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Bürger-Rezeption
 

 Bürger-Rezeption Volltexte 1866-1870

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
1846-1850    1851-1855    1856-1858    1859-1861
 
  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950


 

186?

Schopenhauer, Arthur. Noch einige Erläuterungen zur Kantischen Philosophie. In: Arthur Schopenhauers sämtliche Werke in zwölf Bänden. Achter Band. Parerga und Paralipomena. I. Teil Stuttgart und Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 92] Ich soll wohl auch, als ein guter Patriot, mich im Lobe der Deutschen und des Deutschthums ergehn, und mich freuen, dieser und keiner andern Nation angehört zu haben? Allein es ist, wie das Spanische Sprichwort sagt: cada uno cucuta de la feria, como le va en ella. (Jeder berichtet von der Messe, je nachdem es ihm darauf ergangen.) Geht zu den Demokolaken und laßt euch loben. Tüchtige, plumpe, von Ministern aufgepuffte, brav Unsinn schmierende Scharlatane, ohne Geist und ohne Verdienst, Das ist's, was den Deutschen gehört; nicht Männer wie ich. — Dies ist das Zeugniß welches ich ihnen, beim Abschiede, zu geben habe. Wieland (Briefe an Merk S. 239) nennt es ein Unglück, ein Deutscher geboren zu seyn: Bürger, Mozart, Beethoven u. A. m. würden ihm beigestimmt haben: ich auch. Es beruht darauf, daß griechischk1 [Xenophanes: ´Man muss weise sein, um den Weisen zu erkennen (oder anzuerkennen)´. In: Diogenes Laertios 9,20 ], oder il n´y a que l´esprit qui sente l'esprit [Helvétius, De l ésprit 2, Kap.4: ´Nur der Geist kann den Geist empfinden´].“

[Die Übersetzung und Klärung der Herkunft der letzten beiden Zitate übernahm freundlicherweise Herr Heinrich Tuitje (Göttingen).]

 

1866

Reich, Eduard. Ueber Unsittlichkeit. Neuwied und Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[S. 188] Und Delamethrie hat Recht; die Geizigen haben kein Herz für Leiden, und überhaupt gar kein Herz; sie sind für alle edlen Gefühle unzugänglich, und jeder Sinn für höheres Interesse ist in ihnen ausgelöscht; es gilt von ihnen Das, was Gottfried August Bürger [Gedichte. Wien. 1816. in 8°. Bd. II. pag. 234.] als einen casus anatomicus besingt:
  ´Der Kaufmann Harpax starb; sein Leichnam ward seciret;
   Und als man überall dem Uebel nach gespüret,
   So kam man auch auf´s Herz, und sieh' er hatte keins:
   Da, wo sonst dieses schlägt, fand man das Einmaleins.´ “

 

1866

Schaefer, Johann Wilhelm. Grundriß der Geschichte der deutschen Literatur. Zehnte Auflage. Digitalisiert von Google.

“[S. 135] Seine Balladen (Lenore, die Entführung, der wilde Jäger usw.) sind an dramatischer Lebendigkeit nicht übertroffen worden; seine Lieder sind innige Herzensergießungen, leicht, natürlich und voll Wohllaut. Die Form des Sonetts wählte er zuerst wieder für den Ausdruck stiller Trauer (Molly gest. 1786). Jedoch die scherzhaften Erzählungen beweisen nur, zu welchen Plattheiten noch verkehrte Begriffe vom Volksmäßigen verführen konnten.”
 

1866

Möbius, Paul. Die wichtigsten Mitglieder des Göttinger Dichterbundes. In: Katechismus der deutschen Literaturgeschichte. Digitalisiert von Google.

“[S. 95] Bürgers Vorzüge, die sich aus unübertroffene Weise in seinen Romanzen und Balladen (Lenore, der wilde Jäger, das Lied vom braven Mann, Frau Magdalis, der Kaiser und der Abt u.a.) vereinigt finden, sind eine aus kräftiger Phantasie hervorgegangene dramatische Lebendigkeit und eine gefällige Leichtigkeit der Darstellung, glückliche Versification, Wohllaut und Richtigkeit der Sprache. Alles dieses mußte dazu beitragen, ihn zum ächten Volksdichter zu machen, wie denn auch selten irgend ein Gedicht in allen Ständen und Classen der Gesellschaft einen solchen, unsrer Zeit unglaublich erscheinenden Anklang gefunden hat als z. B. seine Lenore. Weniger rühmenswerth sind seine kornischen Erzählungen (Frau Schnips, Europa u.a.), welche hier und da an das Gemeine streifen und die Würde der Poesie verletzen.”
 

1866

Anschütz, Heinrich. Erinnerungen aus dessen Leben und Wirken. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 173] ´Othello´ hatte auf das Breslauer Publicum und namentlich auf den Theil der feineren Kunstkenner einen so bedeutenden Eindruck hervorgebracht, daß Rohde sich nicht lange versagen konnte, an den ´Macbeth´ zu gehen und zwar nicht in Schiller´s Bearbeitung, sondern ebenfalls nach dem Urtexte in der Uebersetzung des jüngeren Voß.
   Das Hauptmotiv, die damals allgemein in Anwendung gestandene Schiller'sche Bearbeitung des ´Macbeth´ nicht zu geben, fand Rohde in Schiller´s fremdartiger Behandlung der Hexen. Von der Kritik wurde dieser Theil der Bearbeitung als ein Mißgriff bezeichnet, wozu Schiller lediglich durch seine ideale Richtung verführt worden sei. Letzteres glaube ich selbst. Ihm drängte sich in Shakespeare´s Hexen ein Eindruck des Unschönen auf, den er nie vertrug, und diese Empfindlichkeit seiner ästhetischen Begriffe ließ ihn das Treffende und die Tiefe der Hexenerscheinung völlig übersehen. Hierin hat ihn der von ihm so hart beurtheilte Bürger an Verständniß weit überflügelt. Bürger´s Bearbeitung der Hexenscenen machte mir stets einen gewaltigen Eindruck. Im Uebrigen kann sich natürlich Bürger´s nüchterne Uebertragung mit Schiller´s Schwung nicht messen.“

 

1866

Seinecke, Ferdinand. Der Hainbund. In: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Nationalliteratur.

"[S. 134] ..., er [Bürger] strebte auch wie sie [Hainbund] nach Volksthümlichkeit, aber er suchte das Volksthümliche nicht in der Rückkehr zu dem Teutonismus und dem Bardenthum; er ist Voksdichter geworden, indem er nach der Anleitung Herders, der die altenglischen Balladen in Percy´s Sammlung pries, in seinen eigenen Balladen und Romanzen Ton und Ausdruck, Anschauungen und Gefühle des Volkes zu treffen suchte. Leider hat Schiller Recht, wenn er Bürger, der sich selbst im stolzen Selbstbewußtsein den Dschingis-Chan der Ballade, den Condor des Hains nannte, vorwirft, daß derselbe, statt das Volk scherzend und spielend zu sich hinaufzuziehen, nicht selten zum Pöbel und in eine rohe, gemeine Natürlichkeit hinabsinkt, bei der das Poetische aufhört. Mag Schillers Kritik auch von Einseitigkeit nicht frei sein, Recht hat er wieder darin, daß Bürgers Producten die letzte Hand fehlt, weil sie ihm selber fehlte. ´Auch an ihm bewährte sich´, sagt Hillebrand, ´wie an Günther, Schubart und so manchen Andern, daß der Preis der Musen nur da vollkommen errungen wird, wo sich der Genius mit der Sitte, die Sinnesfreude mit der Geistesbildung paart, und die Sorge um das Leben nicht des Lebens frische Wurzen tödtet.´ Mehre der lyrischen Gedichte Bürgers treffen den Ton innigen Gefühls und lodernder Leidenschaft, andre verletzen durch Roheit des Ausdrucks und Unreinheit des Inhalts; vortrefflich sind seine Sonette, unter den Balladen heben wir hervor: Leonore, gedichtet 1773, erschienen 1774 im Musenalmanach, durch sie begründete B. seinen Dichterruhm; ferner: der wilde Jäger, die Kuh, der brave Mann, Kaiser und Abt; unter den Liedern: die Gedichte an Molly, das Dörfchen, Himmel und Erde, an Agathe. (Das vielgelesene Buch: Münchhausen soll von B. aus dem Englischen übersetzt und mehrfach erweitert sein; zugeschrieben wird dasselbe einem Hannoveraner Raspe.)

Seineckes Hainbund in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1866

Duller, Eduard. Der Hainbund. Klopstock. In: Geschichte des deutschen Volkes Bände 1-2

“[S. 357] Ein wahrer und großer Volksdichter war Gottfried August Bürger (geboren 1748, gest. 1794), dessen Dichterkraft leider in einem unglücklich zerrütteten Leben unterging; doch hat er einige unsterbliche Gedichte verfaßt, die seinen Ruhm begründen; wer kennt nicht das ´Lied vom braven Mann´, den ´wilden Jäger´, die ´Lenore´, den ´Kaiser und den Abt´! “
 

1866

Hertz, Wilhelm. Die Walküren. In: Morgenblatt zur Bayerischen Zeitung. 4. Mai. Digitalisiert von Google

“[S. 423] Als der Morgen graute, nahm Helgi Abschied:
   Zeit ist's nun zu reiten geröthete Wege,
   Das fahle Roß auf den Flugsteig zu sprengen!
   Westlich muß ich sein von der Wolkenbrücke,
   Ehe der Hahn Walhallas das Siegesvolk weckt. —

Darauf ritt Helgi mit seinem Gefolge hinweg. Am andern Abend ließ Sigrun die Magd wieder am Hügelgrab wachen; aber Helgi kam nicht mehr. Da starb Sigrun bald hernach vor Jammer und Leid.
   Ich brauche kaum zu sagen, daß wir in diesem Helgilied das älteste Vorbild von Bürgers Lenore vor uns haben. Auch der Glaube, daß Todte durch Thränen der Ueberlebenden beunruhigt werden, ist in späteren Sagen und Märchen vielverbreitet.“

 

1866

Anonym. Humoristisch-politisches aus den Enthüllungen eines greisen Spatzen-Wittibers. In: Die Spatzen am Dach, 4. Februar. München. Digitalisiert von Google

“[S. 42] Doch bei den Griechen wog´ es wieder
Gewaltig stürmisch auf und nieder
Den Basileus Georgios
Quält täglich Bürger's altes Lied:
´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß,
Daß ich erreit´ mir Ruh´ und Fried´!´
So jung und schon - regierungsmüd´!
Und Oesterreich's Max in Mexiko,
Du lieber Gott, wär der so froh -
Wenn, wenn - ja meint er - wenn wär´ wenn
Umringt von französischen,
Umringelt von Rebellenden
Du lieber Gott, wenn nur wär´ wenn!
  [...] “

 

1866

Löwe, Friedrich A. Denkwürdigkeiten aus dem Leben und Wirken des Johann Wilhelm Rautenberg. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 246] ´Warnen muß ich nur vor dem Uebernehmen á la Bettina und sodann rathen, daß Du nicht bloß die Kühe läuten hörst, sondern auch auf die Frau Magdalis sehest, welcher die schöne bunte da gehört und auf die harte Schwiele in der Hand, welche müde von Tagesarbeit kaum Abends der zärtlich brummenden Lise die süßweiße Last abzunehmen vermag.´ “

 

1866

Deutsche Weisen mit Nachklängen. In: Würzburger Wochenblatt und Stechäpfel, 30. Juni. Digitalisiert von Google

“´Ueber diesen Strom vor Jahren´
Preußen einst geschlagen waren.

´Das ist der Tag des Herrn.´
Kanonen donnern fern.

´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,´
Mit Kriegsgesetzen had´re nicht. “

 

1866

Anzeige. In: The American Catalogue of Books. New York und London. Digitalisiert von Google

“[S. 100] Huerte, Norb. Des Pfarrerstochter von Taubenheim, wie sie verfuehrt wurde und elediglich umkam. 12mo., 15cts, N. Y. W.Radde 1865
            Lenore. Eine Geschichte aus dem siebenjährigen Kriege. 12mo., 15cts. N. Y.  W. Radde 1864 “

 

1866

Berlin. Revue. In: Neue Berliner Musikzeitung No. 39 vom 26. September. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 308] Das patriotisch-preussische Schauspiel ´Lenore´ von Carl von Holtei, welches nun, obgleich vielfach (namentlich im ersten und dritten Acte) gekürzt, folgte, lenkte die Gedanken der Zuhörer auf den grossen Vorfahren unseres Herrscherhauses, Friedrich II. und damit auf die Antecedenzien der heutigen Zeit; die vielfachen Stellen des Stückes, auf den Ruhm Preussens bezüglich, fanden natürlich das lauteste Echo in Aller Herzen. Der Schluss des Schauspiels war dahin geändert, dass Pastor Bürger an der Leiche Lenorens prophetische Worte in Hinsicht auf Preussens glorreiche Zukunft spricht, während im Hintergrunde der grosse Friedrich, von electrischem Lichte beleuchtet, vorüberreitet.“

 

1866

B. P. Pariser Briefe: ´Leonora´ von Mercadante. In: Niederrheinische Musik-Zeitung 24. Februa,  Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 58] Die Italiäner brachten am 8. Januar die Oper ´Leonora´ von Mercadante, die uns Preussen in Paris wie ein Carnevalsstück vorkam, nicht der Musik, sondern des Stückes wegen. Kannst Du Dir etwas Komischeres denken, als die italiänischen Sänger im Jahre 1866 in den preussischen Uniformen aus der Zeit des grossen Friedrich? Der dicke Scalese als Wachtmeister, der sentimental schmachtende Delle Sedie als alter, halb zerschossener General von adeligem Vollblut, Fraschini als Husaren-Lieutenant - sie kamen uns alle wie Jahrmarkts-Soldaten mit hölzernen Säbeln vor. Nicht etwa von einer Leonore-Fidelio, oder einer Leonore-Loreley ist hier die Rede, sondern unser guter, altpreussischer Patriot Holtei hat bei dieser durch italiänische Taufe nationalisirten Leonore Gevatter gestanden, und nichts ist daran verändert, als dass der Pastor ´Bürger´ in einen Arzt ´Bürger´ verwandelt worden ist, wobei der Librettist durch Beibehaltung des Namens Bürger denn auch gelegentlich seine Kenntniss von Bürger's unsterblicher Ballade bekundet. Nun, dass diese auf das alte Preussenthum begründete Handlung, die sich mit sehr gewöhnlicher Musik vier Acte hindurch schleppt, dem pariser Publicum sehr langweilig vorkam, wer kann ihm das verdenken? Die Oper soll übrigens schon seit 1844 existiren und zu ihrer Zeit in Italien Erfolg gehabt haben, woran wir indess stark zweifeln möchten, denn auch die Musik ist langweilig. “

 

1866

Anonym. Zur Abwehr. In: Nürnberger Anzeiger, 6. Januar. Nürnberg. Digitalisiert von Google

“[o. S.] Schließlich wird wohl der Wunsch gestattet sein, daß das Jahr 1866 dem Herrn Verfasser des ´Rückblicks´ Gelegenheit geben möge, einen solchen Gemeinsinn zu bethätigen, wie er in der fraglichen Sache von den Interessenten an den Tag gelegt worden ist.
  Dem Angegriffenen selbst dient aber unter allen Umständen das Wort des Dichters zum Troste:
      ´ Wenn dich des Lästerers Zunge sticht,
       So laß dir das zum Troste sagen:
       Die schlecht'sten Früchte sind es nicht,
       Woran die Wespen nagen.´ “

 

1866

Mayer, Bernhard. Das große Pferd. In: Geschichte der Stadt Lauingen. Dillingen. Digitalisiert von Google

“[S. 249] Um das Jahr 1260, zur Zeit als Albertus Magnus mit seiner Weisheit Deutschland erleuchtete, wurde unweit seines Geburtshauses in der sogenannten Brunnengasse ein großes Füllen geworfen. [...]
   Da erbot sich Knecht Stephan, sein Möglichstes zu thun, den Heilkünstler zur Stelle zu schaffen. Man ließ ihn gewähren, schnell saß er zu Roß, doch wie er eben beim Dillinger-Thor hinaus wollte, war das Thor versperrt. Doch Stephan besann sich nicht lange. Er wendete den Schimmel seitwärts, ein Sprung und er befand sich wohlbehalten über der Stadtmauer:
     Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp'
     Gings fort in sausendem Galopp,
     Daß Roß und Reiter schnoben
     Und Kies und Funken stoben!
Ehe die Nacht einbrach war Knecht Stephan mit dem heilkundigen Mönche hinter sich wieder in Lauingen, und der so gebrachte Doktor soll den Bürgermeister in wenig Tagen wieder hergestellt haben. “

 

1866

Schredinger. Festgruß. In: Familienblätter. Unterhaltungsblatt zum Neuen Bayerischen Kurier, 23. September. München. Digitalisiert von Google

“[S. 304] Festgruß an Bayerns tapfre Krieger. Zur feierlichen Rückkehr des k. b. 2. Jäger-Bataillons in die Stadt Burghausen am 12. Sept. 1866.
       ´Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
       Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
       Geschmückt mit grünen Reisern
       Zog heim zu seinen Häusern.´
                         (Bürger's Leonore)
Die Waffen ruh'n, des Krieges Donner schweigen.
Den Völkern glänzt des Friedens Sonnenblick,
             [...] “

 

1866

Anonym. Dramatische Lyrik. In: Die Gartenlaube. Nr. 2. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 8] Dramatische Lyrik. Wenn es auch Holtei gelungen sein mag, Bürger's berühmte Ballade ´Lenore´ zu einem volksthümlichen Liederspiel umzuarbeiten, so müssen doch die jüngsten Versuche, classische deutsche Lieder und Balladen zu dramatisiren oder vielmehr zu ´operisiren´, z. B. die Operisirungen von Bürger's ´Abt von St. Gallen´, von Heine's ´Loreley´ und von Uhland's ´Des Sängers Fluch´ als poetische Aftergebilde entschieden mißbilligt werden. Zum Glück scheinen derartige Versuche auch beim Publicum kein Glück zu machen, was dem Geschmack des Publicums mehr zur Ehre gereicht, als dem der Dicht- und Tonkünstler, die sich mit solchen Aftererzeugnissen befassen. Die Oper ´des Sängers Fluch´ ist in Wien so gut wie durchgefallen, und die von Clemens Brentano erfundene, von Heinrich Heine verewigte Loreley-Sage wird in ihrer Operisirung durch Geibel und Bruch sich hoffentlich auch nicht auf dem Repertoir irgend einer Bühne dauernd erhalten. “

 

1866

Raabe, Wilhelm. Die Gänse von Bützow. In: Allgemeine Illustrirte Zeitung, Februar. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 306] Um ein Uhr beschloß ich, in's Bett zu kriechen, und saß bereits schlaftrunken auf dem Rande desselben, um meine nächtliche Toilette zu beginnen, als ein Geräusch unter dem Fenster mich wiederum emporriß. Wie ein Seufzer erklang's, wie ein Gestöhn, wie das letzte Winseln der Tochter des Pfarrers zu Taubenhain. In demselben Augenblick vernahm ich ein leises Pochen und Kratzen an der Hausthüre; [...]. “

 

1866

N. Frdbl. Kriegsbilder. Eine Nacht im Nordbahnhof zu Wien. In: Der Sammler, 11. Juli. Digitalisiert von Google

“[S. 299] An einzelnen rührenden Episoden fehlte es auch diesmal nicht. Ein Uhlane, der über und über mit Blut bedeckt war, als hätte er sich in rothem Saft gebadet, mußte mit einer Tragbahre weggeschafft werden. Aber selbst in diesem Zustande wollte er von seiner Pike nicht lassen und es bedurfte der energischen Versicherung eines Offiziers, die Pike werde ihm sorgfältig aufgehoben werden, um ihn zu beruhigen.
   Es war 6 Uhr Morgens, als wir den Bahnhof verließen. Alle, die sich an dem Liebeswerke, die Verwundeten zu pflegen, betheiligt hatten, waren erschöpft, und doch galt es, in einer Stunde von Neuem zu arbeiten. — Das arme Weib mit dem Säugling kauerte noch immer in der Ecke und suchte noch immer ihren Sohn.
   Sie frug den Zug wohl auf und ab
   Und frug nach allen Namen,
   Doch Keiner, der da Antwort gab,
   Von Allen, so da kamen.
Das junge Mädchen mit den schwarzen Locken hatte noch keine Nachricht von ihrem Bruder erhalten. Möge Beiden der heutige Tag erfreuliche Kunde bringen!”

 

1866

Daniel, Hermann Adalbert. Festrede zu der 150jährigen Gedächtnißfeier der Einweihung des Königl. Pädagogiums am 19. April 1863. In: Zerstreute Blätter, Halle. Digitalisiert von Google

“[S. 263] Was für ein Tag der Sorge, als man in der Plantage, das Ohr auf den Boden gelegt, den fernen Kanonendonner von Roßbach vernahm und Betstunde hielt, um Sieg für die preußischen Waffen zu erflehen. Aber auch was für ein Tag, als die Scholaren das mit grünen Reisern geschmückte Regiment Bernburg wieder in seine Garnison einrücken sahen, als in die Seele des Dichterknaben, des damals hier weilenden Gottfried August Bürger, der sinnliche Eindruck fiel für die schöne Strophe seiner Balladenkönigin:
       Der König und die Kaiserin,
     Des langen Haders müde,
     Erweichten ihren harten Sinn
     Und machten endlich Friede,
     Und jedes Heer mit Sing und Sang,
     Mit Paukenschall und Kling und Klang,
     Geschmückt mit grünen Reisern
     Zog heim zu seinen Häusern.”

 

1866

Henrion, Poly [Kohlenegg]; Musik Carl Millöcker. Sachsen in Oesterreich. Komisches Grenzbild mit Gesang, Wien. Digitalisiert von Google 

“[S. 5] Entreelied
        (in parodistischer Recitativform.)
     Aurora fuhr ums Morgenroth!
     Bist, Theurer, untreu oder todt?
     Wie lang wirst Du noch säumen?
     Er hat mir nicht geschrieben,
     Ob er is todt geblieben.
     Was nützt mich all' mein Träumen!
     Ich weiß nix von mein Schatz,
     Ach! am End' g'hört er gar schon der Katz!”

 

1866

Schrebinger. Festgruß. In: Familienblätter. Unterhaltungsblatt zum Neuen Bayerischen Kurier, 23. September, München. Digitalisiert von Google

“[S. 304] Festgruß an Bayerns tapfre Krieger.
Zur feierlichen Rückkehr des k. b. 2. Jäger-Bataillons in die Stadt Burghausen am 12. Sept. 1866
        "Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
        Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
        Geschmückt mit grünen Reisern
        Zog heim ZU seinen Häusern."
                       (Bürger's Leonore)”

 

1867

Wyss, Friedrich. Gottfried August Bürger. In: Die deutsche Poesie der neueren Zeit. Digitalisiert von Google.

“[S. 94] Bürger, der nicht eigentliches Mitglied des Hainbundes, sondern nur Befreundeter war, führte die Poesie aus dem Schulzwang in's Leben zurück, indem er sie zum Ausdruck wirklicher Lebensstimmungen machte. Hiermit erreichte Bürger das, was Schiller vom Werth eines Gedichtes sagt: ´Der höchste Wert eines Gedichtes ist der, daß es der reine, vollendete Abdruck einer interessanten Gemüthslage ist.´ Er dichtete das wirklich Erlebte und tief Empfundene. Hierin liegt sein großes Verdienst, aber auch zugleich die Schranke seiner Poesie; denn was ihm als Mensch fehlte, Energie des Charakters, Hoheit und Selbstbeherrschung, das fehlt auch seinen Dichtungen. In ihnen finden wir oft alle Extreme: Das Hohe und Gemeine, den Ernst und den Leichtsinn, die Wahrheit und die Künstelei, die Tugendbegeisterung und die Lust an der Sünde, die Bildung und die Rohheit.
     Abgesehen aber davon besaß Bürger die glänzendsten Eigenschaften eines Dichtergeistes: Eine lebendige Phantasie, ein tiefes, warmes Gefühl, und eine bedeutende Schöpferkraft. Die Sprache beherrscht er mit wunderbarer Gewandtheit und schöpft seinen Ausdruck aus dem lebendigen Quell des Volksmundes. Schiller anerkennt namentlich bei Bürger die ´Fülle poetischer Malerei, die glühende, energische Herzenssprache, den bald prächtig wogenden, bald lieblich flötenden Poesienstrom und endlich das biedere Herz, das aus jeder Zeile spricht´, Vorzüge, die zeigen, daß Bürger ´werth war, sich selbst zu vollenden, um etwas Vollendetes zu leisten´, vermißt aber öfters ´die immer gleiche ästhetische und sittliche Grazie, die männliche Würde und die hohe, stille Größe.´
    In seinem Streben nach Popularität begeht Bürger (nach Schiller) den Fehler, jede Aeußerung des Volkslebens für poetisch zu halten; er übersieht, daß das Volk nur in seiner gesammten Erscheinung poetisch ist; verwechselt daher oft das Gemeine, Triviale mit dem Volksthümlichen. ´Er vermischt sich nicht selten mit dem Volke, zu dem er sich nur herablassen sollte und, anstatt es scherzend und spielend zu sich hinanzuziehen, gefällt es ihm oft, sich ihm gleich zu machen.´ Die Volksdichtung muß, wie bei Hebel, sich erheben über die gemeine Popularität, muß das Volksleben so auffassen, daß die höhere, ideale Bedeutung desselben hervortritt, muß es durch das Ideal verklären. Das hat Bürger nicht gethan. -
    Bürger steht eigentlich an der Spitze unserer neuern Lyrik, weil er zuerst den reinen Naturton gegenüber der moralisirenden Weise versucht hat. Durch ihn hat die lyrische Sprache ihre freiere Lebendigkeit und das Bewußtsein ihrer musikalischen Innigkeit erhalten. Am glücklichsten war Bürger in seinen Balladen. In dieser Dichtungsart gieng Bürger, angeregt durch Percy's alt-englische Volkslieder, ruhmvoll voran. Die gelungenste Ballade ist die ´Lenore.´ Durch ihren Wohlklang, ihre ausgeprägten Charaktere, die dramatische Lebendigkeit, wirksame Gegensätze und angemessene Steigerung des Furchtbaren ist sie auf eine hohe Stufe poetischer Bedeutsamkeit gehoben. Unter den übrigen sind das ´Lied vom braven Mann´, ´Der wilde Jäger´, ´Der Kaiser und der Abt´ und ´Die Kuh´ als die vorzüglichsten zu nennen. - Unter den rein lyrischen Gedichten sind nur wenige volksthümlich gehalten. Unter ihnen sind noch zu nennen: ´Das Blümchen Wunderhold´ und ´Lied an den lieben Mond.´ Die späteren beziehen sich fast alle auf Molly.”

 

1867

Hahn, Werner. Gottfried August Bürger. In: Geschichte der poetischen Literatur der Deutschen. Digitalisiert von Google.

