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Bürger-Rezeption
 

Bürger-Rezeption Volltexte 1871-1899

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1871

Stiefel, Julius. Bürger. In: Die Deutsche Lyrik des achtzehnten Jahrhunderts.

“[S. 112] Ebenfalls humoristischen Tons und durch ähnliche Variation des Thema verwandt sind die zwei Balladen: ´Die Weiber von Weinsberg´ und ´Der Raubgraf´. In beiden tritt der eigentliche Haß zwischen den Ständen, dort Kaiser und Bürger, hier Raubritter und Bürger, hervor, doch wird er in jener durch die Verbindung und den Einfluß der Liebesstoffsphäre gemildert und verwandelt und zugleich in der Concurrenz der ehelichen Frauentreue und der ritterlich-kaiserlichen Worttreue der intellectuellen Ueberlistung noch ein edles ethisches Motiv beigegeben; in dieser treten der Haß und die intellectuelle Ueberlistung in unedler Wendung auf; so repräsentirt auch die erstere den niederen Bürger´schen Stil nur nach Seiten seiner platten Geschwätzigkeit, die zweite nicht minder auch in seinen Ausläufen pöbelhafter Trivialität. Diese verliert sich vollends in bänkelsängerisch-cynische Gemeinheit in den Gedichten: ´Frau Schnips´ und ´Neue weltliche hochdeutsche Reime´. Das Thema des ersteren wäre an sich trefflich zu einer humoristischen Ballade geeignet; es stellt den Grundgedanken der episch-lyrischen Dichtung Bürger´s in der interessanten Wendung gegen das religiöse Privilegium dar: die Heiligen und die Sünder haben sich gleicherweise nur der Gnade zu erfreuen. Ja eine unverkennbare Anlage zu einer tiefsten Fassung dieses Thema liegt sogar in dem zweiten Gedicht; die Sage von Jupiter´s Liebe zu der Europa trägt doch wohl einen Keim von der Idee der Gott- und Menschenverwandtschaft in sich, der freilich in dem Bürger´schen Gedicht scheußlich profanirt wird. - Den Versuch einer religiösen Ballade in schlichtem aber gehaltenem Stil bezeichnet ´Sanct Stephan´. In den Gedichten ´Das Lied vom braven Mann´ und ´Die Kuh´ wird das Grundproblem auch formell gefaßt als Aufgabe: Begebenheiten des alltäglichen Lebens mit historischer Treue poetisch zu gestalten und bescheiden verborgenem Verdienst die Verherrlichung der Poesie zu zollen, und die Lösung gelingt besonders im ersten durch die Mittel psychologischer Vertiefung, lebendiger Situationsdarstellung und idealisirender Charaktererhöhung. Beide Balladen repräsentiren in ihrer edlen Einfachheit den höheren Stil, nur leider mit der Störung reflectirender Breite. Den Concurrenzpunkt bildet hochherzige Nächstenliebe, in welcher in der ersteren der niedere Stand den Preis davonträgt, in der zweiten, wo der Unterschied von Reich und Arm auftritt, der Besitzende sich auszeichnet. - Von den Liebesballaden erreicht keine mehr die Höhe des reinen Stiles, wenn auch einige durch Energie der Leidenschaft und scharfe Charakterzeichnung bedeutend sind. Die Macht der Liebe, welche die conventionellen Schranken bricht, aber an dem Widerstand und der Intrige der Etiquette und der Eifersucht scheitert, bildet den Inhalt von ´Lenardo und Blandine´. Die Gluth, Heimlichkeit und Süßigkeit der Liebe, die Kälte und Falschheit des Verrathes, das Leid des Verlustes bis zu seiner Verwandlung in den Wahnsinn sind lebenswahr und ergreifend hingestellt; aber es geht ein unerquicklicher Doppelzug durch das Ganze, der unvermittelte Gegensatz einer höheren und niederen Auffassung der Liebe, der Sinnlichkeit und Zartheit, der Frivolität und Rührung. Die lyrischen Einschiebungen sind lang, doch nicht unlebendig. Es liegt etwas Farbiges, Schimmerndes über diesem Gedicht, das in einem schönen Vers hinfließt, aber in einem schleppenden Gang der Handlung und Composition schwerfällig sich entwickelt; Liebesstoffsphäre der schönen Pagen und Prinzessinnen. Das Seitenstück dazu: ´Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´ ist nicht minder durch frivole Sinnlichkeit, die in dem Geliebten stark repräsentirt ist, gestört. Hier veranlaßt die Schuld des Junkers den Ausgang, der von ergreifender Tragik ist. Verbindung der Liebes- und Gespensterstoffsphäre. Die übrigen Liebesballaden sind sämmlich stilgewandte Umbildungen englischer Balladen. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK 

 

1871

Ebeling, Friedrich W.. Gottfried August Bürger und Elise Hahn.

“[S. 123] Nie haben zwei Menschen den verantwortlichsten und schwersten aller gemeinsamen, in den Folgen nicht sowol von Uebereinstimmung der Charaktere als von der Möglichkeit harmonischer Vereinbarung der Gegenstände in denselben abhängigen Schritte in unbesonnerer, verblendeterer Eilfertigkeit gethan als unser Dichter und die Schwäbin. Ihn allein aber, den gereiften und geschulten Mann, müssen alle Vorwürfe treffen, die man deshalb erhoben hat oder erheben kann, keiner darf gegen das junge, kaum ins Leben getretene, unerfahrene, noch durch keinen einzigen Schicksalsschlag zu nüchterner Erwägung und Herabstimmung der Scala seiner enthusiastischen Seele gedrängten Mädchens gerichtet werden. [...] Und tausend andere Männer unter seiner Bildung und sogar leer an mahnenden Erlebnissen würden mehr Gewissen, ja selbst mehr Menschlichkeit besessen haben, als das sie einem jungen, lebenslustigen Mädchen strenge Durchführung der Mutterpflichten für drei fremde Kinder hätten zumuthen sollen, zumal unter so erschwerend bestellten ökonomischen Verhältnissen.

[S. 134] Als sie zur Aufbesserung und Bestreitung der wirthschaftlichen Bedürfnisse die Absicht aussprach, Tischgänger zu nehmen, drängten sich so viele Studirende und junge wohlhabende Leute, die sich Studirens halber in Göttingen aufhielten, herbei, daß sie nicht wenige Anbieter aus localen Gründen zurückzuweisen genöthigt war. Kein Wunder, daß man ihr den Hof auf alle Art und Weise machte, daß man sie in Liebesnetze zu verstricken suchte – und verstrickt ward. Es wäre unmenschlich, gegen ein so junges, getäuschtes und liebebedürftiges Weib deshalb den Stein der Verdammung zu schleudern; denn nicht einmal ihrem Selbstgefühl und ihrem Ehrgeize vermochte Bürger zu genügen.“

Ebelings G.A. Bürger und Elise Hahn in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1871

Block, Moritz. Volkswirthschaftliche Briefe aus Paris. In: Vierteljahrschrift für Volkswirthschaft und Kulturgeschichte. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 316] Der Gewinn betrug 441,000 Fr.; davon 63,000 Fr. (5% der 1,260,000 Fr.) für die Vorsorgekasse, bleibt 378,000 Fr. d. h. 30% Zulage, also 300 Fr. für jeden Arbeiter. Wer das Wenn und das Aber erdacht, der hat nach Belieben - aus Häckerling Gold, oder aus Gold Häckerling gemacht. Sie sehen, ich erlaube mir eine freie Bearbeitung des klassischen Sprüchworts und zwar ohne Rücksicht auf Versmaass. Die Zahlen sind so geduldig und fügsam! Wollen Sie den Arbeitern 60% geben? Das ist sehr leicht, Sie haben bloss den Gewinn um so viel höher zu schätzen.“

 

1871

Laas, Ernst. Herder´s Einwirkung auf die deutsche Lyrik von 1770-1775. In: Die Grenzboten. Leipzig. Digitalisiert von Google

[S. 583] Bürger fiel später hier und da wieder in den alten burlesken Ton zurück; man kennt die Weiber von Weinsberg, Frau Schnips, Gedichte voll obscöner und roher Ausdrücke.
      Auch in der echten, reinen Ballade konnte er sich nicht immer frei halten von Unflath; der Zug seines Gemüths, der ihn überhaupt befähigte, sicher und fest den von Herder geforderten populären Ton zu treffen (und nicht, wie Gleim, bloß zu affectiren), artete bei ihm gern, es war die Folge einer gewissen Unbändigkeit und Wüstheit der Natur, in's Plebejische aus.
       Es ist bekannt, wie an dieser Stelle ihn später tief einschneidend und verwundend Schillers Kritik in der Jenaer Literatur-Zeitung 1791 traf. Der Kritiker, welcher seinerseits durch rastlose Arbeit an sich selbst von rohen und ungebärdigen Anfängen zu reiner Kunstidealität sich geläutert hatte, machte für die Cruditäten des Dichters den Menschen Bürger verantwortlich. ´Der Geist dieser Gedichte ist kein gereifter, kein vollendeter Geist, dessen Producten nur deßwegen die letzte Hand fehlt, weil sie - ihm selbst fehlt´.
        Diese Seite an Bürger stellt den gefährlichen Abweg dar, zu dem Herders Theorien verleiten konnten, den Abweg zur rohen Natur, zur plebejischen Volksthümlichkeit. Es wäre ein Unglück gewesen, wenn Deutschlands Entwickelung auf dieser Bahn weiter gegangen; ein gütiges Geschick hat uns davor bewahrt.
         Zu Anfang freilich riß Bürgers Romanzendichtung auch die Gebildeten der Nation, denen in der Cultur des Geistes ursprüngliches Gefühl noch nicht erstickt war, mit in ihren Triumphzug. Man jubelte der Befreiung der lange unterdrückten Natur- und Gotteskraft in unserem Busen mit lautem Beifall zu. Aber das konnte allmählich nicht unempfunden bleiben, daß das Ideal mit dieser Art von Poesie nicht erreicht sei; man harrte noch des Dichters, in dem Freiheit und Gesetz, Leben und Form zu schöner Harmonie sich einigen sollten. Natur und Individualität mußten in ihm unverkümmert und ungebrochen sein; aber dieser Natur mußte als eine ursprüngliche Gabe zugleich inne wohnen festes Gefühl für Maß, Rundung und Grenze. Dann hatte Herder erreicht, was er als das Höchste dunkel ahnte.
         Bürger selbst wendete sich mit den Jahren von dem alles mit sich fortreißenden, stürmischen, idiotistischen Ton seiner Gedichte wieder ab und bildete immer mehr einen Hang zu Ramler´scher Correctheit aus. Dies war nun erst recht verfehlt. Und sein begeisterter Schüler A. W. v. Schlegel war befugt, sich fast überall ´der alten Lesarten´ gegen die pedantischen Correcturen anzunehmen.
        Und noch ein Mangel haftete an Bürger. Seine Sachen kosteten ihm noch viel zu viel Schweiß, Arbeit und Mühe. Es ging ihm ähnlich wie Lessing. Er gesteht es selbst, fast mit Lessings bekannten Worten aus dem Schlußaufsatz der Hamburger Dramaturgie, daß er die lebendige Quelle nicht in sich fühle, die unaufhaltsam von selbst strömt; er ´muß jeden armseligen Tropfen erst mit großer Anstrengung heraufpumpen.´
         Alle Gerechtigkeit erfüllte erst Goethe. Er war wirklich Herders Volkssänger im gebildeten Jahrhundert. “

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1871

Fischer, Kuno. Der Mutterwitz. In: Ueber die Entstehung und die Entwicklungsformen des Witzes. Heidelberg. Digitalisiert von Google

“[S. 67] Und um gleich den Mutterwitz mit seinem Gegentheil zu confrontiren, so wird dieses letztere am ergötzlichsten und lächerlichsten da erscheinen, wo zwar die künstliche Bildung mit ihrem ganzen Pomp, mit Rang, Würde und Gelehrsamkeit sich vorfindet, aber auch nicht ein Fünkchen Mutterwitz hat, zum deutlichen Beweis, daß alle künstliche Bildung nicht im Stande ist, ein solches Fünkchen zu erzeugen. Das ist die schnurrige Geschichte, die sich in der Welt so oft erlebt:
         Auch war einmal ein Abbt, ein gar stattlicher Herr,
         Nur schade, sein Schäfer war klüger als er!

