hätte!  

[S. 1102] Nicht so blendend durch poetische Farben, aber einschmeichelnder noch in Geist und Herz durch Wahrheit, Simplizität, triftigen Sinn, Klarheit und Anmut ist das Blümchen Wunderhold. Vielleicht findet sich in keiner Sprache ein vortrefflicheres Lob der Bescheidenheit, und eine glücklichere Empfehlung dieser Tugend, als dies meisterhafte Lied ist. Der epigrammatische Zuschnitt tut die beste Wirkung: die Erwartung wird auf das höchste gespannt, und auf das vollkommenste befriedigt. - Die Sonette unsers Dichters gehören unter die glücklichen Versuche, eine ganz aus der Mode gekommene Dichtungsart wieder in den Gang zu bringen. Man betrachtete das Sonett als eine poetische Spielerei; daß es aber mehr und Was es auch im Deutschen sein könne, hat Hr. B. in einigen trefflichen Beispielen gezeigt.

[S. 1103] Nicht genug zu rühmen ist die Sorgfalt, mit der er auch kleine grammatische Unrichtigkeiten hinweggeschafft hat. Auch die Eigenheiten in der Rechtschreibung hat er meistens aufgegeben. Eben so, sind wir überzeugt, wird in der nächsten Auflage in der Vorrede die ganze lange Tirade gegen die Nachdrucker und die Käufer von Nachdrucken wegfallen. Hrn. B. Klagen sind vollkommen gegründet; allein wie läßt sich hoffen, daß sie einige Wirkung hervorbringen werden? und dann - erregt es immer eine höchst unangenehme Empfindung, einen Dichter, den man bewundert und verehrt, für seine unschätzbaren Lieder etwas anders, als Ruhm und Achtung fodern zu hören. Nein, er wird diesen Ausbruch von Empfindlichkeit nicht auf die Nachwelt kommen lassen.”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1790

Heyne, Christian Gottlob. Rezension Akademie der schönen Redekünste. In: Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen. 156. Stück. 1790. 

“[S. 1561] Eine auch nur flüchtige Einsicht muß bald zeigen, wie sehr sich diese periodische Schrift unter andern ihren Zeitgenossen auszeichnet. Die in diesem ersten Stück enthaltenen Aufsätze sind: Gebet der Weihe, von Hrn. Prof. Bürger; kann allenfalls statt eines prologi galeati dienen; [...].”

 

1790

Eschenburg, Johann Joachim. Lyrische Gedichte - Bürger. In: Beispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften. Fünfter Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 115] Bürger.
Giebt es irgend eine Dichtart, die noch jetzt ähnliche Wirkungen auf das Gefühl und die Gesinnungen der Menschen hervorbringen kann, wie sie die ursprüngliche Poesie, als sie noch keine Schriftstellerei, sondern lauter lebendiger Vortrag war, so mächtig und sichtbar hervorbrachte; so ist es die populäre Liedergattung. Und besitzt irgend einer von unsern Dichtern das Talent, so zu wirken, in seinem ganzen Umfange, so ist es dieser. Eins seiner Meisterstücke ist folgendes Lied; und gar sehr würde es zur Verbreitung und Belebung des Pflichtgefühls beitragen, wenn dieß Mittel zu dessen Erweckung öfter und mit ähnlicher Kraft benutzt würde. [Männerkeuschheit]

[S. 200] Ohne Zweifel gebührt ihm unter allen deutschen Balladendichtern der vorzüglichste Rang; denn keiner übertrifft ihn an lebendiger Darstellungsgabe, an Wahrheit und Natur der Gemählde, an Stärke und Eindringlichkeit aller, auch noch so kleinen Züge, und an Schicklichkeit und Popularität des Vortrages. Seine Lenore ist in aller Munde und Gedächtniß; jedermann kennt und liebt seinen Raubgrafen, die Weiber von Weinsberg, Lenardo und Blandine, das Lied vom braven Manne und die Entführung, welche letztere Hr. Engel in seinen Anfangsgründen so schön und lehrreich kommentirt hat.”

 

1790

Rs. Rezension Akademie der schönen Redekünste. Ersten Bandes erstes Stück. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des sieben und neunzigsten Bandes erstes Stück. Digitalisiert von Google.

“[S. 404] Wenn ein Mann, wie Herr Bürger, Herausgeber einer Zeitschrift wird, so hat das Publikum Recht, etwas mehr, als gewöhnliches, zu erwarten. Zum wenigsten hofft es, daß es nicht ein nur zu gewöhnlicher Fall, der allgemeine Handelsplatz werden dürfe, wo Anfänger, welche noch nicht unter eigner Firma handeln können, ihre Waaren an den Mann zu bringen wissen. Da andere periodische Schriften sich gemeiniglich dadurch schaden, daß sie einen zu weitläuftigen Umkreis sich vorzeichnen; so hat der H. das Gegentheil gethan. Man muß sich dahero desto mehr auf seinen und seiner Mitarbeiter Reichthum verlassen. Den Anfang macht ein Gebet der Weihe von Burger, ein Gedicht in der Manier des Verf.

[S. 405] Wir wünschen dem Herausgeber Glück zu dem Verdienste, das lesende Publikum, in Rücksicht auf die Ideen der wahren Schönheit, immer mehr aufmerksam zu machen und aufzuklären.”

 

1790

Dm. Rezension Ueber Anweisung zur deutschen Sprache und Schreibart auf Universitäten. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des fünf und neunzigsten Bandes zweytes Stück. 1790. Digitalisiert von Google.

[S. 451] Gleich Anfangs wird in ziemlich derben Ausdrücken, die dadurch, daß sie mitten unter poetischen Bildern von der Lade des Herrn, den Cherubim, der Weihe, dem Heiligthum u. dgl. stehen, desto greller abstechen, wider die Verächter des Schönen, die Brodstudenten, den Hans Hagel des Vorhofs, die Butter- und Brodbeflissenen, u.s.f. geeifert, weil sie die Schönheit für kein so wichtiges Erforderniß ihres Studiums halten, als die Wahrheit.

[S. 452] Und so gar übertrieben ist es auch wohl nicht, wenn er S. 16 behauptet, daß mehr als Ein Dutzend hochberühmter Professoren durch ganz Germanien eben so wenig grammatisch richtig schreiben könne, als vielleicht neunzig unter hundert Studenten. Daher geht denn im Ganzen, alles seinen barbarischen Schlendrian fort! - Die Eigenheiten und das Brauchbare des Kanzleistyls in manchen Fällen verkennt der Verf. nicht; aber er eifert nur wider die Greuel des Ausdrucks, welche hier unter dem Vorwande der Unentbehrlichkeit [...]. Am Ende ergiebt sich aus allem, daß sich von Juristen und Geschäftsmännern keine Vollkommenheit in der Schreibart lernen lasse, sondern daß es hiezu eines besondern Unterrichts bedürfe. Und dieser ist nicht etwa bloß für die Schulen, sondern, in seiner ganzen Fruchtbarkeit und Zweckmäßigkeit, auch noch für Universitäten.”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1790

Anonym. Beförderungen. 1789. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des ein und neunzigsten Bandes zweites Stück 1790. Digitlisiert von Google.

“[S. 626] Der berühmte Herr Gottfried August Bürger ist zum außerordentlichen Professor der schönen Wissenschaften in Göttingen, mit einem Gehalt von 300 Thalern, ernannt worden.”

 

1790

Halem, Gerhard Anton von. Zweyter Brief, Göttingen 10.Juli [1790] in: “Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs bey einer Reise vom Jahre 1790”

“[S.10-11] Meinen Freund Bürger hab´ ich in dem ästhetischen Collegium besucht. Es freute mich, ihn unter einer ziemlichen Anzahl Zuhörer zu finden. Illusion war sein Thema und manche schöne Idee sprudelte, als zeugte sie der Augenblick, hervor. Auch declamirte er mit wahrer Empfindung und ohne Uebertreibung die schöne Stelle von Rahels Auferstehung aus dem II. Gesange des Messias und Ramlers Ino. - Volksmäßigkeit, dacht ich bey mir, wäre das Siegel der Vollkommenheit eines poetischen Werks? Das mag wahr seyn lieber Bürger! aber für Deutschland ist der Begriff noch zur Zeit schimärisch, oder der Begriff von dem was Volk ist müsste gewaltig zusammen schrumpfen.”

 

1790

Beck, Karl Theodor. Von einigen Wörtern, und wie selbe eigentlich zu verstehen. In: Cornelii a genis aridis Unterhaltungen für die empfindsame Welt. München. Digitalisiert von Google

“[S. 34] Busen - ist etwas, worüber man manchmal ganze Seiten eines empfindsamen Werkes voll schreiben, und schildern kann. Es gefällt wir daher gar nicht, daß Bürger einmal sagt:
        Inn und außen blank und rein
        Muß des Mädchens Busen seyn,
        Wohl deckt ihn der Schleyer.
´Stallknechtssitte sagt anders; unsre Stutzer sagen's mit. Den Laffen könnte man's verzeihen; aber unsern Dichtern nicht. Ist doch ein Unterschied zwischen einem Dichter und einem Stallknecht.´ Wer das unter obige Verse schreiben kann, hat kein Gefühl.”

 

1790

Anonym. Stüke allerlei Art für Kenner und Liebhaber des Klaviers und Gesanges von C. L. Beker [Rez.]. In: Musikalische Korrespondenz der teutschen Filarmonischen Gesellschaft, 14. Julius. Digitalisiert von Google

“[Sp. 9] Das erste Heft dieser vermischten Sammlung haben wir bereits Nro. 34 des vorigen Jahrgangs in unsern Rzsblättern angezeigt. Diese Fortsezung enthält ausser fünf Schlagstüken und zwo Odenkompositionen die Entführung Ritter Karls von Eichenhorst und der Fräulein Gertrude von Hochburg. Die Andreesche Komposition über Bürgers Leonore und das Glük, das sie bei dem musikalischen Publikum machte, hat hie und da ein servum imitatorum pecus veranlaßt, sich an ähnliche Versuche zu wagen, und mit Herrn Andree um den erhaltenen Ruhm zu wetteifern. Wenige aber haben es mit so gutem Erfolg gethan, als Hr. B. denn es finden sich in dieser durchaus komponirten Ballade manche recht gute Stellen, aber auch solche, die mit gewissen Ausdrüken in Andre's Lenore eine auffallende Aehnlichkeit haben, und die ohne Nachtheil des Textes auf eine andere malerische Art hätten können ausgedrukt werden. Auch mißfiel Rec. die allzu
häufige und oft unnöthige Abwechslung der Bewegung, welche die Ausführung dieses Tonstüks manchen höchst beschwerlich machen muß.”

 

1791

Stäudlin, Gotthold Friedrich. Gedichte.  Zweiter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 319] An Bürger
       bei seinem Abschied, von Stuttgart im Herbst 1790.

Schön ist die Beute, so du von hinnen nimmst,
Die Liebe vieler Edeln! und ehrenvoll
   Die Thräne, die so manchem schönen
     Herzen entschlüpfte bei deinem Scheiden !

In Weihestunden lehrte die gütige
Natur den Liedersänger das magische
   Geheimniss, Seelen zu gewinnen !
     Wie sie es lehrte die Charitinnen !

Auch dir, der Muse glüklicher Liebling, ward
Einst vollen Maasses dieses Geheimniss ! Tief
   Empfanden wir's, als dich in unsre
     Mitte die mächtige Liebe führte !

Als deines Blikes stille Begeisterung,
Der Stirne yveiser Ernst und die Grazie
   Der Lippe Adonidens Sänger
     Und den Vertrauten Homers verriethen !
 
Wie drängten da die Mädchen, die Jünglinge,
Die Männer um den Herzenerob´rer sich !
   Wie dufteten die Blumenkränze
     Lohnenden Beifalls dir rings entgegen !


Wie labten nicht die Augen der Fühlenden
Am süssen Anblik deines Verdienstes sich
   Des reiner Glanz so mild hervorbrach
     Durch der Bescheidenheit feinen Schleier; 

Der Göttin, die so reizend dein Genius
Uns malte ! O wie lehrte dein Wandel uns
   Die grosse Wahrheit: Der Natur gleich,
     Lauter und einfach sei wahre Grösse !

Wie huldigten die Herzen dir immer mehr,
AIs du die Hand der suevischen Biederkeit
   So bieder reichtest, dir entströmten
     Edle Gefühle der Dichterseele !

Als du die Kinder deiner Begeisterung
Nicht, karg, uns bargest und dich im Freundeskreis
   So herzlich an Elisens Seite
     Freutest auf Wirtembergs Traubenhügeln.

Geneuss, so rufen viele der Redlichen
Dir nach, in i h r e m Arme der Freuden nun,
   Geneuss der reinen Freuden lange,
     Einst dir geraubt von des Schiksals Tüke !

Begeistert von zwo mächtigen Göttinnen,
Der Zärtlichkeit und Muse - die Stirn´ getrübt
   Von keiner Sorge, singe deinem
     Volke noch viele der Hochgesänge !


Vollende muthig, achtend des Schweisses nicht
Die Meisterwerke, denn der Gedank ist gross:
   So lange Menschenherzen fühlen,
     Ewig mit Klopstok und Wieland leben !”

 

1791

Schwarz, Sophie, geb. Becker. Briefe einer Curländerinn. Auf einer Reise durch Deutschland. 1791

“[S. 141-142] G. [Goeckingk] schickte sogleich nach seinem Freund, Bürger, und ich war bey seiner Erscheinung ziemlich betreten, statt eines pedantischen Männchens in schwarzer Perrucke, wie ich ihn mir immer gedacht hatte, einen ganz unpedantischen Mann mit frisirtem Haar und wohlgemachtem Kleide zu erblicken. Woher müssen sich doch in unserer Seele bey gewissen Nahmen solche besondere Begriffe festsetzen? Da wir noch einen vollen Tag in Göttingen blieben, so haben wir das Vergnügen gehabt, die meisten von den dasigen Professoren persönlich kennen zu lernen, und sind auch bey Kästner auf seinem Observatorio gewesen.
Als Andenken unsers Göttingischen Besuchs will ich Ihnenn hier ein Paar Bouts-rimés hersetzen, welche auf Verlangen einer geschlossenen Gesellschaft zwischen mir und Bürgern gewechselt wurden. Diese Art von Spielwerk ist zum gesellschaftlichen Zeitvertreibe eines der angenehmsten, und wenn der Geschmack daran nicht übertrieben wird, scheint es mir für junge Leute auch ganz nützlich, den Ausdruck zu bilden. Bürger bekam zuerst den Auftrag in gegebenen Endreimen an mich eine Liebes-Erklärung zu thun, und bald darauf überreichte er mir folgendes: [...].”

Briefe einer Curländerinn in der ONLINE-Bibliothek.

 

1791

Anonym. Gedichte von G.A. Bürger. 2. Teil der Rezension in: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste.  Digitalisiert von Google.

“[S. 286] Unstreitig ist die Romanze unter allen poetischen Gattungen diejenige, die das meiste in sich vereinigt, um auf die niedre Volksklasse zu wirken. Abgerechnet, daß die Form der Erzählung, bey dem ungebildeten Menschen, immer am geschwindesten Eingang findet, und die Anmuth derselben hier noch durch das lyrische Sylbenmaaß vortheilhaft unterstützt wird, so liegt selbst in dem Inhalte und Gegenstande dieser Dichtungen ungemein viel schmeichelhaftes und anlockendes für den ungeübten Verstand: denn nichts entzückt und interessirt den großen Haufen so sehr, als Geschichten, die entweder aus seiner Welt ausgehoben, oder aus der Fabel und Sagenzeit herübergeholt sind.

[S. 288] Man bemerkt bald, daß es eben kein leichtes Problem ist, den Romanzenstoff so zu bearbeiten, daß er beydes dem rohen und dem aufgeklärten Geschmack gefalle, und darauf sollte doch eigentlich Jeder, der ein Volksdichter zu heißen wünscht, hinarbeiten.

[S. 289] Es thut uns leid, daß wir grade Hrn. Bürger dieser Fehler anklagen müssen: aber in der That, wir kennen unter allen angesehenen neuern Dichtern keinen, der von der Seite wider das Gesetz der Einheit und des guten Geschmacks häufiger verstoßen hätte, als eben er. Wenn man seine Romanzen unpartheyisch betrachtet, so kann man allerdings nicht umhin, ihn wegen der glücklichen Benutzung mancher Süjets zu bewundern.

[S. 290] Und wie wäre denn die Sensation, die die Bürgerischen Stücke erregt haben, begreiflich, wenn der Dichter den Verstand und das Herz unbeschäftigt ließe? Allein bekanntlich kann ein Gedicht von Seiten der Erfindung und Anlage untadelhaft, und gleichwohl von der Vollkommenheit noch weit entfernt seyn. Wir verlangen, daß es nicht blos bewegen, sondern auf die angenehmste Weise bewegen, daß sein Genuß nicht bloß nähren, sondern erquicken, daß seine Schönheiten kein gemischtes, sondern ein reines Wohlgefallen erzeugen sollen.

[S. 291] Zwar in den ersten unter den neuen Stücken - was kann, was soll man in Frau Schnips scheiden und absondern? Wir begreifen recht gut, wIe man in einem Anfalle frivoler Laune so etwas schreiben und in einem lustigen Zirkel vertrauter Freunde dem Gelächter preisgeben kann: aber wie man eine solche poetische Ungezogenheit vor einem ganzen ehrsamen Publikum zur öffentlichen Schau ausstellen mag, übersteigt noch bis jetzt unsre Vorstellung.

[S. 297] Einen ganz eigenen Flug nimmt die Phantasie des Dichters in Untreue über alles. Wir müssen indes frey bekennen, daß uns unter allen Bürgerischen Liebesliedern keins weniger behagt hat, als dieses,

[S. 300] Die Pfarrerstochter von Taubenhain ist von Seiten der Darstellung nicht ohne Verdienst. Der Charakter der Unschuld, die ein Raub ihrer Einfalt und Unerfahrenheit wird, erregt eine schnelle und innige Theilnahme; die Sprache der Verführung ist gut getroffen und die Wuth der Verzweiflung mit ungemeiner Stärke geschildert. Allein um ganz zu gefallen müßten die Farben allerdings hie und da noch etwas gemildert, die leeren Ausdrücke mit bedeutendern vertauscht und manche Cheville ausgemerzt werden.

[S. 303] Für uns wenigstens hat das Dörfchen nichts von jener Süßigkeit verloren, durch die es uns gleich das erstemal anzog; vielmehr ist es unter allen Gedichten, die in dieser Manier und Versart versucht worden sind, in Absicht auf Leichtigkeit und Geschmeidigkeit, nach unserm Gefühle, noch immer das einzige. Man möchte sagen, daß das Sylbenmaaß um des Inhalts, und der Inhalt um des Silbenmaßes willen erfunden worden sey: so anmuthig und gefällig ist jener, so tändelnd und lieblich dieses, so harmonisch beyde.

[S. 305] Wir haben alles, was wir bey der Durchlesung des zweyten Theils der Bürgerischen Gedichte empfanden, in dieser Anzeige frey und unverholen bekannt, so wenig wir auch auf die Beystimmung des größern Theils des Publikums rechnen dürfen. Wenn poetische Versuche durch gewisse außerordentliche Vorzüge ins Auge fallen, wenn Phantasie, Sprache und Wohllaut sich in ihnen vereinigen, wenn überdieß der Dichter in dem Maaße wie Hr. Bürger, zu interessieren weiß, so fangen bey gewöhnlichen Lesern alle Mängel und Unvollkommenheiten allmählig an, zu verschwinden, oder sich wohl gar in Schönheiten zu verwandeln, und der Kunstrichter hat dann nichts anders zu erwarten, als Widerspruch und Mißtrauen in seine Einsicht. Aber diese Voraussehung kann ihn weder beunruhigen, noch abschrecken, sobald er seines Verhältnisses eingedenk und von PartheyIichkeit und Bekehrungssucht entfernt ist.”

