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Bürger-Rezeption
 

Bürger-Rezeption Volltexte 1851-1855

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1851

H. [Rez] Gottfried August Bürger, ein deutscher Poet. von Emil Leonhard. In: Hamburger Literarische und Kritische Blätter. Hamburg.  Digitalisiert von Google

“[S. 350] Es sind vorzugsweise Bürger´s Liebesleiden, welche uns hier in Versen erzählt werden. Doch haben auch seine übrigen Lebensverhältnisse aus der früheren Periode Beachtung gefunden, namentlich sein Verhältniß zum Hainbunde, dem eine eigene Dichtung (die umfassendste) gewidmet ist. Wenn es am Schlusse des Prologs heißt:
  ´Ja tadelt, tadelt mich, Ihr Sittenrichter!
    [...]´
so spricht der Dichter wol eine unnütze Befürchtung aus. Bürger hat im deutschen Volke noch viele Freunde, wie die neueste Erfahrung lehrt; sie werden das Büchlein mit Theilnahme lesen und sich um die Sittenrichter wenig quälen. “

 

1851

Scholl. Traugott Ferdinand. Die letzten hundert Jahre der vaterländischen Literatur. Schw. Hall 

“[S. 133] Wer an dieser schrankenlosen Natur seines Wesens und seiner Gedichte keine Freude hat, der heißt ihm ein Pedant, eine hypochondrische oder hysterische Person, ein Stubenschwitzer, ein Zelot, dem die dummen Augen zum Kopf herausschwellen. Zwar wissen wir, daß in den Zeiten, in welchen er seine Gedichte herausgab, die Pedanten, wie sie Lessing bis an sein Lebensende bekämpfte, nichts Seltenes waren; aber wir wissen auch, daß es nur das Uebel noch schlimmer macht, wenn man Unverstand mit Leidenschaft, Schimpfreden mit Schimpfreden beantwortet. Wenn Derbheit und Grobheit, wenn leidenschaftliche Hast und thierischer Trieb des Menschen wahre Natur wären, dann wahrlich hätten wir wenig Grund, uns nach solcher Naturwahrheit zurückzusehnen. Die deutsche Kritik hat uns den Blick in das Wesen des Menschen deutlicher geöffnet. Sie mußte ein solches Regiment der Leidenschaft nicht als Natur, sondern als Krankheit des Menschen erkennen, und so sehr man auch Bürgern als einen Unglücklichen bedauern mag, dem scharfen Schnitt der Kritik durfte er nicht entgehen und mit dem Schillerischen Urtheil ist ihm sein Recht geschehen. [...] Wie demnach Bürger sich auf die Menschennatur zu gründen glaubte, diese aber mit dem blos sinnlichen Theile derselben verwechselte, so glaubte er auch den Volkston vollkommen zu treffen, verwechselte aber das Volk mit den niedrigen Kreisen desselben.
     Es ist zwar eine natürliche Sache, daß die Dichtkunst immer auf's Neue jene Kreise des Volkes aufsucht. Hier trifft sie stets den einfachen, gesunden Kern der Menschheit. Die Urmenschen, die Herder fast nur am Anfang der Menschheit, und am Anfang der Völker gesucht hatte, sterben auch in einem gebildeten Zeitalter nicht aus; sie sind eben bei jener Grundlage der Menschheit, insbesondere bei dem Landvolke zu suchen. Allein dieser ewig frische Quell der Dichtkunst wurde von Bürgern nur spärlich benützt. Er nahm sich weder das eigentliche Volkslied, noch das Märchen, noch die Idylle zum Vorwurf, sondern gab den meisten Fabeln, die er bearbeitete, einen romanzenartigen Anstrich, der sich von der Sprache des Volkes wesentlich unterscheidet. Dabei wäre es ein Unrecht, ihm abzusprechen, daß die Gegenstände seiner poetischen Erzählungen größtentheils gut gewählt und an und für sich sehr volksthümlich sind. Der brave Mann, der ohne Lohn seine Mitmenschen der Wuth des Elements entreißt, das Mädchen, welches umsonst die Rückkehr des Geliebten aus dem Kriege erwartet und über die getäuschte Hoffnung in tobende Verzweiflung ausbricht, die arme Frau, die ihr letztes Stück Vieh verloren hat und von einem unbekannten Wohlthäter durch ein neues getröstet wird, der Wildgraf, der kein Flehen der Armuth hört, der keine heilige Stätte schont und nun zur Strafe ewig von dem offenen Höllenrachen gehetzt wird, ja selbst der Junker Spatz, der gefangen und wieder freigelassen wird - dieß Alles sind Gegenstande, die die Theilnahme des Menschen auf sich ziehen können und müssen, Gegenstände die zu einer trefflichen Zeichnung der menschlichen Leidenschaft Veranlassung geben könnten. Aber dasselbe Uebermaß der Leidenschaft, das in Bürgers Liebesliedern zwar mächtigen Eindruck auf uns macht, uns aber gleichwohl als krankhaft erscheint, stößt uns auch in diesen Erzählungen immer wieder unangenehm auf. Der Leser wird, wenn er sie liest, unwillkürlich selbst auf den Rappen gesetzt und muß auf ihm davon reiten, daß die Funken fliegen. Da ist's ein unaufhörliches Rennen und Jagen, ein ewiges Halloh! Eisch, rasch! Huh! huh! und Hussassa! daß uns Hören und Sehen vergeht! Der barmherzige Himmel und die Schrecken der Hölle jagen in Einem Athem an uns vorüber und ganz besonders gefällt sich der Dichter im Ausmalen des gewöhnlichen Endes der Leidenschaft, der Verzweiflung.

     Solchem Inhalt entspricht vollkommen die Sprache und das Versmaß. Daklylen und Jamben sind in einem beständigen Wettrennen begriffen, so daß man sich vergeblich bemüht, ihnen Einhalt zu thun. Der Dichter läßt sich keine Zeit, seine Gedanken abzurunden; es ist Alles leicht, zum Theil leichtfertig hingeworfen, oder stellt es sich wenigstens so dar. Hierin steht Bürger auf gleichem Standpunkte mit Wieland, dem er auch durch seine niedere Komik, durch sein Travestiren, durch den niedrigen Standpunkt überhaupt verwandt ist, den oft seine Leidenschaft einnimmt. Doch hielt Wielands Natur dieser Leidenschaft mehr das Gleichgewicht; man sieht seinen Dichtungen an, daß er sie mehr nur darstellt, als selbst dabei betheiligt ist. Bürgers Wesen dagegen ist ganz eingesenkt in seine leidenschaftlichen Darstellungen. Dieß hat den Vortheil, daß bei ihm die Leidenschaft wahrer erscheint, aber auch den Nachtheil, daß die Zerrüttung, welche die Leidenschaft in seinem Innern hervorbringen mußte, in seinen Schriften sich deutlicher abspiegelte. Sittliche Stoffe schlagen ihm eben deswegen gar zu leicht in unsittliche Darstellungen um, und die Erhabenheit der menschlichen Leidenschaft hat bei ihm oft die Gemeinheit des thierischen Triebs zur Begleiterin.
   Ob nun damit ächte Volksdichtung bestehen könne, muß ich sehr bezweifeln. Volksdichtung ist nicht niedrige Dichtung. Volksdichtung beruht nicht auf leidenschaftlicher Erregung. Das Volk hat seinen Kern nicht in der Leidenschaft. Viele freilich erkennen heutzutage nur in den aufgeregten Massen das Volk; das chaotische Treiben der Menschen, das bei einer Revolution zu Tage kommt, scheint ihnen eben die ächte Menschen- und Volksnatur zu sein. Sie gefallen sich im Barrikadenhalloh, mitten im Geschrei der Wuth und Verzweiflung, mitten unter Mord- und Todtschlag. Aber wehe, wenn man die Menschen dazu treibt, auf diesem niedrigsten Naturboden ihr Heil zu suchen! Wehe auch dem, der zu wenig Halt in sich selber hat, als daß er sich nicht von dem Strudel solcher Leidenschaft mitfortreißen ließe! Verwüstend und zerstörend schreiten die unbezähmten Elemente des Volkes eine Zeit lang vorwärts; die Massen mit ihren zügellosen Gefühlen schwimmen oben und mit gellendem Triumphgeschrei ruft man einander zu: das Volk regiert! Aber dieses Volk ist ein Rumpf ohne Kopf, eine tobende Naturgewalt ohne Geist, ein dem Sturm verfallenes Schiff ohne das Steuerruder der Vernunft. So wenig ein Mensch ohne Kopf ein Ganzes ist, so wenig ist ein Volk, an dessen Spitze keine vernünftigen Ordner geduldet werden, ein ganzes Volk. Oft macht aber hiebei weniger das niedere Volk, als der vernünftige Theil desselben selbst den Fehler, indem er sich für zu vornehm achtet, als daß er mit dem andern Theile irgend eine Gemeinschaft pflegen möchte. So ist er dann in Zeiten der Noth nicht im Stande das Ruder zu ergreifen. Man traut ihm nicht, weil man ihn nicht kennt. Und statt seiner zieht Niemand, als der kalte, verständige, eigennützige Theil der Menschen den Vortheil, der als der ächte Reineke im stillen Hinterhalte wartet, bis ihm das kopflose Volk in seiner Leidenschaft in die Falle läuft.
     Zwischen diesen Partheien, die weit genug auseinander liegen, müßte ein Volksdichter, der als solcher das ganze Volk befriedigen wollte, den Vermittler zu machen suchen. Man sieht aber wohl, wie leicht man hier zwischen zwei Stühlen niedersitzen und es keinem von beiden Theilen zu Dank machen kann. So ging es Bürgern, obwohl damit nicht geläugnet werden soll, daß das Feuer seiner Leidenschaft ihm seiner Zeit viele Verehrer erwarb. Er wollte zum niedern Volke herabsteigen, und bewegte sich doch zu viel in Ausdrücken höherer Bildung. Er strebte seiner Leidenschaft einen erhabenen Anstrich zu geben; aber nie konnte sie sich ganz vom Gemeinen losmachen.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1851

Foster, Margaret E. Handbuch der gesammten europäischen Literaturgeschichte bis auf die neueste Zeit.

“[S. 341] Wer nicht in Shakespeare sich vertiefte, der suchte in andern Britten seine Vorbilder, oder kehrte zu Ossian, zum Volkslied zurück, dessen Ton Niemand besser als Gottfried August Bürger anzuschlagen verstand, der den englischen Balladendichtern fast alle seine besten Gedichte verdankt. Nur das Lied von der Treue ist aus einem alten Fabliau. ´Die Entführung´ heißt im Original the Child of Elle, und Percy selbst hat diese Ballade in einer alten Handschrift schon vorgefunden, und nur umgearbeitet gehabt. The Friar of Andrews gray war das Urbild von ´Graurock und Pilgerin´. Die ´Frau Schnips´ ist nach The wanton wife of Bath, ´der Kaiser und der Abt´ nach ´King John und the Abbot of Canterbury´ bearbeitet. Letzteres Gedicht hat aber durch Bürger mancherlei Zusätze und Erweiterungen bekommen, doch ist der gute Humor des Originals ohne Entstellung übertragen, und manche von den Veränderungen können sogar Verbesserungen genannt werden. Die Reihe der eigenen Romanzen eröffnet auf das Glänzendste ´Lenore´; die Zweifel gegen die Originalität der Erfindung sind bereits hinlänglich widerlegt. Nur einzelne verlorne Laute eines alten Volksliedes haben Bürger dabei vorgeschwebt. Gab es in England auch Sagen und Lieder von einer ähnlichen Geschichte, so ist dies ein Beweis mehr, daß die Dichtung in nordischen Ländern mit localer Wahrheit einheimisch ist. Bei der Erscheinung der Lenore entstand in Deutschland ein Jubel, wie wenn der Vorhang einer noch unbekannten wunderbaren Welt aufgezogen würde. In der Lenore findet man schon Spuren und Keime der nachherigen Manier Bürgers, und nur weil ´der wilde Jäger´ Lenorens jüngerer Bruder ist, gelangte er nicht zu gleicher Celebrität. Das ´Lied vom braven Mann´ erscheint in der Malerei der Naturerscheinungen großartig. ´Lenardo und Blandine´ und ´des Pfarrers Tochter von Taubenheim´ zeigen die geistige Verwandtschaft Bürgers mit seinem früh verstorbenen Freunde Hölty, dessen Lieder, Balladen und Elegieen noch jetzt viel gelesen sind. “

 

1851

Gumposch, Victor Philipp. Die philosophische Literatur der Deutschen von 1400 bis auf unsere Tage.

“[S. 85] Nur ein Lessing konnte Besenbinderlieder und den Sophokles, nur ein Bürger Spinnstubenlieder und Homer zu verträglicher Gesellschaft vereinigen. Und auch sie hätten die Vereinigung nicht angestrebt, wenn es nicht Zeitgesetz gewesen, aus der Studierstube zum Volk hinauszustreben, wie es damals Zeitgesetz war, die Poesie der Rohheit und Bänkel- und Meistersängerei zu entreißen.

[S. 364] Der unglückliche Dichter Gottfried August Bürger ist als Ästhetiker weniger geachtet als er es verdient.”

 

1851

Boas, Eduard. Schiller und Goethe im Xenienkampf.  Digitalisiert von Google.

“[S. 184] Gottfried August Bürger war durch Schiller's bekannte Recension seiner Gedichte höchlich erbittert worden. Er starb 1794. Um seine Achtung für den Todten auszudrücken, läßt ihn Schiller hier als Ajax erscheinen, zu welchem Odysseus (XI. 553 ff.) folgende Worte spricht:
   ´Ajax, Telamon's Sohn, des Untadlichen, mußtest du nie denn,
    Auch nicht todt, mir vergessen den Unmuth wegen der Rüstung?´
Uebereinstimmend heißt es in einer Randglosse zu dem Aufsatz über naive und sentimentalische Dichtung: ´Die guten Freunde haben es sehr übel genommen, was ein Recensent in der allgemeinen Literaturzeitung vor etlichen Jahren an den Bürger´schen Gedichten getadelt hat; und der Ingrimm, womit sie wider diesen Stachel lecken, scheint zu erkennen zu geben, daß sie mit der Sache jenes Dichters ihre eigene zu verfechten glauben. Aber darin irren sie sich sehr. Jene Rüge konnte bloß einem wahren Dichtergenie gelten, das von der Natur reichlich ausgestattet war, aber versäumt hatte, durch eigene Kultur jenes seltene Geschenk auszubilden. Ein solches Individuum durfte und mußte man unter den höchsten Maßstab der Kunst stellen, weil es Kraft in sich hatte, demselben, sobald es ernstlich wollte, genug zu thun; aber es wäre lächerlich und grausam zugleich, auf ähnliche Art mit Leuten zu verfahren, an welche die Natur nicht gedacht hat, und die mit jedem Produkt, das sie zu Markte bringen, ein vollgültiges Testimonium paupertatis aufweisen.´ “

 

1851

Storch, Ludwig. Das Pfarrhaus zu Hallungen oder die Elemente des Christenthums. Berlin. Digitalisiert von Google

[S. 210] Wem von seinen Angehörigen des tief erregten Marius glühende Leidenschaft für die Gutsfrau noch ein Geheimniß gewesen wäre, der hätte sie während seiner langwierigen Krankheit von ihm selbst erfahren; denn in seinen Fieberphantasieen war er nur mit ihr beschäftigt. Er machte ihr die heftigsten und zärtlichsten Liebeserklärungen, er bat sie im rührendsten Tone um ihre Gegenliebe, er besprach ihre religiösen Ansichten mit ihr und stimmte ihnen zum Entsetzen der Zuhörer bei, und in den Tagen der wildesten Fiebergluth flog er mit ihr auf flüchtigen Rossen als Kunstreiter über die Erde oder durch die Lüfte dahin und recitirte dazu Stellen aus Bürgers Leonore.“

 

1851

Ebeling, Friedrich Wilhelm. Zehn Jahre im Zuchthaus oder Eine Verwandtschaft. Vierter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 14] Man war schon eine geraume Weile beisammen, als wir eintraten, begrüßt von den rauschenden Tönen des Flügels und dem muntern Gesange Alberts, der sich sogar in musikalischen Compositionen versuchte, aber in größter Bescheidenheit dies so oft wie thunlich zu verhehlen suchte.
  - Nun, so gieb uns doch endlich einmal Dein Zechlied zum Besten, Albert!
  - Ah! er hat ein Zechlied componirt . . .
  - Sie componiren. . .
  - Sie zechen nicht blos, sie setzen das Zechen in Musik. . .
hieß es von mehreren Seiten.
  -Was ist denn das für ein Zechlied?
  - Es ist bekannt ... von Bürger übersetzt...
Albert gab dem allseitigen Drängen nach, setzte sich wieder vor das Instrument . . . hustete . . . stand dann wieder lachend auf, sagte, er könne nicht, ließ sich abermal nieder . . räusperte sich . . und sprang dann von neuem lachend auf.
  - Nein! rief Waldemar, Du thust gerade wie eine schämige Jungfrau bei ihrer ersten Einführung in die Gesellschaft, - - das ist ja gar nicht männlich!
  - Gar nicht männlich!? Gut, das sollst Du mir nicht wieder vorwerfen . . nun soll es losgehen!
Und es ging los, um mit ihm zu reden, und er sang:
 Mihi est propositum, in taberna mori; ...
- Lateinisch? unterbrach ihn Waldemar.
- Auch deutsch, wie Du befiehlst.
- Nun denn, wenn es paßt, so deutsch.
  Und es paßte:
  Ich will einst, bei Ja und Nein!
  Vor dem Zapfen sterben.
  Alles, meinen Wein nur nicht,
  Laß ich frohen Erben.
  Nach der letzten Oelung soll'n
  Hefen noch mich färben.
  Dann zertrümmere mein Pokal
  In zehntausend Scherben. [...] “

 

1851

Anonym. Mittheilungen aus dem Oriente. In: Allgemeine Zeitung des Judenthums. 1. Dezember. Leipzig. Dgitalisiert von Google

“[S. 585] Bei einer Verehelichung. Das neue Ehepaar wird unter ein zeltartiges Bedek aus Leinwand gebracht, das gleichsam die Form einer großen umgekehrten Kiste hat, und aus dem man nur die Füße der sich unter demselben Befindenden sehen kann. Von Sklaven wird es getragen und die Neuvermählten werden von den Tragenden mit fortgerissen. Neben diesen Sklaven folgen brennende Pechfackeln, von einer großen Pauke mit elenden dudelsackähnlichen Pfeifen begleitet; ´das Lied ist zu vergleichen dem Unkenruf in Teichen.´ Dann folgen Freunde des Paares, und dann ein Menschengewühl Lärmen und Toben. “

 

1851

Anonym. Der Teufel und dessen Regierung. In: Der Beobachter in Nürnberg, 20. Februar. Nürnberg. Digitalisiert von Google

“[S. 84] Holstein. - Ein von mehreren Adlern niedergeworfener, aus vielen Wunden blutender Löwe. Im Hintergrunde der deutsche Michel, der sich verlegen hinter den Ohren kratzt. Unten die Devise:
 ´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!
  Mit dem Geschicke had´re nicht!
  Bald kann das Blatt sich wenden
  Und Noth und Jammer enden!´ “

 

1851

Der bevorstehende Landtag und die Aerzte. In: Medicinisches Conversations- u. Correspondenzblatt, 1. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 161] Leider aber müssen wir unsern Lesern die niederschlagende Eröffnung machen, daß in bevorstehender Landtags-Sitzung die Medicinal-Angelegenheiten abermals nicht zur Vorlage gelangen. - Es heißt wiederum, Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, die Landdrosteien konnten nicht, so bald schon rapportiren. “

 

1851

Arnold, G. Monographie der Karten. In: Album des literarischen Vereins. Nürnberg. Digitalisiert von Google

“[S. 218] Zu einem Hunde der den Schwanz einzieht, sagt man weit lieber couche als zu einem, der die Zähne weißt. Unsere Geduld ist großartig, man muß sie bewundern! ´Geduld, singt Bürger, Geduld! wenn's Herz auch bricht.´ Ob je ein anderes deutsches Sprichwort zur Wahrheit wird: Geduld frißt den Teufel! “

 

1851

Anonym. Vom Harz. Rudolf Hobohm gest. In: Europa. Chronik der gebildeten Welt, 15. Februar. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 109] Sie haben, wo mir recht ist, Heinrich Pröhle als den specifischen Harzer in der Literatur geschildert. Ein älterer specifischer Harzer, ein Oheim Pröhle´s, hat hier ein stilles literarisches Leben geführt und ist vor kurzem als Pfarrer in Arien bei Wittenberg und Pretzsch, den Funfzigen nahe, verstorben. Rudolf Hobohm war geboren zu Molmerswende (in der Grafschaft Falkenstein) in demselben Kämmerlein des dortigen Pfarrhauses, wo einst Gottfried August Bürger das Licht der Welt erblickte. Seine Jugend verlebte er in dem reizenden, aber wenig bekannten Wipperthale, wohin er auch, nachdem er in Halberstadt das Gymnasium besucht, in Halle studirt und in hannöverisch Salzgitter eine Hauslehrerstelle verwaltet hatte, als Pfarrer von Biesenrode zurückkehrte.“

 

1851

Hassel, Wilhelm von. Wie kauft die Cavallerie, [...] In: Welche Einwirkung können die neueren Prinzipien der Züchtung und Behandlung der Pferde [...]. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 19] Von allen gemeinen wirklich constant gebliebenen Racen des Continents wird sich das dänische, jütländische Pferd noch am meisten zum Reiterpferde eignen, ja es möchte sich in den Augen mancher, mit durch Bürgers ´Knapp sattle mir mein Dänenroß´, zu einer bei weitem höheren Bedeutung, als solches als Reiterpferd verdienen dürfte, hinauf geschwungen haben.“

 

