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Bürger-Rezeption
 

Bürger-Rezeption Volltexte 1862-1865

bis 1789
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  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950


 

1862

Anonym. Bürgers Tochter. In: Extra-Felleisen. Ein belletristisches Unterhaltungsblatt des Würzburger Stadt- und Landboten. Würzburg,  Digitalisiert von Google

“[S. 576] In der ´Leipziger Zeitung´ vom 16. November findet sich eine Todesanzeige, die auch weiteren Kreisen Interesse einflößen wird. In Remse im Königreich Sachsen ist nämlich am 11. November G. A. Bürgers älteste hinterlassene Tochter, Friederike Marianne Bürger, nahezu 85 Jahre alt, unverheirathet gestorben. Die Todesanzeige nennt sie die Tochter ´Gottfried August Bürger´s, königl. großbritannischen und kurfürstlich hannover´schen Hofraths und Professors der Poesie zu Göttingen.´ Bürger war bekanntlich dreimal verheirathet; seine erste Frau, Dorette Leonhart, heirathete er 1774; die zweite, Auguste Leonhart (Molly), die jüngere Schwester der eben Genannten, 1785; die dritte. Elise Hahn (das Schwabenmädchen) 1790. Er starb 1794; die oben genannte Tochter, als Kind der ersten Ehe 1778 geboren, hat somit ihren berühmten Vater um 68 Jahre überlebt.“

 

1862

Wildermuth, Ottilie. Auguste. In: Ottilie Wildermuth's Werke, Bände 7-8.

“[S. 166] Um so lebendiger war der Eindruck, den einzelne gute, oftgelesene Werke auf sie machten; noch sehr jung fand sie einst zufällig in einem Notenbuch Bürgers Ballade: des Pfarrers Tochter von Taubenheim, die sie auf so furchtbare Weise erschütterte, daß sie fast krank davon wurde, und sich wochenlang nicht von dem Eindruck erholen konnte. “
 

1862

Marggraff, Hermann. Briefe der Brüder Schlegel an Schiller. [Rezension] In: Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 18, Mai

"[S. 335] Doch sah sich August Wilhelm [Schlegel] durch seine besondere Theilnahme für Frau Unzelmann veranlaßt, noch im Jahre 1801 aus Berlin einen längern Brief an Schiller zu richten. Was in August Wilhelm´s frühern Briefen zumeist auffällt, sind die Ausdrücke fast überschwenglicher Bewunderung für Goethe und namentlich auch für Schiller. Selbst über Schiller´s Recension der Bürger´schen Gedichte, die unmöglich seinen Beifall finden konnte, geht er sehr zart hinweg; doch kann man einen feinen Stich immerhin in den Worten erkennen: "Das Gewicht Ihres Ansehens hat vielleicht manchen Leser diesen Dichter verleidet, deren eigenes Gefühl so weit entfernt war, ihn zu verwerfen, daß es vielmehr aus ihm noch vieles zu seiner Veredlung gewinnen konnte." Es ist hier besonders das Wort "Veredlung" zu bemerken, da Schiller vor Bürger gerade als einem Dichter gewarnt hatte, dem man sich nicht zu sehr hingeben dürfe, wenn man nicht Gefahr laufen wolle, seinen Geschmack zu verderben oder doch zu vergröbern."
 

1862

Schönke, K.A. Gottfried August Bürger. In: Literaturgeschichtliches Lesebuch für Mittelschulen, Seminare und ähnliche Anstalten, sowie zum Hausgebrauch. Digitalisiert von Google.

"[S. 178] G.A. Bürger, der beliebte Volksdichter, würde weit berühmter geworden sein, wenn er nicht durch Leichtsinn, selbst verschuldete Armuth und Kummer einen frühen Tod gefunden hätte.

[S. 179] Bürger hat Lieder, Oden, Balladen, Erzählungen und Epigramme gedichtet, und zeichnet sich durch Lebhaftigkeit und Deutlichkeit seiner Darstellung, durch Zartheit der Empfindung und Wohllaut der Verse aus. Freilich kommen auch manche gar zu derbe, oft sogar unanständige Ausdrücke vor, die nicht zu billigen sind. In der Ballade wird man Bürger stets zu den ausgezeichnetsten Dichtern zählen müssen. Am berühmtesten ist seine Lenore, die fast in alle Sprachen übersetzt worden ist. An sie schließt sich das Lied vom braven Mann und der wilde Jäger. - Als Mensch war Bürger wohlwollend gegen jedermann, wohlthätig über Vermögen, sogar gegen seine Feinde und unbestechlich redlich. Schade, daß sein Leichtsinn, seine Sinnlichkeit und seine schlechte Wirthschaft ihn so früh (im 47sten Altersjahre) in´s Grab brachten!"

 

1862

Goedeke, Karl. Grundrisz zur Geschichte der deutschen Dichtung aus den Quellen. Bd. 1 u. 2. Digitalisiert von Google.

“[S. 695] Bürger, in vielen Stücken dem schlesischen Günther ähnlich, führte wie jener die Poesie wieder aus dem Conventionellen zum Leben und gab das Beste, was er gab, als Ausdruck wirklicher Lebensstimmungen; aber sein Leben selbst war ohne reine Poesie und seine Gedichte, auch die Balladen, in denen er nach den Mustern des englischen Volksliedes düstre Stoffe wieder ernsthaft behandelte, sind innerlich nicht geläutert. Er suchte Ersatz in der möglichsten Vollendung der äußeren Form, strebte nach dem wahren, einfachen Ausdruck der Empfindungen, nach eigentümlicher und treffender Sprache, nach pünktlichster grammatischer Richtigkeit und nach ungezwungnem, leichten Versbau.”

 

1862

Heine, Heinrich. Französische Maler. Gemäldeausstellung in Paris. In: Sämmtliche Werke. Elfter Band. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 20] [Ary] Scheffer's ´Leonore´ ist in Hinsicht der Farbengebung weit ausgezeichneter, als seine übrigen Stücke. Die Geschichte ist in die Zeit der Kreuzzüge verlegt, und der Maler gewann dadurch Gelegenheit zu brillanteren Kostümen und überhaupt zu einem romantischen Kolorit. Das heimkehrende Heer zieht vorüber, und die arme Leonore vermisst darunter ihren Geliebten. Es herrscht in dem ganzen Bilde eine sanfte Melancholie, Nichts lässt den Spuk der künftigen Nacht vorausahnen. Aber ich glaube eben, weil der Maler die Scene in die fromme Zeit der Kreuzzüge verlegt hat, wird die verlassene Leonore nicht die Gottheit lästern und der todte Reiter wird sie nicht abholen. Die Bürger'sche Leonore lebte in einer protestantischen, skeptischen Periode, und ihr Geliebter zog in den siebenjährigen Krieg, um Schlesien für den Freund Voltaire's zu erkämpfen. Die Scheffer'sche Leonore lebte hingegen in einem katholischen, gläubigen Zeitalter, wo Hunderttausende, begeistert von einem religiösen Gedanken, sich ein rothes Kreuz auf den Rock nähten und als Pilgerkrieger nach dem Morgenlande wanderten, um dort ein Grab zu erobern. Sonderbare Zeit! Aber, wir Menschen, sind wir nicht alle Kreuzritter, die wir mit allen unseren mühseligen Kämpfen am Ende nur ein Grab erobern? Diesen Gedanken lese ich auf dem edlen Gesichte des Ritters, der von seinem hohen Pferde herab so mitleidig auf die trauernde Leonore niederschaut. Diese lehnt ihr Haupt an die Schultern der Mutter. Sie ist eine trauernde Blume, sie wird welken, aber nicht lästern. Das Scheffer'sche Gemälde ist eine schöne, musikalische Komposition; die Farben klingen darin so heiter trübe, wie ein wehmüthiges Frühlingslied.“

 

1862

Eugen, [Herzog von Württemberg]. Memoiren des Herzogs Eugen von Württemberg. Erster Theil. Frankfurt a. O. Digitalisiert von Google

“[S. 10] Angenehmer zog mich auf derselben Stelle der Posaunenschall vom Schloßthurme an, und in eine Art Delirium von Entzücken gerieth ich, wenn ein Freund meines Lehrers Bürgers Lenore recitirte, und dann Märsche aus dem siebenjährigen Kriege auf dem Klavier spielte. Mein musikalischer Trieb wurde damals wohl zuerst geweckt und später durch Kapelle und Theater in Carlsruhe genährt. “

 

1862

Hiemer, Karl. Graf Adolph. In: Zeit- und Lebensbilder. Freiburg im Breisgau. Digitalisiert von Google

“[S. 28] Der Winter war hereingebrochen. Himmel und Erde trauerten, und die Armuth hatte der mildern Jahreszeit unter bittern Thränen das Grabgeleite gegeben. Sie hatte den Sommer über kaum die Mittel zusammengebracht, die dringendsten Bedürfnisse der Selbsterhaltung zu befriedigen: wie sollte sie während des Winters diese Mittel zusammenbringen? Die Nachfrage nach Arbeit nahm in demselben Verhältnisse ab, in welchem die Theurung der Lebensmittel und die Zahl der Bedürfnisse zunahm. Die Mildthätigkeit der Besitzenden war über die Maßen in Anspruch genommen, sie nahte sich ihrer Erschöpfung.
   ´Frau Magdalis weint' auf ihr letztes Stück Brod,
   Sie konnt' es vor Thränen nicht essen.
   Ach, Wittwen bedränget oft größere Noth,
   Als glückliche Menschen ermessen.´“

 

1862

Eckardt, Ludwig. Schiller´s Jugenddramen. W.-Jena und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 86] Es ist dabei nicht zu übersehen, daß Schiller lange Zeit sich mit Vorliebe und Selbstgefühl den Verfasser der Räuber nannte. Er fühlte, so sehr er die Form seines Jugendwerkes verdammen mußte, doch die ideelle Bedeutung desselben. Die Kritik über Bürgers Gedichte (1791) enthält eine bisher übersehene sehr scharfe Aeußerung über die eigenen Frühleistungen, wo er das Ueberladene, Aufgebauschte bekämpft:
   ´Wie wenig sagen Gemälde dieser Art dem verfeinerten Kunstsinn, den nie der Reichthum, sondern die weise Oekonomie, nie die Materie,
    nur die Schönheit der Form, nie die Ingredienzien, nur die Feinheit der Mischung befriedigt! Wir wollen nicht untersuchen, wie viel oder wenig
    Kunst erfordert wird, in dieser Manier zu erfinden; aber wir entdecken bei dieser Gelegenheit an uns selbst, wie wenig dergleichen
    Kraftstücke der Jugend die Prüfung eines männlichen Geschmacks aushalten.´
 Es ist erklärbar, daß Schiller in der Periode seiner Läuterung, da er das Geheimniß der schönen Form ahnte und zu erringen suchte, über diese kaum erst überwundenen ´Kraftstücke der Jugend sèhr streng urtheilte; eben so erklärbar ist es, daß er später, als er einmal im sichern Besitze der schönen Form war, mit freierem Blicke auf seine ersten Versuche zurück sah und daher mit künstlerischer Weisheit die Feder, die den ´Räubern´ eine geschmackvollere Form geben wollte, wieder niederlegte. Er führte seine Dichtung, da er sie kurz vor seinem Tode für sein bei Cotta erscheinendes Theater durchging, möglichst auf die ursprüngliche Gestalt der ersten Ausgabe zurück, auf den ungekünstelten Erguß seiner ersten Muse. Er erkannte, daß das Drama durch eine mühsame Vermittlung mit dem feinern Geschmacke doch nie ein formgerechtes Kunstwerk würde, dagegen das verlöre, was dasselbe immer auszeichnen wird: das Feuer der Jugend. “

 

1862

F. H., Salzburg, den 14. April. In: Deutsches Theater Album, 27. April. München. Digitalisiert von Google

“[S. 62] Am vorletzten Abende fand die Benefiz-Vorstellung des allgemein hochgeschätzten Kapellmeisters Herrn Eberl statt, wobei zwei Operetten zur Aufführung kamen - die erste ´Mozart als Factotum´ (auch unter ´Winzer und Sänger´ bekannt), die Musik von W. A. Mozart, Text von J. P. Lyser - die zweite ´Lori´ nach Bürgers Leonore, Musik und Text von Wolfgang Passer einem Mitgliede des Mozarteums. Beide Operetten waren hier neu und wurden von dem gedrängt vollen Hause sehr beifällig aufgenommen. Ueber die Musik Mozarts ein weiteres zu erwähnen, ist dem unsterblichen Meister gegenüber überflüssig; selbst die ganz komische Situation der Darstellung kann den großartigen Eindruck nicht beeinträchtigen. - Frau Schreiber sang ihren Part so kunstvoll, wie sie ihn vortrefflich spielte und alle Mitwirkenden schienen des großen Meisters eingedenk zu seyn. Die Passer´sche Operette wird ihren Rundgang auf mehren Bühnen nicht verfehlen; sie beginnt mit einer imposanten vielversprechenden Ouverture und behauptet sich im musikalischen Theile durchaus melodienreich, frisch instrumentirt, mit ganz schönen Einzeln-Nummern, Terzett und effektvollem Chore, die Handlung angenehm und nur durch die minder günstige Textirung etwas kraftloser; wird nun letztere verbessert und die Operette sorgfältig ausgestattet mit Tanz u.s.w. glauben wir ihr überall eine günstige Aufnahme vorhersagen zu können. Die dabei beschäftigten Mitglieder gaben sich alle Mühe; einen vorzüglich guten Eindruck machte das wohlbesetzte Orchester, welches mit Rüchsicht auf Herrn Eberl durch mehre Mitglieder des Mozarteums verstärkt wurde, selbst der Concertmeister desselben, Herr Bennewitz, wirkte mit und trug das kleine Violin-Solo mit gewohnter Künstlerschaft unter lauter Anerkennung vor. Das Publikum nahm die Operette beifällig auf und beehrte Herrn Passer mit dem Hervorruf, dessen sich schlüßlich auch Herr Eberl zu erfreuen hatte.“

 

1862

Schaefer, Johann Wilhelm. Reinhold Lenz. In: Bremer Sonntagsblatt, 11. Mai. Bremen. Digitalisiert von Google

“[S. 153] Wie es eine Zeit gab, in der man alles Ernstes Bürger für ein größeres Dichtertalent hielt, als seinen strengen Beurtheiler, der noch keinen Wallenstein verfaßt hatte, so gab es auch für Reinhold Lenz eine goldene Zeit der Bewunderung, wo selbst ein Klopstock eines seiner anonym erschienenen Dramen für ein Werk Goethe's halten konnte und der einsichtsvolle Schröder in Hamburg, der die Dramen Shakspere's zuerst auf die deutsche Bühne brachte, sie vor allen andern als ´theatralisch´ auszeichnete. Der Nation ist Lenz ziemlich fremd geblieben. [...]
   Weniger vermag ich Herrn Gruppe in dem beizustimmen, wo sie sein ästhetisches Urtheil über Lenz als Dichter geleitet hat. Nach meiner Ansicht - und ich glaube, daß die meisten Beurtheiler auch nach dem Erscheinen von Gruppe's Schrift sie theilen werden, - hat Lenz auf die hohe Stellung, die ihm Herr Gruppe in unserer Literatur anweisen möchte, kein Anrecht. Wer wollte in seinen Dichtungen den mächtigen poetischen Drang eines begabten Jünglings verkennen? Allein die kühnen, überall hervorleuchtenden Blitze der Genialität gleichen doch nur einzelnen Streiflichtern, die mit der Sonnenklarheit des echten Künstlergeistes wenig gemein haben. Man sagt wohl von solchen früh zu Grunde gegangenen Talenten, sie seien in ihrer Entwickelung gehemmt, sowie Bürger von sich selbst urtheilt, seines Lebens Keime seien gestorben, werth eines besseren Lenzes. Allein so wenig Bürger in einer glücklicheren Lebenslage etwas Höheres erreicht hätte, als da er mit seiner Lenore sich die Herzen in ganz Deutschland eroberte, eben so wenig würde aus Lenz´ dramatischen Jugendarbeiten eine Iphigenie, ein Wallenstein sich entwickelt haben; die Grenzen waren ihm früh genug gezogen.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1862

Anonym. Erzeugung von Gedanken. In: Morgenblatt für gebildete Leser, 10. December. Digitalisiert von Google

“[S. 1191] Es ist eine Eigenthümlichkeit des Genies, daß es gerade aus den gemeinsten und kleinsten Dingen, die von allen Andern unbeachtet bleiben, etwas Großes macht. Das Genie nährt sich so zu sagen recht gut von Disteln, und übt die Kunst, aus Häckerling Gold zu machen, wie denn auch ein Goethe oder sonst ein ächter Dichter die unscheinbarsten Vorfälle des Lebens zu den wundervollsten Dichtungen ausstaffirt, und wie denn auch die alltäglichsten Erscheinungen auf die Spur der großartigsten Erfindungen geführt haben, ein vom Theekessel abgehobener Deckel zur Dampfmaschine, ein vom Luftzuge hin und her bewegter Kirchenkronleuchter zu der Entdeckung der Gesetze der Pendelschwingungen.“

 

1862

Anonym. Rez. ´Neues Pitaval´. In: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, 8. Juni. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 219] Einige Aehnlichkeit hat damit der in dem russischen Finnland spielende Fall: ´Eine Walpurgisnacht in Finnland´ (1852), wo ebenfalls eine bis zur unbezähmbaren Leidenschaft entwickelte sinnliche Liebe das Motiv der grauenvollen Ermordung eines schönen, jungen Bauernmädchens bildet. Der Umstand, daß die Ermordete, zu welcher der Mörder in sinnlicher Neigung entbrannte, die Schwester seiner eignen Frau ist, stempelt den Fall zu einer ´Bürger und Molly-Situation im Bauerngewande´.“

 

1862

Anonym. In: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, 16. November. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 426] Die Grabstätte Bürger´s auf dem Friedhof vor dem Weenderthore in Göttingen ist von dem dortigen Todtengräber, als er im Auftrage einer Familie das Grab eines von deren Angehörigen suchen sollte, aufgefunden worden. Bei der Entzifferung alter Leichensteine kam er auch an ein Denkmal, da neben dem bisher als Bürger´s Grab bezeichneten Hügel stand, dicht von Gestrüpp eingehüllt und dick von Moos umkrustet. Nach Entfernuug des Mooses kam die Aufschrift: ´Die Stadt Göttingen dem Dichter August Bürger´, nebst dem Geburts und Sterbejahr des Dichters, zum Vorschein. Das Denkmal besteht aus einer kannelirten dorischen Säule, welche eine Urne trägt.“

 

1862

Sartorius, Joh. Bapt. Eintrag. In: Die Mundart der Stadt Würzburg. Würzburg. Digitalisiert von Google

“[S. 105] Sasa, Ausruf. Hopsasa! Tausedsasa! - Tausedsasa als Hauptwort ist ein Hauptkerl, Wundermensch. Hör, Balz, du bist a Tausedsasa, deß kann kee Annerer. - Der Dichter Bürger ist mit solchen Ausrufen: Hopp, hopp! holla, holla! klinglingling! trapp, trapp! sehr freigebig, z. B. in der Entführung, im Lied vom braven Manne, im wilden Jäger. So heißt es denn auch in Lenore:
      Sasa! Gesindel, hier! Komm hier! “

 

1862

Hansen, Th. Rezension Der Deklamator. Hundert deutsche Gedichte [...] Hannover 1860. In: Zeitschrift für das Gymnasialwesen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 192] Wir kommen jetzt, auf die Auswahl der Gedichte. [...] Was Bürger betrifft, so können wir, bei aller Volkstümlichkeit dieses Dichters, nicht umhin, Kurz Recht zu geben, dass er oft ´Volksmässigkeit mit gemeiner Popularität verwechselte und in bänkelsängerischen Ton versank.´ Wenn er auch das musikalische Element der Sprache mit grossem Glücke ausgebildet (Kurz), ja eine Sprache hat voll hinreissender Musik (Masius), so überwogen doch Sinnlichkeit und Einbildungskraft in seinem Dichten, und seiner glänzenden Begabung fehlte das harmonische Gleichgewicht (Derselbe Leseb. II S. 786). Die Bestätigung dieses Urtheils finden wir auch, wie in dem berühmten Gedicht ´Lenore´, so in ´Karl von Eichenhorst´ und ´d. wilde Jäger´. So sehr wir überzeugt sind, dass man in reiferen Jahren auch in diesen Gedichten freudig überrascht seiner Sprache ungeahnte Schönheit sehen kann und wird, um mit Ludwig's K. v. Baiern Worten zu reden, so wenig können wir es für angemessen halten, die bezeichneten Gedichte zur Declamation für die Jugend zu wählen. Für diesen Zweck bleiben uns immer noch andere Gedichte von Bürger, z. B. ´der Kaiser und der Abt´, ´das Lied vom braven Mann´, oder ´Weinsberg´.“

 

1862

Clarus, Ludwig. Simeon, Zweiter Band. Schaffhausen. Digitalisiert von Google

“[S. 264] Wenn, meint dieser weiter, in Werken andrer Reisebeschreiber die politischen und socialen, die Handels- und Verkehrsverhältnisse der von ihnen besuchten Länder eine Hauptrolle spielen, so träten diese Verhältnisse in meinem Buche gänzlich in den Hintergrund, um dem luftigen Gesindel, das in Bürgers Lenore spukt und tanzt, im Vordergrunde freiern Raum zu lassen.“