[S. 74] Wenn ich vom Mutterwitz rede, so fällt mir immer wieder jenes ´schnurrige Mährchen´ ein, welches Bürger so hübsch erzäblt hat, von den drei verfänglichen Fragen, womit der kurrige Kaiser den guten Abbt von St. Gallen in eine so schlimme Verlegenheit gebracht hat:
     Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Universitäten,
     Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Facultäten,
     Er zahlte Gebühren und Sporteln vollauf,
     Doch löste kein Doctor die Fragen ihm auf.
Niemand hilft ihm als Hans Bendix der Schäfer, der augenblicklich Rath weiß:
     Versteh ich gleich nichts von lateinischen Brocken,
     So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken,
     Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,
     Das hab´ ich von meiner Frau Mutter geerbt.
Und Hans Bendix wußte nicht bloß die kurrigen Fragen so treffend zu beantworten, daß der Kaiser ganz verdutzt und erstaunt war, er war noch weit klüger, er hatte mehr Witz nicht bloß als der Abbt, sondern auch als der Kaiser, der ihn wegen seines Mutterwitzes gleich mit Ring und Stab belehnen und zum Abbt machen wollte, er war so gescheidt, daß er lieber Schäfer sein wollte als Abbt. “

 

1871

Lindner, Ernst Otto Timotheus. Frische, echt volksthümliche Richtung. In: Geschichte des deutschen Liedes im XVIII. Jahrhundert. Leipzig. Digitalisiert von Google

“ [S. 120] Weit einflussreicher [als Miller] wirkte Bürger auf die Componisten; seine Lyrik hatte sich fast ganz von jedem nur überkommenen Apparate frei gemacht, es wehte ein ungewohnter fortreissender Zug namentlich in seinen Balladen, und der mitunter grobsinnliche Naturalismus, insbesondere seine Auffassung der Geschlechtsliebe, die ziemlich ungenirt auf den Beischlaf als das punctum saliens hinauslief, trat nicht nur mit der gemachten, grossentheils kaum halbwahren, bald lüsternen, bald verhimmelnden Liebesingerei, die noch vielfach sich geltend machte, in einen wohlgefälligen Gegensatz, sondern sie traf auch für sehr Viele, und darunter wohl auch für mehr als einen Musiker so recht ins Schwarze. Wer sich aber an die Composition dieser Gedichte machte, der musste entweder einen verwandten Zug zum Ungeschminkt-Natürlichen und eine kräftige ihnen entsprechende Einbildungskraft haben, - oder seine Leistungen konnten nicht einmal jenen mittelmässigen Grad von entsprechendem und ansprechenden Ausdruck erhalten, der bezüglich der Weisse´schen, Miller´schen u. a. Gedichte wenigstens für einen Theil der Zeitgenossen Befriedigendes gab.

[S. 134] Neefe trifft im Ganzen den sogenannten volkstümlichen Ton, namentlich bei Bürger. Doch steht er dabei so ziemlich inmitten zwischen André und Schulz. Es wäre daher fast überflüssig, seiner hier nochmals zu gedenken, fände sich nicht in demselben Werke eine grössere eigenthümliche Composition. Es ist dies das durchcomponirte Bürger´sche Gedicht: ´Vom Spatz, der sich auf dem Saal gefangen hatte´ (´Bons dies, Herr Spatz!´) Die humoristische Anrede an den perplexen Sperling, ist ganz mit der ihr zukommenden lustigen Heiterkeit behandelt, und trotz des öfteren Tact- und Tempowechsels, trotz des ins Einzelne gehenden musikalischen Ausdruckes, doch in einer einheitlichen Stimmung durchgeführt, welche, in einem komisch-pathetischen Allabreve ´Hu, hu, Despotenhudeley´ austönend, das Ganze im Rahmen eines lyrischen Gedichtes, nicht aber einer im Opernstil abgefassten dramatischen Scene erscheinen lässt.
    Diese Composition ist daher nicht nur deswegen besonders bemerkenswerth, weil dieselbe Neefe's anspruchsloses Talent von einer neuen, für damals überhaupt neuen Seite zeigt, sondern auch weil sie, in ihrer dem Texte vollkommen entsprechenden Gestaltung, den Beweis dafür giebt, wie gerade der in jener Periode populärste Dichter, nicht nur auf die einfache Liedform einen sehr erheblichen Einfluss hatte, sondern auch neue erweiterte Kunstformen hervorrief.
    Am Klarsten tritt dies hervor in einigen seiner Balladen. “

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1871

Lemcke, Carl. In: Geschichte der deutschen Dichtung, Erster Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“Friedrich von Spee.
[S. 227] Am bekanntesten ist Spee's Gedicht über Franz Xavier: ´Als in Jappon weit entlegen dachte dieser Gottesmann´. Es ist ein Fluss, eine Gefügigkeit in diesen balladenartigen Gedichten des von Trier bis Hildesheim hin in seinem kirchlichen Beruf thätigen Dichters, der unwillkürlich an Bürger erinnert. Nur bei Heermann fanden wir Aehnliches.

[Johann] Rift. 
[S. 270] In der ´Florabella´ z. B. von 1651 (1644) ist schon der Opernton getroffen, der bald in Hamburg so beliebt werden sollte. Italienische, spanische und französische Lieder dienten ihm dabei zum Muster. Aus Unklarheiten kommt es ihm freilich auch nicht an und dass Geschmacklosigkeiten unterlaufen, versteht sich bei dem damaligen deutschen Poeten von selbst. Aber oft kann seine Geläufigkeit in Vers und Reim an Bürger erinnern.**)

**) Kein grösser Narr ist weit und breit
   In dieser Welt zu finden,
   Als der durch Weiber Freundlichkeit
   Sich gar lässt überwinden,
   So dass er blossen Worten traut
   Und nicht auf ihre Falschheit schaut,
   Der wird nach wenig Tagen
   Sein Elend sehr beklagen.
Ganz hübsch ist Manches in seinem: Hin ist der Tag:
   Du heller Mond zieh mich hinauf
   Und lass mich dir zur Seiten schweben. “

 

1871

Kluge, Hermann. Bürger. In: Geschichte der deutschen National-Literatur. Altenburg. Digitalisiert von Google

“[S. 86] Gottfried August Burger wurde 1748 zu Molmerschwende im Halberstädtischen (bei Harzgerode) geboren. In Göttingen, wohin er sich von Halle aus begab, um seine Studien zu vollenden, nahm sich Boie, der sein ausgezeichnetes Dichtertalent erkannte, seiner an. Freilich war dieses poetische Talent mit sinnlicher Leidenschaft unglücklich gemischt, und von dem wüsten Leben, das er seit seinem Aufenthalte in Halle und in Göttingen führte, konnte er sich nicht mehr beharrlich frei machen. Durch Boie's Einfluß erhielt er die Stelle eines Justizamtmanns in Altengleichen, allein er gab sie wieder auf und wurde Docent und später Professor an der Universität Göttingen. Nach einem Leben, reich an Verirrungen (die erste und dritte unbesonnener Weise eingegangene Ehe war eine höchst unglückliche), Sorgen und Leiden starb er 1794 in Reue über die eigne Schuld an seinem Lebensunglück und nach Schillers strenger Recension seiner Gedichte auch an seinem Dichterberufe verzweifelnd. Mit Recht konnte er von sich sagen: ´Meiner Palmen Keime starben eines bessern Lenzes werth.´ Von ihm gilt dasselbe, was Goethe von Günther urtheilte: ´Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben wie sein Dichten.´ Durch Percy's Sammlung altenglischer Balladen wurde Bürger auf dasjenige Gebiet der Poesie geführt, auf dem er das Vorzüglichste geleistet. Er hat die Ballade in unsre Literatur eingeführt und sie mit wahrhaft dramatischer Lebendigkeit zu behandeln verstanden. Sein Meisterwerk in dieser Gattung, das vor Allem Bürgers Dichterruhm begründete, ist die 1774 im Göttinger Musenalmanach erschienene Lenore. Zu dieser Ballade bot dem Dichter ein englisches Vorbild den Stoff, aber er hat denselben mit deutschem Geiste und deutschen Verhältnissen innig verschmolzen. Er wählte den siebenjährigen Krieg, der noch in frischer Erinnerung war, zum Hintergrunde und führte einen in der Schlacht gefallnen Helden als Geist vor, der das seiner Braut gegebene Wort löst. Im ersten Theile, der die Seelenstimmung der Lenore in dialogischer Form vorführt, wird der leidenschaftlichste Schmerz in der ergreifendsten Weise geschildert. In der zweiten Hälfte, die den nächtlichen Geisterritt zum Gegenstande hat, jagen eine Reihe grausenhafter Bilder an unserm Geiste vorüber. Das Knappe, keck von einer Situation zur andern Springende entspricht ganz dem Wesen eines Volksliedes, das keine breiten Motivirungen und Ausmalungen liebt. Unter den andern Balladen und Romanzen zeichnen sich durch dramatische Lebendigkeit und Volksthümlichkeit aus ´das Lied vom braven Mann´, ´der wilde Jäger´, ´der Kaiser und der Abt´, während eine Anzahl an das Gemeine streifen und die Würde der Poesie verletzen. Neben den Balladen sind es namentlich seine dem Tone der Volkspoesie sich nähernden Lieder (z. B. das Trinklied: ´Herr Bacchus ist ein braver Mann´, das Dörfchen: ´Ich lobe mir mein Dörfchen hier´), die ihm eine außerordentliche Popularität verschafften. Seine Sonette endlich gehören mit zu dem Besten, was wir in dieser Form haben (eins der ausgezeichnetsten ist überschrieben: ´an das Herz´). Selbst Schiller, der Bürgers Gedichte so hart beurtheilte und eine höhre Richtung in ihnen vermißte, nennt die Sonette ´Muster in ihrer Art, die sich auf den Lippen des Deklamators in Gesang verwandeln.´ “

 

1871

Schwarz, C. W. G. Eduard. Siebente Periode seit 1748.  In: Geschichte der deutschen Literatur. Amsterdam. Digitalisiert von Google