1851

Hüppe, Bernhard. Göttinger Dichterbund. In: Geschichte der deutschen National-Literatur. Coesfeld. Digitalisiert von Google

“[S. 206] Homer verdrängte allmählich den Ossian bei ihnen und wurde von einigen aus ihnen erst würdig in unsere Sprache übersetzt; an die Stelle der früheren Natürlichkeit trat allmählich eine ängstliche Correktheit. Namentlich zeigt sich dieses Letztere bei Gottfried August Bürger aus Wolmerswende im Fürstenthum Halberstadt (1748- 91), der übrigens diesem Bunde nur aus der Ferne angehörte. Er war unstreitig einer der begabtesten Dichter des Vereins, aber von vielen, meistens selbstverschuldeten Leiden gedrückt, verlor er nur zu früh die ursprüngliche Kraft und Klarheit des Geistes. In die Ballade führte er, nachdem er mit Percy's Ueberresten und Herder's fliegenden Blättern bekannt geworden, den bessern Ton ein und muß als der eigentliche Begründer derselben betrachtet werden. Seine ´Leonore´ entschied seinen Ruf, und ihr folgten seine übrigen Balladen, die sich ebenso als echte Volksdichtungen durch kräftiges Fortschreiten der Handlung, durch kräftige Zeichnung und durch kecke Würfe auszeichnen. Volksmäßig wie die meisten seiner Balladen (denn in einigen verwechselt er das Volk mit dem Pöbel und wird gemein), sind auch viele seiner Lieder, wie: ´der Bauer an seinen durchlauchtigsten Tyrannen´, ein Gedicht, welches wie ´der Todesengel am Lager eines Tyrannen´ von Miller, und ´die Fürstengruft´ von Chr. Fr. Daniel Schubart aus Obersontheim (1739-1791), einem kräftigen, volksmäßigen, aber oft überspannten Dichter, bekannt durch die deutsche Chronik und durch seine zehnjährige Gefangenschaft auf der Festung Hohenasberg, den Zorn über die Unterdrückung menschlicher Rechte durch grausame Wüthriche ausströmt; ebenso ´Männerkeuschheit´ u. a. Bei dieser Volksmäßigkeit in seiner Anschauungs- und Darstellungsweise haben Sprache und Versbau Bürgern viel zu verdanken. Er schöpfte die erstere aus der lebendigsten Mundsprache und stieg in ihre Goldgrube so tief hinab, daß ihm alle Mittel der Sprache zu Gebote standen. Er erfand und begründete die Versart, welche sich vorzugsweise für die Ballade eignet, und wollte vom Hexameter in deutscher Sprache nichts wissen, weshalb er sogar den Homer in Jamben übersetzte. - Später setzte Bürger an die Stelle der Volksthümlichkeit und Einfachheit das Princip der Correktheit und versuchte sich in der schwatzhaften Manier Wieland's in zwei poetischen Erzählungen: ´Veit Ehrenwort´ und ´Königin von Golkonda´, und entfernte sich anderseits von dem Volksliede durch seine Sonettenpoesie.“

 

1851

Pröhle, Heinrich. Johann Christian Edelmann. In: Deutsches Museum Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 687] So oft ein neues Werk oder auch nur ein größerer literarhistorischer Aufsatz über hervorragende Erscheinungen deutscher Wissenschaft und Literatur im vorigen Jahrhundert die Presse verläßt, gewinnen wir einen neuen Einblick in das große Räderwerk, das der Geist der Geschichte in diesem Jahrhundert aufgestellt zu haben scheint, um die Meinungen und Ansichten unserer Vorfahren aufzuklären, und sie selbst zu um so größerer Vollkommenheit zu führen. Von den Dichtern kann man sagen, wenn auch von den verschiedenen in sehr verschiedenem Sinne, daß alle zugleich Aufklärer waren, - Klopstock so gut als Lessing, denn wir wissen, wie er mit seinem Messias die verknöcherte Orthodoxie empörte; und der Sänger der Lenore war nicht minder ein Anhänger der Kant'schen Philosophie als der Dichter des Don Carlos; der Dichter des Faust hielt nicht weniger auf gesunden Menschenverstand als der ´preußische Grenadier.´ Selbst Mathias Claudius predigt in seinen Briefen an Vetter Andreas - zwar nicht Aufklärung, aber doch Duldsamkeit, und singt:
   Vernunft, was man nie leugnen mußte,
   War je und je ein gutes Licht.
Wie natürlich wirkte die Aufklärung zunächst nach der Seite der Religion hin. Aber auch in der Politik brach sie sich Bahn. Bürger's politische Poesie ist reine, aber dafür auch phrasenlose Aufklärung, Schubart's Seele hatte sich auf Hohenasperg verfinstert, aber selbst im Kerker sagte seine Muse den Fürsten noch bittere Wahrheiten. Diese politische Aufklärung hat mit Recht da, wo sie in jenem Jahrhundert sich zeigt, unsere Aufmerksamkeit am meisten in Anspruch genommen. “

 

1851

Klüger, Maria. Die Familie Drymont. In: Didaskalia Nr. 172 vom 21. Juli. Frankfurt am Main. Digitalisiert von Google

“Diese Worte richtete die Gräfin, mit einer Art zweifelhafter Besorgnis im Blicke, an ihren Gemahl, als Drymont, der an diesem Abend seine Vorlesung mit Bürgers ´Leonore´ geschlossen und sich dann bescheiden beurlaubt hatte, sich entfernt, um, wie er vorgab, an seinen Bruder Karl zu schreiben, weil es morgen Posttag sey.
  ´Und wie er die Stimme in seiner Gewalt hat!´ fuhr die Dame begeistert fort. ´Wie er uns gestern Abend Lessings ´Emilia Galotti´ vortrug, das müßte den Dichter selbst beglückt haben, wenn er es hätte vernehmen können.´
 ´Ja, liebe Mama, Du hast Recht, es wird Einem so sonderbar zu Muthe, wenn er lies´t. Sieh´, ich habe noch eine Gänsehaut auf meinen Armen, vom Zuhören der ´Leonore´, fiel Eugenie, die vierzehnjährige Tochter des Hauses, ein, und rückte schaudernd ihren Stuhl dem Kamine etwas näher.“

 

1851

Hartig, Franz de Paula, Graf von. Nachtgedanken des Publicisten Gotthelf Zurecht. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 3] Auf allen Thronen sahen wir Fürsten, welche die Sorgfalt für das Wohl des Volkes und die gewissenhafte Wahrung des Rechtes mit Milde gepaart, als ihre Pflicht erkannten, und nach ihren intellectuellen Kräften diese Pflicht zu erfüllen strebten. Keinem Fürsten unserer Zeit konnte man mit Fug und Recht Bürgers Worte zurufen:
  ´Wer bist Du Fürst, daß ohne Scheu
  Zerrollen mich Dein Wagenrad,
  Zerschlagen darf Dein Roß.´ “

 

1851

Döhner, Theodor. Ueber die verderblichen Folgen rücksichtsloser Zerstörung natürlicher Landeszustände. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 41] Zur Beruhigung für diejenigen aber, welche besorgen, daß keine Stämme mehr wachsen möchten, die sechs Bretter und zwei Brettchen zu schneiden, giebt es ja Gesellschaften, die ihre Mitglieder aus reiner Rücksicht auf die deutschen Wälder verpflichten, es nicht übel zu nehmen, wenn man dereinst ihre Leichname dem Schooß der Erde in Form von Säcken aus mehr oder weniger feiner Leinwand anvertraut! “

 

1851

Ebeling, Friedrich W. 10. Zehn Jahre im Zuchthaus oder Eine Verwandtschaft. Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 289] Ein Geräusch vom steingetäfelten Corridor dringt leise herein . . . zuckt ihn zusammen . . . läßt ihn lauschen. . .
   Es ist Nichts ... für einen Augenblick ruht das Getümmel seines erhitzten Gehirns . . .
   Aber ein dithyrambisches Tonstück, gespielt auf dem Piano in der vis-á-vis Nachbarschaft, überleitend in Zumsteg's, aus metallnem Bariton süßklagend gesungener Ballade:
    ´Im Garten des Pfarrers von Taubenhain
    Ging's irre bei Nacht in der Lanbe,´
entgährt die abermal dampfige Schlucht der Wollust seiner Seele, hinfiebernd ihn vor den Altar seiner Anbetung.
   Vielfältige, unarticulirte, matte und gesteigerte Töne, begleitet von entsprechenden Geberden einzelner Theile, mitunter des ganzen Körpers, preßt gurgelnd, ächzend, zischend, bacchantisch, wie entzückt und dann wie schmerzhaft, hervor die Kehle....... “

 

1851

Anonym. Stadttheater. In: Leipziger Zeitung, 31. Mai. Digitalisiert von Google

“[S. 2990]
Sonnabend, den 31. Mai. Abonnement suspendo. Zum Benefiz der Enkelinnen Bürger's. (Zum zweiten Male:) Bürger und Molly, oder: Ein deutsches Dichterleben. Schauspiel in 5 Acten nach O. Müller's gleichnamigem Roman von S. H. Mosenthal.”

 

1851

Anonym. Anzeige. In: Regensburger Zeitung, 9. Februar. Digitalisiert von Google

“Montag, den 10. Febr. 1851.
Außer dem Abonnement.
Zum Vortheile des Unterzeichneten
   zum Erstenmale
Bürger und Molly
oder
Ein deutsches Dichterleben.
Schausp. in 5 Aufz. nach Otto Müllers Erzählung bearbeitet von S. H. Mosenthal.
Zu dieser Vorstellung ladet ergebenst ein
      Max Goubau.”

 

1851

Anonym. Joseph von Görres. Schulbildung und Lebensbildung. In: Historisch-politische Blätter für das katholische Deutschland, Siebenundzwanzigster Band, München. Digitalisiert von Google

“[S. 103] So wandelte er dieses Ruhmesdenkmal französischer Vermessenheit um in einen Leichenstein des kaiserlichen Traumreiches und seiner gefallenen Größe; denn gleich der Braut des todten Reiters hatte sich Frankreich in wildem Galopp, schnell wie die Todten reiten, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, von Brandstätte zu Brandstätte, von Sieg zu Sieg bis an die Marken Europas führen lassen, da aber, als die Kaiserbraut sich am Ziele ihrer hochfliegenden Wünsche wähnte, krähte der Hahn und
   Rasch auf ein eisern Gitterthor
   Gings mit verhengtem Zügel.
   Mit schwanker Gert' ein Schlag davor
   Zersprengte Schloß und Riegel:
   Die Flügel siegen klirrend auf,
   Und über Gräber ging der Lauf;
   Es blinkten Leichensteine
   Rundum im Mondenscheine.
Und eine Leiche verschwand der Reiter unter den Leichen: was der Sünde und der Verwesung entsprossen und des Ewigen und seiner Gesetze gespottet hatte, das sank in die Nacht des Todes zurück.”

 

1852

Huhn, Eugen. Geschichte der Deutschen Literatur. Stuttgart

“[S. 335] Ein solches Leben und solche Schicksale mußten auch die reichste Dichterkraft vernichten und Bürger ist in dieser Hinsicht mit Günther nahe verwandt. Seine Gedichte zeichnen sich aus durch große Lebendigkeit und glänzende Farbenpracht, welche nur zu leicht bestechen, aber sie sind alle in seinem Innern nicht zur Reife gediehen, flüchtig entworfen und ausgeführt und nirgends kam er zu einer reinen Stimmung, sondern überall unter dem Schönsten und Höchsten zeigt sich der Stachel der Bitterkeit, der Ironie und des Schmerzes, an Hohes streift das Gemeine, an den Ernst leichtsinniger Witz und an die Wahrheit der Natur Künstlichkeit. Wenn Bürger auf den Ruhm eines Volksdichters Anspruch macht, so kann ihm mit Recht entgegengehalten werden, daß er zwar eine gute Anlage dazu besaß, daß er sogar wie kein anderer Dichter seiner Zeit das Volksmäßige traf und in diesem Gebiete auch sein Bestes leistete, aber zu dem Volke hinunterstieg, anstatt es zu sich heraufzuziehen, wie er überhaupt den reinen Ton der Dichtung nicht festhielt, sondern in Derbheit und die gemeine Rohheit der Wirthshaussprache nur zu häufig verfiel. An der Spitze seiner Dichtungen steht unstreitig Lenore und wenn er auch hier, wie bei den meisten seiner Balladen und Romanzen, fremde, besonders englische Quellen zu Grund legte, so ward doch dieses Gedicht bis heute noch nicht an Wohlklang und Wohllaut übertroffen und steht es an Volksmäßigkeit des Ausdrucks nur den Göthe´schen Gedichten nach. Doch selbst in diesem Gedichte strebt er zu sehr nach Effekt und verfällt er in unnütze, rhetorische Malerei. Neben die Lenore können das Lied vom braven Manne, Robert, das Lied von Treue und der Kaiser und der Abt treten; auch mag es wenige Gedichte geben, welche mit seinen Sonetten zu vergleichen sind, unter denen das ´an das Herz´ sein bestes sein mag. Dagegen ist eine nicht geringe Anzahl seiner Gedichte nicht nur schwach, sondern sogar unnatürlich, trivial und widrig. Neben solchen Ausartungen und Mißgriffen ist jedenfalls nicht zu verkennen, daß er zuerst wieder den frischen Naturton anschlug, daß er eine solche Leichtigkeit der Darstellung, eine solche Gefügigkeit und Geschmeidigkeit der Erzählung, einen solchen Wohllaut der Sprache und Fluß der Verse besaß, wie wir es selbst bei den größten Meistern unserer Literatur nicht wieder finden, ja in einigen Gedichten hat er es zu wahrer lyrischer Meisterschaft gebracht.“

 

1852

Anonym. Die Göthe-Literatur in Deutschland. Von 1773 bis Ende 1851. Cassel. Digitalisiert von Google

“[S. 27] Shakespeare, W., Macbeth. Ein Schauspiel in 5 Aufzügen. Deutsch bearb. von G. A. Bürger. Mit 12 Kupfern von Chodowiecki. 1783. 2. Aufl. 1784. 16. Göttingen, Dieterich. 15 Ngr., ohne Kupfer 5 Ngr.“

 

1852

Hense, Karl Konrad. Deutsche dichter der gegenwart: erläuternde und kritische betrachtungen, Bände 1-2 1852

“[S. 46] Und in der That es kann nicht geläugnet werden, daß der Dichter [Bürger] oft in die Bänkelsängerei herabsinkt und seine Plattheiten durch eine platte Moral wieder gut zu machen bemüht sein muß [Frau Schnips].
   Wer sich an den ´Raubgraf,´ an ´die Weiber von Weinsberg´ an ´Lenardo und Blandine,´ an ´das Lied von der Treue´ erinnern will, wird sogleich auch eingedenk sein, wie viel Rohheit, Plattheit in Empfindung und Darstellung hier auftritt, und man muß eingestehen, daß Bürger die hohe Einfalt und kunstlose Anspruchslosigkeit des Volksliedes in seinen Balladen nicht bewies, aber auch jenen edlen Reichthum der Darstellung, wie sie in Schillers Romanzen herrscht, nicht erreichte.
   Ich erwähnte diese frühere Gestalt der epischen Lyrik, um zu zeigen, wie viel Verdienst Uhland in dieser Gattung erworben hat. Seine Romanzen haben den tiefsten, sittlichen Inhalt und offenbaren, wie die Schillerschen, die Herrschaft des selbstbewußten Geistes. Seine Balladen haben die Einfachheit des Volksliedes, und sind ergreifend, ohne daß besondere Mittel aufgewandt wären, sie erreichen vielmehr mit den unscheinbarsten Mitteln das Größte.“

 

1852

Pröhle, Heinrich. Das Volksschriftenwesen. In: Germania: die Vergangenheit, Gegenwart u. Zukunft d. dt. Nation, Band 2.  Digitalisiert von Google

“[S. 98] Von jener gesunden volksthümlichen Kraft, von der wir oben sprachen, findet sich unter den neuen Literaturproducten die kräftigste Spur in "Des Freiherrn von Münchhausen wunderbaren Reisen und Abentheuern zu Wasser und zu Lande, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegte", einem Buche, das sich, wenn auch nicht der Zeit, doch dem Inhalte nach in der That unmittelbar an die alten Volksbücher anreiht. Der Verfasser dieses Buches hat sich nie genannt, aber die Literaturgeschichte bezeichnet als solchen Gottfried August Bürger, und ein Nachdruck von Bürger's Werken hat ohne Weiteres Münchhausen's Reisen als einen besonder Band aufgenommen. Aus der Vorrede zur Ausgabe der Münchhausen´schen Lügen von 1840 erfahren wir, daß Bürger zwar einen bedeutenden, ja wol den größten Antheil an diesem Werke gehabt und als Herausgeber desselben angesehen werden müsse, jedoch schwerlich alleiniger Autor desselben gewesen sei, denn es erscheine als nicht minder gewiß, daß auch seine berühmten Zeitgenossen an der göttinger Hochschule, Kästner und Lichtenberg, an demselben mitgearbeitet. Wahrscheinlich sei das Werk aus heitern Tischgesprächen dieser genialen Männer entstanden, indem sie sich gegenseitig an Uebertreibungen zu überbieten suchten und einer von ihnen, nämlich Bürger, sie in diejenige Form goß, in welcher das Werk im Jahre 1788, angeblich als aus dem Englischen übersetzt, zum erstenmal und zwar mit der Angabe London als Verlagsort, jedoch in Wahrheit im Verlage der Dieterich´schen Buchhandlung in Göttingen, gedruckt wurde. Der Gedanke, es als die deutsche Uebersetzung eines englischen Originals, wie bis 1840 alle rechtmäßigen Ausgaben bezeichnet waren, erscheinen zu lassen, lag sehr nahe, da nur diese Mystifikation manchen Anstoß beseitigen konnte, den sonst die satirische Laune der drei göttinger Professoren ohne Zweifel erregt haben würde. Liest man diese Lügenabenteuer mit einiger Aufmerksamkeit, so staunt man über die mannichfachen Beziehungen zu dem wissenschaftlichen Leben jener Zeit, welche darein verwebt sind, ohne dem volksthümlichen Charakter des Ganzen Abbruch zu thun. Nur in jenem Zeitalter, wo die Naturwissenschaften anfingen ihr Licht über die Wunder der Natur zu verbreiten und wo man außerdem noch einen frischern Eindruck von den großen Weltentdeckungsreisen hatte, als wir, konnte diese derbe Satire geschrieben werden. Daß übrigens eine oder die andere englische Quelle für das Werk benutzt ist, scheint uns unzweifelhaft und geht auch schon aus der Analogie mit dem Entstehen der meisten Bürger´schen Balladen hervor.
     Wenn Bürger in diesem anonymen Werke ganz seine volksthümliche Natur walten ließ, so stellte er dagegen als Volksdichter für seine Balladen u.s.w. selbst bestimmte Principien auf, in denen er keineswegs mit Bewußtsein die Idee der Voltsthümlichkeit in unserm Sinne geltend machte. Die ´Popularität´, welche er als das Siegel der Vollendung an einem übrigens schon vortrefflichen Gedichte betrachtet, ist von der spätern Volksthümlichkeit eines Jeremias Gotthelf himmelweit verschieden. Sie ist eine abstracte Deutlichkeit. Charakteristisch ist dabei, daß er, fast allein von allen Volksdichtern, nie versucht hat im Dialekt zu dichten. Bürger wollte, wie gesagt, allgemein verständlich sein, aber er hat niemals gleichsam aus Sinn und Geist seines Volks heraus dichten wollen. Jene Deutlichkeit machte ihn zum Lieblinge des halbgebildeten deutschen Bürgerstandes, etwa wie später Zschokke. Seine ´Lenore´, die künstliche Ueberarbeitung eines alten Balladenstoffes, ist keineswegs zum Volkslied geworden, wie dies vielen Dichtern neuerer Zeit begegnet. Seine erzählenden Dichtungen in Versen scheinen für seine Zeit Das gewesen zu sein, was für das neuere Publicum die Novelle geworden ist: Stoff zur Unterhaltung. Nur in ´Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´ wie in einigen andern Balladen ist die Form volksthümlich, unter welcher der Dichter die zarteste und sinnigste Naturbetrachtung von wesentlich elegischer Grundstimmung ins Volk einschmuggelt. Auch unter seinen eigentlichen Liedern sind viele wahrhaft volksthümlich.“

 

1852

Holzapfel, R. Beurtheilungen und kurze Anzeigen. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Zehnter Band. Braunschweig.  Digitalisiert von Google

“[S. 103] Ihnen gesellt sich Charles Fournel bei. Dieser Dichter bildet, wie vielleicht kein zweiter, eine Vermittlung zwischen deutscher und französischer Lyrik. Er ist Franzose und bleibt Franzose; aber er hat ein Element in sich, das ächt deutscher Art ist, ein Element, das ihn auch mag nach Deutschland getrieben haben, das ihn der deutschen Poesie zugeführt hat. Diese deutsche Poesie sagt seinem Gemüthe zu, in ihr fühlt er sich wohl, in ihr wird er heimisch. Er ist ein anderer Chamisso, nur daß er sich nicht entschließen kann, seine Muttersprache aufzugeben, nur daß er noch ein Dichter seiner Nation bleiben will. Es ist in ihm eine Verschmelzung französischen und deutschen Geistes, französischer und deutscher Bildung, wie sie nicht häufig sich wiederholen wird. Er denkt französisch, er fühlt deutsch; er schreibt sein Gedicht französisch, er dichtet es deutsch; seine Form ist französisch, sein Inhalt deutsch. Möglich daher, ja wahrscheinlich, daß seine dichterischen Erzeugnisse zunächst weniger Anklang finden werden in Frankreich als in Deutschland, wie wir ja auch ein umgekehrtes Beispiel schon au Geßner erlebt haben.
   Aber die deutsche Lyrik hat sich auch so mannichfach gestaltet und so mannichfache Richtungen verfolgt, daß zur bestimmteren Auffassung seiner Art angegeben werden muß, mit welcher dieser Richtungen er die größte Verwandtschaft hat. Es sind besonders diejenigen Richtungen, in denen das Gefühl des Dichters sich zur Geltung bringt, wie es gerade eben angeregt ist durch innere oder äußere Vorgänge, durch das Leben oder durch die Natur, durch die Liebe oder durch die sinnige Beachtung. Die deutsche romantische Schule ist es vorzugsweise, die ihn fesselt, und so bildet er die Vermittlung zwischen der deutschen und der französischen Romantik. Im Einzelnen aber fühlen wir heraus, wie Tieck, Fouqué, Chamisso, ferner wie Uhland und besonders Heine, aber auch wie Bürger einerseits, Göthe andererseits auf ihn gewirkt haben. Am wenigsten merklich tritt Schiller in ihm hervor, der Dichter, der sonst gerade von den Franzosen pflegt zumeist verstanden und geschätzt zu werden.