 

1862

Anonym. Kunst- und Literatur-Notizen. In: Isar-Zeitung  23. September, München. Digitalisiert von Google

“[o.S.] Einen merkwürdigen Originalbrief Gottfried August Bürger's aus dem Jahre 1791 finden wir in der Septembernummer 38 der Hamburger Jahreszeiten abgedruckt. Ein geh. Justizrath in Marburg hatte am Neujahrstage von drei Freunden drei nach gegebenen Endreimen verfaßte Glückwunsch-Carmina erhalten und, da er als Schiedsrichter eines für das beste erklären sollte, das ästhetische Urtheil des Prof. Engelschall angerufen. Letzterer erkannte der Nr. 2 den Preis zu. Der Justizrath war aber damit nicht einverstanden und wandte sich an den Prof. Bürger in Göttingen. Dieser gab nun ein sehr ausführlichis Gutachten ab und erklärte Nummer 1 für das beste der drei Gedichte, was, wie er zum Schlusse ausdrücklich hervorhob, auch die Meinung seiner Frau Elise (die er kurz zuvor im Jahre 1790 geheirathet hatte) sei. Er schrieb nämlich: ´Schon hatte ich soweit geschrieben, als ich erst Gelegenheit fand, die drei Gedichte meiner schwäbischen Elise, der es nicht an Geist und ästhetischer Beurtheilungskraft fehlt, ohne weiteres nur ganz flüchtig vorzulesen. Der Laut meines Mundes war noch nicht verklungen, als sie sich schon für Nr. 1 entschied. Eine solche Bestätigung mag nun freilich für viele hochgelehrte Herren wenig Kraft haben. Aber wahrlich, ich sage Euch, Ihr hoch- und tiefgelehrten Herren, bei mir gilt in Geschmacksachen das Urtheil und die Entscheidung eines geistreichen, von theoretischem Schulwitz noch nicht verstimmten oder abgestumpften Weibes mehr, als zehn nicht ganz schlechte Männerurtheile. Kein Mann trifft das Fleckchen so schnell und sicher, als ein wohlorganisirtes Weib! Gott segne mir nun und immerdar die Weiber! Ich liebte ihrer in meinem Leben nicht wenige und von nicht wenigen bin ich auch wieder geliebt worden!´ “

 

1862

Innsbruck, 25. Juli. (Rückkehr der Schützen aus Frankfurt. Dekorierung des Prof. Dr. W ildauer mit dem Orden der eisernen Krone). In: Volks- und Schützen-Zeitung, 28. Juli. Innsbruck. Digitalisiert von Google

“[S. 564] Ich habe nur als Organ gedient zum Ausdruck von Gedanken, die Sie Alle mit mir theilen. Se. Majestät haben nun mich mit Allerhöchst Ihrer Gnade auszuzeichnen geruht. Ein Kaiserwort darf man nicht drehen noch deuteln! Herr Graf haben mir gütigst mitgetheilt, daß Seine Majestät mir diese Auszeichnung in Anerkennung bewiesenen Patriotismus huldvollst zu verleihen geruhten. “

 

1862

Wirth, Johann Georg August. Die Geschichte der Deutschen, Vierte Auflage, Vierter Band, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 160] Neben ihm [Klopstock] wirkte von 1772 an in Göttingen ein Verein junger Talente, der sogenannte Bardenbund, welchen heitere Lebenslust, Liebe zur Dichtkunst und freisinnige Denkart zusammengeführt hatte. Boje, Hölty, Leisewitz, die beiden Müller, die beiden Grafen von Stolberg, und vornämlich Voß, gehörten diesem Bunde an. Indem die jungen, strebenden Geister den ernsten Klopstock zu ihrem Vorbild erwählten, trat ihre Thätigkeit gleich von vorneherein in organischen Zusammenhang mit der Entwicklung der neuen Zeit, bewahrte sie vor Frivolität und Einseitigkeit, und leitete sie auf den wahren Weg zu noch höheren Kunstleistungen, dem Studium tüchtiger Muster und dem Eindringen in die Tiefen der deutschen Sprache. Den Mitgliedern des Bardenbundes ward es noch nicht gegeben, die deutsche Poesie und Literatur auf die Höhe zu heben, zu welcher sie kurze Zeit nachher empordrang; aber sie beförderten um Vieles dieses großartige Ergebniß. Voß vorzüglich erwarb sich durch enges Anschließen an die Klopstock'sche Auffassungs- und Behandlungsweise der deutschen Sprache, so wie durch die nationale Haltung, die Sittenreinheit und patriarchalische Einfalt seiner Produktionen unvergängliche Verdienste.
     Während in dieser Weise reiche Triebkräfte einer neuen Zeit in freundlichem Verkehr ihrem Ziele entgegenstrebten, drang, mehr vereinzelt und gedrückt von äußeren Umständen, ein noch reicherer Genius zu demselben Ziele vor, Gottfried August Bürger. In ihm war die Dichtkunst, welche bei den Göttinger Barden, namentlich bei Voß, und zum Theil selbst bei Klopstock, noch etwas an die Schule streifte, schon völlig frei geworden, stürzte sich unmittelbar in das Leben und gab dasselbe in frischen, reichen Strömen zurück. Bürger war durch und durch ächter, freier Dichter, und bestimmt, der Liebling des Volkes zu werden, dessen treuestes Organ er darstellte; seltsam daher, daß alle Lorbeeren, die ihm gehörten, später auf ein anderes Haupt niedergelegt wurden.”

 

1862

Kutzen, Joseph. Aus der Zeit des siebenjährigen Krieges. In: Deutsche National-Bibliothek, Achter Band, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 39] Und doch, wie weit stand er in Wirklichkeit von diesem Ziele entfernt! Wie lange dauerte es noch, und welche Qualen von Widerwärtigkeiten, Sorgen und Entbehrungen mußten noch durchgekämpft werden, ehe der ersehnte Zustand eintrat, von dem später der gefeierte Volksdichter sang:
   „Der König und die Kaiserin,
   Des langen Haders müde,
   Erweichten ihren harten Sinn
   Und machten endlich Friede;
   Und jedes Heer mit Sing und Sang,
   Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
   Geschmückt mit grünen Reisern,
   Zog heim zu seinen Häusern."
So soll der Mensch, wie hochgestellt auch, wie begabt und glücklich er sei, den Tag nicht vor dem Abende loben!”
 

1862

Anonym. Deutschland. In: Der Volksbote, 10. Januar, München. Digitalisiert von Google

“[S. 30] Aus Frankfurt wird von einer Note gemeldet, welche das österreichische Kabinet schon in der ersten Hälfte Dezembers von wegen der preußischen Besteurung der deutschen Zeitungen nach Berlin gerichtet hat, und zwar mit Berufung auf den Zoll- und Handelsvertrag vom Jahr 1853; allein alle schönen Redensarten dieser Wiener Note sind keinen Schuß Pulver werth, da, wie der Volksbote nur neulich nachgewiesen hat, die österreichische Zeche für deutsche
Zeitungen sogar noch unverschämter ist, als die preußische. Wenn man von Berlin drauf zur Antwort gibt: "Ach zupfte sich Herr Erdenkloß doch selbst an eigener Nase", so ist man für dies Mal dort im Recht. Sich 13 Gulden für das Blättl des Volksboten zahlen zu lassen, das geht über den Schellenkönig.”

 

1863

Schneider, Karl Ernst. Dritte Periode: das strophische Stimmungslied . In: Das Musikalische Lied in geschichtlicher Entwicklung.  Digitalisiert von Google.

“[S. 14] Auch in der zweiten, poetisch bessern Hälfte der Periode fehlt es anfänglich und selbst später neben dem Gehaltvollen nicht an Trivialitäten in der Textdichtung, indem der damalige Zeitgeschmack Aufklärung und praktische Nutzbarkeit für unzertrennlich von der Dichtkunst hielt und von der Kunst im Ganzen einen sittlichen oder nützlichen Zweck forderte. Poetische Belegstellen hierfür beizubringen ist überflüssig, da die betreffenden Texte ganz den obigen gleichen. Im großen Maßstabe haben wir eine solche Mischung von Gutem und Trivialem in Nicolai's ´Allgemeiner deutscher Bibliothek´, obwohl diese anderseits wieder das höhere Verdienst hat, die erste Sammlung alter und neuer Volkslieder überhaupt zu sein. Allmälig aber, schon in den Graun’schen Oden (um 1750), wo Texte von Geßner, Hagedorn, Christ. Weiße auftreten, und noch mehr seit den siebziger und achtziger Jahren wird's allmälig wieder jung uud grün im verödeten Garten der deutschen Lyrik: in den buntesten Farben und den mannigfaltigsten Wohlgerüchen duften seine Blumen; kleine, lichte Blümchen im Sonnenschein, wie ernste Trauergewächse im einsamen Schatten stehen ringsumher. Die frostige Verstandeskälte ist gewichen: wir athmnen wieder in der warmen Luft der Empfindung, Trink- und Liebeslieder sind auch jetzt wieder vorherrschend, aber edler und poetischer als die frühern. Hagedorn hatte zuerst das kleine, gefällige Lied gepflegt und in direkter Verwandtschaft Gleim und seine Geistesgenossen das sogen. ´anakreontische Lied´ angeschlossen. während diesen der gemüthliche Gellert seine innigen religiösen Lieder zur Seite stellte. Am Glücklichsten aber und besonders am Volksthümlichsten sproßte das eigentliche Lied im Kreise des Göttinger ´Hainbundes´, wo Hölty den schwermüthigen, Claudius den kindlichen und humoristischen Ton anschlug, während in des frühern und einer andern Landschaft angehörenden Lavater's Schweizerliedern schon der echte Naturton stellenweise auf das Täuschendste erklungen war. Der geniale Bürger aber, alle diese Seiten in sich vereinigend und nicht minder glücklich im gefühlvollen und anmuthigen Liede, wie vornehmlich in der dramatisch schwungvollen ´Ballade´. brachte diese ganze Produktion erst zu voller Blüthe. [Hervorhebung von K.D.] Streift er gleich mitunter in Stoffen und Ton an's Gemeine, so wiegt doch der echt volksmäßige, anschaulich drastische Charakter seiner Gedichte diesen Mangel hinlänglich auf. Keiner der damaligen Poeten ist so wahrhaft poetisch, keiner musikalisch so brauchbar und daher auch in den Liederwerken jener Zeit so stark vertreten, als er; die volksthümlichsten Lieder jener Tage, die noch jetzt beim Volke und bei der Jugend theilweise in Ehren stehen, wie ganz besonders die sagenhafte oder aus dem wirklichen Leben gegriffene Ballade, die, wie wir später sehen werden, auch in der Entwickelung des musikalischen Liedes eine besondere Stufe repräsentirt - sind regelmäßig von Bürger. Und dabei ist diese ganze Dichtung rein deutsch, rein menschlich und populär, ohne Bezugnahme auf das Alterthum, ohne mythologische Anspielungen, ohne gelehrten Apparat.
   Fast die ganze Göttinger Schule behandelte ausschließlich volksthümliche Stoffe in fließenden Versen, deren stillschweigendes Vorbild das Volkslied war. In dieser Poesie ist nichts Hohes und Erhabenes, nichts symbolisch oder allegorisch Dunkles, das zum Verständniß eines Kommentars bedurft hätte: die Stoffe sind vielmehr durchweg der volksvertrauten National- und Lokalsage, den Vorkommnissen des Alltagslebens und der Volkserfahrung entnommen; Anspielungen an Fremdes und Alterthümliches fallen nur selten dazwischen. Die Sprache aber ist von einer Reinheit, von einem Fluß und Schwunge, der sich in das unverbildete Ohr des Laien unausbleiblich einschmeichelt, aber ebensosehr auch edlere Kunstansprüche befriedigt. Was sich aus fremden Sprachen in der Poesie unserer Periode findet, wie z. B. lateinische und griechische Verse (bei Kirnberger 1773 und 1780), will weniger zeitgemäßes Lied sein, als nur eine gesangliche Deklamationsstudie, wie deren die Tonsetzer schon in der Epoche der Mehrstimmigkeit mit Vorliebe angestellt hatten. Man begreift, wie diese verjungte, rein deutsche Dichtung, besonders in den Händen der Göttinger, zünden und begeistern mußte, nachdem das Lied 200 Jahre lang entartet und dem Volke entfremdet geblieben war.

[S. 17] Im Ganzen jedoch steht es fest, daß unsere größten Dichter im Fache des volksthümlichen Liedes die kleinsten sind, und daß, umgekehrt, die bescheidensten Ansiedler am deutschen Parnaß zu den beliebtesten Poeten zählen, wenn sich's um das kleine, populäre Lied handelt. Bürger, Hölty, Claudius u. A. haben ungleich weniger ideale Begabung, aber unendlich mehr Naturnähe und Naturton, als Herder, Schiller oder Göthe, und haben sich daher auch musikalisch ungleich verwendbarer gezeigt, als die auf höherm Kothurn wandelnden Klassiker.

[S. 42] Von Kunstgesängen haben die Auszeichnung eines Separatdrucks - denn diese Form der Veröffentlichung blieb auch noch später in Kraft - meist solche Lieder erfahren, welche sich durch eigenthümlichen Inhalt, etwa durch die Verherrlichung eines bedeutsamen Zeitereignisses, oder auch bloß durch ihren Umfang zu einer gewissen Selbständigkeit hervorhoben. Für sie durfte man schon an und für sich auf Beachtung von Seiten des Publikums hoffen und hielt es daher auch für lohnend, ihnen eine besondere Ausstattung und Veröffentlichung zu geben; die Bürger-Zumsteeg´schen Balladen z. B. sind gleich Anfangs als selbständige Gesangstücke erschienen. Manche von den Liedern kamen zuerst in den Sammlungen gemeinschaftlich mit andern Liedern heraus und wurden erst später als Separatdrucke abgesondert und veröffentlicht. Man weiß, daß diese Sitte selbst ein einzelnes kleines Lied in besonderer Ausgabe zu ediren, ein lukratives Spekulationsverfahren des neuern Musikalien-Handels geworden ist.
 
[S. 46] Wirklich verdiente aber der Text auch, vor dem Gesange bevorzugt zu werden, da er, künstlerisch geschätzt, ungleich besser war, als die Komposition. Von Hölty, Claudius, Bürger u. A. leben noch gar manche Gedichte in der Gegenwart fort, sind jedem Gebildeten vertraut, werden in der Unterhaltung citirt, werden besonders von der Jugend noch mit Eifer gelesen und gelernt und zu Deklamationsstücken benutzt u.s.w. Wo in der Welt aber sänge man noch eine Komposition aus jener Zeit zu einem dieser Gedichte?”

 

1863

Zitz, Kathinka Halein. Eine literarische Novität. In: Der Roman eines Dichterlebens, Band 2, Ausgaben 1-3   Digitalisiert von Google.

“[S. 47] Weniger angenehm schloß sich dieser Tag für die Frau Rath, denn ihr Mann hielt ihr vor Schlafengehen eine Gardinenpredigt, deren Inhalt ihr wenig zusagte. Da sie nicht auf den Mund gefallen war, so hielt sie ihm zwar eben so wacker Stand, wie die Frau Schnips in Bürger's Ballade dem heiligen Petrus - aber wenn die Predigt zu Papier gebracht worden wäre, so würde die Frau Rath sie doch schwerlich zur Erbauung an den Spiegel gesteckt haben.”

 

1863

Förster, Ernst. Geschichte der deutschen Kunst. Bd. 5. Digitalisiert von Google.

“[S. 529] Aus demselben Jahre [1838] datirt seine "Lenore" nach Bürger. In diesem Bilde hat Oesterley sicher erreicht, was er gewollt. Die angstvolle Hast des Mädchens, das von der Mutter vergebens zur Ruhe gemahnt und zurückgehalten wird, ist sprechend ausgedrückt und als Gemälde vortrefflich ausgeführt. Aber die Wahl des Momentes ist nicht glücklich. Wer mag den Anblick einer ohne Hoffnung gemarterten Seele zur Kunstbetrachtung wählen! Der Dichter kann den Augenblick schildern: er hat die Folge in seiner Gewalt; aber der bleibende Schmerz muß Beruhigung und Versöhnung in sich haben.”

 

1863

Marggraff, Hermann. Neueste Literatur über Goethe. Erster Artikel: Goethe und Karl August. In: Blätter für literarische Unterhaltung, Nr. 35 August: Digitalisiert von Google

"[S. 638] Ein durch einen äußern Umstand veranlaßtes Schreiben Goethe´s an den Herzog, nunmehr Großherzog, betrifft die weimarische Subscription für die von Bürger projectirte Uebersetzung des Homes, eine Angelegenheit also, bei der sich ebenfalls Goethe´s Edelmuth manifestirte. Goethe bemerkt, daß man die Summe von 65 Lousdor in seine Hände niedergelegt gabe und fährt dann fort:
  Allein weder die Theilnahme des Publikums, noch Bürger´s Beharrlichkeit stimmten in den wohlgemeinten Vorsatz; die Sache
  gerieth in Schwanken und Stocken, wo denn zuletzt wenig Hoffnung übrig blieb. Da aber einmal das Geld zu Bürger´s Gunsten
  bestimmt worden, der sich aus kümmerlichen Umständen nie zu erholen wußte, so beschloß die ansehnliche Gesellschaft,
  ihm diese bedeutende Unterstützung angedeihen zu lassen, wenn auch die Bedingung unerfüllt geblieben war. Ich sendete ihm
  das Geld, erhielt seinen Dank und richtete ihn aus.
Man weiß, wie unedel sich Bürger durch ein bekanntes Epigramm an seinem Gönner und Wohlthäter gerächt hat."

 

1863

Roquette, Otto. Der Göttinger Dichterbund. In: Geschichte der deutschen Literatur. Zweiter Band.  Digitalisiert von Google.

“[S. 240] Jene schrankenlose Subjektivität, die auf ihr "Naturrecht" pochend gegen das Recht gesetzlicher und sittlicher Grenzen Sturm lief, sollte in einem und zwar in dem begabtesten Dichter des Göttinger Kreises in trauriger Weise zu Falle kommen, in Bürger. Was Göthe im Werther, was Klinger und Lenz in ihren Dramen, was die Dichter der Sturm- und Drangzeit nur in Bildern und Gestalten der Phantasie hinstellten, das gewaltsame Zerreißen ehrwürdiger Bande, durch die das Genie sich beengt fühlte, das trat mit Bürger, wenigstens nach einer Seite hin, in die Wirklichkeit. Aber schwer wie die Sünde gegen die sittliche Ordnung wurde die Buße.

[S. 242] Wir haben Bürger als das größte Talent des Göttinger Kreises bezeichnet, aber mehr noch, er war nächst Göthe die lyrisch am tiefsten angelegte Natur dieser Zeit. Formbildung, Reichthum der Empfindung, Ausdrucksfähigkeit der Stimmung stehen ihm im vollen Maaß zu Gebote. Er versteht es, den kräftigsten Ton anzuschlagen, und wieder in einer melodischen Weichheit zu singen, daß man die bloße Sprache zur Musik erhoben glaubt. Dies wird, wie er leider nach keiner Seite hin ein Maaß kennt, auch wohl Weichlichkeit, die die jungen Göttinger Genossen an ihm auszusetzen hatten. Allein die Fähigkeit, dichterische Form und Stimmung in Harmonie zu bringen, ist bei ihm wenig, gegen die erstaunliche Gewalt, mit welcher er Leidenschaft Sprache zu geben versteht.

[S. 243] Zu schwach und willenlos, sich aus dieser Hölle empor zu reißen, zieht die gegen alle Sittlichkeit betäubte Leidenschaft den qualvollsten Genuß vor. Sie glaubt an keine Schuld, sie glaubt nur an ein inneres Gesetz, das nichts andres ist, als die Gesetzlosigkeit, und flucht dem äußeren Gesetz, das jenem gebieten will.
     Bei einer so tief angelegten dichterischen Natur, wie Bürger, gewann diese Dialektik der Leidenschaft, dies Toben des Glücks und diese Qual des Ringens einen Ausdruck, der wahrhaft erschütternd wirkt. Alles, was seine Poesie an den Namen Molly knüpft (und es ist idie Hälfte seiner Lyrik), gleicht einem Strom von dämonischer Gewalt, der alles Denken, Wollen, Empfinden der menschlichen Natur mit sich fortreißt. Da giebt es kein Verschleiern, kein Verhehlen; Freude, Schmerz, die unbändigsten Regungen des Herzens treten unverhüllt, oft mit erschreckender Wahrheit ans Tageslicht und zeigen in verführerischen Rhythmen alle Ergüsse des Gemüths nach einem einzigen Ziele hingelenkt.

[S. 244] Den Mond anzusingen, war von jeher Poetenart, und auch der gar nicht sentimentale Bürger konnte nicht umhin, ihm seinen Tribut zu bringen. Aber sehr unterscheidet sich sein Lied an den Mond von denen der Göttinger Bundesfreunde, denn während jene meist mit feierlicher Wehmuth anheben, sagt er ihm "Ei schönen guten Abend dort am Himmel!" und fängt eine gemüthliche Plauderei mit ihm an. Der Tyrannenhaß in seiner Abstraktion war ihm fremd, dagegen wendete er denselben einmal mit schärferem Blick auf den konkreten Fall an, in dem Gedicht: "Der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyrannen," worin der Verzweiflungsruf des von seinem Junker gepeinigten Leibeignen viel eindringlicher zum Gewissen spricht. Auf andre Lieder, wie das Feldjägerlied ("Mit Hörnerschall und Lustgesang") und das Trinklied ("Ich will einst bei Ja und Nein"), die noch frisch im Gesang der Jugend fortleben, braucht nur hingewiesen zu werden.