“[S. 79] Gottfried August Bürger, geb. 1748 zu Wolmerswende im Halberstädtischen; von seinem Grossvater zum Studium der Theologie gezwungen, ging er später zu dem der Jurisprudenz und der schönen Wissenschaften über; 1772 durch Boie's Fürsprache Amtmann in Altengleichen bei Göttingen, gest. 1794 als ausserordentlicher Professor zu Göttingen. Durch einen Schurken seines Vermögens verlustig und pecuniärer Lebenssorge ausgesetzt, durch sein Verhältniss zu Molli, der Schwester seiner Frau, die er in Selbsttäuschung befangen geheirathet, in zahllose kleine Verdriesslichkeiten verwickelt, die seine poetische Kraft lähmten, bietet sein Leben nur die Schattenseite eines deutschen Dichterlebens dar. Trotz dieser Hemmnisse, die sich seiner vollen Hingabe an die Interessen der Kunst entgegenwarfen, erscheint er durch Originalität, Innigkeit und Tiefe des Gemüthes wie durch die malerische Kraft des Ausdrucks als der einzige Genius, der aus dem Göttinger Dichterkreise hervorging, mit dem er übrigens, angewidert durch das verlogene Bardenthum und die äussere Nachahmung der Antike, die keiner besser verstanden und verwerthet als Bürger, nur in entfernter Beziehung stand. Trotz Schiller's schwerer Versündigung an dem grossen Manne, den er dem aristokratischen Feinschmecker und Wasserdichter Matthisson nachsetzte, ist Bürger als der eigentliche Sprachbildner der Lyrik anerkannt und steht in der Ballade und im Sonett noch heute unübertroffen da. (´Leonore´, ´Lied vom braven Mann´). Dass Schiller mit Bewusstsein die inkorrekte Stellung gegen Bürger einnahm, geht aus seiner Replik hervor, in der er, als er sich durch Bürgers schlagende Erwiderung in die Enge getrieben sah, Idealisirung bei der Schilderung der Empfindungen betonte und sich zu der Behauptung verstieg, ´die gefühlvollen Lieder eines Denis, Göckingk, Hölty, Kleist, Klopstock, von Salis, seien solche ideale Kunstschöpfungen´, was drei scharfe Entgegnungen Bürger´s ´der Vogel Urselbst´, ´über eine Dichterregel des Horaz´ und ´Unterschied´ hervorrief. Anknüpfend an das Horazische (Art. poet. 99, 100):
         Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto
         Et, quocunque volent, animum auditoris agunto.
sagt Bürger in dem zweiten jener Gedichte treffend:
     ´Dieses Geheimniss der Kunst verrieth ein unsterblicher Meister,
     Jedem gelang auch das Lied, der das Geheimniss ergriff.
     Aber seit gestem verstehen die Krämer scholastischer Schönheit
     Jene besiegende Kunst besser als Stümper Horaz.
     Lecke, so will man, die Form nur schönlich; ihr wäss´riger Inhalt
     Mache nicht wohl und nicht weh, schmecke nicht sauer noch süss!´-
Den Ton echter Volkspoesie anzuschlagen gelang Bürger um so leichter, als er vorzugzweise solche Stoffe wählte, in denen sich der Volksgeist, der in seiner Gesammtheit immer poetisch ist, heimisch fühlt (´Lenore,´ ´der wilde Jäger´). Auch bekundet er einen entschiedenen Fortschritt der Poesie im Didaktischen, da bei ihm die trockne, belehrende Tendenz ganz zurücktritt und dem prosaischsten Gedanken durch nahe liegende bildliche Darstellung zum poetischen Leben verholfen wird, wie im ´Blümchen Wunderhold.´ “

 

1871

Friedlaender, Ludwig. Die Philosophie als Erzieherung zur Sittlichkeit. In: Darstellungen aus der Sittengeschichte
Roms [...]. Dritter Theil. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 544] Gegenüber den so überaus zahlreichen Zeugnissen für den Glauben an eine auf dem Willen der Götter beruhende und durch ihn aufrecht erhaltene sittliche Weltordnung, die in der griechischen und römischen Litteratnr überall verstrent sind, beruft man sich auf einige wenige frivole Scherze in Lustspielen und Liebesgedichten, wo Verliebte für ihre Listen und Verirrungen, selbst für Schändlichkeiten das Beispiel Jupiters und andrer Götter zur Entschuldigung anführen, ja sogar auf den Monolog der Byblis in Ovids Metamorphosen, die ihre unnatürliche Leidenschaft für ihren Bruder durch die Geschwisterehe der Götter vor sich selbst zu rechtfertigen sucht! Mit demselben oder noch besserm Grunde könnte man die öfter aufgestellte Behauptung, die schon die christlichen Apologeten des Alterthums in Verlegenheit setzte, daß die Vergehungen der Erzväter und andrer gottgefälliger Männer des alten Testaments als demoralisirende Beispiele gewirkt haben, durch ähnliche scherzhafte oder freche Aeußerungen in der neuern Litteratur zu stützen suchen, in denen sich ´der Teufel auf die Schrift beruft:´ hier sei nur an ein sehr gemeines Gedicht Bürgers (Frau Schnips) erinnert.“

 

1871

Mosen, Julius. Ismael. In: Bilder im Moose, Sämmtliche Werke. Siebenter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 351] Wie ein Besessener, jagte er sich um das Dorf herum oder an der Meeresküste, stürzte aich in die brandenden Wogen, wie eine Möve, oder kletterte auf die höchsten Bäume zu den Horsten der Falken, welchen er in seinem Wesen fast ähnlich war. Gegen Abend kam er gewöhnlich scheu und wild zur Hofthüre wieder hereingeschlichen und kroch zuweilen aus Furcht vor Strafe zu dem Hund in die Hütte und übernachtete mit ihm. So wuchs er heran. Als er jedoch älter wurde, stand er mir oft wochenlang im Schulhalten bei und begleitete mich dann Abends mit seiner Geige, welche er fast von selbst gelernt hatte, zu meinem Spiele auf dem Clavier. Er las mir wohl auch vor aus dem in das Deutsche übersetzten Diodor aus Sicilien, welchen ich von meinem Vorgänger in diesem Pfarramte geerbt, oder aus Bürger's Gedichten, welche ich von Göttingen mitgebracht habe.“

 

1871

Henne-Am Rhyn, Otto. Der Göttinger Dichterbund. In: Kulturgeschichte der neuern Zeit. Zweiter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 586] Der bedeutendste Dichter des Göttinger Vereines ist Gottfried August Bürger, geboren als Pfarrerssohn zu Molmerswende am Harz in der Neujahrsnaht von 1748. Er studirte in Halle und Göttingen und wurde statt Theolog, wie er nach dem Willen seiner Verwandten sollte, 1772 Justizamtmann zu Altengleichen. Eine unbedacht eingegangene Ehe trug er, während er die jüngere Schwester seiner Frau, von ihm ´Molly´ genannt, leidenschaftlich liebte, zehn Jahre lang. Als aber der Tod die Liebenden frei gemacht, wurden auch sie wieder, nach kaum zwei Jahren, durch Molly's Hinschied getrennt. Er war inzwischen nach Göttingen gezogen, wo er als Professor ohne Gehalt lebte und sich 1790 durch den Heirathsantrag eines Mädchens zu der unglücklichsten seiner drei Ehen verleiten ließ, die geschieden werden mußte. Durch lebenslange bittere Sorgen erschöpft starb er schon 1794. Bürger hat das Verdienst, der erste neuere deutsche Dichter zu sein, welcher die lyrische und die kürzere epische Poesie zum Ausdrucke wirklichen wahren poetischen Gefühls erhob. Namentlich sind seine Balladen, zu welchen ihn zuerst Percy's englische Sammlung begeisterte, unvergängliches Gemeingut des deutschen Volkes geworden. Welches Leben, welche Glut, welche fließende, natürliche Sprache, neben allerdings noch gärender Unruhe, noch nicht klar und gesund gewordener Formschönheit, in der Lenore, im Lied vom braven Mann, im wilden Jäger, im Kaiser und Abt, in der ´Kuh´ u. s. w. Weniger bedeutend für die Nachwelt, aber weit vollendeter und immerhin tief und innig, sind seine lyrischen Gedichte, besonders jene an Molly. Bürger ist es auch, der die stets populär bleibenden, durch übertriebenste Lügenhaftigkeit witzigen Abenteuer des Barons Münchhausen nach dem Englischen neu bearbeitete und erweiterte “

 

1871

Anonym. Bürger, Gottfried August. In: Meyers Hand-Lexikon. Erste Hälfte. Hildburghausen. Digitalisiert von Google

“[S. 363] Bürger, Gottfr. Aug., Dichter, geb. 1. Jan. 1748 zu Molmerswende bei Harzgerode, Sohn eines Predigers, seit dem 11. Jahre von seinem Grossvater, dem Hofesherrn Bauer in Aschersleben, erzogen, studirte auf des letztern Wunsch in Halle Theologie, wandte sich dann dem Studium der Rechte und den schönen Wissenschaften zu, seit 1768 in Güttingen, wo er später mit den Dichtern des göttinger Bundes bekannt wurde. Hier, wie schon in Halle, führte er ein wüstes Leben, von dem er sich nicht mehr dauernd frei machen konnte; ward 1772 durch Boies Einfluss Justizamtmann in Altengleichen, schloss 1774 eine unglückliche Ehe, da er eigentlich die Schwester seiner Frau (Molly) liebte, gab 1789 seine Stelle auf, lebte als Docent an der Universität zu Göttingen, ward 1789 Prof. das., aber ohne Gehalt; fristete sein Leben in Noth und Elend, das durch Schillers Kritik seiner Gedichte (1791) wesentlich gesteigert ward; gest. 8. Juni 1794. Bedeutend durch die volksthümliche Richtung seiner Poesie, namentlich in seinen Balladen (zuerst ´Leuore´ 1774, angeregt von Percys Sammlung altengl. Balladen) und Liedern; die Sonette (die ersten deutschen seit Gottsched) erhielten selbst Schillers Lob. [...] Die ihm zugeschriebenen ´Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen` (1787) sind nicht von ihm.“

 

1871

Fahle. Über die deutsche Ballade. In: Neue Jahrbücher für Philologie und Paedagogik. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 420] Schiller hat Bürger bekanntlich sehr ungünstig recensiert, er hat ihm namentlich vorgeworfen, dasz er es auszer acht gelassen habe, dasz der dichter nicht zum volke herabsteigen, sondern das volk zu sich erheben müsse. ich weisz nicht, ob man sich diese worte Schillers recht gedeutet hat; es will mir scheinen als habe man sie wie eine recensentenphrase zu wenig beachtet. sollte Schiller nicht die beibehaltung der naiven volksauffassung auf seiten Bürgers im auge gehabt, und diese somit tadelnd verworfen haben? Schillers geistesrichtung ist mit einer solchen ansicht ganz in übereinstimmung, und seine balladenspecies damit im einklange. Schiller verhält sich nemlich durch diese seine balladenart zu Bürger, wie Goethe zur alten volksballade. Schiller gibt also die sangbare form auf und auch die naive auffassung. man hat oft gesagt, der dichter habe in seiner ballade sittliche maximen, ethische probleme illustrieren wollen, und das sei die eigentümlichkeit seiner auffassung, aber ich glaube nicht so recht an diesen gewis nur von der oberfläche geschöpften unterscheidungsgrund. im kampf mit dem drachen hören wir freilich die tendenz ´gehorsam ist des christen schmuck´, wie im taucher ´und der mensch versuche die götter nicht und versuche nimmer und nimmer zu schauen, was sie gnädig bedecken mit nacht und grauen´ und ähnliches in anderen gedichten dieser art, im siegesfeste tritt uns dagegen eine ganze reihe von sentenzen entgegen, während der handschuh ziemlich leer davon geblieben ist. ganz gewis illustriert Schiller in seinen balladen sittliche probleme, aber dadurch wird die ballade eher zum lehrgedicht: wir werden nicht fehl gehen, wenn wir die ansicht aufstellen, Schiller behandelt die geschichtliche anekdote balladenartig, und um den unbedeutenden stoff zu erheben, oder um den spröden flüssig zu machen, belebt er ihn mit dem ganzen ernste seines gedankentiefen und tiefsittlichen geistes. unter den tausend und abertausend balladen, die wir vor und nach unseren dichterfürsten erhalten haben, ist der beiweitem gröste teil unbrauchbar, weil die anekdotenartigen stoffe nicht so belebt sind, wie es ein Schiller vermochte. auf der andern seite, zu welchen dichtgattungen soll man das eleusische fest, die klage der Ceres und einige andere zählen? man nennt sie gewöhnlich culturhistorische lieder: weshalb denn nicht Schillersche balladen in specifisch Schillerscher manier? Schiller steht offenbar dem alten balladenbegriffe am fernsten und seine nachfolger haben deshalb auch meist ungenügendes vollbracht, weil sie nicht den geist ihres meisters hatten. Schiller ist überall der ewige prediger der menschheit, hierfür wählt er alle formen der darstellung, das lied, die ballade, das drama: er begrenzt stoff, form und hörer. wehe dem aber, der mit ungenügenden geistigen mitteln ein gleiches versucht. auch der glühendste verehrer der Schillersehen musze musz [!] zugestehen, dasz der dichter trotz der glänzenden leistungen von Goethe und Bürger in falscher weise zu dem überwundenen standpuncte der vor- Herderschen romanze oder, wie sie allmählich immer mehr genannt wurde, ballade zurückkehrte und seinen misgriff nur durch seine glänzende begabung verdeckte. durch diese ansieht wird sich vielleicht der ausspruch von H. Kurz ´das höchste in der volkstümlichen ballade hat Goethe erreicht, so wie Schiller in der romanze unübertrefflich und unübertroffen ist´ rectificieren lassen.“