“[S. 188] Bürger ist der bedeutendste Vertreter der Richtung Herder's zur volksthümlichen Poesie (Lieder; Sonette; Balladen: Lenore, der wilde Jäger usw.; poetische Erzählung: der Kaiser und der Abt usw.). [...] Von dem wüsten Leben, das er seit seinem Aufenthalt in Halle und in Göttingen führte, konnte er sich nicht mehr beharrlich frei machen. Die Stelle eines Justizamtmanns in Altengleichen, welche er durch Boie's Einfluß 1772 erhielt, gab er 1784 wieder auf; lebte darauf als Docent an der Universität in Göttingen; wurde 1789 auch Professor daselbst; fristete sein Leben in Noth und Elend; 1791 in schmerzlicher Aufregung über Schiller's Recension seiner Gedichte, an seinem Dichterberufe zweifelnd; in Reue über die Schuld an seinem Lebensunglück; starb am 8 Juni 1794). Bürger's Dichterruhm gründete sich auf die 1774 im Göttinger Musenalmanach erschienene ´Lenore´. Seine Gedichte wurden zuerst 1778 und seitdem wiederholentlich gesammelt. Unter den lyrischen Gedichten sind zu erwähnen: ´Trinklied (Herr Bacchus ist ein braver Mann, Das kann ich euch versichern!); das Dörfchen (Ich rühme mir Mein Dörfchen hier); Himmel und Erde (In dem Himmel quillt die Fülle Der vollkommnen Seligkeit); Minne (Ich will das Herz mein Lebelang Der holden Minne weihen)´ usw. Bürger's Sonette sind die ersten, die seit Gottsched wieder gedichtet wurden. Sie empfingen selbst von Schiller, der ihn mit einseitiger Strenge beurtheilte, das Lob, daß sie ´Muster ihrer Art, auf den Lippen des Deklamators sich in Gesang verwandelten.´ Die Hauptanregung zu seinen Balladen empfing Bürger von Percy's Sammlung altenglischer Balladen.”

 

1867

Hebbel, Friedrich. Schiller und Körner. In: Friedrich Hebbel´s sämmtliche Werke. Zehnter Band. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 275] ´Es kann Dein erstes classisches Product werden [Schillers Künstler]. Du kannst kühn alle jetzt lebenden Dichter Deutschlands auffordern, einen Pendant dazu zu liefern.´ An diesem auffallenden Ausspruch ist vor Allem die Unbedingtheit hervorzuheben, mit welcher er hingestellt wird. Gewiß, so wenig Goethe, der Verfasser des Fischers und des Königs in Thule, als Bürger, der Verfasser der Lenore, Schillers Zeitgenossen, wären im Stande gewesen, den Künstlern einen Pendant zu geben. Aber, das spricht nicht für, sondern gegen die Künstler, denn was die anerkannt ersten Meister der lyrischen Poesie nicht machen können, das kann nicht lyrisch sein, das kann höchstens neben anderen auch lyrische Elemente in sich haben. Der Ausspruch war daher jedenfalls zu beschränken, hier auf das Didactische, und Körner verfiel in den Fehler, die unendliche Kunst mit ihren zahllosen Spielarten der individuellen Richtung seines Freundes zu subsumiren, statt es umgekehrt zu machen. Von diesem Fehler ist er aber nirgends frei; der Kreis, in dem Schiller waltet, ist ihm der Kreis der Kunst an sich, woher es denn kommt, daß er manche Erscheinung entweder gar nicht, oder doch nur halb, nur von der Linie seines Erkenntnißkreises durchschnitten, erblickt; [...]. “

 

1867

Hebbel, Friedrich. Rezension Studien über das englische Theater von Moritz Rapp. In: Friedrich Hebbel´s sämmtliche Werke. Zwölfter Band.

“[S. 180] Richtig, wir wissen es schon von Byron's Werner her, daß der Dichter sich in der dramatischen Poesie, wie in der lyrischen persönlich ausschäumt; wenn die Aesthetik die stoffliche Interesselosigkeit des Künstlers zur ersten Bedingung seiner Leistung macht, und wenn Schiller den Mangel derselben sogar an dem Lyriker Bürger so bitter rügt, so ist das Faselei.”

 

1867

Roquette, Otto. Aus alten Liederbüchern. I. Die politische Lyrik zur Zeit der Befreiungskriege. In: Westermann´s Jahrbuch der Illustrierten Deutschen Monatshefte. Zweiundzwanzigster Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 335] Hier ist es vor allen Bürger, der talentvollste und das eigentliche Genie dieses Kreises, der, wie in all´ seinen Dichten auf sinnlicher Wahrnehmung fußend, auch in der Auflehnung gegen die Tradition, an gegebenen Verhältnissen festhält. Sein Gedicht ´Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen´ verliert sich nicht in Abstractionen, sondern ist ein erbitterter Nothschrei gegen die noch bestehende Leibeigenschaft, und eindringlicher als der Aufschwung der Stolberg, Voß, selbst Klopstock's, klingt der Jammer des Bauern, der durch die Jagd des Fürsten um seine Erndte gebracht ist, und der Schluß des Gedichtes:
 ´Du, Fürst, hast nicht bei Egg´ und Pflug,
 Hast nicht den Erndtetag durchschwitzt.
 Mein, mein ist Fleiß und Brot! -

 Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?
 Gott spendet Segen aus; Du raubst!
 Du, nicht von Gott, Tyrann!´
Ganz gewaltig klingen die beiden letzten Strophen seines Gedichtes: ´Die Tode.´ Denn, nachdem er den Heldentod für Menschenrecht und Menschenfreiheit als einen Welterlösertod gepriesen, dann für Vaterland und verwandtes Volk,für einen guten Fürsten, für Freunde, für Weib und Kind, ruft er aus:
 ´Für blanke Majestät, und weiter nichts, verbluten,
  Wer das für groß, für schön und rührend hält, der irrt.
  Denn das ist Hundemuth, der eingepeitscht mit Ruthen
  Und eingefuttert mit des Hofmahls Brocken wird.

  Sich für Tyrannen gar hinab zur Hölle balgen,
  Das ist ein Tod, der nur der Hölle wohlgefällt,
  Wo solch ein Held erliegt, d werde Rad und Galgen
  Für Straßenräuber und für Mörder aufgestellt.´
Das Gedicht wurde später, zur Zeit von Napoleon's Zwingherrschaft in Deutschland, von Bedeutung und kehrt in allen Liederbüchern wieder, besonders in den Jahren der Befreiungskriege. - Allein wenn Bürger mit diesem Gedicht sich mehr auf dem abstracten Boden des Göttinger Kreises hält, so zeigt er in andern, mitten im Wirbelsturm der Bannrufe und Flüche gegen Tyrannen, doch die ruhigste Besonnenheit, und wenn die Uebrigen gegen den Hochmuth der Großen donnern, so wird man sich zu seiner Ueberlegenheit halten, mit der er sagt:
  ´Viel Klagen hör´ ich oft erheben
  Vom Hochmuth, den der Große übt.
  Der Großen Hochmuth wird sich geben,
  Wenn unsre Kriecherei sich gibt.´

Es wird Niemand einfallen, Bürger um solcher Aeußerungen willen einen politischen Dichter zu nennen, allein wenn wir den Spuren nachgehen, die zu dem ersten Erwachen einer klareren, freiheitlichen Regung des Selbstbewußtseins zurückführen, durften wir Bürger, im Gegensatz zu der phantastischen und nebelhaften Freiheitsbegeisterung des Göttinger Kreises nicht außer Acht lassen.”

 

1867

Gruppe, Otto Friedrich. Leben und Werke deutscher Dichter. Dritter Band.

“[S. 539] Die Welt ist immer geneigt, bei hervorragenden Menschen vor allem erst einen sichern Abschluß über ihren moralischen Charakter zu verlangen, sollte sie darin auch einem höhern Richter vorgreifen. Bürger ist diesem Verlangen ganz besonders ausgesetzt, und so halten wir für Pflicht, auf einige Punkte aufmerksam zu machen, deren Berücksichtigung die Gerechtigkeit zu fordern scheint. Zuerst muß man die freieren Grundsätze der gesammten Zeit, die herrschende Unsittlichkeit in den höhern Ständen in Anschlag bringen, wovon z B Wielands Poesie nur das Spiegelbild ist; gewiß würde es in hohem Grade ungerecht sein, die allgemeinen Gebrechen der Zeit aus den Augen zu lassen und diese zusammengehäuft nur die wenigen entgelten zu lassen, welche durch ihr Verdienst sich hervorgehoben. Demnächst ist es auch ein Leichtes, aus kalter Haut heraus heißer gemischte Naturen sittlich zu beurtheilen; der Spießbürgerliche würde auf diese Weise der größte Tugendheld sein. Es ist hier nicht die Absicht, einen so warmblütigen Dichter als fleckenlos in häuslichen und bürgerlichen Verhältnissen darzustellen, nur darf nicht vergessen werden, daß seine Fehler auch mit großen Tugenden und einer durchaus edlen Gesinnung gepaart gingen. So wenig man Bürger einen schlaffen Wollüstling nennen kann, denn durch kraftvolle Auffassungen hat er das Gegentheil bewiesen, eben so wenig kann man Niederes nnd Ehrenrühriges ihm nachsagen. Sein Herz war voll Vertrauen, voll Milde, voll Güte und Verzeihung, der Aufopferung fähig, sehr ergriffen von allem, was groß ist, und eines edlen Stolzes voll. Auch die Zerrüttung seiner äußern Lage, die so erdrückend auf ihm gelastet hat, muß aus einem höhern Gesichtspunkt milder beurtheilt werden. Wer so große Hülfsquellen in sich hat, die er nöthigenfalls auch münzen kann, darf sich allerdings wohl eine freiere Bewegung erlauben; wogegen denn Rücksichten der Ehre und der Kunst gerade bei den Begabtesten eine viel größere Einschränkung im Gebrauch solcher Mittel gebieten, als der literarische Speculant sie kennt. - Gewiß hat Bürgers Leid seine Schuld vielfach aufgewogen

[S. 548] Oder was urtheilt man von einem Gedicht, wie das Minnelied vom Jahr 1772, das ich, da es kurz ist, nach
der ursprünglichen Lesart hieher setze.
   O wie schön ist, die ich minne,
   O wie schön an Seel´ und Leib!
   Oefters ahndet meinem Sinne,
   Mira sei kein sterblich Weib.
   Schier verklärt, wie Himmelsbräute,
   Ist sie aller Flecken baar :
   Heiliger und schöner war
   Nur die Hochgebenedeite,
   Die den Heiland uns gebar
Dies einfache Gedicht, das Bürger bei der spätern Ueberarbeitung unter dem Namen Gabriele, nicht überall verbessert haben dürfte, schlägt einen zur damalige Zeit gewiß ganz neuen Ton an, indem sich schon die ganze spätere Romantik erkennen läßt, übrigens in einer Klarheit und Reinheit, wie diese ihn kaum erreicht hat.

[S. 550] Die Deutschen würden sehr wahrscheinlich eine nicht minder reiche Volks- und Balladenpoesie ausweisen können, als England und Schottland, wenn sie zeitig genug auf die Gesänge des Volks geachtet und nicht über die gelehrte Poesie sich von ihnen abgewendet hätten, ja wenn sie nur noch um die gleiche Zeit wie Percy in allen deutschen Gauen ein Ohr für solche Klänge gehabt. Allein eben dieses Ohr mußte erst bei ihnen geweckt werden. Es geschah zuerst von Herder und dann von Bürger, allein von beiden in verschiedener Art: denn jener sammelte und dieser dichtete. Bürger war so glücklich, nur ein paar Laute zu hören und während ein Sammler dem übrigen Zusammenhange nun eifrig nachgeforscht haben würde, ging er als Dichter einen anderen Weg, er that selbst in seiner regen Phantasie das Fehlende hinzu. [Lenore]

[S. 554] Wo er denn gleichsam den Geist der Volkspoesie zu versöhnen strebte; allein bei seinen Zeitgenossen machte Bürger gerade mit der Lenore, so wie sie war, den meisten Eindruck; nicht nur seine Göttinger Freunde und alle heranwachsenden Musenjünger waren davon ergriffen, sondern das Publicum in den weitesten Kreisen und in allen seinen Theilen; Bürger hatte bald die Genugthuung, seine Ballade in einer Schenkstube singen zu hören. Für die melodischeren tiefer und einförmiger klingenden Töne der alten Volksballade wäre die damalige Lesewelt nicht reif gewesen, aber die Macht und das Schauerliche der Darstellung, das Ungestüm des Verses und der Sprache rüttelte auch die Trägeren auf. Dieser Beifall war denn für Bürger entscheidend und zog ihn, der nun auf einen Schlag ein Sänger des Volks geworden, wie man noch keinen gehabt, immer mehr in der Bahn fort, die sich ihm geöffnet hatte.

[S. 557] In dieser heftigen und grausamen Manier sind besonders noch zwei Stücke, des Pfarrers Tochter von Taubenhain, und Lenardo und Blandine, jenes, zum Theil nach einer wahren Geschichte, dieses nach dem Motiv einer Novelle von Boccaccio. Beide Stücke sind ganz darauf berechnet, die Nerven, und selbst die unempfindlichsten, zu rühren, das erstere hat einige eines großen Dichters würdige Momente, nur daß die Milde der Poesie einer crassen Wirkung gänzlich hat erliegen müssen und daß sich schon mancher Zug von Rohheit anstatt der Kraft einmischt. Man sieht hier schon deutlich, wie der Dichter durch die Art des ihm zu Theil gewordenen Beifalls auf eine schiefe Ebene gekommen war, die ihn von der gewonnenen Höhe wieder herabzuziehen drohte. Lenardo und Blandine hat vielen Tadel erfahren und es ist schwer, das Gedicht zu vertheidigen, doch darf man sagen, Bürger habe sich hier mehr als bisher von dem Ton und der Art des Volksliedes angeeignet und es wirke der Einfluß von Percy's Sammlung noch tiefer.

[S. 561] Noch in demselben Jahr versuchte Bürger die Bearbeitung einer Ballade von gröberem Caliber. Die wanton wife of Bath gab ihm seine Frau Schnips ein und man muß wahrlich sagen, daß Bürger sein Original übertraf - an Gröblichkeit. Gleiches gilt von der Entführung, die er ein Jahr später nach dem Child of Elle arbeitete.

[S. 564] So groß nun Bürgers Verdienst ist, die Poesie der Deutschen in der Bahn der Ballade befestigt zu haben, so konnte er selbst doch darin keine reiche Blüte entfalten: es fehlte immer noch an Stoff, an Erfindung in dieser Sphäre, die Gangadern waren noch nicht eröffnet, die Wünschelruthe hatte nur eben angeschlagen und gezeigt, daß hier eine Quelle zu finden sei. Bürger hat auch einige schwache oder ziemlich verunglückte Balladen gegeben, so der Raubgraf, ein schwächerer Doppelgänger des wilden Jägers. Er wurde zuletzt auf das Ereigniß und die Anekdote hingedrängt und so populär sein ´Braver Mann´ und die ´Weiber von Weinsberg´ auch sind, so steht ihr poetischer Werth doch nicht im Verhältnis. Nur der Humor hat diesem Stück und nur die Schilderung der Naturerscheinung jenem einen gewissen Geschmack geben können. Aber die Bahn darstellender Lyrik, die man bis dahin nicht gekannt, war einmal gebrochen und ein großer Wendepunkt ist jedenfalls mit dem Namen Bürgers bezeichnet. 

[S. 565] Diejenigen Stücke, welche wir hier im Auge haben, erwuchsen, wie des Dichters Lebensgeschichte dies erklärt, zwischen 1774 und 85, es sind alle, welche den Namen Molly tragen. Aber wer nicht die besonderen Aufschlüsse dazu mitbringt, dürfte aus ihnen kaum ahnen, was an tragischer Wahrheit dahinter liegt, kein Wort, keine nähere Andeutung über die Art des schneidenden Couflictes. Man könnte von einem andern Standpunkt aus vielleicht dem Dichter den Vorwurf machen, er habe aus der Sache nicht das geschöpft, was daraus für Poesie zu gewinnen war, allein es war eben kein fremder Stoff, sondern eigenes Schicksal, und damals verstand man es überhaupt nicht, sein Inneres der Welt herauszukehren; Bürger am wenigsten war hier ein Heine. In der That muß man die tiefen Seufzer des gequälten Herzens suchen, wenn man sie finden will. Man wird sie wohl am meisten finden in der ´Elegie, als Molly sich losreißen wollte.´ Allein hier hat Bürger zugleich eine Apologie seiner selbst geben wollen, zum Beweise, daß das Urtheil der Welt schwer auf ihm lastete, und zur genügenden Erklärung, daß dies kein Lieblingsthema seiner Muse sein konnte.
Wir haben also in Leid und Lust nur Abgerissenes und Verstohlenes zu erwarten. Indessen hat er doch zweimal, als die Kraft des Gefühls die Scheu überwog, größere Stücke gegeben, allein die Gewaltsamkeit des Ausbruches war dann, bei aller Energie, doch der künstlerischen Vollendung durchaus im Wege und mit dem poetischen Erguß zugleich brach vieles andere durch, das er auf seinem Herzen hatte. Dies gilt von der schon erwähnten Elegie und es gilt ebenso von dem hohen Liede, beides Stücke, die für die Würdigung des Dichters von großer Bedeutung sind und sich wenigstens im Einzelnen auch zu hohem poetischen Werth erheben.

[S. 568] Bürgers Lyrik hat einen weiten Umfang, weiter als die irgend eines deutschen Dichters vor ihm; man that ihm bitter Unrecht, wenn man über die allerdings in späterer Zeit erklingende Manier, die allerdings in Holzschuhen einhergeht, den zarten Austritt seiner Muse in früheren Jahren und alle die anderen ihm eigenen Töne nicht hören will. Von dem Ton der Minnelieder, der ihm so wohl gelang, ist auch in späteren Ausgaben immer noch etwas übrig geblieben, frisch und würzig ist das Gedicht ´Liebeszauber´, zumal in den älteren Lesarten, und wahren Veilchenduft haucht sein Blümchen Wunderhold; dann wieder jener männliche Stolz und jener hohe Ton deutscher Mannheit, der nicht reiner und voller erklingen kann. Unter mehreren Stücken dieser Art verdient das Gedicht ´Männerkeuschheit´ noch besondere Erwähnung, sein moralischer Werth und was es Gutes gestiftet, wurde besonders laut und lebhaft von Wieland anerkannt, und wenn Bürger ungestüme Sinnlichkeit zur Laft fällt, so muß dieses Stück als das Gegengewicht dienen. Ein milder und menschlicher Ton herrscht in dem schönen Gedicht von der Kuh der Frau Magdalis, das in der That ausgeführte Idylle aufwiegen kann, und wenn wir das Stück ´Die Elemente´ auch nicht, wie geschehen ist, in ein christliches Gesangbuch aufnehmen möchten, so finden wir doch auch, daß es mitunter an den schönsten Ton Paul Gerhardts anklingt und an sich hohen Schwunges voll ist. Aber den Preis geben wir unter vielen anderen doch dem trefflichen Gedicht an Boje ´Vorgefühl der Gesundheit´ vom Jahr 1789.

[S. 570] Auch Bürgers Balladen sind in der Tonart noch sehr verschieden, sämmtlich zeichnen sie sich aus durch Frische, durch die Keckheit des Auftretens, namentlich der Eingänge, aber ihr Flug ist in sehr verschiedener Höhe und das Geisterhafte wechselt mit derbster Plastik, der Dichter ist eben so wohl weich und einschmeichelnd, als wild, blutig und grausam, eben so wohl ernst und tragisch als heiter und lustig, ja schnurrig, ihm gelingt der biedere Ton so gut wie der schwungvolle, der launige - und alle diese Tonarten sind bestimmt auseinander gehalten, manchmal sogar übertrieben. Der Vergleich mit früheren Dichtern, namentlich mit Wieland, spricht hier sehr zu Bürgers Gunsten und verkündet eine neue Zeit.

[S. 572] So müssen wir denn im Ganzen Bürger eine große Bedeutung in der Entwickelung deutscher Poesie einräumen und können nur bedauern, daß die Ungunst der Umstände, d.h. die Fühllosigkeit der Zeitgenossen, seiner Poesie keine freudigere Entfaltung und keine längere Dauer seiner schönen Blüte gegönnt hat. Das größte seiner Verdienste aber bleibt der kühne Vorgang in der Ballade und mit ihr die Eröffnung des gesammten romantischen Gebietes; mag es auch immer an der Zeit gewesen sein und von außenher sich geboten haben, so war er doch der erste, der das Zeitgemäße ergriff und der es durchsetzte. Wir wissen jetzt freilich, daß er den stillen und tiefen Zug des volksmäßigen Gesanges noch nicht auffaßte, das war auch in der ersten Hand zu viel, ja daß er sogar die edlere Sphäre oft nur zu bald verlor; allein gerade in derjenigen Modification, welche er dem Volksgesange theils durch zu angelegentliche Ausführung, theils auch durch Hinüberziehen ins Platte und Possenhafte gab, machte er ihn um so schneller seinen Zeitgenossen schmackhaft. So dürfen denn, aus historischem Standpunct, selbst die unleugbaren Mängel Bürgers in ungleich milderem Licht erscheinen. Eine Beurtheilung dagegen, wie sie Bürger im Jahr 1791 von Schiller erfahren hat, muß als ebenso einseitig wie ungerecht erscheinen. Es sind hier die zu Tage liegenden Fehler mit Eifer ergriffen und alle tiefer verborgenen Reichthümer übersehen, was großentheils der Mißgunst der Umgebung gehört, wird mit Bitterkeit dem Kern der Person angerechnet und geradezu von Bürger das Unbillige verlangt. Seiner Natur und seiner historischen Aufgabe nach mußte er nach Individualität und Prägnanz des Wirklichen streben und Schiller forderte von ihm Ideal und Allgemeinheit. Es ist ein Conflict der Natur und der Zeiten, welcher hier hervortritt und mit schulmeisterlicher Ueberlegenheit des abgeschlossensten Rechthabens sich gegen einen von der Natur Hochbegabten, von der Nation Hochgeehrten geltend macht. Was an dieser Beurtheilung ungerecht war, hat Schiller später selbst schwer, vielleicht zu schwer entgelten müssen.”

Gruppes Beitrag zu Leben und Werk Bürgers in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1867

Paldamus, Friedrich. Gottfried August Bürger. In: Deutsche Dichter und Prosaisten nach ihrem Leben und Wirken geschildert von Heinrich Kurz und Dr. Friedrich Paldamus.

"[S. 382] Bürger ist unzweifelhaft eine der bedeutendsten Erscheinungen in unserer Litteraturgeschichte, an Talent unter den Dichtern des 18. Jahrhunderts der ersten einer. Das was ihm fehlte, Energie des Charakters, Hoheit des Geistes und Herzens, bildet auch die Schranke in seiner poetischen Wirksamkeit. Bürger ist nur in volksthümlichen Balladen und Romanzen groß, in dieser Gattung aber auch, insbesondere in der Lenore, die deshalb als das Centrum seiner Dichtungen erscheint, unerreicht. Jedoch ist die Zahl dieser mustergültigen Gedichte nur sehr beschränkt und außer der Lenore etwa nur noch das Lied vom braven Manne (1776), der Kaiser und der Abt (1784), das Lied von der Treue (1788) hierher zu rechnen; bei der Mehrzahl der übrigen erzählenden Gedichte ist Schillers bekannter wenn auch nicht in allen Stücken zu unterschreibender Tadel, mit dem selbst der günstig gestimmte A.W. von Schlegel in der Hauptsache zusammentrifft, völlig begründet. Als Lyriker steht Bürger weit weniger hoch, weil es seinen lyrischen Stoffen zu sehr an allgemein gültigem Inhalte fehlt - sie sind der Ausdruck viel zu individueller, zum Theil nicht wohlthuender Stimmungen, bisweilen mehr schmuck-, als empfindungsreich. Dagegen verdienen seine Sonette, unter denen das obenerwähnte ´an das Herz´ eins der vorzüglichsten ist, rühmlichste Erwähnung. Ueber seine Uebersetzung der Ilias ist durch die Geschichte der Voß´schen Homerübersetzung ein gültiges Urtheil gefällt.
  Unter Vielem, was über Bürgers Leben und Dichten gesagt worden ist, verdient kein Ausspruch wegen seiner Kürze und Schärfe mehr erwähnt zu werden, als Göthe´s bekanntes Wort: ´Bürger wußte sich nicht zu zähmen, und darum zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.´ "

Paldamus Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1867

Anonym. Ueber Männerschwüre und Männertreue. In: Champagner. Humoristisch-satyrisches Wochenblatt, 10. August. Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 250] Wenn die Dichter alter und neuer Zeit auch genug der Schmach, der Schande und des giftigsten Spottes auf das ´schwache Weib´ auf ´die schönere Hälfte des menschlichen Geschlechts´ gehäuft haben, so konnten sie doch nicht umhin, auch die Jämmerlichkeiten des thatendurstigen Mannes uns in Prosa und in Versen vorzuleiern. Wer kennt nicht den ´Thatendurst´ eines Junker von Falkenstein, in Bürgers ´Pfarrerstochter zu Taubenheim?´. “

 

1867

Holtei, Karl von. Theater. Ausgabe letzter Hand in sechs Bänden. Erster Band. Breslau. Digitalisiert von Google

“[S. 7] [Giacomo] Meyerbeer sagte mir einmal während meines Pariser Aufenthaltes, er wünsche wohl einen ächt-deutschen, volksthümlichen Operntext zu componiren; und äußerte im lebhaften Gespräch über diesen Gegenstand: als passender Stoff dazu erscheine ihm Bürger's Lenore. Ich beschäftigte mich in Gedanken viel mit dieser seiner Aeußerung, und nachdem ich im Vaudeville-Theater eines jener seltsamen Stücke, worin man Friedrich den Zweiten auftreten zu lassen liebte, mit Beifall spielen sehen, in selbigem aber den großen Schauspieler Lepeintre den Aelteren, als alten preußischen Husaren bewundert hatte, beschloß ich hinterlistiger Weise meinem musikalischen Freunde — (dieser schrieb damals über Robert le diable und saß zu tief darin, um auf meine Felonie zu achten) — beschloß ich, ihm seine Idee zu rauben, und ein Schauspiel, mit Gesängen auf selbstgewählte deutsche Volksmelodieen, für's Königstädtische Theater daraus zu machen. Ohne mein Wollen und Wissen vermengten sich Bilder aus Bürger's anderer Ballade: ´Die Pfarrerstochter von Taubenhain´ mit in den Plan, und so entstand das Schauspiel ´Lenore.´ Wobei vielleicht bemerkenswerth ist, daß ich den dritten Akt zuerst fertig gemacht, und den Anfang des Stückes erst begonnen habe, als ich das Ende bereits vor mir liegen sah.
   Herr Musikdirektor Eberwein in Weimar hat sowohl die Instrumental-Musik zu den ihm gelieferten Volksweisen gesetzt, wie die meisterhaft gehaltenen Entreakts und melodramatische Begleitung componirt. Das sogenannte ´Mantellied´ geht auf die Melodie eines uralten Soldatenliedes, welches mit den treuherzigen Worten anhebt:
  ´Es saßen einmal drei Reiter gefangen,
  ´Gefangen waren sie!´
Am 12. Juni 1828 wurde ´Lenore´ zum ersten Male in Berlin gegeben.“

 

1867

Sporschil, Johann. Der Göttinger Dichterbund. In: Die Geschichte der Deutschen von den ältesten bis auf unsere Tage. Vierter Band. Regensburg. Digitalisiert von Google

“[S. 71] Bürger gehörte nicht eigentlich dem Göttinger Dichterbunde an, wiewohl er häufig dazu gezählt wird. Sein wüster Lebenswandel schied ihn von diesem auserwählten Kreise. Er ging frühzeitig unter und mit ihm, wie Schlosser sagt, ´der einzige Mann, der, wie die Proben, die er geliefert hat, beweisen, einzig und allein unter allen im Stande gewesen wäre, das eigentlich sogenannte Volk für die Dichtkunst volksmäßig zu gewinnen.´ Die berühmteste Dichtung Bürgers ist die Ballade ´Lenore,´ welche trotz ihrer Länge vom Zumsteg in Musik gesetzt wurde. Es ist ein grausiger Gespensterspuck, und doch wie so himmelweit von dem verschieden, welchen Göthe sich so häufig gefiel, mit allem Zauber der Sprache auszustatten. Der Form nach möchte Göthes ´Braut von Korinth[´] den ersten Rang unter allen deutschen Balladen einnehmen. Aber welch' Ekel erregender Stoff, und wie feindselig gegen das Christenthum! Ein Jüngling kommt von Korinth nach Athen, um sich, wie er hoffet, mit einer Jungfrau zu vermählen. Es ist schon Nacht, nur die Mutter empfängt den Gast, bringt ihn in das Prunkgemach, tischt Wein und Essen auf, und wünscht gute Nacht. Da tritt eine Jungfrau in das Gemach, und wer ist diese? Eine gespenstisch belebte Leiche, die Leiche seiner Verlobten, die jetzt mit dem Jüngling Liebe pflegt. Entrüstet tritt die Mutter ein, erblickt ihr eigen Kind, die gespenstisch belebte Leiche, welche spricht:
   Aus dem Grabe ward' ich ausgetrieben,
   Um zu suchen das vermißte Gut,
   Um den schon verlornen Mann zu lieben
   Und zu sangen seines Herzens Blut.
   Diese Locke nehm' ich mit mir fort,
      Sieh sie an genau
      Morgen bist du grau,
   Und nur braun erscheinst du wieder dort.
Welch' ein abscheulicher Inhalt, und am Schlusse auch noch die widerwärtige Hinweisung auf ein sinnliches Jenseits! Gespenstische Hurerei in aeternum! Wie ganz anders Bürger in seiner unvergleichlichen Ballade. Lenorens Geliebter ist zu Felde gezogen, schreibt nicht, kehrt auch, als das siegreiche Heer heimzieht, nicht zurück in das Dorf. Da verzweifelt Lenore vermessen an Gottes Barmherzigkeit, hört nicht auf Bitte und Warnung der Mutter, und es folgt die grausige Strafe. Ihr Geliebter sprengt um Mitternacht daher, sie schwingt sich auf sein Roß, er reitet mit ihr hundert Meilen weit in das Brautbett — den Kirchhof, auf welchem er, der in der Schlacht gefallen ist, im Grabe ruht. ´Des Leibes bist du ledig, Gott sei deiner Seele gnädig,´ ruft am Schlusse der Chor der Geister der sterbenden Lenore zu. Ein grausenerregender Vorgang, aber doch wie durchdrungen vom christlichen Elemente und zugleich wie ferne von dem ´Liebesüberfluß´ zwischen einem Jüngling von Fleisch und Blut und einer gespenstisch belebten Leiche, so anwidernd in der ´Braut von Korinth!´ “

 

1867

Pabst, Karl Robert. Ueber Gespenster in Sage und Dichtung. Bern. Digitalisiert von Google

“ [S. 36] Zu der gegenwärtigen Gruppe, d. h. derjenigen der Strafgeister gehört auch das Gespenst in Bürgers Lenore insofern, als es das Gericht für Lenorens Gotteslästerung vollzieht. Doch dieses unter allen deutschen Geisterballaden mit Recht am meisten gefeierte Gedicht hat für uns noch eine andere und tiefere Bedeutung, um derentwillen wir gegen den Schluß unseres ganzen Vortrags darauf zurückkommen werden.