Der zweite Teil der anonymen Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1791

Eberhard, Johann August. Versuch eines Plans zu einer praktischen Aesthetik. In: Philosophisches Magazin. Dritter Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 15] Diese Sehnsucht nach Emotionen treibt die Menge zu den schrecklichen Schauspielen, die auf den Richtplätzen vorgestellet werden, zu den Schauspielen, die Voltaire die Tragödie des Pöbels, la tragédie de la canaille nennt, denen aber auch wohl bisweilen der Gebildetere zusieht, wenn seine Nerven nicht zu schwach, oder sein Mitgefühl zu scharf ist. Eben diese Sehnsucht macht alle Mordgeschichte, alle Erzählungen von Erscheinungen und Gespenstern so anziehend; die erblaßten Zuhörer, um ihren Heerd versammlet, hangen in der schwarzen Mitternachtsstunde, mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit an dem Munde des Erzählers, die Furcht erlaubt ihnen nicht sich umzusehen, die Erzählung wird ihnen immer desto anziehender, je grauenvoller sie wird. Der mehmliche Trieb wird endlich diesen Geschichten noch immer auch für den Ungläubigsten einen Reitz geben, er wird sich gern durch das Gefühl des Grausens fesseln lassen; und, wenn ihm auch vor den gemeinen Gespenstergeschichten eckelt, so wird er doch noch gern bey Bürgers vortreflicher Lenore erblassen.”

 

1791

Pk. Rezension Münchhausen-Ausgabe. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. 98.Bd. 

“[S. 613] Nachtrag zu den wunderbaren Reisen zu Wasser und zu Lande, und lustige Abentheuer des Freyherrn von Münchhausen, wie er dieselben bey der Flasche Wein im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt. Mit Kupfern. Koppenhagen. 1789. 8. 8 Bogen.
Wär es an der ersten Sammlung dieser Possen nicht genug gewesen? O gewiß mehr, als genug, und für den Leser von einigem Geschmack schon zu viel. Indeß diese Fortsetzung ist einmal da, und wird, das sind wir überzeugt, schon ihr Fortkommen unter den Leuten finden. Das Glück der bösen Fürsten und der schlechten Schriftsteller wird so lange blühen, als bey weitem der größeste Theil der Menschen in Trägheit und im Ungefühl seiner eignen Kräfte schmachten wird. Thäten diese Dinge nicht, wie ließe es sich denken, daß jemand Geld für Romane, Gedichte u. dergl. ausgeben sollte, die er im Nothfall eben so gut, vielleicht noch besser selbst machen könnte. Wo sollten z. B. die neuen Originalromane (bis heut dato 38 Bände!) und ihre ganze Sippschaft, deren Name Legio ist, Leser finden, wenn diese sammt und sonders zu der so simpeln Einsicht gelangten, daß der einfäiltigste unter ihnen klug genug wäre, mit der leichtesten Mühe eben solche Begebenheiten und Charactere selbst zu erfinden, und zu schildern: wenn sie es nicht bequemer fänden, in ihren Lehnstühlen oder Kanapees zur Beförderung der Verdauung, schlechte Romane zu lesen, als zu schreiben? Eben so würde es diesen Münchhausischen Reisen gehn. Welcher auch noch so mittelmäßige und beschränkte Kopf hat nicht Witz übrig, wenn er nur wollte, solche Abentheuer, wie sie hier aufgetischt werden, zu erdenken? Abentheuer und Fiktionen ohne die mindeste Spur von Sinn, Zweck und Wahrscheinlichkeit, Uebertreibungen, die weniger durch Zügellosigkeit überraschen, als durch Einförmigkeit ermüden: als da sind: "wie dem Reisenden sein Jagdhund, weil er Rebhühner in seinem Magen wittert, ihm im Schlafe die Rebhühner mit sammt demMagen herausfrißt, wofür er sich einen Schweinsmagen einnähen läßt; wie er aus einen Wallfisch reitet, mit einem Hayfisch kämpft und ihn besiegt, wie er drey Kanonenkugeln von 24 Pf. mit der Hand auffängt, einen Löwen zerreißt, auf einem Strauß in den Mond reitet u. s. w. Die in der Vorrede, Dedikation und sonst hie und da vorkommenden Anspielungen und Spöttereyen, zum Theil auf hohe Personen, müßten, um verzeihlicher zu werden, wenigstens feiner seyn. “

 

1791

Mackensen, Wilhelm Friedrich August. Letztes Wort über Göttingen und seine Lehrer. Leipzig 1791

“[S.71] B. thäte wol, wenn er sich jetzt von der Dichtkunst ganz lossagte. Für seinen Hannoveraner ist so was zu gut, dieser will nur Abhandlungen von der Stallfütterung und vom Kartoffelanbau. Lyrische Dichtkunst ist aus der Mode gekommen, unser Zeitalter ist auf Kantische Kategorien erpicht. Da Herr Bürger diese so gut kennt, so sollte er mehr davon Gebrauch machen, und von der Mode profitiren.[...]
Es ist Ihnen bekannt, daß er sich eine Frau angesungen - - diese Frau ist auch Belletristin, und soll sich in jeder Gesellschaft nur gar zu sehr als solche zeigen. Sie spricht immer in dem gesuchtesten Deutsch und in den geründetsten Perioden. Für junge schwatzhafte Mädchen, die es mit der Grammatik so genau nicht nehmen, oder wol gar an den Unterschied zwischen mir und mich nicht glauben können, ist sie ein fürchterlicher Gegenstand. Sie soll sogar Sprachunrichtigkeiten öffentlich aufnutzen, und sie corrigiren. Herr B., als Haupt, sollte billig dieser Pedanterie seiner Molly oder Laura ernstlich steuren.”

Mackensens letztes Wort über Göttingen und seine Lehrer in der ONLINE-Bibliothek.

 

1791

Schiller, Friedrich. Rezension von Bürgers Gedichten. In: Allgemeine Literatur-Zeitung Numero 13. und 14.

“[S. 98] Es ist also nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern; man muß auch erhöht empfinden. Begeisterung allein ist nicht genug; man fodert die Begeisterung eines gebildeten Geistes. Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also werth seyn, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortreflichen zu rühren. Der höchste Werth seines Gedichtes kann kein andrer seyn, als daß es der reine vollendete Abdruck einer interessanten Gemüthslage eines interessanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen; er wird uns in seiner kleinsten Aeußerung kenntlich seyn, und umsonst wird, der es nicht ist, diesen wesentlichen Mangel durch Kunst zu verstecken suchen. Vom ästhetischen gilt eben das, was vom sittlichen; wie es hier der moralisch vortrefliche Charakter eines Menschen allein ist, der einer seiner einzelnen Handlungen den Stempel moralischer Güte aufdrücken kann; so ist es dort nur der reife, der vollkommene Geist, von dem das reife, das vollkommene ausfließt. Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen.

[S. 99] Ein Volksdichter für unsre Zeiten hätte also bloß zwischen dem allerleichtesten und dem allerschweresten die Wahl; entweder sich ausschließend der Fassungskraft des großen Haufens zu bequemen und auf den Beyfall der gebildeten Klasse Verzicht zu thun, – oder den ungeheuern Abstand, der zwischen beiden sich befindet, durch die Größe seiner Kunst aufzuheben, und beide Zwecke vereinigt zu verfolgen. Es fehlt uns nicht an Dichtern, die in der ersten Gattung glücklich gewesen sind, und sich bey ihrem Publicum Dank verdient haben; aber nimmermehr kann ein Dichter von Hn. Bürgers Genie die Kunst und sein Talent so tief herabgesetzt haben, um nach einem so gemeinen Ziele zu streben. Popularität ist ihm, weit entfernt, dem Dichter die Arbeit zu erleichtern oder mittelmäßige Talente zu bedecken, eine Schwierigkeit mehr, und fürwahr eine so schwere Aufgabe, daß ihre glückliche Auflösung der höchste Triumph des Genies genannt werden kann. Welch Unternehmen, dem ekeln Geschmack des Kenners Genüge zu leisten, ohne dadurch dem großen Haufen ungenießbar zu seyn – ohne der Kunst etwas von ihrer Würde zu vergeben, sich an den Kinderverstand des Volks anzuschmiegen.

[S. 101] Und hier müssen wir gestehen, daß uns die Bürgerischen Gedichte noch sehr viel zu wünschen übrig gelassen haben, daß wir in dem größten Theil derselben den milden, sich immer gleichen, immer hellen, männlichen Geist vermissen, der, eingeweiht in die Mysterien des Schönen, Edeln und Wahren, zu dem Volke bildend herniedersteigt, aber auch in der vertrautsten Gemeinschaft mit demselben nie seine himmlische Abkunft verläugnet. Hr. B. vermischt sich nicht selten, mit dem Volk, zu dem er sich nur herablassen sollte, und anstatt es scherzend und spielend zu sich hinaufzuziehen, gefällt es ihm oft, sich ihm gleich zu machen. Das Volk, für das er dichtet, ist leider nicht immer dasjenige, welches er unter diesem Nahmen gedacht wissen will. Nimmermehr sind es dieselben Leser, für welche er seine Nachtfeyer der Venus, seine Lenore, sein Lied an die Hoffnung, die Elemente, die göttingische Jubelfeyer, Männerkeuschheit, Vorgefühl der Gesundheit u.a.m. und eine Frau Schnips, Fortunens Pranger, Menagerie der Götter, an die Menschengesichter und ähnliche niederschrieb. Wenn wir anders aber einen Volksdichter richtig schätzen, so besteht sein Verdienst nicht darinn, jede Volksklasse mit irgend einem, ihr besonders genießbaren, Liede zu versorgen, sondern in jedem einzelnen Liede jeder Volksklasse genug zu thun.

  Wir wollen uns aber nicht bey Fehlern verweilen, die eine unglückliche Stunde entschuldigen, und denen durch eine strengere Auswahl unter seinen Gedichten abgeholfen werden kann. Aber daß sich diese Ungleichheit des Geschmacks sehr oft in demselben Gedichte findet, dürfte eben so schwer zu verbessern, als zu entschuldigen seyn. Rec. muß gestehen, daß er unter allen bürgerischen Gedichten (die Rede ist von denen, welche er am reichlichsten aussteuerte) beynahe keines zu nennen weiß, das ihm einen durchaus reinen, durch gar kein Mißfallen erkauften, Genuß gewährt hätte. War es entweder die vermißte Uebereinstimmung des Bildes mit dem Gedanken, oder die beleidigte Würde des Inhalts, oder eine zu geistlose Einkleidung, war es auch nur ein unedles die Schönheit der Gedanken entstellendes, Bild, ein ins platte fallender Ausdruck, ein unnützer Wörterprunk, ein (was doch am seltensten ihm begegnet) unächter Reim oder harter Vers, was die harmonische Wirkung des Ganzen störte; so war uns diese Störung bey so vollem Genuß um so widriger, weil sie uns das Urtheil ahnöthigte, daß der Geist, der sich in diesen Gedichten darstellte, kein gereifter, kein vollendeter Geist sey; daß seinen Producten nur deßwegen die letzte Hand fehlen möchte, weil sie – ihm selbst fehlte.

[S. 105] Alle Ideale, die er auf diese Art im Einzelnen bildet, sind gleichsam nur Ausflüsse eines innern Ideals von Vollkommenheit, das in der Seele des Dichters wohnt. Zu je größerer Reinheit und Fülle er dieses innere allgemeine Ideal ausgebildet hat; desto mehr werden auch jene einzelnen sich der höchsten Vollkommenheit nähern. Diese Idealisirkunst vermissen wir bey Hn. Bürger. Außerdem, daß uns seine Muse überhaupt einen zu sinnlichen, oft gemeinsinnlichen Charakter zu tragen scheint, daß ihm Liebe selten etwas anders, als Genuß oder sinnliche Augenweide, Schönheit oft nur Jugend, Gesundheit, Glückseligkeit nur Wohlleben ist, möchten wir die Gemälde, die er uns aufstellt, mehr einen Zusammenwurf von Bildern, eine Compilation von Zügen, eine Art Mosaik, als Ideale nennen.

[S. 106] Wir führen diese Strophe nicht an, als glaubten wir, daß sie das Gedicht, worinn sie vorkömmt, eben verunstalte, sondern weil sie uns das passendste Beyspiel zu seyn scheint, wie ungefähr Hr. B. idealisirt. Es kann nicht fehlen, daß dieser üppige Farbenwechsel auf den ersten Anblick hinreißt und blendet; Leser besonders, die nur für das Sinnliche empfänglich sind, und, den Kindern gleich, nur das Bunte bewundern. Aber wie wenig sagen Gemälde dieser Art dem verfeinertern Kunstsinn, den nie der Reichthum, sondern die weise Oekonomie; nie die Materie, nur die Schönheit der Form; nie die Ingredienzien, nur die Feinheit der Mischung befriedigt! Wir wollen nicht untersuchen, wie viel oder wenig Kunst erfodert wird, in dieser Manier zu erfinden; aber wir entdecken bey dieser Gelegenheit an uns selbst, wie wenig dergleichen Matadorstücke der Jugend die Prüfung eines männlichen Geschmacks aushalten. Es konnte uns eben darum auch nicht sehr angenehm überraschen, als wir in dieser Gedichtsammlung, einem Unternehmen reiferer Jahre, sowohl ganze Gedichte, als einzelne Stellen und Ausdrücke wieder fanden, (das Klinglingling, Hopp hopp hopp, Huhu, Sasa, Trallyrum larum, u. dgl. m. nicht zu vergessen,) welche nur die poetische Kindheit ihres Verfassers entschuldigen, und der zweydeutige Beyfall des großen Haufens so lange durchbringen konnte. [...] Am meisten vermißt man die Idealisirkunst bey Hn. B., wenn er Empfindung schildert; dieser Vorwurf trifft besonders die neuern Gedichte, großentheils an Molly gerichtet, womit er diese Ausgabe bereichert hat. So unnachahmlich schön in den meisten Diction und Versbau ist, so poetisch sie gesungen sind, so unpoetisch scheinen sie uns empfunden.

[S. 108] Das längst entschiedne einstimmige Urtheil des Publicums überhebt uns, von seinen Balladen zu reden, in welcher Dichtungsart es nicht leicht ein deutscher Dichter Hn. B. zuvorthun wird. Bey seinen Sonneten, Mustern ihrer Art, die sich auf den Lippen des Declamateurs in Gesang verwandeln, wünschen wir mit ihm, daß sie keinen Nachahmer finden möchten, der nicht gleich ihm und seinem vortreflichen Freund, Schlegel, die Leyer des pythischen Gottes spielen kann. Gerne hätten wir alle bloß witzigen Stücke, die Sinngedichte vor allen, in dieser Sammlung entbehrt, so wie wir überhaupt Hn. B. die leichte scherzende Gattung möchten verlassen sehn, die seiner starken nervigten Manier nicht zusagt.

[S. 109] Wenn indessen irgend einer von unsern Dichtern es werth ist, sich selbst zu vollenden, um etwas vollendetes zu leisten, so ist es Hr. Bürger. Diese Fülle poetischer Mahlerey, diese glühende energische Herzenssprache, dieser bald prächtig wogende, bald lieblich flötende, Poesiestrom, der seine Producte so hervorragend unterscheidet, endlich dieses biedre Herz, das, man möchte sagen, aus jeder Zeile spricht, ist es werth, sich mit immer gleicher ästhetischer und sittlicher Grazie, mit männlicher Würde, mit Gedankengehalt, mit hoher und stiller Größe zu gatten, und so die höchste Krone der Classizität zu erringen.”

Schillers Kritik in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1791

Hardenberg, Friedrich von (Novalis). Brief an Schiller vom 7. Oktober 1791. In: Novalis, Band 1, Darmstadt, 1978

“[S.515] Bey Gelegenheit der Lektüre des Don Karlos habe ich noch einmal die Rezension von Bürgers Gedichten gelesen und sie ist mir beynah in der Stimmung, worein Sie mich versezt hatten, noch zu gelind vorgekommen; Da wenigstens der Maaßstab, den Sie darinn nicht, wie viele gethan haben, von der Erfahrung mehrerer Jahrhunderte abstrahirten, sondern ihn apriori aus einem den Gesetzen der Sittlichkeit correspondirenden Gesetze aufstellten und dadurch der Wissenschaft zu einem einzigen Gesichtspunkt verhalfen, der ihr bis dahin mangelte, ihr eine Anwendung und Grenze zeigten, wodurch unfehlbar alles dazu nicht gehörende und falsch angemaaßte getrennt und ihr ein Ziel gesezt wird,  das im innersten Heiligthume der Schönheit und Wahrheit steht und unendliche Sonnenwege dem forschenden Auge des Genius eröffnet, und dadurch so viel für sie thaten, wie Prometheus der Lichträuber, für die Sterblichen, da wenigstens der Maaßstab, sag ich, sich zu den meisten von Bürgers Gedichten nicht harmonisch verhält. O! ich lerne immer mehr einsehn, daß nur moralische Schönheit, je absichtsloser sie bewürkt zu seyn scheint, den einzig unabhängig, wahren Werth eines jedweden Werks des dichterischen Genies ausmacht: daß nur sie denselben den Stempel der Unsterblichkeit aufdrücken kann und sie mit dem Siegel der Klassizitaet bezeichnet.“

 

1791

Baggesen, Jens. Brief an Reinhold vom 26.11.1791. In: Aus Jens Baggesen's Briefwechsel mit Karl Leonhard Reinhold und Friedrich Heinrich Jacobi. Erster Theil, Leipzig

“[S. 106] Aber welche Recension in der Welt übertrifft die von Bürger´s Gedichten in der Literaturzeitung, und die Antwort, die edle, feine, würdevolle, über tausend aufeinandergethürmte Bürgergeister erhabene Antwort auf seine verlegenen Unverschämtheiten. Daß Schiller der Verfasser sei, hat für mich keinen Zweifel. Lieber Reinhold, kann man nicht mit aller Philosophie, ohne ihr im Geringsten nahe zu treten, und mit aller Religion, ohne verketzert zu werden, diesen Riesengeist unseres seligen Decenniums, diese herrliche Morgensonne der Geschichte, diesen echt philosophischen Dichter, diesen unaussprechlich bezaubernden Schiller anbeten? “

 

1791

Eschenburg, Johann Joachim. Beispielsammlung zur Theorie und Literatur der schönen Wissenschaften. Sechster Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 424] Bürger.
Es trug nicht wenig zum Glanze des im J. 1787 gefeierten fünfzigjährigen Jubelfestes der Göttingischen Universität bei, daß ein Dichter zu der dabei aufzuführenden feierlichen Musik den Text entwarf, dem nicht leicht ein andrer in der Fülle der Phantasie, der edeln Darstellung, und der Erregung innigen Mitgefühls, den Rang würde streitig gemacht haben. Und dieß Mitgefühl muß auch, ausser der nächste Beziehung, jeden beleben, der diese schöne Kantate liest, und die großen. nicht übertriebenen, Vorzüge ihres Gegenstandes kennt, und in Gedanken hat.”

 

1791

Schaumann, Johann Christian Gottlieb. Dreyzehnte Unterhaltung. Ueber die Verschiedenheiten des Stolzes in Rücksicht seiner Aeßerungen . In: Psyche oder Unterhaltungen über die Seele. Halle. Digitalisiert von Google

“ “[S. 461] Der Stolz, welcher sich auf eine grobe und dumme Art äußert, wird Bauernstolz genannt, weil man,, mit Recht oder Unrecht, dem Bauerstande diese beyden Prädikate vorzugsweise beyzulegen pflegt.
   Bauernstolz zeigte Dejoces, der, als er König von Medien wurde, keinen vor sich lassen wollte, und bey strenger Strafe verbot, in seiner Gegenwart auszuwerfen oder zu lachen.
   Bauernstolz hat Herr von Gänsewitz in Bürgers Epigramm: ´Herr von Gänsewitz zum Kammerdiener:´
   ´Befehlt doch draußen, still zu bleiben!
    Ich muß itzt meinen Namen schreiben.