[S. 245] Wenn jemals das Bestreben, volksthümlich zu sein, mit Erfolge gekrönt wurde, so war es hier [Lenore] der Fall. Schon öfter sprachen wir es aus, wie mißlich, meist unberechenbar und vom Zufall abhängig es für die Dichtung ist, ein Volkslied hervorzubringen, wie selten ein solches Ziel vom Standpunkte der Kunst aus erreicht wird. Gilt es doch nichts Geringeres, als ein Verzichten auf alle üblichen Kunstmittel, ja auf das Kunstgesetz selbst, dem die Dichtung nicht entsagen zu können scheint, ohne ihr eigenstes Wesen zu zerstören. Das ganze Geheimniß volksthümlicher Wirkung liegt aber für den Dichter in der Versetzung seines Standpunktes. Nicht von oben herab für das Volk, sondern mitten im Volke stehend und wurzelnd muß er singen, alles Wissen und Können, alle Begriffe des Kulturlebens unberührt lassen, und ganz in den naiven Anschauungen des Volkes aufgehn. Versteht er dies, so kommt ihm jedes Verzichten auf übliche Kunstmittel zehnfach zu Gute, denn die natürlichen Mittel der Volkspoesie sind so reich und nachdrücklich, daß bei treffender Verwendung eine künstlerische Wirkung ebenso bedeutend, ja bedeutender abzusehen ist. Das keck von einer Situation in die andere Springende der Darstellung, welches alle unwesentlichen Vermittlungsglieder voraussetzt, giebt den Vortheil, daß die Hauptmomente kräftig auf einander folgen. Aber diese Hauptmomente liegen weniger in der Ausprägung äußerer Vorgänge, als in der Betonung innerer Zustände. Das Gemüth muß zum Gemüthe sprechen. Ein andres Element des Volksliedes ist das Dialogische der Form, welches, kundig behandelt, den Gang der Handlung zu dramatischer Lebendigkeit zu steigern vermag. Alle diese Vortheile faßte Bürger sicher auf, und da er in der volksthümlichen Anschauung durchaus zu Hause, der poetischen Form aber in hohem Grade Meister war, löste er auf dem Gebiet der Ballade ein Problem, das immer zu den schwierigsten gezählt werden muß.

[S. 246] Und wirklich fühlte sich die ganze Nation von diesem großartigen Gedicht sogleich ergriffen. Es wurde populär im vollsten Sinne, es hatte die gleiche Wirkung, ob es in hohen oder niederen Bildungskreisen vorgetragen wurde. Was die Volksballade zu leisten vermag, das zeigte Bürger's Lenore in Deutschland zuerst, und in glänzendster Weise. Die Balladendichtung wurde allgemein, und auch im Göttinger Kreise übte man sich, wie wir gesehen, in der Nachahmung.

[S. 247] An englische Stoffe knüpfte er gern an, so im "Graf Walter," in "Suschens Traum," in der "Entführung" und in den noch vorzüglichen Gedichten "der Bruder Graurock" und "der Kaiser und der Abt." Zu seinen schönsten Dichtungen dieser Zeit gehört auch noch "der wilde Jäger," und sehr populär wurden die mehr auf moralischer Grundlage aufgebauten: "Das Lied vom braven Mann" und "die Kuh." In anderen dagegen, wo er es mehr auf eine breite novellistische Entwicklung absah, war er, da sein Kompositionstalent nicht ausreichte, nicht eben glücklich. Je mehr Bürger in seinem eignen Leben das menschliche Maaß verlor, desto mehr, wie wir gesehen, schwand ihm auch das künstlerische. Denn ein künstlerisches Maaß hatte er taktvoll auch auf seine volksmäßigen Balladen der besseren Zeit anzuwenden verstanden. Aber dieses ließ er immer mehr aus den Augen, er verfiel in Manier, und schlimmer noch, die alten Fehler seiner frühsten Zeit tauchten wieder auf. Die Stoffe wurden gräßlich, die Ausführung verweilte gern bei dem Haarsträubenden, und überschritt jedes ästhetische Maaß. Balladen, wie "des Pfarrers Tochter von Taubenheim," machen nur noch den Eindruck des Häßlichen und Abstoßenden. Ebenso unglücklich fielen diejenigen Gedichte aus, worin er den humoristischen Ton vorwalten ließ. Hier kam er gradezu wieder bei der alten Bänkelsängerei an, wie im "Raubgrafen," vor Allem in dem cynischen Machwerk "Frau Schnips." [...]
    Aber seine dichterische Bedeutung ist nicht hinwegzuläugnen, selbst wenn man zugesteht, daß die wenigsten seiner Dichtungen einen reinen und wohlthuenden Eindruck hinterlassen. Er war ein Talent, wie die Literatur deren an Tiefe und Kraft des Ausdrucks nicht viele aufzuweisen hat, und ein einziges seiner Gedichte, die Lenore, reicht hin, seinen Dichterruhm zu verewigen. -”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1863

Schiller, Friedrich. Brief an Iffland.26. April 1800. In: Johann Valentin Teichmanns Literarischer Nachlaß. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 209] Ich übersende Ihnen hier eine neue Bearbeitung des Macbeth für's Theater, wenn Sie davon Gebrauch machen wollen. Die bisherigen sind leider gar zu jämmerlich ausgefallen, und ich hielt es der Mühe werth, noch einen Versuch zu machen, ob dieses Stück, eins der vollkommensten von Shakespear, sich doch noch auf dem Theater erhalten ließe.
     Von Reichardt's Composition zu dem Bürger´schen Macbeth möchte sich außer der Ouvertüre manches einzelne brauchen lassen, besonders in der dritten Hexenscene im vierten Aufzug, wo die Beschwörungen vorgehen.“

 

1863

Wilbrandt, Adolf. Heinrich von Kleist. Digitalisiert von Google.

“[S. 173] Und wie wir wissen, daß Schiller in jenem harten Gericht über Bürger seine eigene Vergangenheit bekämpft hat, so begreifen wir auch, wie Göthe vor der Erscheinung Kleist's wie vor einer unheimlichen Erinnerung zurückwich.”

 

1863

Knüttell, August. Wettstreitgesang des Hexameters und der Nibelunge um die Verdeutschung Homers. In: Die Dichtkunst und ihre Gattungen.

“[S. 18] Die Nibelunge.
 Ich zittere nie vor Fersen, am wenigsten aber vor ihr,
 Der Ferse des Sohnes Peleus´: da war er sterblich schier.
 Zwar heute prunkst du im Festkleid und
 funkelst blaß vom Golde,
 Und redest die Zunge der Götter, wie einst Homeros´ Solde;
 Doch baut dich noch so kunstreich des deutschen Meisters Hand,
 Du wirst doch nimmer heimisch in meinem deutschen Land.
 Dich muß der Ionier flöten, dich darf kei fußerstarrter
 Hilfaus-Trochäus löthen, geschultem Ohr zur Marter.
 Trotz Fritzen, dem Grafen zu Stolberg, trotz Bodmer und seinem Troß,
 Trotz Gottfried August Bürger und Johann Heinrich Voß,
 Die deutschhomergestammelt und deutschhomergesungen,
 Mit dir hat Keiner von Allen das deutsche Volk durchdrungen.
 Auch schlägst du mich nicht mit dem Klopstock, dem heiligen Christ-Homer,
 Er war ein Dichter, wahrlich, nur du chikanirtest ihn sehr.
 Den Rothschilds Ahnen weiland gekreuzigt ohne Gnade,
 Du hast ihn gerädert, den Heiland, in Klopstocks Messiade.
 Die wollte Herameter tanzen mit hölzernem Bein und Schuh´!
 Vernahm's Homer, der blind schon: er wurde noch taub dazu.
 Ich glühe dem glühenden Sänger vom großen Sohne Gottes,
 Nur bloß dem Hexameterdrechsler galt jener Biß des Spottes.”

 

1863

Anonym. Deutsche Literatur im Auslande 1797 und 1863. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Nr. 49 December:  Digitalisiert von Google

"[S. 902] Am 3. December 1796 schreibt der londoner Correspondent, daß Bürger´s "Lenore" in der "hiesigen poetischen Welt in den obern Regionen" ein Modegegenstand geworden sei. Zu den drei bereits vorhandenen, zum Theil sehr prächtig gedruckten und mit Kupferstichen gezierten, aber auch "gewaltig anglisirten" Uebersetzungen sei nun noch eine vierte in Begleitung der Ballade vom Wilden Jäger unter dem Titel: "The Chase and William and Helen, two ballads from the German of Burger" (London 1796) hinzugekommen. Die "Lenore" machte so viel Aufsehen, daß englische Literatoren sich bemühten, dem deutschen Dichter wenigstens die Originalität der Erfindung abzustreiten und sie auf eine englische Quelle zurückzuführen, wass dann die in einem spätern Stück der Wieland´schen Zeitschrift abgedruckte bekannte Mittheilung A.W. Schlegel´s hervorrief, wonach Bürger selbst versichert: er habe dazu einige Winke aus einem ihm nie vollständig vorgekommenen plattdeutschen Volksliede benutzt."
 

1863

Sandvoß, Franz. Graf Friedrich Leopold Stolberg. [Rezension des Buches von Theodor Menge]. In: Blätter für literarische Unterhaltung. Nr. 20. Digitalisiert von Google.

"[S. 358] Sehr treffend heißt Bürger ein zweiter Günther. Von der moralischen Mängelei hält sich Menge fern, wie er es auch bei Gentz im zweiten Bande ist; dennoch hat er, glauben wir, kein Recht, Schiller ein Verbrechen aus seinem allerdings harten Urtheil zu machen. Im letzten Grunde gehen wir nämlich doch auf den sittlichen Menschen zurück, und war einer zu diesem Urtheil gegen den Lebenden berechtigt, so war es Schiller gewiß, denn er hatte sich selbst gebildet, um sich selbst zu geben, das Edelste, was der Dichter kann. Freilich ein gefährlich Ding ist es immer, diesen Maßstab anzulegen, und ihn sollte man anzulegen nur dem besten Kenner des ganzen Wesens, dem nächsten Freunde, gestatten."

 

1863

Lexikoneintrag Joseph Jacob Jungmann. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oestrreich. Zehnter Theil. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 321] Die in Zeitschriften und anderen Sammelwerken zerstreuten Arbeiten [Joseph Jacob] Jungmann's, darunter die trefflichen Uebersetzungen von Bürgers ´Lenore´, von Schillers ´Lied an die Freude´ und ´Lied von der Glocke´ u. a, sind in einer schon früher veröffentlichten Sammlung seiner Schriften unter dem Titel: ´Jos. Jungmanna sebrané spisy wersem a prosau´ (Pra 1841, Verlag des böhmischen Museums) und als 1. Band der ´Novoceska biblioteka´ erschienen.“

 

1863

Buchner, Wilhelm. Gottfried August Bürger. In: Lehrbuch der Geschichte der deutschen Nationalliteratur. Mainz. Digitalisiert von Google

“[S. 194] Gottfried August Bürger, ´der Condor des Bundes,´ war geb. in der Neujahrsnacht 1747—48 zu Molmerswende bei Halberstadt. Eines Pfarrers Sohn, für die Theologie bestimmt, verfiel er als Student zu Halle in ungeordnetes Leben, ging 1768 als Student der Rechte nach Güttingen und ward 1772 Amtmann in Altengleichen bei Göttingen, dann zu Wolmershausen. 1774 verheirathet, aber von heißer Liebe zu Auguste Leonhart (Molly), der Schwester seiner Gattin verzehrt, uuwirthschaftlich, mit Gram und Noth ringend, versank er selbst in der Alltäglichkeit seines Amtes und Umgangs. Nach der Frau Tod mit Molly vereinigt, ging er 1784 als Docent nach Göttingen; 1789 ward er Professor. Durch Mollys frühen Tod, durch die unglückliche Ehe mit der dritten Frau Elise ´dem Mädchen aus Schwaben´ tief gebeugt, durch Mangel, Krankheit und Kummer früh gebrochen, starb er 1794. — B. hing nur locker mit dem Bunde zusammen, von welchem er sich, wenn auch der Begabteste, in der ganzen Richtung des Lebens und Dichtens schied. Unstät, ernsten sittlichen Gehaltes entbehrend, leidenschaftlich, gelangte B. durch das Schwankende seines Willens, durch Schuldbewußtsein und schwerlastendes Unglück nicht zur vollen Entfaltung seiner reichen Dichtergabe. Geistreicher Meister des Gedankens und der Sprache, hatte B. eine seltene Begabung für das Volksmäßige. Kraft und Vollklang der Dichtung, lebendige Frische, glänzende und dabei feingearbeitete Sprache, prächtiger Versbau zeichnen seine theilweise ganz vollendeten Balladen aus; auch viele seiner Lieder sind ganz vortreffich; andere Gedichte sind durch Roheiten desAusdrucks und Unreinheit des Inhalts verunstaltet; viele der Sonette sind vorzüglich.
     Lenore 1773 ist die berühmteste der zum Theil durch Percys Reliques of ancient english poetry 1765 hervorgerufenen Balladen, welche dieser bisher nur possenhaft behandelten Dichtungsart Ernst und Würde gaben. Daneben der großartige wilde Jäger 1785, der brave Mann 1776, Kaiser und Abt, die Kuh 1784, die Weiber von Weinsberg, u. a. Schillers harte Beurtheilung 1791, aus dessen streng sittlichem Wesen hervorgegangen, hat den Dichter zu sehr die Schwächen des Menschen entgelten lassen und ihn tief gebeugt; doch erkennt sie dessen ´Fülle poetischer Malerei, die glühende energische Herzenssprache, den bald prächtig wogenden, bald lieblich ftießenden Poesiestrom, das biedere Herz´ an.“

 

1863

Eichenfels, Hans von. Das Erbschloß. Zweiter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 171] Er wandte darum seine Schritte wieder zurück in das Musikzimmer, zur Seite des Spielzimmers, öffnete den Flügel und begann die Ritterromanze von Stollberg zu singen: ´Knapp´, sattle mir mein Dänenroß.´
  ´Herrlich! Herrlich! Musterhaft einstudirt!´ applaudirte der Kriegs- und Forstrath im Spielzimmer. “

 

1863

Galen, Philipp. Der Sohn des Gärtners. Dritter Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 221] Diese Erklärung, die, als sie bekannt wurde, alle Welt in Entzücken versetzte und der Fürstin die letzten ihr noch verschlossenen Herzen des Volkes gewann, war aber gerade dazu angethan, sie mit einer der alten Zeit anhängenden Partei im Lande in Confliet zu bringen, und hatte sie bis jetzt nur wenige ruhige und sorgenlose Stunden gehabt, jetzt sollte sie bald gar keine mehr haben. Kampf, Widerspruch, Unzufriedenheit brachen aus allen Ecken hervor, die früher die Herbergen der frommsten Gesetzmäßigkeit gewesen waren, und was früher vor der Regentin auf den Knieen rutschte, um nur seine Demuth und Hingebung zu beweisen, das warf sich jetzt in den schwersten altväterischen Harnisch, holte die verrosteten Waffen aus den Schränken und rief: ´Knapp, sattle mir mein Dänenroß!´ um ein siegreiches Turnier mit der Fürstin selbst zu halten, die, wie man überall schrie, die Revolution von Unten herausfordere, wenn sie so kategorisch mit ihren ersten Räthen umgehe und unzugänglich für ihren erprobten Rath und ihre weltbekannte Weisheit bleibe. “

 

1863

Anonym. Mannigfaltiges. In: Pfälzische Blätter für Geschichte, Poesie und Unterhaltung. 20. September. Digitalisiert von Google

(Die Straßenlokomotive und ihre Folgen.) [...] Ein Berliner Blatt widmet diesem Ereignisse folgende prophetische Zeilen: ´So haben wir es denn endlich erreicht, daß der Wunsch nach Siebenmeilenstiefeln im vollsten Maße erfüllt wird. Wir sind von nun ab eben so unabhängig von dem Willen der Eisenbahn-Direktionen, als von der Laune und Ausdauer der Pferde, und statt des Rufes: ´Knapp, sattle mir mein Dänenroß!´ wird in Zukunft des Junkers Kommando klingen: ´Heizt mir den zweisitzigen Phaeton.` “

 

1863

Anonym. Landwirthschaftliche Ausstellung in Hamburg. In: Landshuter Zeitung, 5. August. Landshut. Digitalisiert von Google

“[S. 717] Es ähnelte eines dem andern, alle waren einander wie aus den Augen geschnitten, nur daß sie in der Farbe ihre Kleides von Weiß bis zu Schwarz verschiedene Schattirungen zeigten. Amüsant war nur das junge Volk der noch ganz unerzogenen kleinen Ferkel in ihrer drolligen Derbheit. Sie spielten ohne Ausnahme ihren geduldigen Müttern sehr übel mit, und führten dabei ein Concert auf, gegen welches ´Unkenruf in Teichen´ Sphärenmusik ist.“

 

1863

Bornhagen, C. Rózsy. In: Unterhaltungs-Blatt zum Lindauer Tagblatt. 14. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 22] In unglaublich kurzer Zeit lernte sie lesen und schreiben. Aber Frau Hedwiga ließ es nicht dabei bewenden, sie unterrichtete das, wie es sich immer mehr und mehr zeigte, auffallend gelehrige Mädchen auch noch nach Kräften in Geographie, Geschichte, Naturkunde u. s. w. Auch las sie mit Rózsy mitunter in den Poesieen der beliebten deutschen Dichter, sorgte aber auch dafür, daß ihr die des eigenen Vaterlandes, vor allen Sándor, Kisfaludy, Vörösmarty und Petöfi, der Lieblingsdichter der Ungarn, nicht ganz fremd blieben. Natürlich sichtete und wählte sie sorgsältig aus, was eben in Rózsys Gesichtskreis passen konnte. Aber wie froh erstaunt war sie, auch hier bei dieser so große Theilnahme, so viel Sinn für das Schöne und Edle zu finden. Wohl hatte sie schon früher bemerkt, mit wie viel Jnteresse Rózsy gelauscht, wenn sie Irma ´klein Roland, des Sängers Fluch, die Bürgschaft, das Lied vom braven Mann, Frau Magdalis´ und anderes dergleichen hergesagt hatte, aber es zeigte sich bald, daß Rózsys Phantasie nicht blos durch die Erzählung romantischer oder rührender Begebenheiten, sondern auch durch die Schönheit der Dichtung selbst entzückt wurde.“

 

1863

Anonym. Noch eine Glosse über die letzte Ansprache des Nationalvereins-Ausschusses an seine Mitglieder. In: Wochenblatt des Deutschen Reformvereins, 14. Juni. Frankfurt a.M. Digitalisiert von Google

“ [S. 173] Das ist die nationalvereinliche bundesstaatliche Einheit! - Ganz im Einklang steht auch damit der verschwommene Ausdruck der nationalvereinlichen Zuversicht in der Erklärung vom 4. Septbr. 1860: ´Deutschland werde willig dem Oberhaupt des mächtigsten deutschen Staates die politische und militärische Leitung anvertrauen, wenn diese Macht durch energische Vertretung aller nationalen Interessen sich fähig erweise, ihren geschichtlichen Beruf thatkräftig zu erfüllen.´ - ´Wenn´! - Es ist das wohl das erste Mal, daß von Leuten, die ernst sein wollen, ein politisches Programm auf das Wort ´Wenn´ gebaut wurde. Oh! ihr Staatsmänner -
 ´Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
  Hat sicher aus Heckerling Gold schon gemacht.´
Und so schaffen auch diese großen Staatsweisen und Staatsdoctrinäre mit ´wenn´ ein Kaiserreich! “

 

1863

Wagner, Heinrich. Schillers-Kritik. In: Sylvester-Blüthen oder Gedichte. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 5] ´Sind Witz und Launen ausgeschlossen
     Von Poesie,´ dacht ich bei mir, -
     ´Wie kommt's, daß, wo sie dir geflossen,
     Als Dichtung sie erscheinen dir?´

     Und las, wie meinem Liebling, Bürger, -
     Weil der nur will ´Volksdichter´ sein, -
     Gleichsam sein eifersücht´ger Würger, -
     Drückt Schiller fast die Luftröhr´ ein.

     Er borgt Volksdichter-Ideale
     Willkürlich von der Sonne Glanz,
     Damit vor ihrem hellern Strahle
     Erbleiche Bürgers Sternenkranz.

     Und älteren Collegens Flecken
     Schulmeisterlich er kritisirt,
     Und - statt sie helfen zuzudecken -
     Sie juvenalisch illustrirt.

     Ich las, wie er an Bürger rüge, -
    Wie kleinlich! einen schlechten Reim,
    Vergessend, daß aus seiner Wiege
    Ein noch viel grellerer sich bäum´.

    Ha! - dacht´ ich, - Schiller! - Ideale
    Hast du zwar reifend stets erstrebt;
    Doch Sättigung aus ihrer Schaale
    Auch nicht ganz ausnahmslos erlebt.