[S. 79] So bleibt es schon dabei: Bürgers Lenore ist nach Auffassung und Ausführung Original, und die Vergleichung mit den obigen Sagen und Liedern liefert uns einen bedeutsamen Beleg für die freie Gestaltung eines stammverwandten Völkern gemeinsamen Sagenstoffes. Auch darf ich wohl auf Ihre Beistimmung rechnen, wenn ich Bürgers Schöpfung, sofern sie die Vorzüge der Volksdichtung und der Einzeldichtung in sich vereinigt, als eine seltene Ausnahme bezeichne. Denn hat mein Vortrag nicht ganz sein Ziel verfehlt, so wird er in Ihnen die Ueberzeugung gefördert haben, daß in den Gespenstern der Volkssage und des Volksliedes nicht nur ein bedeutender und gewiß nicht der schlechteste Theil unseres Gemüthslebens ideal vergegenständlicht ist, sondern daß in ihnen auch die echt menschlichen Saiten unseres Herzens reiner und bestimmter und eindringlicher erklingen als in den meisten Schöpfungen der Einzeldichter.

[S. 77] Zum Gipfel aber erscheint diese Schuld gesteigert in derjenigen Ballade, welche unter den Balladen aller Völker als einzig in dieser Art dasteht, in Bürgers Lenore. Diese treibt der Liebesschmerz bis zur Gotteslästerung und zur Verfluchung alles diesseitigen und jenseitigen Heiles, und diesem Frevel entspricht auch die Katastrophe: Lenore ´stirbt hin in Nacht und Graus.´“

 

1867

Gesuchte Bücher usw. In: Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel. Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“ [S. 881] F. B. Auffarth in Frankfurt a. M. sucht antiquarisch oder neu:
 Eichenhorst, Ritter Carl von, ein Lied, welches anfängt: ´Knapp, sattle mir mein Dänenroß.´ Componist und Verleger ist mir unbekannt.“

 

1867

Block, Moritz, Die französische Dünger-Enquete. In: Annalen der Landwirthschaft. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 157] Ueber die Wichtigkeit des Düngers, über dessen Einfluß auf den Boden brauchen wir, dem Landwirth gegenüber, kein Wort zu verlieren. Der das Sprichwort erfand, man könne das Gräschen nicht wachsen sehen, der kannte die Wunderkraft der Dungstoffe nicht. Die heutigen Landwirthe, die mit diesem Stein der Weisen bewaffnet sind, sehen wie Gras und Gräschen, Pflanze und Pflänzchen durch seine Berührung wächst, und daß mit Dünger Mancher ´aus Häckerling Gold schon gemacht´ hat. “

 

1867

Wimmer, Anton. Des Feldbauers in Wiesenkirchen Fragen über Pflanzennahrung und deren Ersatz. Landshut. Digitalisiert von Google

“[S. 68] Zuerst erhob sich ein langer, spindeldürrer Mann und theilte mit, daß er gute Resultate mit Kunstdünger erzielt habe auf seinen Wiesen und im Garten, aber was er für einen Kunstdünger angewendet hat, wie viel davon und auf welche Weise, und um wie viel sich der Ertrag hiedurch steigerte, davon sprach er kein Wort. Auf den dünnen Herrn kam nun ein entsetzlich dicker Mann, denn wie Vollmond glänzte sein feistes Gesicht, drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht. Wirklich hatte der Mann ein ganz merkwürdig großes Gesicht, und ich glaub´, hat er sich rasiren lassen, er hat dieses Geschäft allemal einem Badergesellen in Accord gegeben. “

 

1867

Telegraphische Depesche In: Kladderadatsch, 26. Mai Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 91] Telegraphische Depesche
(Nach Schluß der Redaction eingegangen.)
Ums Morgenroth. Hier fuhr so eben, statt Lenore, der Deutsche Michel empor - aus schweren Träumen. “

 

1867

Nachrichten. In: Neue Berliner Musikzeitung, 29. Mai Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 175] Augsburg. Dr. Otto Bach schreibt eine neue deutsche Volksoper: ´Leonore´, in 3 Acten nach der alten Sage vom ´gespenstigen Reiter´, welche theilweise in Bürger's ´Leonore´ benutzt ist. “

 

1867

Anonym. Bericht über die III Hauptversammlung des bayer. Volksschullehrervereins zu Augsburg am 2., 3. und 4. Septbr. 1867. In: Bayerische Lehrer-Zeitung, 28. November. Digitalisiert von Google

“[S. 412] Es wurde in der Religionsstunde den Kindern ans Herz gelegt: Wir sollen dem Nächsten helfen und fördern in allen Leibesnöthen. In der nächsten Sprach- und Lesestunde wird Bürgers ´Lied vom braven Manne´ behandelt. Wenn da der Lehrer vor seine Schüler hintritt und mit Begeisterung liest: ´Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glockenklang. Wer hohen Muths sich rühmen kann, den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang usw.´, so führt er den Schülern nicht bloß ein lebendiges, anziehendes Beispiel zu der behandelten Lehre vor, lehrt nicht bloß Schönlesen, sondern erweckt in ihnen gewiß auch Sinn und Begeisterung für die vaterländische Poesie. Da wird das Herz der Kinder gewiß auch höher schlagen und sich weiden und ergötzen an solchen Perlen deutscher Dichtkunst und das eine oder andere, von ihnen wird gerne den einen oder anderen Vers solch erhebenden Gedichtes von selbst auswendig lernen.“

 

1867

Krieger, J. Das Heiraths-Bureau. In: Plauderstübchen. Unterhaltungsblatt zum Kaiserslauterer Boten für Stadt und Land. 24. März. Kaiserslautern. Digitalisiert von Google

“[o. S.] Da erbarmte sich der Stallknecht unser, nahm eine Peitsche und hieb darauf los, daß es durch die Luft pfiff. Jetzt bekamen unsere Maschinen Leben. Auf einmal fingen sie an auszuschlagen, und als die Streiche nicht nachließen, ging da Ausschlagen in Galopp über und:
     Hurre, hurre, hopp, hopp, hopp!
     Ging's fort in sausendem Galopp,
     Daß Roß und Reiter schnoben,
     Und Kies und Funken stoben.
Wie eine Windsbraut jagten wir durch die Stadt, Alles bedrohend, was nicht schnell auswich. “

 

1867

Bahnsen, Julius. Anmerkung zu Das Lumpenthum. In: Beiträge zur Charakterologie. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 440] Nicht das bloße Derangirtsein in finanziellen Verhältnissen stempelt zum Lumpen - sonst gehörte neben einem Lessing und Bürger sogar ein Pestalozzi darunter - sondern die Erfindsamkeit in kleinen Gaunereien, durch welche immer der Nächste noch frecher - keineswegs immer feiner, nicht selten nur um so plumper - ´angeführt wird´, als sein leichtgläubig-gutmüthiger Vorgänger. “

 

1867

Oppenheim, Joseph. Welche Anforderungen sind an einen guten jüdischen Lehrer zu stellen? In: Beilage zu Nr. 40 des Israelit. Digitalisiert von Google

“[S. 691] [...], denn ohne Frömmigkeit und Sitten ist der Mensch nie wohlgelitten, und ohne Frömmigkeit und Tugend gleichet — wie Bürger sagt — der Mensch dem Ochs und Eselein im Stalle. Der wahre treue Lehrer wird sich niemals — wenn er von seinem Wirken Früchte sehen will — vom Zeitgeiste fortreißen lassen. “

 

1867

Reichard, Max. Das Pfarrhaus im Lager. In: Erinnerungen eines evangelischen Feldpredigers im französischen Lager vor Sewastopol, Bielefeld und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 98] ´Ach, wird denn der Winter den ersehnten Frieden nicht bringen?´ — schrieb ich zu jener Zeit aus meinem einsamen Zelte heraus. ´Wir schauen immer in eine ganz unbestimmte Zukunst. Nun, sie ruht in Gottes Hand! Er, der der Menschen Herzen lenket wie Wasserbäche, kann auch der Könige Sinn zum Frieden lenken, damit Zion sich freue, und das Land sein Gewächs gebe! O, wie gern würde ich singen, was wir in der Kindheit bei der Mutter gelernt:
   ´Der Kaiser und die Königin,
   Des langen Haders müde.
   Erweichten ihren harten Sinn
   Und machten endlich Friede!´
Dann kommen auch wir heim mit Sing und Sang, unter Paukenschlag und Glockenklang, durch die Städte gezogen, geschmückt ´mit grünen Reisern´!”

 

1867

Medicus, Wilhelm. Der Esel. In: Die Naturgeschichte nach Wort und Spruch des Volkes, Nördlingen. Digitalisiert von Google
 
“[S. 50] Schon das Reiten auf einem Esel kann unter gewissen Umständen als ein Schimpf gelten.
   Und könnt ihr mir diese drei Fragen nicht lösen, -
sagt der Kaiser zum Abt von St. Gallen,
   So laß ich euch führen zu Esel durchs Land -
freilich kommt noch der gewichtige Nachsatz:
   Verkehrt statt des Zaumes den Schwanz in der Hand!”

 

1867

Anonym. Badische Lebensläufe in absteigender Linie. In: Augsburger Postzeitung, 23. Septbr. Digitalisiert von Google

“[S. 1397] Herr Knies besaß aber außer einigen schwachen Ideen der Nationalökonomie, die Tugend der Dankbarkeit. Er war seinen Brodgebern dankbar, und als Lamey ..... fuhr um's Morgenroth empor aus schweren Träumen, siehe da, da fand er das Längsgesuchte, eine kleine nette Schulfrage, aus der Fabrik des Herrn Knies.”

 

1867

Anonym. Oesterreichischer Vereins- und Geselligkeits-Kourier des "flotten Geist." In: Der flotte Geist, 1. März. Digitalisiert von Google

“[S. 55] Herr Weilenbeck wußte durch seinen scharf pointirten Vortrag der ´Lenore´ von Bürger, dieser so oft gehörten Ballade, neuen Effekt abzugewinnen.”

 

1867

Heinzelmann, W. §30. In: Der polarische Gegensatz in der Musik, Leipzig. Digitalisiert von Google 

“[S. 163] Wer da nun Lust hat zum Rechnen, dem haben wir hiermit von weitem den Weg gezeigt; er wird aber noch manchen Stein aus dem Wege zu räumen finden, ehe er es zur Composition einer sogenannten Fuge wird bringen können, da ein in allen Formen contrapunktirter Satz wie ein Kautschuckmann umgedreht wird in wilder Jagd mit seinem Gegensatz, bis es schliesslich heisst: Der König und die Kaiserin, des langen Haders müde, erweichten ihren harten Sinn und machten endlich Friede. Dieser wird dann im sogenannten Orgelpunkte geschlossen, [...].”
 

1867

Reichard, Max. Das Pfarrhaus im Lager. In: Erinnerungen eines evangelischen Feldpredigers, Bielefeld und Leipzig.   Digitalisiert von Google

“[S. 98] ´Ach, wird denn der Winter den ersehnten Frieden nicht bringen?´ — schrieb ich zu jener Zeit aus meinem einsamen Zelte heraus. ´Wir schauen immer in eine ganz unbestimmte Zukunft. Nun, sie ruht in Gottes Hand! Er, der der Menschen Herzen lenket wie Wasserbäche, kann auch der Könige Sinn zum Frieden lenken, damit Zion sich freue, und das Land sein Gewächs gebe! O, wie gern würde ich singen, was wir in der Kindheit bei der Mutter gelernt:
   ´Der Kaiser und die Königin,
    Des langen Haders müde.
    Erweichten ihren harten Sinn
    Und machten endlich Friede!´
Dann kommen auch wir heim mit Sing und Sang, unter Paukenschlag und Glockenklang, durch die Städte gezogen, geschmückt ´mit grünen Reisern´!”

 

1867

Anonym. Nürnberg. In: Winter's Theater-Korrespondent von und für Deutschland, München, 27. Oktober. Digitalisiert von Google

“[S. 109] Eigentlich könnten Sie mir böse sein, und mit Leonoren sagen: ´Bist untreu Wilhelm oder todt, wie lange willst Du säumen?´ - Aber wenn ich auch das Glück hätte, Wilhelm zu heißen, so wäre ich doch unschuldiger noch, als Starkows ins Feld Gezogener, denn ich hatte, abgesehen von hier aufgetauchten Gerüchten, von Ihnen selbst kein Lebenszeichen, bis vor einigen Tagen. Darum, und aus verschiedenen anderen Gründen, sende ich Ihnen in der ersten freien Minute ein paar Worte über unser Theater.”

 

1868

Anonym. Der Göttinger Dichterbund. In: Bibliothek deutscher Classiker für Schule und Haus. Dritter Band, Freiburg im Breisgau.  Digitalisiert von Google

“[S. 8] Bürger gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Dichtern des vorigen Jahrhunderts. Mehrere seiner erzählenden Gedichte können geradezu als Muster gelten, während eine gute Anzahl anderer durch ihren leichtfertigen oder Bänkelsängerton oder durch falsche Empfindsamkeit beleidigen. Auch die lyrischen Gedichte treffen den echten Volkston nur zuweilen, daher wenige sich zur Aufnahme eigneten; das Zechlied: ´Ich will einst bei Ja und Nein´ kommt bis an die Grenze des Trivialen. Die Gedichte an Molly lassen keinen reinen Genuß aufkommen, nicht allein darum, weil ihnen ein unsittliches Verhältnis zu Grunde liegt, sondern weil der Dichter es nicht versteht, uns aus der beengenden Nähe dieser schweren Krankheit in die Höhe der reinen Empfindung zu heben. Besser gelingt ihm dieses in einigen Sonetten, einer Gedichtsform, die Bürger zuerst von den südlichen Völkern herübernahm. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1868

Sauppe, Gustav. Romantische, Romanze und Verwandtes.  In: Wanderungen auf dem Gebiete der Sprache und Literatur. Halle.  Digitalisiert von Google

“[S. 190] Der Wiederhersteller der echten deutschen Ballade ist Gottfried August Bürger, welcher durch Percy's Sammlung altenglischer Gedichte, auch durch Herders Einfluß angeregt die aus England wieder heimgeholte Ballade dadurch zur Kunstform vollendete, daß er sich von dem Charakter des eigentlichen Liedes entfernte — wiewohl wir unter seinen Balladen Das Lied von Treue und Das Lied vom braven Mann finden, — was Andern so schwierig, Vielen unmöglich gewesen, den echten Volkston anschlug und, wie man ihm nachrühmt, durch ein wunderbares Gemisch von Kraft und Gefälligkeit, Absichtslosigkeit und kritischer Feinheit, durch Naturwahrheit und Gestaltungsfähigkeit die Ballade bei Jung und Alt zur beliebtesten Dichtungsart machte. Wie ist dagegen das Epos uns gleichsam abhanden gekommen! Es sind zwar seit Klopstocks Messias bis auf des Erzbischofs von Erlau Ladislav Pyrker von Felsö — Eör Tunisias und Rudolphias ohngefähr 300 deutsche Epopöen erschienen. Aber wer kennt sie? Die Lyrik hat das Epos verdrängt oder nach ihrem vorherrschenden Geschmack in sich aufgenommen. Die meisten Balladen Bürgers sind etwa mit Ausnahme von Des Pfarrers Tochter zu Tauberhain, die sich leider auf erlebte Wirklichkeit gründet, nach ausländischen Stoffen bearbeitet, und man hat die Schwäche gehabt in der Entlehnung der Stoffe einen Beweis mangelnder Originalität finden zu wollen. Auch die unübertroffene Volksballade Lenore ruht auf fremdem Ursprunge, wenigstens benutzte der Dichter ein Volkslied, welches beginnt:
      Es stehn die Stern am Himmel,
      es scheint der Mond so hell,
      die Todten reiten schnell.
Aehnlich ist die altdänische Ballade von dem Ritter Aage und der Jungfrau Else. Das Schauspiel Lenore hat die poetische Schreckensidee bis zur Langenweile verdünnt und ausgedehnt. Lenore, sagt August Wilhelm von Schlegel, würde Bürgern, wenn er sonst nichts gedichtet hätte, allein die Unsterblichkeit sichern, sie bleibt immer sein Kleinod, der kostbare Ring, wodurch er sich der Volkspoesie, wie der Doge von Venedig dem Meere, für immer antraute. Ungünstiger über Bürgers Poesien lautet bekanntlich Schillers Urtheil, der sich keine Schönheit ohne eine gewisse Feierlichkeit denken konnte, wie Hub bemerkt, und den Mangel an der dichterischen Vollendung Bürgers mit seinem Lebensgange in Verbindung brachte. Tieck verspricht den Bürgerschen Balladen ein längeres Leben als den Schillerschen. Es ist eine Ansicht. Wahr aber ist, mag Bürgern Vollendung und Abklärung abgehen, mag die Frische und Gesundheit seiner Dichtungen in Derbheit ausarten, keiner hat, wie Rinne urtheilt, den deutschen Geist der lyrischen Epik getroffen wie er.“

 

1868

Laube, Heinrich. Das Burgtheater. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[S. 398] Mosenthal hat in zwei Richtungen das Theater offen gefunden: in der Schilderung literar-historischer Situationen und in der Schilderung des Bauernlebens. In der ersten Richtung hat er unseren Balladenkönig Bürger dramatisirt im ´Deutschen Dichterleben´ und die Entstehung des deutschen Schauspieles tragikomisch zu conterfeien gefucht in den „Deutschen Komödianten´.
  Im ´Dichterleben´ kämpft er gegen den unvermeidlichen Uebelstand, daß die dramatische Lebensgeschichte Bürger's einen ganz anderen Menschen zeigt und zeigen muß, als derjenige Bürger ist, welcher in unserem poetischen Gedächtnisse lebt. Der auf prächtigem Strom von Vers und Reim daherbrausende Balladen-Bürger, unerreicht in seinem natürlichen rhythmischen Falle, lebt in uns als ein Glückskind des Talentes. Sein Lebensbild im Drama dagegen nöthigt uns, häusliches und moralisches Elend durchzumachen. Das stört uns wie ein ästhetischer Widerspruch, und da wir im dramatischen Lebensbilde Unangenehmes und Peinvolles eintauschen müssen für das in uns lebende erquickende Wesen des Balladen-Bürger, so finden wir die dramatische Aufgabe undankbar. Daran krankt dies Stück in seiner Tiefe.
   Sorgsam hat Mosenthal uns zu entschädigen gesucht, daß er den Hainbund herbeizieht und uns literar-historische Silhouetten bietet, daß er uns belehrt, daß er die Doppelneigung Bürger's zu zwei Schwestern poetisch zu erklären sucht, daß er endlich — seinem eigentlichen Berufe gemäß — das Volk herbeizieht, um bei Anhörung der ´Lenore´ die Entstehung des Volksdichters zu enthüllen. Freilich ist es nicht die Entstehung des Volksdichters, das wäre organisch, sondern es ist die Wirkung des Volksdichters in einem einzelnen Momente, und das ist nur episodisch. Das Ganze ist immerhin eine redliche Arbeit. Es fehlen ihr jedoch die Schwingen, welche sie aus dem unteren Dunstkreise so weit erhöben, daß wir von dem Dichterschicksale eine Erquickung von dannen trügen.“

 

1868

Meurer, H. [Rez.] Gottfried August Bürger und Elise Hahn von Ebeling. In: Allgemeine Literaturzeitung, zunächst für das katholische Deutschland. Wien.  Digitalisiert von Google

“[S. 324] . Der Dichter des ´Abtes von St. Gallen´, und des ´Liedes vom braven Mann´, der ´Leonore´ und vieler andern im Volksmunde lebenden Gedichte mag in seiner Weise ein bedeutender Dichter sein — wir werden ihm dieses Verdienst nicht schmälern — aber daß er es liebte, in pikantem Schmutze zu wühlen und durch witzig sein sollende Frivolitäten zu ergötzen, hat ihm unsere Sympathien niemals erwerben können. Sehr viele der Gedichte von Gottfr. Aug. Bürger sind, das ist sicher nicht zu leugnen, nicht allein nicht feinfühlend, zart, tief empfunden, idealistisch, sondern roh, derb, sinnlich, gemein. Unser Begriff von echter Poesie ist ein anderer, unsere Ansicht von dem Berufe eines Poeten, eine reinere, höhere, ästhetischere. — Wie die Dichtungen Bürgers, so ist bekanntlich auch das Leben desselben nach den Begriffen einer gesunden Moral keineswegs fleckenlos. Seine Freunde und Biographen sind freilich bemüht gewesen über die beklagenswerthesten Extravaganzen einen verhüllenden Schleier auszubreiten, aber die Flecken haben sie damit nicht wegwischen können. — Bürger ist mit zwei Schwestern zugleich verheiratet gewesen. Er heiratete die ältere Schwester, während er, wie er selbst schreibt, ´den Zunder zu der glühendsten Leidenschaft für die zweite, die damals noch ein Kind und kaum vierzehn bis fünfzehn Jahre alt war, in seinem Herzen trug´. ´Großmüthig´, aber auch unweiblich, verstand sich die angetraute Gattin dazu, ihre Rechte an die heißgeliebte und liebende Schwester abzutreten, ihres Mannes Weib öffentlich und vor der Welt nur zu heißen, und ´die Andere, in geheim es wirklich zu sein´. Nach dem Tode der ersten Frau (1784) heiratete er ´1785 öffentlich und förmlich die Einzige Höchstgefeierte seines Herzens´, die er aber nach kurzem Besitze schon am 3. Januar an einem hektischen Fieber verlor. Im Ottober 1790 schloß Bürger unter höchst romantischen Umständen eine neue Ehe mit Elise Hahn in Stuttgart. Diese Ehe war eine sehr unglückliche, wovon die Schuld allgemein dem Leichtsinn und der Treulosigkeit der jungen Schwäbin beigemessen wird. Der Verfasser der vorliegenden Schrift, welcher vordem selbst ´unter dem Drucke der Einstimmigkeit des Verdammungsurtheils´ stand und schrieb, hat, durch besondere Umstände auf eine andere Fährte gebracht, es unternommen ´einen Act gedankenlos oder grausam vorenthaltener Gerechtigkeit zu vollziehen´, das zu einem richtigern Urtheile nöthige Material mit Eifer und Erfolg gesammelt und in dieser Schrift vorgelegt, so daß erst jetzt, wie er meint, ´ein Spruch über Bürgers und Elise's Leben zur Reife gediehen ist´. Der Beitrag, welcher hier zur Erkenntniß des Lebens und Denkens eines gefeierten deutschen Dichters geboten wird, ist ohne Zweifel von großem Werthe. Die Unparteilichkeit, Gerechtigkeitsliebe, Sorgfalt und Genauigkeit, womit die Untersuchung angestellt ist, verdienen alle Anerkennung, das Resultat wird Jeder, den es interessirt, aus der Schrift selbst entnehmen müssen, da sich die Beweisgründe nicht auseinanderreißen lassen. Dem Verfasser gebührt der Dank Aller, welche Recht und Gerechtigkeit lieben.“

 

1868

Wurzbach, Constant von. Mosenthal. In: Biographisches Lexikon, Neunzehnter Theil  Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 138] Geringes Interessen boten die der ´Deborah´ unmittelbar gefolgten zwei Dramen: ´Cäcilia von Albano´ und ´Ein deutsches Dichterleben, welche beide, wenn sie vor der ´Deborah´ über die Bühne gegangen wären, unbedingt eine größere Wirkung erzielt und auch einen günstigeren Erfolg gehabt haben würden, denn während ´Das deutsche Dichterleben´ auf dem Hofburg-Theather innerhalb 13 Jahren 21 Aufführungen erlebte, wurde die ´Deborah´ innerhalb zwei Jahren bereits 16 Mal wiederholt. “

 

1868

Weinhold, Karl. Heinrich Christian Boie.

“[S. 212] Eines mag auch nicht verschwiegen werden, nämlich daß das Verhältniss Bürgers zu seiner ersten Frau trotz der Leidenschaft für Auguste-Molly keineswegs so liebeler war, als er selbst später in dem berufenen Briefe an das Schwabenmädchen dargestellt hat. Er heiratete sie in voller Liebe und fühlte sich in ihrem Besitz glücklich. [...] und auch aus Boies Besuchen in Niedeck (1775) und den Briefen nach längerem Wiedersehen Bürgers in Hanover erhellt geradezu Boies Ueberzeugung, daß der Freund mit seinem Weibe glücklich lebe.”