 

1791

Hamann, Johann Michael. An Theophila. In: Poetische Versuche. Libau. Digitalisiert von Google

[S. 58] Sonnett.
  Preis und Lob will ich so lang dir singen,
  Als noch Geist und Athem in mir lebt;
  Auf der Harfe soll dein Nahme klingen,
  Bis der Laute letzter ihr entbebt;
  Wird mir zwar kein hohes Lied gelingen,
  Wie's nur Bürger einer Molly webt,
  Will ich doch ein Lobgedicht dir bringen,
  Das die Fluth der Zeiten nicht begräbt.
  Muse! schenke mir den Zauberpinsel,
  Der Malvina´n uns auf Mala's Insel,
  Ida´n uns so meisterhaft gemahlt.
  Traun! dann will ich dir ein Werk vollenden,
  Das, so lang sich Erden um die Sonne wenden,
  Ewig frisch wie Guidos Farbe strahlt. “

 

1791

Hezel, Wilhelm Friedrich. Epische Poesie. Satyre. In: Anleitung zur Bildung des Geschmacks: für alle Gattungen der Poesie, Hildburghausen. Digitalisiert von Google

“[S. 110] Zu dieser Gattung der Satyre gehört auch das fürtrefliche Bürger'sche Gedicht: Fortunens Pranger, ebenfalls Pasquillartig, aber ganz des Bürger'schen Namens werth.“

 

1791

Zschokke, Heinrich. Der Antoniusthurm. In: Schwärmerey und Traum in Fragmenten, Romanen und Dialogen, Stettin. Digitalisiert von Google

“[S. 292] Doch Spaß bei Seite; Bruder Konradin, und offenherzig gestanden, mein Wunsch ist erhört, den ich unterwegs so oft, so sehnlich that, dich nur noch einmal zu sehn, ehe ich in das große Weltmeer hinausschiffte. Laß dich umarmen! Meines Bleibens hier ist nicht lange; es wird im Fürstenthum gewaltig spuken, weil ich ein Rad am Wagen verdorben habe - und darum muß immer hurre, hurre, hopp! hopp! hopp! davon in sausendem Galopp! wie der knöcherne Reuter in der Leonore.”
 

1791

Anonym. Schöne Künste. In: Allgemeine Literatur-Zeitung, 2. May. Digitalisiert von Google 

“[Sp. 212] Mlle Therese Paradis, die so interessante und vortrefliche blinde Klavierspielerin, ist längst nicht mehr auf Reisen, sondern schon seit 1786 in ihre Vaterstadt Wien zurückgekehrt, wo sie unlängst Bürgers Lenardo und Blandine
componirt und herausgegeben hat.”

 

1791

Bnr. Aergerniß. In: Braunschweigisches Journal, Neuntes Stück, September. Digitalisiert von Google

“[S. 469] Bei allem Unfuge, der auf Erden vorgeht, und vorgehen könnte, wittert Herr von Schirach Franzosen. So läßt er im 10ten Artikel des September-monats unter der Rubrik: Teutschland,
   im Thüringschen eine Räuberbande aufmarschiren, die gegen 1000 Mann angewachsen ist, und
   deren Anführer und Mitglieder großentheils aus Franzosen bestehen sollen.
Wer emigrirt aus Frankreich? Nicht wahr: Aristokraten, Konstitutions-feinde? Diese räuberischen Franzosen, existirten sie auch, wären also Aristokraten, Konstitutions-feinde? Und von diesem Theile der Franzosen erwartet doch Hr. von Schirach die Erfüllung seiner Weissagung, das Losplatzen seiner prophezeiheten Explosion. Welche Inkonsequenz!
   Aber die ganze Räuberbande ist nicht wirklicher vorhanden, als das luftige Gesindel in Bürgers Lenore. Wenigstens widerspricht die Herzogl. Sachsen-weimarsche Generalpolizei-Direktion unterm 14. vorigen Monats öffentlich dieser Nachricht als ungegründet, [...]”

 

1792

Becker, Rodolph Zacharias. Vorlesungen über die Pflichten und Rechte des Menschen. Zweyter Theil.  Digitalisiert von Google.

“[S. 238] Blümchen Wunderhold (Wer solte dieses Lied von Bürger nicht kennen?) fehle daher niemahls in dem Kranze der Anmuth, der die Tugend zieren muß, wenn ihr Besitzer die ganze Fülle ihres Segens genießen will. Denn, Wieland hat Recht, daß die Weisheit und die Tugend der Sterblichen das Uebertriebene und Aufgedunsene, das Herbe, Steife und Eckigte, welches eben so viele Fehler sind, wodurch sie, nach dem moralischen Schönheitsmaaß der Weisen aufhört, Weisheit und Tugend zu seyn, nur unter den Händen der Grazie verlieret.”

 

1792

Schlegel, August Wilhelm. An einen Kunstrichter. In: [Göttinger] Musenalmanach (Sammlung Helmut Scherer)

“An einen Kunstrichter

Ward Kraft und Genius dir angeboren,
Und modelst doch an dir mit Müh und Qual?
Aus deinem Innern nimm dein Ideal,
Sonst geht dein Selbst an einen Traum verloren.
Den Geist des Dichters adelt die Natur.
Bist du´s, so hemme nichts, was in dir wogt und lodert;
Stell´s dar, und wandle frey auf nie betretner Spur!-
Doch wenn die Kunst Vollendung fordert,
So gib sie auf! Die ziemt den Göttern nur.
Natur ist Eins und Alles. Du erkennst
Die Himmlische nur träumend; darum wähnt
Dein grübelnder Verstand, daß du ihr Werk verschönt
Im Werke deines Hirnes spiegeln könntest.
Durchforsch´ in stiller Einfalt dieses All;
Durchforsche, meistere nicht! Und faß in deinen Busen
Der Dinge reines Bild! Die göttlichste der Musen
Ist Wahrheit. Ohne sie ist dein Gedicht nur Schall.
Die Rede gab uns eine weise Güte
Zum Bande der Liebe; Mittheilung im Schmerz
Und Mittheilung in Wonne heischt das Herz,
Und Dichtkunst ist der Rede Duft und Blüthe.
Wer tiefes, eignes Leben in sich trägt,
Der atm´es aus und frage keinen Richter,
Und wisse dann, er sey´s, nicht der sey Dichter,
Deß weiser Kopf Gefühle mißt und wägt.”

Der Beitrag im Musenalmanach in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1792

Rs. Rezension Akademie der schönen Redekünste. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des hundert und achten Bandes erstes Stück. 1792. Digitalisiert von Google.

“[S. 457] Akademie der schönen Redekünste. Herausgegeben von G.A. Bürger. Ersten Bandes drittes Stück.
Diese periodische Schrift erhält sich in ihrem Werthe und schon mit Recht erhaltnen Beyfall. Den Anfang macht ein Gedicht, Bellien, eine Erzählung, welch Hr. Bürger nach dem Ariosto in seiner bekannten Manier vorgetragen hat. Obgleich es in einigen Stellen etwas gedehnt ist, so läßt es sich doch überaus gut lesen. Man findet hier ganz die so bekannte und beliebte Bürgerische Laune, welcher nicht vergißt, auch hin und wieder bey Gelegenheit einen Seitenhieb anzubringen. Ein Beweis unter andern hiervon ist die 24te Stanze:
  Der Poesie spricht zwar Herr Heinrich Campe,
  Der Rathpapa, nicht allzu viel zu gut;
  Beleuchtet sie mit der bewußten Lampe
  Der Aufklärung, und warnt sein junge Blut.
  Ihm gilt es mehr, was etwa Heinrich Hampe,
  Der Collecteur, der Welt zum Besten thut,
  Des Nahrungesfleiß in Briefen unfrankiret
  Die halbe Welt mit Loosen bombardiret.
[...] Wenn diese Akademie, wle man hoffen darf, sich gleich bleibt, so kann sie dazu dienen, durch ihre gesunde Nahrung den Geschmack des Publikums in etwas wieder herzustellen, welcher durch die nahrungslosen Speisen, welche ihm in so vielen neuen periodischen Schriften aufgetischt werden, von Tage zu Tage mehr verdorben wird.”

 

1792

Anonym. Zersteute Kompositionen für Gesang und Klavier, von Friedr. Ludwig Aemilius Kunzen. In: Musikalische
Korrespondenz, 29. Febr. Speyer. Digitalisiert von Google

“[Sp. 66] hierauf folgt das Fischerlied und Hirtenlied aus Hermanns Tode, und eine Sinfonie; 2 französische und 2 deutsche Volkslieder, und zum Beschluß Bürgers Leonore durchaus komponirt. Der Herr Verf. hat sich schon durch die Herausgabe seiner geistlichen Lieder von einer rühmlichen Seite bekannt gemacht, und auch diese zerstreuten Kompositionen sind mit großer Einsicht und Beurtheilungskraft verfertiget; insonderheit hat die Komposition der Lenore, die theils in Deklamation, theils in Ariösem Vortrag bestehet, unläugbare Vorzüge vor der Andreischen Komposition, und zwar nicht blos in Rüksicht der reinen Harmonie: sondern auch in Ansehung der Wahrheit im Ausdruk. “

 

1792

Hoffmann, Leopold Alois (Hg.). Wiener Zeitschrift. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 264] Die übrigen Anti-Wahrheiten, Anti-Höflichkeiten, Anti-Bescheidenheiten, Anti-Klugheiten u.s.w. des Anti-Hoffmann verdienen nicht, daß ein vernünftiger Mann ein Wort darüber verliehrt. Ich erinnre mich in Bürgers Gedichten einer guten Lehre:
      ´Es gieng, was Ernstes zu bestellen
       Ein Wandrer seinen stillen Gang,
       Als auf ihn los ein Hund, mit Bellen,
       Und Rasseln vieler Halsband schellen
       Aus einer Pfennigschenke sprang.
       Er, ohne Stok und Stein zu heben,
       Noch sonst sich mit ihm abzugeben,
       Hub ruhig weiter Fuß und Stab,
       Und Klifklaf ließ von Lärmen ab.

       Dies Fabelchen führt Gold im Munde.
       Weicht aus dem Rezensentenhunde!´ “

 

1793

Giesecke, Johann Christian. Handbuch für Dichter und Litteratoren oder möglichst vollständige Uebersicht der deutschen Poesie seit 1780. Erster Theil A-C.  Digitalisiert von Google.

“[S. 282] Wer ließt den größten Theil seiner Gedichte, deren ich einige hieher setze, nicht mit Vergnügen? empfehlen sie sich nicht, im ganzen genommen, durch eine klare, natürliche Sprache, welche sich gleich weit vom Erhabenen und Prosaischen entfernt? ist nicht Reichhaltigkeit der Ideen, sind nicht charakteristische Schilderungen, treffende und bedeutende Züge, gewählte und vielsagende Bilder die Zierde seiner meisten Gedichte? Weis er uns nicht alles so anschaulich darzustellen? die interreßantesten Erwartungen zu erregen? den Aufschluß glücklich zu wenden? kann man nicht aus manchem seiner Gedichte lernen, was poetischer Rhytmus und Fülle sey? und machen diese mannigfaltigen Schönheiten nicht die Fehler verzeihlich, welche der denkende und gebildete Leser hier oder dort nicht übersehen kann?”

G.A. Bürger in Gieseckes Handbuch in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1793

Hr. Rezension poetische Blumenlese aufs Jahr 1793. In: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste.  Digitalisiert von Google.

“[S. 93] Den gegenwartigen Jahrgang eröffnet ein neues Meisterstück des Herausgebers Heloisens Brief an Abälard frey nach Pope bearbeitet. Es war ein schweres Unternehmen mit dem Originale zu ringen, welches der Vf. vor Augen hatte; aber dieses Unternehmen ist ihm gelungen, wie ihm alles gelingt, wenn sich sein Geist ermannt und seine Kräfte sich frey, von äußern Einflüssen ungefesselt, regen. Die Fülle des Ausdrucks, der Wohlklang der Versification, der rasche Gang durch die mannichfaltigsten Empfindungen erheben diese Heroide zu der Klasse der besten Werke dieses Dichters und so mit zu dem Vorzüglichsten, was unsre Sprache in dieser Gattung besitzt. Was kann feuriger, gedankenreicher, inniger seyn, als folgende Stelle:
 - Werfe sich der ganzen Welt Gebieter
  Huldigend zu meinen Füßen hin;
  Stolz verschmäh´ ich ihn und alle Güter,
  Wenn ich nur des Liebsten Holdinn bin.

[S. 94] Wir können uns nicht enthalten, noch eine Stelle anzuführen, welche zu den vollendetsten dieses Gedichtes gehört, und, als eine der kräftigsten Darstellungen der unbegränz ten, hoffnungslosen Liebe, einen rühmlichen Platz neben der bekannten Ode der Sappho einnimmt:
  Was für Herz entweihende Gebilde
  Stellen sich mir allenthalben dar!
  Ich mag betend wandeln im Gefilde,
  Ich mag kniend beten am Altar.

[S. 95] Diese Epistel ausgenommen, hat Hr. B. diesem Almanach noch ein Dutzend Gedichte einverleibt, von denen sich keines in seiner Art zu der Vollkommenheit des ersten erhebt. In dem Gedichte die Tode wird der Schönheitssinn durch einige wilde Kraftausdrücke zurückgescheucht; das Sonnet, Erscheinung betitelt, ist im Ganzen dunkel und gegen das Ende zu matt; auch das Straftied an die Gallier ist für das was es seyn soll, und was man von der Energie des Verfassers erwarten durfte, nicht kraftig genug.

[S. 103] Zum Beschluß müssen wir noch der Gedichte des Herrn Menschenschreck Erwähnung thun. Es ist so öffentlich gesagt und geschrieben worden, daß diese Gedichte dem Herausgeber des Almanachs zugehören, und ihr Verfasser ist selbst so wenig bemüht gewesen, sich vor den Augen des Publikums zu verbergen, daß es kindische Ziererey von uns seyn würde, in diesem Punkt die Unwissenden spielen zu wollen. Diese Gedichte haben sämmtlich - dieß zeigt ihr ganzes Gepräge - eine individuelle Beziehung. Sie werden für den größten Theil der Leser - nemlich alle diejenigen, welche die besondere Lage, Verhältnisse und Schicksale ihres Verfassers nicht kennen - weder Sinn noch Interesse haben; und der kleinere Theil derjenigen, welche so glücklich sind, in diese Geheimnisse ein geweiht zu seyn, werden sie zwar als einen Beytrag zur Kenntniß des menschlichen Herzens nicht für unwichtig halten, aber schwerlich wird eines derselben einem unbefangenen Leser den Genuß verschaffen, welchen ein Produkt der schönen Kunst zu verschaffen beabsichtigt.
   Fünf oder sechs dieser Gedichte sind gegen die Rezensenten des Verfassers gerichtet, und er schlägt auf diese, in seinen Augen so verabscheuungswürdige Menschenart mit einem so blinden Ungestüm los, daß er die Peitsche über jeden schwingt, den er von dem schändlichen Laster, seine Meinung über Werke des Geistes sagen zu wollen, angesteckt glaubt.

[S. 104] In der Fabel vom Vogel Urselbst hat sich die Kritik, für die Verachtung, mit welcher ihr der Dichter begegnet, augenscheinlich gerächt. So scharf er seinen Bogen spannt und so gut er sein Ziel gefaßt zu haben glaubt, so gehn seine Pfeile dennoch in den leeren Raum, denn das Ziel, auf das er sie richtet, ist ein Phantom seiner Einbildungskraft.

[S. 108] In diesem Elende fleht er zu seinem Genius empor. Der Genius liest ihm, wie recht und billig, die Moral, warnt ihn vor den Regelbuden, und gibt ihm endlich seine Flügel wieder, unter der Bedingung, sich an seine vorigen Rathgeber nie mehr zu kehren.
  Mit dieser glücklich erfundenen, wohl zusammenhängenden Fabel glaubt Hr. Bürger seine Rezensenten ad absurdum gebracht zu haben!!! ”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1793

Anonym. Neu-Franken und Belgier. Fortsetzung. In: Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts, herausgegeben von J.W.v. Archenholz. Fünfter Band, Januar. Februar. März. 1793.

„[S.257] Die Liebhaber der redenden Künste erinnern sich gewiß noch einer Recension über Bürgers Gedichte in der allgemeinen Litteraturzeitung, die das Publicum seinem Lieblinge Schiller zugeschrieben hat. Diese Recension ist das lebendigste Beyspiel von den Widersprüchen und ungereimten Foderungen, worinn die hochgespannte Theorie verfällt, wenn sie von Menschenwerken Götterkraft, von individueller Wahrheit Ideal verlangt. Seit dem Erzgrübler Lessing aber, der, wie ein schwedisches Sprichwort sagt: Scheidewasser auf alles goß, sind unsere Kunstrichter so witzig und subtil geworden, daß sie von den guten Geisteswerken zuerst das Gute abschaben, und dann eine Glasur von sublimirten Phantasien darüber giessen, um zu zeigen, daß ein Ding darum nicht gut sey, weil es nicht ein anderes Ding, nicht das ist, was es unter ganz andern Umständen seyn könnte. Wenn Bürger, im Drange seiner Schicksale, in dem Ausdruck seiner individuellen Empfindung, einer Molly Gedanken und Gefühle vorsingt, die für keine Daphne oder Cidli gepaßt hätten, so will der Idealisirer nicht damit zufrieden seyn, daß er nicht lieber einer Daphne oder Cidli etwas vorsinge, was sich für keine Molly geschickt hätte.“

 

1793

Schubart, Christian Friedrich Daniel. Schubart´s Leben und Gesinnungen. Zweiter Theil. Hg. Ludwig Schubart. 1793.  Digitalisiert von Google.

“[S. 111] Der Geschmack der Deutschen an der Operette ist seitdem noch weit allgemeiner geworden. Noch immer aber nimmt man es mit dem Text so wenig genau, daß man dem Dichter die unverzeihlichsten Schnizer, die anstösigsten Zoten vergibt, wenn nur der Tonsezer den undankbaren Stof zu beleben - oder auch nur das Ohr der Hörer zu kizeln wußte. Wann werden wir Deutsche einen Metastasio erhalten? So sehr sich unsre Sprache gegen diese zarte weiche gelenkvolle Dichtungsart zu sträuben scheint; so laut fordert der Geschmak des Zeitalters einen solchen Mann; und so auffallend hat es Meister Bürger durch seine Sonnette bewiesen, daß die Sprache Luthers - die wiederhallt im Felsengebirge - doch auch der zartesten Biegsamkeit, der lieblichsten Melodie fähig sei.”

 

1793

Lambrecht, Matthias Georg. Hirngespinste. Ein Lustspiel in vier Aufzügen. o.O. Digitalisiert von Google

[S. 8] Clementine: So ist der Romanenheld, der Innbegriff aller Vollkommenheiten fix und fertig! - Wüßte ich doch, wo der Phönix lebte, ich entschlösse mich zur zweyten Ehe. - Apropos: weißt du nicht, ob Bürger schon Nachricht erhielt, wo Weinsberg liegt? “

 

1793

Löbel, Renatus Gotthelf. Über Bürgers Ballade Die Entführung. In: Grundsätze der Kunst zu übersetzen, ein Versuch; aus dem Englischen; mit Rücksicht auf teutsche Muster bearbeitet. Leipzig

“[S. 93] Ueberhaupt je mehr ein Werk vortrefflich, original und einzig in seiner Art ist, desto weniger Freiheit darf sich der Uebersetzer im Verschönern desselben erlauben. Ein solches Werk wollen wir ganz getreu dargestellt sehen; selbst die kleinen Flecken desselben haben einen gewissen Reiz für uns, wie das Grübchen in der Wange des Mädchens für ihren begeisterten Liebhaber.
   Alles dieses bezieht sich jedoch blos auf Uebersetzungen, im eigentlichen Sinne des Wortes, aber nicht auf freie Bearbeitungen, bei welchen Verbesserungen, die bei Uebersetzungen meistentheils fehlerhaft sind, dem Urheber derselben zum Lobe gereichen. Ein vortreffliches Muster der letztern Gattung ist die Bürgerische Bearbeitung der englischen Romanze: The child of Elle. So viele Schönheiten auch das englische Original besitzt, so ist es doch erst unter den Händen des deutschen Dichters, das vortreffliche Muster von poetischer Handlung worden, aus welchem Engel die Gesetze für diesen Zweig der Dichtkunst entwickeln konnte, so wie es unter demselben ungemein an Lebhaftigkeit der Darstellung und an poetischem Ausdruck gewonnen hat. Es kann dem Leser nicht anders als angenehm seyn, die deutsche Ballade in dieser Rücksicht mit der englischen zu vergleichen; ich habe daher beide neben einander gestellt, und einige Bemerkungen hinzu gefügt, welche ein jeder mit eigenen zu vermehren Stof gnug finden wird.