    Zum Beispiel! Sag´, ob ´Männerwürde´
    Besteht allein in Zeugungskraft, -
    Der Liebe werth der ´Frauenwürde
    Die du besungen zauberhaft -

    Was war dein Ideal? - gestehe!
    Doch hoffentlich nicht ein Gestüt? -
    Beschälung nur? - In heil´ger Ehe,
    Welch´ Anstoß christlichem Gemüth!

    Hat nur Gefühl der Zeugungs-Würde
    Begeistert dich in Laura's Lieb´ -
    War's denn nur thierischer Begierde
    Verzuckung, welche sie beschrieb? -  “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1863

Anonym. Leipziger Theaterbericht. In: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, 16. April. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 138] Ein günstigeres Loos wurde Herther's ´Abt St. Gallen´ zutheil, einem zwar leicht gearbeiteten, aber Melodiosität und Einfachheit der Formen unwillkürlich einnehmenden Tonwerk. Wesentlich unterstützt wird dieser befriedigende Eindruck durch das überaus treffliche Textbuch, unstreitig eins der besten, die in Deutschland je ein Componist zu bearbeiten das Glück hatte. Der Stoff ist dem bekannten volksthümlichen Gedicht Bürger´s ´Der Kaiser und der Abt´ entnommen, dessen sachlicher Inhalt mit einem ungewöhnlichen Geschick und einer das Original fast noch überbietenden Launigkeit verwendet worden ist. [...] Die Aufführung der Oper war eine der besten Leistungen dieses Winters und alle darin auftretenden Personen merkte man gewissermaßen die innere Freudigkeit an, bei der Aufführung mitwirken und durch die eigene Leistung das Werk selbst in ein besonders vortheilhaftes Licht setzen zu können.“

 

1863

Paul, Oscar. ´Der Abt von St. Gallen´, komische Oper von G. Franz und Herther. In: Niederrheinische Musik-Zeitung 20. Juni Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 198] Die Musik von Herther legt zwar nicht von grosser Originalität Zeugniss ab, sie zeigt aber, dass der Componist tüchtige Studien gemacht hat. Im ersten Acte ist namentlich die komische Scene in der Laube, wo Hans Bendix seine Liebeserklärung anbringt, von reizender Wirkung. Auch das Jägerliedchen der Gudula ist formel gewandt und natürlich componirt. Im zweiten Acte sind die Kriegerchöre mit dem Solo des Abtes als gut gearbeitete Musikstücke hervorzuheben, und im letzten Acte zeichnet sich das Finale durch Kraft und Frische aus. Die Gewandtheit, mit Kenntniss für die Singstimmen zu schreiben, ist in der Oper durchweg wahrzunehmen; doch verleitet sie den Componisten, manche Nummern, die recht hübsch angelegt sind, durch allzu viel italiänische Wendungen zu beeinträchtigen. “

 

1863

Twesten, Karl. Ästhetik / Geschichte. In: Schiller in seinem Verhältniß zur Wissenschaft. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 125] Wie für die Geschichte der Literatur hat er für die Kritik tiefgreifende Anregungen und leitende Gesichtspunkte gegeben, ein Fundament gelegt, auf welchem fortgebaut worden ist. Man kann wohl sagen, daß seine Kritik — nicht blos in den kritischen Bemerkungen der Schrift über naive und sentimentalische Dichtkunst, sondern auch in den größeren Rezensionen über Bürger und Mathisson — weniger darauf ausging, den Sachen allseitig erschöpfend gerecht zu werden, als einzelne wichtige Punkte, auf die es ihm gerade ankam, durch anknüpfende Erläuterungen in das Licht seiner Begriffe zu stellen und diese selbst in der Anwendung auf konkrete Beispiele zu erhärten; aber sie bezeichnet den auf allen Gebieten erfolgenden Uebergang der damaligen Zeit von vagen Empfindungen und Stimmungen zu wissenschaftlicher Strenge.

[S. 145] Vergeblich hat Bürger in seiner Antwort Schiller's Ideal als den leeren Traum eines Metaphysikers bekämpft. Schiller zeigte die Realisirbarkeit durch die eigene That, durch die Läuterungsarbeit, die er an sich selbst vollzog, um geistig erneut und gekräftigt zur Dichtung zurückzukehren. Aber darin hatte Schiller Unrecht, daß er wie er selbst später gestand, die allgemeinsten Normen zu unvermittelt auf die Leistungen des einzelnen Dichters anwandte und daß er zwischen der gelungenen Lösung der höchsten Aufgabe und dem Verwerflichen nicht die Mittelstufen gelten ließ, deren jede doch für bestimmte Bildungssphären das gerade ihrem Verständniß noch zugängliche Maaß von idealischer Erhebung enthält.“

 

1863

Anonym. Leipzig. In: Neue Berliner Musikzeitung, 15. April, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 125] Eine Opernnovität, die in unserer an guten und zugleich lebensfähigen neuen Werken dieser Art leider so sehr armen Zeit als eine höchst erfreuliche Erscheinung zu begrüssen ist, kam am 28. März überhaupt zum ersten Male zur Aufführung: die komische Oper in 3 Acten ´der Abt von St. Gallen´, Text von H. Franz, Musik v. F. Herther, und hatte einen so durchgreifenden Erfolg, dass es gar keinem Zweifel unterliegt, das Werk werde auch auf andern Bühnen gegeben und bald allgemein beliebte Repertoir-Oper werden. Das Libretto reiht sich dem Besten an was in diesem Genre in Deutschland geschrieben worden ist. Der ursprünglich nur kleine Stoff, wie ihn das Gedicht von Bürger ´der Kaiser und der Abt´ liefert, ist mit grossem Geschick und vieler Bühnenkenntniss verwendet und erweitert, so dass das Werk einen ganzen Theaterabend ausfüllt, ohne gedehnt und ermüdend zu erscheinen, vielmehr bleibt man der Handlung gegenüber in fortdauernder Spannung “

 

1863

Habenicht. Die Reformfrage. In: Freimaurer-Zeitung. 23. Mai. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 162] was aber den Umstand betrifft, dass unsere Geheimhaltung oft genug allerdings zum Anlass der Verleumdung und Verdächtigung unseres stillen, dem Auge der Welt sich entziehenden Wirkens wird, so haben wir uns einfach darüber hinwegzusetzen in dem Bewusstsein des Adels unserer Bestrebungen, in dem Gedanken, dass die Welt gerade das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen liebt, und dass es eben nicht die schlechtesten Früchte sind, an denen die Wespen nagen, [...]. “

 

1863

Gutzkow, Karl Heinrich. Verloren. In: Unterhaltungen am häuslichen Herd, Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 430] ´Verloren.´
     Ein deutsches Sprachbild.
Wol wenige gibt es auf Erden, die dieses Wort nicht schon geseufzt - geseufzt in mehr oder minder schwerem Leid - ausgestoßen im tiefsten Herzens- und Seelenweh.
   ´Verloren ist verloren!´ ruft im wildesten Schmerz Leonore. Sie weiß, ihr Glück ist hin, auf ewig hin.
   Verloren das Kind, das schönste Hoffen!
   Verloren den Gatten, des Lebens Schirm!
   Verloren die Mutter, den Schatz aller Schätze!
   Verloren - das Schrecklichste von allem! -
wenn der Mensch sich selber verloren. Von den Verlorenen spricht die Kirche als den in alle Ewigkeit hin Unglückseligen.
   Es gibt kein tieferes Wort in der Sprache, keinen wahrern Schmerzensschrei im Leben als
            Verloren! “

 

1863

Holtei, Karl von. Der letzte Komödiant: Roman in drei Theilen, Band 2. Breslau. Digitalisiert von Google

“[S. 282] Binnen vierzehn Tagen entließ mich der Kammerherr, dem das herzogliche Schauspiel unterstand, aus meinem Engagement, obschon der Kontrakt noch lief. Einwendungen zu machen, untersagte mir mein Stolz. Ich ging. Seitdem hab ich keinen festen Halt mehr gefunden und werde ihn nicht eher finden, als bis ich von den Brettern in die Bretter gelange; Sie wissen: ´Sechs Bretter und zwei Brettchen,´ wie unser viel verkannter Bürger singt. Dabei bleib' ich heiteren Sinnes! “

 

1863

Rolle, Friedrich. Moses. In: Chs. Darwin's Lehre von der Entstehung der Arten. Frankfurt am Main. Digitalisiert von Google

“[S. 8] Viele Geologen haben an ihm gedreht und gedeutelt, um ihm eine solche Auslegung zu geben, die ihm das mindeste Maß des Widerspruchs mit der Wissenschaft verleiht. Doch hat man damit wenig erreicht, und weder die strenge Naturwissenschaft noch die strenge Orthodoxie erkennen ein solches Machwerk an. ´Ein Kaiserwort soll man nicht drehen noch deuteln,´ sagte der Kaiser Konrad vor Weinsberg, ein ähnliches ließe sich auch sehr wohl von der Auslegung unsrer Religionsurkunden sagen. Ueber die Wahrheit marktet man nicht. “

 

1863

Breier, Eduard. Die Rache des Posaunisten. In: Wien in der Nacht, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 67] Die Rache des Posaunisten folgte ihm bis hieher!
     Herr Riano sprang auf — Aurora schnellte vom Sitze empor, wie einst jene Leonore, die um's Morgenroth fuhr.
Was ist das? fragte sie.
Der Lump! der Schuft! polterte der Alte, der bereits wußte, was es sei?”

 

1863

Gravenreuth, Charlotte Baronin von. Das Kind der Diebin, Wien und Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 164] ´Donner und Teufel!´ schrie er plötzlich, den zitternden Diener loslassend, ´das soll ihnen nicht gelingen! Noch ist der alte Hartung da, noch gilt sein Wille etwas, noch vermag er dazwischen zu fahren wie der alte Ziethen aus dem Busch, wie sie in der weinerlichen Comödie, der die alberne Fabel ´Lenore fuhr um's Morgenroth' zum Gegenstand diente, hundertmal sagen.”

 

1863

Schuller, Johann Karl. Todesfall und "Leichenbestellung." In: Programm des evangelischen Gymnasiums in Schätzburg, Kronstadt. Digitalisiert von Google

“[S. 53] Sobald der bestellte Sarg fertig ist, wird der Leichnam in diesen gelegt, womit dann auch die Vollendung der Ausstattung in Verbindung steht. Die Form des Sarges ist im Wesentlichen fast überall dieselbe: ein entsprechend langes, gegen das Fussende sich verengendes Sechseck 47). Sie wird zum Fünfeck, wo - wie z. B. in Bootsch - der Deckel oben spitz zuläuft.

47) ´Sechs Better und zwei Brettchen,´ wie es in Bürgers Lenore heisst; sachlich richtiger wäre jedoch: Sechs Bretter und vier Brettchen - Viereckige, truhenförmige Särge kommen nur bei ganz mittellosen Personen vor; in Rode und sonst heissen solche scherzweise ´násekwátscher´ (Nasenquetscher).”

 

1864

Meyr, Melchior. Literarische Briefe. In: Freya. Illustrierte Blätter für die gebildete Welt.  Digitalisiert von Google

“[S. 153] Allen Dreien [Lessing, Goethe, Schiller] hat das geistige Streben und die Betheiligung an der Wissenschaft nicht nur für ihre dichterischen Erzeugnisse den eigenthümlichen Gehalt erringen helfen, sondern auch die Geheimnisse der Form reiner aufgeschlossen. Sie haben sich in Folge davon höhere Aufgaben gestellt auch in Hinsicht der künstlerischen Organisation, — und sie haben diese Aufgaben gelöst.
   Jedem von ihnen, und jedem in seiner Art, ist die Wahrheit und der Fortschritt in der Erkenntniß Herzenssache gewesen. Jeder wollte der Menschheit nicht nur das geben, was ihr Vergnügen machte und die Zeit vertrieb, sondern was sie nach ihren höchsten Anlagen förderte und kräftigte. Jeder bildet, jeder erwärmt für die höchsten Ziele und erleuchtet heute noch, und darum sind sie unsere Klassiker vorzugsweise.
    Es wird eben gegenwärtig nicht überflüssig sein, aus diese Thatsache hinzuweisen. Ein großer Theil unseres Publikums hat sich fast ausschließlich wieder dem bloß Unterhaltenden zugewendet, und es sieht aus, als ob in Folge davon das ästhetische Urtheil auch in den bessern Köpfen eine Trübung erfahren hätte. In der Dichtung, zumal in der lyrischen, zieht man das Malerische und Musikalische vor, und die Poeten suchen jenes oder dieses vorzugsweise herauszubringen, statt im spezifisch Poetischen dem Gedanken seine Ehre zu geben. Vielen der Jetztlebenden scheint die Gefühlspoesie die einzig poetische Poesie zu sein, und sie möchten die Elemente, welche der denkende Geist zum dichterischen Werke liefern soll, nicht nur als unnöthig, sondern als schädlich verrufen. Allein eben diese Elemente sind es, welche unsere größten Dichter zu dem gemacht haben, was sie sind!
   Wie richtig dieß ist und wie sehr es bei dichterischen Erzeugnissen auf den Geist und den Wahrheitsgehalt ankommt, erkennen wir am deutlichsten, wenn wir mit jenen Dreien einen andern Autor und seine jetzige Geltung mit der ihrigen vergleichen. Ist Gottfried August Bürger nicht eine ächte poetische Kraft gewesen? Hat er nicht mit seinem lyrischen Gestaltungsvermögen aus frischester Empfindung einzig schöne Dichtungen geschaffen? Warum steht er aber entschieden hinter Lessing zurück, vor dem er doch wahrlich den unmittelbaren Gefühlsausdruck, die Herzlichkeit und Wärme des lyrischen Tons voraus hat?
    Weil er zu seinen vorzüglichen poetischen Gaben nicht den Geist besaß, der seinem Leben und Dichten das ewige Ziel gewiesen hätte! Seine Poesien sind nur Ausdruck individueller Erlebnisse, Gefühle, Neigungen; es geht darin nicht um ewige Dinge; er gibt keine Ideen, keine Antworten auf die Fragen, die uns immer wieder beschäftigen, es fehlt also das geistig Anregende — und darum sind sie, da wir nun statt der frühern Empfindungsweise eine andere angenommen haben, dem Publikum wieder in die Ferne geschwunden. Die vorzüglichsten der Bürger'schen Gedichte werden freilich nie vergehen, vielmehr immer zu den Perlen deutscher Lyrik gezählt werden; denn sie sind klassisch. Aber der Autor selbst ist kein Klassiker im vollen Sinne des Worts — er gehört nicht zu den bleibenden Lehrern der Menschheit.
    Der Dichter soll in seinen Werken nicht nur sich selbst aussprechen, sondern auch seine Zeit; er soll den Standpunkt, die Denk- und Gefühlsweise der Mitwelt poetisch wiedergeben — eben damit wird er zum Klassiker.
    In dem Ganzen, dem der Einzelne angehört, in der Gattung, liegt das Wesentliche, das Ewige. Wer einen Standpunkt vertritt, welcher zugleich Standpunkt der Mitwelt ist, der erweckt Interesse auch als Spiegel eben dieser; und wenn er es in künstlerischen Formen thut, wird er schon darum bleiben — weil er für die kommenden Zeiten unersetzlich ist!
    Dieß ist eine Haupteigenschaft klassischer Poeten. Indem sie das Material, das die Zeit ihnen bietet, mit einem Geist verklären, der in der Zeit wurzelt und, wie hoch er sich auch erheben möge, den Zusammenhang mit ihr stets bewahrt, sind sie die besten und umfassendsten Spiegelbilder ihrer Zeit. Wir erkennen aus ihren Werken nicht nur, was die Zeit war und dachte, wie sie lebte und litt, sondern auch, was sie wollte und sollte. Wir erhalten mit ihrem Realbild zugleich ihr Idealbild, ihr geistiger Horizont wird uns erschlossen, schön, anregend, herzerfreuend. Es führt uns nun auch der historische Trieb immer wieder zu ihnen zurück und steigert unsere Liebe zu ihnen. Die zufälligen Gedanken und Gefühle eines einzelnen Menschen können die spätere Zeit nicht interessiren; die wesentlichen Gedanken und Gefühle einer ganzen Epoche, die im Geist eines Einzelnen den individuellen Ausdruck erlangt haben — die Gedanken und Gefühle mithin einer ihrer eigenen frühern Entwicklungsstufen — müssen der Menschheit immer bedeutend erscheinen. Die Werke, die von einer solchen Entwicklungsstufe ein dichterisches Bild geben, gehören zur Literatur der Menschheit. —
   Damit glaube ich nun den klassischen Dichter im Unterschied von dem nicht klassischen und vorübergehenden deutlich genug bezeichnet zu haben. Es ist zugleich gesagt, daß es unter den klassischen selber Unterschiede gebe, daß man klassische Poeten im engern Sinne anerkennen müsse, und damit ist auf die folgenden Betrachtungen gewiesen. Sollte ich zu den bisherigen Zügen noch einen hinzufügen, so würde ich sagen: klassische Autoren sind diejenigen, die es nicht so gemacht haben, wie es die meisten der jetzt lebenden machen. Heutzutage strebt man unmittelbar dem Publikum zu gefallen und damit Weltehre und Geld zu erwerben. Der Poet aber, der Klassiker geworden, strebte vor allem einem Ideal der Kunst nach, muthete den Lesern zu, sich mit ihm zu diesem zn erheben, trotzte den Schwächen des Publikums, kämpfte mit ihm und überwand es endlich. Nicht der Buhler um die Gunst, nicht der Wohldiener - der Sieger über das Publikum ist der klassische Dichter! “

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1864

Anonym. Kladderadatsch. Nr. 10

“[S. 38] In Bezug auf den Feldzug der Franzosen in Mexico hat sich ein gewisser Herr Gottfried August Bürger in einem Gedicht wie folgt vernehmen lassen:
  ´Für Tugend, Menschenrecht und Menschenfreiheit sterben,
  Ist höchst erhabner Muth, ist Welterlöser-Tod;
  Denn nur die göttlichsten der Heldenmenschen färben
  Dafür den Panzerrock mit ihrem Herzblut roth!

  Für Diplomaten nur, und weiter nichts, verbluten,
  Wer das für groß, für schön und rührend hält, der irrt´ - -
  Und so weiter, - und so weiter -
Der bürgerliche Reimschmied hat zwar aus Besorgniß gesandtschaftlicher Reclamationen unter seinem Erguß die Jahreszahl gefälscht und statt 1864 - die Jahreszahl 1764 geschrieben. Den franzosenfreundlichen Joppenherzögen in Coburg und Kiel wird aber dadurch der Aerger schwerlich erspart sein! ”

 

1864

Herzberg, Wilhelm. Zur Geschichte und Kritik der deutschen Uebersetzungen antiker Dichter II. In: Preußische Jahrbücher. Digitalisiert von Google

“[S. 362] Den schlagendsten Beleg aber für die siegende Kraft und die innere Wahrheit der neu gewonnenen Methode bietet Bürger. Er stand von dem ganzen Göttinger Kreise, sowohl seiner Naturanlage als seinem poetischen Entwicklungsgange nach, Klopstock am fernsten. Die nationale Richtung des letzteren fand allerdings in ihm eine Analogie vor; aber auch sie hatte doch eine wesentlich andere Wendung genommen - die auf das Volksthümliche. Es kann daher nicht auffallen, daß er die Aufgabe einer Homer-Uebersetzung anders faßte, als seine Mitstrebenden; daß er es für sein eigentliches Ziel, und ein erreichbares Ziel hielt, den Homer zu ´einem alten Deutschen´ zu machen. Damit ist zuerst der bewußte Abfall von dem Princip, die Auflehnung gegen dasselbe und die Absicht ausgesprochen, sich in bequemeren, modernen oder wenigstens dem deutschen Ohr näher liegenden Formen zu bewegen. Bürger machte sich sofort an´s Werk und übersetzte nahezu die sechs ersten Bücher der Ilias in fünffüßigen Jamben; ja er that mehr. Mit all´ den Argumenten, die sein für Kraft und Milde der deutschen Rede gleich empfindliches Ohr, und sein Bewußtsein der Meisterschaft in der Handhabung Beider ihm suppeditirte, suchte er den Beweis zu führen, daß eine Uebersetzung des Homes in Hexametern ein Unding, der fünffüßige Jambus das dafür recht eigentlich geschaffene Maaß sei [...]. In der That, wir wüßten nicht, daß die Gründe gegen den deutschen Hexameter jemals erschöpfender zusammengestellt und kräftiger geltend gemacht wären, als in den betreffenden Aufsätzen. Der unermüdliche Fleiß und die treue Sorgfalt, womit Bürger an der formellen Vollendung seiner poetischen Schöpfungen arbeitete, ist bekannt genug. Aber dieser Fleiß und diese Sorgfalt verliehen ihm einen literarischen Muth, der schätzenswerther ist als beide, den Muth, nach sechsjähriger Arbeit einzugestehen, daß er sich geirrt habe, geirrt in der Theorie sowohl wie in der Ausführung. Im Jahre 1784 veröffentlichte er (im Journal von und für Deutschland) die vier ersten Gesänge der Ilias in Hexametern übersetzt. Für alle die, welche seitdem, ohne es selbst zu wissen, die von Bürger verworfenen Argumente wieder aufgetischt haben, giebt es kein beherzigenswertheres Wort als das des Vorberichtes. ´Unverblümt und treuherzig von der Sache zu reden, so muß ich bekennen, daß ich zwar vielleicht, ohne Ruhm zu melden, kein schlechtes Gedicht würde zu Stande gebracht haben, aber nimmer und nimmer Homer´s Ilias, wenn ich auch unumschränkter Beherrscher beider Sprachen gewesen wäre. Die jambische Verdeutschung war meine erste Jugendidee, und ich trieb die Hartnäckigkeit ziemlich weit, auch den eigenen besseren Einsichten des Mannes nicht nachgeben zu wollen.´ “

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1864

Anonym. Zerfall der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika, nachgewiesen in ihren religiösen, moralischen und socialen Zuständen [...] Verfaßt von einem Deutschen [...]. Zweite Ausgabe. Münster

“[S. 168] XVI. Fortsetzung: Umtriebe fanatischer Freimänner und aufwiegelnder Antichristen.