Weinholds H. Chr. Boie in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1868

Merz, Heinrich; Weisser, Ludwig; Kurz, Hermann. Erläuterung zu Fig. 29. In: Geschichtliche und künstlerische Erläuterungen zu L. Weisser's Bilder-Atlas zur Weltgeschichte, Band 2 

“[S. 368] Bedeutender und volksthümlicher aber auch unedler war Fig.29. Gottfried August Bürger. Geboren zu Wolmerswende bei Halberstadt, 1. Januar 1748 als Sohn eines Pfarrers, verwaiste er frühe und wurde 1761 bei seinem Grossvater in Aschersleben und 1762 auf dem Pädagogium in Halle erzogen. Er lernte schwer, machte aber leicht Verse und zog sich durch bissige Epigramme viel Verdruss zu. 1764 sollte er in Halle Theologie studiren, wandte sich aber den schönen Wissenschaften und einem ganz wüsten Studentenleben zu. In Göttingen begann er das Studium der Rechte, durch seine rohen Ausschweifungen brachte er sich um die Gunst seines Grossvaters und gerieth in Nahrungssorgen. Durch Boie, in dessen Musenalmanach er Gedichte lieferte, wurde er 1772 Justizamtmann in Altengleichen im Hannover´schen, wo er sich unglücklich verheiratete. Seine Leonore im Göttinger Musenalmanach 1774 erhob ihn plötzlich zu einem der bedeutendsten Dichter Deutschlands. Nach schweren, meist selbstverschuldeten Leiden legte er 1784 seine Stelle nieder, zog als Docent nach Göttingen und heiratete nach dem Tode seiner Frau deren längst geliebte Schwester Molly, die schon 1786 wieder starb. 1789 wurde er unbesoldeter ausserordentlicher Professor. 1790 heirathete er unbesehen das ´Schwabenmädchen´ Elise Hahn, die sich ihm in Versen antrug, und mit der er so unglücklich lebte, dass er sich zwei Jahre nachher scheiden lassen musste. Von Krankheit, Nahrungssorgen und Seelenleiden niedergedrückt, hatte er vor seinem Tode 1794 noch den Schmerz, durch Schillers Recension seiner formgewandten volksmässigen, aber vielfach tief rohen Gedichte vor der Welt sich vernichtet zu sehen. Weil er
sich nicht zu zähmen wusste, zerrann ihm sein Leben und sein Dichten. Sein Bildniss zeigt uns auch wohl das Verkommene und Zerworfene seines Wesens. Noch fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tode zog seine geschiedene Frau, das vielgenannte Schwabenmädchen, in der Welt umher und deklamirte die Gedichte ihres Gatten, dem sie sein frühes Grab bereitet hatte, mit grossem Pathos. “

 

1868

Malmström, Bernhard Elis. Anmerkung. In: Grunddragen af Svenska Vitterhetens Historia. Örebro. Digitalisiert von Google

“[S. 316] Als Bürgers Lenore erschien, wusste man sie auch auswendig von der Elbe bis zu Donau. Darum war sie vortrefflich, und hätten alle Kritiker der Welt das Gegentheil demonstrirt; Cervantes, Tasso, Racine vermag keine Kritik mehr in den Augen ihrer Nation herabzusetzen selbst nicht eine gerechte. “

 

1868

Rochlitz, Friedrich. Entstehung der Oper. In: Für Freunde der Tonkunst. Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 171] Kein Fest der Höfe, keine bedeutende Feierlichkeit überhaupt, ohne Musik. Was von Vielen geliebt und geübt wird, das wird immer auch von den Fähigern erweitert. Man wollte mehrere Sänger und Sängerinnen mit einander hören; die Darstellungen sollten mehr Mannichfaltigkeit und Umfang, mehr Leben und Anschaulichkeit gewinnen; die Musiker, verdrüßlich über ihre Beschränkung durch Palestrina und in Opposition gegen seine kirchliche Weise, waren bei der Hand, die Dichter gefällig: man richtete die Romanzen oder Schäfergedichte so ein, daß neben dem Chor, Jeder oder Jede die Worte einer redend eingeführten Person, und nur der Rhapsode die Rolle des Erzählers beibehielt — wie wenn Bürgers Lenore von vier Personen, dem Erzähler, Lenoren, der Mutter und Wilhelm, und einem Chore:
   ´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht´usw. gesungen würde. “

 

1868

Vilmar, August Friedrich Christian. Romanzen und Balladen, Gespensterlieder. In: Handbüchlein für Freunde des deutschen Volksliedes. Marburg. Digitalisiert von Google

“[S. 140] In dem Munde des vorher aufgeführten Gewährsmannes (Vetterlein Chrestomathie 1796 1, 333) lautet dieselbe: ´Der wahre Dichter, der einen solchen Stoff, wie ihn die Volkssänger in einem halbbarbarischen Zeitalter erfanden, nach den Regeln der schönen Kunst, die die rauhen Ecken der rohen oder vielmehr der miskannten und verfälschten Natur wegschleift, bearbeiten will, muß zwar den Hauptstoff, nämlich eine abenteuerlich-wunderbare Thatsache beibehalten, aber durch seine Behandlung, durch den halb ernsthaften, halb lustigen Ton, durch Uebertreibung der erzählten Dinge selbst, durch kleine naive Winke usw. zugleich zeigen, daß er sie für das halte, was sie ist, ein ungereimtes Geschichtchen, ein Spiel der Phantasie, das er nur in der Absicht mit Hülfe seines Witzes ausschmücke, um seinen Lesern ein kurzes Vergnügen zu machen, und sie in ernsthaftlachendem Ton an manche nützliche Warheit zu erinnern, nicht aber sie von der Warheit des Factums auch nur einen Augenblick zu überreden. Denn dieß zu wollen, wäre in einem aufgeklärten Zeitalter eine Beleidigung des gesunden Menschenverstandes, und könnte sogar wesentlichen Schaden stiften´. Wir sehen ohne weitere Bemerkung, wie genau diese Regeln auf die Romanzen und Balladen Gleims (1756), Löwens (1762), Schiebelers (1767) und Bürgers zutreffen, oder wie sie vielmehr diesen Gedichten geradezu entnommen sind, um noch in der Blütezeit Goethes und Schillers sich als poetische Gesetze in keckster Weise breit zu machen. Die Romanzen der drei ersteren sind verdienter Weise längst vergeßen: so Gleims Cornelius van der Tyt, so Löwens Hans Robert, so Schiebelers Pandora und so die Producte einer ziemlichen Anzal von Nachfolgern, die zum Theil mit ihren misgestalteten Romanzen bis in den Anfang des jetzigen Jarhunderts hinein reichen. Bürgers Romanzen aber, welche nicht vergeßen sind, können noch immer als warnende Beispiele dienen, wie man Volksstoffe nicht behandeln dürfe, wie man sie auf leichtsinnige Weise verderben und verzerren könne. Wie bänkelsängerisch täppisch, wie plump ist seine ´Entführung oder Ritter Karl von Eichenhorst´! wie wird durch ungeschlachte Possen (´herunter, Junker Grobian, herunter von der Mähre, daß ich dich Sitten lehre´ u. dgl.) der Eindruck, den die schlicht vorgetragene Erzälung machen könnte und im Original (das Stück ist aus Percys reliques of ancient poetry: the child of Elle) wirklich macht, bis auf die Wurzel vernichtet! Wie hat der Dichter den schönen, edlen Stoff der Weiber von Weinsberg auf das Unbarmherzigste durch geschmacklose Späße und triviale Redensarten gemishandelt (´so wahr ich lebe! Huckepack; ´´und wenns Matthä am letzten ist´ u. dgl.), so daß die Begebenheit nicht als eine großherzige That, sondern wie eine armselige Posse erscheint. Ganz aus derselben Verkennung des Volksmäßigen sind auch seine noch weit monströseren Machwerke, ´Frau Schnips´ und ´der Raub der Europa´ hervorgegangen; in der Manier des letzterwähnten Stückes hatte übrigens Bürger den schon genannten Schiebeler zum direeten Vorgänger, zum Nachfolger aber Blumauer, welcher indes die Travestierung der antiken Mythologie doch auf einen anderen Ton, den rein komischen, zu stimmen verstand.
   Auf der anderen Seite unterlagen die Volksstoffe in jener Zeit, 1760—1780, dem Kitzel der Sentimentalität, dem Hange zum Ausmalen der Gefühle, besonders der schmerzlichen und schrecklichen, dem Hange zur Weinerlichkeit (´Rührung´ genannt), so daß mitunter aus den alten einfachen ernsten Gemälden warhafte Weißbindereien geworden sind. Auch hierzu gibt Bürger ausreichende Belege, z. B. in ´Lenardo und Blandine´, der aus des Boccaz erster Novelle (Gismonda) geschöpften Ballade, und vor allem in dem widrigsten Producte, welches Bürgers Aftermuse überhaupt erschaffen hat, in ´des Pfarrers Tochter von Taubenhain´. Aber es ist nicht Bürger allein, welchen dieser Vorwurf trifft, gute Volksstoffe durch sentimentale Buntmalerei verdorben zu haben, er trifft auch Hölty (in ´Adelstan und Röschen´), ja er trifft auch Schiller, freilich in seiner ersten, noch ungeregelten, bandlosen Periode, in der Periode der Räuber. [...]
  Dieser verfehlten, die Volkspoesie nur unglücklich nachahmenden, zum Theil nachäffenden Kunstpoesie stellte sich schon der Hainbund, dieser principielle Gegner der Wielandischen Dichtungsweise, namentlich in den Brüdern Stolberg, entgegen, bis endlich diese Dichtungsstoffe ganz und gar an die vollendete, edle Kunstpoesie Schillers und Göthes überliefert wurden. Schiller nannte übrigens seine hierher gehörigen Dichtungen, mit einziger Ausnahme des Kampfes mit dem Drachen, Balladen, in dem oben angegebenen modernen Sinne des Wortes; den Kampf mit dem Drachen aber nannte er Romanze, weil derselbe eine Scene aus dem Rittertum des sogenannten Mittelalters zum Gegenstande hat, und man damals alles, was auf Rittertum und Mittelalter Bezug hatte, ohne Unterschied ´romantisch´ zu nennen pflegte. Indes fügt sich zu diesem Gedichte Schillers der Name Romanze auch in des Wortes eigentlicher Bedeutung.
   Eine Ballade jener Zeit (1760—1780) jedoch hat einen eigentümlichen alten volksmäßigen Liederstoff, welchem wir jetzt noch eine kurze Erwägung zu widmen haben, auf ansprechende, im Ganzen angemeßene, ja theilweise warhaft volksmäßige Weise behandelt: Bürgers Lenore.“

 

1868

Nessel, Gottfried. In: Leokadie. Bilder aus der Gesellschaft. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 357] ´Ah, eine ächte Protestantin!´ sagte der Kardinalerzbischof lächelnd.
´Und das werde ich auch, so Gott will, bleiben,´ sagte Miß James mit Nachdruck.
´Auch dann,´ frug der Angeredete, ´wenn Sie zu der Ueberzeugung kämen, daß der Protestantismus in die Irre führt?´
´Wenn?!´ erwiderte Miß James langgedehnt, ´es wird Ihnen der Vers, Eminenz, nicht unbekannt sein:
    Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
    Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht!´
Es war das nicht taktvoll von Miß James, daß sie mit diesem Verse den hohen Würdenträger der katholischen Kirche an ein Gedicht erinnerte, in dem ein anderer katholischer Würdenträger eine so klägliche Rolle spielt. Sie hatte daran nicht gedacht. Erst in dem Augenblicke fiel es ihr ein, als der Kardinalerzbischof fein bemerkte, daß das doch eine treffliche Kirche sein müsse, die Diener tragen könne wie jenen Abt von St. Gallen im Gedicht.“

 

1868

Carriere, Moriz. Weltliche und religiöse Lyrik der Geistlichen. In: Das europäische Mittelalter in Dichtung, Kunst und Wissenschaft. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 263] Bürger, ´in welchem auch eine Ader dieser wilden das Leben bis zur Neige auskostenden Vagantenpoesie war´, hat die Weinstrophen so gut nachgedichtet, daß Jakob Grimm auch dies zum Zeugniß für den deutschen Grundton dieser lateinischen Dichtung heranzieht :
  Drum will ich bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben,
  Nach der letzten Oelung soll Hefe noch mich färben;
  Engelchöre weihen dann mich zum Nektarerben:
  ´Diesem Trinker Gnade, Gott! laß ihn nicht verderben!´

  Meum est propositum in taberna mori,
  Vinum sit appositum rnorientis ori;
  Tunc cantabunt lactius angelorum chori:
  Sit Deus propituis huic potatori! “

 

1868

Jastram, Heinrich. Vom reichen Manne und armen Lazarus. In: Katechetische Vierteljahrsschrift für Geistliche und Lehrer. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 129] Der Reiche starb auch! Aber wie? Er hatte in dulci jubilo gelebt und sein Tod war, wie ihn sich Bürger wünscht: Ich will einst bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben! Er wird begraben, d.h. mit großer Pracht zu Grabe getragen. Das ist ja leider auch noch unter uns eine Unsitte, viel mit in's Grab zu geben, da es doch nur vermodert, während man doch so manche Thräne damit stillen könnte. “

 

1868

Anonym. München, 25. Jan. In: Neues Bayerisches Volksblatt. 27. Januar. Stadtamhof. Digitalisiert von Google

“[S. 103] Woher immer wir in diesen bewegten Tagen Zuschriften erhalten, überall versucht die Bureaukratie den Hrn. v. Schlör als Wahl- Kandidaten zu empfehlen und für mehrere Bezirke soll Schlör bereits auch die Annahme zugesagt haben, wenn er gewählt wird. Ha, ha, das wenn halt! Der Mann der das wenn und das aber erdacht, hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht! Wie wäre es denn wenn sich Schlör in allen 48 Wahlkreisen des Landes zugleich vorschlagen ließe! “

 

1868

Kinkel, Gottfried. Mit Bürger´s Gedichten. In: Gedichte. Zweite Sammlung. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“ [S. 191] Mit Bürger´s Gedichten.

   Wenn du in nächtlich stiller Feierstunde
   Gelöst die Seele von des Tages Mühn,
   Lustwandelst in des Thales dunkelm Grunde,
   Ringsum geschirmt vom heil´gen Waldesgrün;
   Da hörst du rings aus unsrer Sänger Munde
   Viel reiche Lieder wonnevoll erblühn.
   Es einet sich im Bund der deutschen Töne
   Von jedem Land und Volk das höchste Schöne.

   In festem Schritte wandeln Griechenklänge,
   Sie sendet Platen aus dem Römerland;
   Des hohen Nordlands alte Sittenstrenge
   Führt Fouqué her, das Schlachtschwert in der Hand;
   Des mittlern Alters holde Minnesänge
   Hat Uhland in die Saiten festgebannt.
   Italiens glüh´nden, Spaniens stolzen Maßen
   Hat Schlegel zu uns angebahnt die Straßen.

   Des tapfern Frankreichs junge Kraftgedanlen
   In fränk´schem Kleide führt Chamisso vor;
   Caschmirs Ghaselen, die sich üppig ranken,
   Arabischer Sprüche vielgereimten Chor,
   Der Blumen Duft, die am Hoangho schwanken,
   Sammt Indiens dichtumlaubtem Blüthenflor
   In buntem Kranze, voll und nie gestückert,
   Beut überreich der Völkerdolmetsch Rückert.

   Auch ist die Bardenharfe nicht entsaitet,
   Doch ach, sie klingt nicht minniglich und traut!
   Gleichwie den Kämpen, der zum Schlachtgraun schreitet,
   Umklirrt das Eisen schaurig wild und laut,
   So, zürnend mit der Zeit Bedrängniß, gleitet
   Das deutsche Lied, daß schier vor ihm uns graut.
   Es gilt den Kampf für Recht und Licht und Freiheit,
   Und eisern klingt das Lied für diese Dreiheit.

   Nie ist ein Land und Volk so reich erklungen,
   Als heut des deutschen Liedes Ernst und Scherz;
   Der deutsche Geist hat jedes Volk bezwungen,
   Er nahm die Brüder an das große Herz;
   Sie flüsterten ihm zu in ihren Zungen,
   Erzählten ihm des Lebens Lust und Schmerz;
   Drum schwelgen wir in des Gedankens Fülle,
   Der uns entzückt mit seiner bunten Hülle.

   Doch andre Zeiten nahn, wenn wir geschieden;
   Ich höre ihren segenvollen Schritt.
   Dann ruht Germania, mit sich selbst in Frieden,
   Errungen ist, um was sie feindlich stritt;
   Dem Sohn ist zum Genuß die Frucht beschieden,
   Um derentwillen schwer der Vater litt.
   Er wohnet still im Schatten jener Rechte,
   Die Kampfpreis sind dem lebenden Geschlechte.

   Nun sage mir: wenn Deutschland ganz sich fühlet,
   Und sich erkennt in seinem eignen Werth,
   Ob's dann wohl noch nach fremden Schätzen wühlet,
   Da reichre Dichtung blüht am eignen Herd?
   Wenn erst der heiße Freiheitstrieb gekühlet,
   Wer singt ein Lied noch, das ein schneidig Schwert?
   Wenn wir uns anschaun in dem eignen Volke,
   Deckt fremden Nachklang des Vergessens Wolke.

   Dann kehrt der Enkel zu den Männern wieder,
   Die deutsch zu sein alleinig sich bestrebt,
   Die nur in deutschen Weisen traut und bieder
   Gesungen, wie sie deutsch auch nur gelebt.
   Die felsenstarken, liebemilden Lieder,
   Bei denen manches Herz schon süß erbebt,
   Sie werden noch von Rosenlippen klingen,
   Noch Manchem glühend zu dem Herzen dringen!

   So bieten wir denn im prophetischen Sinne
   Dem deutschen Jüngling hier den deutschen Mann,
   Daß er aus ihm die Zuversicht gewinne:
   Einst brechen wir der fremden Völker Bann;
   Ein deutscher Haß und eine deutsche Minne
   Sind unsre höchsten Ehrenzeichen dann;
   Und frei von fremden Flitterputzes Glanze
   Verschlingt sich Geist und Weis´ in Einem Kranze! “

 

1868

Chopp, Karl. Contraste. In: Erheiterungen. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“ [S. 259] Susanne knixte noch tiefer und lispelte: ´O Herr Rentmeister - - -´
´Ja, ganz vortrefflich. Sie hat sich selbst übertroffen. Sehe Sie, Jungfrau Susanne,
   --- hätt´ ich Krösus Thron,
  Krösus Schätze zu verwalten,
 ich würde Sie, beim Styx, königlich belohnen,
   Prangt´ ich unter Mannsgestalten
   Herrlich wie Latonen's Sohn,
ich böt ihr unter gewissen Umständen noch jetzt meine Hand zum ehelichen Bunde. So aber hat,
   Ihr voll zu lohnen,
   Schmuck erkauft, erkauft für Millionen,
   Kein genügendes Gewicht!
Sieht Sie wohl, das ist aus Bürgers Gedichten!´  [Das hohe Lied von der Einzigen]“

 

1868

Anonym. Quieta, non movere. In: Neueste Depeschen Nr. 102, 26. Juli. München. Digitalisiert von Google

“´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß, daß ich mir Ruh´ erreite!´- so ruft zur Stunde der vielgeplagte Professor, der ungeduldige Schüler, der gelangweilte Aristokrat, der geschäftsmüde Kaufmann und vor Allen der bekannte Staatshämorrhoidarius. Daß es gerade kein Dänenroß sein muß, thut weiter nichts zur Sache. Der Eine tauft seinen gemeinen Grauschimmel so, der Andere ein miserables Gefährt, ein Dritter die eigenen Beine, nur mit der Ruhe hat es seine Richtigkeit.“

 

1868

Lindemann, Wilhelm. Bürger's Leben. In: Bibliothek deutscher Classiker für Schule und Haus. Dritter Band. Freiburg im Breisgau. Digitalisiert von Google

“[S. 8] Bürger gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten Dichtern des vorigen Jahrhunderts. Mehrere seiner erzählenden Gedichte können geradezu als Muster gelten, während eine gute Anzahl anderer durch ihren leichtfertigen oder Bänkelsängerton oder durch falsche Empfindsamkeit beleidigen. Auch die lyrischen Gedichte treffen den echten Volkston nur zuweilen, daher wenige sich zur Aufnahme eigneten; das Zechlied: ´Ich will einst bei Ja und Nein´ kommt bis an die Grenze des Trivialen. Die Gedichte an Molly lassen keinen reinen Genuß aufkommen, nicht allein darum, weil ihnen ein unsittliches Verhältniß zu Grunde liegt, sondern weil der Dichter es nicht versteht, uns aus der beengenden Nähe dieser schweren Krankheit in die Höhe der reinen Empfindung zu heben. Besser gelingt ihm dieses in einigen Sonetten, einer Gedichtsform, die Bürger zuerst von den südlichen Völkern herübernahm.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1868

Knapp, Friedrich. Reisebilder aus Jucatan. In: Album des Literarischen Vereins in Nürnberg. Digitalisiert von Google

“[S. 119] Bald darauf schlief ich ein, um wie aus der Hinreise frierend und mit Kopfweh in Jequelchacan zu erwachen, woraus ich mich sogleich ins Posthaus und eine warme Hängematte flüchtete und dort ein paar Stunden erquickenden Schlummers genoß. Als ich erwachte war die Chocolade schon bereit und die Freude, die Hälfte meines Leidenweges hinter mir zu haben, veranlasste mich eine halbe Flasche sauren San Vincente zu verlangen; und wieder giengs fort, wie in der Lenore von Bürger, durch die verschiednen Stationen, woselbst richtig großer Zusammenlauf, Massen von Indiern, ein Bataillon Soldaten in Parade, schlechte Musik und eine unvermeidliche, langgefrackte Regierungscommission waren, welche die in gutes Maya übersetzten Regierungsbefehle vorlas, worauf viele arme Teufel aus der Bevölkerung widerstandslos ausgehoben wurden, um halbverhungert zur halbverhungerten Armee im Norden zu stoßen und dort ihren meutrischen Kastengenossen als Scheiben zu dienen. “

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1868

Weimar. Neue Berliner Musikzeitung, 11. März. Digitalisiert von Google

“[S. 90] Weimar. Am 2. März starb hier der pensionirte Grossherzogliche Musikdirector Carl Eberwein (geb.daselbst 1784). Er war zu seiner Zeit ein vorzüglicher Violinist in der Grossherzoglichen Kapelle und zuverlässiger Dirigent. In jüngeren Jahren verkehrte er viel mit Göthe, dessen musikalische Soiréen er längere Zeit leitete. Seine zu Göthe's ´Faust´ geschriebene Musik hat sich bis heut zu Tage auf unserer Bühne erhalten, was auch von der populären Musik zu Holtei's ´Leonore´ zu sagen ist.“

 

1868

A. P. Deutschland. Aschaffenburg, 30. Dez. In: Beobachter am Main, 31. Dezember. Digitalisiert von Google

“[o. S.] Der Kaiser von Rußland wird sich bedanken, daß man ihn der Indiscretion öffentlich anklagt, v. Dalwigk sich aber freuen, daß er zu den Früchten zu zählen ist, an dem die Wespen nagen.“

 

1868

Kriebitzsch, Karl Theodor. Die Poesie in Seminarien. In: Inter folia fructus: Pädagogische Blätter für Schullehrer und Schulfreunde. Halle. Digitalisiert von Google

“[S. 69] Den Anfang macht die poetische Erzählung und die Fabel. Der verhältnißmäßig geringere Umfang macht den Ueberblick, die einfachere Form das sprachlich-formelle Verständniß, die Stetigkeit der Erzählung das Ergreifen der poetischen Tendenz auch dem Jüngeren und Schwächeren leicht. Dazu kommt, daß die Fabel ihre Moral noch der Geschichte vorausschickt oder nachfolgen läßt, Wir haben an Gedichten dieser Art einen solchen Ueberfluß, daß die Auswahl des Edelsten, Besten und Reinsten zur doppelten Pflicht wird. Wie ist's zu rechtfertigen, daß in manche sonst gute Sammlungen wahrhaft ordinäre Stücke von Bürger, Langbein u. A. aufgenommen sind? Wohl ist die naive und humoristische Poesie grade hier vollständig an ihrem Platze und in ihrem Rechte. Aber haben wir ein Recht, nach solchen gemeinen Dingen zu greifen, da wir in den Gedichten von Rückert, Gaudy, Seidl, Fröhlich, Kopisch, Hey, Gellert, F. Förster, Schwab, Chamisso, Göthe einen so reichen, unerschöpflichen Schatz haben?

In Sachen der Lesebücher.
[S. 260] Der Lehrer spricht: schlagt auf S. 60! Und nach einer kurzen Pause und Ueberschau der lieben Häupter - und Bücher: fang Du an, Christoph! Aber kaum hat Christoph den Mund aufgethan, so tönts von da und dort: das steht bei mir nicht! bei mir auch nicht! Der Lehrer nimmt die aufgehobenen Bücher und sucht in Eile das Vermißte; in dem einen ist er bald so glücklich, es an anderer Stelle zu finden, in einem zweiten und dritten ist alles Suchen vergebens. Sieh' Du mit in Deines Nachbars Buch! Und endlich kann das Schifflein vom Stapel laufen. Und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp, gehts fort, wenn auch nicht in sausendem Galopp, doch in gutem Trott. “

 

1868

Anonym. Anmerkung. [Rez.] Leitfaden für den Unterricht in der Raumlehre. In: Pädagogischer Jahresbericht. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 107] *) Dazu bemerkt Herr Battig, nachdem er diese Art des Recensirens des Recensenten unwürdig erklärt hat: ´Ich will nicht die Lacher auf meine Seite bringen, sondern den Hrn. Dr. abstrafen, indem ich hier eine Aehrenlese seiner grammaticalischen Schnitzer zum Beste gebe` Nun folgt die Aehrenlese in 14 Abtheilungen. Dieselbe macht dem Spürtalent des Herrn Battig alle Ehre, ob aber auch seinem Verstande und seinem Herzen, ist eine andere Frage. Die meisten der aufgezählten ´Schnitzer´ mögen Fehler gegen die preußische Grammatik sein, gegen die deutsche verstoßen sie durchaus nicht, zumal wenn man's im Bezug auf ´Mamsell la regle´ mit Bürger hält, der uns zuruft:
       ´Laßt, Brüderchen, die alte Strunsel gehn!
       Nur Kinder mag also ihr Laufzaum schürzen,
       Was thut's, ob wir mal stolpern oder stürzen.´ “

 

1868

Klein, Julius L. Geschichte des Drama's. VI. 1. Das italienische Drama. Dritter Band. Erste Abtheilung. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 581] Die ital. Komödie im 18. Jahrh. D. Marzio und Richard III.
Ist das nicht wie eine komische Parodie jener Geistererscheinung in Richard's III. Traum, wo jeder einzelne Geist Einer nach dem Andern mit dem Abschiedsfluche: ´Verzweifle und stirb!´ verschwindet? Auch fuhr weder Leonore, noch Richard III., so entsetzt empor aus schweren Träumen, wie unser Zungenfrevler aus der Pfanne emporfährt, in welche ihn die Zungenschwerter seiner Rachegeister gehauen: [...] “

 

1868

Holtei, Karl von. Erlebnisse eines Livreedieners, Dritter Theil, Breslau. Digitalisiert von Google

“[S. 60] Sie hieß Blandine. Das heißt, sie ließ sich mit diesem schwärmerischen Namen ansäuseln; und da mein Alter zufällig Leonhard getauft worden, so konnten sie Bürgers Gedicht: ´Blandine sah her, Lenardo sah hin´ exekutieren. Daß Leonhard hin gesehen, mehr wie ihm und seinen Siebzigen dienlich, davon werden wir bald des Näheren unterrichtet werden. Daß sie her gesehen, auf ihn, oder vielmehr auf sein Geld, auch daran ist nicht zu zweifeln.”
 