[S. 117] Anmerkungen.

1) Im Deutschen ist der Anfang dieser Romanze weit lebhafter und dichterischer, als im Englischen. Statt, wie der englische Dichter, mit der Beschreibung der Wohnsitze der beiden Liebenden anzufangen, versetzt uns der deutsche sogleich mitten in die Handlung, und zeigt uns den jungen feurigen Ritter, wie er von traurigen Ahndungen befallen, sein Pferd satteln läßt, um im Freien sich Luft zu machen. Daß das Schloß des Ritters dem Schlosse des Vaters seiner Geliebten gegenüber gelegen habe, (s. den 1. Vers des englischen Originals) dieses verschweigt uns der deutsche Dichter; allein, so vortrefflich es auch ist, daß er seine Erzählung nicht mit dieser Beschreibung anfängt, so glaube ich doch auch, daß diese Nachricht nicht ganz hätte übergangen werden sollen. Es kommen in der Romanze selbst zu viele Umstände vor, welche blos durch die Nachbarschaft beider Wohnsitze erklärt werden können, und es wäre daher vielleicht, für die Deutlichkeit des Ganzen, besser gewesen, diese Nachbarschaft anzuzeigen, als sie blos errathen zu lassen. - Die Unruhe und Besorgnis des Ritters, im ersten Verse der deutschen Ballade, ist ein glücklicher Zusatz des deutschen Dichters. Um uns den Empfindungen, welche in einem Gedicht herrschen, ganz und ungestört zu überlassen, wird eine gewisse diesen Empfindungen analoge Stimmung der Seele erfordert; in diese Stimmung muß uns der Dichter, welcher auf uns wirken will, so früh als möglich zu versetzen suchen. Herr Prof. Bürger thut dieses mit vieler Einsicht, indem er den Ritter, und mit demselben zugleich den Leser in die Ahndung einer trüben Zukunft versetzt, und uns auf diese Art auf die folgenden Ereignisse vorbereitet.

2) Daß der Vater der Geliebten des Ritters in der deutschen Bearbeitung redend eingeführt wird, (im Englischen werden seine Drohungen gegen die Fräulein blos erzählt) erhöht unstreitig die Lebhaftigkeit der Erzählung; nur scheint der Verstand, daß eine redend eingeführte Person wieder eine andere redend einführt, dem Leser, welcher die deutsche Ballade zum erstenmal liest, in eine kleine Verwirrung und Ungewißheit zu versetzen; er geräth bei den Worten: Mord! - flucht er laut usw. leicht auf den Gedanken, daß der Ritter der Zofe ins Wort falle.

3) Der englische Dichter macht uns gleich anfangs mit der Ursache bekannt, warum sich der Vater des Fräuleins so sehr wider ihre Verbindung mit dem Ritter sträubte:
     And aye she laments the deadlye feude
     Betweene her house and thine.
Der deutsche hingegen verschiebt dieses bis zu Ende der Entwicklung. Ich finde in diesem Aufschub wahre Weisheit, und eine trefliche Bestätigung der Horazischen Verse:
    cui lecta potenter erit res,
    Nec facundia deseret hunc, nec lucidus
              ordo
    Ordinis haec virtus erit et venus, aut ego fallor,
    Ut iam nunc dicat, iam nunc debentia dici
    Pleraque differat et praesens in tempus omittat.
Es verstärkt unsre Theilnahme an dem Schicksale und den Gefahren der beiden Liebenden, besonders der Fräulein, ungemein, wenn wir den Vater der Fräulein, bis ans Ende der Entwicklung, blos als einen harten unbiegsamen Mann kennen lernen, und seinen unglücklichen Starrsinn durch nichts zu entschuldigen wissen. Es ist der sehnlichste Wunsch jedes Vaters, seine Verbindungen durch seine Kinder gleichsam fortgesetzt zu sehen; und Familienhaß ist gewiß eine große Entschuldigung für einen Vater, um sich der Verbindung seiner Tochter mit der gehaßten Familie zu widersetzen. - Am Ende der Entwicklung hingegen, wo sich der Vater der Fräulein mit uns aussöhnt, und bis wohin Herr Prof. Bürger diesen Zug verspart hat, thut er vortrefliche Wirkung, um diese Aussöhnung zu beschleunigen, und desto herzlicher zu machen.
  
3) Diese Entbietung der Vasallen ist ein Zusatz des deutschen Dichters. In der englischen Ballade erscheinen die Vasallen am Ende auch auf das Blasen des Ritters, aber der Leser wird auf diese Szene im geringsten nicht vorbereitet. Die Erscheinung derselben hat daher in dem englischen Original etwas Auffallendes und Unwahrscheinliches, welches durch die frühzeitige Erwähnung der Nachbarschaft beider Schlösser höchstens gemildert, aber nicht getilgt wird. Es bedurfte erst dieser Vorbereitung des deutschen Dichters, um der Einmischung der Vasallen den Grad von Schönheit zu ertheilen, welche Herr Engel, in einer nachher anzuführenden Stelle, in derselben auseinander setzt.

4) Irr ich nicht, so ist in der deutschen Romanze die Beschreibung des Zustandes der Fräulein vor der Erscheinung des Ritters, ihrer Lage angemessener, als in der Englischen.

5) Horch, Liebchen, Horch! - u.f.f. diese Vorbereitung auf das Folgende, wo die Flucht der beiden Liebenden verrathen wird, gehört ebenfalls dem deutschen Dichter. Und wenn es nicht geleugnet werden kann, was Diderot behauptet, daß jede Szene doppelt würke, wenn sie vorher gehörig vorbereitet worden, so hat Herr Bürger sein Original unstreitig verschönert.

6) Welch ein meisterhaftes Gemälde ist in dieser Strophe enthalten! Im Englische steht blos:
     Wher she was aware of her father men
     Come galopping over she downe.
Diese Erweiterung ist über dieses noch deßwegen schön, weil sie eine ähnliche Vorbereitung enthält, wie diejenige, auf welche ich den Leser in der vorigen Anmerkung aufmerksam gemacht habe.

7) A knight me gott, and a lady me bore,
  So never did none by thee.
Diese beiden Verse sind in der deutschen Beabeitung weggelassen worden, und, wie ich glaube, mit Recht. Sie enthalten gewissermaaßen eine Rechtfertigung, welche sich der erzürnte Ritter gegen seinen Nebenbuhler wohl schwerlich erlaubt haben möchte. Nur dem Vater seiner Geliebten kann er Rechenschaft von seiner Familie schuldig zu seyn glauben, und diesem legt er sie auch nachher ab.
   ´Eins aber [...] sehr angenehme Art und Erwartung.´ Engels Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten, !. Theil, S. 264.

[S. 125]
8) Nur eins ist es, was mein Gefühl in der deutschn Romanze beleidigt: dieses Bild von der Feueresse. Ich leugne hiermit nicht, daß dieses Bild oft sehr glücklich gebraucht werden könne, allein für den Vater der Fräulein, welcher sich alsbald unsre Hochachtung und Liebe erwirbt, scheint es nicht edel genug zu seyn. Auch läßt der deutsche Dichter den Alten blos von Zorn aufglühen; im Englischen hingegen empfindet er zugleich auch Schmerz, ein Gefühl, das ein solcher Vater in einer solchen Lage unmöglich verläugnen kann.

9) Wer an einem Beispiele sehen will, was es heißt, Poesie in Poesie zu übersetzen, der vergleicht diesen und den folgenden Vers mit dem englischen Originale.

10) So wie die deutsche Romanze in Rück[?] auf die Lebhaftigkeit der Darstellung überhaupt vor der englischen den Vorzug verdient, so verdient sie ihn auch in Rücksicht auf die Lebhaftigkeit des Sylbenmaaßes. Das Sylbenmaaß in der englischen ist zu eintönig, um die Empfindungen, welche in diesem Gedicht herrschen, gehörig auszudrücken.“

Löbels vollständiger Beitrag mit dem englischen und dem deutschen Text in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1793

Ramdohr, Friedrich Wilhelm Basilius von. Charis oder Ueber das Schöne und die Schönheit in den nachbildenden Künsten. Erster Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 281] Wer mit der Geberde eines Erschrockenen plötzlich vor mich hintritt, der macht gleich; er überzeugt mich von dem würklichen Daseyn eines Erschrockenen, ja! er schaft nützlich: ich nehme wahren Antheil an seiner Lage, ich suche ihm zu helfen. Wer mir hingegen zu erkennen giebt, daß er die Geberde nur so annehme, der ahmt nach. Wer mir die Veranlassung zu diesem Schrecken als ein würkliche Begebenheit erzählt, und mich dadurch zur Theilnahme auffordert, der macht gleich, und schaft nützlich. Wer mir aber Bürgers Leonore mit dumpfer holer Stimme vordeclamirt, und schreckhafte Bilder in meiner Seele erweckt, der rechnet darauf, daß ich um der Erkenntniß gewisser sinnlichen Merkmahle der Zweckmäßigkeit, und um der gleichen Wirkung willen, die er auf mein wollendes Wesen hervorbringt, ihm das würkliche Daseyn und die würkliche Brauchbarkeit der Folgen dieser Wirkung schenken werde, der schaft nach. “

 

1793

B-r. Rez. Unterhaltungen in Abendstunden, Vaterlands Töchtern geweiht, München 1792. In: Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung, 23. Jäner, Salzburg. Digitalisiert von Google

“Das zweyte Heft enthält mehrere Erzählungen und Aufsätze über Tugend, über Glück, über Erziehung; das Gedicht: Friedrich und Wilhelmine, ist ganz, wie das Sprüchwort sagt, Vogel mit fremden Federn geschmückt; und wem fällt bey solchen Zeilen:
   Fahr hin, fahr hin, auf ewig hin,
   Für mich bist du verloren!
   -
   Ach wär ich nie gebohren!
   -
   Er war mit Kaiser Josephs Macht
   Gezogen in die Türkenschlacht,
   Und hätte gern geschrieben,
   Wär er gesund geblieben.
   Einst gieng es Außen trap trap trap,
   Wie von des Roßes Schritten u. s. w.
nicht Bürgers Lenore ein, aus der sie so treulich abgeschrieben sind; daß, wenn man Bürgern in seinem Leben nur einmahl gelesen hätte, man sich hier bey der schlechten Copie an das gute Original erinnern möchte.“

 

1793

Hans Carl von Ecker und Eckhoffen. Dritter Brief. In: Ferdinand-Alcides Herzog zu Braunschweig und Lüneburg. Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 40] In der That, Freund, ich wette darauf, daß die Journalisten und die Apostel der Aufklärung, welche das Sans-Culotten-Fieber einimpfen, noch zuletzt den Deichbruch, den die Elbe wüthet, der Herrschelei der Adelichen, als ihr Werk anrechnen werden. Das größte Verbrechen der Edelleute ist, daß sie Adelich geboren sind.
        Wenn dich die Lästerzunge sticht,
        So laß dir dies zum Troste sagen:
        Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
        Woran die Wespen nagen. “

 

1793

Löffler, Gustav. Des Pfarrers zu Aichhalde Ritt von zehen Meilen, Dritter Theil, Tübingen. Digitalisiert von Google

“[S. 92] Ein haaresträubender Fluch scholl hinter mir drein und ich flog mit erneuerter Anstrengung. Die Stimme schien mir nicht neu; allein izt hatte ich nicht Musse, näher zu untersuchen, warf mich vollends den Hügel hinunter und erhaschte, am jähen Strohmufer meine Beute beym flatternden Gewand. Umsonst! schon hatte sie den Sprung gefaßt, der Sturz, Gewalt und Schwere rissen sie mir aus der Hand und sie lag in den Wellen. —

   Eilftes Kapitel.
Fortsezung: Ahndungen!
   „Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!"
       Bürgers Lenore.
Aber im nehmlichen Augenblik ich auch! Es war wohl Vorsaz, daß sie sich im geringsten nicht bewegte, um schneller unterzusinken? oder war es Ermattung?”

 

1794

Wk. Rezension Einige Hexenscenen aus Shakespear´s Macbeth, nach Bürgers Verdeutschung in Musik gesetzt und fürs Clavier ausgezogen von Johann Friedrich Reichardt. In: Allgemeine deutsche Bibliothek. Des hundert und siebzehnten Bandes erstes Stück. 1794. Digitalisiert von Google.

“[S. 70] Die rufende Stimme hinter dem Theater - wie schrecklich, und wie eingreifend!! Das Allegretto der Altfrau, mit immer zunehmender schnellern Bewegung, zeugt ebenfalls von dem großen Genie des Componisten. Zuletzt ein Allegro di molto, worin die nachstehenden, von Bürger meisterhaft in das Deutsche übersetzten Worte beynahe mehr gesprochen, als eigentlich gesungen werden:
 Erste Hexe.   Dreymal hat der Kater miaut!
 Zweyte Hexe.  Dreymal schrie das Leichhuhn laut!
 Dritte Hexe.   Dreymal hat der Frosch gekäkert,
             Und der schwarze Bock gemeckert!
             Urian ruft: ´s ist Zeit jetzunder!
 Erste Hexe.   Trippelt, trappelt, Tritt und Trott
             Rund um unsern Zauberpott!
             Werft hinein den Hexenplunder!
-----------------------------------------------------
 Alle drey.     Lodre, brodle, daß sich's modle!
            Lodre, Lohe! Kessel, brodle! ”

 

1794

Anonym. Rezension Musenalmanach Göttingen 1794. In: Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freyen Künste. Zwey und funfzigsten Bandes Erstes Stück.

“[S. 116] Gewiß ist allen unser Lesern die Königinn von Golconde, wenigstens dem Namen nach. und den mehresten auch wohl aus der Erzählung des Ritter Boufflers bekannt. Die reizende Prose dieses liebenswürdigen Schriftstellers ist hier von Hrn. Bürger in fließende Verse verwandelt.
    Wenn wir diese Arbeit als ein für sich bestehendes Werk, ohne Rücksicht auf die Vergleichung mit dem Originale betrachten, so finden wir, ausser dem Reize der Erfindung, im Ganzen Leichtigkeit und Laune; im Einzelnen, viele ausnehmend runde und glückliche Verse. Der Ausdruck ist an vielen Stellen natürlich und ungesucht; er ist es ganz vorzüglich da, wo er diese Eigenschaften am schwersten behauptet, in der Erzählung geringfügiger Umstände. Es würde uns schwer fallen, unter den den glücklichen Versen eine Auswahl zu treffen, und wir überlassen es dem Geschmacke unsrer Leser, sie aufzusuchen. - Auf der andern Seite aber fällt in einzelnen Stellen eine gewisse Weitschweifigkeit in Gedanken und Worten auf. Der Dichter scheint seinen Gedanken bisweilen herbeyzuziehn; er verabsäumt es nicht nur, den Ueberfluß zu beschneiden, sondern er läßt ihn, um dem wirklich Zweckmäßigen einen Platz zu verschaffen, entstehn; und bey diesem Fortspinnen durch Reime und müßige Verse, drängt sich dem Leser die Ahndung von Zwang und Fesseln auf, welche das Original dem Uebersetzer angelegt habe.

[S. 119] Bey einer Vergleichung mit dem Originale, zu welcher man in dem gegenwärtigen Falle um desto mehr veranlaßt wird, je genauer sich Herr B. an die Gedanken und Worte desselben angeschmiegt hat, erscheint der deutsche Dichter in einer sehr weiten Entfernung hinter dem französischen Prosaisten. Wenn der letztere in dem anständigen, immer gleichgehaltnen, muntern Tone eines Mannes von Welt und erprobten Geschmack, mit eben so viel Witz als Gefühl erzählt, kein Wort zu viel oder zu wenig sagt, und sich von aller Prätension so vollkommen frey zeigt, als der gute Gesellschafter seyn muß, wenn er gefallen will; so herrscht in der Erzählung des erstern dagegen eine auffallend Ungleichförmigkeit, bisweilen ein Mangel an Anstand und Feinheit, bisweilen ein ton goguenard, bisweilen eine allzugroße Nachläßigkeit, bisweilen ein allzusichtbares Bestreben, munter und unterhaltend zu seyn. Die Anmuth des Originals ist in der Uebersetzung verschwunden, so wie manche glückliche Wendung übergangen ist.”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1794

Lichtenberg, Georg Christoph 

„Herrn Amtmann Bürgers Ballade Frau Schnips ist eine der besten, die ich in meinem Leben gelesen habe. Allein mit dem Bekanntmachen, das ist nun so eine Sache, und mit dem nicht Bekanntmachen auch…. Und doch, hols der Henker! Darf man so etwas nicht ungedruckt lassen, das uns allen Ehre machen kann…. Nur das mußt Du dem Herrn Amtmann sagen, in meinem Namen, dass, wenn er sie bekannt macht, er wahrlich lieber die Zeiten ändern soll als eine Zeile darin!“

„Ich habe sein Begräbnis durch das Perspektiv mit angesehen…. Das Abnehmen vom Wagen konnte ich unmöglich mit ansehen, und ich musste mich entfernen. Es begleitete ihn niemand als Prof. Althof mit farbigem Kleide, Dr. Jäger und des Verstorbenen armer Knabe. Ich hätte nicht gedacht, dass das, was mich in den drei oder vier letzten Jahren so oft an Bürgern geärgert hat, bei dem soeben beschriebenen Auftritt kein geringer Trost für mich werden könnte: nämlich, dass er größtenteils an seinem Unglück selbst schuld war; vielleicht ganz allein.“

 

1794

Hartmann, Carl Ludwig (Hg.). Gedichte von G. A. Bürger (Rec. in d. allg. Lit. Zeit. Nr. 13 u. 14. 1791.) In: Revision kritischer Journale und Zeitungen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 77] Manche Sünde gegen den gereinigten Geschmack erlaubte sich Bürger allerdings, und der Rec. hat ganz Recht, wenn er ihm dies vorwirft. Dagegen aber sind auch manche Behauptungen des Rec. entweder ganz oder zum Theil unrichtig, oder - wenn sie richtig sind - doch wenigstens so schwankend und unbestimmt ausgedrückt, daß man ihren Sinn nur errathen kann. Nirgends aber ist die größte Präcision nöthiger, als in einer Recension.
     Gleich im Eingange, der von der Dichtkunst überhaupt handelt, findet man hingeworfne Gedanken, die höchstens halb wahr sind. ´Bei der Vereinzelung und getrennten Wirksamkeit unserer Geisteskräfte, die der erweiterte Kreis des Wissens und die Absonderung der Berufsgeschäfte nothwendig macht, ist es die Dichtkunst beinahe allein (?), welche die getrennten Kräfte der Seele wieder in Vereinigung bringt, - welche gleichsam den ganzen Menschen in uns wiederherstellt. Sie allein (??) kann das Schicksal abwenden, das traurigste, das dem philosophirenden Verstande wiederfahren kann, über dem Fleiß des Forschens den Preis seiner Anstrengungen zu verlieren, und in einer abgezognen Vernunftwelt für die Freuden der wirklichen zu ersterben.´
    Wir überlassen es dem Leser, was er von der Bestimmtheit einer Recension, die mit solchen Sätzen anhebt, erwarten wolle.
    Von ähnlicher Unbestimmtheit sind auch die vorkommenden Uebertreibungen. Nach S. 101 nöthigte die Lesung der Bürg. Gedichte dem Rec. das Urtheil ab: daß der Geist, der sich in diesen Gedichten darstellt, kein gereifter, kein vollendeter Geist sey, daß seinen Producten nur deshalb die letzte Hand fehlen möchte, weil sie ihm selbst fehlte. Und S. 98: ´Der höchste Werth eines Gedichts kann kein andrer seyn, als daß es der reine vollendete Abdruck einer intressanten Gemüthslage eines intressanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen.´ Der Rec. verlangt also, daß der Geist eines Dichters oder anderer Virtuosen in einer schönen Kunst ein vollendeter Geist seyn soll. Alsdann darf sich kein Sterblicher unterfangen, irgend ein Werk der schönen Künste produciren zu wollen. Denn ein endlicher Geist kann nie ein vollendeter seyn. Wir wissen es wohl, daß sich das, was der Rec. sagen will, entschuldigen läßt, wenn man es mit den Worten so genau nicht nimmt; die Rede ist aber von dem, was er wirklich sagt. 