[S. 169] Ueberall, wohin diese fremden Besucher kommen, erregen sie Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung; indem sie unter den schon seßhaft gewordenen Landsleuten leider zu viel willfährige Gehülfen finden. Wäre es nicht so, dann würde das Amt eines Polizeibeamten in diesem Lande eine ´Sinecure´ sein, oder es müßten die aufrührerischen Italiäner und Deutschen dasselbe zuvor verlassen haben.

[S. 170] Dieses vermögen sie um so leichter, als die Sucht zu genießen, von Alters her schon den Menschen angeboren ist. Und da die Mehrzahl der dem Glauben Entfremdeten sich weder Ziel noch Maß setzen lassen will, so ist's nicht zu verwundern, daß nun Saufereien und Raufereien sich wie eine epidemische Krankheit über die ganze Union ausbreiten und daß man beim Becherklang überall ihre Sauflieder erschallen hört:
 1. Echtes Bier ist echtes Oel
   Zur Verstandes Lampe:
   Gibt dem Geiste Kraft und Schwung
   Bis zum Sternenkampfe.
   Witz und Weisheit dunsten auf
   Aus gefüllter Wampe.
   Baß glückt Harfenspiel und Sang
   Wenn ich brav schlampampe.
 2. Nüchtern bin ich immerdar
   Nur ein Harfenstümper;
   Mir erlahmen Hand und Spiel,
   Welken Haupt und Wimper.
   Wann das Bier in Himmelsklang
   Wandelt mein Geklimper,
   Sind Sam Patsh und Redbutlein
   Gegen mich nur Stümper.
 3. Nimmer hat durch meinen Mund
   Hoher Geist gesungen,
   Bis ich meinen lieben Bauch
   Weidlich vollgeschlungen.
   Wann mein Capitolium
   Bachus Kraft erschwungen,
   Sing´ und red´ ich wundersam
   Gar in fremden Zungen!´ “

[Ersetzt man Bier durch Wein, Sam Patch durch Homer und Redbutlein durch Ossian, sind das die Strophen vier, fünf und sechs aus Bürgers Zechlied. K.D.]

 

1864

Chambers,R. The Book of Days. A Miscellany of polpular Antiquities. Vol. 1.  Digitalisiert von Google.

“[p. 24] To the poet Bürger belongs the honour of having, by two ballads, impressed the poetical mind of England, and conduced in some measure to its being turned into new channels. A translation of these ballads, which appeared in 1796, was the first publication of Scott. The ride of the spectre bridegroom with his mistress, in Scott's version of Lenore, is a splendid piece of painting: [...].”

 

1864

Kahle, Hermann F. Claudius und Hebel nebst Gleichzeitigem und Gleichartigem. §8. Claudius in Kopenhagen. Klopstock. Der Hainbund. Wieland.

“[S. 62] Die Palme des Volksgesanges gebührt jedoch zwei Männern, die dem Bunde nahe standen, ohne ihm selbst anzugehören: Bürger und Claudius.
   Bürger war der Sohn eines Predigers in Molmerswende bei Halberstadt. Nach einer wilden Jugendzeit, in welcher sich eine Scheu vor jeglicher ernsten Anstrengung, ein Hang zum Schauerlichen, aber auch schon eine Neigung zu poetischer Gestaltung offenbarte, besuchte er die Schulen zu Aschersleben und Halle und demnächst die Halle´sche und Göttinger Universität. Bald gerieth er in böse Gesellschaft, seine Sittlichkeit wurde gänzlich untergraben, und nie hat er sich wieder dauernd aufgerichtet. Drei durch Leidenschaft und Unbesonnenheit zerrüttete Ehebündnisse, fortwährende Nahrungssorgen, harte Schicksalsschläge vernichteten endlich sein, was das Volksmäßige betrifft, ausgezeichnetes dichterisches Talent und stürzten ihn früh ins Grab. Seine dritte Gattin, die an seinem Unglück einen großen Theil der Schuld trägt, zog nach seinem Tode, die Gedichte des Gatten declamirend, in der Welt umher. Bürgers Lenore, zu welcher Lehrer eine recht gute Erläuterung finden in Gude's ´Erläuterungen deutscher Dichtungen´, ist bis heute in Bezug auf echt volksmäßige Haltung, Wohllaut der Sprache, Lebendigkeit der Entwicklung noch nicht übertroffen; sein ´Lied vom braven Mann´ ist unsern Volksschullesebüchern geradezu unentbehrlich; sein ´Kaiser und Abt´ lebt noch heute im Munde des Volks; dasselbe gilt in fast gleichem Grade von der Kuh, dem wilden Jäger, dem Feldjägerlied, dem Spinnerlied, den Weibern von Weinsberg, dem Lied von Treue; das Dörfchen muß man den Göthe´schen kurzzeiligen Gedichten an die Seite stellen; die Bürgerschen Sonette  endlich sind bis heute die besten deutschen Producte dieser Dichtungsart. Sie sind ´Muster ihrer Art die sich auf den Lippen des Declamators in Gesang verwandeln´ (Vilmar). Das vorzüglichste, das uns zugleich einen Blick in des Dichters Inneres gewährt, stelle ich, weil es doch wohl weniger bekannt sein möchte, hierher .

An da Herz.
   Lange schon in manchem Sturm und Drange
Wandeln meine Füße durch die Welt.
Bald den Lebensmüden beigesellt,
Ruh ich aus von meinem Pilgergange.
   Leise sinkend faltet sich die Wange;
Jede meiner Blüthen welkt und fällt.
Herz, ich muß dich fragen: Was erhält
Dich in Kraft und Fülle noch so lange?
   Trotz der Zeit Despoten-Allgewalt
Fährst du fort, wie in des Lenzes Tagen
Liebend, wie die Nachtigall, zu schlagen.
   Aber ach! Aurora hört es kalt,
Was ihr Tithons Lippen Holdes sagen. -
Herz, ich wollte, du auch würdest alt!

Die letzten Zeilen finden ihre Erklärung in der griechischen Mythologie. Aurora, die Göttin der Morgenröthe, vermählte sich dem Tithon, einem Sterblichen, den sie so sehr liebte, daß sie für ihn von Zeus, dem obersten Gott, Unsterblichkeit erflehte. Aber sie hatte es unterlassen, zugleich um ewige Jugend für ihren Liebling zu bitten, und so verwelkte dieser mit den Jahren, seine Glieder vertrockneten, und seine Stimme schwand. Da verwandelte ihn Aurora in eine Cicade, konnte aber damit die laute Klage Tithon's nicht dämpfen, denn fort und fort beginnt die Cicade beim Erscheinen der Morgenröthe ihr Gezirpe.
     Wer mit demjenigen aus dem Bereich der Poesie bekannt werden will, was dem Volke gefällt, der muß Bürgers Gedichte lesen; denn keines deutschen Dichters Werke mögen in dem Umfange und mit der Begier vom Volke auswendig gelernt worden sein, als die Bürgerschen; was dem Volke frommt, das läßt sich aus ihnen freilich leider nicht lernen; in dieser Beziehung steht Claudius unendlich höher; denn man kann dem Volke den ganzen Claudius geben und wird ihn ihm geben und erhalten müssen; wo immer man auf dessen Veredlung sein Augenmerk richtet; aber die Bürgersche Muse liefert hierzu gar wenig Beiträge; vielfach sind Bürgers Gedichte ein nur zu treues Abbild seiner verunsittlichten Persönlichkeit. So ist also die innere Verwandtschaft Bürgers mit den Mitgliedern des Hainbundes und mit dem Könige desselben, Klopstock, äußerst gering. Bürger steht Wieland viel näher als Klopstock .”

 

1864

Hub, Ignaz. Gottfried August Bürger. In: Deutschland´s Balladen- und Romanzen-Dichter. Erster Band  Digitalisiert von Google.

“[S. 56] Bürger's hohe Verdienste um Wiederherstellung, Veredelung und Verbreitung vaterländischer Volksdichtkunst, besonders des epischen Volksliedes, - der während des ganzen siebenzehnten Jahrhunderts brach gelegenen Ballade und Romanze - für das er zuerst unter den Kunstdichtern Deutschlands die richtige Behandlung fand, nicht minder zugleich um Wiederbelebung einheimischer Sage, wodurch er vaterländischen Sinn aus seinem Schlummer zum Bewußtsein rief, sind vom deutschen Volke dankbar gewürdigt. Nach dem gründlichen Irrthum der Verwechselung des Pöbelhaften mit dem Volksthümlichen, z. B. in Bearbeitung des Mythus von Jupiter und Europa und anderer niedrigkomischer burlesker Darstellungen im Geschmack und Styl der Romanzen des Gongora aus Cordova (von Jacobi 1767 übersetzt) und französischer Vorbilder, wie Gresset, Desmaret, Chaulieu u.A., ward er mehr und mehr geheilt. Jene an ihm so oft gerügte "flanderische rohe Derbheit in Versinnlichung der Stoffe und Betrachtungen oder Empfindungen" war gewiß weniger die Folge einer durch Verirrungen verunreinigten sittlichen Denkart und Phantasiebildung, als vielmehr eines noch allzu wenig geläuterten Geschmacks; in seiner Individualität war jene plattnaive Darstellungsweise nicht allein begründet, so wenig als bei den Brüdern Stolberg, welche doch auch im Aufsuchen des Volksmäßigen so oft auf Abwege geriethen, namentlich in ihren nun fast sämmtlich der Vergessenheit verfallenen geschmackwidrigen Romanzen. Wenn er nicht immer das Gold von den Schlacken zu scheiden wußte, so traf er doch auch wieder die Natur edler Volksdichtung mit richtigem Gefühle, und hat nach dem Erscheinen der berühmten Herder’schen Sammlung noch bis heute unübertroffene Volksballaden geliefert, oben an die Lenore, dann das Lied von Treue, Lied vom braven Mann, den wilden Jäger, Kaiser und Abt (nach Burcard Waldis) u.a., voll phantasiereicher Lebendigkeit, Gestaltungskraft, Naturwahrheit und wahrhafter Deutschheit. Von seinen sonstigen lyrischen Erzeugnissen (z. B. Mannerkeuschheit, - Blümchen Wunderhold, - Die Holde die ich meine, - Straflied, u.s.w. voll edler, sittlicher und patriotischer Haltung, mit überaus feinem Takt für den Wohlklang, müssen wir hier absehen.
   Diese und andere Musterleistungen haben mit Goethe's Liedern den neuen Geist deutscher Dichtung aus pedantischen Formen entfesseln helfen (er brachte zuerst auch wieder das Sonett zu Ehren), und sind um so mehr auch für den Kritiker bewundernswerth, da sie in einer Zeit im Gemüthe des Dichters sich bildeten, wo die Poesie noch in den Resultaten gelehrter Bemühungen, nicht in einfachen Lauten des Naturgefühls gesucht wurde. So hat er den deutschen Volksgesang wieder geschaffen, wie A. W. Schlegel in einem Sonette von ihm singt, und durfte nicht gelehrte Weisen borgen. Er schuf aber auch - wie Lessing die reinste, kräftigste uud beredteste Prosa - die reinste kräftigste und rascheste Dichtersprache.”

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1864

Schopenhauer, Arthur. Aphorismen und Fragmente. In: Aus Arthur Schopenhauer´s handschriftlichem Nachlaß. Leipzig.  Digitalisiert von Google

“[S. 63] Mit welchem Fug und Recht maaßen sich die Zeitungsschreiber und Journalisten einer litterarisch heruntergekommenen Periode an, die Sprache zu reformiren? Sie thun es aber nach dem Maaßstabe ihrer Unwissenheit, Urtheilslosigkeit und Gemeinheit. Aber Gelehrte und Professoren, die ihre Verbesserungen annehmen, stellen sich damit ein Diplom der Unwissenheit und Gemeinheit aus. —
   Wer ist denn dieses Zeitalter, daß es an der Sprache meistern und ändern dürfte? — was hat es hervorgebracht, solche Anmaaßung zu begründen? Grosse Philosophen, — wie Hegel; und grosse Dichter, wie Herrn Uhland, dessen schlechte Balladen zur Schande des deutschen Geschmacks 30 Auflagen erlebt haben und 100 Leser haben gegen Einen, der Bürgers unsterbliche Balladen wirklich kennt. Danach messe man die Nation und das Jahrhundert, danach.

[S. 466] Sie setzen Leuten Monumente, aus denen einst die Nachwelt gar nicht wissen wird, was sie machen soll. - Aber Bürgern setzen sie keines.“

 

1864

Anonym. Revue. In: Neue Berliner Musikzeitung, 20. April. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 123] Fräul. Bertha Augsberger declamirte, unter melodramatischer Begleitung von Liszt, Bürgers ´Leonore´ mit Schwung und dramatischem Feuer.“

 

1864

Waldstein, Max. Locusta. Schauspiel in fünf Aufzügen. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 45] Marius.  Mit Vergnügen! (für sich.) Knauser!  (Ab.)
      Cäsar.  Ungebildetes Volk - Seiltänzer - Rabenbrut - sogenannte Künstler - was heißt man heut zu Tage nicht alles Künstler!
             (Nach links rufend.) John! Man sattle mir mein Dänenroß!
      Eulalia.  Wo steckt die Madame? “

 

1864

Passauer, W. Die Jungfer vom See. In: Die Illustrirte Welt. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 502] Aus Nacht und Morgen ward der folgende Tag. In den Frühstunden hatte Martha, die keinen Schritt und keine Bewegung im Hause unbeachtet ließ, im Zimmer der Gnädigen einen heftigen Disput vernommen, der richtig wieder damit endete, daß es dem Rittmeister, wie weiland dem Ritter Karl von Horst, zu enge im Schlosse ward, und er wie wild hinaus rannte, sein Dänenroß satteln ließ, und, um sich Ruhe zu erreiten, hinunter von dem Hofe sprengte, daß es Funken stob.“

 

1864

Klaiber, J. Wie sollen wir den Homer übersetzen? In: Correspondenz-Blatt für die Gelehrten- und Realschulen. Stuttgart. Digitalisiert von Google

[S. 131] Der Grieche sah die Kuh in der Freiheit auf den Bergen weiden, sah sie festlich geschmückt zum Altare führen, sie spielt als Sinnbild des Monds eine wesentliche Rolle in seinen religiösen Vorstellungen, sie ward von einem seiner ersten Künstler zu einem bewunderten Kunstwerk gestaltet, und in dieser Form in zahllosen Gedichten besungen; kurz, sie ist für ihn von der Kunst geadelt und eine Vergleichung zwischen der stillen Würde, die aus ihren großen Formen spricht, und der hoheitsvollen Erscheinung der olympischen Herrscherin hatte für das Gefühl des Griechen so wenig etwas Verletzendes, als z. B. die Zusammenstellung von Alexander und dem Löwen. Ganz anders bei uns; wir haben die Stallfütterung, wir sehen die Kuh nur im schmutzigen Gewand und harten Dienst des gemeinen Lebens, und wenn sie tropisch genannt wird, denken wir nicht zunächst an ihre körperliche Schönheit, sondern an ihre geistige Armut; kurz, es ruht auf der deutschen Kuh, in der Einzahl wenigstens, ein Fluch der Prosa, der sie für die Verwendung auf dem idealen Gebiete der Dichtkunst unfähig macht, und sie erscheint auch meines Wissens in der ganzen deutschen Poesie im Singularis nur in Bürgers Frau Magdalis, wo sie gewiß nicht dazu beiträgt, das Gedicht weniger prosaisch zu machen.“

 

1864

Beethoven, Ludwig van. Brief an Gleichenstein vom 18. März.  In: Nohl, Ludwig. Beethovens Leben. Erster Band. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 301] Nun kannst Du mir helfen eine Frau suchen; wenn Du dort in F. [Freiburg im Br.] eine schöne findest, die vielleicht meinen Harmonien einen Seufzer schenkt, doch müsste es keine Elise Bürger seyn, so knüpf im Voraus an. - Schön muss sie aber seyn, nichts nicht schönes kann ich nicht lieben - sonst müsste ich mich selbst lieben. Leb wohl und schreibe bald. Empfehle mich Deinen Eltern, Deinem Bruder. - Ich umarme Dich von Herzen und bin Dein treuer Freund Beethoven. “

 

1964

Wiesinger, Albert. Geschichte oder Roman. In: Aphorismen gegen Renan´s Leben Jesu. Wien. Digitalisiert von Google

[S. 40] G. A. Bürger sagt in einem seiner bekannten Gedichte, daß der Mann, der das ´Wenn´ und das ´Aber´ erdachte, sicherlich aus Häckerling Gold gemacht habe. Der Mann ist wohl möglich, allein jener Mann, der das ´Vielleicht´ und das ´Wahrscheinlich´ so gut zu verwenden wußte, hat daraus ein ´Leben Jesu´ gemacht, und dieser Mann ist ein Mitglied der französischen Akademie, und hält sein Buch für ein fünftes Evangelium, dem selbst Haneberg die Gewohnheitssünden seiner ´Vielleicht´ und ´Wahrscheinlich´ zu nachsichtig behandelte.“

 

1864

Kerner, Theobald. Der Tod Ahasveri. In: Tragische Erlebnisse. Hamburg. Digitalisiert von Google

“[S. 15] Leicht fand ich die alte Stelle; doch wo der Leichnam liegen sollte, da war nur ein Häuflein vermoderte Erde und Moos; der Schirm lag da rosenroth, lieblicher Unschuld, als ob er kein Wässerlein trüben könnte, und gewiß hätte weder Scheve noch Bossard das Organ des Mordsinns an ihm vermuthet; dennoch äussert seit jener schrecklichen Begebenheit jeder Regenschirm, namentlich die baumwollenen mit messingener Spitze, wie sie die Pietisten zu tragen pflegen, eine unheimliche Empfindung auf mich; den Platz des Schreckens aber, wo sich Ahasver freiwillig den grauenvollen Tod gab, vermeide ich ängstlich auf meinen Spaziergängen; denn nie kann ich vergessen, welche Angst ich daselbst erduldet, und
  Nun tanzen dort im Mondenglanz
  Ringsum herum im Kreise
  Die Geister ihren Kettentanz
  Und heulen diese Weise:
  ´Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht!
  Mit Gott im Himmel had´re nicht!
  Des Leibes bist Du ledig.
  Gott sei der Seele gnädig! “

 

1864

Gihr, Johannes. Uhland´s Leben. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 57] Selbst auf seine frühesten Dichtungen scheinen die Romantiker keinen bestimmenden Einfluß gehabt zu haben, wohl aber Göthe, wie unser Dichter einst Tieck gegenüber bemerkt. Auch ist anzunehmen, daß Schiller nicht ohne Moment für ihn blieb. An Bürgers Gedichten sprach ihn ihr volksmäßiger Ton an. Im Ganzen aber wuchs Uhland in seiner dichterischen Entwicklung wie in seiner Charakterbildung mehr aus sich selber heraus, als daß er sich von Außen heraus seine maßgebende Geistesrichtung hätte aufdringen lassen.“

 

1864

Düntzer, Heinrich. Schiller als lyrischer Dichter. In: Erläuterungen zu den deutschen Klassikern. Dritte Abtheilung.
Wenigen-Jena. Digitalisiert von Google

“[S. 91] Ebensowenig wie zu einem epischen und dramatischen Gedichte kam Schiller diese Jahre über zur Ausbildung eines lyrischen. Im Frühjahr 1789 hatte Bürger unsern Dichter besucht, der ihm gerade und ehrlich erschien. ´Sein Aeußerliches verspricht wenig´, schrieb er damals, ´es ist plan und fast gemein; dieser Charakter seiner Schriften ist in seinem Wesen angegeben.´ Gleich am Anfang des Jahres 1791 brachte die jenaer Literaturzeitung Schillers Beurtheilung von Bürgers Gedichten, worin er diesen die höchsten Forderungen entgegenhält, welche die Dichtkunst erfüllen müsse, wenn sie einen veredelnden Einfluß auf das Jahrhundert nicht verfehlen solle. ´Es ist nicht genug, Empfindung mit erhöhten Farben zu schildern, man muß auch erhöht empfinden. Begeisterung allein ist nicht genug, man fordert die Begeisterung eines gebildeten Geistes. Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also werth sein, vor Mit- und Nachwelt aufgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten, herrlichsten Menschheit hinaufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren. Der höchste Werth eines Gedichtes kann kein anderer sein, als daß es der reine, vollendete Abdruck einer interessanten Gemüthslage eines interessanten, vollendeten Geistes sei,´ Ein wahrer Volksdichter, wie Bürger sich ankündige, müsse dem eklen Geschmack der Kunstkenner Genüge leisten, ohne dem großen Haufen ungenießbar zu sein er müsse sich an den Kinderverstand des Volk anschmiegen, ohne der Kunst etwas von ihrer Würde zu vergeben. Dazu sei glückliche Wahl des Stoffes und höchste Simplizität in Behandlung desselben erforderlich. In stillschweigendem Einverständniß mit den Vortrefflichsten seiner Zeit müsse er die Herzen des Volks an ihrer weichsten und bildsamsten Seite fassen, durch das geübte Schönheitsgefühl den sittlichen Trieben eine Nachhülfe geben und das Leidenschaftsbedürfniß, das der Alltagspoet oft so geistlos und oft so schädlich befriedige, für die Reinigung der Leidenschaft nutzen. Als der aufgeklärte, verfeinerte Wortführer der Volksgefühle müsse er dem hervorströmenden, Sprache suchenden Affekt der Liebe, der Freude, der Andacht, der Traurigkeit, der Hoffnung u. a. m. einen reinern und geistreichern Text unterlegen; er müsse, indem er ihnen den Ausdruck leihe, zum Herrn dieser Affekte machen und ihren rohen, gestaltlosen, oft thierischen Ausdruck noch auf den Lippen des Volks veredeln. Selbst die erhabenste Philosophie des Lebens müsse ein solcher Dichter in die einfachen Gefühle der Natur auflösen, die Resultate des mühsamsten Forschens der Einbildungskraft überliefern und die Geheimnisse des Denkers in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kinderstnn zu errathen geben.