[S. 106] So ist auch das umfangreiche erzählende Gedicht Le Comte maudit, das der Verfasser Legende nennt, nur eine Nachbildung von Bürgers Wildem Jäger. Es ist dieselbe Geschichte vom wilden Jäger, die zwar im Thatsächlichen etwas anders gestaltet ist, aber nicht nur der Idee und Anlage nach mit Bürger übereinstimmt, sondern zum Theil sogar in sprachlicher Ausführung, wie gleich der Eingang:
  Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn:
  ´Halloh, halloh, zu Fuß und Roß!´
  Le Comte a soufflé dans son cor:
  ´Hlá valets, on vous réclame!´
Fournel schließt sogar darin sich an Bürger an, daß er die bei Bürger so häufig wiederkehrenden Klangmalereien ebenfalls möglichst zahlreich und ausdrucksvoll in diesem Gedichte anzuwenden sucht.
 Bei Bürger heißt es:
   Laut klifft und klafft es, frei vom Koppel,
   durch Korn und Dorn, durch Heid´ und Stoppel.
 und nachher:
     Rischrasch quer über´ Kreuzweg ging's,
     Mit Horridoh und Hussassah
und so öfter. Aehnlich nun Fournel:
   [...]
Wie Bürger so sucht auch Fournel durch den bloßen Klang der Sprach zu wirken, und erreicht seinen Zweck. Er besitzt überhaupt eine große Herrschaft über die Sprache, deren musikalische Seite er mit künstlerischem Takte benutzt. “

 

1852

Weber, Georg. Lehrbuch der Weltgeschichte mit Rücksicht auf Cultur, Literatur und Religionswesen, und einem Abriß der deutschen Literaturgeschichte als Anhang für höhere Schulanstalten und zur Selbstbelehrung., Zweiter Band, Fünfte Auflage. Anhang: Die Geschichte der deutschen Literatur.

“[S. 82] Bürger besaß alle Gaben eines Volksdichters; er erfaßte die deutsche Natur mit richtigem Takte, daher seine lyrischen Gedichte, worin niedrig Komisches mit innig Gefühlvollem verbunden erscheint, großen Anklang fanden. Am ausgezeichnetsten und bekanntesten sind seine nach schottischen Vorbildern verfaßten und zum Theil deutschen Volkssagen entlehnten Balladen und Romanzen, in welchen die Einfachheit, Kraft und phantasievolle Lebendigkeit mächtig ergreifen und hinreißen. Durch diese wurde er der Liebling des Volkes, so hart auch Schiller über ihn urtheilte, durch seine Lenore gewann er die ganze Nation, und sein wilder Jäger, des Pfarrers Tochter von Taubenhain, der Kaiser und der Abt, das Lied vom braven Mann, Frau Magdalis u.a. sind noch jetzt im Volke bekannter als die meisten neueren Gedichte.”

 

1852

Anonym. Die Leitartikel des Oberländer Anzeigers. Erstes Bändchen. Thun. Digitalisiert von Google

“[S. 47] Die radikale Presse ist wegen der Wahlsache sehr beschäftigt. Sie hat fast für nichts andres mehr Sinn und Zeit; was sie auch sonst macht — das Herz ist anderwärts, bei den Wahlen, Alle Organe der Partei suchen auf die Wahlen zu wirken um jeden Preis. — Ich habe jüngst alle ihre Blätter mit einander durchblickt — überall die Wahlen! Und überall Hussa wider den Oberländer Anzeiger! eine radikale Hetzjagd, wie in Bürgers Lenore: ´die Todten reiten schnelle!´ “

 

1852

Appel, J. W. Das würtembergische Seegebiet. - Langenargen. - Friedrichshafen. In: Der Rhein und die Rheinlande. Darmstadt. Digitalisiert von Google

“[S. 247] Das Lustschloß, in welches König Wilhelm von Würtemberg das Hauptgebäude des einstigen Klosters Hofen umgeschaffen, ist ein reizender Sommeraufenthalt; es nimmt sich von der Seeseite herrlich aus, und von der offenen Gallerie im zweiten Stockwerk hat man einen der schönsten Blicke über das ´schwäbische Meer.´ Das dreistöckige Gebäude ist einfach und geschmackvoll hergerichtet, den Abhang, wo einst die Klosterbrüder einen der besten Seeweine zogen, hat man in englische Anlagen verwandelt. Der neue Hafen ist nahe dabei. In den Gemächern ist manches Sehenswerthe. Das Schlafzimmer im ersten Stocke enthält unter anderem schwäbische Bauernscenen und Studentenversammlungen von dem Genremaler Pflug; im Billiardzimmer sind Viehstücke, Landschafts- und Seeansichten aufgehängt; den Speisesaal zieren Darstellungen aus Göthes Erlkönig, Bürgers Lenore, dem wilden Jäger, würtembergische Ansichten u. s. w., sowie ein Gemälde von Gegenbauer: Chloris und Daphne.“

 

1852

W-g. Korrespondenz. Czernowitz, Juni 1852. In: Der Phönix. 19. Juni. Innsbruck. Digitalisiert von Google

“[S. 200] Unwillkürlich tauchten in uns alle Sagen auf, welche vom Cöcina in des Volkes Munde leben. Eine derselben mahnt an Geibel's ´Rheinsage.´ Man hat aber darum gar nicht Ursache anzunehmen, daß diese Cöcinasage der Geibel'schen den Ursprung verdanke.
   Finden wir doch bei unserem Landvolke Bürgers ´Leonore´ als einheimische Volkssage, mit dem einzigen Unterschiede, daß Leonore nicht an Wilhelms Grabe ihr Leben aushaucht, sondern folgenderweise endet: ´Wilhelm steigt in die Gruft, sein Liebchen bei der Hand nachziehend. Leonore aber läßt ihr Ueberkleid in seiner Hand und macht sich davon. In das Grab erst gelangt wird Wilhelm den Betrug gewahr, und schickt sich an, die Geflohene zu verfolgen. Leichte Beine jedoch tragen Leonore über einsame Felder zu einer Hütte, die vereinzelt dastehend, erleuchtet war. Wie groß ist aber ihr Schrecken! Leblos ist die Hütte, nur eine Leiche liegt auf dem Todbette. In die Hütte zu treten, fürchtet Leonore. Sie fällt im Vorhause nieder. Hier ereilt sie Wilhelm, aber er kann die verriegelte Thür nicht aufthun. Er fordert von dem Todten der Hütte Einlaß, den ihm diese aber nicht gewähren kann; denn Leonore wehrt es mit aller Kraft, Der Hahn krähet, beide Leichen fallen an den Thüren um, und — Leonore fand man auch todt."

 

1852

Stip, Gerhard Chryno Hermann. Die Bedeutung der glaubigen Hymnologie. In: Hymnologische Reisebriefe. Drittes Heft. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 35] Die paar Schullehrer, die große Augen machten, daß ihre Zeitungen und Broschüren eine andere Orthographie malten, als die Bücher der Kirche und des Volkes, leben ja nicht ewig; die ´Ungläubigen´ hätten wol nichts gegen Grimms Orthographie zu sagen: es käme also nur auf die Gläubigen an, die hierin und mit lateinischen Lettern immerhin orthographisch ein wenig katholisiren gehen und die intime Nähe bei den Dänen und Litthauern aufgeben könnten. Haben sie aber dazu nicht Mut, so wird man in einigen Gegenden eher das Lied: Knapp, sattle mir mein Dänenroß usw. in die Gesangbücher bringen, als die Lieder ins Volk. “

 

1852

Zeise, H. Acht Tage im Harz. In: Hamburger Literarische und kritische Blätter. 31. Juli. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 474] Da bemerkte ich, daß hunderte von schwertrabenden Kühen des Weges zogen, die alle um den Hals gestimmte Glocken trugen, die so lieblich, Friede und Freude weckend, dem Morgen entgegenklangen, dann folgte der Hirt ein muntres Stück blasend, das die Bewohner des Städtchens daran erinnern sollte, daß es Zeit sei, ihre Kühe zur Weide zu schicken. Mir fiel unwillkürlich Bürgers ´Frau Magdalis´ ein, und ich dachte, auch hier härmt sich vielleicht eine Wittwe über den Verlust ihrer einzigen Kuh, und ´des Hirtenhornes Getön thut ihr von neuem ihr Elend zu wissen.´
   ´Sonst weckte des Hornes Geschmetter ihr Herz,
   Den Vater der Güte zu preisen;
   Jetzt zürnet und hadert entgegen ihr Schmerz
   Dem Pfleger der Wittwen und Waisen.´
Aber auch Elbingerode wird zum Troste einer armen Frau Magdalis seine Biedermänner haben. “

 

1852

Anonym. Rez. Altschottische und altenglische Volksballaden. Nach den Originalen bearbeitet von W. Doenniges. München und Berlin, 1852. In: Die Grenzboten, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 69] Die Sammlung bildet eine Ergänzung zu den Herder'schen Uebersetzungen; einige derselben (fünf) sind in der neuesten Zeit von Arentschild und Freiligrath übertragen worden; der Herausgeber hat Recht, wenn er annimmt, daß seine Uebersetzung den Vergleich nicht zu scheuen habe. Unter den englischen Balladen sind die drei: ´Der Junker von Elle´, ´Der graue Bruder´ und ´König Johann nnd der Abt von Canterbury´ von Bürger unter dem Titel: ´Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst´, ´Der Bruder Graurock nnd die Pilgerin´, und ´Der Kaiser und der Abt´ bearbeitet worden; es ist höchst interessant, die getreue Uebersetzung von Doenniges mit den berühmten Gedichten von Bürger zu vergleichen. Das erste und zweite der Bürger'schen Gedichte sind schwächer, als die englischen Originale; die kleinen Malereien, welche Bürger hineinzusetzen liebt, passen nicht recht zu dem einfachen, treuherzigen Tone der Originale; dagegen ist Herrn Doenniges vollständig beizustimmen, wenn er ´Kaiser und Abt´ von Bürger für eine vortreffliche Ueberarbeitnng des englischen Originals erklärt, nur damit sind wir nicht ganz einverstanden, daß er selbst bei seiner getreuen Uebersetzung des Originals da, wo auch Bürger sich genau den Worten der englischen Ballade angeschlossen hatte, die Worte der Bearbeitung Bürgers so viel als möglich beibehalten hat. Zwar erreicht er dadurch vollständig seine Absicht, das Verhältniß des berühmten Gedichtes von Bürger zum englischen Originale deutlich zu machen, dagegen wird dem Leser der unbefangene Genuß des englischen Gedichtes in der Uebersetzung einigermaßen beeinträchtigt, weil die Worte Bürger's, so oft sie dazwischen klingen, an den Ton und Charakter der Bürger'schen Uebertragung erinnern, und wie eine fremde Melodie in den einfachen Volksgesang hineintönen.“

 

1852

St., H. Und noch einmal die Impfung. In: Ueber die 50jährige Impfvergiftung des württembergischen Volkes, Band 2. Digitalisiert von Google

“[S. 199] Die praktische Medicin hat von jeher auf alle direkten Fragen wie das delphische Orakel geantwortet: es wird so und so geschehen, wenn oder wenn nicht usw. So sagte auch die Haller Versammlung: ´die Meisten erklärten, daß ihnen kein Fall von entschiedenem Nachtheil bei der Impfung vorgekommen sei, jedoch Einzelne wollten gewisse nachtheilige Folgen nicht in Abrede ziehen, aber Alle erklärten dieß mehr oder weniger für Ausnahmen usw. Nicht wahr, das ist
 ´vortrefflicher Haber?
 Wir füttern die Pferde mit Wenn und mit Aber;
 Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
 Hat sicher aus Häckerling Geld schon gemacht.´ “

 

1852

Demme, Wilhelm Ludwig. Römisch-Juristische Drehorgel mit 160 straffen Liedern [...]. Hildburghausen und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 61] Nr. 34.
      Verschiedenheit der Klagen nach ihrem Grund und Gegenstand.
      Mel.: Frisch auf Kameraden, auf's Pferd, auf's Pferd usw.
          Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stück Brod usw.

            Einer:
In Rücksicht des Grundes und Gegenstands nun
Sind zwiefach geschieden die Klagen: [...] “

 

1852

Goltz, Bogumil. Ein Jugendleben. Dritter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 64] Und selbst, wo kein Geld den Teufel spielt, da thut es die bloße Gemüthlichkeit, die anerzogene Faulenzerei in dem warmen Nestchen, in das keine Zugluft von der Außenwelt hineinwehen darf, so eine Pastorenwiddem hinter Fliederbüschen und dunkeln Linden versteckt. Oder steckt nicht fast in jeder Dorfpfarrerstochter, dem Fleisch gewordenen Gottes Wort vom Lande (Gott verzeih' mir die Sünde), so ein Ablegerchen von einer Pfarrerstochter zu Taubenheim, und unter ihren lieben Brüdern, falls sie vom Herzpapa gemüthlich privatim informirt und von der Herzmama in allen Winkeln durchgeküßt sind, wenigstens ein blödsinniges Hornvieh und andernfalls ein erzliederliches Genie?“

 

1852

Erdmann, Johann Eduard. Neunzehnter Brief. In: Psychologische Briefe. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 363] Nicht wahr, mein Freund, Sie wittern Morgenluft? Sie irren sich nicht. Der gespenstische Ritt, den Sie vorwitziger Weise machen wollten, naht seinem Ende. Dass er nicht schnell war, wie der von Bürger's Lenore, hat seinen Grund darin, dass Sie sich nicht einen kühnen Reitersmann zum Begleiter erwählt haben, sondern einen Pedanten, der an den langsamen Schritt seines Kleppers gewöhnt ist.“

 

1852

Wernirot, Fjédor. Der Zaar und sein vollendetes 25jähriges Regierungsjahr. In: Russland im Licht und Russland im Schatten. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 89] Aber vollends gerieth der Kaiser in Zorn, als der in Rußland so großes Aufsehen erregende Artikel in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschien, der, allerdings hyperbolisch, aber nicht ohne manche treffende Wendung, einen russischen Staatsbankerott prophezeite. Besonders soll ihn das Citat aus Bürger's Leonore: ´Die Todten reiten schnell!´ empört haben. Obgleich die Censur ihr ganzes Talent an diesem Artikel bewiesen, so kamen doch viele Exemplare desselben unversehrt ins Publicum, wie dies mit allen verbotenen Schriften zu geschehen pflegt.“

 

1852

Demme, Wilhelm L. Erstes Hauptstück. Von der Ehe. In: Römisch-Juristische Drehorgel. Hildburghausen und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 87] Wirkungen der Ehe auf das persönliche Verhältniß der Ehegatten.
     Mel.: Des Pfarrers Tochter von Taubenhain
Jedwedes kann von dem Andern Treu'
  Verlangen für das Leben,
Und steten Umgang und daß unterstützt
Es werde von ihm, wenn's donnert und blitzt,
Wenn Armuth und Mangel sich heben.

Dem mystisch zitternden Phallusspiel
  Muß Jedes von ihnen sich geben;
Das ´Wohnenzusammen´ ist nicht einerlei -
Sie wohnet bei Ihm, und Er wohnet Ihr bei,
  Wie Das nun so gehet im Leben. “

 

1852

D. R. Ein landwirthschaftlicher Brief [...]. In: Wochenblatt der Land-, Forst- und Hauswirthschaft. Prag. Digitalisiert von Google

“[S. 184] Wozu lernen wir schon als Kinder in der Schule so viel Wahres, Gutes und Schönes, bestimmt zur nützlichen Anwendung für das wirkliche Leben, wenn wir keinen Gebrauch von dem Erlernten im Mannesalter machen? So z. B. fehlt fast in keinem unserer Lesebücher der schöne Denkspruch des Dichters Bürger, der also lautet:
   ´Wenn dich die Lästerzunge sticht,
    So laß dir dieß zum Troste sagen,
    Die schlecht'sten Früchte sind es nicht,
   Woran die Wespen nagen.´ “

 

1852

Anonym. Neuestes. In: Nürnberger Beobachter, 13. März. Nürmberg. Digitalisiert von Google

“[S. 128] Zwei Regimentsmusiker welche die Schlacht bei Bronzell mitgemacht, verlangen die doppelte Löhnung weil der Pastor Bürger in der Lenore gesagt: Im Friede gilt der Mann, im Kriege gilt er doppelt.“

 

1852

Anonym. Das neue deutsche Drama. In: Die Gegenwart, Siebenter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 20] Wie in der ´Deborah´ das dramatische Talent Mosenthal's sich vorzugsweise in der Genremalerei der Volkscharaktere zeigte, die mit wenigen Zügen sich drastisch voneinander abheben: so ist auch in ´Bürger und Molly´ diese Genremalerei, diese Idylle kleinbürgerlicher Verhältnisse, das Gelungenste; nächst ihr die contrastirende Zeichnung der beiden Frauencharaktere. Die eigentliche Effectscene in der Schenke, der ausbrechende Jubel des vorher innerlich blasirten und zerrissenen Dichters, als die Bauern seine ´Lenore´ vortragen, kann doch höchstens nur durch die Krankheit und Verzerrtheit des ganzen Charakters motivirt werden, während sie bei einem innerlich gesunden Helden den Eindruck vollkommener Lächerlichkeit machen würde. Sich für einen Dichter des Volks zu halten, weil ein paar Bauern sich an den Fahrten der Geisterbraut amüsiren: das ist doch nur die Grille überspannter Eitelkeit.“

 

1852

Bölte, Amely. Visitenbuch eines deutschen Arztes in London. Erster Theil. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 74] Es ist kein Spaß, ein so ganz verfahrenes Menschenleben vor sich zu sehen, das man auf keine Weise in das rechte Geleise bringen kann. Kein Ausweg als — sechs Bretter und zwei Brettchen und diese zu zimmern muß dem großen Baumeister überlassen bleiben.
   Armes Mädchen! Was nutzt dir mein Mitleid? “

 

1852

Hoffmann, Franz. Der alte Thürmer. In: Franz Hoffmann's illustrirtes Volksbuch. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 61] Mittlerweile kam die Nachricht von der Einnahme der französischen Hauptstadt von der Abdankung Napoleons, von seiner Verbannung nach Elba, und endlich kehrten auch unsere sieggekrönten Truppen wieder in die Heimath zurück. ´Und jedes Heer mit Sing und Sang, mit Paukenschlag und Trommelklang, geschmückt mit grünen Reisern, zog heim zu seinen Häusern.´ Artillerie, Infanterie, Kavallerie marschirten durch unsere Stadt, und jedes Regiment wurde mit einer Begeisterung empfangen und verpflegt, als ob jeder einzelne Soldat ein Blücher oder Bülow gewesen wäre. “

 

1852

Saupe, Ernst Julius Biographischer Anhang zu den Xenien. In: Die Schiller-Goethe'schen Xenien. Digitalisiert von Google

“[S. 210] Bürger, Gottfried August, geb. 1748 zu Wolmerswende bei Halberstadt, gest. 1794 zu Göttingen als außerordentlicher Professor. — Goethe und Schiller erkannten in Bürger zwar ein bedeutendes und entschieden deutsches Talent an, aber ohne Grund und ohne Geschmack, so platt wie sein Publikum. Goethe trug sogar nicht wenig zu seinem Gelingen vor der Welt bei, wie denn selbst Schiller mit seiner schroffen Rezension nichts Anderes bezweckte, als die Läuterung und Vollendung des im Drucke des äußern Lebens verkümmernden Dichters. Mit Schiller zerfiel Bürger über die seinen dichterischen Ruhm herabsetzende Rezension, mit Goethe war er schon 1789 wegen kalter Aufnahme bei einem Besuche zerfallen. Die formlose, ungestüme Weise nämlich, in der sich Bürger bei Goethe mit den Worten einführte: ´Sind Sie Goethe? Ich bin Bürger!´ hatte von Seiten Goethe's eine kalte und gemessene Begegnung zur Folge gehabt. Seinem bitteren Unmuthe darüber machte der Davoneilende im Nachhausegehen in folgenden Versen Luft:

Mich drängt' es, in ein Haus zu gehn,
Drin wohnt' ein Künstler und Minister.
Den edlen Künstler wollt' ich sehn,
Und nicht das Alltagsstück Minister.
Doch steif und kalt blieb der Minister
Vor meinem trauten Künstler stehn,
Und vor dem hölzernen Minister
Kriegt' ich den Künstler nicht zu sehn.
Hol' ihn der Kukuk und sein Küster!