 

1871

Birlinger, A. Zur Literatur der Trauercarmina beim Tode Maria Theresia's. Wien, 17. Dec. 1780. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Braunschweig. Digitalisiert von Google

“[S. 350] Vor einigen Tagen kam auch ein Gedicht in die Censur, das mit den Worten anfing: So hat Theresia denn auch ins Grab gebissen. Der Censor gab es mit den Worten zurück: Der Autor hat ins Heu gebissen. Eben erhalte ich wieder ein neues Gedicht auf den Tod Theresiens, von F. T. v. S. D., welches unter andern folgende Reime enthält:
   Du alter Mond hast's schlecht gemacht,
   Das Gut all wurd' in jener Nacht
   Nicht von dem Knochenmann geschont -
   Bin herzlich gram dir alter Mond;
   So kalt und hölzern stundst du da
   Und sahst es nicht was uns geschah -
   Ach weg man uns die Mutter nahm -
   Bin alter Mond dir herzlich gram.
Der Dichter Bürger hat überhaupt bey unsern jungen Leuten viel Glück gemacht; verschiedene von unsern Gelegenheitsgedichten sind in seiner Manier geschrieben, aber freylich sind es Nachahmungen. Auf Klopstocken, Göthen, folgt jetzt Bürger.“

 

1871

S. Ein Jubelfest im Norden. In: Die Gartenlaube, Nr. 31. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 519] Um dieselbe Zeit erschien das erste Erzeugniß seiner [Walter Scotts] Feder schwarz auf weiß gedruckt, und wir dürfen es uns schon zur Ehre anrechnen, daß die deutsche Literatur es gewesen ist, die seine Dichterschwingen entfaltete. Deutsch zu lernen begann damals in England Mode zu werden. Auch Scott gab sich diesem fashionablen neuen Studium hin, welches rasch seine Seele gefangen nahm. Unter der Anleitung einer hochgebildeten und poetisch empfänglichen Deutschen, einer Gräfin Brühl, die einen seiner Verwandten geheirathet hatte, las er Goethe und Schiller - Werther, Götz, Don Carlos - ja, er wagte sich sogar an Kant heran. Vor Allem gefesselt aber fühlte er sich von Bürger. Das war eine ihm verwandte poetische Natur. Der Volkston, welchen dieser in seinen Balladen so voll und rein angeschlagen hat, wie kaum Jemand vor und nach ihm, traf die gleichschwingende Saite im Herzen Walter Scott's. Allein nicht blos empfangen wollte er, er wollte wiedergeben, Anderen mittheilen, was ihn so gewaltig gepackt hatte, und so übersetzte er, mit Beihülfe seiner deutschen Freundin, die ´Leonore´ uud den ´wilden Jäger´, denen später noch eine vollständige Übertragung von Goethe's Götz von Berlichingen folgte.“

 

1871

Anonym. Vermischtes. In: G. W. Körner's Urania. Musik-Zeitschrift für Alle. Nr. 5. Erfurt. Digitalisiert von Google

“[S. 79] Wie man nolens volens zu einer Frau kommen kann.
 Der berühmte Flötist Quantz, Lehrer Friedrich des Großen, setzte nach dem Tode seines vertrauten Freundes, des Schauspiel-Direktors Schindler in Dresden, die freundschaftlichen Besuche bei der trauernden Wittwe fort. Er fand diese eines Tags ernstlich erkrankt; der herbeigerufene Arzt befürchtete das Schlimmste, und als bald darauf der Beichtvater ihr die Sterbesakramente reichte, ließ sie Q. durch denselben bitten, ihr als letztes Geschenk seinen Namen mit ins Grab zu geben. Quantz, gutherzig und nichts Arges ahnend, willigte in die Formheirath, der Priester nahm die Trauung vor, und - ehe sich Q. von der Aufregung besinnen konnnte, - hing eine kerngesunde Frau an seinem Halse, welche ihm die zärtlichste Liebe betheuerte. Diese 1737 erfolgte Heirath scheint indeß für ihn keine glückliche gewesen zu sein; die hier sehr drastisch zur Geltung gelangte Weiberlist, die nach Bürger ´über Alles geht, wie ihr wißt´, spricht wohl nicht dafür; auch ist die Ehe kinderlos geblieben.“

 

1871

Heim, Theodor. Ungarische Musik in deutschen Meistern. In: Musikalisches Wochenblatt, 20. October. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 673] Thomas Percy war es, welcher in seinem Buche ´Reliques of ancient English poetry´ - zuerst 1765 gedruckt - einen wahren Schatz der schönsten altenglischen Volkslieder und Balladen der Vergessenheit entrückte. Die Rückwirkung auf die bahnbrechenden dichterischen Geister unserer Nation war ausserordentlich. Sie äusserte sich vor Allen in Bürger und Goethe: nicht nur, dass diese Dichter nun selbst auf das Eifrigste nach den verloren gegangenen oder vergessenen Nationalgesängen - namentlich des deutschen Mittelalters - forschten, so waren sie es auch, die durch ihre eigenen Dichtungen den Geist des Volksliedes neu belebten, dasselbe als eine berechtigte Kunstgattung in die Literatur einführten und dadurch - namentlich auch in ihren späteren Nachfolgern Uhland, Hoffmann v. Fallersleben, Heine, Chamisso, Eichendorff u. s. w. - einen unberechenbaren Umschwung der Kunstanschauung auf jeglichem literarischen Gebiete vorbereiteten.“

 

1871

F. St. Biographisches - Hector Berlioz. In: Musikalisches Wochenblatt, 21. Juli. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 472] Ueberblickt man Berlioz' Schöpfungen nach Seite ihres Inhalts, so gewahrt man im Ganzen eine Vorliebe für phantastische, gigantische, ungeheuerliehe Stoffe. Es ist dies auch ein Punct, der sich dem Verständniss Berlioz', der Möglichkeit, sofort Sympathien zu gewinnen, hindernd entgegenstellt. In dieser Beziehung erscheint er als ein Kind seiner Zeit; ´seine Jugend fällt mitten in die Periode des romantischen Fiebers, welches Frankreich aus der deutschen und englischen Literatur aufgenommen hatte, in dem es bald aus Byron, bald aus Hoffmann, bald aus Bürger, bald aus Me. Radcliff jene Scenen der Zerrissenheit und des Schauderns, jene verzweifelten und furchtbaren Charaktere, jene Neigung für verlassene Schlösser, jene Schilderungen excentrischer Leidenschaften, unversöhnlichen Hasses, diabolischer Liebe, reueloser Gewissensbisse, Flüche und Verwünschungen entlehnte.“

 

1871

Oeser, Christian. Siebenundfünfzigster Brief. In: Briefe an eine Jungfrau über die Hauptgegenstände der Aesthetik. Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 467] Noch ist Bürger zu erwähnen, vielleicht unter den Göttinger Dichterfreunden der begabteste, allein auch der unglücklichste, weil er, so lange er lebte, seine Seele nicht zur Ruhe bringen, mit dem Geiste seiner Sinnlichkeit nicht Herr werden konnte. Lesen Sie über ihn Schiller's allerdings sehr harte und strenge, doch im Wesentlichen begründete Recension und was in der Geschichte der deutschen Poesie gesagt wird, ehe Sie seine Gedichte zur Hand nehmen, unter welchen übrigens viele ausgezeichnet sind. Die ´Lenore´ ist die Krone aller deutschen Balladen; sie vereinigt mit vollkommenster Harmonie der Composition, mit unübertrefflicher Schönheit des Ausdrucks, dem, wie es einer Ballade geziemt, an rechter Stelle der musikalische Klang und die Schallnachahmung nicht fehlt, - die volksthümlichste Kraft, die ergreifendste Lebendigkeit, so daß sie auf jeden Leser, auch auf den einfachsten, eine große und erschütternde Wirkung übt. Bürger hat den unter allen germanischen Stämmen wiederkehrenden Volksglauben, wornach die Verlobte ihrem todten Geliebten so lange nachweint, bis dieser kommt, um sie - zum Todtenacker abzuholen, benutzt, er hat das
     ´Es scheint der Mond so hell,
     Die Todten reiten schnell´
bereits vorgefunden; aber was hat er mit der Fülle seiner poetischen Kraft und Kunst aus diesem Stoffe gemacht? Er führt uns ein ganzes Drama, eine Tragödie vor die Seele, worin jeder Vers eine Scene ist, jede die andere vorbereitet, des Lesers oder Hörers Theilnahme mit der tragischen Entwickelung bis zum Schauer und Entsetzen steigert, und dennoch das grausige Walten der Naturmacht der Liebe in das höhere sittlich-religiöse Gebiet hinaufhebt, da die Lenore in der Wildheit ihrer Leidenschaft mit Gott selber hadert und den Vorstellungen der frommen Mutter nur das Recht ihrer Leidenschaft entgegenhält. So wird die Schlußscene auf dem Gottesacker zu einem jüngsten Gericht:
     Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,
     Rundum, herum im Kreise
     Die Geister einen Kettententanz
     Und heulten diese Weise:
     Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht!
     Mit Gott im Himmel had're nicht!
     Des Leibes bist du ledig,
     Gott sei der Seele gnädig!
Wir Deutsche können stolz darauf sein, daß wir eine Sprache besitzen, die solcher Fülle und Kraft des Ausdrucks, solchen Klanges und Wohllautes fähig ist - und daß wir Dichter besitzen, welche die herrlichen Schätze unserer Muttersprache zu heben verstanden. Und doch waren alle die genannten ruhmvollen Namen: Bürger, Klopstock, Lessing, Wieland, Herder nur die Vorboten, um einem noch Größeren die Bahn zu bereiten, einem Dichter der jeden Vergleich, auch mit den Sängern Griechenlands aushält, Wolfgang Goethe. “

 

1871

Anonym. Hodge-Podge. In: Beilage zur Wiener Kirchenzeitung vom 4. März. Digitalisiert von Google

“[S. 137] Im Dorfe des Trostes und der Erfreuung angekommen fühlt der Eremit als echtes Adamskind jenes Verlangen, Getränke in sich aufzunehmen, welches man Durst nennt. Da er müde und die Hitze groß ist, so kann es Niemand übelnehmen, wenn sich seinem forschenden Geiste die Fragen aufdrängen: Wie wäre der Durst zu löschen? Wo ist im Dorfe das grand hôtel du Louvre? Wo wäre ein Glas erfrischenden Getränkes zu bekommen? Außer Stande selbst diese Fragen aufzulösen
   Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un’vers’täten
   Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Facultäten
   Er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf
   Doch löste kein Doctor die Fragen ihm auf.
Da kommt aber ein schlichter Landmann und sagt:
   Versteh' ich gleich nichts von lateinischen Brocken
   So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken
   Was ihr euch Gelehrte für Geld nicht erwerbt
   Das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.
Der Landmann zeigt dem Eremiten das Hotel, in welchem dieser ein in der That vortreffliches Bier findet, von dem er sich ein Glas ernstlich zu Gemüthe führt.”