[S. 79] Diesen Begriff [Idealisirkunst] vorausgesetzt, ist es unläugbar, was der Rec. S. 105 sagt: daß sich ohne Idealisirkunst kein Dichter denken läßt. Wer aber kann es dann zusammen reimen, wenn derselbe Rec. S.105 diese (von ihm beschriebene) Idealisirkunst bei Bürger vermißt, und ihn dann doch einen Dichter nennt, mit dem alle jetztlebenden vergeblich um den lyrischen Lorbeerkranz ringen (S. 109), von dessen Gedichten sich unendlich viel Schönes sagen läßt, und dessen Produkte zum Theil einen unerreichbaren Werth haben (S. 109, 107)!

[S. 80] In den andern Vorwurf aber, welcher die von Bürger dargestellten Gemüthsbewegungen häufig zu individuel findet, und verlangt, daß sie allgemeiner seyn sollen, können wir nicht mit einstimmen. Denn a) [...] b) [...] c) [...] d) [...].

[S. 88] Aus dem allen ist einigermaßen begreiflich, wie die Vollkommenheit eines lyrischen Gedichts dadurch vermehrt werden kann, daß der Dichter die Leidenschaft selbst empfindet, die er besingen und darstellen will. Ursprünglich waren auch die lyrischen Gedichte gewiß nichts anders, als Ergießungen einer wirklich vorhandenen Leidenschaft; so wie man noch täglich wahrnehmen kann, daß manche Gemüthsbewegungen den Söhnen der Natur eine hinreißende Beredtsamkeit geben; ingleichen, daß auch vortreffliche lyrische Dichter bei den sogenannten Gelegenheitsgedichten oft matt und frostig sind, weil sie, zumal wenn sie im Namen eines andern reden, oft die Leidenschaft nicht empfinden, die
das Gedicht ausdrücken soll. Daher sagt man auch ganz recht, der lyrische Dichter müsse sich wenigstens in die Leidenschaft zu versetzen wissen, die er besingen will. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1794

Anonym. Die Wundernächte. In: Scherflein zur Menschenkunde. Frankfurt. Digitalisiert von Google

“[S. 59] Nun war ich allein und meinen Phantasien überlassen. Jenny war wieder mein erster Gedanke: Vielleicht ist sie dennoch auf den Gottesacker gekommen, wie ich mich schon von Furcht und Kälte hatte vertreiben lassen; was mußte ich nun in ihren Augen scheinen; mein einziger Wunsch war, sie nur allein zu sprechen. Ich wollte ihr schreiben; aber nichts war dazu vorhanden. Unwillkührlich stand ich am Klavier und hatte mich im Phantasieren in Bürgers Leonore verirrt. “

 

1794

Beil, David. Liebe um Laune. In: Sämmtliche Schauspiele, Zweyter Band. Zürich und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 121] Fräulein. Man weiß auch, wies bey der sogenannten großen Welt hergeht. Ist darum alles wahr?
       Dales. Nu, ich hoff es nicht zu erleben.
       Fräulein (singt in der Zerstreuung). Durch Nacht und Dunkel komm´ ich her, zur Stunde der Gespenster -
       Dales (ärgerlich). Immer Gespensterhistörchen oder Mordgeschichten! “

 

1794

Beil, David. Siebenter Auftritt. In: Die Familie Spaden, Zürich und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 35] Geh. Räthin. (stützt sich auf ein Schulter) Verzeih, redlicher Junge! - (Schwach hingeworfen) A propos, die Magd hat Ihnen doch gestern in der Dämmerung das Friccasse mit dem alten Huhn noch überbracht?
Brause (schnappt dankbar nach der Hand) Pünktlich, meine Gnädige! Ich darf wohl mit Recht sagen - ich verschlangs - Ich weiß nicht, ich fühlte mich den ganzen Tag, wegen Schwäche des Unterleibes, so düster, so melankolisch! Ich genoß aber das überbrachte, und befinde mich nun wieder wie neugeboren - wie neugeboren.
Geh. Räthin (mit einem Händedruck) Das freut mich - aber wenn ich Ihnen nun sage, mein lieber Brause, daß diesmal eine kleine Unvorsichtigkeit von Ihnen Schuld an meinem fieberhaften Echauffement ist.
Brause. Ich bin trostlos! Sprechen Sie!
Geh Räthin. Daß es Vorsatz von Ihnen war, ein Geschöpf mit Ideen zu ängstigen, das - man kann für nichts schwören - sich vielleicht in der Lage der Pfarrers Tochter von Taubenhain befindet, mag ich nicht glauben. Genug, unser Minchen war von dieser Ballade so ergriffen, daß mich ihre Thränenfluth nicht nur um mein Deshabille bringt -
Brause. Schrecklich!”

 

1794

Anonym. Die Wunder-Nächte. In: Scherflein zur Menschenkunde, Frankfurt und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 59] Nun war ich allein und meinen Phantasien überlassen. Jenny war wieder mein erster Gedanke: Vielleicht ist sie dennoch auf den Gottesacker gekommen, wie ich mich schon von Furcht und Kälte hatte vertreiben lassen; was mußte ich nun in ihren Augen scheinen; mein einziger Wunsch war, sie nur allein zu sprechen. Ich wollte ihr schreiben; aber nichts war dazu vorhanden. Unwillkürlich stand ich am Klavier und hatte mich im Phantasieren in Bürgers Leonore verirrt. Lebhafter wurde meine Phantasie und im Halbschatten schwebten ihr die Bilder aller Geistergeschichten vor: Das herzliche Kopfschütteln der Magd, das Verschwinden des Franziskaners, das Schweigen des Alten über diesen Vorfall, und — ich schämte mich weiter zu träumen, zog mich schnell aus und gieng ins Bette.”
 

1794

Anonym. Silhouetten aus dem schwarzen Orden, Frankfurt. Digitalisiert von Google

“[S. 179] Schade, daß ihre Stimmen so wenig entschieden; sonst möchten bald alle Akademien Deutschlands das fatale Schiksal der aufgehobenen Klöster im Oesterreichischen und andern Staaten gehabt haben. Der übrige Theil des Tags verstrich unter traulichen Gesprächen. – Minchen spielte und sang Bürgers Leonore mit unnachahmlicher Kunst – sie war überhaupt ein trefliches Weib, und die Schildung ihres Gatten nur eine schwache Skizze ihrer eigenthümlichen Reize.”
 

1794

Anonym. Schauspiele und Gemählde von Karl Reiner. In: Oberdeutsche allgemeine Litteraturzeitung. 10. September Digitalisiert von Google

"Rec. räth Hrn. R. aufrichtig, an Bürgers Spruch zu denken, wenn er ja wieder in die Versuchung kommen sollte, dichten zu wollen:
   Doch ihr, Kunstjüngerlein !
   Mögt meine Melodeyen
   Nur nicht flugs nachlalleyen.
   So leicht lallt sichs nicht, nein.
   Beherzigt doch das Dictum:
   Cacatum non est pictum."

 

1795

Haschka, Lorenz Leopold. An die Nachtigall. In: Magazin der Kunst und Litteratur. Juli, August, September.

“An die Nachtigall.
Im Julius, 1795.

     Tale tuum carmen nobis, diuine Poeta !
             Virgilius

Willkomm, willkommen, liebliche Sängerinn !
Verließt du darum deiner Gespielen Hain,
  Und bautest dich in dieser Aesche
   Wipfel zunächst hier bey meinem Fenster;

Daß du mit deiner zaubrischen Kehle mir
Das Ohr ergötztest, und mein zerrißnes Herz
  Durch deinen Flötenton erlabtest ?
   Ach, von den Zungen der Stadt zerrissen!

Dein schmelzend Lied hallt fort: und sie gehen zu
Die Wunden meines Herzens; sie schließen sich.
  Ihr bösen Zungen, ich vergeb´ euch:
   Friede mit jedem, so mich beleidigt !

Dank dir, und Preis dem, der dich geschaffen hat
Aus einem Hauche seiner vergnügten Brust,
  Da er den Himmel und die Erde
   Machte, und sah, daß es alles gut sey !

Wie ? oder bist du eine Verwandlung nur,
Wie mit der goldnen Hüft´ einst der Mann *) gelehrt ?
  Bist du die Seele eines Menschen,
   Eines, der schmachtet´, und nun erlöst ist ?

Bist du die Seele Bürger´s, der sanft und stark
Mit seiner Leyer wider das Schicksal stritt ?
  Ein ehern Schicksal, das den edeln
   Streiter doch endlich zu Boden drückte !

Bewundert, wo er nicht war; gequälet, wo
Er war; an Brod´ und Ehre gekränkt; ja, selbst
  Vom Weibe seines Betts verrathen,
   Sogen ihm Kummer und Noth das Mark aus !

Griff eines kleinen, hämischen Meisterers
Verwegne Krallen-Pfote doch neulich erst
  Nach seinem schwer verdienten Lorbeer-
   Kranze **), dem einzigen Gut des Armen !

Den eine ganze, mächtige Nation
Einmüthig seiner Kunst um die Schläfe wand !
  Denn sagt, (dich frag´ ich nicht, du schnöder
   Meisterer !) aber, ihr Kenner, saget !

Wo ward ein Dichter jemahls so allgemein
Gefeyert, wie es Bürger uns Deutschen ward ?
  Homer nicht, Flaccus nicht, nicht Milton
   Wurden im Leben so hoch geachtet !

Und dennoch schrie oft laut die Verzweifelung
Aus ihm in bitterm, grimmigem Scherz´ heraus,
  Beschlossen hab´ er, aus der Welt sich,
   Eh´ er dann bettle, hinaus zu hungern !

Doch Göttin Febris ***) wahrte ****) sein Vaterland
Vor diesem Brandmahl: weinend sie selber, brach
  Und legte sie den stolzen Baum, voll
   Früchte, in Mitte der Reife nieder !

Verstummt ist also unsers Volks Liedermund;
Ersticket seines Herzens stets rege Gluth;
  Schon schwelgt der Wurm an seinem Haupte,
   Welches von Welten und Welten strotzte !

Nun da sein Glanz die Schieler nicht weiter brennt,
Nun klimpern sie im Reiche die Hällerchen
  Zusammen, durch ein gleißend Steinchen
   Seiner noch unter der Erd´ zu spotten;

Und ihrer Selbstsucht Kinderkopf über ihn
Vier Fuß hoch aufzurecken zur Ewigkeit. . .
  O Nachtigall, o Nachtigall, mir
   Beben vor Zorn in der Hand die Saiten !

          Lorenz Leopold Haschka


**) Dieses extra-feine Meisterstück einer weisen und edeln Kritik war vor ein Paar Jahren in der allgem. Jenaer-Litteratur-Zeitung zu lesen. [die restlichen Anmerkungen im Faksimile in der ONLINE-BIBLIOTHEK]”

Haschkas An die Nachtigall in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1795

Anonym. Geheime Geschichte des Verschwörungs-Systems der Jakobiner in den österreichischen Staaten.

“[S. 35] Die heimlichen Ruhestörer unterliessen auch nicht, schon seit mehrern Jahren Gedichte und Zettel auszustreuen, die theils offenbar aufrührerisch waren, theils nur dazu dienen sollten, die öffentliche Stimmung für ihr Unwesen empfänglich zu machen. Zu Tausenden wurden solche saubere Blätter verbreitet. In allen Authoren suchten sie nach, um etwas zu finden, das in ihren Kram taugte. Von den ganz groben und tollen dieser im Dunkeln fliegenden Papiere will ich keins anführen. Nur zwey Gedichte will ich erwähnen, um zu beweisen, welchen ausserordentlichen Schaden das Genie anstiften kann, wenn es durch falsche Schwärmerey, oder durch Bosheit verleitet wird, seine Schwungkraft zum Giftmischen anzuwenden. Das erste ist von Schubart, dem ältern [Der Aderlaß]; [...].

[S. 38] Das zweyte Gedicht ist von einem der ersten und beliebtesten Dichter unserer Nation. Es ist im höchsten Grade boshaft und ein wahrer Triumph des Jakobinismus, oder wenn ihr es so nennen wollt, der herrschsüchtigen Ruhestörer, die im Verborgenen schleichen. Freylich vermißt man ihre bekannte Freyheit darinn; das Ende ist im Gegentheil so plump als möglich, allein diese Plumpheit ist mit genugsamen Talent ausgeschmückt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Im Jahre 1793, gerade als das deutsche Waffenglück am höchsten stieg, ward es in Wien ausgestreut.
     Die Todte
     Für Tugend Menschenrecht und Menschenfreyheit sterben
     Ist höchst erhabener Muth ist Welterlösers Tod!
     [...]
     Wo so ein Held erliegt, da werde Rad und Galgen
     Für Strassenräuber und für Mörder aufgestellt.

Dieses Gedicht ist von dem bekannten **, der jetzt Professor in Göttingen ist, und mit dem ich noch etwas zu reden habe.

[S. 40] Höre Mensch, der da diese Verse schriebst, du bist entweder sehr unwissend, oder sehr boshaft, oder unwissend und boshaft zugleich, welches wohl am wahrscheinlichstn.

[S. 41] o wenn du dergleichen gesehen und gehört hättest, so hoffe ich zu deinem Herzen, du würdest gern mit deinem Blute austilgen, was du da geschrieben hast, und würdest dich überzeugen, daß unsere braven Krieger, die du in deinem schmutzigen Bücherneste, vielleicht bey einer Pfeiffe Taback frevelvoll schmächst und lästerst, nicht aus Hundemuth, sondern für etwas anderes als für blanke Majestät, wie du dich auszudrücken beliebst, bluten, und fern von ihrer Heymath und ihren väterlichen Fluren, jeder Beschwerlichkeit, jeder Gefahr feindlicher Uebermacht trotzen, und jeder Annehmlichkeit des Lebens entsagen.

[S. 42] Du hast Genie; du hast Gedichte geschrieben, die obgleich meistens durch irgend eine Plumpheit verunreinigt, dennoch durch einen gefalligen Versbau und durch lebendige Darstellung den Beyfall des grösten Theils unserer Nation erhielten. Dadurch wurdest du unnennbar eitel und stolz. Es ärgerte dich, daß du nicht auch über Deutschlands Schicksal sprechen und bestimmen kannst, da du doch, gewohnt dich selbst zu vergöttern, zu den ersten Geistern Deutschlands dich zählst.

[S. 43] Willst du meinen Namen wissen? Er ist: zweymal hundert fünfzig tausend Menschen, die du gerne verschmähen, deren Muth und Standhaftigkeit du gern herunter würdigen möchtest, wenn du es könntest.”

 

1795

Heinzmann, Johann Georg. Ueber die Pest der deutschen Literatur.  Digitalisiert von Google

“[S. 448] Mir schaudert, wenn ich eine Tochter mit einem Romane in der Hand erblicke - da sie arbeiten sollte. Die ihre besten Stunden des Tages mit der Leseläden Lektür tödtet; die zwecklos alles liest, was nur immer modisch-neues erscheint, die damit buhlt, und in ihrem Herzen mehr als einmal die Schamhaftigkeit tödtet, und die sittlichen Gefühle alle zum Schweigen bringt; die sich nach und nach gewöhnt, Wohlgefallen an den recht schmutzigen Schilderungen zu finden; die einen Bürger, einen Musenalmanachsdichter [Hervorhebung K.D.] mit geiler Lust auswendig lernt, und laut hersagt, was ein gesittetes Frauenzimmer ehemals weder hören noch lesen wollte. - Auch geschieht es ganz gewöhnlich nun heut zu Tage, daß die Männer, die solche Weibchen heyrathen, Hörnerträger werden, wie es so manchem Schriftsteller schon selbst geschehen ist . - Wenn er nun in Praxi an seiner Gattin übergehen siehet, was er so unschädlich im Buchstaben glaubte!”

 

1795

Anonym. Verschiedene Nachrichten. In: Hoch-Obrigkeitlich bewilligtes Donnstags-Blatt. No. 18, Zürich, den 30. April  Digitalisiert von Google.

“[S. 212] Bey Hs Georg Nägeli an der Augustinergaß sind folgende neue Musikalien zu haben: [...]
Hartung, Frau Schnips, Ballade von Bürger. 1 fl. 36 kr.”

 

1795

Bothe, Friedrich Heinrich. Volkslieder, nebst untermischten andern Stücken. Digitalisiert von Google.

“[S. 47] 6. Der Ritter von Elle.
[...] Percy fand diese rührende Ballade in seinem Folio-Manuskript; aber beinahe nur als Fragment. Was er indeß fand, gefiel ihm so sehr, daß er die Lücken ausfüllte, und das Ganze vollendete. Solchem anspruchlosen Bemühen des vortreflichen Mannes verdanken wir also, wie Vieles andre auch, diesen schätzbaren Ueberrest des Brittischen Alterthums. Er bewundert mit Recht die ungeschminkte Herzlichkeit, die durchaus in dieser Ballade herrscht, und sein Herz wußte sich so glücklich an dieselbe anzuschmiegen, daß man seine Zusätze und Ergänzungen nicht leicht herausfindet.
Bürgers Ballade: Ritter Karl von Eichenhorst, oder die Entführung, ist mehr als Nachahmung dieses schönen Stücks, das an liebenswürdiger Einfalt diese Kopie noch übertrift.

[S. 199] 14. Graf Walter.
[...] Diese Uebersetzung einer altenglischen Ballade, bei Percy überschrieben: Child (Knight) Waters, die von Bürger herrührt, ist nicht so frei, als manche andern seiner Uebersetzungen brittischer Gedichte. Ich hatte nur die wenigen Spuren von der Verlegung der Szene nach Deutschland, und einige, nicht unbedeutende, Unrichtigkeiten zu vertilgen: um das Ganze als eine treue und geschmackvolle Nachbildung jener Ballade hier ausstellen zu können. So umgebildet, und ich wage es zu sagen, verbessert kann das Stück immer für neu gelten.
    Uebrigens gehört diese Ballade, nach Farbe und Stil, und besonders nach ihren äusserst rauhen Sitten und Karakteren zu urtheilen, unter die ältesten, die das brittische Alterthum aufweisen kann.

[S. 349] Der Mönch und die Pilgerin.
[...] Verstreut durch Shakespears Stücke sind unzählig viel kleine Fragmente alter Balladen, deren vollständige Abschriften nicht zu erhalten waren. Die pathetische Einfalt, die in vielen dieser Fragmente herrscht, reizte den Bischof Percy, einige von ihnen auszulesen, und sie, mit Hülfe weniger Ergänzungen, zu dieser kleinen Erzählung zu verbinden. Ein kleines Bruchstück nahm er aus Beaumont und Fletcher.
 Dies schöne Original der Bürgerschen Ballade: "Ein Pilgermädel jung und fein," verdient in vieler Rücksicht, neben der zwar schönen aber untreuen Kopie, seinen eigenen Platz.”