Das war freilich nur eine schwärmerische Vorstellung von der höchsten Wirkung der Dichtkunst, die sie in Wirklichkeit noch nicht erreicht hatte, und deren Möglichkeit höchst fraglich war, was freilich Schiller damals ferne lag, da er schon ein paar Jahre sich nicht mehr in der Lyrik versucht hatte. Auch hatte Bürger mit dem Namen Volkssänger offenbar etwas ganz anderes gemeint. Er hatte meist im wahren Volkston gesungen,
 und diesen, dessen Wort auch Herder so beredt geführt hatte, glücklich getroffen, worin gerade seine dichterische Individualität lag. Daß er dabei nicht selten zu tief herabgestiegen war, besonders in seinen scherzhaften, oft gemeinen Stücken, konnte man ihm freilich mit Recht vorwerfen. Schiller gesteht ihm auch wirklich zu, daß in der Balladendichtung es nicht leicht ein deutscher Dichter ihm zuvorthun werde, wie er auch seine Sonette als Muster ihrer Art bezeichnet. Und doch hatte er vorher behauptet, unter allen bürgerschen Gedichten wisse er beinahe keines zu nennen, das ihm einen durchaus reinen, durch gar kein Mißfallen erkauften Genuß gewährt habe, wobei er freilich die sonderbare Einschränkung machte, es sei nur von den Gedichten die Rede, welche Bürger am reichlichsten ausgestreut.

Einen zweiten Punkt, den Schiller hervorhebt, bildet die Idealisirung des Gegenstandes, ohne welche der Dichter diesen Namen nicht verdiene. Er müsse das Vortreffliche seines Gegenstandes von gröbern, wenigstens fremdartigen Vermischungen befreien, die in mehrern Gegenständen zerstreuten Strahlen von Vollkommenheit in einen einzigen sammeln, einzelne, das Ebenmaß störende Züge der Harmonie des Ganzen unterwerfen, das Individuelle und Lokale zum Allgemeinen erheben. Er müsse Ideale bilden, die gleichsam nur Ideale eines in ihm wohnenden Ideals von Vollkommenheit seien, und daher um so vollkommener, je größer die Reinheit und Fülle der innern Ideale. ´Diese Idealisirkunst vermissen wir zu sehr bei Herrn Bürger. Außerdem, daß uns seine Muse überhaupt einen zu sinnlichen, oft gemeinsinnlichen Charakter zu tragen scheint, daß ihm selten Liebe etwas anderes als Genuß oder sinnliche Augenweide, Schönheit oft nur Jugend, Gesundheit, Glückseligkeit nur Wohlleben ist, möchten wir die Gemälde, die er uns aufstellt, mehr einen Zusammenwurf von Bildern, eine Kompilation von Zügen, eine Art Mosaik als Ideale nennen. - Es kann nicht fehlen, daß dieser üppige Farbenwechsel auf den ersten Anblick hinreißt und blendet, Leser besonders, die nur für das Sinnliche empfänglich sind und, den Kindern gleich, nur das Bunte bewundern. Aber wie wenig sagen Gemälde dieser Art dem verfeinerten Kunstsinn, den nie der Reichthum, sondern die weise Oekonomie, nie die Materie, nur die Schönheit der Form, nie die Ingredienzien, nur die Feinheit der Mischung befriedigt! Wir wollen nicht untersuchen, wie viel oder wenig Kunst erfordert wird, in dieser Manier zu erfinden; aber w ir entdecken bei dieser Gelegenheit an uns selbst, wie wenig dergleichen Kraftstücke der Jugend die Prüfung eines männlichen Geschmacks aushalten. Es konnte uns eben darum auch nicht sehr angenehm überraschen, als wir in dieser Gedichtsammlung, einem Unternehmen reiferer Jahre, sowohl ganze Gedichte als einzelne Stellen und Ausdrücke wiederfanden (das Klinglingling, Hopp Hopp Hopp, Huhu, Sasa, Tralirum larum u. dgl. mehr nicht zu vergessen), welche nur die poetische Kindheit ihres Verfassers entschuldigen und der zweideutige Beifall des großen Haufens so lange durchbringen konnte. Wenn ein Dichter, wie Herr Bürger, dergleichen Spielereien durch die Zauberkraft seines Pinsels, durch das Gewicht seines Beispiels in Schutz nimmt, wie soll sich der unmännliche, kindische Ton verlieren, den ein Heer von Stümpern in unsere lyrische Dichtkunst einführte?´ Die Idealisirung vermißt Schiller am meisten bei der Schilderung der Empfindungen. Der lyrische Dichter dürfe eine gewisse Allgemeinheit in den geschilderten Gemüthsbewegungen um so weniger verlassen, je weniger Raum er habe, sich über die dieselben veranlassenden Umstände zu verbreiten. Wo er selbst bloß leidender Theil sei, müsse die Empfindung von ihrer idealischen Allgemeinheit zu einer unvollkommenen Individualität herabsinken. Niemals dürfe er unter der gegenwärtigen Herrschaft des Affekts dichten, den er uns schön versinnlichen solle.

 (Auch hier schwebte Schiller seine eigene dichterische Vergangenheit vor.) 

Das Idealschöne werde schlechterdings nur durch eine Freiheit des Geistes, durch eine Selbstthätigkeit möglich, welche die Uebermacht der Leidenschaft ausschließe. Aus der sanftern und fernenden Erinnerung möge er dichten, und dann desto besser für ihn, je mehr er an sich erfahren habe.

Hierin ging Schiller ganz fehl, wie ihm Bürger auch in seiner geharnischten Erwiederung vorwarf, da der leidenschaftliche Zustand keineswegs den freien, lebendigen Fluß des Gefühls ausschließt; das, was ihm besonders die an Molly gedichteten Lieder verleidete, war die undichterische, weil unnatürliche, widerwärtige Seelenlage des Dichters, nicht daß sie von der Seelenlage selbst geboren worden, die sie schildern sollte. Die ideale Ansicht von der Würde des Dichters und die theoretische Herleitung des Wesens der Dichtung führte Schiller hier irre, wie er mehr als zehn Jahre später selbst andeutete, wo er bemerkte, sein Gefühl sei richtiger gewesen als sein Räsonnement. Bürgers Erwiederung hatte Schiller wirklich in die Enge getrieben, so daß er in seiner Entgegnung im März sogar ´die gefühlvollen Lieder eines Denis, Göckingk, Hölty, Kleist, Klopstock, von Salis´ als solche ideale Kunstschöpfungen ihm entgegenzuhalten sich verleiten ließ, als Kunstzweck Rührung und Veredlung bezeichnete, und darauf drang, der Dichter müsse ´ja vor allem ander jeden groben Zusatz von Sinnlichkeit, Unsittlichkeit und dergleichen abstoßen, womit man es im handelnden Leben nicht immer so genau zu nehmen pflege´, was Bürger leider persönlich zu tief traf. Dieser ward dadurch zu den drei Gedichten der Vogel Urselbst, über ein Dichterregel des Horaz und Unterschied veranlaßt, von denen das zweite treffend schließt;
  Deinem Genius Dank, daß er, o grübelnder Schiller,
    Nicht das Regelgebäu, das Du erbauet, bewohnt!
  Traun! wir hätten alsdann an Dir, statt Fülle des Reichthums,
    Die uns nährt und erquickt, einen gar luftigen Schatz!   “

 

1864

Moser, Otto. Aurora von Königsmark. In: Illustrirtes Familien-Journal Nr. 272. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 90] Im Sommer des vergangenen Jahres reiste ich mit dem französischen Maler Rour nach dem Unterharz. Glücklich hatten wir die schreckliche Ebene zwischen Leipzig und Magdeburg passirt, unsern Ekel über die Coupénachbarn, sechs Juden, die von Schönebeck bis Halberstadt unaufhörlich Zwiebel-Würstchen aßen und Kirschkerne ausspuckten, überwunden, sowie ein Glas halberstädter Bier angetrunken und rollten nun im Postwagen das reizende Thal nach Quedlinburg dahin. Bald lag die Stadt mit ihren Streitthürmen und Spitzgiebelhäusern, das echte Bild einer mittelalterlichen Reichsstadt, vor uns, überragt von dem Felsen, der das uralte Stift Kaiser Heinrich´s des Finklers trägt und seine Gebeine birgt.
    Als wir den steilen Weg zum Stift hinauf stiegen, bemerkte ich oben am Thore eine alte Dame von wenigstens dreihundert Pfunden Fleischergewicht, die, wie eine fette Gans auf uns niederschauend, ein Bund Schlüssel in der Hand hielt. Unter ihrer Leitung betraten wir die ehrwürdigen Räume, wo Kaiser Heinrich mit seiner Mathilde und dem Hündchen Quedl schlummern, wo man neuerdings das eingemauerte Skelet einer Nonne fand und in einer wahren Hamsterhöhle ein Bischof drei Jahre lang als Gefangener schmachtete. Unsere Führerin aber, welche an ihrer dicksten Stelle sich eines Durchmessers von mindestens zwei berliner Ellen erfreute, gab uns jetzt einen geheimnißvollen Wink. Wir durchschritten die Kirche, eine Fallthür öffnete sich und wir stiegen hinab in die Todtengruft, wo Aurora von Königsmark ruht. Ein helles, fast freundliches Schlafzimmer, geziert mit Aurora´s Bildniß, einer sehr mittelmäßigen Copie, deren Costume an Bürger´s Molly erinnert! “

 

1864

Seifart, Karl. Blutnelken und Mandragorablüthen. In: Bremer Sonntagsblatt, 22. Mai. Bremen. Digitalisiert von Google

“[S. 175] Unsere außerordentlich regsame und strebsame Zeit mit ihren die Menschenwelt umgestaltenden Erfindungen wird das Bewußtsein des Volkes allgemach mit neuem Inhalt erfüllen und das Dichten und Denken der Vorzeit ganz daraus verdrängen, welches bereits zahlreiche, alte, früheren Kulturperioden angehörende Anhaltspunkte verloren hat. Noch als Bürger die Verse dichtete:
      Sieh da! sich da! Am Hochgericht
      Tanzt um des Rades Spindel,
      Halb sichtbarlich im Mondenlicht,
      Ein luftiges Gesindel . . . .
kannte jeder Leser derselben das von Raben umflatterte, radgekrönte Hochgericht aus eigener Anschauung, und manchem Göttinger, der Bürgers Gedichte aus erster Hand hatte, mochten beim Lesen jener Verse Galgen und Rad der im Eingang erwähnten Göttinger Vehmstätte in schrecklicher Lebendigkeit vor der Phantasie stehen. “

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1864

Anonym. Königsberg. In: Niederrheinische Musik-Zeitung, 10. December  Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 400] Franz Herther's komische Oper in drei Acten: ´Der Abt von St. Gallen´ ist, nachdem sie in Leipzig und Berlin gegeben wurde, auch hier zur Aufführung gelangt. Das Theater-Publicum, welches für neuere Werke stets nur ein mässiges Verständniss mitbringt, zeigte leider auch bei beiden Aufführungen der oben genannten Oper wenig Theilnahme; es mag sein, dass die Musik dieser Oper für ein ungeübtes Ohr etwas zu getiftelt ist, ausserdem für eine komische Oper durchweg ein zu ernstes Gepräge hat: doch bietet sie dem Kenner viel Originelles und Interessantes, und namentlich ist im ersten Acte das Lied der Gudula, ferner das reizende Terzett: ´Er schläft, er schloss die Augenlider´, und im dritten Acte die Arie des Abtes von ausserordentlicher Wirkung und als besonders gelungen zu bezeichnen. Der Text, dem bekannten Bürger'schen Gedichte entnommen, ist unterhaltend genug, um selbst solche, die an der Musik weniger Genuss finden, zu entschädigen.“

 

1864

Berlin. Revue. Neue Berliner Musikzeitung, 20. April. Digitalisiert von Google

[[S. 123] Fräul. Bertha Augsberger declamirte, unter melodramatischer Begleitung von Liszt, Bürgers ´Leonore´ mit Schwung und dramatischem Feuer. “

 

1864

Weimar, 4. Februar. In: Neue Berliner Musikzeitung, 10. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 45] Das Festprogramm lautete folgendermaassen: ´Orpheus´ (symphonische Dichtung, arrangirt für Violine, Harfe, Violoncell, Harmonium und Pianoforte von Zellner in Wien), zwei Lieder von Lassen und Stör, ´Die Flüchtlinge´ vom Generalintendanten Dr. Dingelstedt, Liszt's ´Loreley´, Nocturno, Duett aus Berlioz's reizender Oper ´Beatrice und Benedict´, Phantasie aus F über Themen aus ´Euryanthe´ von B. Lossmann, Bürger's ´Leonore´ mit melodramatischer Begleitung von Liszt, Scene aus dem 2. Acte von Wagner's ´Tristan und Isolde´, Schiller's Punschlied, componirt von Lassen.“

 

1864

Ehrentheil. Beilage zum Jeschurun. [...] lose Blätter aus den Memoiren eines Bochurs. In: Jeschurun. Fürth. Digitalisiert von Google

“[S. VII] Doch hielt ich es für eine göttliche Eingebung, daß mir eben Rebb Kalman Lehrer in den Sinn gekommen war, und hatten wir uns einmal - so dachte ich - gegen den Codex der Jeschiwa in so flagranter Weise aufgelehnt, daß wir deutsche Bücher lasen, so dürfte ein geheimer Besuch bei Rebb Kalman zu edlem Zwecke auch keine Sünde sein; sind wir aber - so calculirte ich weiter - einmal bei dem vielvermögenden Männchen, bei dem Stundenverschaffer par excelence, warum sollte er nicht einmal schon der Seltenheit wegen, auch einem Bochur, der viele deutsche Bücher gelesen und Schillers Gedichte und Bürgers Balladen halb auswendig kannte, auch eine ´Stunde´ verschaffen können und wollen -; [...]. “

 

1864

Schloenbach, Arnold. Elefantine. In: Norisblüthen, 29. Mai. Sonntagsbeilage zur Nürnberger Abendzeitung. Digitalisiert von Google

“[S. 85] Er drückte unter dem Tische fast krampfhaft des Sprechenden Hand. Da flog es wieder hinüber und herüber zwischen Bruno
und Käthchen und Wilhelm fragte:
      ´Warum heißen sie ihn denn Bürger, den jungen Baron?´
      ´Weil er immerfort Bürgers Gedichte auswendig lernt und sie nach der Schnur hersagen kann, und am liebsten in den Kneipen und Schenken, absonderlich den Bauern vorliest. Er macht auch selber so Bürgers-Vers.´
      ´Seltsam das! Da ist er doch wohl auch mehr feine bürgerliche als adelige Natur?´
       ´Ja, hat sich was von bürgerlich! [...]´ “

 

1864

Bopp, Ph. Kindesmord. In: Das Staats-Lexikon, Neunter Band, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 80] Auch die in der letzten Zeit des vorigen Jahrhunderts erlassene preußische Strafgesetzgebung dictirte Kapitalstrafe, vollzogen durch Enthauptung. Unter der Herrschaft dieser Gesetzgebung verfiel dem Schaffot jene unglückliche Mutter, deren Geschick Hippel in seiner Schrift ´Beitrag über Verbrechen und Strafen´ (zweite Auflage, Königsberg 1797) so ergreifend darstellt, während es vielleicht unsern großen Dichter zu seinem Gedicht ´Die Kindesmörderin´ anregte:
  Horch! Die Glocken hallen dumpf zusammen
  Und der Zeiger hat vollbracht den Lauf.
  Nun, so sei's denn - Nun in Gottes Namen!
  Grabgefährten, brecht zum Richtplatz auf!
Wer denkt dabei nicht an Bürger's Dichtung ´Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´:
  ´O weh mir, daß du mich zur Mutter gemacht,
   Bevor du mich machtest zum Weibe!´
   .....
   Da riß sie die silberne Nadel vom Haar,
   Und stieß sie dem Knaben ins Herze.”

 

1864

Anonym. Eine Kellnerin im Schuldenarrest. In: Stadtfraubas, 1. Oktober. Digitalisiert von Google 

”[S. 317] Leonore hatte in ihrer kellnerischen Praxis wohl vom Ziel- und Liebhaber-Wechsel große Kenntnisse erlangt, aber von einem Solowechsel wußte sie nichts. Sie unterschrieb denselben in ihrem treuen Glauben auf die redliche Denkweise ihres Richards, mit der von ihren Kalligraphen in Nebenstunden erlernten Handschrift, nahm Abschied von ihrem Geliebten, in der Hoffnung, in seiner Abwesenheit sich zu trösten wissen. So vergingen einige Tage, da klingelte es einen schönen Morgens heftig an ihrer Thüre. Lenore fuhr zwar nicht um's Morgenroth, wohl aber aus dem Bette in ein Morgennegligé und öffnete. Draußen standen mehrere robuste Männer aus dem Institute der Insassen, die wegen der allzu großen Höflichkeit auch noch nie gestraft wurden, und motivirten den Zweck ihres Kommens mit Abholung aller Möbel der so nobel eingerichteten Wohnung.”
 
 

1864

Anonym. Bayern. In: Landshuter Zeitung, 14. Februar. Digitalisiert von Google

“[S. 141] Bayern. München, 12. Febr. Die I sarztg. schreibt: Es thut Noth, allen Ueberschwänglichkeiten in Deutschland zu entsagen. Mit der ´Heulmayerei,´ wie wir ihr in einigen Blättern begegnen, ist so wenig gethan, als mit der - wir haben kein anderes Wort - Schwärmerei, welche glaubt, mit einem durch Sammelbeiträge aufgebrachten ´Volksheer´ und anderem Dergleichen noch einen Umschwung in die Verhältnisse bringen zu können. Wenn ein ´klarbesonnenes,´ fränkisches Blatt, heute eine seltsame Paraphrase des ´Leonore fuhr um's Morgenroth´ als Leitartikel bringt und das ´Mutter, Mutter, hin ist hin, verloren ist verloren!´ glossirt, so ist die Gefahr nahe gelegt, daß man damit kaum den Ernst der Erregung charakterisirt und eher sarkastische als bedenkliche Mienen auf den Schneemannsgesichtern der leitenden Staatsmänner hervorruft.”

 

1864

Anonym. Kurzer Schreibebrief des Füseliers Wilhelm Strammberger an die Köchin Auguste Kühlefett, zukünftige Lieutenantsfrau. In: Kladderadatsch, Berlin, 24. April. Digitalisiert von Google

“[S. 75] Und nu, Justeken, fährst Du plötzlich empor ums Morgenroth und seufft mir mit Sing und Sang und Paukenschlag und Kling und Klang, geschmückt mit grünen Reisern zu: Bist untreu, Willem, oder todt? Ja, Kuchen! Todt is nich, und untreu is hier schon jar nich möglich. Aber Secundalieutnant vorne an 'n zweiten Zug von die dritte Compagnie mit Schärpe und Silbertroddel! Hurrje! Wilhelm! Aber so flenne doch nich so, Mächen!”

 

1864

Nellenburg, R. Die Rappstute. Eine Erinnerung aus dem amerikanisch-mexikanischen Kriege.In: Erheiterungen, Sechsunddreißigster Jahrgang, Stuttgart

“[S. 304] Ich mußte daher wohl oder übel nur meinen Sitz behalten und mein Thier auslaufen lassen, was bei diesem tollen Rennen nicht allzu lange mehr anstehen konnte, denn der Gaul sprengte daher, als liefe er um einen Wettrennpreis, und warf nur von Zeit zu Zeit den Kopf in die Höhe, um jenes seltsame wilde Wiehern auszustoßen, das ich schon bei seinem ersten Anblick bemerkt hatte.
   ´Und weiter, weiter hopp, hopp, hopp, ging's fort in sausenden Galopp,´ durch die hohen Aloen, die mir im Vorüberreiten wie eine grüne Wand erschienen, an mehreren Ramsos oder Weilern vorüber, wo die Leperos unter den Thüren lungerten, ihre Hüte in die Luft warfen und mir Viva zuriefen [...]”