 

1871

Hackländer, Friedrich Wilhelm. Siebentes Kapitel. In der sechsten Wendung, Tannen und Fichte. In: Geschichten im Zickzack, Zweiter Band, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 16] Der schuldbewußte Flügeladjutant Seiner Majestät spürte jetzt etwas echte Verlegenheit, doch wußte er diese unter einem ganz harmlosen Lächeln zu verbergen, worauf der Andere fortfuhr, nachdem er den Dragoneroffizier mit seinem Zeigefinger leicht auf die Brust getippt: ´Wie heißt es doch in jenem Gedichte von Bürger, welches uns in unserer Jugend so sehr geläufig war, ´Lenardo sah hin, Blandine sah her?´
  ´Nun, wen Euer Excellenz unter Lenardo verstehen, kann ich mir allenfalls denken, aber Blandine?´ antwortete der Major in einer leicht begreiflichen Spannung, denn er fürchtete Anspielungen zu hören, die ihm namentlich im Munde des alten, geschwätzigen Obersthofmeisters äußerst unangenehm gewesen wären.
  ´Es ist die schönste der Damen, die dienen Euch,´ wie der leichtsinnige Page in den Hugenotten singt, eben so jung als schön.
Dem Flügeladjutanten rollte eine schwere Last von der Brust, und diese Erleichterung war wohl Schuld daran, daß er mit einem beifälligen Lächeln vor sich niederschaute, einem Lächeln, welches der Obersthofmeister als ein stummes Geständniß nahm und deßhalb vertraulicher fortfuhr: ´Aufrichtig gesagt, mein lieber Graf Wieneck, wenn Sie mein Sohn wären, was den Jahren nach -´
  ´Unmöglich ist, Excellenz.´
  ´Nun, lassen wir das gut sein, selbst wenn Sie also mein Sohn wären, würde ich zu dieser Neigung Ja und Amen sagen.´
  ´Aber ich weiß in der That noch nicht, wen Euer Excellenz unter Blandine verstehen?´
  ´Die schönste der Damen, die dienen Euch,´ wiederholte der Obersthofmeister mit aufgehobenem Zeigefinger.[...] ´Lenardo sah hin, Blandine sah her, das Letztere haben Sie vielleicht nicht immer bemerkt, aber Unsereiner, welcher schon des Dienstes halber seine Augen überall hat, bemerkte schon sehr häufig, mit welchem unverkennbaren Interesse die schöne Ferrner, eine Perle unter den Hofdamen, ein Ehrenfräulein in der richtigsten Bezeichnung des Wortes, ihre Blicke auf dem interessanten Dragoneroffizier ruhen ließ - haben Sie etwas Vernünftiges dagegen einzuwenden?´”

 

1871

Wülcker, Richard Paul. Brief vom 10. Jänner 1871. In: Fünfzig briefe aus den jahren 1870 und 1871, Frankfurt a. M. Digitalisiert von Google

“[S. 24] Es ist morgens 6 uhr. Der tambour wirbelt vor der hauptwache seine reveille, dass es weithin schallt, im goldnen Schwanen, zimmer Nr. 7, hört man lautes schnarchen. Der rüstige fuhrmann rasselt mit schwerbeladnem wagen vorbei, der muntere schiffer rudert auf dem Rhein, das leben auf der strasse erwacht und Leonore fährt ums morgenroth, auf zimmer Nr. 7 hört man noch immer schnarchen.”

 

1871

Anonym. Deutschland. In: Landshuter Zeitung, Sonntag 9. Juli. Digitalisiert von Google

“[S. 725] Preußen. Die ´Köln. Volksztg.´ schreibt: ´In Nord und Süden, in Ost und Westen kehren die Kriegsschaaren aus Frankreich heim, mit jubelnder Freude eingeholt und geleitet in die reich geschmückten Städte und Städtchen. Wie paßt da so trefflich die Schilderung, die einer der ersten deutschen Volksdichter von dem Einzugs der Kriegsschaaren vor hundert Jahren entwirft:
      Und jedes Heer mit Sing und Sang,
      Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
      Geschmückt mit grünen Reisern,
      Zieht heim zu seinen Häusern.
Bald werden, Dank dem überaus günstigen Erfolge der französischen Anleihe, auch die letzten Kriegsschaaren ihre Heimath wiederschauen, zur Freude der Ihrigen, zur Freude des Vaterlandes.”

 

1871

Anonym. [ohne Titel]. In: Neue Böse Zungen, 22. Juli. Digitalisiert von Google

“[S. 251] Und jetzt war Julius noch gar nach Italien gereist
    ´Und hatte nicht geschrieben,
     Ob er gesund geblieben.´
Frl. Preveaux ließ sich unter einem Regenschirm sitzend, fotografiren, eine sinnige Allegorie der Thränenströme, welche sie vergoß. Ich gab ihr den Rath sich aus den Blumen des schwärmerischen Millionärs einen Salat mit Cyankali anzumachen oder sich mit einem - dritten, zu trösten.
   Aber ich muß ihr das Zeugniß geben, daß sie sich nicht so leicht getröstet hat, nämlich erst beim - siebenten.
             Rupertus”

 

1871

Salingré, Hermann. 1. Scene. In: Guter Mond, du gehst so stille! Posse mit Gesang, in 1 Akt, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 3] Was kann's aber helfen? Geduld, Geduld, wenn's Herz auch bricht, sagt man von der ums Morgenroth gefahrenen Lenore. (Sieht nach der Thür rechts.) Schon wieder die Ladenthür offen, und von den beiden Commis keine Spur.”

 

1871

Mühry, A. Zur Deutung des Wetters in unseren Gebirgen. In: Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie, 1. September. Digitalisiert von Google

“[S. 293] Es wird bereitwillig von den wissenschaftlichen Meteorologen zugestanden, dass sie, was die Vorausbestimmung des Wetters aus der Deutung gewisser localer Wetterzeichen betrifft, einen einfachen aber erfahrenen Empiriker in einer diesem heimischen Gebirgslandschaft gerne als ihren Meister anerkennen; ja in dieser Hinsicht wird auch mancher hochgebildete Grundbesitzer die Anwendung des populären Balladenverses auf sich gelten lassen: ´doch Schade, sein Schäfer war klüger als er.´
    Indessen dies bezieht sich allein auf die Vorausbestimmung der Witterung in einer heimathlichen Berggegend im Sommer aus gewissen localen Zeichen im nahen Umlande, nicht aber auf die allgemeinere Beurtheilung der ganzen zu einer Zeit bestehenden Meteoration in weiterem räumlichen und zeitlichen Umfange.”

 

1871

Anonym. Knospen aus dem politischen Frühlinge des Jahres 1871. In: Süddeutsche Post, 4. Mai, München. Digitalisiert von Google

“Damit möge einstweilen der Vorhang fallen; denn die ewigen Darmverschlingungen des österreichischen Kaiserstaats und die Kriegserklärung des Republikaners Castelar an den spanischen König liegen für diesmal allzuweit von uns ab. Hoffentlich kommt es doch irgendwie zu einem vorläufigen Entscheide; der Friede wird endlich einmal befestigt werden und unsere tapferen Truppen wenden sich dann wieder ihrem geliebten Vaterlande zu.
     Und jedes Heer mit Sing und Sang
     Mit Paukenschlag und Kling und Klang
     Geschmückt mit grünen Reisern
     Zieht heim zu seinen Häusern.
Unterdessen kocht auch die Hitze des Sommers noch einige Dinge aus, und wir können nach einiger Zeit wiederum fragen, ob wir noch und wie wir stehen.”

 

1872

Heller, Seligmann. Bürger, Schiller und Goethe als Lyriker. In: Jahres-Bericht über den Zustand der Prager Handels-Akademie während des Studienjahres 1871-72.

["S. 5] G. A. Bürger gehört zu den eigenartigsten, selbstständigsten und bedeutendsten Dichternaturen, die jemals auf deutschem Grund und Boden gewachsen sind, in ihm ist jene seltene Vereinigung von Genius und Wissen, die jenen kräftigt und dieses adelt, ohne dass darum das Vollblut des Poeten durch die leiseste Anwandlung von Reflexion verfälscht oder in seinem raschen Erguss durch die Adern im Entferntesten gehemmt würde. Die liebenswürdigste Bescheidenheit und ein oft Horazisches Bewusstsein paaren sich in ihm zu imposanter Kraftfülle, die, wie sie unwillkürlich aus dem reichen Gemüthe strömt, dem eigenen Geiste als eine höhere Selbstoffenbarung aufgeht. Dabei schafft er nicht in der ersten wilden Gluth und im bacchischen Taumel der Begeisterung. Wie bei seinem römischen Muster herrscht die klarste Besonnenheit mitten in seinem kühnsten Schwunge, er hat die feinsten Gesetze der Sprache ausprobirt und ausgekostet, und wie bei jenem Sybariten, dem ein auf sein Lager gefallenes Rosenblatt den Schlaf raubte, darf nicht ein Athemzug die Harmonie seiner Gesänge trüben; er feilt und modelt, er wählt und verwirft, er häuft Variante auf Variante, bis er das entscheidende Wort, den richtigen Reim, das treffendste Bild gefunden. Was ist das dann aber auch für ein Prachtbau in seinen Versen, wie ungezwungen und gleichsam· sich selbst singend und sagend erscheinen diese Strophen! Er erinnert hierin lebbaft an Heinrich Heine, der bekanntlich seine reizendsten Lieder vielfach umgearbeitet und erst nach langem Prüfen und Suchen das Rechte sich angeeignet hat. Er erinnert andererseits wieder an Horaz, der es ja irgendwo ausspricht, wie man dem leichten und graciösen Fluss der besten Verse es am wenigsten ansieht, welche Mühe, welchen Schweiss und welches Wechselfieber von Gluth und Frost sie dem Autor gekostet. Aber G. A. Bürger, kräftiger, gesinnungstüchtiger als Horaz und ohne Spur von der Frivolität Heine's, erreicht das Ideal von Jenem (quod monstror digito praetereuntium Romanae fidicen lyrae) durch die allgemeine Volksliebe und erlaubt sich die tollsten Sprünge des Humors wie dieser ohne die Gesinnungslosigkeit Beider. Er ist ein Mann, ganz Ernst und Charakter, fest auf den eigenen Füssen, einstehend und voll zahlend für jeden seiner Fehler, keine Regung an sich verschweigend, weil er sich keiner einzigen zu schämen hat; diese ehrliche Treuherzigkeit, dieser offene Biedersinn hat ein Recht, uns sein ganzes Innere klar zu entfalten, denn es ist nichts Falsches, keine Krümme und keine Halbheit darin. [...] Den obersten Rang in Bürgers Lyrik nimmt die Liebe und zwar  seine Liebe ein. Sie ist stark, von kernhafter Sinnlichkeit, von einer Gluth, wie sie nur die Kraft tüchtiger Männlichkeit einzuhauchen im Stande ist. Nur die Alten haben noch so naiv und energisch diesen holden Drang dargestellt; aber sein eigener Busen hegte eine lohende Flamme, die, ihn selbst verzehrend, darin aufsteigt. Alles nach dieser Richtung Gedichtete trägt den Stempel hoher und höchster Vollendung. Da ist vor Allem die götterhafte, wunderbare Nachtfeier der Venus zu nennen, mit einem Zauber, einer Musik der Sprache, einem Glanz der Bilder, einer Pracht der Rhythmen, wie sie Schiller wohl äusserlich erreicht, mit nichten aber jene Zartheit, jenen Schmelz, jene seelische Hingebung an die allbezwingende , Alles in magischen Banden haltende Göttin. Man vergleiche einmal damit Schillers Triumph der Liebe, den er, wie Bürger seine Nachtfeier, als zwanzigjähriger Jüngling gedichtet, und der ganze Unterschied beider Dichter wird sofort klar. Bürger bewegt sich da auf seinem eigensten Gebiete, er schmiedet und hämmert an dem ungefügen Erz der Sprache und entlockt ihm die süssesten herzbestrickenden Töne, stolz wie ein Schwan wiegt er sich auf den schwellenden Fluthen des reinsten Wohllauts.