Ausschnitt aus Bothes Volkslieder in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1795

Anonym. Rez. Musenalmanach fürs Jahr 1795 Hg. J. H. Voß. In: Gothaische gelehrte Zeitungen, Acht und siebenzigstes Stück, den 26ten September. Digitalisiert von Google

“[S. 695] Nur ein Hr. Lr. erregt Aufmerksamkeit. Wenn das Gedicht an das Podagra ein sehr entbehrlicher Beytrag seyn möchte, so sind dagegen andere
Gedichte dieses Verf. desto schätzbarer, wie z. B. die Grabschrift auf Bürger, S. 243.
    Hier ruht Bürger, des Volks erkorner Liebling,
    Und Romanzenerzähler ohne Gleichen.
    Ihn las bänglich die Fürstenbraut am Putztisch,
    Ihn die ländliche Schönheit an der Spindel.
    Um so lieblicher Leserinnen willen
    Schon´, o Kritika, den du oft erzürnt hast,
    Und wirf sühnende Blumen auf sein Grab hin! “

 

1795

Lauenstein, Friedrich. Auf Bürgers Tod. In: Der Genius der Zeit. Zehntes Stück. October. Altona. Digitalisiert von Google

“[S. 129] Rinne nur herab, o Zähre,
   Auf des grossen Sängers Grab!
   Unter diesem Hügel haben
   Meinen Bürger sie begraben,
   Drum, o Zähre, rinne nur herab!

   Dank Dir, Harfner, für die Lieder,
   Für den ächten Deutschen Sang!
   Ach, wie lauscht´ ich mir Vergnügen,
   Wünschte kühn Dir nachzufliegen,
   Wenn Dein hohes Saitenspiel erklang!

    Edler Sänger, ach! auf immer
    Schweiget nun Dein holder Mund!
    Wer wird nun in süssen Weisen,
    So wie Du, den Biedren preisen,
    Und der treuen Liebe festen Bund?

    Du bist nun entflohn den Leiden,
    Bist entflohen allem Harm;
    Hast der Erde Dich entschwungen,
    Des Verdienstes Kranz errungen,
    Ruhest nun in Mollys Schwanenarm.

    Lange wird die Muse klagen,
    Die zum Liebling Dich erkohr.
    Immer wird Dein Lob erschallen,
    Und dein Nahme nie verhallen
    In der Deutschen edlem Bardenchor.
         Friedrich Lauenstein “

 

1795

Hensler, Carl Friedrich. Erster Aufzug. In: Die Marionettenbude oder der Jahrmarkt zu Grünwald. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 3] Erster Auftritt.
(Ein ländlicher Hof vor dem Wirthshaus zum goldenen Lamm. Im Hintergrund ein umzäunter Garten, der über das Gebürg auf die Heerstrasse führt. Röschen sitzt vor dem Haus, und spinnt am Rädchen, Casper sägt Holz, der Verwalter schleicht verstohlen zur Gartenthür herein.)
   Introduction.

Rösch. Schnurre, Rädchen! schnurre,
    Knurre, Spulchen! knurre!
    Mit den Fingern zart und fein
    Muß das Garn gesponnen seyn,
Casp. Knarre, Säge! knarre!
    Schnarre, schnarre, schnarre!
    Mit der Säge kurz und klein,
    Muß das Holz zerschnitten sein.
Verw. Ihres Rädchens Schnurren,
    Ihrer Spule Knurren —
    Und ihr Füßchen winzig klein,
    Ladet mich zur Liebe ein. “

 

1795

Ein Paar Blumen auf Bürger's Grab. In: MUSEN ALMANACH 1795. Göttingen bei J. C. Dieterich. (Sammlung Klaus Damert)

“[S. 240]

(1)
        Grabschrift.
Vorübergehender! Ich weiß, warum er weint;
Der Dichter, der so schön Romanzen ihm gesungen,
Der weitberühmte Freund
Von allen Mädchen, allen jungen,
Auf welche gern die Sonne scheint,
Schläft unter diesem Marmorsteine
Zu früh des Todes lange Nacht!

Vorübergehender! Wer weinen kann, der weine!
Das Lied: ´Das Mädchen, das ich meine´
Das Lied hat er gemacht!
              Gleim

(2)
        An Karl Reinhard; über Bürger's Tod.
Er ist nun jedem Druck entnommen,
Dein Bürger, den du noch beweinst.
Die Erde deck' ihn leicht; und einst,
Wenn wieder Nachtigallen kommen,
Und Lebenshauch die Blüthen küßt,
Die sich auf seinen Hügel streuen:
Dann, Reinhard, wollen wir uns freuen,
Daß er nicht ganz gestorben ist!
               Tiedge.

(3)
        Nachruf.
Lieblicher Sänger! du schläfst so früh den heiligen Schlummer;
Ach, es weinen dich Viel', unter den Vielen auch ich.
Und ich weine nicht nur den Dichter, ich weine den biedern,
Vielen Verkannten, den Freund wein' ich, o Guter! in dir.
Wenn oft über dir schwer das Schicksal lastete, decke
Leicht der kühlende Schoos heiliger Erde dich nun!
Sänger, dich liebten die Götter: sie gaben dir Böses und Gutes,
Gaben zu mancherlei Noth süßen Gesang dir in's Herz.
Du bist nicht gestorben: dein Lied lebt ewig, im Liede
Lebst du, und nimmer verwelkt unter den Enkeln dein Preis.
                  Conz.

(4)
        Sein Grab.
(Nach dem Griechischen.)

Weich umschleiche hier Efeu mit immergrünen Locken,
Weich umschleich' er das Grab, welches den Sänger verbirgt.
Sprossen soll hier das Blatt der Rose, sprossen des Weinstocks
Ueppige Rebe, die sich kräuselnd in Ranken erhebt.
Denn von der Lippe des Edeln floß hnigtriefende Rede,
Weil er den Musen lieb, lieb wie den Grazien war.
               - r -

(5)
        An die Jünglinge und Jungfrauen.
Welcher euch selber mit Fleiß ein Körbchen voll Blumen erlesen
Jedes kommende Jahr, jegliches Jahres Ertrag:
Hier verschläft er den Lenz. O, wann die Blumenzeit da ist,
Suchet auch Blumen für ihn, kränzet ihm weinend das Grab!
                       Karl Reinhard.

(6)
        Grabschrift.

Hier ruht Bürger, des Volks erkorner Liebling,
Und Romanzenerzähler ohne Gleichen.
Ihn las bänglich die Fürstenbraut am Putztisch,
Ihn die ländliche Schönheit an der Spindel.
Um so lieblicher Leserinnen willen
Schon', o Kritika, den du oft erzürnt hast,
Und wirf sühnende Blumen auf sein Grab hin!
               Lr. “

 

1795

Anonym. Zweyter Aufzug. In: Das neue Sonntagskind, ein komisches Singspiel in zwey Aufzügen, Nürnberg. Digitalisiert von Google 

Alle. Hurre! Hurre! hob! hob! hob!
Geht's im sausenden Chalop!
Ein jeder hält sein Liebchen fein,
Da heißt's: Herr Schwager haue drein!
Fasset Muth und seyd getrost
Punkto zwölf Uhr kommt die Post.”

 

1795

Schlez, Johann Ferdinand. Zwölftes Kapitel, welches von Richards musterhafter Schulzucht Nachricht gibt. In: Gregorius Schlaghart und Lorenz Richard oder die Dorfschulen [...], Erste Hälfte, Nürnberg. Digitalisiert von Google     
 
“[S. 180] Diese Zuthätigkeit zu gewinnen hielt er für gar nicht schwer. Der gemeine Grundsatz: mit welchem Maaße ihr messet, mit dem wird euch wieder gemessen, war die erste Regel von der er ausgieng, und auf deren Bestätigung der Erfolg zurück führte. Er liebte selbst seine Kinder. Das frohe Gesicht, mit dem er fast allemal unter sie trat; die väterliche Zärtlichkeit, mit der er sie behandelte; die mitleidsvolle Mine, mit der er sie strafte; die feine Schonung, mit der er bey jugendlichen Schwachheiten und in ungewissen Fällen gegen sie verfuhr; sein unermüdetes Bestreben, ihnen durch den Unterricht Freude zu machen, und das eigne Seelenvergnügen das aus seinen Augen blickte, wenn seine Schüler ihre Pflicht thaten, waren ihnen allen die untrüglichsten Beweise seiner Liebe, seiner väterlichsten Zuneigung - und
   Gegengunst, erhöhet Gunst,
   Liebe nähret Gegenliebe
   Und entflammt zur Feuersbrunst,
   Was ein Aschenfünkchen bliebe.”

 

1796

Vetterlein, Christian Friedrich Rudolf. III. Romanzen. (5.) Die Entführung. In: Chrestomathie deutscher Gedichte. Erster Band.

“[S. 384] Der Stoff ist aus einer alten englischen Ballade genommen, die sich unter der Aufschrift The child of Elle in Percys Sammlung alter englischer Volkslieder, Reliques of ancient english poetry, Vol. I. p. 109. findet. Schon dieses alte Volkslied beweist durch seinen guten Plan, seine glückliche Zeichnung der Charaktere, und den klaren, angemessenen und populären Ausdruck, daß es einen wirklich poetischen Kopf zum Urheber habe; aber wie sehr hat es doch unter der Meisterhand eines Bürger gewonnen! Durch ihn ist die Skizze zum wahren. lebendigen Gemälde geworden. Er hat den Plan des Ganzen etwas erweitert; einzelne schon vorhandene Teile, die nur schwach angedeutet waren, mit neuen Zügen ausgeführt; die Motive der handelnden Personen mit tiefer Einsicht in das menschliche Herz entwickelt; die Charaktere schärfer und genauer gekennzeichnet und besser gruppirt; und diesen Stoff durch den lebendigsten Ausdruck dargestellt. - Auch dadurch ist die Geschichte dem deutschen Leser interessanter geworden, daß die Scene der Begebenheit auf deutschen Boden verlegt, und die englischen gegen deutsche Namen vertauscht sind.
  Der Dichter hat den alten Stoff so zu behandeln gewußt, daß er bis ans Ende interessirt, und das Interesse mit dem Fortgange der Begebenheit nicht sinkt, sondern steigt.

[S. 385] Die wahre und bestimmte Zeichnung der Charaktere, die der Dichter den handelnden Personen beilegt, ist ein Hauptmittel,
 diese Unterhaltung zu bewirken.

[S. 387] Doch durch das alles würde dieses Gedicht noch nicht so vortrefflich geworden sein, wie es ist, wenn nicht Sprache und Dikzion dem Inhalte so angemessen wären. Insbesonderheit sind Klarheit und Deutlichkeit des Ausdrucks, und sodenn jenes Volksmäßige, das den guten Geschmack durch nichts niedriges und pöbelhaftes beleidigt, besondere und fast eigne Tugenden der bürgerischen Muse. Die Klarheit des Styls erreicht er durch eine kluge Befolgung des Sprachgebrauchs und des eigenthümlichen Ausdrucks; doch so daß er die üblichen Redensarten nach Erfordern, verändert, verkürzt und veredelt; auch unter mehrern gleich bekannten Ausdrücken die sinnlichern, die minder abstrakten und bestimmtern wählt; wobei ihm besonders seine Bekanntschaft mit der Sprache des gemeinen Lebens zu statten kömmt; denn er nimmt daraus zuweilen Worte und Redensarten auf, die bis dahin in der Schriftsprache nicht sehr üblich waren. - So ist z.B. bis daß er nieder dich gemacht, sinnlicher und energischer als das gemeine, bis daß er dich umgebracht, wie wirklich der Engländer statt dessen sagt: Till he had slain thee; - ausflimmern, st. verlöschen; - sich tummeln, st. eilen. Wo er aber nicht für gut findet, sich genau an den Sprachgebrauch zu halten, da ist sein Ausdruck neu, ohne affektiert, nachdrücklich, ohne schwülstig, kurz, ohne undeutlich zu sein. Z.B. er donnerte durch Hof und Haus, st. er machte darinn Lärm; er ließ die Lanze vorbei sausen, st. er schoß sie vorbei. - Doch das meiste trägt zu dieser Deutlichkeit die rechte Stellung und Ordnung der Begriffe und der successive Zusammenhang der Bilder bei, mit deren Hilfe er sie uns anschaulich macht.

[S. 389] Von dieser Klarheit des Styls, die Bürgers Gedichten eigen ist, läßt sich noch der wahre Volkston und Balladenstyl unterscheiden, der insonderheit seine Romanzen charakterisirt. Sein Ausdruck bekömmt aber, wenn ich nicht irre, diesen zweckmäßigen Anstrich von Popularität dadurch, 1) daß er sich mancher Idiotismen des Volkes bedient, die in der Büchersprache nicht gebräuchlich, aber doch nicht unedel sind; z.B. vergeben und vergessen, Gottslohn; wenns Matthä am letzten ist sc. 2) durch Anspielung auf Sprichwörter, Sentenzen und Lieblingsphrasen des gemeinen Mannes, wodurch oft in der Kürze eine Menge Ideen erweckt wird; z.B. Es schien ihn so zu plagen, als hätt´ er wen erschlagen. 3) Durch den mäßigen Gebrauch der Onomatopöie oder solcher Wörter und Laute, die durch ihren Klang die Sache bezeichnen, ohne eben in der Schriftsprache zu Bezeichnung klarer Begriffe üblich zu sein; z.B. da hophop! trarah! und durch die Aufnahme von Interjektionen oder Empfindungstönen (hoho! huy!) aus der Sprache des gemeinen Lebens, woran bekanntlich unsre Schriftsprache gar zu arm ist. 4) Durch alte Wörter; denn die versetzen den Zuhörer in alte Zeiten; 5) durch Ellipsen, und eine, wo nicht grammatisch, doch logisch richtige Folge der Worte, wie sie uns wohl im Strome der mündlichen Rede entfährt; z.B. Sie da! Gertrudens Zofe, sc. kam; - und: Vor Zorn der Freiherr heiß und roth, glich einer Feueresse, statt: Vor Zorn heiß und roth, glich der Freiherr sc. - und endlich 6) durch Vermeidung alles Schweren, Gesuchten, Studirten und Gelehrten in Ansehung der Sprache, der Bilder, der Sachen. Denn was einen hohen Grad von Kultur, von Kentnissen oder Nachdenken voraussetzt, das kann nicht populär heißen, nicht allgemein verständlich sein.

[S. 394] 10) nachgeschmissen, in das Verließ nehmlich. Diese Drohung ist freilich barbarisch, und der Ausdruck hart und gräßlich; allein die Roheit der Zeiten, die Heftigkeit des alten Ritters, seine Rachbegierde gegen Karls Familie, die sein höchstes Gut, seine Ehre gekränkt hatte, rechtfertigen den Dichter über die Wildheit dieser Drohung hinlänglich. - Da der Widerstand des Vaters das eigentliche Hindernis ist, das den Liebenden entgegensteht, und da die Situazion um desto rührernder werden muß, je mehr sie Kraft nöthig macht, um es aus dem Wege zu räumen, so thut der Dichter wohl, daß er sich den Alten so stark als möglich gegen ihre Liebe erklären läßt. Der alte englische Balladendichter hat hier nur zwei matte Zeilen:
   And wihin three days she must him wedde,
   Or he vowes, he will her slaye.
(binnen drei Tagen soll sie ihn heirathen, oder er schwört, sie umzubringen.)

[S. 404] 48) Herzenskind. Trefflich, um das englische Darling auszudrücken. Liebling wäre vielleicht genauer, wenigstens feiner; aber lange nicht so volksmäßig. Das: du Trost in alten Tagen ist ein glücklicher Zusatz, und mußte um so eher Eindruck auf den Alten machen, weil es eben jetzt darauf ankam, ob er sich dieses längstgewünschte Glück, Freude an seiner Tochter zu erleben, durch seine Härte rauben, oder durch seine Gelindigkeit verschaffen wollte.”

 

1796

Bouterwek, Friedrich. Rezension englischer Übersetzungen der Lenore. In: Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen. 158. Stück.

“[S. 1577] Das hätte Bürger, als ihm noch kurz vor seinem Tode die Kritik einiger Deutschen so böse Tage machte, wohl nicht gedacht, daß sein Gedicht, Lenore, die Schwelle zum Tempel seines Dichterruhmes, in Einem Jahre von einem talentvollen jungen Manne aus einer Lords-Familie, Hrn. Spencer, einem gekrönten Hof-Poeten, Hrn. Pye, und einem Mitgliede der Londoner königl. Gesellschaft der Wissenschaften, Hrn. Stanley, ins Englische übertragen und mit typographischem Luxus zum Druck befördert werden würde. [...] Das Englische Publicum scheint sich also wenigstens nicht schwächer, als das Deutsche, wenn gleich mit mehrerer Besonnenheit, als dieses vor zwanzig Jahren, für die Lenore zu interessieren.

[S. 1578] Drey Uebersetzungen, die ihren Verfassern Ehre machen; und in keiner von allen dreyen der Geist, der im Originale lebt. [...] Welch ein ganz anderes Ding wird doch ein Gedicht, wenn es auf eine Vorstellungsart wirkt, deren Organ eine ganz andere Sprache ist!

[S. 1579] Aber sollen wir uns deßwegen gefallen lassen, daß man die Bürgerischen von uns so genannten Balladen in die Classe versificirter Mährchen (denn das heißt doch Tale in diesem Sinne), oder, wer weiß, wo sonst? einordnen? Soll ihr Charakter altdeutscher Treuherzigkeit, der doch wahrlich nicht zur Natur des Mährchens gehört, nicht in Betracht kommen?

[S. 1580] Was man doch Neues lernt, wenn man sich von dem Nachbar erzählen läßt, wie es in unserm Hause sieht!

[S. 1581] Als Rec. diese merkwürdige Amplificirung (nicht ohne Erstaunen) entdeckte, erinnerte er sich, daß ihm Bürger einmahl erzählte, er sey öfter gefragt worden, ob denn der zweyte Theil der Lenore nicht bald herauskommen würde. Dieser zweyte Theil der Lenore ist also jetzt wirklich herausgekommen.

[S. 1583] Beygefügt ist eine gut gerathene Copie des bekannten, zur Lenore gehörigen, Kupfers von unserm Chodowiecki, aber mit einem Anglicismus, Die Reiterinn hat sich in dieser Copie entschließen müssen, der Engl. Decenz zu Gefallen ihr rechtes Bein mit dem linken auf Eine Seite des Pferdes zu bringen. [...] Auch hätte Hr. Spencer wohl nicht nöthig gehabt, seinen Landsleuten zu Gefallen Bürger´s Nahmen Bürgher und hernach Burgher zu schreiben.”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1796

Bouterwek, Friedrich. Rezension Bürgers Gedichte I. und II. Hg. Karl Reinhard. In: Göttingische Anzeigen von gelehrten Sachen. 107. Stück. 4. Julius.  .

“[S. 1065] Wenn es wahr ist - und es scheint nur zu wahr zu seyn - daß die schöne Litteratur der Deutschen sich zu ihrem Untergange neigt, so werden gewiß die Leser dieser Blätter an der Freude des Rec. Theil nehmen, der noch einmahl ein Werk des Deutschen Geistes aus derjenigen Periode anzeigen kann, die, mag denn auch der Deutsche Geschmack überhaupt in Verhältniß zu dem antiken und ausländischen seyn, was er will, künftig das goldene Zeitalter der Deutschen Kunst heißen wird. Als diese Gedichte nach und nach zuerst erschienen, nahm sie das Publicum bekanntlich mit fast ungestümem Enthusiasmus auf, und noch jetzt, da die Flamme des Enthusiasmus für das ästhetisch Merkwürdige in Deutschland so ziemlich erloschen ist, nimmt ein großer und kein verächtlicher Theil des Publicums eben diese Gedichte gegen eine Kritik in Schutz, die ihrer Seite vielleicht selbst einer Kritik bedürfte. Wie es gewöhnlich geht, wenn man des Guten zu viel thun will, so möchten auch hier wohl Enthusiasten und Kritiker den richtigen Maaßstab verfehlt haben, mit welchem Bürger's Gedichte gemessen werden müssen. Beiden, wenn sie sich unsere Vermittelung gefallen lassen wollen - was freylich viel verlangt ist -, einen friedlichen Vergleich zu erleichtern, kann diese neue Ausgabe der Bürgerischen Schriften wie ein neues Aktenstück dienen.