Dennoch nennt ihn Goethe in Dichtung und Wahrheit den ´trefflichen und in manchem Betrachte einzigen Bürger.´ “

 

1852

Brentano, Clemens. Gockel, Hinkel und Gackeleia. In: Clemens Brentano's Gesammelte Schriften, Fünfter Band, Frankfurt am Main. Digitalisiert von Google

“[S. 11] Ein so großes Stück von der Geschichtskarte der Phantasie umfaßte jener Herr Schwab, daß ich wohl sagen kann: in den Zweigen dieses Baumes plauderten noch die Legenden, Gespenstergeschichten und Mährchen in nächtlicher Rockenstube, als schon Lenore ums Morgenroth aus schweren Träumen emporfuhr; – in seinen Zweigen hielten noch die asiatischen Banisen, die Simplizissimi, die Aventüriers, die Felsenbürger, die Robinsone, die Seeräuber, die Cartouche, die Finanziers und deren Jude, Süß Oppenheimer, Gespräche im Reiche der Todten bis tief in die Sternennacht, da unter einem Schatten Götz von Berlichingen nebst Suite vereint mit Schiller's Räubern der Zukunft bereits auf den Dienst lauerten, und dicht neben diesen die heilige Vehme und alle geheimen Ordensritter bis zur Dya-Na-Sore Loge hielten.”
 

1852

Anonym. Nach Wiesbaden. In: Westricher Zeitung, 17. October. Digitalisiert von Google 

[o. S.] Der Reisende hat keine Ruhe. Von Ungarn muß er gleich wieder hinab ins Paderborner Land, und wenn er darüber um seinen Vieruhren-Kaffee kommt, so tröstet ihn nur die Aussicht auf eine gute Portion westphälischen Skinken, die sie ihm gegen schöne rothe Silbergroschen in Dryburg hoffentlich weniger versagen werden, als vielleicht sechs Bretter und zwei Brettchen benebst einem stillen Plätzlein, wenn er's etwa zufällig allda vonnöthen hätte.”

 

1852

Hoffmann, Franz. Der alte Thürner. Verkaufte Ehre. In: Franz Hoffmann's illustrirtes Volksbuch, Erster Jahrgang. Digitalisiert von Google

“[S. 61] Mittlerweile kam die Nachricht von der Einnahme der französischen Hauptstadt von der Abdankung Napoleons, von seiner Verbannung nach Elba, und endlich kehrten auch unsere sieggekrönten Truppen wieder in die Heimath zurück. ´Und jedes Heer mit Sing und Sang, mit Paukenschlag und Trommelklang, geschmückt mit grünen Reisern, zog heim zu seinen Häusern.´ Artillerie, Infanterie, Kavallerie marschirten durch unsere Stadt, und jedes Regiment wurde mit einer Begeisterung empfangen und verpflegt, als ob jeder einzelne Soldat ein Blücher oder Bülow gewesen wäre.”

 

1853

Schmidt, Julian. Geschichte der deutschen Nationalliteratur im neunzehnten Jahrhundert. Erster Band. Digitalisiert von Google.

“[S. 412] Bei Bürger z.B. sind die Stoffe häufig sehr romantisch, wie in der Lenore oder im wilden Jäger; aber die Ausführung ist plastisch. Nicht blos die Begebenheit selbst, sondern auch die dazu gehörige Stimmung wird vollständig ausgeführt, wir können uns genaue Rechenschaft geben über Alles, was wir gesehen und empfunden haben. Ganz anders bei Uhland. Seine Darstellung ist nicht plastisch, sondern musikalisch; er führt die Zeichnung niemals aus, ja er giebt uns nicht einmal eine genaue Skizze, er begnügt sich damit, uns anzudeuten, was wir uns vorstellen und was wir dabei empfinden sollen.”

 

1853

Homberg, Tinette. Geschichte der schönen Literatur der Deutschen für Frauen. Düsseldorf

“[S. 426] Aber auch an ihm, sagt Gervinus, bewährte es sich, wie an Günther, Schubart u. A., daß der schönste Kranz der Muse nur da vollkommen errungen werden kann, wo sich der Genius mit der Sitte, die Sinnesfreude mit der Geistesbildung paaren, und die Sorge um das Leben nicht die frischen Wurzeln des Lebens tödtet! Denn obgleich selten begabt, litt er sein Lebenlang unter dem Drucke seiner sinnlichen und leidenschaftlichen Individualität sowohl, wie unter der vollen Ungunst äußerer Umstände zu sehr, als daß seine Talente zu ihrer schönsten Blüthe und Entwicklung hätten gelangen können.

[S. 428] Diese biographischen Nachrichten theilte ich so ausführlich mit, weil Bürger ein so durchaus subjectiver Dichter ist, so daß man die Mehrzahl seiner Gedichte nur versteht, wenn man sein Leben kennt.
   Er ward als Dichter von seiner Zeit enthusiastisch verehrt; seine Balladen und erzählenden Gedichte wurden als das Höchste in dieser Art gepriesen. Auf den ersten Blick scheint dies Lob verdient; wenn man aber näher hinblickt, so findet man darin neben einander liegen: das Hohe und Gemeine, das Innigempfundene und das Frivole, den Ernst der Idee und den Leichtsinn des oberflächlichen Witzes, die Wahrheit der Natur und gesuchte Künstlichkeit, Lebendigkeit und Frische in der Komposition und dabei matte, zersplitternde Ausführung im Einzelnen, ohne organischen Zusammenhang; dazu kommt noch ein buntes Gemisch von Tugendbegeisterung und Lust an der Sünde, von Geschmack und Geschmacklosigkeit. Genug, in seinen Gedichten steht der ganze Bürger vor uns. Statt wahrhaft zu idealisiren (d.h. das Endliche, Vergängliche auf das Unendliche, Unvergängliche, was den Dingen innewohnt, zu richten) bringt er vielmehr eine Menge Formen, Farben, Bilder zusammen, die wohl durch einen gewissen Schimmer blenden, aber den feinern, ästhetischen Sinn nicht befriedigen. So hat er auch das Volkslied nur in seiner Entartung, wo es trivial und weitschweifig ist, aufgefaßt; die viel gepriesene Lenore gibt den Beweis davon! Schiller sprach es zuerst in seiner (von Manchen ´hart´ genannten) Recension der Bürgerschen Gedichte aus, daß Bürgers Idee von der Volkspoesie nicht die richtige sei. [...] Dies, meine ich, drängt sich Einem ordentlich auf, sowohl bei seiner Lenore, wie bei der Entführung, den beiden bekanntesten seiner Balladen; wir wollen uns auf die erstere beschränken. Sie ist nach meiner Ansicht das Vorbild dazu, wie eine Ballade nicht sein soll! Der Charakter des ächten Volksliedes sowohl wie der ächten Ballade ist Einfachheit, möglichste Kürze und Raschheit im Gange der Handlung, Vermeiden aller umständlichen Beschreibung; Alles wird mehr angedeutet, als ausführlich mitgetheilt, und der Hörer ahnt die Tiefe des Gefühls mehr, als daß sie ihm deutlich gemacht würde. - So sind die schönsten, ächtesten alten Balladen, die wir haben - aber so ist die Lenore nicht! - Statt aller weiteren Worte darüber theile ich Ihnen hier eine aus dem Schottischen übersetzte Ballade mit, die sich in Herders Völkerstimmen (die ich Ihnen hier nachträglich nochmals dringend empfehle) findet. Sie werden sie ganz dem Geiste der ächten Ballade, den ich vorhin angab,
 gemäß finden!
    [Wilhelms Geist]

[S. 431] Wie leise nur angedeutet, und doch so rührend klar liegt hier die tiefste, innigste Fülle der Liebe eines ächt weiblichen Herzens vor uns! Erst in der Weigerung, das ihr so liebe Treuwort zurückzugeben, dann in der Eile, wo mit sie es thut, sobald sie weiß, daß dem Geliebten Ruhe dadurch wird! und darauf die Hast, womit sie die Kleider überwirft, ihm furchtlos folgt durch die dunkle Nacht, und nur ängstlich forscht, ob wohl noch Raum für sie in seinem Grabe sei? und wie sie dann endlich, als die geliebte Gestalt vor ihren Augen in Nebel zerrinnt, beinah lautlos zusammensinkt und ihr das Herz bricht! Wie viel Gefühl, wie viel
Handlung und - wie wenig Worte! Lesen Sie nun gleich nach dieser Ballade Bürgers Lenore - und Sie werden hoffentlich zu meiner Meinung übergehen, und diesen unendlichen Schwall von Worten und beschreibenden Wiederholungen auch sehr unpoetisch finden!
   Unter Bürgers übrigen Gedichten gehören zu den bessern: das Lied vom braven Manne; die Weiber von Weinsberg; der Abt und der Kaiser; der Graurock und die Pilgerin; das Blümchen Wunderhold und noch einige andere. Auch hat Bürger das Verdienst, das Sonett wieder bei uns eingeführt zu haben. “

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1853

Gervinus, Georg Gottfried. Klopstock´s Schule. (Die Göttinger). In: Geschichte der Deutschen Dichtung. Fünfter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 28] Der ungeheure Zwiespalt, den die Stimmung der Zeit damals in der Natur der Menschen vielfach hervorrief, die Kluft, die sie zwischen verschiedene Altersstufen legte, die Zerrissenheit und Verworrenheit, die sie über reine Gemüther und gerade Köpfe warf, die Irrungen an Beruf und Fähigkeit, die Widersprüche in den Bestrebungen und Handlungen, in Zwecken und Mitteln, die sie veranlasste, ließen sich schon bisher an so Vielen beobachten; wir haben diese und ähnliche Zerrüttungen in traurigen Beispielen, in widerlichen oder lächerlichen Karrikaturen gesehen; in einer gewissen mittlern Fülle, und in einer Art Gleichgewicht von glücklicher Kraftäußerung und tragischen Irrgängen, finden wir sie in Gottfr. Aug. Bürger (aus dem Halberstädtischen 1748 94).

[S. 30] Solche Männer, die nur ihre Leidenschaft Natur nennen, und, weil sie ihr blind gehorchen, der Natur um so näher zu stehen
glauben, sind doch immer am wenigsten fähig, auch nur ahnungsweise ihrem Abgotte die Gesetze der Wechselwirkung abzulauschen, die zwischen Natur und Schicksal des Menschen geheimnißvoll walten. Wer Bürger´s Selbstschilderungen an Boie und an sein schwäbisches Mädchen gelesen hat, der kennt ihn besser als durch alle Charakteristiken und Biographien, und wird leicht einsehen, auch wenn er nicht der kalte Vernünftler ist, über den der Dichter klagt, daß über den verschuldeten und scheinbar unverschuldeten Schicksalen des Mannes nur Eine Nemesis schwebt, die ihre Warnungen und Strafen ganz aus seiner Natur und seinem Wesen nahm.

[S. 31] Er scheint auf der Einen Seite mehr als irgend ein deutscher Dichter das Naturgenie zu sein, das jene Zeiten suchten, das die Gabe der Dichtung nur so anweht und anfliegt: denn nichts scheint sich weniger lernen zu lassen, als jene Wahrheit und Kraft, jene phantasievolle Lebendigkeit, jenes eigenthümliche Feuer, das wir in Bürger's Gedichten theilweise finden; nichts scheint so weit von Ueberlegung abzuliegen, als jene Naturkraft, die über alle Ordnung wegspringt, die das Tragische und Komische, Ernst und Scherz, Erhabenes und Groteskes in Einem Ganzen faßt; nichts scheint alle Regel so zu verschmähen, als sein Hohn gegen Batteur und die Battensianer, als seine Manier und seine anfänglichen Grundsätze, die der alten Romanzen ohne Zweck und Leben, ohne ´glücklichen Wurf´, ohne Sprung der Bilder und Empfindungen spotteten. Ganz auf dieser Seite liegt sein Bestreben nach Popularität: er hielt sie in einem poetischen Werke für das Siegel seiner Vollkommenheit; er wollte die Kunst nicht in enge Zellen gezogen, sondern auf dem Markt des Lebens gelassen wissen; er suchte hier die Musterstücke der Naturpoesie, verschmähte die Göttersprache und die Witz- und Lehrdichtung, und ließ die ´sogenannte höhere Lyrik laufen, wohin sie wolle.´ Er hielt sich an das Volkslied, nach dem er auf Bleichen und Spinnstuben lauschte, in dem er die wahren Ausgüsse der einheimischen deutschen Natur in Phantasie und Empfindung gewahrte, die er aus dem Leben selbst wieder schöpfen und in solche Gesänge ausstreuen wollte, welche wieder auf der Bleiche so wohl gefallen sollten wie in der Adelstube. Zu allem diesem bildet es aber einen sonderbaren Gegensatz, daß er diese Volkspoesie doch gleichsam gelernt hat.

[S. 32] Die erste Frucht seiner gesteigerten Stimmung war die Lenore, die berühmteste der Balladen, die Bürger´n berühmt gemacht haben, eben der Gattung, wo er am kühnsten, am übermüthigsten, am meisten dem blinden Zuge des Genius überlassen und jener shakespeare´schen Natur und Urkraft nahe zu kommen scheint. Kein neuerer Dichter hat in diesem Zweige so anschaulich gemacht wie Er, daß die Ballade die Anfänge der dramatischen Kunst gleichsam in sich schließt und in dem Wechsel der verschiedensten Leidenschaften und Regungen ihren Gesetzen folgt, so daß auch zum Vortragen nichts so gerne gewählt wird wie bürger´sche Balladen. Keiner hat in diesem kleinen Raume so sehr die Quintessenz einer Handlung, den Fünftelsaft, wie Bürger sagt, so zusammengepreßt, daß ein größeres Dichtungswerk damit geistig zu beleben war. Keiner hat darin jene alten romantischen Gegenstände mit solcher burlesker Keckheit geschmeidig für ein mittleres Publikum gemacht, ohne sie zu zerstören, oder die dürftigen Handlungen der Gegenwart in jener Weise zu heben gesucht, wie neuere Künstler unsere widerstrebenden Trachten unten den Meisel zwangen. Sieht man aber Bürger's Verfahren näher zu, so finden wir in der Entstehungsgeschichte der Lenore am stärksten jenes Zwiespältige in seinen Gaben und seinem Verfahren vorliegen.

[S. 33] So erscheint denn Bürger als ein pathologischer und kritischer Dichter zugleich, als Natur- und Kunstpoet, als Volks- und Minnesänger, wie sein Landsmann Gleim, aus nordischer und südlicher Schule zugleich, beherrscht von Empfindungen und von Ueberlegungen; die Naturwahrheiten seiner Gemälde scheinen uns nachlässig mit grobem Griffel hingeworfen, und sind, in der Nähe betrachtet, wie so viele niederländische Bilder, mit dem feinsten Pinsel ausgemalt. Das Ungleiche der Behandlung, der Streit von Kunst und Natur, von Allgemeinheit und Besonderheit, von Begabtheit und leichtfertiger Benutzung des Talentes, von Poesieglanz und Plattheit fiel Schiller´n in unserem Volkssänger, auf der an Homer emporsah und die Frau Schnips besang, der unter das höchste Maß der Kunst gehalten zu werden verdiente und sich selbst so oft herabwürdigte, der eine Volksthümlichkeit in jenem höchsten Sinne anstrebte, nach dem er mit der Größe seiner Kunst die Kluft zwischen den gebildeten Ständen und dem Volke auszufüllen hoffte, und dabei sich mit dem Volke vermischte, zu dem er sich herablassen sollte.  [...]
   Jene ächte Volksthümlichkeit, die Bürger empfahl, die Bürger selber bezweckte, hat Schiller wie kein anderer deutscher Dichter erreicht; er war also gewiß wie kein Anderer berechtigt, den talentvollen Dichter, den er so weit über alle seine lyrischen Nebenbuhler setzte, wie er ihn hinter dem höchsten Schönen zurückbleiben sah, über den Gebrauch seiner Fähigkeiten zur Rede zu setzen. Daß er dabei nur das Fehlerhafte, wenn man wolle ungerechterweise, hervorhob, gestand er selbst: er that es, nicht allein um die Würde der Kunst kräftig zu verfechten, nicht allein um den schlummernden Dichter aufzuwecken, von dem er wußte, daß man ihm die Kritik empfehlen durfte, ohne seinen Genius zu zerstören, er that es auch, um nach den eigenen Erfahrungen, die er an sich selbst gemacht hatte, den Menschen zu erschüttern und zu nöthigen, sich zusammenzuraffen; denn er legte ein schweres Gewicht auf jene inneren Unebenheiten der Gedichte, ´die das Urtheil aufdrängen, der Geist, der sich hier darstelle, sei kein gereifter vollendeter Geist´.

[S. 35] Wir wollen übrigens noch einmal erinnern. daß Schiller nur auf dem Tadel weilte, wie er bei Matthisson nur auf dem Lobe ruht; wir müssen beifügen, daß, wenn hier die poetische Landschafterei in Schutz genommen wird, bei Bürger´n das Genre und die Bambocciaden mindestens den gleichen Schutz verdienten. Und aus unserm historischen Gesichtspunkte müssen wir zur Erklärung der Ungleichheiten in Bürger mildernd anführen, daß sie auch auf Rechnung der norddeutschen Natur kommen. In ihm ist Klopstock's pathologische Poesie, Ramler's Korrektheitsprincip und Herder's einfacher Geschmack, die ächt norddeutschen Poesieelemente, vereint, und durch die heißen Jahre der Geniezeit ist diese halb Empfindungs- halb Verstandesdichtuug bei ihm zu einem vorübergehenden Glanze gekommen, der die Mühseligkeit, Berechnung und Technik verdeckt, die bei Bürger wohl noch stärker waren als bei Voß. Mit dieser zur Kunst schwerfälligeren Natur hängt das Entgegengesetzte zusammen: sowohl die Liebhaberei an dem einfachen Volksliede, die in neuerer Zeit über ganz Norddeutschland verbreitet, ist als auch das Auftragen in Sprache und Bildern, und in Anwendung von allerhand Reizmitteln. So fiel Klopstock auf seine Erhabenheit, Voß auf seine Schwere, der ganze Bund in seine pathetische Feierlichkeit; in Bürger's Balladen führte dieser Zug zu den Schreckmitteln, die er wie ein ächter Bänkelsänger so weit trieb, daß er bei Vorlesung der Lenore mit äußeren Zurüstungen und Hülfsmitteln den Schauder zu erhöhen strebte.”

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1853

Anonym. Neuer Plutarch, oder Bildnisse und Biographien der berühmtesten Männer und Frauen aller Nationen und Stände von den älteren bis auf unsere Zeiten. II. Band. Pesth.  Digitalisiert von Google

“[S. 369] Die Zahl und der Gehalt dessen, was er in einem kurzen Leben und in stetem Kampfe mit Kummer, Mangel und Widerwärtigkeit geleistet, legt ein vortheilhaftes Zeugniß für seine Standhaftigkeit und Seelenstärke ab, die sich nur widerstrebend von dem Unglücke niederbeugen, von jeder scheinbaren oder vorübergehenden Freude sich schnell aufrichten ließ. Seine ausgeprägte Sinnlichkeit, die im wirklichen Leben oft einen kranken und überreizten Charakter annahm und eigentlich der dunkle, Unheil spinnende Faden war, der sein ganzes Dasein durchzieht, schlägt in seinen Gedichten eine frischere, gesundere Richtung ein, wenn sie auch häufig das poetische Element unter der Wucht der Materie erstickt. Der idealische Schiller fühlte sich hiervon tief und unangenehm berührt, und sprach in seiner bekannten Recension sich streng, ja hart darüber aus. Bürger empfand diesen Tadel wohl nicht so schmerzlich, als man gewöhnlich erzählt; vielmehr soll er, nach dem Zeugnisse seines Schwestersohnes Müllner, es nur beiläufig übel genommen haben, daß ein junger Mensch, der eine Räuberkomödie geschrieben, jetzt über seine Gedichte herfalle. Auf Idealisiren verstand Bürger sich freilich nicht; aber ein froher, kraftvoller, genußbedürftiger Natursinn, der allerdings bisweilen an´s Animalische streift, weht aus seinen Liedern. Darum wurden sie auch vom Volke, das sinnlichen Eindrücken am zugänglichsten ist, schnell begriffen und geliebt. Und in dieser Macht über den Menschen im einfachsten, ursprünglichsten Zustande, beruht Bürger's Größe und Eigenthümlichkeit. Er schmeichelt allen Neigungen des Naturmenschen; er reizt ihn durch lebendige, bunte Farben, durch gefällige, hin und wieder beinahe frivole Schilderung schöner Formen, er erregt in seiner Meisterballade: ´Leonore,´ den im Volke wurzelnden Sinn für das Schaurige und Unheimliche, singt ihm im ´Lied vom braven Mann´ ein Exempel schlichter, hausbackener Tugend vor, und ahmt ihm, wie einem gelehrigen Kinde, in beiden Liedern das Heulen des Sturmes, das Krachen und Bersten der Eisschollen, den Schall der Huftritte des Geisterrosses nach; kurz, er bestrickt den Sinn des Volkes durch seine Bilder, wie durch die ausdruckvolle Musik seiner Sprache, die selbst dem todten und verworrenen Naturlaute eine harmonische und rythmische Deutung verleiht. So war Bürger zwar keiner der erhabenen Dichter, aber ein Volkssänger im vollen Begriffe des Wortes.“

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1853

Pauli, E. Lithographieen. In: Deutsches Kunstblatt. 5. August. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 280] Balladen und Romanzen deutscher Klassiker in Bildern. Herausgegeben von Friedr. Hohe und A. Brugger in München. Imp.-Fol. (Erscheint in Heften,) Das uns vorliegende Heft besteht aus vier Blättern, von denen jedes eine Composition enthält. Sämmtliche Bilder sind von T. Muttenthaler erfunden, von F. Hohe auf Stein gezeichnet und in der lithographischen Anstalt von J. B. Kuhn mit zwei Tönen gedruckt. Jeder Darstellung ist die ihr zu Grunde liegende Stelle des betreffenden Gedichtes hinzugefügt.
   Auf dem ersten Blatte wird uns eine Composition aus dem ´Erlkönig´ von Göthe dargeboten und zwar nach den Versen:
   — „Ich lieb Dich, mich reizt Deine schöne Gestalt", u. s. w.;
das zweite Bild behandelt die so ungemein phantastische Stelle aus Bürgers ´Lenore´:
   — ´Siehe da! siehe da! am Hochgericht
   Tanzt um des Rades Spindel´ u. s. w. “