[S. 6] In Bürger's Liebesgedichten nehmen jedoch die unsterblichen Molly-Lieder unser Hauptinteresse in Anspruch. Keine Nation der Welt, nicht die feurigen Italiener, nicht die leicht-und heissblütigen Franzosen, haben etwas aufzuweisen, was nur im Entferntesten mit diesen kostbaren Perlen deutscher Lyrik zu vergleichen wäre. Die Thränen des grossen Dichters mögen oft auf das Blatt gefallen sein, auf welches er seine Sehnsucht, sein unaussprechliches Glück und Elend, seine Wonne und seine Verzweiflung mit zitternder Hand und in so brennenden Farben malte. Diese Liebe war nach Gesetz und Herkommen eine verbrecherische, er und sie wehrten sich Anfangs dagegen; aber sie war bestimmt, ihm die Dichterkrone, wie in Höllenflammen glühend, aufs Haupt zu drücken, wenn sie auch für kleine Seelen ihm ein unauslöschliches Brandmal auf der Stirne zurückliess. Was sind das für Töne! welche Wahrheit, welche Kraft! In dieser Weise hat die Poesie noch nie das innerste Verlangen ausgesprochen, wird sie es nicht weiter aussprechen. Das erste Aufflackern dieser Leidenschaft, das beiderseitige Widerstreben, das Verzehrende dieses Kampfes, das Sichwiederfinden dieser Liebenden, ihre Seligkeit, Molly's Werth, Molly's Schönheit und Treue, das süsse Kosen, ihre plötzliche Reue, wie sie sich losreissen will, ein Aufschrei seiner ganzen Natur in den Accenten der tiefsten Tragik, ihr Wiederkommen, neue entzückende Lust, ihre Vermählung, wo in hochherrlichen Hymnen der Dichter den Lorbeer der Vollendung sich selbst um die Schläfe windet, und endlich ihr frühzeitiger Tod, sein dumpfes Herumirren, seine schmerzenvolle Klage, seine Verlassenheit - das sind wahrlich ganz andere Lieder und Reime als die wohlgedrechselten Sonette und Canzonen eines Petrarca oder als Schillers unreife Erotik. Nur in den Liederfragrnenten der Sappho begegnen uns ähnliche Accente, und einige wenige Elegien des Tibull athmen etwas von dieser Zartheit und Lieblichkeit. Auch Sonst feiert Bürger in einer Menge der köstlichsten Gedichte die Macht der Liebe, bald tändelnd und schäkernd, bald innig und fröhlich, bald heiss und schmachtend, bald in ruhiger Betrachtung - immer weiss sein unermüdlicher Pinsel uns mit neuen Gestalten und Phantasien zu berücken, immer der Sprache jenen prometheischen Funken einzuhauchen, der vor ihm unserer gesammten Poesie fehlte. Und auch nach Bürger ist ein Gedicht wie Schön Suschen nicht weiter gemacht worden. Eine solche Harmonie in Wort, Wendung und Gedanken, ein so edler und reiner Rhythmus, eine solche Meisterschaft bei solcher kindlicher Einfachheit ist selbst Goethen nur in den seltensten Fällen gelungen, bei Schiller wird man solche Vorzüge vergebens suchen.

[S. 7] Seine Lenore zündete wie ein Blitz die Gemüther in Deutschland; sie rief wie mit einem Zauberschlage , wie mit jenem Gertenschlage Wilhelms darin, dem sich der Friedhof aufthut, die Geister der Volkssage wach, die tief im deutschen Gemüthe schlummerten und fest darin wurzelten, sie gab den Poeten ein neues unübersehbares Feld grossartiger schaffender Thätigkeit. Allerdings verfällt Bürger oft ins Abenteuerliche, ja in vereinzelten Fällen ins Platte und Rohe, dafür ist er aber wieder ins Volk gedrungen wie Keiner vor und nach ihm. Sachen wie die Lenore, der Kaiser und der Abt, das Lied vom braven Mann, die Weiber von Weinsberg, die Kuh u. a. gehören zu dem Uuübertrefflichen, zu dem Eigensten, nicht weiter Nachzuahmenden der Bürger'schen Muse, es sind unvergängliche Kunstwerke. Seine Frau Schwips hat selbst der unerbittliche und hochideale Schiller loben müssen. In diesem Gedichtc und in manchem Dutzend anderer gemahnt er lebhaft an Beranger, dessen Edelsinn, dessen Volksherz , dessen Einfachheit, dessen natürliche Verständigkeit und bisweilige Nüchternheit , dessen Melodienreichthum, dessen leichten Versbau , dessen mannhaften Charakter, wie dessen glühende Erotik er theilt, nur dass Bürger bei der stärksteu Sinnlichkeit nirgends lüstern oder gar frivol wird, wenn ich etwa Veit Ehrenwort und das wenige diesem Stück Verwandte, das wir von ihm haben, ausnehme, und vielleicht sind auch dies keine eigentlichen Ausnahmen. Seine Frau Schwips gemahnt geradezu an Berangers les deux souers de charité, eine classische Humoreske mit zündender Pointe. Bürger war sich dieses seines Berufes auch vollkommen bewusst. Den Kunstphilosophen, welche schon damals anfingen, über Alles, was nicht Tiefe verräth, die Nase zu rümpfen, konnte er mit seinem Schäfer Hans Bendix zurufen: Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt, das hab ich von meiner Frau Mutter geerbt. Er besass den gesunden Mutterwitz, der, ohne zu grübeln, überall den Nagel auf den Kopf traf, das Gute und Rechte dem Volke in lieblichen oder tüchtigen Gestalten, in einfachen aber lichten Gedanken, in ungesuchten aber tiefen Empfindungen vorführte. Hierin ist Bürger noch heute ein nicht erreicht gewordenes Vorbild geblieben.
     Auch was er sonst in übermüthiger oder schwermüthiger Laune, in ernster oder tändelnder Stimmung Allgemeines oder Gelegentliches gedichtet, athmet den Duft des unverfälschten Genies. Welch köstlicher Humor in dem Liede an Bacchus oder in der Antwort an Göckingk über das traurige Los des Poeten, welche stille Resignation in den Strophen an F. M., als sie nach London ging, welche Catullische Anmuth, welche Anakreontische Heiterkeit und Leichtigkeit in dem Hummelliede oder in dem an die Bienen. Eine Versification wie die des Dörfchens in ihrer sonnigen Lieblichkeit, in den von den Grazien selber eingegebenen reizenden Bildern hat selbst ein Meister wie Rückert ihm nicht weiter nachzubilden unternommen. Welche Hoheit in der prächtigen, von Schiller übel genug nachgeahmten Männerkeuschheit, und sein Blümchen Wunderhold ist der Preis aller in dieser Manier gedichteten Allegorien. Bürger ist ferner einer unserer ausgezeichnetsten Epigrammatisten. Wie die Goethe'schen haben seine Epigramme zwar nicht die ätzende Schärfe der Schiller'schen Dialektik, aber sie sind oft wirkliche Todtschläger in ihrer vernichtenden Wahrheit und gedrängten Kraft. Ein grosses Gemüth, ein stolzer Mannessinn , eine scharfe Beobachtungsgabe und ein kühner, vorurtheilsloser Geist spricht sich in allen von ihnen aus. Viele sind noch heutigen Tages im Munde aller Gebildeten, wie das von der Lästerzunge, dass es die schlechtesten Früchte nicht sind, an denen die Wespen nagen, oder von dem Hochmuth der Grossen, der sich geben wird, sobald nur erst unsere Kriecherei sich gegeben haben wird. Wie frei und offen spricht er die grossen revolutionären Gedanken aus dem letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts in der markigen Ansprache des Bauers an seinen durchlauchtigen Tyrann aus, und wie kostbar macht er dem Spatz, der sich auf dem Saale gefangen hatte, das Glück der Ungebundenheit an die ´Despotenhudelei´ begreiflich. Dass er kein Freiheitsfanatiker und blosser Raisonneur war, beweisen seine Lieder an die Franzosen, die nur von ihrer Unabhängigkeit schwatzen, sich aber ihres hohen Glückes unwürdig zeigten. Da ist also nichts von jener Schillerschen bangen Flucht ins Ideal mit dem Motto: ´Freiheit lebt nur in dem Land der Träume;´ da ist ein strenger, mannhafter, eisenfester, ausdauernder Charakter, den er bis ans Ende seines hartgeprüften Lebens bewährt hat.
      Dieses kernige Wesen tritt in seinen litterarischen Fehden überall herrlich hervor, wie z. B. in der prachtvollen Ausforderung an Fritz Stolberg, der mit ihm in einer Uebersetzung der llias rivalisirte, oder in seiner schonend-gerechten Beurtheilung des so tief unter ihm stehenden Blumauer, es erscheint aber in seinem vollsten Glanze bei Schiller's bekanntem Angriff auf ihn in der allgemeinen Litteraturzeitung vom Jahre 1792. Heutzutage steht es ausser allem Zweifel, dass dieser Angriff, so gut und ehrlich gemeint er von Schillers Seite war, doch eine Tactlosigkeit, wenn nicht gar eine schwere Ungerechtigkeit zu nennen ist. Schiller verkannte nicht nur, in Kant'sche Theoreme tief versenkt, das Wesen wahrer Volksthümlichkeit , er wollte auch gewaltsam und mit frevelmüthigem Dünkel eine so ganz aus sich herausgewachsene Individualität wie die Bürger'sche zerstören und ummodeln, und das Entgegenhalten des saft-und kraftlosen, aber formell correcten Mathisson, als des zu befolgenden Ideals, konnte nur geeignet sein, den erbitterten Dichter noch mehr aufzubringen. Dennoch ist Bürgers Betragen in dieser Angelegenheit von Anfang bis zu Ende ein ehrenhaftes und massvolles gewesen. Die Satire vom Vogel Urselbst, in welcher er Schiller einen kranken Uhu nennt, der aus den Trümmern Troja's herauswinselt, möchte zwar an das Gegentheil denken lassen; man erwäge jedoch, wie gereizt Bürger unmittelbar nach dem Angriffe sein musste; man erwäge, dass Schiller selbst damals auf dem Felde der Lyrik noch wenig oder nichts geleistet hatte und in den Augen des formvollendeten Bürger allerdings als ein Stümper erscheinen mochte, dass die Einwürfe, die Bürger seinerseits gegen Schillers Lied an die Freude machte, nur zu gerecht sind, und dass Schiller ausser der Uebersetzung des zweiten und vierten Buches der Aeneis (daher die oben angeführte spöttische Bezeichnung im Vogel Urselbst) in der That damals noch keine bedeutende Leistung in der Verskunst aufzuweisen hatte. Und krankhaft und pedantisch musste Bürger eine Mahnung erscheinen, die von ihm nichts weniger forderte, als seine eigene Natur zu verleugnen. Man bedenke endlich, dass schon achtzehn Jahre vor Ausbruch dieses Kampfes Bürger in einem sehr launigen Gedichte seinen Widerwillen gegen Mamsell la Regle ausgesprochen, ´wenn sie gar zu steif hin und her hofmeistert.´ Aber vielleicht nur wenige Tage nach jener ersten Auslassung im Vogel Urselbst schrieb Bürger die trefflichen Distichen ´über die Dichterregel´, in welcher er den Schiller'schen Behauptungen von der Nothwendigkeit der idealen Schönheit und Correctheit eines Gedichts das Motto aus dem Horaz: non satis est, pulchra esse poëmata, dulcia sunto, et quocunque volent animum auditoris agunto entgegensetzt, erst im Allgemeinen ´von der schönlich geleckten Form mit dem wässerigen Inhalt´ spricht, dann aber mit den edel anerkennenden Worten schliesst:
   Deinem Genius Dank, dass er, o grübelnder Schiller,
   Nicht das Regelgebäu, das du erbauet, bewohnt!
   Traun! wir hätten alsdann an dir statt Fülle des Reichthums, 
   Die uns nährt und erquickt, einen gar luftigen Schatz.
Und eine ganze Strophe hat er diesem seinen Todfeinde zu liebe (denn es steht ausser aller Frage, dass Schiller's Kritik ihn tödtlich verletzte; er hat seitdem nichts Frisches und Lebensfreudiges mehr geschaffen und starb arm und elend zwei Jahre nach dem Erscheinen jener Recension) in seinem Blümchen Wunderhold geändert, während er in der Anmerkung zu dieser Aenderung seinen Gegner in wahrhaft classich -biderber Weise abfertigt.
 