 

1864

Anonym. Rez. Der Lehrgang des Rechenunterrichts von Seminar-Director Eisenlohr. In: Pädagogischer Jahresbericht, Sechszehnter Band, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 60] Mit einer Polemik, die da fragt: ´Klingt es nicht in der That nonsensifikalisch (auch ein wundersames Wort!), wenn man sagen wollte: 6mal Nichts ist Nichts —?´ ist hier nichts auszurichten, eben weil Null nicht Nichts ist. Am deutlichsten sieht man dies im Bereiche des elementaren Rechnens bei der Division.
     Was das Praktische der Aufgaben anlangt, so verweise ich auf die Anzeige der vorigen Schrift. Wenn der Verfasser in seiner Polemik gegen das wissenschaftliche Denken den Ausspruch von Hans Bendix citirt:
    ´Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
    Das Hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.´
so fühle ich mich aus zwei Gründen nicht getroffen, wenn aber der Verfasser vom wissenschaftlichen Denken etwas hielte, würden ihm manche grobe Verstöße gegen die Logik nicht passirt sein, so z. B. auf S. 58, und vor Allem würde er es mit der Begründung seiner Ansichten genauer genommen haben.”

 

1864

Mahnke, E. Das Gesetzliche in dem Auftreten der Drehkrankheit der Schafe, Stettin. Digitalisiert von Google

“[S. 72] Leider ist diese mehr oder weniger große Selbstständigkeit der Schäfer auch häufig in Wirthschaften anzutreffen, deren ganze, schließliche Rentabilität wesentlich auf die Schäfereien basiert ist. Ja, wir haben unlängst erst einen Stammschäferei-Besitzer kennen gelernt, der, nachdem er bestritten, daß der Blasenwurm auch im Rückenmark der Schafe vorkomme, kein Geheimniß daraus machte, daß er in zweifelhaften Fällen den Rath seines ´erfahrenen Schäfers´ einholt und denselben befolgte. Von ihm könnte man sonach mit vollem Rechte, wie der Dichter vom Abt von St. Gallen, sagen:
    ´Nur schade, ein Schäfer war klüger als er.´”

 

1865

Banck, Otto. Ein deutsches Dichterleben, Schauspiel von Mosenthal nach Otto Müllers gleichnamigem Roman. In: Kritische Wanderungen in drei Kunstgebieten. Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 229] Es ist der Logik eines unmündigen Kindes zugänglich, daß eine ausnahmsweise große, ungeheure Potenz poetischer Schöpfungskraft dazu gehört, den Charakter eines Menschen zu schildern, der der Welt mit Recht einen erhabenen, wundervollen Begriff von seinem innersten Wesen, seiner Gesammterscheinung eingeflößt hat. Um wie viel schwerer muß dies sein, wenn dieser Mensch ein Dichter, ein Mann der zartesten, glühendsten Empfindung, ein Genius des geflügelten Gedankens und Wortes war. Wer einen solchen Geist ersten Ranges erschaffen will, muß ihm mindestens gleich stehen, muß wieder in Wahrheit ein Dichter, in Wahrheit ein Genius sein. Wären unsere neuen Dramatiker bescheiden genug, einzusehen, daß sie bisher fast niemals im Stande waren, gewöhnliche, unter ihrem persönlichen Niveau stehende Lebenscharaktere vollendet zu malen, so würden sie nicht so verblendet handeln, hoch über sich zu greifen, und Stosse trivialisirend zu verderben, die einer höheren Begabung vorbehalten sind.

[S. 230] Es bleibt nach diesen allgemeinen Bemerkungen nur wenig über Mosenthal's Drama zu sagen. Seine unberufene Keckheit, sich an diesen Stoff zu wagen, läßt ihn das gewöhnliche Loos derjenigen Dramatiker theilen, welche große Poeten auf die Bühne bringen, zumal solche, die uns noch im klaren Lichte nahe stehen. Er befindet sich schöpferisch noch unendlich tief unter seinem Helden und hat weder ihn, noch die anderen Hauptpersonen mit wahrer poetischer Gestaltungskraft geschildert.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1865

Lüben, August und Nacke, Carl. Einführung in die deutsche Literatur [...] Für den Schul- und Selbstunterricht. Zweiter Theil. Digitalisiert von Google.

“[S. 166, Das Lied vom braven Mann] In der 3. Strophe zählt der Dichter fünf durch den Sturm hervorgebrachte Erscheinungen auf, die nacheinander folgen, in der 12. dagegen drei, die sich gleichzeitig, gewissermaßen in einem Augenblick ereignen. Erstere sind, ganz den Erscheinungen entsprechend, asyndetisch verbunden, Letztere polysyndetisch, also wie zu einem Ganzen zusammengekittet.
   Auch hierdurch beweist der Dichter, daß er es meisterhaft versteht, die Sprache der Sache auf's Innigste anzupassen.
   Besondere Anerkennung verdient auch die große Lebendigkeit und Sinnlichkeit, welche in der Schilderung der Erscheinungen herrscht. Der Dichter hat sie dadurch erreicht, daß er Alles in Handlung setzte und Nichts bloß beschrieb. Am mustergültigsten ist in dieser Beziehung die 2. Strophe.

[S. 171, Die Kuh] Abgesehen von diesen Kleinigkeiten, gehört das Gedicht wegen seiner ganzen Composition und seiner dramatischen Lebendigkeit zu den besten, die Bürger geliefert hat. Der Stoff des Gedichts erscheint unbedeutend und bietet beinah gar nichts Poetisches dar. "Eine Kuh, sagt Götzinger, die von einem wohlthätigen Manne einer armen Frau in den Stall geführt wird - was macht das auf die Phantasie weiter für einen Eindruck? Aber Bürger hat auch gar keinen Nachdruck auf diese wohlthätige Handlung gelegt, sondern schildert uns Frau Magdalis Seelenleiden ergreifend, wahr und schön. Das Geisterreich erscheint, und hier ist der Dichter in seiner Sphäre; keiner kann so gut wie er die geheimnißvollen Schauer desselben malen."

[S. 179, Der Kaiser und der Abt] Das Gedicht wirkt echt komisch. Der Grund hiervon ist theils in der Ursache der Feindschaft des Kaisers, theils in der ganzen Darstellung, in der überall hervortretenden echten Volkslaune zu suchen. Die Sprache darin ist einfach, häufig auch ganz volksmäßig, [...]
   Sehr komisch wirkt es auch, wenn der Abt in seiner Wiederholung der Fragen bei jeder das mit wiederholt, was der Kaiser hinzugefügt hat, aber natürlich ganz anders anwendet [...].

[S. 185, Der wilde Jäger] Der bedeutende Eindruck, den das Gedicht auf jeden gefühlvollen Leser macht, wird hauptsächlich durch die Gegensätze oder Contraste, welche sich darin vorfinden, hervorgerufen.

[S. 186] "Der wilde Jäger" ist eine anschauliche Darstellung des Kampfes, den die sinnliche Lust des Menschen mit seinem auf das Gute gerichteten Willen, also mit dem Gotteswillen führt. Erster ist in dem linken Ritter personificirt, Letzterer in dem rechten.

[S. 188] In dieser Ballade herrscht eine epische Ruhe und Ausführlichkeit, die wir sonst bei Bürger nicht finden, und die Strophen sind alle mit großer Kunst gebaut und schreiten sehr gemessen einher. Die Behandlung des Verses und der Sprache, die Kunst der poetischen Malerei erinnert an den braven Mann. So wie uns hier in den ersten Strophen ein lebendiges Bild sichtbarer Verwüstung, in die lebendigste Handlung umgesetzt, entgegentritt: so in der ersten Strophe des wilden Jägers der tolle, wüste Lärm der Jagd, Hörner- und Jagdruf, Wiehern, Rasseln, Nachstürzen, Kliff und Klaff. Aus dem wilden Getümmel hebt sich nur e in Bild hervor, der Wildgraf auf seinem Hengste; denn es bleibt bei allgemeinen Ausdrücken wie Troß, bei Adverbien, wie zu Fuß und Roß, bei unpersönlichen Wendungen (Str. 10). Hier, wie im braven Mann, wendet nun der Dichter seine große Kunst an, durch die Sprache nicht nur Vorstellungen zu wecken, sondern durch ihren Klang schon an die Sache zu erinnern und das Gemüth dadurch zu stimmen.

[S. 189] So wenig sich das Gedicht seines starren Versmaßes halber zu einer Melodie schickt, so großen Eindruck macht es, wenn es gut vorgetragen.

[S. 203] Bürger's Balladen gehören zu den besten Dichtungen dieser Gattung; sie haben den Ruhm des Dichters begründet und für immer gesichert. In allen zeigt sich eine seltene Jugendfrische und Kraft. Ihr Ton ist volksthümlich, wie in den echtesten Volksliedern, hier und da etwas derb, so daß die Grenze der Schönheit wohl einmal überschritten wird. Sonst aber ist die Sprache darin trefflich, jeder Ausdruck sorgfältig geprüft und dem Sinne entsprechend gewählt. Die zu Grunde liegenden Stoffe sind meistens sehr einfach, ganz wie beim Volksliede. Die Begebenheiten reihen sich kunstlos an einander. Wo überhaupt künstlerische Anordnung erforderlich war, wie in "Lenardo und Blandine", da fallen Bürger's Balladen schwach aus. Seine Kunst beruht wesentlich auf der Darstellung des Einzelnen, sowohl der Situationen, als der Charaktere. Und hierin steht er noch jetzt unübertroffen da.

[S. 211] Nicht weniger treu, als in dieser Selbstschilderung, spiegelt sich Bürger's Leben und Seelenzustand in seinen Gedichten ab, da die große Mehrzahl derselben aus dem unmittelbaren Leben hervorgegangen ist. Wie nun aber sein Leben viel Unschönes und Unedles darbot, so trugen auch viele seiner Gedichte das Gepräge an sich, wie z. B. "das Dörfchen", "Frau Schnipps" u a. Die Zahl der wirklich guten Gedichte Bürger's ist daher nur klein. Was aber Bürger auch in den schwachen und verwerflichen Gedichten für sich hat, ist eine Leichtigkeit der Darstellung, Gefügigkeit und Geschmeidigkeit der Erzählung, besonders aber ein Wohllaut der Sprache, ein Fluß der Verse, wie wir sie selbst in vielen Dichtungen unsrer größten Meister umsonst suchen, so daß wir neben manche Strophen und Lieder Bürger's in dieser letzten Hinsicht nur die Gedichte unserer älteren Zeit, die Minnelieder, halten können.

[S. 213] Bürger hat zu den populärsten Dichtern gehört, die unsere gesammte Literaturgeschichte aufweisen kann. Seine Lenore durchflog in einem Augenblicke ganz Deutschland und wurde, was nicht stark genug hervorgehoben werden kann, im Kreise des Volkes eben so wohl gelesen und gesungen, wie im Kreise der Gebildeten und thut in beiden Kreisen noch jetzt, nach achtzig Jahren, ihre Wirkung. Dies Volksmäßige, Allen Zusagende war es, was Schiller in seiner oben erwähnten Recension allein verkannte und nach seiner Anschauungsweise verkennen mußte, während in allen übrigen Punkten die Nachwelt Schiller´s Urtheil auf das Vollständigste bestätigt hat.

[S. 621 Bürger und Schiller als Balladendichter] Aus Bürger's Balladen blickt uns Frische und Gesundheit, Lebhaftigkeit und Feuer, Jünglingskraft und kühner Muth entgegen; aus Schiller's Dichtungen schaut uns Seelengröße und Herzensreinheit, stiller Ernst und himmlische Ruhe, männliche Kraft und fester Wille an. Jene Frische und Gesundheit artet oft in Derbheit, ja wohl gar in Rohheit aus, diese innere Seelenerhebung in Schwärmerei und Unklarheit; immer aber wird uns die Wahrnehmung dieser Lebensreize angenehm und erfreulich sein.  

[S. 623] Wir sehen in Bürger den Liederdichter, in Schiller den dramatischen. Feindliche Einwirkungen eines feindlichen Princips haben Schiller's Helden in der Regel zu bekämpfen, und mit der Schilderung dieses Kampfes haben es seine Balladen (Romanzen) zu thun; den Sieg des Edlen oder dessen erhabenes Unterliegen weiß er vortrefflich darzustellen. Fordert der Gegenstand eine unmittelbare Darstellung der heftigsten Leidenschaften, des bewegten Gemüths, so verliert er sich in erhabenen Wortschwall wie in Hero und Leander, oder er giebt nur schwache Umrisse, wie im Ritter Toggenburg. Gewiß hätte Schiller aus Lenardo und Blandine ein schönes Kunstwerk gebildet, und Bürger aus Hero und Leander mehr gemacht, als jetzt daraus geworden ist. Der Dialog ist bei Bürger immer das Schönste, die eigentliche Schilderung bei Schiller. [...]
   Den Charakter seiner Helden fand Schiller entweder schon in seinen Quellen, oder er bildete sie nach seinen Ansichten. Seinem Wesen entsprechend, sind sie alle ideal gehalten, d.h. allgemeine Gestalten, ohne besondere eigenthümliche Züge. Der Taucher, de Lorges (im Handschuh), Graf Rudolf, Möros, Deodat (im Kampf mit dem Drachen), Ritter Toggenburg sind im Ganzen immer dieselben Charaktere, nur jedesmal unter andern Verhältnissen, in einer andern Umgebung. - Bürger's Gestalten sind stets ganz individuell, nie ideal. Lenore hat mit Frau Magdalis nichts gemein, obgleich die Umgebungen gerade dieselben sind, und wie unendlich verschieden sind der Wildgraf, der brave Mann, Hans Bendix und der Kaiser. Dieser Unterschied zwischen den Helden beider Dichter spricht sich sogar darin aus, daß die von Bürger Namen haben, die von Schiller gewöhnlich keine.

[S. 625] Was endlich die Reinheit der Sprache, die Richtigkeit im Gebrauch der Sprachformen betrifft, so steht Bürger unfehlbar höher als Schiller. Er wandte viel Fleiß auf den richtigen Sprachbau und den Wohlklang des Verses. Schiller ist in seinen Balladen (Romanzen) besonders in den Satzverbindungen nicht glücklich, wie wir mehrfach gesehen haben. Der Grund hiervon ist wohl darin zu suchen, daß er sich zu sehr an die philosophische Sprache und an die des dramatischen Dialogs gewöhnt hatte, die beide künstliche, verschlungene Perioden gestatten. Unwillkürlich verfiel er daher auch bei den Balladen, die, wie ihm wohl bekannt war, eine gedrängte Darstellung fordern, in diese Sprache und wurde dadurch unklar.”

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1865

Wölffel, Heinrich. Ueber Shakespeare´s Macbeth. In: Album des Literarischen Vereins in Nürnberg. Digitalisiert von Google

“[S. 125] Es ist bekannt, daß wir von zweien unsrer großen Dichter, Schiller und Bürger, Übersetzungen unsrer Tragödie besitzen, die zugleich Bearbeitungen für die deutsche Bühnendarstellung werden sollten. Nun ist merkwürdig, wie diametral sich beide, ganz der sonstigen Verschiedenheit ihrer Muse gemäß, in der Auffassung der Hexen gegenüberstehen. Während der Eine durch idealistische Verklärung im Ton und Charakter sie geradezu zu antiken Schicksalsmächten zu erheben strebt, zieht der Andere sie ins derb Realistische und Triviale so tief herab, daß kaum noch etwas Anderes bleibt, als meckernde häßliche schwätzende Gevatterbasen und Hökerinnen infernalischer Bosheitsgelüste. Beide haben sich gleichweit von Shakespeare entfernt, der die gemeine derb realistische Erscheinung seiner Geschöpfe mit dem Ernst übernatürlicher Bedeutung ihres Wesens und Treibens auf das innigste zu verbinden weiß.

[S. 130] Rapp hat in seiner Übersetzung statt der Nase des Türken und der Lippe des Tartaren blos das häßliche und völlig witzlose Beimengsel ´Tartarnasen breitgedrückt´, wie er denn überhaupt um des Reimes willen bald so bald so den Tert ändert, wobei natürlich alle Symbolik, aber auch aller Ernst des Höllengebräu's verloren geht. Von Bürger ganz zu schweigen, der alles Beliebige - Rattenschwanz und Mäuseohr, Raupenquark und Teufelsdreck, Distelstich und Nessel — einschaltet oder an die Stelle setzt, so daß das Ganze alles Verstandes baar und aus der Sphäre eines unheimlichen Höllenspukes in die der niederen Komik und der bloßen Taschenspielerei herabgedrückt wird. Schillern scheint diesmal sein poetischer Instinkt von sonst so leichthin vorgenommeneu Aenderungen bewahrt zu haben, wiewohl auch er, wie nicht minder Tieck, dem Reim und dem Verse manches den sinnigen Zusammenhang und die Symbolik schädigende Opfer bringt.“

 

1865

Schletterer, Hans Michel. Joh. Friedrich Reichardt. Sein Leben und seine Werke, Band I. Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 613] Am 28. December 1787 wurde auf besonderen Befehl des Königs mit größtem Erfolge auf dem Nationaltheater Shakespear's ´Macbeth´ mit Musik von Reichardt aufgeführt. Die Wirkung dieser Musik war eine ganz außerordentliche. Der Componist veröffentlichte unter 0p. 4 bei Rellstab in Berlin einen Theil seiner Tonsätze: Einige´Hexenscenen aus Shakespear's ´Macbeth´ nach Bürger's Verdeutschung´.   [...] Hören wir zunächst, was Reichardt selbst in einer kurzen Vorrede über seine Arbeit sagt: Im Jahre 1787 ersuchte mich die Direction des hiesigen Nationaltheaters die Hexenscenen aus Shakespear's ´Macbeth´ nach Bürger´s meisterhafter Verdeutschung in Musik zu setzen, weil der König das Stück in seiner ganzen Pracht zu sehen wünschte.
       Lange schon war mir diese höchst eigenmächtige, ungeheure Schöpfung Shakespear´s eine der interessantesten Natur- und Kunsterscheinungen, und Bürger´s fast unglaublich treue Nachbildung interessirte mich, wie´s sich gehörte.“

 

1865

Wirth, Johann Georg August. Die Geschichte der Deutschen. Vierter Band, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 160] Während in dieser Weise reiche Triebkräfte einer neuen Zeit in freundlichem Verkehr ihrem Ziele entgegenstrebten, drang, mehr vereinzelt und gedrückt von äußeren Umständen, ein noch reicherer Genius zu demselben Ziele vor, Gottfried August Bürger. In ihm war die Dichtkunst, welche bei den Göttinger Barden, namentlich bei Voß, und zum Theil selbst bei Klopstock, noch etwas an die Schule streifte, schon völlig frei geworden, stürzte sich unmittelbar in das Leben und gab dasselbe in frischen, reichen Strömen zurück. Bürger war durch und durch ächter, freier Dichter, und bestimmt, der Liebling des Volkes zu werden, dessen treuestes Organ er darstellte; seltsam daher, daß alle Lorbeeren, die ihm gehörten, später auf ein anderes Haupt niedergelegt wurden. “

 

1865

Anonym. Schillers Werke. Erster Band, Stuttgart

“[S. LX] Diese Berührung zwischen den beiden Dichtern, von denen der weimarische das Volk auf der Stufe der Bildung, der Göttinger das Volk auf der Stufe sinnlicher Anschauung vor Augen hatte, erinnert an die Kritik Schillers über Bürger und an seine Kritiken überhaupt. [...] Sehr unbedeutende Anzeigen über Dynasore u. dgl. erschienen auch in der Allgemeinen Literaturzeitung, die aber gleichzeitig auch die sehr bedeutende Kritik über Goethes Egmont nnd Bürgers Gedichte brachte. Während jene hauptsächlich der Erörterung über das geschichtliche Schauspiel gewidmet war und erwies, daß das Kunstwerk nicht unter der Idee der Geschichte bleiben dürfe, stellte die Recension der Bürgerschen Gedichte unerbittlich den vollkommen richtigen Satz auf, daß der lyrische Dichter vor allen Dingen sich selbst erst zu einem Kunstwerke durch sittliche, ästhetische Erziehung zu bilden habe, wenn er eine dauernde Wirkung verdienen wolle. Daß diese Kritik, wie hart sie den verkommnen Göttinger Dichter auch traf, vollkommen gerechtfertigt war, bedarf der heutigen Erkenntniß gegenüber keines Nachweises mehr. Aber auch schon in jenen Tagen waren die Einsichtigen und Unbefangenen auf Schillers Seite. Der jugendliche Hardenberg (Novalis) erkannte mit Enthusiasmus den Werth dieser Erörterung an, die ewige, bis dahin unbeachtete Gesetze aufdeckte und für alle Zeit feststellte.“

 

1865

Lessing, Hermann. Die rechten Namen. In: Daheim und Draussen. Digitalisiert von Google.