 

1853

Rosenkranz, Karl. Das Gespenstische. In: Aesthetik des Hässlichen. Königsberg. Digitalisiert von Google

“[S. 342] Der Schatten ist, wie sein Name schon besagt, ohne Greiflichkeit. Er ist zwar sichtbar und hörbar, allein unfaßlich und daher von den materiellen Schranken unbeirrt. Er kommt und geht — überall und ist, der Zeit nach, kaum an das ihm günstige Dunkel der Nacht gebunden. Die in's Düstere malende Vorstellung wird in ihm das Grabhafte abspiegeln, wie die Balladen besonders die Gerippe und Todtenhemden lieben, zuweilen aber, wie gleich in Bürgers Lenore, den Schatten scheinbar auch in der Form der vollen Wirklichkeit auftreten lassen. “

 

1853

Anonym. Aus Mainz. In: Süddeutsche Musik-Zeitung, 21. März. Mainz. Digitalisiert von Google

“ [S. 46] Es gehört wahrlich mehr als stoische Geduld dazu, von Anbruch des Tages bis zur sinkenden Nacht bald von einem Orpheus mit verstimmter Drehorgel, bald von einigen Dorf-Paganini's, bald von einer Dekade ´Bergknappen´, bald von allen zugleich gemartert und zur Verzweiflung gebracht zu werden. Doch ´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!´ - Ich habe einen ziemlich langen Nachtrag unserer musikalischen Ereignisse zu liefern und fange füglich mit der Oper an.“

 

1853

Günther, Friedrich Joachim. G. A. Bürger. In: Die Deutsche Literatur in ihren Meistern. Halberstadt. Digitalisiert von Google

“[S. 398] Gottfr. Aug. Bürger (geb. 1748 zu Molmerswende am Unterharz, gest. nach einem unordentlichen, gemeinen Leben in Armuth und geistigem, wie leiblichem Elend 1794 in Göttingen) machte mit der von Rousseau gelehrten (und ebenfalls ausgeführten) Rückkehr in den rohen Naturzustand der Liederlichkeit auch Ernst, besang mit viel Feuer und natürlicher Wahrheit die ehebrecherisch geliebte Molly, kam durch Percy's Sammlung altenglischer Volkslieder und durch Herder's Hinweisung auf den Volksgesang zu dem Entschlusse, ein Volksdichter zu werden, traf in einigen (´die Kuh, der wilde Jäger, der Kaiser und der Abt, der brave Mann´ und vor Allem in der ´Lenore´) glücklich den rechten Ton, durfte auf eine hohe Stellung als Volksdichter hoffen, versank aber persönlich tiefer in Schmutz und Gemeinheit, dichterisch auch in Bänkelsängerei, versuchte sich in Uebersetzungen von Homer, Ossian und Shakespeare und empfing noch bei Lebzeiten durch die gerechte Verwerfung seines unsittlichen Strebens von Schiller die schmerzliche, aber nicht unverdiente Strafe. “

 

1853

Zeugflicker. Hiesiges. In: Augsburger Tagblatt, 11. April. Augsburg. Digitalisiert von Google

“Es wurde jüngst im ´Tagblatte´ angeregt, man möchte zur Erweiterung des Anstoßgäßchen einige Mauer schleifen und Häuser abschleifen. Dieser Wunsch wurde Gegenstand einer magistratischen Besprechung, und als sich herausstellte, daß die Commune durch Erweiterung des Anstoßgäßchen nicht das Salz in die Suppe verdiente, so ließ man den Plan, das Anstoßgäßchen fahrbar zu machen, ruhig und gemüthlich abfahren. Nun plagt mich aber schon wieder der Gäßchen-Erweiterungs-Trieb, und es ist mir, als ´würde mir's zu eng im Schloß´, deshalb sattle ich nicht mein Dänenroß; sondern den Hippogryphen und die Muse wird mir Schutz verleihen, daß ich mir Ruh´ erreite, und die Herzen Derer erweiche, die sich allenfalls der Herzerweiterung der Stadt widersetzen möchten. “

 

1853

Reichlin-Meldegg, Karl Alexander Freiherr von. Heinrich Eberhard Gottlob Paulus und seine Zeit. Erster Band. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 435] Manches, was ihn von dem Vorgelesenen besonders anzog, ließ er sich auch abschreiben.
So aus Bürger:
       ´ Klagen wagen jetzt sich zu erheben,
        Daß der Großen Willkür sich im Hochmuth übt.
        Wann wird mit dem Hochmuth sich es geben?
        Wann erst mit der Kriecherei des Volkes es sich gibt.´
und
        ´Vor Feuersgluth, vor Wassersnoth,
         Mag sicher fort der Erdball rücken.
         Wenn noch ein Untergang ihm droht,
         So wird er im Papier ersticken.´
Besonders aber gefiel ihm Bürgers Prometheus. “

 

1853

N-n. Muthmaßungen über die Entstehung der Erde, ihr Alter und den wahrscheinlichen Untergang derselben. In: Hamburger Literarische und Kritische Blätter, 15. Januar. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 43] Unter Bürgers Dichtungen findet sich ein Epigramm, welches verkündigt:
      Vor Feuersgluth, vor Wassersnoth,
      Mag ruhig fort der Erdball rücken,
      Wenn noch ein Untergang ihm droht,
      So wird er in Papier ersticken.
Möglich, daß es von dieser Voraussagung einst heißen wird: probatum est, sie hat sich bestätigt. “

 

1853

Schmölder, Joseph. Ein Kapitelchen über die Liebe und die Ehe. In: Humoristischer Flaschenkeller. Frankfurt am Main. Digitalisiert von Google

“[S. 120] Nun das Uebrige wissen Sie. Schon Petrarka, als ihm einer wegen seines unermüdlichen Liebesangs zurief: ´Ei, so heirath' doch zum Henker Deine Laura!´ antwortete er: ´Ja, lieber Alter, Du hast gut sprechen, wo aber nehm' ich nachher die zärtlichen Gefühle her?!´ Meine hochgeschätzten Damen, ich bitte für den lorbeerbekränzten Petrarka um Entschuldigung; er war ein jalouer Italiener. Ueberhaupt sind die Dichter keine guten Ehemänner; denn in der Ehe gilt das Dichten nichts, sondern die nackte Wahrheit. Auch ist nicht Alles wahr, was die Dichter sagen. Was halten Sie z. B. von folgendem Schwanengesang Bürgers, dem Dichter der Pfarrerstochter? Ich will Ihnen die Strophe durch meinen bezaubernden Gesang verherrlichen; hören Sie:
   Die Liebe ist ein bitteres Kraut,
   Tralla la,
   Sie stickt dem Menschen in der Haut,
   Tralla la,
   So wie die Wurst im Sauerkraut
   Tralla la, Tralla la, usw.
Glauben Sie, daß es dem Bürger mit diesem Lied Ernst gewesen? Ei behüte! Wie hätte er sich sonst zwei bittere Kräutchen auf einmal genommen? “

 

1853

Zeising, Adolph. Der Bösewicht. Eine Winterabendgeschichte. In: Passauer Flora, 12. November. Digitalisiert von Google

“[S. 537] Ich wollt er blies die Reveille! Aber er bläst so serenadensanft, so nocturnomäßig, wie ein verschmachtender Liebhaber:
   Holla, holla, thu' auf mein Kind!
   Schläfst, Liebchen, oder wachst Du?
   Wie bist noch gegen mich gesinnt,
   Und weinest oder lachst Du? -
Hol's der Henker! Ich höre sie weder weinen noch lachen! Sie ist die Dame vom steinernen Herzen und ich der Ritter vom erfrornen Witz! “

 

1853

Kennedy, John P. Hufeisen-Robinson. In's Deutsche übertragen von Wm. E. Drugulin. Dritter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 5] Erstes Kapitel.
     Mach auf, mach auf Dein Kämmerlein,
     Schläfst Liebchen oder wachst Du?
                Bürger's ´Leonore
An dem Ufer des Ennoree auf einem kleinen Wieseneckchen, welches durch eine Krümmung des Flusses gebildet wurde, der von Weiden besäumt, beinahe in einem Halbkreise um dasselbe strömte, lag nur wenig Schritte vom Wasser entfernt, ein hübsches kleines Häuschen mit einer Gruppe von Nebengebäuden, welche Alles, was zu einer wohlhäbigen Farm gehört, umschlossen. “

 

1853

Steudener, A. [Rez] Ueber den Ursprung der Sprache, von Jacob Grimm. 1852. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Dreizehnter Band. Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 459] Verbindungen wie: Träume sind Schäume, singen und Springen, Sang und Klang, Lug und Trug mögen als solche Reimformeln gelten, mit denen freilich jene anderen nicht zu verwechseln sind, die ihr Entstehen und Bestehen der häufigen Wiederkehr einer Situation verdanken, wie das Bürgersche:
        Schläfst Liebchen oder wachst Du
        . . . . . . . . . .
        Und weinest der lachst Du?
ein Klang, der sich in mannigfacher Modulation in unserer Volksdichtung wiederholt. Dergleichen wird der Poesie mehr durch die Noth der Umstände aufgedrängt und gehört zu dem Reime, den Echtermeyer nach Poggel den symmetrischen und architektonisch wirkenden genannt hat, ohne den allerdings unsere Sprache nicht, wie sie es gethan, diese ganze schöne Literatur in Reime hätte bringen können, und der ohne selbstständige Wirkung gleichsam der Mörtel ist an der klingenden Marmorsäule des Gedichts. “

 

1853

Allgemeine Bibliographie für Deutschland. Nr. 38, 22. September 1853. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 324] Hürte, Norb.
- Lenore. Eine Geschichte aus dem siebenjähr. Kriege. Aufs Neue für's Volk erzählt. 8. (68 S. m. eingedr. Holzschn.) Ebd. “

 

1853

Mehrere Autoren. Deutsche Synonymik. Zweiter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 81] Liebeln. Löffeln, [ü.] Einen Liebeshandel treiben ohne den ernsten Zweck dauernder Verbindung, [v.] Liebeln zeigt schon durch die Verkleinerungsform einen geringeren Grad des Liebens an, und hat die Nebenbedeutung des leicht vorübergehenden, nicht ernsten, nur als Spiel betriebenen Liebens. Ein Vater verhütet daher Liebelei seiner Töchter und mit seinen Töchtern, wenn er gleich der wahren Liebe nicht wehrt. — Löffeln, nach Weigand von Laffan, Lecken, wovon auch Löffel abstammt, führt auf die Bedeutung von Naschen, Kosten, Schmecken. Wer nur nascht, Der will nicht das ganze Gericht zu sich nehmen, sondern nur das Appetitliche davon; das Uebrige lässt er stehen. Löffeln ist darum weit schlimmer als Liebeln. ´Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht; Sie löffeln wol, und wandern Von Einer zu der Andern, Und freien Keine nicht.´ Bürger. “

 

1853

Henneberger, August. Das deutsche Drama der Gegenwart, Greifswald. Digitalisiert von Google

“[S. 31] Es war eine äußerst unglückliche Idee, die widerliche Liebesgeschichte Bürgers mit Molly zu dramatisiren. Wer soll Freude und Interesse daran finden, durch fünf Akte hindurch eine recht verständige Frau hinsterben zu sehen, weil ihr Gatte durch seinen Genius und mit demselben auch einen sittlichen Freibrief erhalten zu haben glaubt? Diese häuslichen Mißverhältnisse, meist Bürgers eigne Schuld, sind recht traurig aber wahrhaftig nicht tragisch. Und wenn für den schlechten Stoff wenigstens durch äußere dramatische Mittel etwas gethan wäre. Aber die Disposition ist sehr ungeschickt, oder vielmehr gar keine. Das ganze Drama ist eine Reihenfolge schlecht zusammenhängender einzelner Scenen, von denen noch dazu ein guter Theil vollständig überflüssig scheint.”
 

1853

Rochholz, Ernst Ludwig. Das Zahl- und Ziellose. In: Deutsche Arbeits-Entwürfe, Mannheim. Digitalisiert von Google

“[S. 86] Das Gefühl, daß diese Gestirne alle Menschen und alle Zeiten des Erdbodens verknüpfen, daß sie alles gesehen haben von Anbeginn an, alles sehen werden; darin verliere ich mich immer beim Anblick des gestirnten Himmels. E. Maier's W. v. Humboldt. S. 92 u. 141. -
  Dieses von W. Humboldt an die ewige Sternenwelt geknüpfte Gefühl ergriff als Vorstellung und Gedächtniß aller Zeiten und aller Völker auch den Knaben G. A. Bürger, als er bei einer Beerdigung das alte Kirchenlied singen hörte: ´O Ewigkeit, du Donnerwort;´ er behauptete später, aus diesen Strophen seine erste Anregung zur Dichtkunst erhalten zu haben. Althof, Nachrichten von Bürgers Lebensumständen, 1798. Göthe, der bei übersinnlichen Gegenständen nicht gerne aushielt, meint bei Beurtheilung eben dieses Liedes freilich (in der Recension von Brentano's Wunderhorn, Bd. 33, 195) ´wenn man die Menschen confus machen wolle, so sei dies ganz der Weg dazu.´ Dagegen strebte der schwunghafte Schiller schon in seinem Jugendgedichte ´Größe der Welt´ in jener ´aufglimmenden Inselflur von Uranusmonden´ (Kosmos 1, 20) den Strand zu finden, wo der Markstein der Schöpfung steht. Damals warf seine kühne Seglerin, die Phantasie, ihr noch unnützes Steuer bald aus der Hand. Als aber sein Denken inniger und besonnener geworden war, wurde auch ihm, wie dem Dichter Bürger, der öde Begriff des Raum- und Ziellosen zu dem Darstellbaren und gemüthlichfaßlichen einer liebevollen milden Schönheit.”
 

1853

Anonym. Neueste Weltgeschichte oder der kleine Becker in der Westentasche. In: Komischer Volks-Kalender, Hamburg.  Digitalisiert von Google

“000000 v. Chr. G. Erschaffung der Welt
 1854  n. Chr. G. Erschlaffung Deutschlands. 
    [...]
 1854  n.       Der Stadtrath Wöniger in Berlin erfindet Behufs weniger kostspieligen
              Feuervernichtungs-Apparate das Löschpapier.
    [...]
 1855 n. Chr. G. Der seelige Bürger lernt die Königl. Hofschauspielerin Lina Fuhr kennen und ändert ihr zu Ehren die
              Anfangsworte des bekannten Gedichte in ´Lina Fuhr um's Morgenroth´ um.”

 

1853

Bornstedt, Louise von. Der kleine Grübler. In: Wiener Modespiegel, 21. April. Digitalisiert von Google

“[S. 249]
     O Poesie, du bist noch heute
     Der ganzen Menschheit Bilderbuch,
     Und war ich einstens deine Beute
     Als deinem Cid das Herz mir schlug,
     Wie Leonor ums Morgenroth gefahren,
     Das, das begriff ich erst nach wenig Jahren.”

 

1853

Frei, Ernst. Ein Räuberstückchen. In: Nickel List und seine Spießgesellen, Neusalza. Digitalisiert von Google

“[S. 67] Leopold. ´Wir wollen Ihnen wenigstens ein Reitpferd mitbringen, daß Sie ein ander Mal mit uns einen Spazierritt machen können.´

 List. ´Sie werden an mir einen Dankbaren finden.´

 Leopold. ´Adieu, Herr Wirth, wenn wir wieder kommen, erhalten Sie Ihr zugesichertes Reitpferd.´Rasch ging der Flug zum Thor hinaus und in wenig Minuten war das Dorf hinter ihnen.
     Und immer weiter, hopp, hopp, hopp,
     Gings fort in sausendem Galopp,
     Daß Roß und Reiter schnoben
     Und Kies und Funken stoben.”

 

1853

P. Rez. Handbuch der Erdbeschreibung von A. Rohlfs. In: Rheinische Blätter für Erziehung und Unterricht, Januar bis Juni, Essen. Digitalisiert von Google

“[S. 222] Und wie jetzt, an des Verfassers erster Bildungsstätte, wo Henning's Andenken fort und fort in hohen Ehren steht, ihm nicht mehr in diesem Stücke beigepflichtet wird, so dürfte es noch an gar vielen anderen Orten, ja in den letzten Jahrzehenden sogar im Cösliner Seminar und seinen Schulen, unter Henning's eigenen Augen, der Fall gewesen sein und noch sein. Mancher der eographischen Termini bedarf übrigens gar nicht einmal einer ganz ausdrücklichen Definition. Wer in der Schule damit vorrückt, dem kann es aus mancher Schüler Auge hervorleuchten, was der Schäfer in Bürger's ´Kaiser und Abt´ unter Anderm sagt: „Was ihr euch Gelehrte für Geld nicht erwerbt, das habe ich von meiner Frau Mutter geerbt.´”

 

1854

Zimmermann. Genien der deutschen Poesie. Bürger. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Fünfzehnter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 137] Der Entfaltung sein großartigen Gaben stand, nächst seinen sittlichen Schwächen, vorzüglich der Mangel an gründlicher Wissenschaftlichkeit entgegen. Es fehlte ihm die Männlichkeit des Denkens, das ernste Ringen nach einer tieferen Weltansicht. Auch zur Kantischen Lehre verhielt er sich nur empfangend, nicht fortschaffend, und nirgend erweckte sie in ihm den wissenschaftlichen Tiefsinn. Daher bewegten sich auch die Betrachtungen, die er über seine Kunst anstellte, um Aeußerlichkeiten, und die wenigen Grundsätze, auf die er sie zurückführen wollte, sind verworren und dürftig.[...] Ueber seine vorzüglicheren Gedichte finden wir vor Allem eine unnachahmliche, bezaubernde Anmuth hingehaucht, in der ihn vielleicht nur Göthe hinter sich zurückließ. Diese Anmuth liegt hauptsächlich in dem reizenden Spiele der Farben und in der Musik der Verse. Wie vom Schmeicheln und Kosen der Liebe erweckt, scheint der Gesang des Dichters oft ihre süßesten Geheimnisse auszuplaudern. Seine Bilder sind dann wie von der maidlichen Gluth der jugendlichen Wangen angeröthet, und ihre holde Verwirrung scheint von einem zarten, weiblichen Finger künstlich geordnet zu sein. Aber nicht blos der überschwengliche Drang der Liebe, nicht blos die unendliche Erregbarkeit der Sinne, auch eine deutsche Herzensgüte ohne Gleichen weben an dieser Grazie. Mitleid, Biedersinn und Mannestreue begegnen uns hier in den holdseligsten Gestalten.

[S. 138] Eine oft widerliche Störung erfährt die Anmuth seiner Poesie durch den von ihm befolgten Grundsatz der Volksmäßigkeit oder Popularität. Indem er die halbe und gefährliche Ansicht aus Herder schöpfte, der Dichter solle, von allen Fesseln der Nachahmung und des Herkommens frei, sich ausschließlich der Natur unterwerfen und allein aus ihrer Quelle seinen Stoff, seine Anregung und Begeisterung holen, so verletzte er die heiligen Rechte der Idee, von der die Natur hervorgebracht ist, um ihr ´als spiegelhaltende Sclavin´ zu dienen, um von ihr verklärt und als Sternbild an ihren Himmel versetzt zu werden.

[S. 139] Wie man übrigens diese Bürgerischen Lehrsätze auch immer auslegen mag, in der praktischen Anwendung haben sie seinen Gedichten unendlich geschadet. Die hohe Feinheit und Zartheit der wirklichen und ursprünglichen Volkslieder, die unendliche Innerlichkeit ihrer Empfindungen bei der größten Anspruchslosigkeit der Form, das rasche, dramatische Leben ihrer Erzählung und vor Allem ihre kindliche Keuschheit entging ihm ganz und gar. Fast ohne allen geschichtlichen Zusammenhang mit diesen Vorbildern, erschuf er sich eine künstliche Volksthümlichkeit, die hauptsächlich in der Abstumpfung oder Vernichtung des Idealen, in dem Hervordrängen derber Sinnlichkeit und selbst in einer plumpen Possenreißerei ihre Auszeichnung suchte. Er bildete sich eine Art studentischer Commentsprache, ein Bierpatois aus, von dessen rauhem Basse natürlich die zarten Grazien nur zu oft hinweggescheucht wurden. Mit den heisern Kneiptönen eines bemoseten Hauptes besingt er den Wein in seinem ´Zechliede´. Er gießt die Gaben des Bacchus als achtes Oel auf die Verstandeslampe; aber in anderen Zungen spricht er nicht eher, als wenn er seinen Zungen lieben Leib weidlich vollgeschlungen hat. Man weiß es recht wohl, daß unmäßiges Schlingen und Saufen nicht zu Bürger's Untugenden gehörten; aber in der Poesie meinte er, darin der Popularität zu Liebe, ein Uebriges thun zu müssen. Anderwärts, wie in der ´Frau Schnipps´, glaubt man ihn auf dem Jahrmarkt, vor dem grünen, rothbemalten Wachstuche stehen zu sehen und, während er unter höchst populärem Schnaken mit dem Stocke hinaufdeutet, die bekannte Orgelmelodie gehen zu hören. Für den gemeinsten Janhagel ist aber die Prinzessin Europa gedichtet, in welcher der Mythus wirklich den Hökerweibern und Eckenstehern verständlich und handgreiflich gemacht wird. Nur die größte theoretische Verwirrung macht es begreiflich, daß Bürger solche Gemeinheiten in die Sammlung seiner Werke aufnehmen konnte.

[S. 141] Auch um die edleren Dichtungen Bürger's schwebt ein verlockender Duft der Sinnlichkeit, der den emporstrebenden Gedanken der Freiheit niederzwingen und wie in den Gärten der Lothophogen festbannen will. Sie drohen uns in den Glauben einzuwiegen, der Mensch erreiche seine Bestimmung nicht, ohne die Früchte der irdischen Lust gekostet zu haben.”