   So haben wir in Bürger eine naive hochbegabte Dichternatur kennen gelernt, beschränkt in ihren Fähigkeiten und unfähig, diese ihre Schranken zu verlassen, ohne sich selbst abtrünnig zu werden, ohne mit ihrem innersten Wesen in Widerspruch zn gerathen ; aber von grosser Intensität in dem, was innerhalb ihres Leistungsbereiches liegt, durchwegs volksthümlich und schöpferisch auftretend in der volksthümlichsten aller Poesien, in der Ballade und Romanze, überall die ganze Wucht der ganz individuell gearteten Persönlichkeit, und mitunter auch die Mängel und sittlichen Gebrechen dieser Persönlichkeit, wenn auch in der liebenswürdigsten Weise zur Geltung bringend und ihrer Dichtung einverleibend. Seine Lyra hat nur wenige Saiten, aber diese sind auf das Energischeste gespannt und tönen voll aus, bis ein neidisches Geschick sie mitten entzwei bricht und mit einem grellen Misston enden lässt.

[S. 13] Vermöge seiner geistigen Inferiorität kommt Bürger aus einem gewissen engen Kreise der Empfindung nicht heraus. Liebe, und zwar die kräftige, herrliche Sinnenliebe in ihrer Sehnsucht, in ihrem Taumel und in dem Seufzen um ihren Verlust, Freundschaft, Wein und Mannesbewusstsein sind der Grundton seiner oft prachtvollen Lyrik, auch seine Balladen sind innerhalb ähnlicher Schranken eingeengt. Für Goethe's Genius gibt es dagegen thatsächlich keine Schranke. Alle Höhen, alle Tiefen von Geist und Gemüth sind hier durchmessen und schöpferisch muss die Sprache für jeden neuen Ton, für jeden neuen Gedanken eigens bemeisselt und zubehauen werden."

Hellers Bürger, Schiller und Goethe als Lyriker in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1872

Anonym. Rez. Lieder und Romanzen Alt-Englands, Deutsch von Karl Knortz, Köthen. In: Amerikanische Schulzeitung, Januar. Louisville. Digitalisiert von Google

“[S. 193] Wir begegnen hier dem weit verständlicheren Originale, das Göthe bei seiner ´Ballade vom vertriebenen und zurückgekehrten Grafen´ benutzte; und das Urbild der Bürger'schen ´Leonora´ tritt in drei verschiedenen altschottischen Romanzen zu Tage. Außerdem erkennen wir, daß Bürger's ´Frau Schnipps´, Vossens ´Lied vom Flausrock´ und Rückert's ´Kind Horn´ Umarbeitungen altenglischer Originale sind. “

 

1872

Andersen, Hans Christian. Reiseskizzen und Federzeichnungen, Bremen. Digitalisiert von Google

“[S. 223] Nach einem trefflichen Mittagsessen machten der Doctor und ich uns nach bestem Können ein Lager im Coupé, wo uns kein ungebetener Gast störte. Die Wolken hatten ihre Schleusen aufgezogen; es goß wie aus Mulden, aber was härmte uns das? wir schliefen wie die Ratten. Ums Morgenroth fuhren wir nicht empor aus schweren Träumen wie ´Bürger's Lenore´; dagegen in Lissabon ein, wo der Tajo sich zum See ausbreitet.”
 

1872

Claus, W. Betrachtungen über eine neue Schuleinrichtung: Vormittagsunterricht bei freiem Nachmittage. In: Pädagogisches Archiv, Stettin. Digitalisiert von Google

“[S. 371] Vielleicht täuscht nicht gänzlich die Hoffnung, daß unsere Knaben, durch die zu erwartende neue Schuleinrichtung dem Einflüsse der Familie und namentlich dem lebendigen Verkehr mit Mutter und Geschwistern auf weit längere Zeit zurückgegeben, allmählig auch die Fähigkeit gewinnen, der lebendigen Lehre und Unterweisung einigen Antheil abzugewinnen und des eigenen Geistes, des gesunden Menschenverstandes sich lebhafter bewußt zu werden, und es nicht blos auswendig lernen, sondern auch inwendig verspüren, wenn es heißt: ´Was Ihr Euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt, das hab' ich von meiner Frau Mutter geerbt.´”

 

1873

Goedeke, Karl. Gottfried August Bürger in Göttingen und Gelliehausen. Aus Urkunden.

“[S. 6] Ich wünsche, daß man die gegenwärtigen Mitteilungen allein aus dem Gesichtspunkte eines Beitrages zu Bürgers Leben betrachten wolle, und zwar zu dem Leben des Menschen, da der Dichter hier wenig in Frage kommt. Muß die Darstellung tiefer in die Zeit und in die Verhältniße der Menschen eingreifen, mit denen Bürger zu thun hatte, so sind diese doch nur das zufällige Material und die Schilderung derselben hat keine selbstständige Absichten. Erwächst dabei die Darstellung zu einem kleinen Zeitbilde, so macht sich das von selbst, und man wird vielleicht nicht ungern den Blick vom Gerichte Altengleichen, wo ein Dichter mit der offenbarsten Ungunst verfolgt wurde, nach dem Herzogthum Weimar, wo ein Dichter mit Liebe fast erdrückt wurde, hinüberlenken, um neben Bürgers Schatten Goethes Lichter zu sehen.
   Als Bürger in die Dienste der Herren von Uslar trat, hatte sein entschiedener Gegner, der Oberst Adam Henrich von Uslar, wahrscheinlich keine Ahnung davon, daß der Ausländer Namens Bürger noch zu Größerem fähig und bestimmt sei, als zur Führung des Richterstäbchens zu Altengleichen. Und hätte er auch etwas von dem dichterischen Berufe ´des interimistischen Gerichtshalters´ gewust – was galt ihm Hekuba! da er noch nach zwölf Jahren, zu einer Zeit, als selbst ihm nicht verborgen geblieben sein konnte, daß der Dichter der Leonore in seiner Familie Diensten stehe, die alten Drangsale so weit trieb, daß der unglückliche Poet endlich nicht länger im Stande war, dies qualvolle, an stets neuen Beschuldigungen und Verfolgungen unerschöpfliche Leben im vielköpfigen Herrendienste zu ertragen.
   Dem Sinne der Welt erscheint es als eine fremdartige Zumutung, daß der Machthaber dem nicht unmittelbar im Dienste der Macht zu verwertenden Talente seiner selbst willen freundlichpflegend, fördernd, nachsichtig und voll Geduld begegenen solle. Aber die Geschichte könnte die Mächtigen und Reichen belehren, daß jede Ungunst gegen das Talent von Seiten derer, die durch Gunst und Güte zu fördern berufen waren, in den Augen der stets auf Seiten des Talents stehenden Nachwelt, zum dunkeln Schatten und schweren Vorwurfe wird, während ihre Dankbarkeit die milde dem Talent erwiesene Pflege zum schönen Verdienste rechnet und aus dem, was vielleicht nur eine gütige Wallung des Herzens that, einen Vorzug des ganzen Menschen vor der übrigen Menschheit zu folgern geneigt ist.”

Goedekes G.A. Bürger in Göttingen und Gelliehausen in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1873

Nippold, Friedrich. Eine katholische Predigt. Studentisches. In: Ein christliches Lebensbild, Wittenberg. Digitalisiert von Google

“[S. 115] Ich fuhr mit - , -- und --- nach Hause. Der letztere war etwas bespitzt, aber wirklich auf eine äußerst liebenswürdige Weise, die ich seiner Nüchternheit bei weitem vorziehen möchte. Er deklamirte den halben Faust her, dann wieder einmal ´Lenore fuhr ums Morgenroth´, dann verstieg er sich auch wohl in höchst eigene Poesien, besonders an den über uns wandelnden Mond und sein liebes Schlesien u. s. f.”

 

1873

Hackländer, Friedrich Wilhelm. In einem Thal bei armen Hirten. In: F. W. Hackländer's Werke, Einundfünfzigster Band, Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 142] ´Ach ja, sie war schön!´ fiel van der Maaßen seufzend ein, indem er seine Arme schwärmerisch in die Höhe warf - ´sie liebte mich und träumte von mir schöne, unruhige Träume - sie hieß Lenore . . . .
     ´Lenore fuhr um's Morgenroth,´
deklamirte er.
     ´Zum Zeitvertreib,´
 sagte Rüding.”

 

1873

Anonym. Feuersbrunst und Geister-Erscheinung. In: Schriften des Vereins für die Geschichte der Stadt Berlin, Heft VIII, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 65] Die von Glasenapp'sche Erzählung ist aber namentlich für Litterar-Historiker insofern von Wichtigkeit, als sich in ihr ein Ursprung der Bürger'schen Ballade von einer gewissen ´Lenore, die um's Morgenroth fuhr´ erkennen und vielleicht nachweisen ließe. Denn Jungfer v. Kleist befindet sich ziemlich in demselben Verhältnisse wie Jungfer Lenore, Vatername unbekannt. Daß Bürger seinen Geist, den er übrigens auch in Militairverhältnissen stehen läßt, nicht zum Freiwerber bei seinen eigenen Schwiegereltern für einen andern macht, beweist uns, daß Bürger Glasenappen anders aufgefaßt hat. Daß er die Translozirung des Inhalts jenes Lacrymatorii aus seiner Ballade weggelassen, kann man ihm nicht verdenken, obgleich die verschiedenen späteren Komponisten dadurch offenbar eine Gelegenheit zu musikalischem Ausdruck durch wellenförmiges Accompagnement oder undulirende Mittelstimmen verloren. Daß Bürger seinen Cornet in der Schlacht bei Prag fallen läßt, während der Glasenappsche Balladen-Gegenstand offenbar in der Schlacht bei Fehrbellin gefallen sein muß, da es mit der Zeitangabe so ziemlich stimmt, ist bei der chronologischen Licenz der Dichter kein Grund zu Zweifeln. Denn gegen diese Kleinigkeit sind so viele übereinstimmende Punkte zwischen dem Glasenappschen und Bürgerschen Gedicht, daß kaum ein Bedenken übrig bleiben kann, wie der eine aus dem andern geschöpft. Wie schön sagt Lenore zum Beispiel:
     Er hat ihr nicht geschrieben,
     Ob er gesund geblieben. —
Dieser Korrespondenz-Mangel läßt sich auch zwischen den Zeilen jener hinterpommerschen Geschichte heraus lesen, wie es denn überhaupt nur des guten Willens bedarf, um, mit Ausschluß des spätern, etwas zu weit fortgesetzten schwägerlichen Verhältnisses, die vollkommene Gleichheit der Stofflichkeit für beide dichterische Auffassungen zu erkennen. Ja es ist sogar nicht unmöglich, daß Schiller in seinen ´Räubern´ die Idee benutzt, indem er den Reiz des Familienverhältnisses in der gräflich Moor'schen Familie bekanntlich noch dadurch gesteigert, daß der angeblich gestorbene ´Carl Moor´ durch den verkleideten Hermann seiner Amalie andeuten läßt, sie möge seinen Bruder Franz heirathen, obgleich Amalie durch die verschiedenen mehr oder weniger beleidigenden Schimpfworte, mit denen sie in ihren häuslichen Unterhaltungen besagten Franz belegt, nicht unzweideutig eine gewisse Abneigung gegen denselben zu erkennen giebt.
     (Spenersche Zeitung vom 2. August 1855.)”