[S. 1067] Wenn man nun fragt: Ist denn dieser Bürger in seiner letzten Gestalt ein anderer, als der erst vergötterte, und dann wie ein Schulknabe zurecht gewiesene Bürger? so ist es zum Theil die Antwort auf diese Frage, was das Publicum mit einer strengen, aber nicht eiteln, Kritik versöhne muß. Alle Bürgerische Gedichte tragen das Gepräge einer lebendigen, nicht durch Ideen erhitzten, sondern durch den Eindruck der Natur erwärmten Phantasie. Wenn eine solche Phantasie Sprünge macht, die der Verstand nicht billigen kann, wenn sie z.B. von einer reinen Höhe sich auf einmahl in eine sehr unreine Tiefe wirft, so ist das leicht bemerkt und leicht getadelt. Aber das Bestreben, alle Fehler dieser Art zu vermeiden, den rastlosen und fast micrologischen Fleiß, den der Dichter auf jede Zeile, auf jedes Wort wandte, um seinem Gedanken Wahrheit und Reitz des Ausdrucks zu geben, blieb denen unbemerkt, die von Bürger's kritischer Strenge gegen sich selbst, seiner Bereitwilligkeit, sich belehren zu lassen, und seiner vorurtheilsfreyen Hochschätzung irgend einer andern, der seinen nicht verwandten, Manier nichts wußten. Von dieser Seite lernt man ihn durch diese neue Ausgabe eigentlich erst kennen; und jetzt erst kann man ihm auch, wenn ein Recensent sich sowas erlauben darf, den rechten Platz unter den Künstlern seines Vaterlandes anweisen. Wenn man fragt, was eigentlich denn das für ein Zaubermittel war, wodurch Bürger der Dichter alle Stände und Menschenclassen an sich zog, so entdeckt man außer dem Dichtungsgeiste, ohne den er überall kein Dichter hätte seyn können, und außer der Popularität, in der er auch nicht der einzige Meister war, in allen seinen Werken ein Studium, das unsern Rhapsoden gewöhnlich viel zu geringfügig scheint, als daß sie sich dabey aufhalten sollten, ein tiefes Studium des Geistes seiner Sprache. Eine eigenthümliche Gefülsart bahnte vermuthlich diesem Studium den Weg, und auch als Studium blieb es vielleicht für Bürger mehr Sache des reflectirenden Gefühls, als des eindringenden Verstandes. So wie in jeder Kunst und Wissenschaft nur derjenige etwas Eigenes und Großes hervorbringen kann, wer die Dinge von einer neuen Seite ansieht, so gelang es Bürger´n, der Schöpfer der Deutschen Ballade zu werden, weil er in der Sprache seiner Väter die vor ihm verborgene Fähigkeit derselben zur schönsten Darstellung des Wunderbaren und Ungewöhnlichen im Costume der alten ritterlichen Treuherzigkeit entdeckte. Was vor ihm Aehnliches in dieser Gattung da war, und Romanze hieß, war nur der Form nach dieselbe Dichtungsart. Mit dem Hurre, hurre, und Hop, hop, hop, über dessen poetischen Werth wir jetzt nicht streiten wollen, erwachte in Bürger's Seele eine ganz neue und doch dem Geist der Deutschen Sprache völlig gemäße Darstellung. Durch diese von ihm erfundene Darstellung, die sich mit allen ihren Eigenheiten in der Lenore am deutlichsten zeigt, hat er sich als Balladendichter ein Verdienst erworben, auf welches nicht jeder, übrigens schätzbare, Dichter Anspruch machen kann. Seine Poesie ist ihrem innersten Wesen nach Deutsch, wie Ariost's Poesie Italiänisch ist. Man übersetze beide, so gut man will; sie sind nicht mehr, so bald sie eine andere Sprache reden. Nimmt man dazu, daß in den Bürgerischen Balladen die Diction, sehr wenige Fehler abgerechnet, so correct ist, daß auch ein Grammatiker fast nichts
dagegen zu erinnern haben kann, so wird ein gerechte Kritik Bürger´n, dem Balladendichter, den Rang eines Deutschen Classikers nicht versagen. Aber Bürger, der Oden- und Liederdichter, wird sich freylich mit einer mäßigern Ehre begnügen müssen.

[S. 1070] Das Lied: Die Holde, die ich meine, ehemahls Das Mädel, das ich meine, erscheint nun freylich nicht mehr als Volkslied,
 aber dafür als ein so vollendetes Ganzes von Bildern der Lieblichkeit, daß es unter den Deutschen Gedichten dieser Art für eben das gelten kann, was die Mediceische Venus unter den weiblichen Statuen ist.”


Die Rezension in den Göttingischen Anzeigen in der ONLINE-BIBLIOTHEK.
 

1796

Eschke. Kleine Beobachtungen über Taubstumme. In: Berlinische Monatsschrift. Achtundzwanzigster Band: Julius bis Dezember. Dessau. Digitalisiert von Google

“[S. 129] Was man mir vorwarf, daß ich kein ernster Lehrer, sondern ein spaßhafter sei: dies, glaube ich, ist die Ursache warum es mir bei den mehresten Taubstummen glückt. Lustigkeit macht Kindern alle wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern, und der größte Taubstumme ist ohne Unterricht ein kleines Kind. Daß es auf den Spatziergängen mit meinen Taubstummen lustiger zugeht, als wenn ich wie Mamsell La Regle (in Bürgers Gedichten) einen Trupp hörender Kinder vorsichtiglich führte, ist wohl natürlich. “

 

1796

Stäudlin, Gotthold Friedrich. Ankündigung. In: Oekonomische Hefte. Sechster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[o.S.] Ich nenne von diesen größern Gedichten, die meine Leser zu erwarten haben, einstweilen eine Ballade unter dem Titel: Der Junker von Falkenstein, als Seitenstück zu Bürgers Pfarrers Tochter zu Taubenhain; eine den Name meines Vaters gewidmete Elegie; zween lyrische Stücke: Der politische Fanatismus und: Zu Bürgers Gedächtnisse; Die Verächter der Dichtkunst, eine ernste Satire und: Die Weinlese, eine schwäbische Idylle u. s. w. “

 

1796

Anonym. Schöne Wissenschaften und Poesieen. In: Neue allgemeine deutsche Bibliothek. Des sechs und zwanzigsten Bandes erstes Stück. Kiel. Digitalisiert von Google

“[S. 157] 
Frühlingsblüthen der Phantasie. Erstes Bändchen [...]
Eine Sammlung von Gedichten, und, wie die Unterschriften zeigen, von mehrern Verfassern. Auch hat der Titel das Motto:
     Wenn dich die Lästerzunge sticht,
         so laß Dir dies zum Troste sagen:
     Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
         woran die Wespen nagen.
                             Bürger. “

 

1796

Anonym. Vermischte Nachrichten. In: Intelligenzblatt der Neuen allgemeinen deutschen Bibliothek No. 24. Kiel. Digitalisiert von Google

“[S. 197] Deutsche Litteratur in England und Uebersetzungen deutscher Schriften in die Englische Sprache.

1. Bürgers Leonore. Leonora a tale translated freely from the German of G. A. Bürger; by I. T. Stanley, Esqu. London, Miller. 1796. 35 pp. mit einem Frontispiz und 2 Vignetten.
   Angezeigt Analyt. Review. April. 1796. p. 390. Der Rec. nennt diese Arbeit ein wildes Produkt der Phantasie, das durch das Motto, welches der Uebersetzer wählte, gut charakterisirt werde:
  Poetry has bubbles, as the water has,
  And these are of them.
Mehrere (nach den mitgeteilten Proben, viele) Züge des Originals sind in der Uebersetzung verlohren gegangen. Eine andre bessere Uebersetzung steht im Monthly Magazine. 1796. No. II”

 

1797

Bouterwek, Friedrich. Rezension G.A. Bürger´s sämmtliche Schriften, 3. Band, Hg. Reinhard.

„[S. 940] Dieser Band enthält nichts, als Bürger´s Verdienste um den Homer. Man darf hier wohl von Verdiensten reden. Denn ist gleich Alles, was Bürger für den Homer gethan hat, nur Fragment, so zeigt sich doch in diesen Fragmenten eine solche beharrliche Liebe zu dem alten Griechischen Barden - wirklich bey einem Deutschen Dichter schon etwas Verdienstliches - ein solches Hinanstreben nach der Vollkommenheit dichterischer Uebersetzungen, eine so richtige Beurtheilung des Homerischen Geistes, und ein so tiefes Studium der Deutschen Dichtersprache im Verhältnisse zu der Homerischen, daß schon deßwegen dieser Band Bürgerischer Schriften die günstigste Aufnahme im Publicum verdient.

[S. 942] Bey dem Allen verdiente dieser Versuch einer jambischen Uebersetzung Homer´s aufbewahret zu werden, als ein merkwürdiger Beytrag zur Geschichte unserer Litteratur. - Aber mehr als Versuch ist die nachher von Bürger angefangene Uebersetzung in Hexametern, wovon die drey ersten Gesänge zuerst im Göckingischen Journal von und für Deutschland abgedruckt wurden, und in diesen vermischten Schriften nach handschriftlichen Verbesserungen wieder erscheinen. Angehängt ist noch der zwey und zwanzigste Gesang, ganz nach der Handschrift. Auch gegen diese Uebersetzung mag der Critiker, den sein griechischer Homer verwöhnt hat, Manches mit Grunde erinnern. Aber daß keine andere Nation, so viel dem Rec. bekannt ist, sich einer so Homerischen Uebersetzung Homer´s rühmen kann, ist wohl nicht zu bezweifeln.

[S. 944] In Bürger´s Versen regt sich leider! nur zu oft ein gewisser Cynismus; aber in seinen Critiken - auch in den mündlichen, wie Jeder, der ihn gekannt hat, sich erinnern wird - trat er so leise zu, als ob er bey jeder Aeusserung befürchtete, einem Menschen Unrecht zu thun, der doch auch seine Verdienste hatte.“

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1797

Anonym. Ueber Pygmalion, Gegen eine Aeußerung des Archivs. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks. Berlin.  Digitalisiert von Google

“[S. 414] Bürger erinnerte durch seine Verse, mehr als Göckingk, an Pope, diesen großen Meister in der Verskunst, der, was Fleiß und beurtheilende glückliche Sorgfalt betrift, noch von Wenigen erreicht und schwerlich von Einem übertroffen ist.
   Bürger übertraf Pope, wiewohl nicht seine Verse. Bürgers Gedichte haben Empfindung; Popens Verse belebet der Witz. — Pygmalion! — Um die Seele war es ja dem am meisten zu thun; was der Meißel vermögte, hatte er durch geschickte Handfertigkeit lange versucht. [...]
  Wird sich nicht mancher Deutsche der mehr als einmal lieset, noch dankbar an Bürger erinnern? Und, wenn es erlaubt ist, was ihm tiefsinnig und wahr, über Ideale und Idealisiren gesagt ward (wie ein Dilettante vermag) in alltäglichen Ausdrücken zu sagen: manchen von Bürgers Gedichten wäre mehr Schönheit der Empfindung zu wünschen; aber Empfindung ist doch in seinen schönen Versen. Für diese Sinnlichkeit hier möchte ich nicht gern ein Beiwort suchen; welches es seyn müßte, ergeben nur gar zu deutlich in der folgenden Strophe die zwei Verse:
  Hingeschmiegt an einen zarten Leib
  Würde dennoch Sehnsucht ihn verzehren.
Wir hören alle gern die Liebe besingen, auch wer wenig davon empfindet; aber wenn die Begierde besungen wird: müßte die nicht etwas verschönert werden? “

 

1797

Jenisch, Daniel. Ueber die hervorstechendsten Eigenthümlichkeiten von Meisters Lehrjahren; [...]. Berlin, 1797. Digitalisiert von Google

“[S. 211] Ein Genie und ein großer Geist sind wesentlich verschieden. Einen Klopstock, einen Lessing, einen Wieland, einen Göthe, Schiller u.s.w. nennen wir mit Recht große Geister der teutschen Nation. Aber warum diesen erhabenen Namen auch einem Uz, einem Bürger, einem Dichter Jacobi beylegen? Genies in der Dichtkunst mögen sie seyn: dawider hab ich nichts. Aber man hat sehr irrige Begriffe von dem, was ein großer Geist ist, wenn man den Verfasser einer Ode, einer Elegie, eines Liebesgedichts, für einen großen Geist hält. Er kann es seyn: er kann Anlagen dazu haben: aber er ist es nicht durch seine Sammlung von Oden, Elegien, Epigrammen und Liebesliedern.“

 

1797

Cramer, Carl Friedrich. Cramer der Kraemer. oder Annalen der französischen Litteratur und Kunst. Erstes Stück.  Digitalisiert von Google.

“[S. 22] Der Dichter Bürger, nicht ohne Ursach mit Schwabacher gedruckt, [...] ,(viel von Natur wissend,) da die Andern das Vielwissen durch den Fleis zwingen. Wirklich gabs damals unter allen den grundgelehrten Doctoribus Germanicae jener Pflanzschule;( zum Beweise dass Vielwissen und Vielerkennen Zweyerley ist,) - in sofern sie sich wenigstens öffentlich äusserten, - keinen Einzigen dort, der nicht über die mächtigen Fortschritte, mit denen das wiedergebohrene Frankreich einem neuen Menschenglückseligkeitssysteme entgegeneilte, deraisonirt hätte; keinen Einzigen, der so gesund über Despotismus dachte, als der Dichter Bürger, in seinem Liede des Bauern an den Fürsten; [...].”

 

1797

Gräter, F. D.. Ueber Bürgers Quellen und deren Benutzung. In: Der neue Teutsche Merkur. 10. Stück  Digitalisiert von Google.

“[S. 143] Von dem Stoffe der Leonore ist mir in denjenigen Sammlungen Englischer und Schottischer Lieder, die ich durchblättert habe, nie was vorgekommen. Aber wenn auch die Engländer wirklich etwas ähnliches aufgefunden haben, so fürchte ich, möchte ihr Nationalstolz wenig dabey gewinnen. Ein Beyspiel, wie Bürger alte Stoffe zu benutzen pflegt, wird hinreichend seyn, es ins Klare zu setzen, um wie viel die Engländer sich mehr auf ihren hergegebenen Stoff, als wir Teutsche uns auf die Bürgerische Bearbeitung und Ausbildung desselben zu gute thun dürfen.

[S. 152] Wie gesagt, der englische Literator beherzige dieses Bürgerische Selbstbekenntniß, vergleiche im Stillen die Lenore mit seinem vermeynten Fund noch einmal, und ziehe sich dann beschämt oder bescheiden mit diesem seinem Fund zurück.“

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1797

Schubart, Ludwig. Englische Blätter. Siebenter Band. Erlangen. Digitalisiert von Google

“[S. ] Ellenore, a Ballad, originally written in German by G. A. Bürger in 4. (2 s.) in Fol. (4 s.) Johnson 1796.

Dies ist der Zeit nach die erste von den 4 oder 5 Uebersezzungen, welche im vorigen Jahre England von B. Leonore erschienen sind. Mehrere Engländer haben zu beweisen gesucht, daß Bürger den Stoff zu dieser Ballade aus einem alten engl. Volksgesange genommen habe; aber wie es auch seyn mag, so scheint uns doch, man thue so wohl mehrern alten als neuern Dichtern unrecht, daß man sie auf das Zusammentreffen eines ähnlichen Gedankens mit einem ältern Dichter, gleich der Nachahmung beschuldige. Es liessen sich leicht mehrere psychologische Gründe anführen, warum Dichter in ihren Darstellungen oft zusammentreffen. - Diese Uebersezzung verdient alles Lob, und sie steht den Andern an Werthe nicht nach. Sie hat überdies darin einen Vorzug, daß der Uebers. in der Versart die Balladenform gewählt hat. Er hat die Szene aus Deutschland ach England in die Zeit des Kreutzzuges des Königs Richard gelegt. “

 

1797

Heusinger, J. H. G. Von dem didaktisch-lyrischen Gedichte. In: Handbuch der Aesthetik, Zweiter Theil. Gotha. Digitalisiert von Google

“[S. 184] Nach diesen Vorbereitungen hoffe ist nun desto kürzer angeben zu können, was ich unter einem didaktisch-lyrischen Gedichte verstehe. Es ist ein Gedicht, welches einen Gedanken (Satz, Wahrheit, Einfall - das ist hier alles einerlei) nicht nur lebhaft und geistvoll vorträgt - denn das thut jedes didaktische Gedicht - sondern, mit Empfindung vorträgt. Hier ist ein Beispiel.
        An Agathe.
 Nach einem Gespräche über ihre irdischen Leiden und Aussichten in die Ewigkeit.
   Mit dem naßgeweinten Schleier
   Wisch ich meine Thränen ab,
   Und mein Auge schauet freier
   Durch das Leben, bis ans Grab.
            [...]
   Mich begleite jede Wahrheit,
   Die du schmeichelnd mir vermählt
   Zu dem Urquell aller Klarheit,
   Wo kein Reiz sich mehr verhehlt!
Wer wird wohl leugnen, daß dieses schöne Gedicht etwas didaktisches an sich habe, da es von einer so interessanten Wahrheit so umständlich handelt? Ist es aber bloß didaktisch? daran zweifle ich. Diese Gedanken hätten sehr schön, (geistreich, lebhaft, glänzend) ausgeführt werden können, ohne daß darum das herzliche, das wehmüthige, das liebevolle in das Gedicht gekommen wäre, das jetzt in demselben herrscht. Die Ueberschrift, und die, späterhin vorkommende Anrede an die geliebte Fromme erklärt uns aber das lyrische, das empfindungsvolle in dem Gedichte hinlänglich, und wir sehen deutlich, daß der Dichter nicht bloß Wahrheiten sagen, sondern daß er einer von ihm geliebten Dulderin Wahrheiten sagen wollte. Er lies also nicht bloß seinen Verstand, er lies auch sein Herz sprechen, und das Gedicht wurde lyrisch-didaktisch. “

 

1797

Rebmann, Georg Friedrich. Haag, den 15. Julius 1796. Siebenter Brief. In: Holland und Frankreich, Erster Theil. Paris und Kölln. Digitalisiert von Google

“[S. 166] Neulich erzählten mir zwei französische Schiffs-Kapitaine, daß sie einige holländische Schiffe im Kanal wahrgenommen und ihnen ein Zeichen zur Vereinigung gegeben hätten, in welchem Falle sie eine Menge englisches Prisen gemacht haben würden. Aber die vier ober fünf holländischen Schiffe hielten unglüklicher Weise die Franzosen für Engländer, spannten alle Seegel auf, und eilten nach Hause. Mir fiel der Vers des seeligen Bürgers ein:
     Wer nicht für Freiheit sterben kann,
     der ist der Ketten werth.
     Ihn peitsche Sklav und Edelmann
     um seinem eignen Heerd.
Darauf, daß die Engländer einmal zur See geschlagen werden, kommt jezt alles an. “

 

1798

Althof, Ludwig Christoph. Einige Nachrichten von den vornehmsten Lebensumständen Gottfried August Bürger`s, nebst einem Beitrage zur Charakteristik desselben. Göttingen 1798.

[S.88] Was Bürger´n, als Menschen betrachtet, am meisten auszeichnete, das war ein ungemein hoher Grad von Herzensgüte und Wohlwollen gegen alle Geschöpfe. [...] Diese Herzensgüte und dieses Wohlwollen gegen Andere zeigten sich nicht bloss durch wörtlich geäusserte Theilnahme an fremdem Unglücke; sondern er pflegte es auf die thätigste Art zu beweisen, wie innig und aufrichtig seine Theilnahme war.