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1854

Bechstein, Ludwig. Mythe, Sage, Märe und Fabel im Wesen und Bewußtsein des deutschen Volkes. Erster Theil, Leipzig 

“[S. 27] Dagegen ist dessen [Jacob Ayrer] nun unter XI. folgendes Gedicht: Das Herz, eine ernste Schilderung heißer, obschon verbotener Minne mit ungemein tragischem Ausgange. Es ist ein recht ´wildes Mär´ und keinesweges ein Schwank. Wenn der Stoff auch nicht Sage wurde, so klang er doch in anderen Liedern nach. Boccaccio behandelte ihn novellistisch. Hans Sachs schuf aus der Erzählung des letzteren eine ´klägliche Tragedi´, und Bürger ließ sich die Erzählung vom verspeisten Herzen des Geliebten zur Grundlage seiner Ballade ´Lenardo und Blandine´ dienen, und lieferte den Beweis, wie wenig solche alte Stoffe durch moderne Bearbeitung gewinnen, wie sehr letztere vielmehr häufig dem Ungeschmacke fröhnt, wenn eine solche Märe nicht ganz so schlicht erzählt wird, wie Ottmar F.H. Schönhuth, ein Mann von kindlichem Gemüthe, sie als Volksbuch, Reutlingen 1852, unter dem Titel: ´Historie von Guiskardus und Gismunde´ erneute.“

 

1854

Carriere, Moriz. Das Wesen und die Formen der Poesie. Leipzig,  Digitalisiert von Google

“ [S. 192] Doch ist es der Reichthum und die Gewalt der Empfindung nicht allein was den Lyriker zum Dichter macht, vielmehr wird er es erst dadurch daß er in der Freiheit seines Geistes zugleich über ihren Wogen schwebt, und daß er sich von der Macht derselben befreit, indem er sie aus seinem Herzen hinaus singt, daß er sie harmonisirt, indem er sie ordnend beherrscht und in reinen Formen, in melodischer Folge darstellt. Indem nun die eigene Lust der befreiten, harmonischen Seele aus dem Bild ihrer Gefühle wiederstrahlt, gewinnt dieses erst den herzbezwingenden Zauber der Anmuth; indem aber zugleich die ganze Stärke des Gemüths und seiner Leidenschaften in ihm webt und pulsirt, behält es die Macht den elektrischen Funken auch in des Hörers Seele hinüberzuleiten und magisch ihn zum Genossen der eigenen Lebensstimmung zu machen. — Ein Blick auf drei deutsche Lyriker wird dies darthun.
    Niemand kann einem Bürger die Naturkraft der Empfindung, die Gluth der Leidenschaft, den Sturm und Drang der Gefühle, Niemand seinem Gesang die ergreifende Stärke des vollen Brusttons absprechen. Doch tadelte Schiller an Bürger den Mangel der Idealität, der ihm die eigenen rohen Producte seiner jugendlichen Muse in reiferen Jahren verleidete. Er verlangte, daß das Individuale und Locale zum Allgemeinen erhoben, daß das Mannichfaltige zum Ebenmaß gebracht, daß alle gröbere und fremdartige Beimischung getilgt und der Gegenstand, sei er Empfindung oder Handlung, in reiner allgemeingiltiger Form so dargestellt werde wie er im Lichte der Ewigkeit vor Gott steht als das Urbild, von dem die erscheinende Welt die mehr oder weniger mangelhaften Abbilder gibt, sodaß die zerstreuten Strahlen derselben gerade von der Kunst wieder zu mangellosem Glanze gesammelt werden. Viele Gedichte Bürgers aber sind nicht Gemälde einer eigenthümlichen Seelenlage, sondern Geburten derselben. Die Empfindlichkeit, der Unwille, die Schwermuth des Dichters sind nicht blos der Gegenstand den er besingt, sie sind leider oft auch der Apoll der ihn begeistert.
    Aber ein erzürnter Schauspieler wird uns schwerlich ein edler Repräsentant des Unwillens werden; ein Dichter nehme sich ja in Acht mitten im Schmerz den Schmerz zu besingen. So wie der Dichter selbst blos leidender Theil ist, muß seine Empfindung unausbleiblich von ihrer idealischen Allgemeinheit zu einer unvollkommenen Individualität herabsinken. Nur die heitere, ruhige Seele gebiert das Vollkommene; das Schöne wird nur durch eine Freiheit des Geistes möglich, welche die Uebermacht der Leidenschaft aufhebt. Aus der sanfteren und fernenden Erinnerung mag man dichten, aber ja niemals unter der gegenwärtigen Herrschaft des Affects.
    Schiller hat die einseitige Größe des im Affect dichtenden Bürger richtig erkannt, er ist aber selber zum Theil unter dem Einfluß seiner Theorie durch Reflexion in den entgegengesetzten Fehler verfallen, wir hören seinen lyrischen Gedichten gar oft zu wenig den Herzschlag der Empfindung an, die er zu sehr aus der Ferne anschaut. Sein Lied von der Glocke zum Beispiel gemahnt mich mehr wie reizende Bilder, die außen um den Rand der Glocke sinnig eingegraben sind, als daß der romantische Hall des Glockentons selbst darin wiederklänge und uns mit musikalischer Gewalt in seine Stimmung versetzte. Deshalb ist ihm bei aller Höhe und Größe seines Genius kaum ein leichtes, schlankes, singbares Lied gelungen, so Herrliches er in andern Gebieten geleistet hat, wie wir ihn denn als Meister der Gedankenlyrik werden kennen und verehren lernen.“

 

1854

Anonym. Falkenstein am Harz. In: Meyer´s Universum. Sechzehnter Band. Hildburghausen und New-York.

“[S. 163] Wer kennt nicht Bürger, und wer wüßte nicht seines Pfarrers Tochter zu Taubenheim auswendig? Der Ballade liegt bekanntlich eine wahre Begebenheit zu Grunde, und in jenem Dörfchen ist sie in Scene gegangen. Bürger hat es verstanden vor den Wagen seiner Unsterblichkeit den Pegasus zu spannen wie Keiner. Traurig ist's, das arme Thier jetzt bei so vielen Dichtern zu sehen, wie es im Stall vor dem leeren Reff steht. Was die heutigen Poeten so ungenießbar macht, ist ihr übermäßiger Verstand, der sich von dem Natürlichen und Unbefangenen lossagt und sich abmüht, die Menschen erkennen zu lassen und ihnen darzuthun, was faßlich zu machen ihnen nun einmal versagt ist. Wasser ist ihr Wein, und die geehrten Herren und Frauen werden nicht müde, es in den Sieb zu tragen. Ich rede von den Vielen, nicht von den Wenigen; denn auch die Gegenwart prangt, wie die klassische Zeit, mit unsterblichen Namen. “
 

1854

Tieck, Ludwig. Die Vogelscheuche. In: Ludwig Tieck´s Schriften. Siebenundzwanzigster Band. Novellen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 87] Mit Hanswurst erfahren wir eine Lieblingsspeise des Volkes, und nennen noch traulich den Spaßmacher so; dummer Hans, Hans Dumm ist schon anstößiger, aber Hans — vereinbart mit jenem furchtbaren einsylbigen Laut, den man in der edlen Gesellschaft nie nennen soll, verletzt, zerschmettert, vernichtet und bringt auch den Stärksten aus seiner Fassung. Und doch verlangt Bürger in seiner Bearbeitung des Macbeth, daß er vom Theater in die Logen hinein gerufen werden sollte, denn sein Macbeth nennt im fünften Akte den erschrocknen, weißlebrigten Gesellen mit diesem Titel. Wie Göthe in seiner ersten Ausgabe des Götz von Berlichingen auch Aehnliches und Schlimmeres hat dreist sprechen lassen, ist bekannt genug. “

 

1854

Scherr, Johannes. Neuhochdeutsche Zeit. In: Geschichte der deutschen Literatur.  Digitalisiert von Google.

“[S. 91] Der eigentliche Poet in der göttinger Dichtergruppe ist Gottfried August Bürger (1748-94) aus Wolmerswende bei Harzgerode und er ist es gerade deßhalb, weil er sich nicht, wie die anderen, von der geschmacklosen Hohlheit des Bardenthums bestechen ließ, wenn gleich ein Freiheitsdrang in ihm waltete, der an Kraft und Intensivität den der Hainbündler weit übertraf. Man braucht, um dies wahr zu finden, nur seine eine Strophe vom Mannestrotz mit den Bardenliedern der letzteren zusammenzuhalten. Bürger kannte die Welt und das Leben. Er hatte diese Kenntniß mit zu viel Leid erkauft, um sich den Illusionen der Hainbündler hinzugeben, welche nach Merck´s Ausdruck das Poetische verwirkliche wirkliche wollten. Diese richtige Einsicht bestimmte auch sein Dichten. Er erkannte, daß es seit 1748, wo Klopstock mit dem Messias hervorgetreten, schon lange her sei, daß daher die deutsche Poesie jetzt ganz anderer Anregungen bedürfe, als dieses Gedicht zu gewähren vermöge, und daß man dem poetischen Bedürfniß des Volkes, um es zu befriedigen, andere als Hallelujakost bieten müsse. Auf populäre Wirkung aber war all sein Schaffen - dem wir bekanntlich auch die prächtige Münchhausiade (1787) verdanken - mit Bewußtsein gerichtet, und wenn er dadurch oft zum Hinabgleiten in's Triviale verführt wurde, so stellt er sich im Ganzen doch als wirklichen Volksdichter im besten Sinne dar und wird von unserem Volke dankbar noch immer zu seinen Lieblingspoeten gezählt. Er schulte sein großes Talent zur Balladendichtung, die er in unserer Literatur erst einbürgerte, mit gutem Takt an den altenglischen Balladen, welche Percy 1765 wieder an's Licht gezogen hatte, und schuf dann seine Leonore, seine wilde Jagd, sein Lied vom braven Mann und andere derartige Dichtungen, die durch glückliche Wahl des Stoffes, durch Bestimmtheit der Zeichnung und Lebendigkeit der Malerei, Leichtigkeit des Versbaues und volksthümliche Frische der Sprache nun schon so vieler Generationen Phantasie und Gemüth ergriffen haben und dem Namen ihres Dichters nicht bloß eine bibliothekarische, sondern eine im Herzen und Mund des Volkes lebendige Unsterblichkeit sichern.”

 

1854

Rumpelt, Hermann Bertold.  Abhandlung über die Gattungen der Epik. In: Einladung zu der am 7. und 8. April 1854 abzuhaltenden Prüfung aller Klassen [...]. Breslau. Digitalisiert von Google

“[S. 15] Die Ballade gehört sowohl ihrer historischen Entstehung als ihrem innersten Wesen nach der Volkspoesie an. Sie stammt von den keltischen Stämmen, deren Ueberreste sich namentlich in Schottland, Irland und der Bretagne noch bis heute erhalten haben, und bezeichnet ein Lied in der Volkssprache. Der Charakter dieser Lieder war dem jener Länder und Völker selbst gemäß, bei aller Einfachheit doch ahnungsvoll-dunkel, zum Düstern, ja Schauervollen hinneigend, den Menschen fortwährend ohne Selbstbestimmung, unter dem Einflusse drohender und geheimer Naturgewalten darstellend; die Form knapp gehalten und für den Gesang geeignet; dabei übrigens bald episch, bald lyrisch, ja sogar dramatisch, wie z. B. in dem von Herder so meisterhaft uns übertragenen altschottischen Liede von ´Edward.´ — In Deutschland wurden dergleichen Lieder in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts durch Percy's ´Reliques of ancient english poetry´ (1765) bekannt und erregten solches Interesse, daß nunmehr deutsche Dichter sich gleichfalls in dieser Weise versuchen, d. h. Balladen dichten wollten: ein Beginnen, dessen Unmöglichkeit fiir den Bereich der Kunstpoesie damals noch nicht gewürdigt werden konnte, da der Begriff der Volkspoesie eben erst (durch Herder) leise aufzutauchen begann. Und so entstanden denn eine große Menge meist erzählender Gedichte, von ihren Verfassern und der Mitwelt ´Balladen´ genannt, aber den echten so unähnlich, daß sie oft nicht einmal das Allerwesentlichste: den düstern Inhalt und die sangbare Form mit ihnen gemein hatten. Selbst Schiller noch nannte unter seinen Gedichten die ´Bürgschaft,´ den ´Taucher,´ den ´Gang nach dem Eisenhammer,´ den ´Ring des Polykrates,´ die ´Kraniche des Ibycus,´ den ´Grafen von Habsburg,´ ´Hero und Leander,´ ja sogar ´Ritter Toggenburg´ — Balladen, obschon auch kein einziges darunter den Charakter und Ton einer solchen trägt, vielmehr dieselben eben Erzählungen, oder wenn man einmal diesen Namen in Betracht ziehen will, zum größern Theil Romanzen sind; wenigstens ganz entschieden ´Ritter Toggenburg;´ dies letztre, nach unserer Ansicht übrigens in der Form verunglückte, Gedicht sogar in viel höherem Grade als der ´Kampf mit dem Drachen,´ welches grade Schiller seinerseits als Romanze bezeichnete, während er den ´Handschuh´ einfach eine Erzählung nannte, vermuthlich wegen des nüchternen Inhalts. Mit Recht sind in den neuern Ausgaben diese Bezeichnungen sämmtlich weggelassen worden. — In der deutschen Literatur dürfte unter den zahlreichen Kunstgedichten, welche als Balladen gelten wollten, Bürgers ´Lenore´ dem Charakter einer solchen am nächsten kommen, eben weil diesem Gedichte wirklich eine echte Ballade zu Grunde liegt. Den selbst bei glücklicher Nachbildung unermeßlichen Abstand zwischen beiden Arten kann man aber auch freilich nirgends besser kennen lernen, als grade hier.“

 

1854

Kleiber. Rez. Deutschlands Balladen- und Romanzen-Dichter von Ignaz Hub. Dritte Auflage. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Braunschweig. Digitalisiert von Google

[S. 462] Schon die wiederholte Auflage des Werkes bürgt für die Brauchbarkeit desselben. Es ist chronologisch geordnet und hat den Zweck, durch charakteristische Proben den Entwickelungsgang unserer lyrischen Epik anschaulich zu machen. Der Verf, erklärt in der Vorrede, daß er von Gleim und seinen Nachfolgern, J. Fr. Löwen, Chr. F. Weiße, J. B. Michaelis usw. nichts aufgenommen habe, weil die süßlich tändelnde, witzig fade, burlesk-mythologische, im Reifrock und Toupet sich spreizende französische Rokokomanier dieser Schriftsteller Niemanden erfreuen könne. Allein wir sind der Ansicht, daß es sehr lehrreich sein würde, wenn der Verf, sich dazu verstanden hätte, nicht bloß von Gleim, sondern auch von seinen Vorbildern dem Spanier Gongora und dem Franzosen Moncrit einige Romanzen aufzunehmen, um uns in den Stand zu setzen, Gleim´s Verdienste gerechter zu würdigen und uns von der Entstehung der Balladen-Poesie in unserem Vaterlande eine richtigere Vorstellung bilden zu können. Es würde dann auch Bürger's Verdienst in ein helleres Licht treten, der sich bemüht, den von Gleim angeschlagenen Bänkelsängerton zu überwinden und doch im Ausdruck volksthümlich zu bleiben. Eben so hätten wir eine, wenn auch nur kurze Uebersicht der geschichtlichen Entwickelung unserer Balladenpoesie gewünscht. “

 

1854

Jester und Schuch, Caroline. Begründung eines deutschen National-Theaters in der letzten Regierungszeit
Friedrich II.
 In: Geschichte des Theaters in Preußen. Königsberg. Digitalisiert von Google

“[S. 298] Als 1777 Schröder in Hannover eine Reihe von Vorstellungen gab, forderte er Bürgern auf, die Hexenscenen zu verdeutschen, da er mit ihnen den ´Macbeth´ zur Darstellung bringen wollte. Dieser ging darauf ein, fühlte aber bald den Drang, weil die Wieland-Eschenburgsche Uebersetzung ihm nicht genügte, das Trauerspiel in einer neuen Schrödern zu übergeben, zum Theil nach den von ihm selbst vorgeschlagenen Veränderungen. Während er daran arbeitete, war ´so mancher liebe andere Macbeth erschienen´ und Bürger meinte, daß man auf seinen, der 1784 herauskam, nicht Rücksicht nehmen würde. In Hamburg fand die erste Aufführung 1799 statt mit den von Bürger nachgedichteten Hexenchören, die in Handschrift in die Hände seiner Freunde kamen. Bürger verlangte, daß sie ´nicht nach Willkühr von schlechter Deklamation geradebrecht, sondern wie musikalische Recitative nach Noten gegeben´ würden. Der seit 1778 bei dem Schröderschen Theater angestellte Komponist Stegmann hatte sie glücklich gesetzt und seine Musik hatte den Vorzug des Fließenden und Singbaren vor der genialeren eines Reichardt voraus.
      Pörschke schrieb einen Anhang zum dramaturgischen Werklein über Bürgers Macbeth und zeigt, wie alle Abweichungen nur aus mangelhaftem Verständniß des Originals entsprungen seyn und fügte hinzu: ´soviel Gerechtigkeit wenigstens sollten wir doch dem Shakspeare erweisen, zu glauben, er habe nie ganz blind verfahren.´ Er tadelt auch die verdeutschten Hexenreime, weil der Uebersetzer ´wie auf einem Triumphwagen zu erscheinen gedachte.´
       In Danzig wurde 1781 zuerst ´Macbeth´ in der Stephanischen Umgestaltung gegeben und 1796 als ´ein hier noch nicht gegebenes historisches Schauspiel´ in der Bürgerschen. Auch hier wurden die Hexenszenen gesungen, denn an der Kasse waren die Chöre der Hexen käuflich. Von Bürgers Uebersetzung war man hie und da abgewichen, wie dies nicht nur das Personenverzeichniß, sondern die letzte Dekoration darthut. Pörschke rügt es bei Bürger, daß der Hauptheld auf dem Theater stirbt und auf ´rollenden Wogen sich in die Hölle herabgezogen fühlt.´ Er würde noch unzufriedener gewesen seyn mit der Beibehaltung des Stephanieschen Effektschlusses, denn auf dem Komödienzettel lesen wir: ´der fünfte Akt schließt sich mit dem Einstürzen des königlichen Saals auf Macbeths Schloß.´ Wie Stephanie hielt es irriger Weise auch Bürger für gut, den König Duncan den Zuschauern zu entziehn, dessen Ermordung um so tiefer erschüttert, als er auf der Szene durch Gnadenbezeigung den argvollen Feldherrn sich zum Dank verpflichtet. “

 

1854

Friederich, Johann Konrad. Die elysäischen Felder am St. Philippstag. In: Vierzig Jahre aus dem Leben eines Todten. Tübingen. Digitalisiert von Google

“[S. 374] Hiezu kommt nun noch das Geschrei und Gebrüll der auf den Tribunen, die vor jeder Bude errichtet sind, stehenden Charlatans in den seltsamsten, oft auch sehr indecenten Costumes, in fleischfarbenen Tricots mit einer schmalen Binde um den Unterleib; einen keulenschwingenden Herkules mit einem Bauch, der dem berühmten badischen Schultheis und dem Bürger´schen Abt ´drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht´ noch Ehre gemacht haben würde [...]. “

 

1854

Brandes, G. Deutsch-englisch-rußische Wechselwirkungen in der Literatur. In: Deutsche Wochenschrift Heft 9, Hannover. Digitalisiert von Google

“[S. 270] Wohl hatte auch er [Walter Scott] als Kind schon den Eindruck von Percy's Sammlung erfahren, und in seinen alten Tagen schwebte ihm noch der Baum im Gedächtnis vor, unter welchem er damals, die Reliques of ancient English poetry studirend, gelegen. Aber befruchtend für diese Richtung war erst die Bekanntschaft mit Bürger's Lenore geworden. Es ist interessant zu lesen, wie W. Scott den Eindruck schildert, den die Vorlesung einer Übersetzung dieser Ballade von William Taylor durch die als Schriftstellerin bekannte Mrs. Anna Letitia Barbauld im Sommer 1793 oder 94 in einer Gesellschaft in Edinburgh hervorbringt. Wer denkt dabei nicht an Bürger's erste Vorlesung desselben Gedichtes unter seinen Hainbundsgenoßen in Göttingen? W. Scott erhält durch eine vornehme deutsche Dame, welche in Schottland verheirathet ist, ein Exemplar von Bürger's Gedichten. Schon früher hatte er sich der deutschen Sprache unter Leitung eines Dr. Willich mit mehren Gleichgesinnten befleißigt. Er macht sich an die Übersetzung der Lenore und bringt dieselbe in einer Nacht zu Stande. Später übersetzte er noch den wilden Jäger und gibt diese Übersetzungen - sein erstes Werk - in Edinburgh 1796 heraus.“

 

1854

Zitat aus Justus Mösers "Gespräch über die Deutsche Litteratur" von 1781. In: Düntzer, Heinrich. Goethe's Götz und Egmont, Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 174] Der Zungen, welche an Ananas gewöhnt sind, wird hoffentlich in unserm Vaterlande eine geringe Zahl sein, und wenn von einem Volksstücke die Rede ist, so muß man den Geschmack der Hofleute bei Seite setzen. - Schön und groß können unsere Produkte werden, wenn wir auf den Gründen fortbauen, welche Klopstock, Goethe, Bürger und andere Neuere geleget haben.“

 

1854

Lexikoneintrag. In: Allgemeines Deutsches Bücher-Lexikon. Vierter Band, Erste Abtheilung A-L.  Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 87] Bertrant, G., die schöne Advocaten-Tochter zu Wachholderleben. Ein Seitenstück zur Pfarrers-Tochter zu Taubenhayn. 2 Aufl. 12. (216 S.) Leipzig 847, (Literarisches Museum) “