1868

Hildebrand, H. R. Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule. In: Pädagogische Vorträge und Abhandlungen, Erster Band, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 74] Auch fehlt ja dieses Naturverfahren in der Schule keineswegs, hat wol nie gefehlt. Mancher wird wol z. B. das Wort Weihestunde zuerst in der Schule gehört haben, etwa in einer Religionsstunde, in einer Schulrede; verstanden hat ers sicher nur dann gleich beim ersten Male, wenn zugleich wirklich aus dem Gefühl des Lehrers herüber das Gefühl einer Weihestunde auch durch seine Seele zog. Wer aber nur das Wort lernt ohne seinen Inhalt, der spottet später drüber oder rümpft dabei die Nase. - Die meisten Großstädter haben wol das Wort Karst zuerst in der Schule gehört, in Bürgers Gedichte:
    Mit Hacke, Karst und Spaten ward
    Der Weinberg um und um gescharrt;
es bleibt dem Knaben eine leere Marke ohne Prägung im Kopfe, der ungefähre ´Begriff´ eines Grabwerkzeuges, d. h. ein schattenhaftes Ding (wie sie in blasirten und abstract erzogenen Köpfen so zahlreich sind, auch von wichtigern Dingen), wenn ihn nicht dabei der Lehrer an die zweizinkige Hacke erinnert, die er als Kartoffelhacke wol einmal bei einem Spaziergange gesehen hat.”

 

1868

Wachenhusen, Hans. Kapitel III. Pariser Photographien, Berlin. Digitalisiert von Google

[S. 39] „Und wohin ist sie gezogen?" — Das wissen wir nicht; sie hat dem Concierge unten einen freundlichen Gruß an Sie”, Monsieur, aufgetragen." —
   „Lenore fuhr um's Morgenroth", brummte mein Freund, satyrisch lachend, vor sich hin. — „Sie haben gut lachen, denn Sie haben nichts verloren!" rief ich, ebenfalls brummend. —
[...]
Sie wollte antworten. Da erschien ihr Cavalier mit sorgfältig gepflegtem Schnurrbart, reichte ihr den Arm, ruckte vornehm
den Hut, als Eleonore mir ein flüchtiges Adieu zurief, und verschwand.
    Leonore verließ mich um's Morgenroth, ich sah sie wieder ums Abendroth und — —”

 

1868

Giese, Marie. Es ist bestimmt in Gottes Rath. In: Deutsche Roman-Zeitung, No. 22. Digitalisiert von Google

“[Sp. 757] Bei der vierten Strophe stockte das Rad. Die alte Katharine hatte den Kopf sinken lassen und langsame Thränen rollten auf ihre gefalteten Hände. Lenore einen Blick auf sie, sang aber das Lied zu Ende und sah dann nach mir und wieder nach ihr hinüber. ´Nicht wahr, es ist ein schönes, klägliches Lied? [Robert Reinick] Ich sehe, daß es Euch gefallen hat.´ Ein sanftes Roth überflog bei diesen Worten ihr Gesicht.
    ´Als Mutter einmal die Lenore sang, hat das ganze Publikum geweint und sie sagte, eine Thräne wöge mehr als tausend Blumensträuße und Edelsteine, die man ihr zuwürfe.´”

 

1868

Chop, Karl. Contraste. In: Erheiterungen, Eine Hausbibliothek der Unterhaltung und Belehrung, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 211] ´Ich machte das Fräulein aufmerksam. Sie aber sah mich mit trüben, zerstreuten Blicken an und sagte nur: ´Ach Thomas, Thomas, hin ist hin, verloren ist verloren.´ gerade wie's in der Leonore steht, die um das Morgenroth gefahren ist.´ “

 

1868

Klein, Julius Leopold. Das Hirtendrama im 17. Jahrh. Amor und Aurora. In: Geschichte des Drama's, VI.1., Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 71] Amor fliegt zur Erde nieder, begegnet der himmelflüchtigen Göttin, und stellt ihr die Verlegenheit vor, in welcher sich Bürger's Leonore dereinst befinden würde, wenn sie ums Morgenroth wird emporfahren sollen ohne Morgenröthe. Aurora denkt: die Glückliche! die holt doch ihr Wilhelm, im Mondenschein über Stock und Steine hop, hop, hop! - Amore, der ihre Gedanken erräth, spricht: Mach's denn wie der Wilhelm, und hole dir den Cefalo - da kommt er eben.”

 

1869

Baur, Gustav. Schiller, Johann Christoph Friedrich v. In: Encyklopädie des gesammten Erziehungs- und Unterrichtswesens. Siebenter Band. Gotha. Digitalisiert von Google

[S.596] Pädagogisch wichtiger ist, zu beachten, wie jene ästhetische Reinigung und diese intellectuelle Klärung zugleich mit einer sittlichen Läuterung verbunden war. Es konnte bei Schiller nicht anders sein, da er bei allem, was er that und erlebte, immer mit seinem ganzen Wesen war, seine Phantasie und seine Erkenntnis aus der Verbindung mit seiner Willensthätigkeit niemals heraustraten. Man braucht aber weder die überschwänglichen, sich selbst überbietenden Redensarten der Lauragedichte bei jedem Worte festzuhalten, noch den alten Kohl des Stadtklatsches über den seiner Freiheit auf eine etwas ungeberdige Weise sich bedienenden jungen Regimentsmedicus aufzuwärmen, um zu dem Zugeständnisse sich gedrungen zu fühlen, daß der jugendliche Dichter auch eine sittliche Läuterung bedurfte. Mehr noch als durch die wilden Roheiten der Räuber, wird diese Nothwendigleit durch die nicht selten trivialen Roheiten der Anthologie bewiesen, von welchen Humboldt doch wohl zu milde urtheilt, wenn er meint, sie hätten die Individualität, die Persönlichkeit des Dichters nichts angegangen. Namentlich erinnert das Uebermaß von Anatomie, welches in der Anthologie dem Leser aufgetischt wird, an die bekannte Unart angehender Studiosen der Medicin, welche, nachdem sie auf dem anatomischen Theater ihre ersten Sporen sich verdient haben, es lieben, mit der Erzählung von ihren dortigen Thaten und Erfahrungen den Commilitonen den Appetit zu verderben; und daneben wird nach der Weise Bürgers oft genug die Popularität mit Roheit und Trivialität verwechselt. Aber wie unter all dem Wilden und Wüsten doch auch der hohe und edle Geist des Dichters mannigfaltig sich bezeugte und z. B. ´Eberhard der Greiner´ im Tone echter Vollsthümlichleit gehalten ist; so beweist ganz besonders die Selbstrecension Schillers auch hier, daß er, sobald die Anthologie gedruckt vor ihm lag, auch schon die Stimmung hinter sich hatte, aus welcher sie hervorgegangen war, und daß er mit gehobenem Haupt höheren Zielen entgegengieng. Schiller durfte Bürgern so streng beurtheilen, wie er es acht Jahre später gethan hat; denn den Grundsatz, von welchem diese Benrtheilung ausgieng, hatte er auch zu dem Maßstabe, nach welchem er die strengste Kritik gegen sich selbst übte, und zu der Maxime gemacht, welche sein ganzes poetisches Schaffen bestimmte: ´Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also werth sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredlen, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren.´ Auch hat er in seiner strengen Kritik dem Beurtheilten in der That eine weit größere Ehre angethan, als nachher A. W. Schlegel in seiner angeblichen Rettung Bürgers, weil Schiller das, was Bürger wirtlich leistete, nur an dem maß, was er nach seiner Begabung hätte leisten können. Unser Dichter selbst aber hat in der Kunst, die ihm Gott gegeben, auch einen göttlichen Beruf erkannt, nach welchem er nicht in den Dienst der schlechten Wirklichkeit sich begeben dürfe, sondern diese zu einem idealeren Leben erheben müße.“

 

1869

H. Allerhand literarische Nova. In: Didaskalia Frankfurt a.M.  Digitalisiert von Google

“[4. September] Eine andere Novität, die wir recht dringend empfehlen möchten, ist die neue Ausgabe von Bürger's Gedichten, welche in der Brockhaus'schen Sammlung der deutschen Nationalliteratur vorliegt. Sie ist von Julius Tittmann besorgt, mit großem Fleiß und einem liebevollen Verständniß. Die historische Einleitung bespricht Bürger´s Leben, ein Leben bekanntlich nicht rosenfarbener Natur. Ueberschätzt hat der Verfasser den Dichter auch nicht; kann man doch, ohne ungerecht zu sein, behaupten, daß der Verfasser der ´Leonore' neben Klopstock das größte lyrische Talent Norddeutschlands darstellt, allerdings nicht sein größtes poetisches überhaupt; denn diese Ehre kommt unbedingt Heinrich von Kleist zu und ihm allein. Die kritische Seite von Tittmann's Arbeit ist etwas schwach und unvollständig.“

 

1869

Egger, A. Zur Geschichte der Romanze und Ballade. In: Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien. Digitalisiert von Google.

“[S. 655] Unbeachtet von den Grossen und Edeln in der Literatur sank also die deutsche Romanze immer tiefer, und das Zeitalter Klopstock's und Lessing's sah in ihr wenig mehr als eine Possenreisserei.
     Erst die Sturm- und Drangperiode bringt eine bedeutungsvolle Wendung in die Geschichte dieser Dichtungsart. Der nach des Lebens Tiefen strebende Geist der siebziger Jahre führte zur reinen, grossen Volkspoesie, lehrte zwischen pöbelhaftem und volkstümlichem Ton unterscheiden und gab letzterem wieder Ernst und Würde. Der alles beherrschende französische Geist, der die Gleim´sche Romanze geschaffen, war mittlerweile durch Lessing ausgetrieben worden; dafür waren Shakespeare und Ossian von ´Albions Küste´ herübergekommen und britischer Tiefsinn beherrschte die Gemüther. Zur Romanze gesellt sich nun die Ballade, die Tochter Britanniens.
    Schon 1766 deutet Raspe's ´Geschichte aus den Ritterzeiten´: ´Hermin und Gunilde´ einen Umschwung an. Der Verfasser nennt sie ´eine im ernsthaften Ton von ihm zuerst geschriebene Mordgeschichte´ und Boie hielt sie für die erste deutsche Romanze.
     In dem Jahre aber, das die fünfte Auflage der Schiebler´schen Romanzen brachte, d.i. 1773, erschien Herder's epochemachende Abhandlung ´Ueber Ossian und die Lieder alter Völker´. Sie enthält das Verdammungsurtheil über die Richtung, die Löwen eingeschlagen, und den Fingerzeig für den rechten Weg. ´Auch Sie beklagens´, heisst es im zwölften Brief, ´dass die Romanze, diese ursprünglich so edle und feierliche Dichtart, bei uns zu nichts als zum Niedrigkomischen und Abenteuerlichen gebraucht oder vielmehr gemisbraucht wurde: ich beklage es gewiss mit. Denn wie wahrer, tiefer und dauernder ist das Vergnügen, das eine sanfte oder rührende Romanze des alten Englands oder der Provencalen, und eine neuere deutsche, voll niedrigen, abgebrauchten, pöbelhaften Spottes und Wortwitzes, nachlässt. Aber noch sonderbarer ist es, dass fast nur in dieser letzten Gestalt die Romanze uns bekannt geworden zu sein scheint´.
   Voll frischer Begeisterung für den vermeintlichen alten Barden Ossian, ausgerüstet mit tiefem Verständnis homerischer Urkraft, erklärt Herder im Verlaufe seiner Briefe das Wesen der Volksdichtung und erkennt in ihr den allgewaltigen ´Geist der Natur´, der freilich unähnlich ist jenem, den Wieland in Gleim's Romanzen gefunden. Eine englische Balladensammlung: Dodsley's ´Reliques of ancient Poetry´, bietet ihm den Hauptstoff für seine Erörterungen. Als Beispiel führt er, wahrlich nicht zufällig, ein ´altes, recht schauderhaftes schottisches Lied´ an, das er unmittelbar aus der Ursprache habe. Es ist die bekannte Ballade ´Edward´: ´Dein Schwert, wie ist's vom Blut so roth!´ Damit hatte er diese Dichtungsart auf ihren volksthümlichen Ursprung zurückgeführt, zugleich aber von ihr Ernst und Würde gefordert. In dieser Abhandlung, die von britischen Mustern ausgeht, begegnet man auch zum erstenmale dem Worte ´Ballade´ neben Romanze, aber ohne dass ein deutlicher Unterschied festgestellt würde.
     Ein Jahr nach Herder's Briefen über Ossian (1774) brachte der Göttinger Musenalmanach Bürger's ´Leonore´ und mit ihr die erste deutsche Ballade im Geiste der Zeit. Der Eindruck war ein mächtiger, der Erfolg ein durchgreifender. Aus dem Vögelein war in der That ein Löwe geworden, und die Welt liess sich durch starke Leidenschaften erschüttern, die der Anakreontiker für die Gesellschaft nachträglich gehalten hatte. Doch alle Schauer des Todtenrittes im Mondenschein waren nicht im Stande, die heitere Romanze zu bannen, und der Verfasser der ´Leonore´ dichtete um dieselbe Zeit seinen ´Raubgraf´, welcher mit seinen Gespenstern und seinem spasshaften Tone nicht über den Löwen´schen Satiren steht.

[S. 657] Der Hauptvertreter dieser Gattung für die Sturm- und Drangperiode blieb jedoch Bürger. In seinem ´Herzenserguss über Volkspoesie´ nennt er Ballade und Romanze die lyrische oder episch-lyrische Dichtart, charakterisiert sie als Volkslied und behauptet, dieser Art gehörten die Lieder vom rasenden Roland, der Feenkönigin, Fingal und Temora, die Ilias und Odyssee an. In der Originalausgabe seiner Gedichte fehlt jede besondere Bezeichnung, weil der Charakter der Dichtungsart für das Gefühl bereits festgestellt war. A. W. Schlegel scheidet zwanzig Balladen und zwei Romanzen. Die letzteren: ´Die Kuh´ (1774) und ´Das Lied von der Treue´ (1785) erinnern durch Ton und Inhalt noch am meisten an Gleim und Löwen, die eine ist sehr einfach, die andere hat einen satirischen Zug. Doch sind ihnen auch einige Balladen verwandt, wie die lustige Legende ´Frau Schnips´ (1777) und der Schwank ´Kaiser und Abt´ (1784). Es ist überhaupt für Bürger charakteristisch, dass bei ihm der Ton der alten Romanze durch Herder's gewaltigen Einfluss nie völlig verdrängt werden konnte. Der Hauptfortschritt seiner Dichtungen liegt in dem bewussten Festhalten eines natürlichen, volksthümlichen Vortrages und in dem massgebenden Einflusse englischer Vorbilder. Fünf seiner Balladen sind direct nach britischen Mustern bearbeitet: Die Entführung, Graurock und Pilgerin, Frau Schnips, Kaiser und Abt, das Weib von Bath, und Graf Walther. Spuren romanischer Einwirkung fehlen. Den Hauptinhalt bildet auch jetzt noch die Geschlechtsliebe, vom zarten Erwachen bis zur zerstörenden Leidenschaft, vom beglückenden Genuss bis zur tödtenden Qual. Nur sieben Balladen behandeln andere Themen. Vorherrschend ist die Form der Erzählung, die manchmal dramatische Bewegung erhält; aber fünf sind rein lyrisch gehalten, wie: Trautel, das Ständchen, Schön Suschen, Molly's Werth, und das Schwanenlied. Rhythmus und Strophenbau wechseln so mannigfaltig nach dem Bedürfnis des Inhaltes, dass daraus kaum ein Charakteristikon für die Gattung zu gewinnen wäre.”

 

1869

Hettner, Hermann. Literaturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts.

“[S. 333] Und blieb Bürger welcher der neuen volksthümlichen Richtung [Minnelied] am rückhaltlosesten folgte, zunächst auch vereinzelt, wenn er der Odendichtung ganz und gar den Rücken kehrte, so war doch kein Einziger dieser jungen Dichter, der nicht das Streben Bürger's getheilt und gebilligt und nicht neben Klopstockisirenden Oden auch volksmäßige Lieder mit dem von Klopstock verpönten Reim gedichtet hätte.
   Ja es ist sogar mit Bestimmtheit auszusprechen, daß es ausschließlich die schlicht volksthümliche Seite war, welche diesen jungen Dichtern das Herz des Volks eroberte und der eigentlich treibende Kern ihrer fortschreitenden inneren Entwicklung wurde.

[S. 337] Von Anfang an hatte Bürger sich fast ganz dem Klopstock'schen Wesen ferngehalten. Die Ansicht, welche er 1776 als Daniel Wunderlich in seinen »Herzensausguß über Volkspoesie« (Deutsches Museum Stück 5, Werke. Bohtz 1835, S. 318 ff.) niederlegte, daß die deutsche Muse nicht auf gelehrte Reisen gehen, sondern hübsch zu Hause ihren Naturkatechismus lernen solle, war der Kern und der Antrieb seines gesammten Dichtens und Denkens, das sich an Shakespeare und ganz besonders an Percy und Herder herangebildet hatte. Bei ihm zeigt sich unter allen Dichtern des Hainbunds das Volksthümliche am augenfälligsten und am unvermischtesten.
  Unter dem Druck schwerer sittlicher Lebensirrungen ist Bürger immer in sich unfertig geblieben. Oft ist er noch zopfig und geschmacklos, oft sogar platt und gemein. Aber eine ächte und ursprüngliche Dichternatur ist er. Das Ziel, das die deutsche Lyrik in Goethe und Uhland und in den besten Schöpfungen Heine's erreichte, ahnte und erstrebte auch er bereits, ja kam ihm zuweilen sehr nahe. 
  Bürger erwarb sich seinen ersten Ruhm durch den durchschlagenden Erfolg seiner Lenore. Und gewiß wird diese mächtige Dichtung immer zu den köstlichsten Perlen der deutschen Literatur gezählt werden. Es ist ein Hineintreten in die Tiefe der Gemüthswelt und ein eingreifend lebendiges Vorführen der düsteren Region des Nächtlichen und Gespenstigen, wie es bisher völlig unerhört war und in so zwingender Plastik immer nur Auserwählten gelingen kann. Daher ist es üblich, Bürger's Stärke vorzugsweise in der Balladendichtung zu suchen; selbst Schiller hat in seiner bekannten herben Recension diesem Urtheil wesentlich beigestimmt. Gleichwohl ist Bürger grade in der Balladendichtung am unzulänglichsten; so recht der Ausdruck einer noch ringenden Uebergangszeit. Schon Lenore hat trotz aller Macht und Pracht der Gestaltung ihre sehr fühlbaren Schwächen. Nicht nur in der Form viel Ueberladung der Tonmalerei, die dem schlichten Naturlaut, in welchem allein solche Dinge wirken, widerspricht und den Ernst der Stimmung in das Spielende herabzieht; auch die Fassung des Grundmotivs selbst erinnert weit mehr an die moralisirende Lehrhaftigkeit des achtzehnten Jahrhunderts als an die innige Sinnigkeit der Volkspoesie. Während in der alten Sage und in den auf sie bezüglichen Volksliederresten (vgl. Vilmar Handbuch für Freunde des deutschen Volksliedes. 1867. S. 152) die Grundidee das tiefe Leid der Trennung und das unüberwindliche Sehnen nach dem Ruhen an der Seite des geliebten Todten ist, hat Bürger, der freilich nur sehr vereinzelte Nachklänge der alten Sage kannte, die undichterische Wendung, daß die schmerzvolle Klage Lenoren's als mit Gott hadernde Lästerung und daher der gespenstige Bräutigam, welcher sie zum Tod holt, als der vom Himmel gesendete Rächer geschildert wird. Und blieben nur die späteren Balladen Bürger's auf der Höhe dieses ersten genialen Wurfs! Leider aber sind diese, obgleich es auch ihnen nicht an markigen und wahr empfundenen Zügen fehlt, meist nur eine sich unaufhaltsam steigernde Vergröberung in das Platte und Burleske, eine Verzerrung des Volksthümlichen in das Plebejische. Und dies selbst in Balladen, die nur Bearbeitungen englischer Vorbilder sind. Um dieselbe Zeit, da Herder seine Stimmen der Völker sammelte und in feinsinnigster Weise übertrug und Goethe den König von Thule und den Erlkönig dichtete, wucherte in Bürger noch unausrottbar die aus der bänkelsängerischen Verwilderung des Volksliedes entsprungene Anschauung, als müsse die Ballade eine rührende Schauergeschichte oder eine auf rohe Lachmuskeln berechnete Schwankgeschichte sein.
  Aber unter Bürger's lyrischen Gedichten giebt es Vieles, das sich in Poesie der Empfindung und in Schmelz und Wohllaut des Verses dem Schönsten anreiht, was deutsche Dichter gesungen. Besonders gilt dies von seiner Liebeslyrik; vorausgesetzt, daß man diese Gedichte in ihrer ersten Urgestalt liest, bevor eine überängstliche Feile sie abschwächte und verkünstelte. Eine Gluth und Zartheit, eine Lust und glückerfüllte Munterkeit, die unwiderstehlich hinreißt. Er, der die leidvollste Tragödie in sich erlebte, ist weit entfernt von jener wilden Zerrissenheit, in deren koketter Schaustellung sich die neuere Lyrik so sehr gefällt; nur selten werden diese schmerzvollen Töne angeschlagen, und dann immer nur mit dem tief elegischen Sehnen nach Friede und Versöhnung.

[S. 340] Von derselben neckenden Innigkeit sind die Sonette an Molly; eine Kunstform, die seit langer Zeit wieder zuerst Bürger versuchte und sogleich mit genialster Meisterschaft handhabte.   
  Sicherlich war es Bürger's eigene Schuld, daß er nicht zur künstlerischen Reife kam. Zuletzt glaubte er durch Ueberkünstelung der rhythmischen Form ersetzen zu können, was doch nur Sache einer Umbildung seines ganzen inneren Menschen sein konnte.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1869

Fallersleben, August Heinrich Hoffmann von. Unsere volksthümlichen Lieder.

“[S. XXIII] Eine Reihe volksthümlicher Lieder, die im Laufe von anderthalb hundert Jahren gedichtet, in Musik gesetzt und gesungen, und in Almanachen, fliegenden Blättern und Sammlungen verbreitet wurden, habe ich nun verzeichnet und das Jahr der Entstehung des Textes und der Melodie, und die Dichter und Componisten zu ermitteln versucht. Mein Verzeicbniss ist weder vollständig noch überall genügend, es soll und kann nur ein Versuch sein, der zu weiterem Forschen anregt, und dem Darsteller des wichtigsten Zweiges unserer poetischen Litteratur, der lyrischen Dichtung, neue Gesichtspunkte und sichere Anhalte darbietet, damit er ein besseres Verständniss eröffnet über das was das Volk sucht und liebt und das was ihm von unseren Dichtern bisher geboten wurde und wird.”

Von Bürger sind enhalten die Titel:
“ 12. Ach, könnt´ ich Molly kaufen
184 Der Winter hat mit kalter Hand die Pappel abgelaubet
260 Ein Pilgermädchen jung und schön
404 Hast du nicht Liebe zugemessen
420 Herr Bacchus ist ein braver Mann
448 Hurre hurre hurre! schnurre, Mädchen, schnurre!
507 Ich sah so frei und wonnereich die Tage mir entschlüpfen
513 Ich träumte, wie um Mitternacht mein Falscher mir erschien.
521 Ich war wol recht ein Springinsfeld
525 Ich will einst bei Ja und Nein
636 Mädel, schau mir ind Gesicht!
657 Mein Trautel hält mich für und für in festen Liebesbanden
672 Mit Hörnerschall und Lustgesang
723 O was in tausend Liebespracht das Mädel, das ich meine, lacht!
772 Schön Suschen kannt´ich lange Zeit
783 Seht mir doch mein schönes Kind!
960 Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
981 Wie selig, wer sein Liebchen hat! “

 

1869

Anonym. Das deutsche Theater seit dem Jahre 1850. In: Unsere Zeit. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[S. 935] Eine dritte Richtung Mosenthal's ist das Literaturdrama. ´Bürger und Molly oder ein Dichterleben´ war seine erste Studie aus diesem Gebiet, die sich an Otto Müller's Roman anlehnte. Das Stück hatte einen jungdeutschen Zug, das Schwankende und Zerrissene im Charakter des Dichters trat, mehr Unbehagen als Theilnahme weckend, hervor; die Doppelliebe gehört zu jenen novellistischen Problemen, die aus der Bühne keinen oder nur einen verwirrenden Eindruck machen. Auf die Bühne gehört eben nur das allgemein Gültige. So konnte das Stück keinen nachhaltigen Erfolg erzielen, so glücklich einzelne literarhistorische Genrebilder, der Hainbund, die volksthümliche Wirkung der Lenore u.s.w. ausgeführt waren, und so sehr der Dichter, wie in der ´Deborah´, der Handlung durch theatralische Beleuchtungseffecte zu Hülfe kam.“

 

1869

Schem, Alexander Jacob (Hg). Deutsch-amerikanisches Conversations-Lexicon. Zweiter Band 1869. Digitalisiert von Google.

“[S. 717] Dazu kam Schiller's herbe Recension in der ´Allg. Lit.- Ztg.´ 1791, die ihn tief verletzte (er warf B. Gemeinheit, Mangel an Idealismus und geistiger Reife vor), so daß dem armen Dulder, von Schulden und Sorgen gedrückt und geistig wie körperlich (durch Auszehrung) gebrochen, der endliche Tod als wahrer Erlöser erschien am 8. Juni 1794. Als Dichter steht B. unbedingt groß da, wenn auch nicht durchweg classisch, da der Vorwurf Schiller's so ganz unbegründet nicht ist. Liebeslieder, Sonette (die er in Deutschland wieder eingebürgert), und vor Allem seine Balladen, überdieß die allerersten in deutscher Zunge, sind ausgezeichnet. Die ´Lenore´ ist unübertroffen; mehrere andere stehen ihr nicht unebenbürtig zur Seite, so ´Das Lied vom braven Mann´ und ´Frau Magdalis´ im Rührend-Erhebenden; ´Der wilde Jäger´, ´Des Pfarrer Tochter ron Taubenhain´ und ´Lenardo und Blandine´ im Erschütternden. Auch im Hexameter leistete er Tüchtiges (Viertes Buch der Aeneis). Ueberdieß gehört er zu den besseren Sprachreformatoren.”