[S.91] Aber Weichheit des Herzens und Empfänglichkeit für Mitleid, selbst mit Menschen, die es um ihn so wenig
verdient hatten, war nicht der einzige rühmliche Zug in Bürger´s Charakter. Sein moralischer Sinn war eben so fein und zart, als sein ästhetischer, und seine Grundsätze waren gewiss nicht verwerflich, wenn er gleich zuweilen, oder vielmehr oft, verleitet wurde, ihrer zu vergessen.

[S.92] Aber bei der grossen Redlichkeit und Biderkeit seines eigenen Herzens wurde es ihm gewöhnlich sehr schwer, Andern in einem hohen Grade schlechte Handlungen zuzutrauen. Sein fester Glaube an Menschenwürde und Menschenadel sträubte sich immer dagegen, ob er selbst gleich oft und auf mannigfache Weise ein Opfer dieses Glaubens geworden war.

[S.93] Zu den liebenswürdigsten Eigenschaften seines Charakters gehört seine grosse Bescheidenheit. Man würde ihm in der That sehr unrecht thun, wenn man ihm diese Tugend, wegen mancher etwas lebhaft ausgedruckten Äusserungen eines gewissen Selbstgefühls, streitig machen wollte. Bürger bewies durch sein Beispiel, dass man auch bei einem sehr lebhaften Gefühle dessen, wodurch man sich vor tausend Andern auf eine rühmliche Art auszeichnet, dennoch sehr bescheiden seyn könne.

[S.98] Überhaupt kann man von Bürger´n gar nicht sagen, dass er Mühe und Arbeit gescheut hätte; nur musste der Zweck der Arbeit Interesse für ihn haben.

[S.102] Gerechter gegen fremde Verdienste kann man nicht seyn, als Bürger es war. Ich getraue mir, zu behaupten, dass er nie in seinem Leben das Verdienst eines andern Dichters vorsätzlich verkannt, oder gar herabgesetzet habe.

[S.111] Er hatte viele von den besten Schriftstellern in verschiedenen Sprachen gelesen: denn er verstand, ausser der Griechischen und Lateinischen, die Englische, Französische, Italienische und Spanische sehr gut, und lernte, wie ich bereits angeführt habe, noch spät die Schwedische. Die Plattdeutsche liebte er vorzüglich, und war geneigt, ihr, wegen ihres Wohlklanges und ihrer Regelmässigkeit, den Vorzug vor der Hochdeutschen einzuräumen.  

[S.115] Durch seine moralischen Fehler hat mein Freund mehr sich selbst, als Andern geschadet. Den meisten und für ihn nachtheiligsten Einfluss auf seine Handlungen hatte wohl die ihm eigene grosse Lebhaftigkeit der Phantasie, welche freilich der Vernuft zuweilen den Zügel entriss. So wenig Bürger bei einer weniger feurigen Einbildungskraft und bei kälterem Blute Bürger gewesen seyn würde: so gewiss wäre es doch für ihn und seine äusseren Verhältnisse besser gewesen, wenn die Phantasie weniger Herrschaft über ihn gehabt, und sich nicht so oft gegen die Vernunft aufgelehnt hätte.

[S.116] Zu seinen Fehlern rechne ich ferner einen Mangel an Beharrlichkeit in der Ausführung guter Entschlüsse. Hätte er nur die Hälfte von dem wirklich gethan, was er zu thun sich oft sehr fest vornahm: so würde er in seinem Leben manchen Verdruss weniger und manchen frohen Genuss mehr gehabt haben.

[S.117] Eine gewisse Nachlässigkeit in Geschäften, die ihm zuwider waren, habe ich oben schon eingeräumt.”

Althofs Nachrichten in der ONLINE-Bibliothek.

 

1798

Schiller, Friedrich. Brief an Wilhelm von Humboldt vom 27. Juni 1798. In: Briefwechsel zwischen Schiller und W.v. Humboldt 1830.

“[S. 444] Ich sagte oben, daß ich in diesem Fehler meinen Einfluß zu erkennen glaube. Wirklich hat uns beide unser gemeinschaftliches Streben nach Elementar-Begriffen in ästhetischen Dingen dahin geführt, daß wir die Methaphvsik der Kunst zu unmittelbar auf die Gegenstände anwenden, und sie als ein praktisches Werkzeug, wozu sie doch nicht genug geschickt ist, handhaben. Mir ist dieß vis á vis von Bürger und Matthisson, besonders aber in den Horen-aufsätzen öfters begegnet.”

 

1798

Koch, Erduin Julius. Grundriss einer Geschichte der Sprache und Literatur der Deutschen. Zweiter Band. 1798.  Digitalisiert von Google.

“[S. 143] 4. Sonnett
       (Klinggedicht.)
[...] G.A. Bürger; in seinen Gedichten stehen unstreitig die schönsten Sonnette, welche bis jetzt in Deutscher Sprache geliefert worden sind.”

 

1798

Schütze. Die Nachahmer. In: Deutsches Magazin, Sechzehnter Band. Altona. Digitalisiert von Google

“[S. 480] Liebt denn die ganze lebende Natur? Erinnert euch doch nur der Arbeitsbienen! *)

*) Die Arbeitsbienen haben bekanntlich kein Geschlecht: Hiernach ist Bürgers Ausruf einzuschränken:
       Hast du nicht Liebe zugemessen
       Dem Leben jeder Kreatur;
       Warum bin ich allein vergessen:
       Auch meine Mutter, du Natur? “

 

1798

Anonym. British Catalogue. Poetry. In: The British Critic. Volume X. London. Digitalisiert von Google

“[S. 190] Art. 14. My Night Gown and Slippers; or Tales in Verse. Written in an Elbow Chair. By George Colman, the Younger. 410. 28. 6d. Cadell and Davies. 1797.

Mercier wrote long ago, ´Mon Bonnet de Nuit,´ or ´My Night Cap,´ which was made up of desultory essays, on subjects, supposed to have occurred to the author as he was preparing for bed. In evident imitation of that title, the present desultory poems are named. They consist of three tales, or rather two and a song, originally intended to be presented to the public by recitation and voice during Lent. They are now connected by a poetical narrative, all of which is in a kind of Petro-Pindaric style, though the second tale only is in professed imitation of the manner of Peter. There is no doubt that this rambling kind of verse, subject to no-law, but that of whim,may be written with great ease; and always with a degree of effect, till it becomes too common to surprise by novelty, which is in great danger of being the case at present. Mr. Colman is certainly not unsuccessful in it, either when he is original, or when he imitates. The first tale is a ridicule ot Leonora, and the other hobgoblin tales which have lately been fashionable; it is written in alternate verse, and is not destitute of humour or puns. The Pindaric Tale is rather tragic in its end, for a comic poem, but is well and humourously told. The Song has also its merits, and its puns. The ridicule ot Burger's ´kling, kling, kling,´ and, ´hop, hop, hop,´ it not unsuccessful.
 It occurs twice:
   ´Here silence reign'd with lips of glue,
   And undisturb'd maintain'd her law,
  Save where the owl, cried ´whoo, whoo, whoo,´
   Or the hoarse crow, croak'd ´caw, caw, caw.´
Again, when the Cook-maid misses her lover, and his dog, Bobtail.
   ´Thrice on the threshold of the hall,
    She, Thomas cried, with many a sob;
   And thrice on Bobtail did she call,
    Exclaiming sweetly, ´bob, bob, bob!´
In the character of Peter Pindar, we should alter one word:
   ´And this I'll say of Peter to his face,
    As 'twas, time past, of Vanburgh writ:
   Peter, has often wanted grace,
    But he has seldom wanted wit.´ “

 

1798

Anonym. Berichtigungen und Streitigkeiten. In: Kaiserlich privilegirter Reichs-Anzeiger, 20ten Junius. Digitalisiert von Google

“[Sp. 1606] Ob ich mich nun schon für meine Person bey Bürger's Trost beruhigen könnte:
  Wenn dich die Lästerzunge sticht,
  So laß dir dieß zum Troste sagen,
  Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
  Woran die Wespen nagen.
weil aller Wahrscheinlichkeit nach der Einsender, [...]. “

 

1798

Schlegel, August Wilhelm und Friedrich. Fragmente. In: Athenaeum. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 81] Die Orthodoxen unter den Kantianern suchen das Prinzip ihrer Philosophie vergeblich im Kant. Es steht in Bürgers Gedichten und lautet: ´ Ein Kaiserwort soll man nicht drehn noch deuteln.´ “

 

1798

Gieseke, Karl Ludwig [d.i. Johann Georg Metzler] Der travestirte Hamlet. Eine Burleske, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 58] Arie. 
Ophelia.
   So lange ich noch schnaufen kann,
     So sag ich, Michel wird mein Mann! –
   Lenore fuhr ums Morgenroth
     Zum Kirchweihtanz in Reihen.
   Der Doktor Faust ist mausetodt,
     Sein' Sünd thut er bereuen.
   O wär der Michel nur schon da!
     Wir machten Hochzeit hopsasa! –
             (Sie tanzt ab.) “

 

1798

Anonym. Gerettete Unschuld. In: Berlinisches Archiv der Zeit und ihres Geschmacks, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 370] Die Ehe zwischen diesem anstelligen Paare war soviel als richtig; das Wirthsmädchen — bei welcher der ganze obige Anfall von einem Uebermaaß von Gesundheit hergekommen seyn mochte - blühte schöner als jemals; der Vater fühlte sich in seiner Tochter belohnter und seliger als je: als sich plötzlich bei letzterer gewisse Symptome hervorthaten, von denen weder Arzt noch Wirth recht wußten, was sie damit anfangen sollten. Als nemlich von der Auferstehungsgeschichte an gerechnet, etliche Monate ins Land gegangen waren —
    ´Da wurde dem Mädel so eng und so weh;
    Da bleichten die rosigen Wangen tn Schnee,
    Die funkelnden Augen verglühten.´ —
Der Vater besorgte mit Schrecken, daß ein ähnlicher Anfall wie der obige wiederkehren möchte; der Physikus verordnete Diät Leibes und der Seele, und verschrieb magenstärkende Tropfen; der Bräutigam war in Verzweiflung. Das Uebel gab sich zwar: als aber der Mond zum fünften oder sechsten mal schwoll — ,
   ´Da wurde dem Mädel das Brüstchen zu voll.
   Das seidene Röckchen zu enge.´ —
Der Arzt schmunzelte, und ließ etwas von Extrapost fallen; der Vater befürchtete stündlich einen neuen Todesschlaf, und gelobte sich's heilig, für diesmal mit den Begräbnißanstalten nicht zu eilen; das Mädchen selbst wußte nicht wie ihr geschah, und hatte nicht die leiseste Ahnung von der wahren Ursache. Als sich aber die gewöhnlichen Symptome stärker, und immer stärker hervorthaten: da setzte sich eines Abends der Physikus mit dem Wirthe allein in sein Kabinet, und eröffnete ihm bei einer Flasche ächten Dreiundachtzigers: ´Er glaubte, es wäre hohe Zeit das junge Paar zusammenzuthun, weil er stark besorge, daß sie der heiligen Kirche bereits zuvorgekommen seyn.´”

 

1798

Wieland, Christoph Martin. Über die Frage was ist Hochdeutsch. In: C. M. Wielands Sämmtliche Werke, Supplemente, Sechster Band, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 415] Unstreitig gehört ein Schriftsteller von den vorzüglichsten Gaben, und dem auserlesensten Gefühl dazu, um in einer Art von Poesie glücklich zu seyn, wo es schwerer ist das nie zu viel und nie zu wenig immer zu beobachten, als in irgend einer andern, wenn man für ein Publikum arbeitet, das schwerer zu befriedigen ist, als das Römische zu Horazens, oder das Unsrige in unsern Zeiten. Aber, müssten einem solchen Schriftsteller nicht alle die Freyheiten gestattet werden, zu welchen ihn die Natur der Sache und sein Genie berechtigten? Und wenn (um nur ein einziges Beyspiel zu geben) der allgemeine Beyfall der Nazion Bürgers Lenore gekrönt hat: mit welchem Grunde könnte man dieses Meisterstück einer schönen Volks-Romanze mit allen den elenden Nachahmungen der Kunstjüngerlein, quibus cacatum pictum est, in Einen Kessel werfen, und alles zusammen als geschmackwidrigen Unrath in den Ausguß schütten?”
 

1798

Köster, Wilh. Proben biblischer Notabene's für Prediger. In: Museum für Prediger, Zweyten Bandes, zweytes Stück, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 210]
 Eine im Dillsberger Klassenkonvent gehaltene Vorlesung.
     - ´Moralia sind, wie es scheint,
      Die besten aus der Bibel.´ -
Dieß, Hochzuehrende Amtsbrüder, sagt, oder vielmehr singt ein gar großes, großes Weltkind, Bürger genannt, von dem wir so allerley, zwar saubere, aber leider für die Kanzel wenig brauchbare Verslein haben; daß ich es also keinem gerathen haben möchte, Sonnabends zu ihm seine Zuflucht zu nehmen, er würde mit Seufzen das Liederbüchlein wieder schließen, umd zu einem andern, sollte es auch bloß das weltberühmte, und noch nicht lange zum Nutz und Frommen der lieben und besonders in unsrer Klasse sich befindenden Lutherischen Christenheit wieder neu aufgelegte Marburger Gesangbuch seyn, seine Zuflucht nehmen müssen.
   Der Laut seiner Lieder aber, den ich so eben angeschlagen habe, ist so recht ein Laut für u ns. Denn siehe! er weist uns ja gerade in das Buch, das so recht eigentlich u nser Buch ist, und was noch mehr, auf den wichtigsten Theil seines Stoffes, die in demselben enthaltene Moral hin. ´Moralia sind, wie es scheint, die besten aus der Bibel.´ - Auch die, m. H., sind es, die für uns und unsern Stand in verschiedenen Formen in derselben liegen.”

 

1799

Anonym. Rezension Lenore von G.A.Bürger, in Musik gesetzt von I.R. Zumsteeg. In: Allgemeine Musikalische Zeitung. 3.Oct. 1798 bis 25.Sept. 1799.

„[S. 536] Die Compositionen der Balladen, so wie sie itzt von Männern bearbeitet werden, die mit dem Studium der tonwissenschaftlichen Theorie zugleich einen geläuterten Geschmack verbinden, darf man in jeder Rücksicht mit eben dem Rechte als eine neue Acquisition im Fache der Tonkunst ansehen, mit welchem man behauptet, dass diese Gattung von Gedichten durch den unsterblichen Volksdichter Bürger ihre glänzendste Epoche erreicht habe, und man sollte sich beynahe verwundern, dass seit den ersten Versuchen der Andréschen Muse dieses so interessante Feld bisher grösstentheils brach gelegen, da bekanntlich das servum imitatorum pecus das im Gebiete der schönen Künste nicht minder zu spucken pflegt, als im Reiche der Literatur überhaupt, selten einer solchen Erscheinung die Ehre ihres Daseyns allein gegönnet hat.

[S. 539] Schon bey der ökonomischen Einrichtung dieses Tonstücks, die bekanntlich sein Vorgänger Herr André ganz vernachlässigte, zeigte Herr Z. eine nicht gemeine Einsicht. So lang auch das Gedicht ist, so geschickt wusste es derselbe durch seine unterlegte schöne Klavierbegleitung einzurichten, dass weder der Vortrag der Singparthie dem Sämnger zu mühsam, noch aber durch jene eine Ausdehnung erhielt, die den Zuhörer etwa ermüden könnte. Man findet darin nicht eine einzige überflüssige Wiederholung des Textes, nicht ein Ritornell, das blos in fugam vacui auf dem Notenblatte stände oder dem text nicht anpassend wäre.”

Die vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1799

Laukhard, Friedrich Christian: Zuchtspiegel für Fürsten und Hofleute. Digitalisiert von Google

“[S. 96] Sezt Gott uns solche Brut zu Königen auf Erden:
      So kann der Teufel auch noch sein Gesalbter werden.

Man sehe die 2te Abtheilung des 4ten Packs meiner Briefe über den Feldzug des Herzogs von Braunschweig, S. 478. - Daß übrigens Bürgers Bauer auch noch heutzutage für einige Gegenden nicht zu viel sage, beweisen die Aktenstücke zu der Hodenbergischen Jagdsache, in den Annalen der leidenden Menschheit von S. 124 - 149. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1799

Karl Gottlieb Cramer. Die Familie Klingsporn: ein Gemälde des Jahrhunderts. Riga. Erster Theil. Digitalisiert von Google

“[S. 176] Fünfzehntes Kapitel.
Nun, hochgeehrten Gäste!
 Merkt auf! nun kommt das Beste,

 Hem! - ja! ich merke wohl;
 An euern werthen Nasen,
 Daß ich mit hübschen Phrasen
Eu'r Ohr nun kützeln soll.
 Ihr möget, um den Batzen,
 Für Lachen gern - z erplatzen!

 Doch, theure Gönner! seht!
 Was ich dabei riskire?
Wenn's der Pastor erführe,
 Der keinen Spaß versteht;
Dann, wehe meiner Ehre!
 Ich kenne die Postöre. -

Drum, weg mit Schäkerei'n
Von süßcandirten Zoten
Wird vollends nichts geboten.
 Hilarius hält fein
Auf Ehrbarkeit und Mores,
 Ihr Herren Auditores!

In Züchten - wie sich's ziemt -
Weil mich vor langem Breie
In solchen Schosen scheue,
Meld' ich nur kurz verblümt:
Nun that mit seiner Schöne,
 Der Herr sich trefflich bene.
             Bürger.

Junker Frizchen stak am andern Morgen - weiß nicht, wie's kam! - wider seine Gewohnheit, sehr spät noch in den Federn. “

 

1799

Anonym. [Rez.] Gesänge beym Klavier [...] von Anton Teyber. Wien. In: Allgemeine musikalische Zeitung, 24. July. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 715] Es sey nach oben Gesagten und Angeführten der Beurtheilung der Leser anheim gestellt, ob ein solcher Gesangkomponist
sich nach unserm Schulz berechtigt halten könne, das von diesem unübertreflich gesezte Lied von Bürger Mädel, schau mir ins Gesicht, noch einmal zu setzen. Da ist es denn kein Wunder, wenn man statt des Charakters eines Bauernliedes auf so unüberlegte Schreiberey stößt, wie das Anhängsel von acht Takten bezeugt, wovon die vier ersten Takte gar nach Kirchenmusik klingen. “

 

1799

Rössig, D. Versuch einer Georgik, Vierter Gesang. In: Deutsche Monatsschrift, December, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 167] Fröhlich verkürzen indeß den zögernden Abend des Winters
Sieh bey dem achnurrenden Rad des Dorfes gesprächige Schönen,
Oder die Federn der schnatternden Heerden versammeln die Jugend
Und das laute Gespräch läuft durch die geschäftigen Reihen:
Wilhelms Gespenst klopft in nächtlicher Stunde am Fenster Lenorens 
Und in der Büßenden Zell schreckt das Gerippe des Buhlen;
Horch! dumpf weinen zusaummen die Todtenglocken Luisens;
Thränen benetzen das Grub des blonden Suevischen Hannchens *);
Ueber das hohe Gebirg ziehn zahlreich die reitenden Weiber;
Und um die furchtbare Wart' stöhnt jetzt das Aechzen der Geister,
[...].

*) Ich glaube zwar nicht, daß unter gemeinen Bäuerinnen Bürgers Lenore, Stolbergs Büßende, Schillers Kindermörderin und Schubarts Lied einen Schwäbischen Bauers bekannt ist, ob es gleich das letztere am ersten seyn möchte, allein ich glaube die ästhetischen Grundsätze fordern es, in dergleichen Fällen einen und den andern vorzüglichen Gegenstand dieser Art zu bemerken. Außerdem sind doch unter den gebildeteren Personen, welche auf dem Lande leben, diese Gedichte gewiß nicht unbekannt; so daß sie sich bey ländlichen Winterabenden des Abends damit und mit ähnlichen vielleicht unterhalten.”

 

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
1846-1850    1851-1855    1856-1858    1859-1861
 
  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950



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15012017-95