 

1854

H. M. Aus Paris. A. Dumas; gesunkene literarische und künstlerische Größen. In: Blätter für literarische Unterhaltung, 21. December. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 938] Dieser mit Dampfkräften arbeitende Schriftsteller bleibt eine immerhin merkwürdige Erscheinung, und verdient gerade unsere Nachsicht, da wir Deutsche ihn eigentlich auf dem Gewissen haben. In seinen Memoiren erzählt er, wie Bürger's ´Lenore´, mit der er in seiner Jugend durch einen Kenner des Deutschen bekannt gemacht wurde, ihm eine ganz neue geheimnißvolle Welt eröffnet und ihn zu eigenen poetischen Versuchen angespornt habe. Der Refrain ´Die Todten reiten schnell´ scheint seitdem sein Wahlspruch in Betreff seiner schriftstellerischen Thätigkeit geworden zu sein; sie geht immer im sausenden Galopp über Brücken und Hecken dahin, bei Leichenzügen und Rabensteinen vorbei, immer der eigenen Todtengruft entgegen. Dumas bemächtigte sich der Kenntniß der deutschen Literatur wenigstens in dem Grade, um sie für sein Geschäft zu pekuniären Zwecken nutzbar zu machen; er nahm ganze Scenen aus Schiller in seine dramatischen Fabrikate hinüber und vernähte und verflickte sie so, daß nur ein gründlicher Kenner das fremde Eigenthum zu erkennen vermag. Dumas ist jedenfalls ein sehr schlauer, geschickter Arbeiter, und wenn man auch wenig Veranlassung hat, ihn in die Kategorie der eigentlichen Poeten zu verweisen, so ist doch nicht zu leugnen, daß er weit über der Gattung von Schriftstellern steht, die bei uns nach denselben Grundsätzen der Dampfeile arbeitet.“

 

1854

Menden, J. G. V. Das Walten der Fürsehung Gottes in den Schicksalen der Menschen. Zweiter Band. Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 39] Indessen, möchte ich zusätzlich fragen, sind Verleumdungen wohl ein vernünftiger Grund, zu denken, es walte keine Fürsehung Gottes über den Verleumdeten? Sind sie nicht vielmehr die Quelle und das Zeichen der Tugend? Spricht doch der Dichter mit allem Fug und Recht:
   Wenn dich die Lästerzunge sticht,
   So laß dir dies zum Troste sagen:
   Das sind die schlecht'sten Früchte nicht,
   An denen Wespen nagen.
v. N. Darin liegt also auch offenbar der Grund, warum der heilige Chrysostomus die Kämpfe und Leiden nicht bloß als untrennbare, sondern auch als vorzügliche Begleiter der Tugend darstellt. “

 

1854

Gämmerler, Franz. Theater-Director Carl, sein Leben und sein Wirken. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 22] ´Der König wurde böse, das Gesuch um Bewilligung der 10,000 fl. fürs Hoftheater wurde abgeschlagen, und das Rescript, Ihr Theater betreffend, ad acta gelegt. Also reisen Sie mit Gott und grüßen Sie mir Ihren Direktor, der steht heut fester, als jezuvor.´
    Mit Riesensprüngen eilte Lewald nach seiner Chaise, und hurre, hurre, hopp, hopp, hopp, ging's fort in sausendem Gallopp nach - München, wo man ihn sehnlichst erwartete.
    Beim Punschglas fand er dieselbe Gesellschaft, die er gestern verlassen, wieder. “

 

1854

Schubert, Gotthilf Heinrich von. In: Der Erwerb aus einem vergangenen und die Erwartungen von einem zukünftigen Leben. Erster Band. Erlangen. Digitalisiert von Google

“[S. 143] Ein Schlafzustand bei scheinbarem Wachen.
Von den gewöhnlichen Träumereien möchte ich zuerst jene Phantastereien unterscheiden, bei denen die Seele einen Sprung der Phantasie aus dem wahren Sinne eines Gedankens oder einer Anschauung in einen erdichteten macht, so daß ein chimärisches Mittelwesen, halb Gedanke halb Einbildung entsteht, oder daß wie in Ovid's Metamorphosen eine vollkommene Entstellung des wirklich Vorhandenen in ein Phantasiestück vor sich geht. Zu dergleichen Phantastereien bin ich als Kind (ja, wenn auch in anderer Form, selbst in späteren Jahren) sehr geneigt gewesen. Wenn z. B. meine Schwester den Anfang der Bürger'schen Ballade: ´Lenore fuhr um's Morgemoth´ sang, da hörte ich nicht mehr auf die darauf folgenden Worte: ´empor aus schweren Träumen´ sondern, ganz entzückt über den köstlichen Einfall, herumzufahren um's Morgenroth, lief ich mit meinem kleinen Vetter um unseren runden Tisch herum, immer nur singend: ´Lenore fuhr um's Morgenroth.´

[S. 230] Die Entwickelungskrankheiten d. Menschenherzens.
Da mein Fleiß für die Schule so gut als keiner war, suchte ich meine Unterhaltung im Lesen von Büchern. Meine Wahl von diesen war anfangs keine unglückliche: ich las die damals beliebtesten deutschen Dichter, unter denen Bürger mein Liebling wurde, so daß ich seine Gedichte zum großen Theile im Gedächtniß trug. Auch mit Gleim, Hagedorn, Hölty, Kleist und vielen anderen alten Bekannten aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts befreundete ich mich, machte selber Verse genug, die mir später einmal, bei der Anwandlung eines unmuthigen Eifers gegen meine früheren Schreibereien, ein hellaufloderndes Herdfeuer gaben. “

 

1854

Anonym. Die Unpersönlichkeit der deutschen Frauen. Zur Würdigung der alten Minnezeit. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Zweiter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 554] Das Volkslied der neuern Zeit behält den indischen Grundzug bei, allein so weit hat die Humanisirung in alle Schichten eingegriffen, daß jene Reminiscenz isolirt von allen andern Gebräuchen dasteht und die Thatsache durchaus künstlich motivirt werden muß. Die Kunstdichtung entnimmt dem allverbreiteten Volkslied den Stoff als pikantes Thema, allein auch sie weiß zunächst nicht, wie sie denselben in die ganz geänderte Stimmung ihrer Welt einfügen soll. So motivirt sie denn auf gut Glück im philanthropischen Sinn:
   ´Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht,
   Mit Gott im Himmel had're nicht!
   Des Leibes bist du ledig,
   Gott sei der Seele gnädig.´
Wem wäre dieser Schluß von Bürger's ´Lenore´ nicht im höchsten Grade störend gewesen? Freilich hat er schon im Anfange dieses Gedichts mit dem Dialoge zwischen Mutter und Tochter auf dieses Finale hingearbeitet, allein man vergißt die langweilige Einleitung über der Lebendigkeit der dem Volksliede entlehnten Begebenheit, um erst am Ende darauf aufmerksam gemacht zu werden, daß eine Künstelei aushelfen muß, weil ein unbekannt gewordenes Material nicht bewältigt zu werden vermochte. Denn daß man in Bürger's ´Lenore´ nur eine Umarbeitung des Volkslieds vor sich habe, ist festgestellt, und daß man aus dem Volksliede das indische Thema heraushört, wie nämlich die Gemahlin dem Herrn in den Tod folgen soll, wird um so unzweifelhafter, wenn man bei verwandten Stämmen dasselbe Thema gesungen hört wie in den deutschen Volksliedern, Wir wollen nur einen einzigen Blick ins slawische Nachbargebiet werfen und finden da, trotz der wie bei Bürger misverständlichen Behandlung in Mickiewicz' Ballade ´Die Lilien´ denselben Stoff. “

 

1854

Pelz. E. Amerikanische Federzeichnungen, Strikers Bay. In: Das Ausland, 21. Julius, Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 681] Er hat schon eine ganz gute Ladung für seine zwei, nicht allzu starken Schimmelchen, denn nach einer vor unsern Wagenfenstern herabbaumelnden Anzahl von Beinen zu schließen ist der ´Top´ wenigstens mit acht Personen besetzt, was folglich in Summa zwanzig Passagiere ausmacht.
   Abermals ziehen die Rosse fort, und geht es nicht im ´sausenden Galopp,´ wie einst mit Karl von Eichenhorst und seinem Lieb in Bürgers Ballade, so kann doch von einem ganz leidlichen Zappeltrabe gesprochen werden, zumal wenn die beträchtliche Zahl der Hitzegrade in Anschlag kommt, welche der Atmosphäre den Temperaturzustand eines geheizten Backofens mittheilt.”

 

1854

Burow, Julie. Der Staatsgefangene. In: Novellen, Erster Band, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 101] Allerdings sonderbar, sagte der Polizei-Präsident, aber liebster, bester Doktor, nehmen Sie mirs nicht übel, es ist nur so eine Vermuthung, sollte es Ihnen hier nicht gehen wie dem Marschall von Holm, Ihrem Namensvetter, in Bürgers Lied von der Treue, und sollte nicht irgend ein Junker von Stein, eher als die ehrlichen Observaten hiesiger guten Stadt, an der Flucht der Schönen schuld sein, besonders da Geld und Kleider nicht abhanden gekommen, in diesem Falle aber, Herzens-Doktorchen, ´Laßt wählen die Dame nach eignem Sinn!´
   Vergessen Sie nicht Herr Präsident, daß die Dame über die Sie scherzen, meine Braut ist, sprach Holm aufstechend.”
 

1855

Klencke, Hermann. Graf Stolberg. Zweiter Band. Breslau.  Digitalisiert von Google

“[S. 100] Unwillkürlich war dem Voß bei dieser Gelegenheit die einstige Unterhaltung wieder eingefallen, welche er als junger Mann in Göttingen, als der Hainbund im Freien lagerte und Bürger seine Lenore vorlas, mit diesem offenen Manne gehabt hatte. — Bürgers damalige Worte: ´Der ältere Stolberg scheint mir weniger adelstolz als der jüngere zu sein, er unterschreibt seine Verse bloß Ch. Stolberg´ — welche Voß mit der vollsten Zuversicht dahin erwiderte, daß er sagte: — ´ich behaupte, der Jüngere ist's, denn er denkt bei dem Grafentitel wol nichts mehr als einen Theil seines Namens, das beweisen seine Oden´ widerhallten jetzt in Voßen's Seele, als Graf Christian mit heiterer Unbefangenheit in das Zimmer trat und ihm die Hand herzhaft drückte.“

 

1855

Schmidt, Julian. Geschichte der deutschen Literatur im neunzehnten Jahrhundert. Erster Band. London / Leipzig / Paris     Digitalisiert von Google

“[S. 50] In Schiller's Gedichten wird der höchst bedeutende und aus der Tiefe des Gedankens geschöpfte Gehalt überall durch die einseitige Färbung gestört. Wenn sie daher nicht mehr im Volke fortleben, mit Ausnahme einiger leichtern Producte, von rein dogmatischer Form, so ist das in der Ordnung, da das Volk nur an Dichtungen von unbedingter Wahrheit seine Nahrung findet. Im Grunde waren sie auch nie in das Volk eingedrungen, sie waren nur für die feinste Bildung berechnet. Für diese werden sie ewiger Erwerb bleiben und wenn einmal der Denkprocess jener Periode aus der Erinnerung der Literatur schwinden sollte, so wird man ihn in seinen hauptsächlichen Umrissen aus Schiller's Gedichten wiederherstellen können.“

 

1855

Riehl. Wilhelm Heinrich. Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, Band 1.

“[S. 39] Feld und Wald.
[S. 55] Von G.A. Bürger besitzen wir ein Gedicht welches das nackte Recht der Arbeit dem historischen Standesrecht in so schneidender Weise entgegensetzt, daß man es, wenn es heute erschiene, ohne Zweifel als ein communistisches confisciren würde. Diese alte Probe moderner social-demokratischer Poesie greift aber für jene Zeit ganz charakteristisch ihr Thema aus dem "Krieg um den Wald;" sie führt den Titel: "der Bauer an seinen durchlauchtigsten Tyrannen." Weil der fürstliche Jäger den Bauer unter dem Hurrah der Jagd durch das zerstampfte Saatfeld getrieben, darum kommt der Bauer in dem Gedicht mit einemmal zu der kritischen Frage: " Wer bist du, Fürst?" “

 

1855

Köpke, Rudolf. Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen. Erster Theil.

"[S. 148] Bürger, der gefeierte, volksthümliche Dichter, war kaum noch ein Schattenbild dessen, was er einst gewesen. An Geist und Körper durch Kummer und Leiden aller Art abgemattet und erschöpft, siechte er einem frühen Tode entgegen. Immer noch hatte sein Name neben dem Goethe´s und Schiller´s einen guten Klang. Wie hätte man seine ´Lenore´ vergessen können? Noch kamen manche Studenten nach Göttingen, um den berühmten Dichter zu sehen, der als Lehrer wenig wirkte und wirken konnte. Der Katheder war nicht für den leidenschaftlichen Mann, und die strenggeregelte Thätigkeit, die er mit Mühe seinem Genius abgewann, konnte ihn nicht einmal von den drückendsten Nahrungssorgen befreien. Dazu nagte der verzehrende Gram häuslichen Elends am letzten Reste seiner Lebenskraft.
   Als Tieck ihn kennen lernte, hatte er sich vor einiger Zeit von seiner dritten Frau getrennt. Er war hager, bleich, zusammengefallen, der Kummer sprach aus seinen Zügen. Die Stimme hatte den Klang verloren, er konnte nicht mehr auslauten und sich nur mit Anstrengung verständlich machen; und doch sollte und mußte er sprechen. Hin und wieder pflegte er auszureiten. Es hatte etwas Gespenstisches, den bleichen Mann zu sehen, wenn er auf seinem steifen, magern Schimmel durch die Straßen von Göttingen trabte. Man mochte dabei an den Todtenritt denken, von dem er so ergreifend gedichtet hatte. Hin und wieder fiel ein Sonnenstrahl in sein umdüstertes Gemüth, wenn es gelang, ihn wider seinen Willen in den alten Kreis guter Freunde hineinzuziehen, den er jetzt, wie allen Umgang mit Menschen, fast ängstlich vermied. Hier hatte auch Tieck Zutritt gewonnen. In günstigen Augenblicken konnte dann Bürger ungezwungen, theilnehmend, ja heiter erscheinen. Er hatte etwas gemüthlich Liebenswürdiges, Kindliches. Die Formen, in denen er sich am liebsten bewegte, waren rücksichtslos und gewöhnlich. Es lag in ihnen eine derbe Einfachheit; ein Mann der feinen Welt war er nicht. Eine zusammenhängende, scharfe Durchführung eines Gedankens war auch nicht seine Sache. Selten gingen seine Urtheile über Poesie und Literatur von höheren Gesichtspunkten aus; sie waren meistens hausbacken. Doch liebte ihn Tieck darum nicht weniger. Ihn gewann die Treuherzigkeit und Aufrichtigkeit, die aus seinem Wesen sprach.”

 

1855

Notizen. In: Deutsches Museum. Hg. Robert Prutz. Juli-December

“[S. 711] Wer hat nicht von Bürger´s Molly gehört? Wer kennt nicht die unselige Geschichte dieser Liebe, welche den Dichter der “Lenore” auf die höchsten Höhen der Begeisterung erhob, um ihn dann desto tiefer hinabzustürzen? Das Verhältniß von Bürger´s Molly ist epochemachend für die sittlichen Zustände der damaligen Zeit; es ist die praktische Auslegung zu jenem Evangelium von der unbedingten und unwiderstehlichen Berechtigung der Leidenschaft, das damals von den ersten Geistern der Nation gepredigt ward und auch die Buße, welche auf dieses wie auf jedes Uebernaß gesetzt ist, blieb dem unglücklichen Dichter nicht erspart. Unter diesen Umständen wird es unsern Lesern gewiß von hohem Interesse sein zu erfahren, daß sich ein Originalporträt dieser vielgefeierten Molly erhalten hat; dasselbe befindet sich im Besitz des Hrn. Hauptmnn Wrisberg in Göttingen und ist soeben in einer gelungenen Lithographie von Ed. Rittmüller im Verlag von R. Neuburger in Göttingen erschienen. Es ist ein höchst charakteristisches Gesicht, fein, geistvoll, mit lebensprühenden, etwas sinnlichen Augen, kurz ganz so, wie die Phantasie des Lesers sich die ´Auserkorene´ des “Hohen Liedes” vorzustellen liebt; selbst ein leiser Zug jener Frivolität, von der die damalige Zeit bei aller Tiefe der Empfindung nicht frei war und ohne die auch Molly´s Schicksal niemals möglich gewesen wäre, dürfte dem schärfer blickenden Beobachter nicht entgehen.”

 

1855

Schmidt, Julian. Weimar und Jena in den Jahren 1794-1806: Supplement zur ersten Auflage der Geschichte der deutschen Nationalliteratur im neunzehnten Jahrhundert. Digitalisiert von Google.

“[S. 36] Die allmälige principielle Entwickelung Schiller's beginnt mit der Recension über Bürger (1791). Daß er dem Gegenstande nicht ganz gerecht geworden, fühlte er später selbst. Er hatte dem Dichter über sein Talent viel gute Worte gesagt, allein er hatte es nicht zergliedert, wie es doch die Aufgabe des Kritikers ist. Wenn Bürger über jene Kritik außer Fassung gerieth, so war zum Theil wohl die verletzte Eitelkeit daran schuld, hauptsächlich aber die persönliche Wendung, die Schiller der Sache gab.

[S. 37] Wenn Bürger über die persönliche Wendung der Kritik erbittert war, um so mehr, da er bereits auf einer Altersstufe angelangt war, die den Gedanken an eine wesentliche Umschaffung des Charakters ausschloß, so war ihm das nicht zu verargen: es ist immer ein Mißbrauch, wenn man eine dichterische Erscheinung, statt sie in ihrem vollen Umfang zu würdigen, nur dazu benutzt, gewisse allgemeine Ideen zu entwickeln.

[S. 50] Vergleicht man Schiller mit den gebornen lyrischen Dichtern, z. B. mit Goethe und Bürger, so überzeugt man sich bald, daß die eigentliche Richtung seines Talents nicht nach dieser Seite hin lag. Seine Jugendgedichte sind fast ohne Unterschied roh und unmusikalisch, und auch in seinen reifsten Werken fehlt das Siegel der letzten Vollendung. So schöne Einzelheiten sie enthalten, man vermißt immer etwas, sei es nun an der Einheit der Stimmung oder an dem Rhythmus der Gedanken, oder auch an dem Wohllaut der Form; sie verrathen die Arbeit, und zwar eine Arbeit, die nicht fertig geworden ist. Ein flüchtiges Gefühl durch Ton und Bild festzuhalten, war ihm nicht gegeben, er mußte ins Breite gehen und durch Glanz der Schilderungen oder durch Fülle der Gedanken die individuelle Empfindung ergänzen. 

[S. 65] Mit seinen Balladen hat Schiller die Bahn, welche den deutschen Dichtern durch Bürger vorgezeichnet war, verlassen. Bürger hatte sich der Weise des deutschen und englischen Volksliedes angeschlossen, und wenn er die Formen durch sorgfältige Ausführung erweiterte, aus der springenden, zerhackten Erzählung des Volksliedes eine kunstvoll ausgearbeitete Schilderung machte, so war doch schon durch die Stoffe wie durch den Ton die Verwandtschaft bedingt. Indem nun Schiller die durch Bürger überlieferte Form auf das griechische Alterthum anwandte, war damit zugleich eine andere Weise der Bearbeitung nothwendig gemacht.”

 

1855

Pröhle, Heinrich. Friedrich Ludwig Jahn´s leben: Nebst mittheilungen aus seinem literarischen nachlasse.   Digitalisiert von Google

“[S. 121] Damals war es, wo Jahn noch mehr als er sonst wol zu thun pflegte (man denke an die unter dem brandenburger Thore ausgetheilten Ohrfeigen) auf der Leute Meinung achtete und schärfer als je die kühlen Denkungsarten des vornehmen oder geringen Pöbels verfolgte. Einige Siege Napoleon's hoben bereits wieder den Muth der Französischgesinnten und in einem Wirtshause, wo Jahn auf dieser Reise einkehrte, wollten die frühern rheinbündner Offiziere "krähen wie Hähne auf ihrem Hofe." Besonders ein Badener und ein anwesender Würzburger that sich dabei hervor. Dieser vertrat den Standpunkt der bloßen soldatischen Tapferkeit. Jahn dagegen erklärte, daß Tapferkeit nur im Dienste des Vaterlandes Lorbern erwerben könne und daß der Kampf für einen bloßen Eroberer, selbst mit dem Tode besiegelt, noch unrühmlich sei. Endlich sagte er das Gedicht "die Tode" von Gottfried August Bürger, der in mancher Beziehung sein Lieblingsdichter gewesen zu sein scheint, her. Es rühmt zuerst den Tod für Tugend und Freiheit, stellt den Tod fürs Vaterland am höchsten und erinnert an die hundert Sparter. Dann lobt es den Tod für Weib und Kind und für die Liebe. Während des Vortrages wurde es immer stiller und stiller. Jahn sprach endlich die Schlußworte:
  "Sich für Tyrannen gar hinab zur Hölle balgen,
  Das ist ein Tod, der nur der Hölle wohlgefällt.
  Wo solch ein Held erliegt, da werde Rad und Galgen
  Für Straßenräuber und für Mörder aufgestellt."
Dann stand er rasch auf und sprach mit fester Stimme: "Ich heiße Jahn, stehe in preußischen Diensten, bleibe noch zwei Stunden hier und führe drei Waffen: die Zunge, die Feder und das Schwert." Der östreichische Platzkommandant, der anwesend war, bat ihn zu bleiben, untersagte für künftig die rheinbündnerischen Reden und trank mit ihm aufs Wohl unsrer Verbündeten. Jahn drückte ihm die Hand, ohne sich wieder niederzusetzen; ein anwesender Professor, der ebenfalls diese Reden ruhig verschluckt hatte, meldete sich nun gleichfalls und freute sich, den Verfasser des deutschen Volksthums kennen zu lernen. Um diesen scharten sich dann freudig die Gutgesinnten, die Franzosenfreunde räumten den Saal.”