 

1869

Evans, Edward Payson. Abriß der Deutschen Literaturgeschichte. New-York.  Digitalisiert von Google

“[S. 168] Gottfried Aug.Bürger (aus dem Halberstädtischen 1748-1794) gehörte eigentlich dem Bunde nicht zu, stand aber in intimen Beziehungen mit demselben. Er war Sohn eines Predigers; kam 1762 auf das Pädagogium und 1764 auf die Universität zu Halle, um nach dem Wunsche seines Großvaters, aber gegen eigne Neigung, die Theologie zu studiren. 1768 bezog er die Universität Göttingen, wo er sich der Rechte befliß und ein wüstes, unsittliches Leben führte. Seine hochbegabte Dichternatur ging durch gedrückte Verhältnisse, Nahrungssorgen und noch mehr durch wildes, leidenschaftliches Treiben und unglückliche Ehebündnisse rasch und unaufhaltsam zu Grunde. Seine Balladen (Leonore, der wilde Jäger, die Entführung u. s. w.) nach schottischen Vorbildern verfaßt und zum Theil deutschen Sagen entlehnt, sind an dramatischer Lebendigkeit, Klang und Wohllaut und echter Volksmäßigkeit des Ausdrucks selten übertroffen worden; ´das Lied vom braven Mann,´ ´des Pfarrers Tochter von Taubenheim,´ ´Robert,´ ´das Lied von der Treue,´ ´der Kaiser und der Abt,´ sind noch populärer und bekannter, als die meisten neuern Gedichte. (Vgl. H. Döring, ´Bürgers Leben,´ Berlin 1826 und Göttingen 1848 ; H. Pröhle, ´G. A. Bürger. Sein Leben und seine
Dichtungen,´ Leipzig, 1856.)
   Bürger besaß eine liebenswürdige Bescheidenheit und Gutherzigkeit; hatte auch die Sprache und Verskunst in seiner Gewalt wie wenige andere Dichter; konnte aber seine Gefühle nicht immer zum Ausdruck bringen, wie Göthe in seinen lyrischen Gedichten. Seine scheinbar vom Naturgenie hingeworfenen Stücke waren in der That mit der größten Besonnenheit und sogar mit der Feile der Kritik sorgfältig gearbeitet. Zuerst hatte er eine ganz falsche Ansicht der Ballade, die von Gleim herrührte, der die spanischen Balladen nachahmte (Vgl. Prutz S. 220); später hat er sie besser gedichtet, indem er die englischen Balladen von Percy zum Muster nahm. In der ´Leonore´ hat er den Ton dieser Dichtungsgattung am besten getroffen.“

 

1869

Anonym. Literarisches. In: Westermann´s Jahrbuch der Illustrirten Deutschen Monatshefte. Braunschweig.  Digitalisiert von Google

“[S. 151] Gottfried August Bürger und Elise Hahn. Von Friedr. W. Ebeling. [...]
Abermals eine Rettung und zwar die des vielgeschmähten „Schwabenmädchens,´ Bürger's dritter Frau. Trotz Allem und Allem geht übrigens aus Ebeling's Schrift hervor, daß Frau Elise Bürger sich nicht die geringste Mühe gab, ihres Mannes Eigenthümlichkeiten zu schonen und ihm eine, treue, verständige Frau zu sein. Wir glauben es gern, daß sie nicht Hals über Kopf sich dem Dichter antrug und eigentlich anfänglich gar nicht die Folgen ihres Gerichtes an Bürger berechnete, aber eben damit ist auch ihr ganzes Wesen charakterisirt. Wir glauben ebenso gern, daß die abscheulichsten Verleumdungen ihr Bild in der Oeffentlichkeit besudelt haben, aber sie war eben eine Frau, die ihren Ruf sorgfältiger hätte wahren sollen. Ein leichtlebiges, talentreiches Wesen, voll Elasticität und Bedürfniß nach Abwechslung, das sich dilettirend in Poesie und Kunst umhertrieb, konnte sie mit dem äußerlich pedantischen, innerlich tiefgemüthlichen Bürger unmöglich harmoniren. Daß Letzterer in seiner derb germanischen Manier dann den Zwiespalt weiterführte, ist ihm nicht als Schuld anzurechnen. Ueberhaupt: was ist in solchen Fällen Schuld? Die von fremden Händen benutzte Uebereilung des etwas excentrischen Mädchens führt den Dichter, der im Leben eine Art Philister ist, zu dem unseligen Entschlusse, sich mit Elise zu verheirathen — zwei Naturen, die sich abstoßen müssen, sollen nun zusammen leben. Elise macht sich die Sache leicht, sucht sich zu zerstreuen, Bürger dagegen sammelt das Gift der Täuschung, bis es zur Eruption kommt. Dann geht Jedes wieder seinen eigenen Weg, aber die Natur der Verhältnisse bringt es mit sich, daß Elise von der Welt geschmäht und verurtheilt wird, umsomehr, da ihr Talent sie zur Bühne führt und ihr als Künstlerin Triumphe bringt. Wäre ihr Naturell ein sinniges, echt weibliches gewesen, so würde sie mit Bürger glücklich geworden sein, und wenn dennoch eine Scheidung entstanden wäre und sie hätte ihr Schicksal im Stillen betrauert, so würde das Urtheil vielleicht auch anders lauten. Sie war am Ende nicht so schlimm wie ihr Ruf, aber Frauen wie Elise Hahn taugen selten für die Ehe.“

 

1869

Ebeling, Friedrich Wilhelm. Satire und Humor außerhalb der epischen und dramatischen Kunstform. In: Geschichte der komischen Literatur in Deutschland seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Dritter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 305] Meistentheils jedoch ist die Kritik darauf ausgegangen, die Dichtungen, welche an´s Gemeine und Platte streifen, namentlich sich auf dem Terrain der Geschlechtsverhältnisse bewegen, sehr zu unterschätzen, nicht als volksthümliche anzuerkennen. Für den gemeinsten Janhagel, ist behauptet worden, wäre die ´Historia von der Prinzessin Europa´ gedichtet, in welcher der Mythus den Hökerweibern und Eckenstehern verständlich und handgreiflich gemacht sei. Nur die größte theoretische Verwirrung lasse es erklären, daß Bürger solche Nichtswürdigkeiten in die Sammlung seiner Werke hätte aufnehmen können. In ´Frau Schnips´ glaube man ihn auf dem Jahrmarkt, vor dem grünen, rothbemalten Wachstuche stehen zu sehen und, während er unter höchst populairem Schnaken mit dem Stocke hinaufdeutet, die bekannte Orgelmelodie gehen zu hören. Allein wenn er ein gutes Stück eigenster Natur des deutschen Volkes aus den Gassenhauern unter den Linden des Dorfs, auf der Bleiche und in den Spinnstuben vernehmen wollte, so war es ganz natürlich, daß er Lieder dichtete, die eben an solchen Orten heimisch werden sollten. Liegt zum Andern in Öbscönitäten und geschlechtlichen Anspielungen eine starke komische Kraft - und ich wüsste nicht was hiegegen irgendwie Stichhaltiges eingewendet werden könnte - so hat sie auch in der dichterischen Verwendung ihre volle Berechtigung, wenn sie sich von Unfläterei frei hält, welche allemal unpoetisch ist. Goethe wollte jene vis comica wenigstens aus der Komödie schlechterdings nicht gestrichen sehen.

[S. 306] Jede Derbheit bewegt sich auch im Volksthümlichen, wenn sie nicht die Gestalt des Verbotenen annimmt, sondern, wie ich schon früher hervorgehoben, das Bcwusstsein seines dualistischen Druckes im Witze enthebt. Uebrigens muß einer gewissen aesthetischen Anschauung Rousseau's Ausspruch vorgehalten werden, daß in den verdorbensten Ländern und Zeiten die Ausdrücke immer am gewähltesten und die Ohren am strengsten sind.
   Mag nun immerhin in der ´Prinzessin Europa´ ein auffälliges Liebäugeln des Statthaften mit dem Verbotenen sittlich verletzen, so wäre es doch ganz entschiedene Heuchelei, den Humor darin verkennen zu wollen, der über Interesse und Verständniß des Pöbels hinausragt. Auch diese Reime entbehren nicht des geistreichen Colorits und der nationalen Naivetät, welche selbst an seine verwerflichsten Verse noch fesseln. [...] Unbestreitbar steht diese Romanze [Frau Schnips] in jeder Hinsicht höher als die vorige [Europa]; ja sie würde als eine der trefflichsten der ganzen Zeit, welche uns hier beschäftigt, gelten, wenn man vornehmlich das zu weit getriebene Vergleichen mit dem Urbilde bei Seite gelassen. Es ist Bürger nie darum zu thun gewesen seine fremden Vorbilder zu übertragen, ihnen blos nachzuahmen; er hat sich durch sie zu seinem eigensten Berufe nur anregen wollen und ihre Stoffe in sein unbedingtes Eigenthum verwandelt. Nur wer seine Dichtungen ausnahmslos so betrachtet, wie sie betrachtet sein wollen, als unmittelbare Erzeugnisse, kann ihnen ganz gerecht werden.

[S. 308] Diesen alten Stoff [Die Weiber von Weinsberg] nun stellte Bürger mit seiner gewohnten Klarheit des Vortrags und in einem gefälligen und angemessenen Tone dar. Man meint einen alten, überaus muntern und jovialen Volkssänger zu hören, der einem rohen Haufen ein wunderbares Abenteuer erzählt; doch einen solchen, der zugleich die Aufmerksamkeit des Mannes von feinerem Geschmack und gebildetem Verstande erwecken kann. Er giebt seiner Sprache einen feinen Anstrich jenes Antiken, das man in den alten Mordgeschichten findet - durch den Gebrauch alter Worte, Wortfügungen und Formen, durch volksmäßige Sprüchwörter und sprüchwörtliche Redensarten -, allein es ist nur ein feiner Anstrich; der Dichter taucht seinen Pinsel nur leise in die Farben der Bänkelsänger, um das Gemälde sprechender zu machen; das Altfränkische wird durch Mischling mit dem Neuen zum Komischen, und dies zum Ausdruck einer scherzhaften Laune, die durch das Ganze hindurch schimmert, und uns verräth, daß wir blos einen verkappten, keinen wirklichen Bänkelsänger hören. Es ist eine vollständige Verkennung des Charakters diese Dichtung und der entsprechend verwendeten komischen Hilfen, in ihr noch etwas Unedles finden zu wollen. ´Der Kaiser und der Abt´ musste selbst bei dem schärfsten Vergleiche mit dem englischen Vorbilde mindestens bestehen, und so ist diese Romanze denn auch allgemein mit dem Gnadenöle der Kritik gesalbt worden.
   Alles in Allem erwogen war Bürger Dichter in der höchste Bedeutung des Worts, in der volksthümlichen Lieder- und Romanzenpoesie bis heute noch unübertroffen. Nichts kann ungereimter sein, als zu behaupten, Schiller habe in der Romanze das Höchste und Unübertrefflichste geleistet. Denn abgesehen von seinem hohlen Pathos geriet er noch weit mehr in das Breite und Nebensächliche als Bürger. Sonst ist nicht zu leugnen, daß letzterem ungleich bedeutendere Naturanlagen zum Erhabenen und Tragischen innewohnten als zum Komischen, und manche Verirrungen auf diesem Gebiete entspringen aus dem Bemühen, in beiden Befähigungen seine Leistungen im Gleichgewicht zu zeigen.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1869

Tittmann, Julius. Gottfried August Bürger. In: Gedichte von Gottfried August Bürger. Bibliothek der Deutschen Nationalliteratur.

"[S. XLIX] Bürger´s Balladen wurden von der Härte dieses Urteils [Fr. Schiller 1791] ausgeschlossen, dasselbe konnte eben nur gegen dessen eigentliche Lyrik gerichtet sein. Schiller gesteht, daß in jener Gattung nicht leicht ein deutscher Dichter es ihm zuvorthun werde. Die Sonette aber nennt er geradezu Muster ihrer Art, die sich auf den Lippen des Declamirenden in Gesang verwandeln, ein Gebiet der Poesie, das er außer von Bürger nur noch von August Wilh. v. Schlegel betreten zu sehen wünschte.

[S. LI] Schiller´s Kritik war durchaus berechtigt. Wenn z.B. August Wilh. v. Schlegel die Recension ´eine nach den Gesetzen der literarischen Moral nicht zu rechtfertigende Handlung´ nannte und das Anstößige in Schiller´s eigenen Jugendgeschichten hervorhob, so war er im Unrecht. Jene Anstöße waren überwunden, und Schiller wollte, daß auch Bürger die seinigen überwinde.

[S. LII] Den Vorwurf Schiller´s, daß in Bürger´s lyrischen Gedichten die von ihren Schlacken nicht befreite Individualität des Verfassers hervortrete, haben wir noch zu erweitern: die volksthümliche Dichtung soll das subjektive Wesen überall nicht verrathen, der Dichter eines ´Volksliedes´ tritt so sehr zurück, daß nicht einmal sein Name aufbewahrt bleibt. Die ´Popularität´ der bessern lyrischen Gedichte Bürger´s liegt eben im demjenigen, was Schiller vermißte, im Mangel idealisirter Empfindungen; in ihnen spricht das rein Menschliche derselben mit seinen Fehlern, Schwächen und Verirrungen, dem Erbtheil aller Sterblichen, allgemein an, da es an eigene innere Erlebnisse anklingt. Die Erhebung, welche nur durch die reine Darstellung des Schönen erreicht wird, werden sie nimmermehr weder dem Geiste noch dem Herzen bringen. Bürger´s Leben entbehrt aller wirklich poetischen Conflicte, sein Geschick war nicht tragisch, sondern beklagenswerth. Auch in der Liebe zu Molly liegt kein tragisches Moment; die subjective Willkür hatte über den geregelten Gang des bürgerlichen Lebens gesiegt, Bürger genoß ohne Kampf, und nur das allgemeine Menschengeschick raubte ihm diesen Genuß.
  Wo Bürger´s Individualität vor der Macht des Inhalts durchaus zurücktritt, also in der Ballade, da werden auch wir mit vollster Ueberzeugung in das ohne Rückhalt gespendete Lob Schiller´s einstimmen; was der Dichter in seinem Sinne unter dem Begriff der Popularität gedacht wissen wollte, hat er durch die glückliche Wahl der Stoffe sowol wie durch die Art der Behandlung wirklich erreicht. Freilich hatte er gerade hier die Kunst der Darstellung an den besten Mustern geübt; eine Anzahl der besten kleinen Dichtungen dieser Art ist der Percy´schen Sammlung in Uebersetzung oder freierer Nachbildung entnommen.

[S. LIV] War durch Bürger die episch-lyrische Dichtart der deutschen Literatur in ihrer Bedeutung zurückgegeben, so hat er auch durch die Wiederbelebung des Sonetts diese Form für dieselbe neu gewonnen.

[S. LV] Man muß die Perlen und Edelgesteine seiner Gedanken an ihre besten und liebsten Kleider zu heften und so zu heften suchen, daß es unmöglich ist, sie davon zu trennen, ohne Schmuck und Einfassung zugleich zu zerstören. In der Taht ist in diesem ziemlich oberflächlichen Vergleiche die Art treffend gezeichnet, wie unser Dichter zu arbeiten pflegte. Gerade die Gedichte, die er selbst am höchsten hielt, gaben davon Zeugniß; die ´Nachtfeier der Venus´ hat ihn sein ganzes Leben hindurch beschäftigt, ehe er dieselbe, seiner Meinung nach in annähernder Vollendung, aus der Hand geben mochte. Das Streben nach vollendeter Wiedergabe eines fremden Originals mag ein solches Verfahren gerechtfertigt erscheinen lassen; aber unter den übrigen bedeutenden Productionen ist das meiste ebenfalls erst nach einer Reihe von Wandlungen abgeschlossen worden, die nur in seltenen Fällen eine Vollendung zu nennen ist. Ja, wir dürfen geradezu behaupten, daß die ältern Lesarten den neuen fast überall vorzuziehen sind; [...]


[S. LVI] Dazu kam noch in den letzten Jahren Schiller´s einschneidende Kritik, die Bürger zu größerer Strenge gegen sich selbst mahnte; diese aber setzte er nur in die erhöhte Gewissenhaftigkeit nach der Seite der Form. Seine Gedichte machen auch in dieser Hinsicht und im kleinen den Eindruck, den wir aus dem Einblick in sein ganzes Leben gewinnen: es haften an ihnen die Spuren einer Unruhe, die zur Vollendung zu gelangen mit Mühe und doch vergeblich bestrebt ist."

Tittmans Ausgabe von Bürgers Gedichten in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1869

Goldbeck, Karl. Sprache. In: Schiller-Lexikon. Erläuterndes Wörterbuch zu Schiller´s Dichterwerken. Zweiter Band. Berlin.   Digitalisiert von Google

“[S. 347] Die folgenden Seiten sollen in der Kürze, wie sie der beengte Raum noch gestattet, den Laien mit den Hauptgesichtspunkten bekannt machen, unter welchen die Sprache eines Dichters zu betrachten ist, wenn man sich von derselben, von ihrem Bau, von ihrer Art, von ihrem Werthe eine Vorstellung machen will. Dem einfachen Leser, der an den Werken des Dichters sich zu erholen, zu erfreuen und auch zu erheben wünscht, scheint zuerst nichts natürlicher, als daß die Sprache dem Dichter eben nur so vom Munde fließt, nach dem Worte, daß dieser übergeht von dem, wovon das Herz voll ist. Gern giebt er zu, daß Stoff und Plan zu erfinden und zu entwickeln Arbeit des Geistes kosten könne, aber die Sprache? und nun gar die der Prosa? In der Poesie thue ja auch die Begeisterung das Beste, und sind die Verse gar reimlos, wo sei da die Schwierigkeit? Solche Vorstellungen wird aber vielleicht die Mittheilung erschüttern, daß Bürger seiner Leonore, von der man meinen sollte, sie habe sich etwa in den Schauern einer schlaflos quälerischen Nacht ans Licht gerungen, monatlange Sorgfalt im Ausarbeiten der Einzelnheiten gewidmet hat, wie die Berliner Sage Aehnliches auch von Heine und dem scheinbar in einem schönen Augenblicke hingehauchten: ´Du bist wie eine Blume´ erzählt. Dabei nährt ferner der Laie, und hier und da auch ein Lehrer, eine ausgesprochene Abneigung, welche auch ihre ästhetische Berechtigung hat gegen das ´Zerpflücken´ der Schönheit eines dichterischen Ganzen. Doch wird nun einmal auf Erden nichts ohne Mühe und Schmerz geboren, und die Kunst ist weit entfernt, davon frei zu sein, wenn es auch eine Forderung des Kritikers wie des einfachen Betrachters ist, daß man dem Werke diese Spuren der Sterblichkeit nicht ansehen dürfe.“

 

1869

Klein, Julius Leopold. Das italienische Drama. In: Geschichte des Drama´s. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 18] Ganz Italien wäre zu einem solchen Circe-Thierpark verwildert, ohne die von der deutschen Reformation geweckten, von den englischen Freidenkern und Volksschriftstellern des 17. und 18. Jahrhund. in Schwung gesetzten und in Wissenschaft und Kritik hineingeworfenen, von den französischen Schöngeistern, Oekonomisten und Staatslehrern aufgefangenen und zu Brandfackeln gefachten Lichtfunken, woran die italienischen Volkslehrer und Staatswesen, im Verein mit einigen verbesserungsfreundlichen aufgeklärten Fürsten, die Leuchten entzündeten, in deren goldenem Scheine das zerstückelte Italien sich zum Einheitsstaate zusammenfügte, wie der Lichtglanz jener Bauernlampe in Goethe's ´Märchen´, die in Juwelenstücke auseinandergefallene ´schöne grüne´ Schlange wiederherstellt. Hierbei wirkten die poetischen Geistesfunken ihr gut Theil mit, welche die englische und deutsche Balladenpoesie, Ossian's feuchte Mondstrahlen und Geisterwolken, Young's Nachtgedanken, und die über Stock und Stein hinsausenden und funkenstiebenden Hufe des schwarzen gespenstischen Rosses in Bürgers Leonore, der italienischen Lyrik im letzten Drittel des 18. Jahrh. und in dem ersten des 19. zuwehten.“

 

1869

Mähl, Joachim. Jean. Lütj Denkmal. In: Stückschen ut de Mus´kist. Zweiter Theil. Altona. Digitalisiert von Google

“[S. 62] ´Jean,´ seggt Johann Bäcker, ´dreg mal en Stück vör!´ - ´Man to! Man to, Jean!´ seggt de Annern, un Jean fangt denn an:
   ´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß,
    Daß ich mir Ruh erreite!
    Es wird mir hier zu eng im Schloß,
    Ich will und muß ins Weite usw.´ -
un dat deklameert he denn ok up en Art so ganz anners, as sünst. “

 

1869

Mähl, Joachim. Stückschen ut de Mus´kist. Erster Theil. Altona. Digitalisiert von Google

“[S. 30] Wa is he nett un sinnig un fein! un he lehrt de Annern örndlich Lebensart, vertellt ehr ut de Zeitungen un deklameert ehr mal en Stück vör: ´Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,´ oder: ´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß,´ oder: ´Leonore fuhr ums Morgenroth,´ oder ´Festgemauert in der Erden´ usw. un makt ehr dat klar un handgrieplich un ogenschienlich mit sin Gesicht, [...]. “

 

1869

Hiemer, Karl. Die unterbrochene Verlobung. In: Leselust für das Volk und seine Freunde. Sechster Band. Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 171] Der Graf reiste nach Italien. Er wußte nicht, warum. Er konnte nur mit den Worten jenes rastlosen Ritters sprechen:
  ´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß,
   Daß ich mir Ruh´ erreite,
   Es wird mir hier zu eng im Schloß,
   Ich muß, ich muß in's Weite.´ *
Er besaß Alles, was er sich wünschen konnte, nur die Ruhe nicht. Selbst seine Verlobung mit der holdesten Jungfrau, die er je gesehen hatte, gab ihm die Ruhe nicht, welche er suchte.

   *Bürger “

 

1869

Eichrodt, Ludwig. Das geliehene Pferd. In: Lyrischer Kehraus. Fliegendes und Sauser. Lahr. Digitalisiert von Google

“[S. 89] ´Freund, sattle mir dein Dänenroß,
       Daß ich mir Ruh´ erreite,
       Mir ist verhaßt der Menschentroß,
       Ich such´ das Einsam-Weite,
       Beim ersten Frühroth laß´ mich fort,
       Zur Nacht bin ich zurück am Ort!´ “

 

1869

Eichrodt, Ludwig. Das Menschenlied*. In: Lyrischer Kehraus. Fliegendes und Sauser. Lahr. Digitalisiert von Google

“ [S. 124] In sonderbarer Grille,
 Gewiesen von der Thür,
 Mit Büchern die Sybille,
 Im Gegensatz zum Thier.

 Lenore vor dem Grabritt
 Mit ihrem Offizier,
 Der Bürger aus dem Abtritt,
 Im Gegensatz zum Thier.

 Am goldnen Bettelstabe
 Homer, der blinde Chier,
 Zeno an seinem Grabe,
 Im Gegensatz zum Thier

*Ein kulturhistorisches Gedicht als Schlußpunkt der deutschen Lyrik (in Geselligkeit ausgesponnen)“

 

1869

O. K. Das liebe Vieh. In: Daheim. Leipzig und Bielefeld. Digitalisiert von Google

“[S. 182] Der deutsche Landmann setzt einen point d'honneur in glattes, sattes Vieh, und der deutsche Dichter verschmäht es nicht, dasselbe unter allerlei menschlichen Vorwänden zu besingen, sei es als ´Lied von der Treue´ oder als ´Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stück Brot.´ Auf diese Weise ist manches liebe Vieh in die Classiker aufgenommen worden “

 

1869

Gerberding, W. Rez. Deutsche Poesie mit den vorzüglichsten englischen Uebersetzungen (German Poetry [...]) Leipzig 1869. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 218] Nur zu oft sind wir bei unserer vergleichenden Lectüre auf unnöthige Abweichungen von dem Gedanken des Originals gestossen, auf willkürliche Veränderung der Bilder, auf Plattheiten und wässrigen Wortschwall, und manche der Uebersetzungen sind im Versmass und Strophenbau so verschieden von dem deutschen Gedichte, dass der eigentümliche Charakter desselben nicht bewahrt worden ist.
      Gleich die an der Spitze des Buches stehende Bearbeitung der Bürger-schen Lenore von Taylor [...], wird von diesen Vorwürfen getroffen, obgleich, wie wir aus einer Anmerkung (S. 473) erfahren, Walter Scott gestand, dass diese ´incomparable version´ ihm den Entschluss in die Seele gegeben habe, sich ganz der Poesie zu widmen. In durchaus unstatthafter Weise ist die Handlung von Deutschland nach England und aus der Zeit des siebenjährigen Krieges in die der Kreuzzüge verlegt worden, sodass an die Stelle des Königs Friedrich Richard Löwenherz getreten ist. Es liegt auf der Hand, dass dadurch das locale und nationale Gepräge des deutschen Originals verloren gegangen ist.

[S. 219] Von demselben Taylor haben wir S. 88 noch eine Uebertragung des Monologs der Iphigenia (Act 1.), die wörtlich und treu, aber ohne allen dichterischen Schwung ist. Als Uebersetzer Bürger'scher Balladen ist er weitaus übertroffen worden von Rev. W. Skeat, dessen Lay of the brave man (S. 25) in der That vorzüglich gelungen ist und den Ton des deutschen Meisters oft in vollendeter Weise getroffen hat.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1869

Konzertbericht. In: Signale für die Musikalische Welt, Januar. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 91] In München wird jetzt unter Dr. Hans von Bülow's musterhafter Leitung außerordentlich viele, aber nicht minder gute Musik gemacht. [...]
Großen Erfolg errangen die Melodramen ´Schön Hedwig´ von Schumann und ´Lenore´ von Liszt, von Fräulein Johanna Meyer declamirt und von Herrn von Bülow am Clavier begleitet.“

 

1869

Augsburg. Neue Berliner Musikzeitung, 10. März. Digitalisiert von Google

“[S. 83] Concert-Soirée zu milden Zwecken von Herrn Hof-Kapellmeister Dr. v. Bülow: 3te Sonate Op. 49 D-moll von Weber, [...] und Leonore von Liszt und Sonate appassionata von Beethoven.“

 

1869

Anonym. Zweites Flugblatt der Fortschrittspartei. In: Lindauer Tagblatt, 28. April. Lindau. Digitalisiert von Google

“[o. S.] Die freisinnigen Blätter loben sie deshalb, in der schwarzen Presse geht es grimmig über sie her, aber das Zweite macht ihnen nicht weniger Ehre als das Erste. Denn wie sagt da Sprichwort? ´Die schlechtesten Früchte sind nicht, woran die Wespen nagen.´ “

 

1869

Anonym. Ein Flugblatt. In: Bayreuther Anzeiger, 29. April. Bayreuth. Digitalisiert von Google

“[o. S.] Die freisinnigen Blätter loben sie deshalb, in der schwarzen Presse geht es grimmig über sie her, aber das Zweite macht ihnen nicht weniger Ehre als das Erste. Denn wie sagt das Sprichwort? ´Die schlechtesten Früchte sind es nicht, woran die Wespen nagen.´ “

 

1869

Leendertz, P. Geschiedenis der Letterkunde. In: De Navorscher. Digitalisiert von Google

“[S. 399] I ets over citaten, (XVIII, bl. 612). De heer G P. Roos vraagt of het gedichtje:
  Als u geen lastertong ontziet
  Zoo moet gij naar geen reden vragen:
  Het zijn de slechtste vruchten niet,
  Waaraan de wespen knagen."
niet van Adam Simons is ?
Deze nederlandsche vertaling moge van Simons zijn, oorspronkelijk is het een gedicht van Bürger, te vinden in zijne Sämmtliche Gedichte (Ed. Hempel) bl. 198 en aldus luidende:
     Trost.
  Wann dich die Lästerzunge sticht,
  So lass dir dies zum Troste sagen:
  Die schlechtsten Früchte sind es nicht,
  Woran die Wespen nagen."
Velp in Gelderland.                Dr. juris LEONARD VAN IJSSELSTEYN. “

 

1869

Anonym. Die österreichische Frage. In: Politische Briefe über Russland und Polen. II. Serie. Lemberg. Digitalisiert von Google

“[S. 175] Angesichts der unausgesezten Angriffe auf Oesterreich, nüzt es ebenso wenig, den Anschein selbstbewusster Kraft, dann Verachtung der Lästerer zur Schau tragen zu wollen, sich tröstend mit dem Heine'schen: ´Je grösser der Mann, desto leichter trifft ihn der Pfeil des Spottes; - Zwerge sind schon schwer zu treffen´; - oder wohl mit dem vom sel. Meidinger reproducirten leidigen:
  ´Wenn Dich die Lästerzunge sticht,
   So lass es Dir zum Troste sagen,
  Wohl schlechte Früchte sind es nicht,
  An den' die Wespen nagen.´
denn, macht man sich auch die Genugthuung, Grafen Bismark und Fürsten Gortschakoff als ´Wespen´ sich anzusehen, die an Oesterreichs süsser, edler Frucht nagen, - so ist denn doch schon das ´Nagen´ an und für sich, eine bedenkliche Sache, [...].  “

 

1869

Künstlerbriefe aus den Jahren 1809 bis 1844. Xeller an Carl Barth. Biberach, 2. Januar 1810. In: Archiv für die zeichnenden Künste. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 20] Noch eine Bitte! Du hast bessere Gelegenheit, dann und wann ein gutes Buch, wohlfeiles Buch zu kaufen. Ich wünschte mir nach und nach so etwas zu sammeln. Es ist gar traurig, nichts zu haben. So verwünschenswerth die Nachdruckerei auch ist, so bin ich doch geneigt, da das Uebel einmal da ist, Gebrauch davon zu machen. Soll darum ein armer Teufel sich den Genuss versagen, zu dem nur Reiche und Dummköpfe das Recht haben? Ich mache einen Unterschied unter diesen und den ächt gelehrten, wissenschaftlichen Männern. Genug! Findest Du Gelegenheit, für wenig Geld etwas Gutes, als Goethe, Schiller, Bürger, Matthison etc., zur Hand zu bekommen, so versäume die Gelegenheit nicht; besonders Schiller's Gedichte, als die Hauspostille der Künstler, besitze ich noch nicht. “

 

1869

Brunner, Sebastian. Die Begräbnißfrage und wie sie ausgebeutet wurde. In: Die Mysterien der Aufklärung in Oesterreich. Mainz. Digitalisiert von Google

“[S. 183] Der Tag zum Exempel ist helle, die Sonne sticht und da stürmen die Gäule aus ihren dunklen Ställen in das reine Tageslicht
hinaus. Hurre hurre hopp hopp hopp! und zerschmetterten alles, was ihnen nur unter die Augen kommt. “

 

1869

Wackernagel, Wilhelm. Papagei. In: Voces variae animantium. Basel. Digitalisiert von Google

“[S. 56] Papagei: plappern; in Baiern der Vogel selber Papperl (Schmeller I, 290. Brentanos Märchen II, 22 fgg.), eine Umdeutung des fremden Namens auf pappern pappeln schwatzen, während das anderswo gebräuchliche Papchen nur eine Abkürzung desselben ist. In Bürgers Papelpapchen (Vogel Urselbst) beiderlei Worte zusammengesetzt. “

 

1869

Ploennies, Wilhelm von. Lips vom Rabenstein. In: Leben, Wirken und Ende weiland Seiner Excellenz des Oberfürstlich-Winkelkramschen [...], Darmstadt & Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 72] Allerdings, mein verwegener Knopf, Sie hätten bedenken müssen, daß Ihr Angriff das gnädige Fräulein und dessen hohe Familie immerhin schmerzlich berührt — aber nennen wir keinen Namen, keinen Namen, wenn ich bitten darf! Sagen wir die Dame des Erkers, um jede officielle Benennung zu meiden und die Würde des allerhöchsten Hofdienstes ganz aus dem Spiele zu lassen.
   ´Ich sah nur so hinauf, Herr Rittmeister´ —
    Kenne das, guter Knopf. Lenardo sah hin und Blandine sah her — auch haben Sie furchtbare Töne von sich gegeben, fast wie ein Hirsch in der Brunst - - aber es ist jetzt geschehen..
    Lassen Sie mich die Sache richtig bezeichnen: Sie haben Angesichts einer allerhöchsten Dame und mehrerer Hof-Officianten, direct vor dem Dienstlocal und vor der Mannschaft der Schloßwache, der Tochter eines hochverdienten Staatsmannes, oder Staatsdieners, wenn Sie das lieber wollen, unter dumpfem Liebesgebrüll einen pantomimischen Antrag gemacht, und zwar, wie ich leider sagen muß, mit Mißbrauch einer dienstlichen Stellung in doppeltem Sinne!”