“[S. 224] Das erste deutsche Genie, das seine Geliebte beim rechten Namen nannte, war Gottfried August Bürger, ein echter Volksdichter. Bisher wurden nur in Schäfer-Idyllen die Daphne´s, die Chloe´s und Lalage´s besungen, aber ein Gedicht an Molli oder Elsbeth wird weit treffender und klarer sein, als an Anastasia und Eulalia. Wir wittern immer etwas Gemachtes und Künstliches, wenn wir mythologischen oder zu romantischjen Namen begegnen, und glauben, daß der Dichter sich erst in die Stimmung versetzt, während jedes gute Gedicht, wie es Goethe verlangt, ein Gelegenheitsgedicht sein soll, das bekanntlich mit Personen, die in den Wolken schweben, selten etwas zu thun hat. Seitdem Bürger seine Molly besungen hat, ist die Lyrik bei weitem gesünder geworden, und bewegt sich nicht mehr in jenem sentimentalen Schwulst, der den Himmel als erste Bedingung für die Freuden der Erde ansah. So haben wir hier den besten Beweis, wie die richtige Bezeichnung unser Erbübel die Sentimentalität, die Rückseite der Gemüthlichkeit, mit einem Schlage vernichtet, und der Dichter Bürger, der kein Blatt vor den Mund nahm, damit er am Küssen nicht gehindert werde, ist mit seiner Molly unsterblich geworden."
 

1865

Anonym. Westermann's Jahrbuch der illustrierten deutschen Monatshefte, Band 17 

“[S. 440] Ein eben so interessantes wie auch in der Ausführung werthvolles Festgeschenk bildet das in F. Bruckmann's Verlag in München erschienene Porträt-Album deutscher literarhistorischer Frauen. Es sind fünfundzwanzig Porträts von Frauen, die größtentheils in Beziehung zu unsern Dichterheroen und der classischen Periode in Weimar stehen. Luise Karsch, Luise Gottsched, Molly Bürger und Meta Klopstock gehören einer früheren; Rahel Varnhagen, Charlotte Stieglitz, Henriette Herz und Elisabeth Stägemann einer später Zeit an. Die ganze Sammlung umfaßt den Zeitraum von hundert Jahren: 1740 bis 1840.“

 

1865

E.K. Rezension Lee - Soreh. In: Illustrirte Monatshefte für die gesammtem Interessen des Judenthums. I. Band. Wien. Digitalisiert von Google

“ [S. 327] Im Verlag von Herzfeld und Bauer in Wien ist eine kleine Novität erschienen, die der travestirenden uud parodirenden Dichtungsart angehört: ´Lee-Soreh´ nach Bürgers ´Leonore´. Man mag von der ganzen Dichtungsart, die hier in Rede steht, halten was man will, man mag ihr immerhin vorwerfen, daß sie, aller Selbständigkeit entbehrend, wie eine Schmarotzerpflanze von dem Fett und Mark anderer Dichtungsgeschöpfe ihr unselbständiges Leben fristet: man wird aber darum doch einzelnen Erscheinungen derselben Gerechtigkeit widerfahren lassen dürfen, wenn sie aus der gewöhnlichen Manier hervorragen, und ebenso wird man nicht leugnen können, daß die Travestie und Parodie doch auch schon manches Erheiternde und in dieser Art Treffliche zu Tage gefördert haben. Es gibt wie in der Religion so auch in der Kunst neben der wahren Andacht und Pietät eine falsche Andacht, eine Art Pietismus; der künstlerische Pietismus kann darüber freilich nicht genug in ästhetische Entrüstung gerathen, daß gerade die bedeutendsten Meisterwerke — wie er sich ausdrückt — in den Koth herabgezogen und profanirt werden. Der Kunstheuchler mag sich trösten und kann versichert sein, daß der travestirende oder parodirende Dichter — vorausgesetzt, daß solcher wirklich dichterische Begabung hat — die Tiefe und Erhabenheit des von ihm benutzten Stoffes mindestens ebenso wol zu er fassen vermag als er. Wie die Poesie der Blume nicht verloren geht, wenn nun auch der Botaniker dieselbe entblättert und die einzelnen Staubgefäße analysirt, wie ein Blick auf die lebendige Blume hinreicht, uns ihre volle Schönheit wieder empfinden zu lassen: also geht auch von dem parodirten Meisterwerke kein Atom verloren, wie herzlich wir auch über die Parodie lachen mögen. Hebbel´s ´Judith´ und Wagner's ´Tanhäuser´ werden darum nicht mindern Eindruck auf uns machen, weil wir uns etwa im Karltheater bei Nestroy's Parodien dieser Stücke eine Stunde verkürzten. Die ´Glocke´ von Schiller ist unzähligemale parodirt worden: Schiller's Gedicht hat darum in den Augen keines Gebildeten etwas von seinem Werth verloren. Die hier in Rede stehende Travestie der ´Leonore´ ist von dem Verfasser des ´Gutsteher´ (nach Schiller's Bürgschaft). Der Verfasser hat eine ganz eigenthümliche, im jüdischen Leben wurzelnde Handlung erfunden, deren einzelne Phasen genau denen des benutzten Gedichts analog durchgeführt sind. Der Strophenbau ist streng beibehalten, und nur im Rhythmus hat sich der Verfasser die dem Parodiker zustehende Freiheit erlaubt. Die Sprache ist in manchen Strophen voll Leben, namentlich die erste Hälfte des Gedichts fließt ohne allen Zwang, natürlich ab; gegen das Ende tritt eine gewisse Mattheit ein. Die Strenge, die sich der Verfasser aufgelegt, kein einziges Moment des Gedichts unbenutzt zu lassen, ist aber nicht durchgängig mit vollständig zwangloser Behandlung zu vereinen. In welcher Weise der Verfasser zu Werke gegangen, möge z. B. folgende Strophe als Probe zeige.
   Mein Kind! mein Kind! Gott ist geracht,
   Er verloßt joi nie e Menschen,
   Sog´ immer Krieschmä früh ün bei Nacht,
   Thu noch´n Essen benschen.
   ´Mach Mutter mir ´s Harz nit schwer,
   Mir helft gewiß ka Dawene mehr,
   Kümmt die Liebe über ´n Menschen,
   Helft ka Krieschma ün ka Benschen.“

 

1865

Schott, Arthur. Briefe auc Yucatan. In: Das Ausland. 21. October. Augsburg. Digitalisiert von Google

“[S. 996] Wir saßen kaum zwei Minuten im Innern einer solchen Räderarche, so fühlten wir uns auch vollkommen wie in Abrahams Schooß und fort gieng's: ´hurre hurre, hop hop hop!´ als gält es Bürgers Leonore auf ihrem Todtenritt einzuholen. Es war ein großes Glück wenigstens für den Beginn unserer Fahrt daß die Straße Mérida bei weitem weniger holpericht war als des alten deutschen Dichters kraftvolle Verse.“

 

1865

Lessing, Hermann. Von den Ufern der Spree. Die Lichtseite der Residenz. In: Daheim und Draussen. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 8] Sonst zwischen dem Ober- und Unterbaum eingesperrt, hat die jugendliche Hauptstadt diese Schlagbäume zertrümmert und ruht auf seinem Triumphzuge nicht eher aus, als dort, wo, beschattet vom Baumschlag einsamer Pappeln, die letzten Häuser stehen. Keine Entfernung ist dem Jüngling zu groß. Knapp, sattle mir mein Dänenroß! ruft er vor sich hin, und in demselben Augenblick fliegen stolze Gespanne vor seinem leiblichen Auge vorüber, die ihn nach allen Weltgegenden tragen wollen.“

 

1865

Block, M. Das Pariser Armenwesen. In: Magazin für die Literatur des Auslandes, 18. November. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 647] Also, das Gesetz vom 25. Vendémiaire des Jahres II der französischen Republik (16. Oktbr. 1793) giebt dem Armen ein Recht, die Hilfe seiner Gemeinde in Anspruch zu nehmen, allein die Gemeinde ist nur verpflichtet zu helfen, wenn sie die Mittel dazu hat.
   Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,
   Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.
 Ich habe noch nicht Gelegenheit gehabt, zu sehen, daß man in Frankreich aus Häckerling Gold zu machen verstehe, aber mit dem Wenn weiß man gut umzuspringen [...] “

 

1865

Wigand, Georg H. Der Rechtsstaat. In: Oesterreichische Wochenschrift für Wissenschaft, Kunst und öffentliches Leben. Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 116] Wenn Bähr am Ende seiner ´geschichtlichen Rückblicke auf die Rechtsentwicklung in Deutschland überhaupt´ den Ausspruch fällt: ´Preußen nach seinen dermaligen Institutionen ist noch weit davon entfernt, Rechtsstaat zu sein,´ und sofort in der Note beifügt: ´Oesterreich freilich wohl noch viel weiter´; - so mag diese einfach und wie selbstverständlich hingeworfene Bemerkung, um mit Bürger zu sprechen, ´den durchlauchtigsten Stolz wohl bekehren´. “

 

1865

Anonym. Rez. Beethovens Lieder. In: Allgemeine Musikalische Zeitung, 11. Januar. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[Sp. 29] Andere Gedichte reizten diesen durch ihre Naturschilderungen oder durch resignirte, trübe Stimmungen, mit denen sein Lebensgang ihn besonders vertraut gemacht hatte. Das letzte Lied der Sammlung, das von dem Jammer, der in's verwundete Herz, in die verschlossene Brust geborgen wird, von der hartvertheilenden Liebe spricht, welche dem Einen die laute Jammerklage zum Trost, dem Andern nur den verstummenden Gram giebt, dürfte die persönlichste Physiognomie im Ganzen tragen. Die brutale Rhetorik Bürger's, mit der er ausruft:
   Hast du nicht Liebe zugemessen
   Dem Leben jeder Creatur?
   Warum bin ich allein vergessen,
   Auch meine Mutter du? Natur!
   Wo lebte wohl in Forst und Hürde
   Und wo in Luft und Meer
   Ein Thier, das nimmermehr
   Geliebet würde?
   Geliebt wird Alles ausser mir!
kann Beethoven's Aufmerksamkeit nur dadurch auf sich gezogen haben, dass er ähnliche Fragen, wenn auch sicher nicht in so geschmackloser Form, aufgeworfen hatte. Die beiden letzterwähnten Werke sind übrigens erst nach seinem Tode publicirt. “

 

1865

Maltzan, Heinrich Freiherr von. Dschedda. In: Meine Wallfahrt nach Mekka. Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 310] Zwar sah man sie nicht, aber man errieth an zwei mit Fett ausgepolsterten Vertiefungen unterhalb der Stirn und an etwas fettiger Feuchtigkeit, welche daraus hervor triefte, dass im Hintergrunde derselben zwei Augen und zwar Triefaugen, die der Orientale besonders schön findet, vorhanden sein mochten. Der Mittelkörper dieses orientalischen Apollo war von einer solchen Rundheit, dass man von ihm, wie von dem Abt von St. Gallen sagen konnte:
         ´Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm kaum .´ “

 

1865

Lomonossow und die Akademie der Wissenschaften. In: Baltische Monatsschrift. Riga. Digitalisiert von Google

“[S. 393] Als Lomonossow im Auslande studierte, feierte die schlesische Dichterschule ihre Triumphe. Rhetorisirender Schwulst, kalte Verständigkeit, das Streben der Kunst nach Brod zu gehen, zeichnet diese Poesie aus. In glattfließende Jamben gegossen, correct, bei jeder Gelegenheit wie Unkraut emporwuchernd, durchaus nicht volksthümlich, sondern aristokratisch — so ist die Weise dieser Schlesier, bei denen, wie Gervinus sagt, Poet und Gratulant, Bänkelsänger und Bettler gleichbedeutende Begriffe waren. Diese Gelegenbeilsdichter verhielten sich zu den wahren Dichtern wie die Tüncher zur Malerei, die Bierfidler zur Musik. In dieser Reihe von schweifwedelnden und besoldeten Hofdichtern ragt Christian Günther (1693—1723) hervor, der geistige Ahnherr Bürgers und des ´jungen Deutschlands´ ebenso ausgezeichnet durch naturwüchsige Begabung und Kraft, durch Formtalent und leidenschaftliche Tiefe, wie der Sänger der Lenore, aber auch eben so wüst und zügellos in seinem Privatleben wie dieser — so war Günther, welcher Lomonossow bei einer bedeutenden Gelegenheit zum Vorbilde diente. “

 

1865

Banck, C. Dresden, Freitag den 15. December. In: Niederrheinische Musik-Zeitung 30. December Köln. Digitalisiert von Google

“[S. 416] Herr Maximilian unterstützte die Soiree durch wirksame Declamationen, von denen wir nur Bürger's ´Leonore´ mit melodramatischer Begleitung von F. Liszt hörten. Das höchst Bedenkliche und innerlich sich Widerstrebende dieser Art der Behandlung haben wir schon öfter hervorgehoben. Die Tonmalerei des Pianoforte - von Herrn Hess übrigens ausserordentlich exact und mit sehr charakteristischem Klang Effect gespielt - erdrückt in den Kraftstellen die Worte und den Ausdruck des Declamators, der seinerseits zu dem Bestreben gedrängt wird, sich für solche Unbill am Pianoforte zu rächen.“

 

1865

Ambros, August Wilhelm. Karl Löwe, der Romantiker. In: Culturhistorische Bilder aus dem Musikleben der Gegenwart. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 100] Diese Großballaden machen Löwe gewissermaßen zum Nachfolger Zumsteegs, der in der geschickten Anordnung der Gruppen, selbst in Anwendung von Malerei und in noch Manchem einen ihm verwandten Zug besitzt, nur daß bei dem älteren Musiker Alles viel naiver, einfacher, ärmer, aber in seiner Bescheidenheit oft musikalischer ist als bei Löwe. Gleich wie Löwe trifft auch Zumsteeg den Ton des Gespenstigen, Unheimlichen sehr bezeichnend (seine ´Una´ ist in dieser Hinsicht ein Meisterstück, ebenso ist das Nahen des Leichenzuges, das Nachsausen des luftigen Gesindels in der ´Lenore´ mit höchst charakteristischen Farben gemalt), gleich wie bei Löwe reicht seine Kraft für Stärkstes nicht aus, wie denn z.B. die Ausbrüche der Verzweiflung seiner Lenore ziemlich zahm gehalten sind, und, wo sie sich zum Aeußersten steigern, durch eine sehr triviale, überdies ganz flach charakterlose Melodie bezeichnet werden.“

 

1865

Kuh, E. Neuere Lyrik. In: Oesterreichische Wochenschrift [...] Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 757] Aber dem Volkslied gleich in die Welt gucken, dessen abgebrochene Laute nachstammeln, dessen anscheinend linkische Geberden nachahmen wollen: das ist verkehrt, das kann niemals poetisch gute Früchte tragen. Die Gedichte Lemcke's bezeugen es wieder auf das schlagendste. Lemcke greift daher fort und fort zu den Aeußerlichkeiten des Volkstümlichen, was schon an Bürger, der doch den Volkston hatte, so herb getadelt wurde; er überbietet das ´Hop, Hop´ der ´Lenore´ mit ´Tanderadei´ und ´Ju ja ju´, so daß man sich häufig selbst nach der Etikette der dichterischen Sprache sehnt. Und überdies verwechselt Lemcke oft das Burschikose mit dem Volksthümlichen, wie denn diese Gedichte mehr an Commers- und Turnerlieder als an des ´Knaben Wunderhorn´ erinnern. [...]
Diese Manieren der Ursprünglichkeit nehmen sich nicht minder langweilig und pedantisch aus als die Menuettschritte der antiken Lyrik des 18. Jahrhunderts. Da ladet man sich lieber gleich bei ´Frau Schnips´ zu Gaste, weil es dort wenigstens lustiger hergeht. “

 

1865

Böttger, Adolf. Es herrscht ein düstrer Geist. In: Gesammelte Werke von Adolf Böttger, Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 173] Es herrscht ein düstrer Geist -

Es herrscht ein düstrer Geist im Lebensgange
Und läßt das Herz in Fiebergluten zittern,
Der Liebe süßen Balsam zu verbittern
Dient ihm der Lockung täuschend glatte Schlange.

Solch gift'ge Schwüle, schwer und ahnungsbange,
Die niederdrückt vor drohenden Gewittern,
Empfand das arme Herz ihm zu zersplittern,
Einst Bürger, jener Meister im Gesange.

Schon stand bei ihm Braut, den Kranz im Haare,
Weh! als des Unheils Schlange kam gekrochen;
Die schönre Schwester sieht er am Altare.

Ein Blick - er fühlt des Herzens heißes Pochen,
Nur Molly ist die Braut, die einzig wahre -
Drei Leben waren hoffnungslos gebrochen. “

 

1865

Marbach, Hans. Zur Charakteristik der heutigen Pariser Theater. In: Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 273] Ein gelehrter Franzose sagte mir allen Ernstes: ´Wenn Sie sich amüsiren wollen, so müssen Sie einige Stunden täglich arbeiten´. Also die Arbeit ist nur Mittel zum Zweck, eine Art gesunder Bewegung vor dem Diner, um den Appetit zu reizen. So fremdartig eine solche Anschauungsweise auch manchen gewissenhaften Menschen unseres arbeitsamen Jahrhunderts sein mag, so darf man doch nicht verkennen, daß sie ihre Berechtigung hat. Denn abgesehen von ganzen philosophischen Systemen, die ihr eine solide Grundlage untergelegt haben (und die sich allerdings dadurch verdächtig machen, daß sie in Frankreich entstanden sind), liegt auch in der Natur jedes Sterblichen ein gewisses Prinzip, das ihm ermuthigend zuflüstert: ´Freu' dich des Lebens, weil noch das Lämpchen glüht´.
   Wir brauchen uns weiter darüber nicht den Kopf zu zerbrechen, ob diese Stimme aus der Tiefe mehr dem Ritter zur Linken oder dem zur Rechten in Bürgers Ballade [der wilde Jäger] zu vergleichen ist. Unstreitig reitet sie neben Jedem her und singt am lautesten in den Straßen des fröhlichen Paris.”

 
 

1865

Ulmayer, F. Der Raritäten-Sammler. In: Der Wiener Juxbruder, III. und IV. Heft, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 39] Nr. 2.
Hier in diesem irdischen Geschirr, welches so wie der Mensch aus Lehm gemacht wurde, befindet sich eine ganz gewöhnliche rothe Farbe; dieses Engelroth ist enorm theuer, denn es ist das berühmte Morgenroth von Goethe und jedem bekannt, denn die Lenore fuhr um dieses Morgenroth drei Meilen hinter Czaslau auf einem Budweiser Stellwagen, weil es damals noch keine französische Eisenbahn-Gesellschaft gab.”

 

1865

Baudissin, Adelbert von. Apenrade. In: Schleswig-Holstein Meerumschlungen: Kriegs- und Friedensbilder aus dem Jahre 1864, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 131] Ein halb vollendetes Schiff ragte über die niedrigen Häuser empor, und die Reiter salutirten lächelnd mit dem Säbel, während sie unter dem Kiel des Schiffes durchzogen, das hoffentlich bald unter deutscher Flagge in See stechen wird.
   Schade, daß Bürger mir zuvorgekommen ist, sonst würde ich, glaube ich, - auch den Reim zusammengebracht haben:
     ´Der König und die Kaiserin,
      Des langen Haders müde,
      Erweichten ihren harten Sinn.
      Und schlossen endlich Friede.
      Und überall, allüberall
      Auf Wegen und auf Stegen
      Kam Jung und Alt mit Sing und Schall
      Den Kommenden entgegen!´
Es ist ein unendlicher Jubel in Hadersleben über die Lostrennung von Dänemark, und wenn man die Geschichte dieser Stadt kennt, findet man es wohl begreiflich, daß sie sich nach Frieden und engem Anschlusse an Deutschland sehnt.”


 

1865

Winkler, W. Amerikanische Sommervergnügungen. In: Der Sammler, 5. September. Digitalisiert von Google

“[S. 410] Heinrich machte ein Gesicht wie ein Ehebrecher; was konnte, was würde Annemarei, sein Ideal, dazu sagen, wenn sie erfuhr - - aber da half kein Buckelmachen, der ´Bien muß!´ Und dahinwalzte das Opferthier der menschlichen Gesellschaft, blaß, schwitzend wie die bekannte, ums Morgenroth gefahrene Lenore, als sie ins Grab walzte.”
 

1865

Anonym. Fragen, Anregungen, Antworten. In: Schlesische Provinzialblätter, Neue Folge. Vierter Jahrgang. August, Breslau. Digitalisiert von Google 

“[S. 502] 
1. Als einstmals Herr Merkurius. In Bezug auf die Bd. II. S. 611 ausgesprochene Frage: ob das Lied: ´Als einstmals Herr Merkurius im Himmel rapportirte etc´ irgendwo noch vorhanden, sei bemerkt, daß es sich vollständig gedruckt befindet S. 7 Sammlung III. des Preußenbuch es von Ferd. Kohlheim, Gymn.-Lehrer. - Berlin 1855 im Verlage des Herausgebers, Universit.-Str Nr. 2. Es hat dort die Ueberschrift: Friedrichs Ankunft im Olymp. (Gedicht aus dem J. 1786.) Melodie: Lenore fuhr ums Morgenroth etc    Jacob, Cantor in Conradsdorf.”

 

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
1846-1850    1851-1855    1856-1858    1859-1861
 
  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950



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08022017-110