 

1855

Schmidt, Julian. [Rezension Mosenthals ´Bürger und Molly´]. In: Geschichte der deutschen Literatur im neunzehnten Jahrhundert, Dritter Band, Leipzig

“[S. 223] In Bürger und Molly (1850) ist schon im Aeußerlichen, fast in jeder Hauptscene dafür gesorgt, daß irgend ein Baum, oder sonst ein malerischer Mittelpunkt vorhanden ist, um eine Schlußgruppe darum concentriren zu können. Wie die Handlung, so werden auch die Charaktere in lyrische Stimmungen aufgelöst. Der Held des Stücks, Bürger, ist die Wiederholung des tyroler Bauerburschen und des Kaiser Otto, und die Situation der Heldin Dora entspricht derjenigen, in welcher wir Deborah und Cäeilie finden. Diesmal aber drängt sich die Unsittlichkeit in der Anlage, die sich in den frühern Stücken hinter allerlei Aeußerlichkeiten versteckt, mit allem Selbstgefühl eines falschen Princips vor, daß an das Genie ein anderer sittlicher Maßstab zu legen sei, als an andern Menschen. Es wäre allerdings einfältig, wenn man zur Charakteristik eines Alexander, Napoleon, Goethe, für die so viele andere, bedeutendere Momente vorliegen, Anekdoten herbeiziehen wollte, die im Verhältniß zu jenen als Nebensachen zu betrachten sind. Aber wenn wir den bestimmten einzelnen Fall nehmen und von demselben einen sittlichen Eindruck empfangen wollen, so werden Napoleon, Goethe oder Alexander der Große, obgleich sie Genies sind, sich demselben Maß bequemen müssen, dem alle Sterblichen unterworfen sind. Das Drama ist in der Lage, sich mit seinem sittlichen Eindruck lediglich auf diejenige Begebenheit beziehen zu müssen, welche es darstellt. Daß Männer, die eine reiche Empfänglichkeit haben, aber nicht die Fähigkeit, ihre Kraft auf etwas Bestimmtes zu werfen, ihr Verhältniß zur Welt in einem andern Lichte betrachten, als andere Menschen, ist bei ihrer Neigung, sich mit der Wärme ihres Herzens mehr in einer idealen, erträumten Welt, als in der wirklichen zu bewegen, sehr wohl begreiflich; es kommt aber im Drama darauf an, diese subjective Weltanschauung zu berichtigen. Das ist den wenigsten von den neuern Dichtern eingefallen; sie sind zu sehr abstracte Poeten, um sich von ihrem Gegenstand zu unterscheiden. Die Schwächen und Verirrungen, die sie schildern, sind ihre eigenen. — Die Gesellschaft, in der sich Tasso bewegt, ist eine aristokratische, die zwar den selbstverschuldeten Verlust des Freundes mit tiefem Schmerz empfinden wird, die ihn aber wenigstens mit Anstand ertragen kann. Hier ist es aber Weib und Kind, die durch die Vernachlässigung des Vaters in materielle Noth versetzt werden, und es ist nur zu natürlich, daß die gute Dora, nachdem sie im ersten Act ihre künftige Noth anticipirt hat, vor Allem durch einen Kranz weißer Rosen, den Mosenthal aus dem Freischütz gepflückt und in das Haar der unglücklichen Braut geflochten hat, in den vier folgenden Acten in einem ununterbrochenen Sterben liegt. Bürger erträgt mit großem poetischen Gleichmuth die Noth, in welche sein Weib und Kind versetzt sind, und unterhält ein Liebesverhältniß mit der Schwester seiner Frau; ein Liebesverhältniß, von welchem er nicht ermangelt, das Publicum in Kenntniß zu setzen, indem er die feurigen Liebesgedichte an seine Schwägerin und die Klagen über sein Unglück, eine andere Frau zu haben, drucken läßt. Diese Unwürdigkeit, die schon damals, in einer Zeit, wo man gewöhnt war, sein ganzes Innere vor der gesammten Menschheit aufzuknöpfen, den größten Anstoß erregte, wird in unserm Stück nicht blos von den poetischen Freunden Bürger's, den Großherzog von Weimar mit eingeschlossen, als etwas hingenommen, was sich ganz von selbst verstehe, sondern auch das Opfer dieser licentia poetica, seine Gattin, die Bürger und Molly auf eine verbrecherische Weise zu Tode quälen, erklärt auf dem Sterbebette, daß sie ganz allein daran schuld sei, sie hätte die Verpflichtung gehabt, sich für seine Hexameter und Stanzen zu begeistern, ihm Stoff für seine Balladen und Romanzen zu suchen und niemals an die Noth ihres Kindes, sondern nur an den Nachruhm ihres göttlichen Gemahls zu denken; sie bittet ihn deshalb demüthig um Verzeihung und beschwört ihn, nur recht bald die schöne Molly zu heirathen, die alle Verpflichtungen einer Dichterfrau zu erfüllen im Stande sei.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK (nach dem Erstdruck in Grenzboten von 1851)

 

1855

Minutoli, Julius Freiherr von. Das öffentliche Unterrichtswesen. In: Portugal und seine Colonien im Jahre 1854. Erster Band. Stuttgart und Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 440] Herculano ist der portugiesische Tacitus, wenn auch nicht so prägnant und kurz, doch ernst, streng und kräftig, tief, klar, gründlich und abgeschlossen. Die Sprache ist vollendet. Er hat nur Geschmack für das Gediegene. Er sucht seinen Stoff nur in der Vergangenheit, in der Geschichte; seine Bilder sind gewählt, sein Colorit kräftig, seine Darstellung daneben mit gewissenhafter Strenge und Wahrheit dem Quellenstudium entlehnt.
   Herculano kennt die deutsche Sprache und Literatur. Er hat Bürgers Lenore und einen Theil von Wielands Oberon ins Portugiesische übertragen.“

 

1855

A. D. Rez. Geschichte der schönen Literatur der Deutschen für Frauen. von T. Homberg. In: Rheinische Blätter für Erziehung und Unterricht. Januar und Februar. Essen. Digitalisiert von Google

“[S. 99] Bei dem Leser wird dadurch die Meinung nicht entstehen, daß wir alle ihre [Tinette Homberg] Urtheile unterschreiben und jede ihrer Ansichten theilen, mit Nichten; aber das verlangt die verständige und hochgebildete Verfasserin auch nicht. Wenn sie z. B. an unserem Gellert philisterhafte Ansichten herauskehrt, Klopstock's religiöse Poesien für mustergültig erklärt, Bürgers Lenore für unpoetisch hält, Göthe's Iphigenia für kalt erachtet, Börne Ideenreichthum und Gedankentiefe abspricht, Bettina das poetische Phantasiren vorwirft, Rahel wegen ihrer ´politischen Agitationen nicht leiden mag (in ihrem Urtheile über ihre schriftftellernden Schwestern ist sie schärfer, als über die Männer, und sie behandelt jene überhaupt kurz, fertigt sie theilweise ab) u. s. w,, so wird wohl einiger Einspruch erlaubt sein.“

 

1855

Hartung, Johann Adam. Nachtscene in der Nähe des Rabensteines. In: Ungelehrte Erklärung des Goethe´schen Faust. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 139] Bei der Dichtung dieser Scene dachte Goethe an den Vers in Bürgers Leonore:
   Sih da, sih da! Am Hochgericht
   Tanzt um des Rades Spindel
   Halb sichtbarlich bei Mondenlicht
   Ein luftiges Gesindel.

Denn wie sehr diese Worte seinem Geiste gegenwärtig waren, beweist auch deren Citirung B. XXXIII. p. 82. Bürger meint freilich Todtengespenster, bei Goethe aber sind es Hexen, von denen es bekannt ist, daß sie gern auch unter dem Galgen sich versammeln, und dort ihre Tänze aufführen.“

 

1855

dt. Ein Gang durch die Gemälde-Säle der Athenäum-Gallerie in Boston. In: Deutsche Monats-Hefte, Juli. New York. Digitalisiert von Google

“[S. 55] Ein junger Künstler, Wm. S. Tiffany, wählte sich eine Scene aus Bürgers Musterbalade, Leonore, zur Studie: ´Die Todten reiten schnell.´ Man sieht seinem Pinsel die Jugend an, aber eine phantasievolle. Romeo und der Apotheker, sowie die Sylphen des gleichen Kunstjüngers, möchten dem Todtenritte sowohl in Erfindung als Ausführung nachstehen.“

 

1855

Burow, Julie. Ein Lebenstraum. Prag und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 78] Der alte Herr ging in die Wohnstube, bewillkommnete den Gast höflich aber ernsthaft, setzte sich an's Clavier und spielte die Zumsteg'sche Composition von Bürgers Ballade: ,des Pfarrers Tochter von Taubenhain,' und als Leonore erhitzt und bebend in das Zimmer trat, wo Kaudern ihrer sehnsüchtig harrte, sang er deutlich die Textworte:
   ,Laß' Du sie nur reiten und fahren und gehen,
   Laß' Du sie nur werben zu Schanden;
   Rosettchen, Dir ist wohl was besser´s bescheert,
   Ich achte des stattlichsten Ritters Dich werth,
   Beliehen mit Leuten und Landen.'
Und dann setzte er sich an's Fenster und pfiff dem kleinen Dachshunde, der sich um Kauderns Füße schmiegte.“

 

1855

Cunz, Franz August. Das weltliche Volkslied. In: Geschichte des deutschen Kirchenliedes. Erster Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 144] Erst Herder in seinem Buche von deutscher Art und Kunst und in seinen Völkerstimmen, machte auf die edeln Steine in unseren Volksliedern aufmerksam. Göthe wendet sich ihnen mit ganzer Dichtergewalt zu; z. B. sang er: Es war ein König in Thule — Sah ein Knab ein Röslein stehn — Was hör ich draußen vor dem Thor — Wer reitet so spät durch Nacht und Wind — Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll — und sein ganzer Faust lebt in der Weise der alten Volkslieder. Bürgers Lenore wurde als Volkslied aufgenommen, und die Erscheinung des Wunderhorn, das Auftreten Arndts und Uhlands, der noch alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder 1844 —1845 herausgab, haben wieder mit der Trösteinsamkeit von Phil. Wackernagel 1849 die alten und neuen Volkslieder dem Munde des Volkes nahe gebracht. “

 

1855

Ziegler, Alexander. Die Nilreise. In: Meine Reise im Orient. Erster Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 196] Der eine Sohn Albions - der einzige von ihnen, der etwas Französisch spricht - erinnert mich bezüglich seiner Peripherie an die Diameter der egyptischen Tempelsäulen oder, um ein nähergelegenes Beispiel zu wählen, an den Abt von St. Gallen, von dem es heißt, drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.“

 

1855

Verzeichniß der Bücher, Landkarten usw. welche vom Januar bis zum Juni 1855 [...] Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 134] Hürte, Norbert, des Pfarrers Tochter v. Taubenhain, wie sie verführt ward u. elendiglich umkam. Eine warnende Historie f. junge Leute. Auf's Neue für's Volk erzählt. 2. Aufl. 8. (67 S. m. eingedr. Holzschn.) Reutlingen 1856, Fleischhauer & Spohn. geh.“

 

1855

Neumann, W. Saverio Mercadante. In: Die Componisten der neueren Zeit. Cassel. Digitalisiert von Google

“[S. 117] Im Jahr 1845 schrieb Mercadante für das Teatro Nuovo in Neapel eine neue Opera semiseria: Eleonora, die zum ersten Male am 5. Dezember d. J. mit vielem Beifall daselbst gegeben wurde. Diese Oper ist nach Bürger's berühmter Leonore, wahrscheinlich nicht direkt, sondern nach einer französischen Verballhornung des bekannten Holtei'schen Stückes bearbeitet. Der Textdichter Marco d' Arienzo hat für gut befunden, weder Wilhelm noch Lenoren sterben, sondern letztere nur etwas wahnsinnig (in neueren italienischen Opern ein unvermeidliches Motiv), darauf alsbald wieder gesund und schließlich beide Liebesleutchen glücklich werden zu lassen, d. h. Wilhelm und Lenore heirathen sich. — Ein Italiener, der die tragische und gespensterhafte Katastrophe der Bürger'schen Ballade nicht kennt, mag dieses Libretto mit seinem heitern Ausgange vortrefflich finden; für ein deutsches Gemüth ist es lächerlich.
    Die Musik Mercadante's ist melodiös, sehr singbar, dankbar für die Sänger, wohlklingend und diskret instrumentirt, und charakteristisch in Allem, was die Buffopartie des alten Unteroffizier Streplitz (bei Holtei heißt er Wallheim) anlangt.
    Mereadante war zu der Zeit, als er die Partitur der Eleonora schrieb, erster Direktor und Administrator des Konservatoriums zu Neapel. Er galt in Italien für einen sehr gelehrten Componisten, für einen recht eigentlichen professore. Deutsche Musiker und Musikkenner werden nun freilich kaum zu überzeugen sein, daß Mercadante als ein Professor des doppelten Kontrapunktes und der streng kanonischen Schreibart passiren darf, werden kaum finden können, daß die Partitur dieser Eleonora im Geringsten gelehrter als eine von Donizetti sei u. s. w. Allein sie werden nicht läugnen können, daß Mercadante ein ungemein elastisches, immer schlagfertiges Talent besitzt. Er hat mit Geschick, Geschmack, Anstand und Grazie alle Moden mitgemacht, ist in einem Zeitraum von dreißig Jahren nie ganz aus der Mode gekommen, sondern hat immer oben auf und mit dem Strome geschwommen. Er schrieb á la Rossini, á la Bellini, á la Donizetti und zuletzt auch á la Verdi. Daß Mercadante übrigens auch nach deutschem Sinne ein tüchtiger Musiker ist, geht unter Anderem aus Spohr's Briefen aus Italien hervor.“

 

1855

Anonym. Das Musikfest zu Birmingham. In: Niederrheinische Musi-Zeitung. Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 292] Am Abende war ein Miscellaneous Concert, welches mit einer Cantate von G. A. Macfarren begann. Dieser hat sich Bürger's Leonore zum Thema genommen und daraus ein höchst schwülstiges, melodieen-armes und wildes Werk geschaffen, dem die vereinten Anstrengungen der Damen Castellan und Viardot, des Herrn Weiss und des Chors doch keinen Anklang bei dem Publicum verschaffen konnten. Macfarren hat aber andere Werke, besonders eine Oper geschrieben, die viel Glück gemacht hat, und verdienter Maassen; denn er war eben so glücklich in der Erfindung lieblicher Melodieen, als er ein tüchtiger und gelehrter Musiker ist. Diesmal aber scheint ihn sein Thema irre geführt zu haben, und seine Leonore wird wohl in Birmingham zum ersten und letzten Male gegeben worden sein.“

 

1855

Anonym. Die deutsche belletristische Zeitungspresse. In: Der Buchhandel vom Jahre 1815 bis zum Jahre 1843. Altona. Digitalisiert von Google

“[S. 48] Die Horen, das bedeutendste Blatt, welches je die Welt gesehen, denn es war der Bindepunkt zwischen Schiller und Göthe. Göthe, welcher in den Frankfurter Anzeigen sich die ersten Sporen verdient hatte, verband sich mit Schiller zur Herausgabe der Horen, und Göthe erklärte später selbst, daß diese Zeit eine epochemachende gewesen sei, die nie wiederkehre, und dennoch bis auf die Gegenwart fortwirken und ihren Einfluß nicht blos auf Deutschland, sondern noch weiter ausdehnen wird. Die Horen waren das Band, welches die Freundschaft der größten deutschen Dichter verbündete und einen neuen Entwickelungsgang der Literatur hervorriefen.
       Ergänzend die wöchentlich erscheinenden Blätter erschienen damals zuerst die Musenalmanache von Voß und Stollberg, doch nur wenige Jahrgänge waren gut, die meisten mittelmäßig und man sah bald ein, daß diese Almanache die Poesie noch tiefer herunterbrachte. Bürger erbot sich statt eines guten Musen-Almanachs 20 Schund-Almanache herauszugeben, und es wäre ihm leicht gelungen. Alle spätere Versuche, gute Musen-Almanache hervorzurufen, scheiterten, trotz der Anstrengungen Rückert's, Lenau's, Wendt's und Anderer. “

 

1855

Pokorny, Eduard. Eine Sau. In: Bücher für Herz und Scherz. Zweiter Theil. Prag. Digitalisiert von Google

“[S. 288] Dritter oder eigentlich zweiter Act.
l. Scene.
Ländliche Bauernstube in der Hütte eines Dorfes auf dem Lande.
  Burgi (sitzt auf einem niederen Tagstuhl und spimn und singt):

Schnurre Rädchen, schnurre,
Knurre Mädchen, knurre,
Fließt ihr Thränen ungedämmet,
Spinn' ich doch mein Leichenhemmed!
Schnurre Rädchen, schnurre.

Schnurre Rädchen, schnurre,
Gurre Täubchen, gurre,
Bist du noch so rein und sauber,
Nichts vereint dich deinem Tauber,
Schnurre Rädchen, schnurre.

(Sie stellt das Spinnrad in einen Winkel und schneidet sich einen großen Laib Brot ab.)

Burgi. Glück! — Unglück! “

 

1855

Closen, Karl von. Auszüge. In: Die Preußische Landwehr. München. Digitalisiert von Google

[S. 289] v. Luck sagt S. 153 der Schrift wovon wir unten Auszüge folgen lassen: Diejenigen Leute, welche aus guten oder schlechten Gründen eine vollständige Beseitigung der Kammer wünschen, mögen wohl bedenken, daß das erschütterte Volksvertrauen, welches diese Einrichtung in so widerwärtiger Weise in's Leben treten ließ, durch Vernichtung derselben nicht gestärkt werden könnte.
     Wie es scheint, vergessen diese Kammeraboltioinisten ganz und gar, daß Horaz nicht allein die Worte:
       dulce et decorum est pro patria mori,
 sondern auch
        non egoperfidum dixi Sacramentum
 gesungen hat, was weiland Kaiser Conrad zwar wortfrei aber sehr sinntreu also übersetzte:
          Ein Kaiserwort soll man nicht drehn und deuteln! “ “

 

1855

Gathy, August. Haydn' Schöpfung in Paris. In: Monatschrift für Theater und Musik, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 412] Wir haben es freilich meist mit Todten zu thun, - denn was sind anders als Verstorbene solche Gesangshelden, die jetzt nur noch als Schatten einherwandern, und gar Duprez der schon damals mausetodt war. Schnell reiten die Todten in Bürger's Ballade, aber schneller noch die Lebenden in Paris; wer auf diesem aufreibenden vernichtenden Boden als Kunstheros zehn Jahre vorhält, der muß ein Granitmensch sein und von unverwüstlich zauberkräftiger Natur.”

 

1855

Saphir, Moritz Gottlieb. Wanderungen eines deutschen Magens durch die Pariser Küche. In: Blaue Blätter für Humor, Laune, Witz und Satyre, Pest, Wien und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 6] Ich bin nun einige Monate in Paris und habe alle Küchen und alle Restaurants durchgemacht; ich suchte ´Sauerkraut´
 und ´Mehlspeise´. Wie Lenore um's Morgenroth, so fuhr ich um's Mittagbrot empor aus schweren Träumen und suchte ´Sauerkraut´ und ´Mehlspeise´:
    ´Ich frug den Speiszettel auf und ab,
    Und frug nach allen Namen,
    Doch Keiner war, der Kundschaft gab
    Von Allen, die da kamen.
Ich hab' in Paris gespeist, ich hab' in Paris diniert, aber ich hab' in Paris noch nicht gegessen.”

 

1855

Anonym. Die Apfelsinen und der Speer des Achilles. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd, Dritter Band, Nr. 2. Leipzig.  Digitalisiert von Google
 
“[S. 20] Dazu kamen wirkliche praktische Talente, die man im Hauswesen schätzen mußte, und schon war der Hauptmann im besten Zuge, ein Erfoderniß nach dem andern sich abhandeln zu lassen, Englisch war aufgegeben, auch der Erlkönig von Schubert transscribirt von Liszt, das Spielen von Schulhoff und Willmers wurden schon weniger begehrt, und der Hauptmann sprach bereits von einem vierwöchentlichen Versuche und die Frau Hauptmann, die endlich auf den mehrfachen Ruf des Gatten: Leonore! Leonore! ´ums Morgenroth´ emporgefahren war aus schweren Träumen und mit der Morgendormeuse und einigen Federn im Haar ins Zimmer trat, beendete vollends die Unterhandlung mit einem definitiven Engagement, falls nämlich die ´Gouvernante´ kein sonstbindendes ´Verhältniß´ hätte.”

 

1855

Norden, Marie. Ottokar oder die Reise nach Sebastopol, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 123] Daß Jakobellus weder mager noch schmächtig war, ist bereits bemerkt worden; daß er seinen Geist nicht mit todter Gelehrsamkeit überlud, wurde gleichfalls erzählt; dagegen fanden die Worte des großen, deutschen Volksdichters, welcher damals schon sein so wenig beglücktes Dasein begonnen hatte, keineswegs ihre Anwendung auf ihn: ´Drei Männer umspannten den Schmeerbauch ihm nicht´ – und: ´Nur Schade, ein Schäfer war klüger als er.´ – Jakobellus glich weder einen Abt von St. Gallen, noch einem Fenelon oder Mazarin.”

 

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
1846-1850    1851-1855    1856-1858    1859-1861
 
  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950



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15012017-122