 

1869

Anonym. Carnevalistisches. In: Siebenbürgisch-Deutsches Wochenblatt, Hermannstadt, den 10. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 90] Ohne meine Gedanken mit einem Punkt oder Ausrufungszeichen geschlossen zu haben, war ich mit einer kleinen Nachtragsconfusion im Kopfe eingeschlafen. Um's Morgenroth fuhr ich empor aus schweren Träumen. ´Suleika!´ stammelte ich und langsam kehrte mir das Bewußtsein wieder zurück.”
 

1869

Kohut, Adolph. Ein Doktorand der Philosophie, als Mann der goldenen Mitte. In: Die Gegenwart, Prag 1. Juni. Digitalisiert von Google

“[S. 103] Uibrigens ersuchen wir Herrn Fr. durch diese unsere Kritik sich in seiner Skriblerei nicht stören zu lassen; sollte selbst hierdurch das schlimme Prognostikon Bürgers in Erfüllung gehen:
   Vor Feuersgluth vor Wassernoth
   Mag sicher fort der Erdball rücken.
   Wenn noch ein Untergang ihm droht,
   So wird er in Papier ersticken!
 Breslau, den 12. Mai.
                  Adolph Kohut.”

 

1870

Lewald, Fanny. Für und wider die Frauen. Vierzehn Briefe. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 89] Neunter Brief. Karlsbad, im Juni 1869.
In der Bürger'schen Leonore heißt es: ´die Todten reiten schnell,´ aber die Lebendigen sind auch schnell geritten in unserer Zeit, und es ist oft originell, zu sehen, in welcher Weise die gegenwärtige Woche die Fragen, die Voraussetzungen und die Bedenken der ihr vorangegangenen Woche beantwortet.“

 

1870

Hahn, Werner. Deutsche Literaturgeschichte in Tabellen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 28] Gottfr. Aug. Bürger, 1748 aus Molmerswende; Halle, Göttingen; Justizamtmann in Altengleichen; verunglücktes Leben; Prof. der Aesthetik in Göttingen.
  Lenore; der wilde Jäger (Balladen). - Lieder; Sonette. - Poet. Erzählungen (der Kaiser und der Abt) “

 

1870

Frankfurter Thalia-Theaters./ L.D. Literatur- und Kunstnotizen. In: Didaskalia, Frankfurt a.M. Digitalisiert von Google

“[Donnerstag, 28. Juli.] Zum Besten der Familien der im Felde stehenden Krieger. Lenore, vaterländisches Schauspiel mit Gesang in 3 Acten von          Carl v. Holtei.

[12. Mai] Man schreibt aus Karlsruhe, den 9. Mai: .Unsere Bühne wird Ende Mai geschlossen; [...] Im Schauspiel haben zur Verjüngung des Personals zwei Wienerinnen gastirt; im Fräulein von Walden ein offenbares, freilich noch fast in den Kinderschuhen gehendes munteres Talent, und eine junge tragische Liebhaberin, die leider fast gänzlich noch in einem geschraubten Schuldeclamationston befangen ist. Trotzdem soll auch sie engagirt worden sein. Wenn sich dieß bewahrheitet, so ist dieser erste bedeutendere Schritt der neuen Direction der Bühne aller Voraussicht
nach nicht zum Segen, wie denn auch die Wahl der alten ´Lenore' als erste Neuheit schon sehr befremdet hat.”

 

1870

Prof. S--. Rez. Bürgers Gedichtausgabe von Tittmann. In: Allgemeine Literatur-Zeitung, zunächst für das katholische Deutschland, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 124] Vorliegende neue vollständige Ausgabe der ´Gedichte Bürgers, eines der merkwürdigsten Dichter´ der Deutschen, bildet den 21. und 22. Band der von der Firma Brockhaus in Leipzig herausgegebene ´Bibliothek der deutschen Nationalliteratur des 18. und 19. Jahrh.´ und empfiehlt sich diese Ausgabe durch mehrere Vorzüge. Da ist vor Allem auf S. I. — LVI. eine auf Grund der neuesten Erforschungen ausgearbeitete treffliche Biographie und Charakteristik Bürgers, in der namentlich den unstreitig bedeutenden Geistesgaben des Dichters gerechte Anerkennung zutheil wird, ohne aber die ebenso großen sittlichen Gebrechen des Menschen Bürger und die geistigen Mängel des Dichters Bürger zu verschweigen. Das Urtheil in letzterer Beziehung ist seit Schillers Recension über Bürger in der Jenaischen ´Allg. Literaturzeitung´ v.J. 1791 (Nr. 13 und 14) festgestellt. Großes Verdienst besitzt Bürger um die episch-lyrische Dichtung der Deutschen und um die Wiederbelebung des Sonnetts, das er mit kunstvoller Hand zu gebrauchen verstand. Die Gedichte selbst sind correkt gedruckt, möglichst chronologisch geordnet, ohne daß jedoch hier (durch Bürgers absichtliche Schuld) Genauigkeit walten kann. Sie sind möglichst vollständig und bieten überdies ´Nachträge´, doch gesteht der Herausgeber ein, ´daß er einigen Stücken die Aufnahme versagen mußte, entweder weil ihr poetischer Werth zu unbedeutend war oder weil dieselben ihres Inhalts wegen zur Veröffentlichung für die große Leserwelt sich nicht eigneten´, die ´Noten´ bringen Hinweise auf die Quellen einzelner Gedichte und geben überdies bei jedem Gedichte an, wo dasselbe zuerst gedruckt wurde — eine mühselige, doch dankenswerthe Arbeit. Somit empfiehlt sich diese Ausgabe jedermann und sehen wir dem Fortschreiten des Brockhaus'schen Unternehmens mit Vergnügen entgegen; dasselbe wird zur allgemeinen Verbreitung und Würdigung der deutschen Literaturprodukte Vieles beitragen. Druck und Ausstattung befriedigen. “
 

1870

Joukoffsky, Wasily Andrejewitsch. Vergleich Bürger - Schiller. In: Karl Johann von Seidlitz, Wasily Andrejewitsch Joukoffsky. Ein russisches Dichterleben.

“[S. 33] Dass Joukoffsky grade mit dieser Ballade [Ljudmila, freie Bearbeitung der Lenore] seinen Anfang in dieser Dichtungsart machte, hing mit dem Unterrichte zusammen, den er, wie wir wissen, den Töchtern der Frau Protassow gegeben hatte. In einem wahrscheinlich dazu ausgearbeiteten Hefte findet sich eine Vergleichung zwischen Schiller und Bürger, die wir hier anführen wollen. ´Bürger´, so schreibt er, ´ist in diesem Genre ganz einzig! Er hat den richtigen Ton für diese Dichtungsart: diejenige Einfachheit, wie ein Erzähler sie haben muss. In der Wahl des populären Ausdrucks ist er stets glücklich, er mag die Natur oder Gefühle malen; er hat etwas Elastisches, Lebendiges in der Diction, passt seine Versmasse genau den Gedanken an. Besonders versteht er das Grausige, wenn es durch finstre, geisterhafte Gestalten erregt werden soll, wirksam darzustellen. Seine Bilder nimmt er aus der geheimnisvollen Natur einer Welt, welche nicht durch die Phantasie der alten Dichter geschaffen ist, sondern aus dem Reiche des Aberglaubens. -Schiller ist weniger einfach, seine Sprache hat nicht die anziehende Popularität der Bürger´schen, sie ist aber edler, wohlklingender. Er zeichnet nicht so naturgetreu die Gegenstände, aber er giebt ihnen eine glänzende Färbung. Bürger wirkt auf die nüchterne Vorstellungskraft, Schiller auf eine Phantasie, welche ihre Bilder durch das Prisma der Poesie in einer künstlichen Form und Färbung anschaut. Schiller´s Sprache ist durchweg schön, wenn auch nicht so lebhaft; die Vollkommenheit des Ganzen verdeckt die Mängel der Theile. Schiller ist Philosoph - Bürger einfacher Erzähler, der sich um Nebensachen wenig bekümmert.´ Das war geschrieben 2 Jahre nach Schiller´s Tode.”
 

1870

Anonym. Correspondenz aus Rom. In: Beiblatt zum Kladderadatsch, 2. Januar Digitalisiert von Google

“Wir befinden uns also glücklich mitten im Oecumenlichen. Die Eröffnung war - wie die des Suez-Kanals über alle Beschreibung großartig. Ein Heidengeld war auch hier auf die Decoration der Räumlichkeiten verwendet worden. Als nun gar im Moment, da Alles seinen Sitz eingenommen hatte, die 500 Mann - nein! 500 Castraten starke päpstliche Kapelle das feierliche Lied des Kirchenvaters Gottfried August Bürger:
     ´Wer in schnöder Wollust Schooß´ u. s. w. anstimmte,
 da blieb wohl kein Cardinalsauge trocken. “

 

1870

Bernays, Michael. Ein kleiner Nachtrag zu Bürgers Werken. In: Archiv für Litteraturgeschichte

 “[S. 110] Er [Bürger] hat in dieser Arbeit alle rohen Elemente seiner Dichternatur gewissermassen concentrirt. Die Erhabenheit der Tragödie scheint ihm wenig Ehrfurcht einzuflössen; ohne Scheu dringt er mit seiner Individualität in das Reich der Shakespearschen Poesie vor. Er hat nicht gelernt, sich dem Dichter mit Freiheit unterzuordnen; er meistert den Meister; die Scheckensschauer, die der britische Poet hervorgerufen, sind ihm noch nicht wirksam genug; er sucht sie mit seinen eigenen Mitteln zu überbieten. Hier wird, zwecklos und unvernünftig, die Reihenfolge der einzelnen Scenen gestört; dort wird ohne Noth, dem Werk etwas genommen, und dort gar, gewiss ohne Noth, dem Werk etwas hinzugefügt. Bürgers Phantasie, die sich leider nur zu oft, indem sie das Volksmässige zu ergreifen glaubte, am Gemeinen behagte, gibt sich in diesem Behagen vielleicht nirgends rücksichtsloser hin, als in einigen Hexengesängen, die er selbständig erfunden und der Tragödie Shakespeares einverleibt hat.”

Bernays Meinung zu Bürgers Macbeth-Bearbeitung in der ONLINE-BIBLIOTHEK
 

1870

Dr. Carl Loewe´s Selbstbiographie. Für die Öffentlichkeit bearbeitet von C.H. Bittner, Berlin

“Die Mutter und zwei Schwestern spannen in diesen Abendstunden. Die ältere [in den 1780er Jahren geborene] war mir besonders dadurch interessant, dass sie die damals ganz neuen Bürger´schen Balladen auswendig konnte. Diese Dichtungen machten auf uns alle einen grossen Eindruck. Im Geiste des Volkes waren sie geschrieben, das Volksleben hatte sie erfasst und bis in unser Bergstädtchen getragen. Besonders ´Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´ musste die Schwester mir immerfort wiederholen; auch Stolbergs Büssende liebte ich sehr.”

[Besonders merkwürdig: der Komponist vieler bekannter Balladen hat nicht ein einziges Werk von Gottfried August Bürger
vertont! - K.D.]

 

1870

Bäßler, Ferdinand. Ueber die Sage vom ewigen Juden. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 23] Es hat der ewige Jude auch mit seinen übrigen Sängern kein sonderliches Glück gehabt. Denn Niemand wird den Heißhunger, womit das deutsche Publicum Eugen Sues gleichnamigen Roman zu seiner Zeit verschlang, dafür rechnen wollen. Keinem, weder Schubart, noch Aloys Schreiber, noch Lenau, noch Julius Mosen ist es gelungen, ihn in einer Dichtung uns vorzuführen, die im Herzen unsers Volkes sich eingewurzelt hätte, wie etwa Bürgers Lenore, wiewohl man anerkennen muß, daß Friedrich Wilhelm Schlegels meisterhafte Ballade ´die Warnung´ eines solchen Erfolges nahezu Werth gewesen wäre. “
 

1870

Anonym. Die Geheimnisse Indiens. In: Neue Didaskalia, 27. April. Digitalisiert von Google

“[S. 109] Kaum hatte die Unbekannte diese Worte gesprochen, als Sangor schon im Garten war und sich auf das Pferd geschwungen hatte. Er flog dahin in die schweigende Nacht, eine phantastische Erscheinung, mit einer Geschwindigkeit, wie der gespenstige Reiter in Bürgers Leonore. “
 

1870

Weidmann, F. C. Concert im Kärntnerthortheater in Wien 1828. In: Sophie Schröder wie sie lebt im Gedächtniß ihrer Zeitgenossen und Kinder. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 174] Es erübrigt uns nur noch, von einer der glänzendsten Leistungen dieses Abends zu sprechen, und dieß ist die Declamation von Bürgers ´Leonore´ durch die k. k. Hofschauspielerin Madame Schröder. Referent bekennt, sich darüber in einiger Verlegenheit zu befinden, denn die Leistung ist so colossal, so der tiefsten innigsten Beachtung und Zergliederung würdig, daß der Raum eines Referates, wie es in unseren Blättern gewöhnlich ist, nicht zureicht, auch nur die allgemeinen Grundzüge einer solchen Erscheinung zu bezeichnen. Referent war von jeher der Meinung, daß, besonders in der Declamation, Madame Schröder durchaus unüberboten und einzig sei. Wer ihren Vortrag von Schillers ´Glocke´ hörte, wird ohne Zweifel dieser Ansicht beistimmen. Die heutige Declamation, womit die Künstlerin das Publicum enthusiasmirte, dürfte ein neuer Beleg dafür sein, und durchaus eine neue Erscheinung in diesem Kunstzweige genannt werden. Wie mit einem Zauberstabe weckte die Künstlerin durch die Macht und den Klang ihres herrlichen Sprachorganes, durch die zweckmäßigste Malerei des Ausdrucks und ein hinreißendes Feuer des Vortrages alle Gefühle im Herzen der Zuhörer. Unser Auge füllte die Thräne des Mitgefühls bei Leonorens Jammer, ein leiser Schauer überrieselte den Hörer bei dem entsetzlichen Auflehnen der Verzweifelnden gegen die unbegreiflichen Wege der Vorsehung. Wie eine Ahnung des Geisterreichs erschloß sich uns das Erscheinen Wilhelms, die Einladung zu dem ´Ritt von hundert Meilen´, immer schauerlicher sich verwirklichend bei dem spukhaften Walten während des Rittes. So wechselten alle Empfindungen, als ob ein scenisches Bild über die Bretter ´welche die Welt bedeuten´ schritte. Und was bewirkte diesen Zauber? Nichts von alle den äußeren Mitteln, welche die lebensvolle dramatische Kunst aufbietet, uns in ihren Erscheinungen das Leben und seine unendlichen Gefühle zu versinnlichen: eine Künstlerin allein, blos über den Zauber der Rede mit der Urkraft des Genies den Herrscherstab schwingend, riß uns in diesen magischen Kreis, und bewährte dadurch abermals die hohe Meisterschaft ihres Talentes. Der Beifall war der Leistung angemessen. Madame Schröder war bereits bei ihrem Erscheinen mit dem rauschendsten Applause begrüßt worden. Als die Declamation geendet war, brach der, durch die lautloseste Aufmerksamkeit, welche die Künstlerin zu fesseln wußte, gebannte Beifall mit verdoppelter Macht hervor, und Madame Schröder wurde zweimal gerufen.“
 

1870

Weber, Carl Julius. Die weibliche Jugend oder das Geschlecht. In: Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 219] Unser unsterblicher Geist und seine Stärke und Schwäche hängt gar sehr beim Manne von dem ab, was ihn zum Manne macht, und so auch beim Geschlecht von Gebärmutter. Eierstock und der Monatskrankheit, womit die Natur das männliche verschont hat. Wer weiß, ob Elisabeths preiswürdige Regierung mit der Hinrichtung der schönen Maria Stuart befleckt wäre, wenn ihr das Todesurtheil acht Tage früher oder später vorgelegt worden wäre? Es ist bekannt, daß die schönsten Fräuleins oft recht blaß drein sehen, aber die schönsten rothen Wangen bekommen, sobald sie aufs Stroh gelegt werden, wie die Borsdörfer, auf dem sie ohnehin Bürgers Lenore fast täglich spielen.
  Lenore fuhr ums Morgenroth
  Empor aus schweren Träumen:
  Bist untreu, Wilhelm, oder todt?
 Wie lange willst du säumen?
Das weibliche Geschlecht ist für leichte und schnelle Eindrücke weit empfänglicher, keine Sorge der bürgerlichen Welt zerstreut und drückt sie, wenn es nur in der häuslichen gut steht, und daher sind ernste, finstere, gelehrte Wesen Monstrositäten, die jedoch nicht die Natur machte, sondern die Gesellschaft.“

 

1870

Grein, C. W. M. Amphibrachische Verse. In: Anfangsgründe der deutschen Grammatik. II. Verslehre. Marburg und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 202] Die amphibrachischen Verse (§. 177), die man gewöhnlich unter den deutschen Versen als für muntere Erzählungen angewandt und geeignet anführt, bedürfen keiner besonderen Darstellung, da sie sich auch als anapästisch und daktylisch meßen laßen (vgl. §. 231); z. B. Bürger der Kaiser und der Abt:
  Ich will euch erzählen ein Märchen gar schnurrig:
  Es war mal ein Kaiser, der Kaiser war kurrig;
  Auch war mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr:
  Nur schade, sein Schäfer war klüger als er. etc.
des Pfarrers Tochter von Taubenhain:
  Im Garten des Pfarrers von Taubenhain
  Gehts irre bei Nacht in der Laube.
  Da flüsterts und stöhnts so ängstiglich;
  Da rasselt, da flattert und sträubet es sich,
  Wie gegen den Falken die Taube, etc.
und Lied von der Treue:
  Wer gern treueigen sein Liebchen hat,
   Den necken Stadt
  Und Hof mit gar mancherlei Sorgen.
  Der Marschall von Holm, den das Necken verdroß,
  Hielt klüglich deswegen auf ländlichem Schloß
  Seitweges sein Liebchen verborgen. “

 

1870

Sicherer, Carl August Xavier Gottlieb Friedrich. Holland zur Zeit des Schlittschuhlaufens. In: Lorelei. Plaudereien über Holland und seine Bewohner. Zweiter Theil. Leiden. Digitalisiert von Google

“[S. 48] Als es auf vier Uhr ging und Essenszeit wurde, brach ich auf, kehrte aber nicht, wie ich gekommen, auf dem Eise, sondern per Diligence nach dem Haag zurück. Denn als ich von meinem Stuhle mich erhob, fühlte ich mich von der gehabten Erschütterung, wie weiland Frau Magdalis, ´an jeglichem Gliede zerschlagen.´ - Und damit war mein holländisches ijsvermaak zu Ende.“
 

1870

Börnstein, Heinrich. Ein Seesturm auf dem Lago maggiore. In: Italien in den Jahren 1868 und 1869. Erster Band. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 41] Leben Sie wohl, - ich flüchte in's Bett und lege Plaid, Waterproof-Röcke und was ich finde, auf mich. - Gute Nacht! Wenn ich diese Nacht nicht erfroren bin, sollen Sie morgen Weiteres von mir hören. Bis dahin - Geduld - Geduld!
 ´Wenn's Herz auch bricht. -
 Mit See und Stürmen had´re nicht;
 Das ´Heute´ sind wird ledig,
 Gott sei zu ´morgen´ gnädig.´
Puh! Der Sturm bläst mir beinahe das Licht aus.“

 

1870

Masius, Hermann. Litteraturgeschichtliche Notizen. In: Deutsches Lesebuch für höhere Unterrichts-Anstalten. Dritter Theil. Halle. Digitalisiert von Google

“[S. 677] Bürger, Gottfried August, geb. 1. Jan. 1748 zu Molmerswende, stirbt 8. Jun. 1794 als (unbesoldeter) Professor zu Göttingen. Seiner glänzenden Begabung fehlte das harmonische Gleichgewicht. Sinnlichkeit und Einbildungskraft überwogen in seinem Dichten und Leben, und überlieferten ihn einem tragischen Geschick. Der erste und einer der größten Balladendichter Deutschlands. Seine Sprache voll hinreißender Musik. ´Wie wenn das Ange ein unbekanntes holdes Land erblickt, so ist es dem Bürgers Werke lesenden Deutschen; freudig überrascht sieht er seiner Sprache ungeahnte Schönheit´ (Ludwig von Baiern). “
 

1870

Horst, Klotilde von der. Klopstocks Nachfolger. Der Hainbund. In: Geschichte der deutschen Literatur, Dritter Theil. Detmold. Digitalisiert von Google

“[S. 104] Ueber Bürgers dichterische Begabung und über den wohlthätigen Einfluß, den er auf die deutsche Literatur ausgeübt hat, herrscht wohl auch bei der schärfsten Kritik kein Zweifel mehr. Er war es, der Herders Ideen über die Volkspoesie zuerst durch die That in's Leben rief, er war es, der mit allen Kräften die in Schulzwang gebundene Poesie zur Wahrheit und Natur zurückzuführen strebte, er war es endlich, der das Sonett, welches seit Gottsched ganz vergessen schien, durch seine meisterhafte Behandlung wieder erweckte. Er wird daher für die Literaturgeschichte stets wichtig bleiben, sowohl durch den Einfluß, den er mit seinen volksmäßigen Dichtungen auf Andere übte, als auch durch diese Dichtungen selbst, die, namentlich die Balladen und Sonette, zu dem Bedeutendsten gehören, was die deutsche Poesie aufzuweisen hat. Erstere, einzelne weniger gelungene ausgenommen, sind bis jetzt an Klang und Wohllaut noch nicht, nicht einmal von Schiller, an wahrer Volksmäßigkeit der Behandlung und des Ausdrucks nur von Goethe übertroffen. Aber wenn auch Bürger ein Dichter in der eigentlichen Bedeutung des Wortes ist, so weht doch in seinen Poesien, auch den gelungensten, von den in´s Frivole und Lüsterne fallenden gar nicht zu reden, etwas, was unangenehm berührt, ein Hauch des Unedlen, um es gelinde auszudrücken. Das schöne Wort, welches Goethe über Schiller sagte:
     Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine,
     Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine
könnte man auf Bürger umgekehrt anwenden, ihn beherrschte das Gemeine mehr wie Andere. Dies Unedle in seinen Dichtungen lag ebensowohl in seinen Charaktereigenschaften, die unläugbar neben der größten Biederkeit und Herzensgüte, Leichtsinn und Sinnlichkeit waren, als auch in seiner einseitigen Auffassung der Herder´schen Ideen über Volkspoesie. Herder sagt ganz richtig, daß keine Poesie echt und innerlich gesund sei, die nicht aus dem Leben und dem Ideenkreise des Volkes hervorgegangen ist, aber der Volksdichter soll nicht, wie Bürger diesen Ausspruch auffaßte und in manchen seiner Poesien verwirklichte, nur für die Fassungskraft der Masse des Volkes schreiben, sondern den Abstand, der nach und nach durch Kenntnisse und Cultur zwischen den Gebildeten und dem Volke entstanden ist, durch seine Kunft aufheben, und ebensowohl für den gebildeten Geschmack des Kenners, wie für den natürlichen des Volkes schreiben. Eine der schwierigsten Aufgaben der Poesie, die zu jeder Zeit nur dem größten Genius zu lösen gelingen wird.

    Das aus den berührten Gründen entstandene Unedle in Bürgers Poesien war es auch, was Schiller in der berühmten Recension der Bürger´schen Gedichte tadelt (Allgemeine Literaturzeitung von 1791). Diese Recension, deren Grundgedanke war, daß kein noch so großes Talent dem einzelnen Kunstwerke verleiht, was dem Schöpfer desselben an sittlichem Werthe gebricht, und daß Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, selbst die Feile nicht wegnehmen kann, war für Bürger, der, als sie erschien, von Unglück gebeugt und von Krankheit geschwächt daniederlag, ein harter Schlag, da sie ihn weniger als Dichter, denn poetisches Genie spricht ihm Schiller darin nicht ab, wie als Mensch angreift; aber Recht hatte Schiller damit, und man kann dieser Recension nur beipflichten, wie Jeder selbst finden wird, der die Gedichte und die Recension mit Aufmerksamkeit liest, obgleich manche spätere Kritiker Schiller zu widerlegen suchten.
    Das angeführte Urtheil gilt von allen Bürger´schen Gedichten, sowohl den Liedern, die Liebeslieder an Molly mit eingerechnet, als den Episteln, Epigrammen, Balladen und Romanzen, ernsten wie scherzhaften Inhalts. Am freiesten davon sind die Sonette und die Balladen: ´Lenore´, ´Der wilde Jäger´, ´Robert´, ´Das Lied vom braven Mann´, ´Das Lied von Treue´, ´Der Kaiser und der Abt´, sowie die Allegorie: ´Das Blümchen Wunderhold´, die Legende: ´St. Stephan´ und noch einige.

[S. 106] Außer als Dichter machte sich Bürger auch als Uebersetzer und prosaischer Schriftsteller auf ästhetischem Gebiete bekannt. Er übersetzte Bruchstücke von Homers ´Ilias´ in Jamben und in Hexametern, sowie noch einige Bruchstücke aus griechischen und lateinischen Dichtern, die ihn, hätte er eine der Uebersetzungen vollendet, wohl den besten Uebersetzern der Alten gleichstellten. Auch aus dem Englischen übersetzte er Shakspeare's: ´Macbeth´, und einzelne Proben Ossianischer Gedichte in Prosa.
    Seine prosaischen Aufsätze über Volkspoesie, deutsche Sprache, Reim u. s. w. enthalten manches recht gelungene. “


Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK
 

1870

Friesen, H. Freiherr von. Wie soll man Shapespeare spielen? Ein Fragment. In: Jahrbuch der deutschen
Shakespeare-Gesellschaft. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 176] Sie reden von einer Kinderschule, liess sich der ungeduldige Enthusiast wieder vernehmen. Ich sehe nicht ein, was unsere Schauspieler davon gebrauchen könnten, da sie doch meistenteils schon als gebildete Leute die Bühne betreten. Aus der Schule sind sie doch alle entlassen und haben schon reden gelernt, ja sind wahrscheinlich schon wohl unterrichtet in der Kunst des Declamirens.
   Bei diesem Worte verzog sich das sonst ruhige Gesicht unseres alten Freundes zu einer ihm sonst fernstehenden Bitterkeit. Sie sprachen da ein Wort aus, hob er nach einer Pause wieder an, das, ich muss es zu meiner Schande bekennen, mir immer ein unheimliches Grauen, fast wie Cholera, schwarzer Tod, oder sonst eine Seuche erregt. Sie haben es nicht gleich mir erleben können, wie diese wunderbare Kunst aufkam. Ich befand mich noch auf der Schule, in einer der unteren oder mindestens mittleren Classen, als ein begabter Bäckergeselle, mit Namen Solbrig, im Lande umherzog und mit seinen declamatorischen Vorstellungen Wunder wirkte. Er wurde auch uns Jungen als Muster aufgestellt und musste zu dem Ende in den Räumen der Schule eine Vorstellung geben. Nun bemeisterte sich der lebhafteren Gemüther unter uns eine wahre Wuth des Declamirens. Die längsten Balladen Schiller's, - selbst sein Lied von der Glocke, - waren uns nicht zu lang, um sie als die geeignetsten Gegenstände der neuerlernten Kunst unserm Gedächtniss einzuprägen. Es war eine Lust, wie wir diese Gedichte mit einem leicht angefachten Feuer in erhabenen Tönen vortrugen, und ich läugne nicht, dass auch ich von diesem Miasma angesteckt wurde. Aber wie tief war ich beschämt, als ich im Verlauf der Zeit erlebte, dass dieselbe Kunst von Knaben und Mädchen weit untergeordneterer Bildung mit kaum geringerem Erfolg geübt wurde. Auch in den kleinsten Städten kam es zu declamatorischen Abendgesellschaften, und ich hörte in einer derselben einen Beutlergeselleu den Handschuh von Schiller salbungsvoll declamiren, ein hoffnungsvoller Schornsteinfeger-Lehrling war kat´antiphrasin auf den Taucher verfallen, dazwischen wimmerte uns eine engbrüstige Nähterin die Würde der Frauen vor, und eine wohlbeleibte Küchengehülfin verherrlichte heroisch die Kindesmörderin. Als ich mich unter meinen Genossen genauer umsah, bemerkte ich auch bald, wie wenig dazu gehörte, die Fülle der Töne und den schwungvollen Rhythmus, worin Schiller Meister ist, zur genügenden Befriedigung vorzutragen, wenn man es in der Betonung nicht überall genau nahm und die Tiefe seiner Poesie kaum annähernd fasste. Sonderbar, dass die Bürger´schen Balladen der allgemeinen Misshandlung weniger ausgesetzt waren, nur die Entführung und das Lied vom braven Manne mussten sich zuweilen ähnlichen Unglimpf gefallen lassen. “

 

1870

Schachl, H. Die Baukünstler unserer Vögel. In: Jagd-Zeitung. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 285] Aus der Familie der Rohrsänger möge die Beschreibung vom Neste des durch Bürgers Frau Schnips sprichwörtlich gewordenen Rohrsperlings, eigentlich Teichrohrsänger oder wissenschaftlich Calamoherpe arundinacea genannt, hier folgen.“
 

1870

Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung No. 73 vom 11. September. Digitalisiert von Google

“[S. 360] Dresden, Anfang Sept. [...] Novitäten kamen in der letzten Zeit nicht zur Darstellung, und von neu einstudirten Werken ist nur Carl v. Holtei's ´„Lenore´ zu verzeichnen. Dieses Schauspiel mit Gesang (Musik von Carl Eberwein) war hier seit drei Decennien vom Repertoir verschwunden. Wenn dasselbe von Neuem zum Leben erweckt wurde, so mag bei der Wahl weniger der künstlerische Werth des Stückes, als vielmehr der Umstand maßgebend gewesen sein, daß der Inhalt von ´Lenore´ an vielen Stellen der Tagesstimmung entgegenkommt, und so fand denn auch das Werk eine sehr beifällige Aufnahme.“
 

1870

Anzeige. In: Regensburger Anzeiger vom 25. März. Digitalisiert von Google

“Concert am 2. April 1870 von Käth'chen Rabausch, [...]
Programm
[...]
8. Lenore. Ballade von Bürger mit melodramatischer Klavierbegleitung  Liszt “

 

1870

Gottschall, Rudolf. Der Geist der Dichtkunst. In: Poetik: Die Dichtkunst und ihre Technik. Erster Band. Breslau. Digitalisiert von Google

“[S. 82] Man kann z. B. nicht an die Eiche denken, ohne sich an Manneskraft und deutsche Gesinnung erinnern zu lassen. Aehnlich geht es mit der Rose, dem Veilchen, dem Vergißmeinnicht! Von Goethe's ´Röslein auf der Haiden,´ von Bürger's ´Blümchen Wunderhold,´ von der blauen Blume des Novalis, der Zauberblume der Romantik bis zu den fleurs animées der neuen Miniaturlyrik haben Blumen aller Art in den dichterischen Rabatten gewuchert.“
 

1870

Saphir, Moritz Gottlieb. Das Pfänderspiel in der Paniglgasse und der Humorist vom Thury. In: Ausgewählte Schriften, Erster Band. Brünn und Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 160] Mit Stolz bemerkte ich, daß Pamela eine Art von imposanter Macht in der Gesellschaft war. Es war die Gewalt der Bildung, die Obermacht der Belesenheit! Pamela wußte den Monolog: ´Lebt wohl, ihr Berge,´ und den andern: ´Eilende Wolken, Segler der Lüfte,´ auswendig; Pamela deklamirte die ´Pfarrerstochter von Taubenhain,´ und wußte mehrere Stellen aus ´Menschenhaß und Reue,´ ´Ahnfrau´ und ´Tasso's Tod´ zu citiren;[...]. “
 

1870

Anonym. Feuilleton. In: Süddeutscher Telegraph, 10. September. München. Digitalisiert von Google

“[S. 7] Theater. Dienstag 6, September: Neu einstudirt Holtei's L eonore. Es sind 25 Jahre beiläufig verflossen, seit der letzten Aufführung dieses Stückes auf der Münchener Hofbühne. Wir wollen über die Wahl des Stückes nichts sagen, und uns nur auf einige Bemerkungen über den Werth desselben beschränken. Der Hauptinhalt, (der tragische) ist der Stoff von Bürgers ´Lenore,´ im Holtei'schen Stück in den letzten Aufzügen benützt. - Was vorhergeht, ist eine dazu verfertigte Einleitung; der Schluß erscheint uns nicht als organisch dem Anfang entwachsen, sondern mechanisch angeschweißt. Der Stoff ist für eine Ballade passend, durch und durch, wie es Bürger beweist, aber nicht für ein Drama. Die Epik kann mehr und weniger als das Drama. Der Tod Wilhelms ist undramatisch, hätte Bürger eine ähnliche Scene seiner ´Lenore´ vorangeschickt, er hätte sie gebrauchen und gestalten können, denn der Held im Epos kann den Tod schuldlos erleiden, durch das Verhängniß demselben geopfert; nicht so der Held des Drama's. Dieses fordert Willensfreiheit in den Schranken der sittlichen Weltordnung, und die durch diese Freiheit bedingte Schuld; dann ist der ganze Schluß, den Holtei ganz und gar, oft bis auf die Worte nach der Ballade gedichtet hat, ein unkünstlerischer. Er wirkt durch keine Katastrophe, die uns tief innerlich ergreift, es ist nur ein Kitzel des Schauerlichen, der eine empfindsame Nahrung zur Folge hat. Man könnte diese Holtei'sche ´Lenore´ zur Schenk'schen ´Henriette´ legen. Was die Aufführung betrifft, war dieselbe sehr ungleich. Die Titelrolle hatte Frln. Johanna Meyer. Den Theil bis zum Abschied von Wilhelm spielte sie mit inniger wahrer Empfindung, da war sie ganz in ihrer Rolle, - In der Scene, welche Holtei einfach nach Bürger in Prosa übersetzte, bei welcher Gelegenheit aber alle Poesie verloren ging, in der Scene mit der Mutter machte sich ein Contrast zwischen der Darstellerin und der Rolle bemerkbar. Die Zeichen des Affectes waren da, aber sie waren nicht genug verinnerlicht, es fehlte die künstlerische Abrundung. Die Scene nach dem Abgange der Mutter bis zu dem Zeichen, das Wilhelm Kommen kündet, war wieder sehr gut. Das Darauffolgende, bis zu ihrem Abgange weniger. Doch da liegt die Schuld am Dichter. Wie Lenore vom Anfange gezeichnet ist, wird sie nicht erst lange am Fenster stehen und Bemerkungen über die Blässe Wilhelms machen, diese Lenore, soll selbst mit gestörtem Geist, gleich nachdem sie Wilhelm's erblickt, hinauseilen. Die vielen Worte machen diesen Moment unwirksam. Im Ganzen ist die Leistung eine noch nicht abgeschlossene, was bei der kurzen Zeit, die für das Studium gegeben, was nicht zu verwundern ist. Herr Rohde hatte gute Momente, besonders beim Abschied von Lenore und früher vom Vater. Die HH. Herz (Starkow) Richter (Pastor) und Rüthling (Wallheim) waren recht gut. Herr Herz sprach hie und da undeutlich und machte mehrere Male unmotivirte Kunstpausen. Rüthling ist für den Wallheim zu jung, wenn wir auch anerkennen müssen, daß er den größten Theil der Rolle vortrefflich spielte.“
 

1870

Bürger, Gottfried August. Mittel gegen den Hochmuth, Trost. In: Woodbury, W. H. Elementary German Reader. New York. Digitalisiert von Google

“[S. 65] 72. Mittel gegen den Hochmuth der Großen.
  Viel Klagen hör ich oft erheben
  Vom Hochmuth, den der Große übt.
  Der Großen Hochmuth wird sich geben,
  Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

 73. Trost.
  Wenn dich die Lästerzunge sticht,
  So laß dir das zum Troste sagen:
  Die schlecht'sten Früchte sind es nicht,
  Woran die Wespen nagen.
          Bürger. “

 

1870

Schmidt, Philipp. Sophie Schröder wie sie lebt im Gedächtniß ihrer Zeitgenossen und Kinder. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 58] Fast glauben wir mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß Sophie Schröder, nachdem sie mit der Gestaltung ihrer Rolle in sich abgeschlossen, derselben sich immer und an allen Orten, unter allen Stimmungen des Geistes und Körpers, in gleicher Vollendung entledigt habe. Sie spielte nie eine Rolle, sondern ging gänzlich in ihr auf. - Die merkwürdige Eigenschaft, sich im Augenblick der Inspiration hingeben zu können, blieb ihr auch bis zum höchsten Alter treu. Abends, im trauten Freundeskreise führte sie immer ein rothes Buch mit sich, wohl wissend, daß sie der Aufforderung zum Vortrage eines Gedichtes nicht entgehen könne, und nie ließ sie sich lange bitten, sondern fügte sich bereitwillig den Wünschen; da rief es denn im lauten Durcheinander: ´o, liebe Frau Schröder, ´die Frühlingsfeier´! - nein, ´den alten Hans´! nicht doch, ´Lenore´! - ´Nun Kinder sagt, was soll es denn sein?´ Man einigte sich nun über ´Lenore´. Das rothe Buch kam dann zum Vorschein, das mehr einem Zauberstabe glich, mit dem sie die Geister beschwor, als einer Hülfe für das Gedächtniß, denn nur flüchtig blickte sie über dasselbe hin, hob die schönen Augen wie fragend aufwärts und setzte dann mit fester Stimme ein: Lenore - von Bürger!
  Und nun ging die Ballade unseres größten Volksdichters mit all´ den grauenhaften Eindrücken an den Anwesenden vorüber.“

 

1870

Stahr, Adolf (Hg.). Edouard Schuré´s Geschichte des deutschen Liedes. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 34] Mehr und mehr richtete sich die Aufmerksamkeit der jungen Dichter auf die deutschen Volkslieder, von denen Herder einige in seine Sammlung aufgenommen hatte. Während seines Aufenthaltes in Straßburg gewann er einen bedeuteuden Einfluß auf den zwanzigjährigen Goethe und machte diesen auf die Schönheit der Volkslieder des Elsaß aufmerksam. Der feurige Jüngling, dessen schneller Genius sich jedes Gegenstandes wie im Fluge bemächtigte, ließ diesen Wink nicht unbenutzt; aus seinen schönsten lyrischen Gedichten klingt der rührende Ton des Volksliedes. Bürger folgte ihm, verwebte alte Sagen in seine fantastischen Balladen und fand viel Nachahmer. Alle lauschten aufmerksam der Stimme des Volkes, die man bis dahin vernommen hatte, ohne sie zu verstehen.

[S. 313] Unter den lyrischen Dichtungen Goethe's befindet sich noch eine Gruppe von Meisterwerken, die sich eng an die Volkspoesie anschließen, nämlich die Balladen. Vor Goethe hatte sich Bürger das Verdienst erworben, die Ballade aus dem Munde des Volkes wieder aufzunehmen und seine ´Lenore´ und ´der wilde Jäger´ bezeichnen einen Abschnitt in der deutschen Poesie. Auch ist es keine romantische Laune, welche die Welt zu diesen sagenhaften Gebilden hinzog, sondern der Reiz ihrer lebhaften poetischen Auffassung und ihrer dramatischen Form. Im Liede ließ der Volksdichter dem persönlichen Gefühl freien Lauf, in der Ballade lenkt er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf ein außergewöhnliches ergreifendes Ereigniß, das Bewunderung oder Entsetzen erregt, und sucht ihnen die Empfindungen mitzutheilen, welche der Vorfall in ihm selbst erregt hat. Dazu bedurfte es eines knappen, belebten und fesselnden Vortrages. Wie das Lied, ist auch die Ballade eine ursprüngliche, poetische Form, welche ihre Berechtigung aus dem Leben und der Natur des Menschen herleitet. Den geselligen Abenden des Volks verdankt sie ihre Entstehung; sie zieht ihre Kraft aus dem gemeinsamen Gefühl des frommen Schauers, der Rührung oder der leidenschaftlichen Begeisterung, welche die Zuhörer bewegt und zu deren Dolmetscher sich der Dichter macht. Bei dem Volk besteht der Hörerkreis in einer gefüllten Spinnstube oder einer fröhlichen Zechergesellschaft, für die neuen Dichter war es die ganze Nation. Daher hatte die Ballade jetzt mehr als je ein Recht auf Pflege. Von den Lyrikern des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts aufgenommen, veredelte sich die Ballade und gewann über die Seelen eine Zaubermacht, wie die Nixe, die unten im See auf ihrer Wunderharfe spielt und die Menschenkinder verlockt.
   Bürger, der erste Wiederhersteller der Ballade, nahm besonders das fantastische Genre auf, machte damit hohes Aufsehen, erreichte aber nicht die rührende Einfachheit seiner Vorbilder. Dieser Triumph war Goethe vorbehalten.“

 

1870

Anonym. Etwas vom Standpunkt des Gefühls. In: Todesurtheil und Hinrichtung. Krems. Digitalisiert von Google

“[S. 35] Kindsmörderinnen wurden Jahrhunderte hindurch mit der Strafe des Lebendigbegrabens, Säckens, Enthauptens u. s. w. gestraft. Vor nicht gar so langer Zeit ward gegen die unglücklichen Mütter barbarisch mit dem Schwerte gewüthet. Ein unvergängliches Verdienst wie um so manches Andere haben die deutschen Dichter sich erworben, indem sie gegen diese Barbarei die Welt der edleren, besseren Menschlichkeit in Bewegung, die Welt der Gefühle in moralischen, ideelen Aufruhr gegen diese juristische Grausamkeit und Ungerechtigkeit gebracht haben. Nur für das Sistem der Besserung kann sich die ethische Weltanschauung jeden echten Dichters begeistern, nur mit diesem einverstanden sein.
  O wie viele ´Pfarrerstöchter von Taubenhain´ mögen auf dem Schaffot geblutet haben! Wie wahr schildern des herrlichen Dichters Worte das Anormale, Krankhafte der That!
  ´Erst als sie vollendet die blutige That
    Mußt, ach ihr Wahnsinn sich enden.
  Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an. -
    ´O Jesu mein Heiland was hab' ich gethan?´
     -  -  -
  ´Hoch hinter dem Garten von Rabenstein,
    Hoch über dem Steine vom Rade
  Blickt hohl und düster ein Schädel herab,
    Das ist ihr Schädel, der blickt aufs Grab,
    Drei Spannenlang an dem Gestade.´
                (Bürger.)

[S. 43] O Schöpfer der Welt, - der Sterblichen! Du urtheilst gewiß anders! Du urtheilst ganz anders, also hoffe und vermeine ich in der Einfalt meines Herzens! Urtheiltest auch Du m enschlich, - oh und man vermenschlicht Dich oft und sehr - ich möchte fürchten, der ´arme Sünder´ könne mit einer zweiten Tasse Kaffee vor'm Tod am Galgen zu sich genommen, Deine Gnade verscherzen! Aber nein, das geschieht nicht, Allbarmherziger, das geschieht nicht von dem, den Alle, Pharisäer und Zöllner, arme und nicht arme Sünder, ´Vater´ nennen.
    ´Allgütiger, mein Hochgesang
    Frohlocke dir mein Lebenlang!´
Wahrhaftig, die Augenblicke und Wege menschlicher Irrsamkeit und Schwäche sind vielfältig und wunderbar! “

 

1870

Grothe, Hermann. Spinnen und Weben bei den Deutschen. In: Bilder und Studien zur Geschichte der Industrie und des Maschinenwesens. Berlin, Heidelberg. Digitalisiert von Google

“[S. 293] Diese Spinnstuben sind auch so recht eigentlich als der Sitz für die Beförderung des Volksgesanges zu betrachten, und erschufen selbst die in der deutschen Poesie und Musik so reich erschienenen Spinnlieder, die meistens leicht und rein. wie harmlose, frohe, aufblühende Mädchen dahin schweben, oder aber zuweilen träumerisch trübe das schnurrende Rädchen begleiten. Keiner hat den Ton derselben so zu treffen gewußt wie Bürger.
   Hurre, hurre, hurre!
   Schnurre Rädchen, schnurre!
   Trille, Rädchen, lang und fein,
   Trille fein ein Fädelein,
   Mir zum Busenschleier.
      [...]  
 “

 

1870

Anonym. Die preußische Geschichte und die deutsche Poesie. In: Wochenblatt der Johanniter-Ordens-Balley Brandenburg, 13. April, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 88] Endlich Schiller trug aus seiner württembergischen Heimath, die damals trotz ihres Herzogs im Geiste zu Friedrich gestanden, jene frühe Jugend-Begeisterung für ´Deutschlands größten Sohn´ mit hinweg. Unbewußt zieht der preußische Geist durch jedes kriegerische Bild in seinen Dichtungen. Schon sein Jugendgedicht ´die Schlacht´ klingt wie ein Abbild von Leuthen, Kunersdorf oder Liegnitz. In den ´Räubern´, wenn der falsche Bote den Karl Moor auf dem Bett der Ehre und des Ruhms sterben lassen will, wählt er die Prager Schlacht — ganz wie Bürgern, beiläufig, auch der kühne Reiter vorschwebt, der ´mit König Friedrichs Macht gezogen in die Prager Schlacht.´”

 

1870

Drobisch, Theodor. Das Neujahrblasen. In: Kemptner Zeitung, 1. Januar. Digitalisiert von Google

“[S. 5] Nach Verlauf von fünf Minuten rückte die kleine Kapelle leise wie Feentritt beim Magazin-Verwalter ein, der soeben erst seinen Leichnam aus den Federn gewunden hatte. Leonore, seine Nichte, ein unverheirathetes Dämchen, welche bereits das Kap Vierzig passirt, gratulirte ihm mit einem Kuß zum neuen Jahr, und da so mit in die Nähe der Nase kam, so konnte man hier getrost ausrufen: ´Leonore fuhr um's Morgenroth,´ denn der in der vergangenen Sylvesternacht hinabgesenkte Burgunder hatte aus Gefälligkeit heute recht hübsch aufpolirt.”

 

1870

Hübner, P. Ein moderner Othello. In: Cafe chantant, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 7] Erst gestern Abend sagte sie mir: August, sagte sie, Du bist mein einziges Viehchen! Und das sprach Leonore so schmelzend, daß mir ganz schwärmerisch wurde und ich die ganze Nacht kein Auge schließen konnte! Und doch bin ich eifersüchtig auf Leonore, die noch nie mit Wilhelm um's Morgenroth fuhr; aber ich bin ihr zu gut, ich möchte sie vor Liebe aufessen, zu knabbern habe ich bereits angefangen - ach, sie ist zu knusprich!, Du bist mein einziges Viehchen! Und das sprach Leonore so schmelzend, daß mir ganz schwärmerisch wurde und ich die ganze Nacht kein Auge schließen konnte! Und doch bin ich eifersüchtig auf Leonore, die noch nie mit Wilhelm um's Morgenroth fuhr; aber ich bin ihr zu gut, ich möchte sie vor Liebe aufessen, zu knabbern habe ich bereits angefangen - ach, sie ist zu knusprich!”

 

1870

Severus. Der Mann im blauen Rocke. In: Böse Zungen, Samstag, 2. April. Digitalisiert von Google

“[S. 237] Der Mann im blauen Rocke, der gute Samuel . . . bald hätten wir Schmuhle geschrieben, erinnern uns aber bei Zeiten, daß der süße Samuel sich von dem jüdischen Gotte abgewendet und die Religion der Liebe zur Seinigen gemacht hat . . . sieht sich bitter enttäuscht; er, der Uneigennützige, der Hingebende sieht sich von den Männern, die er seines Vertrauens, seiner Freundschaft würdigte, betrogen und verlassen, vielleicht sogar vergessen denn seit Vincenz Kirchmayer und Friedrich Reicher davon sind, ´haben sie ihm nicht geschrieben, ob sie gesund geblieben,´ wenn er ums Morgenroth, gleich Leonoren, aus süßen Träumen emporfährt, sieht er die theuern Gestalten nicht wieder.”
 

1870

Anonym. Augsburg, II. Station. In: Deutscher Theater-Correspondent, 20. April, München. Digitalisiert von Google 

“[o. S.] Dann sangen Barbarino und Malvoglio ihr Duett um dem alten Wallheim Platz zu machen, der seinen zu Tode getroffenen Lieutnant Wilhelm mitten auf der Bühne sterben lassen wollte. Nachdem ihm die letzte Ehre erwiesen ging der alte Unteroffizier mit seinem dreißigjährigen Mantel und Aurora-Dangl fuhr ums Morgenroth. Lassen wir ihr das kindliche Vergnügen. Wilhelm aber hatte eine zähe Lieutnantsnatur und mit dem Vorsatz, daß er zu etwas Beßerem geboren sei, erwachte er meuchlings wieder von seinem Heldentode als ´Einer, von's Gerüste Gefallener´ und feiert unbekümmert um die wirren Träume seiner Leonore das Fest der Handwerker mit, so gut es geht.”

 

1870

Anonym. Von den deutschen Universitäten. In: Siebenbürgisch-Deutsches Wochenblatt, Hermannstadt, 22. Juni. Digitalisiert von Google

“[S. 393] Hier sah man aus der Schaar der Zuschauer einen von langem Krankenlager Erstandenen seinem Regimente nacheilen; er wollte an dem Ehrentage seiner Kameraden Antheil nehmen in deren Mitte er schwer verwundet niedersank; dort stürmte die Mutter mit hellem Jubelruf in die Arme des langersehnten Sohnes; hier sah eine Braut mit vergrämtem Antlitz die glänzenden Reihen der Sieger vorüberziehen; ihr Liebster ´hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben.´ Selbst der Haß des überwundenen Feindes hätte beim Anblick der vorüberziehenden Regimenter die Tüchtigkeit dieser Truppen anerkennen müssen, und doch geschah es von einer Seite nicht, aus Verkleinerungssucht gegen Alles was Deutsch heißt.”

 

1870

Anonym. Fränzchen Flüchtig seinem Hänschen Richtig. In: Münchener Grog, 6. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 8] Schickt dir da am Freitag Abend der Großbojar Siglnitschönano oder sein Schwager, der Großhaiduk Zandrescu eine Einladungskarte zu einer Judenhetz, einzutreffen am Sabbath Morgens am Galgenberg, wo die Präfektenpiqueure mit ihrer Dorobanzenmeute bereits Deiner Ankunft harren. Sobald ein schweinernes Halali geblasen, setzt sich das Bojarengesindel zu Roß, und, wie Bürger in seiner Leonore, die um's Morgenroth fuhr, so schön singt, geht es mit Hurriduh und Hussasah brausend und sausend dahin, die Meute voran und hinterdrein die, die die Beute kriegen.”

 

1870

Gravenhorst. Apis miraculosa Mehringii. In: Bienenwirtschaftliches Zentralblatt für Hannover, 1. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 45] Ein einfacher, nicht gelehrter Imker hat die wichtigste Entdeckung des Jahrhunderts gemacht, das Einwesen entdeckt und das neue Einwesensystem aufgestellt! Was Ihr Euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt, das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt! sagt der Schäfer Hans Bendix. Und ich sage: Was Ihr gelehrten Imkerkoryphäen durch Jahre lange Studien mit Hilfe eines unendlichen Krempels von Vergrößerungsgläsern etc. nicht gesehen, nicht erkannt, nicht herausgefunden habt, das hat der einfache Handwerker Mehring so leicht herausgefunden.”

 

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