 

1874

S. Carl von Holtei´s 76. Geburtstag. In: Rigasche Stadtblätter für das Jahr 1874. Digitalisiert von Google.

“[S. 25] Wie alljährlich, wurde auch in diesem Jahre der 24./12. Januar, Holtei´ s Geburtstag, von seinen Verehrern im trauten Familienkreise begangen. Erinnerungen an das Wirken und Leben Holtei´s, seine Bühnentätigkeit, sein Schaffen als interessanter Romanschriftsteller bildeten den Inhalt der anregenden Gespräche, die schönen Lieder aus ´Lenore´ zündeten auch bei den jüngeren Personen, wie sie einstmals, von Holtei selbst gesungen, die Alten erwärmt hatten.”

 

1874

Mehring, Franz. Gottfried August Bürger. In: Die Wage.

“[S.258] Unsere Literaturgeschichte droht zu verknöchern, sie droht ganz und gar zur fable convenue zu werden. Sie ist es leider schon da, wo ein solcher Zustand am schlimmsten wirkt, in unseren höhern Schulen. Es mag in allerneuester Zeit besser geworden sein, aber vor etwa einem halben Dutzend Jahren noch, als der Schreiber dieses die Bänke der Prima drückte, welcher Jammer war es um den Unterricht in der deutschen Literatur! Die Befreiungskriege waren das große Thor, das dröhnend vor dem Wißbegierigen zuschlug, wie in der politischen, so auch in der literarischen Geschichte. Arndt, Körner, Schenkendorf und vor allem Uhland standen mit erhobenen Schwertern vor dem verbotenen Land; sie galten als die letzten Ausläufer der klassischen Zeit. Nicht einmal bis zu Goethe´s Tode wurde die Literaturgeschichte fortgeführt, weil sonst der nichtsnutzige Heine hätte erwähnt werden müssen.

[S.259] Erfreulicherweise ist hier und da schon ein Anfang gemacht und dankbar darf anerkannt werden, daß unter den ersten Dichtern, deren Namen moderne Kritik von dem Staub und Wust der Jahrzehnte zu reinigen versucht hat, sich Gottfried August Bürger befindet. Er vor Vielen verdient eine “Rettung”, wobei ich das Wort in Lessing´schem und nicht in Stahr´schem Sinne nehmen. Ihm ist von der literarischen Kritik übel mitgespielt worden; abwechselnd ist er das Opfer falscher Sentimentalität oder rigiroser Sittenrichter oder endlich eines unerquicklichen Gemisches von Beidem gewesen, weil man nie die Bedingungen zu verstehen gesucht hat, unter denen er wurde, was er in Wirklichkeit gewesen ist.

[S.260] Zweitens aber stellt ihn seine schönste Charaktereigenschaft uns Modernen besonders nahe. Er war, was er hieß. Die stolze, bürgerliche Unabhängigkeit seines ganzen Wesens teilt er unter den deutschen Dichtern des vorigen Jahrhunderts nur noch mit Lessing. Diese beiden besaßen in vollstem Maße, was wir als unseren besten Erwerb zu betrachten gewohnt sind und was wir an ach! So vielen unserer geistigen Heroen schmerzlich vermissen. Bürger übte den „Mannesstolz vor Königsthronen“; er hat sich nie an die Großen dieser Welt herangedrängt. In ihm schlug eine volle, demokratische Ader.“

Mehrings vollständige Arbeit in der ONLINE-Bibliothek

 

1874

Paton, Andrew Archibald. Brunswick in 1807-8 - Beyle Studies German. In: Henry Beyle [d.i. de Stendhal] : A Critical and Biographical Study, London, 1874 Reprint Genf 1999

“[S. 47] Chapter VII
Conscious of the advantage of residence in a German town, his leisure was devoted to the study of the language at a time when it had emerged into European celebrity by so many productions of men of genius, most of whom were alive. He read through Bürger's ´Lenore` with his master, and was quite taken with that thrilling production of the romantic school. He gives his sister a correct analysis of the poem, and adds, that ´the English are fanatical admirers of it, so that there are several translations of it into that language.´
  Of the exquisite elegaic vein of Bürger there is a disappointing absense of mention. Tenderness, the divine spirit of true poetry, has flitted past many stately structures of poets of renown, but was an abiding tenant of the lowly dwelling of the author of the undying ´Odes to Molly´. In the accents that pierce from soul to soul, what German poet has surpassed the singer of the ´Dove that left her home?´ “

 

1874

Brandstäter, Franz August. Das 18. Jahrhundert. In: Die Gallicismen in der deutschen Schriftsprache. Leipzig. (Sammlung Klaus Damert)

“[S. 42] Gottfried August Bürger (1748-94) war eine durchaus deutsche Natur, leider mit vielen unglückseligen Charakterschwächen. Französisches war ihm zuwider, und wenn er z. B. in seine ´Geschichte von der Prinzessin Europa´ französische Brocken einmengt, so geschieht es eben zum Zwecke der Travestie und nicht ohne satirische Absicht (wie auch in Blumauer's Aeneide). Merkwürdigerweise hatte B, aus der erbarmungslosen und grossentheils ungerechten Kritik, welche über seine Gedichte von Schiller erging, herausgelesen, als wenn dieser ihm das ächt Deutsche, Volksthümliche zum Vorwurfe machen wollte, während nur eigentlich das zu wenig Ideale, das grob Naturalistische, im niederen Sinne Populäre, gerügt war. So lässt er in der Entgegnung (´der Vogel Urselbst´) sich von dem Papagey rathen:
   ´Reiss Dir die deutschen Federn aus ,
   Und füll' mit Blümlein bunt und kraus
   Die leeren Lücken wieder an ,
   So wird aus Dir ein ganzer Mann.´
Ein merkwürdiges Missverständniss! Fragen wir nun aber, ob B. factisch von Gallicismen der bezeichneten Art frei ist, so lautet die Antwort:. ebensowenig oder doch nicht viel mehr als sein grosser Gegner.
   Wenn wir auch Chr. Fr. v. Schiller (1759 1805) hier mit Bedauern nennen, so geschieht es natürlich nicht deshalb, weil er in seiner Wallenstein-Trilogie absichtlich die Soldateska des dreissigjährigen Krieges in der damals beliebten Weise reden lässt, [...] sondern hauptsächlich, dass er ohne Noth der deutschen Sprache französische Wendungen aufzwang oder einverleibte, welche nicht ohne zahlreiche Nachfolge und Nachahmung blieben und bleiben konnten. [...]
  Von Schiller nun muss jedenfalls behauptet werden, und wird durch die folgenden Einzelnheiten erhärtet, dass er in allen seinen Schriften, poetischen wie prosaischen, aber mehr noch in diesen, eine grosse Menge jener Verstösse gegen die richtige deutsche Wörterverbindung zeigt, die theils in der fremdländischen Zusammenstellung der Wörter, theils in der französischen Art ihrer Abhängigkeit (Rection) liegen, was wir phraseologische und syntaktische Gallicismen nennen. “

 

1874

Saphir, Moritz Gottlieb. Die Geliebte und der Apotheker. In: Echo, Schatten, Spiegel, Affe und Schriftsteller, Brünn, Wien, Leipzig. Digitalisiert von Google 

“[S. 38]
Also ich saß in der Loge.
Sie saß im Parquett; erste Bank, gerade vor mir.
Sie! Wer? Nun: der Engel!
Aber diesmal war's wirklich ein Engel!
Der Engel sah mich unverwandt an!
Der Leser glaubt nun, ich hätte mich darüber gewundert:
Nicht im geringsten!
Der Leser wird nun aber gewiß glauben, ich hätte sie oder ihn (den Engel) wieder angesehen? –
   Errathen! Die Leser wissen doch gleich Alles! Es ist mit den Lesern nicht mehr zum Aushalten!
   „Lenardo sah her, Blandine sah hin!“
Ob sie schön war? Wenn mir ein Leser eine Nichtschöne nennen kann, die ich geliebt habe, dann bekömmt er eine grandiose Belohnung: sämmtliche politische Artikel der verflossenen Jahrgänge des ´Humorist´.“

 

1874

Jensen, Wilhelm. Nach hundert Jahren: Ein Roman aus neuster Zeit, Dritter Band, Schwerin i. M. Digitalisiert von Google 

“[S. 73] Sie sagte eines Tages, von Margarite überrascht, lachend, daß ihre Vorliebe für die deutsche Sprache sich dergestalt steigere, daß sie dadurch noch allmälig zu einer Büchermade zu werden befürchten müsse, doch sie habe in ihrer Kindheit ein Lied vom Morgenroth gehört, das ihr nicht aus dem Sinn gekommen, und das sie, da all ihr Interesse an der deutschen Dichtung dadurch wieder geweckt worden, aufzufinden bestrebt sei, obwohl sie weder wisse, von wem es sei, noch was es eigentlich enthalten. Sie bat Margarite, ihr mit der eigenen Kenntniß zu Hülfe zu kommen, und diese begann nachsinnend den Anfang mancher, in der deutschen Lyrik nicht seltener auf das Morgenroth bezüglicher Lieder, doch Françoise schüttelte stets rasch den Kopf und sagte: ´Nein, das war's nicht.´ Endlich war der Vorrath der Recitierenden erschöpft, sie sann umher und versetzte lachend: ´Dann weiß ich nur noch Bürger's ´Lenore fuhr ums Morgenroth´, aber das hat, obwohl Morgenroth und Morgenluft darin vorkommt, wenig mit beiden noch mit dem zu thun, was man sich gewöhnlich an Annehmlichkeit dabei vorzustellen pflegt.´ Françoise's Augen glitten schnell über die vor ihr befindlichen Bücherreihen und sie erwiederte: ´Nun, dann wird es auch das wohl nicht sein und mich däucht überhaupt, wir
thäten klüger, uns um das wirkliche Morgenroth draußen als um das gedruckte zu bekümmern, das nicht die Eigenschaft hat, sich in Mittagshitze und Abendkühle zu verwandeln.´ Françoise that dies auch fortan, indem sie, wie es schien, Beides zu vereinigen suchte, denn Margarite traf sie mehrere Male auf versteckten Plätzen im Freien mit einem Buche auf den Knien, worauf sie unbeweglich die Augen gerichtet hielt und das sie beim Herankommen ihrer Cousine mit leichtem Zusammenfahren in ihrem Kleide verbarg. Doch die Letztere beachtete dies kaum, nur fiel ihr zufällig auf, als sie eines Tags selbst etwas in den Bücherfächern suchte, daß ein Band einer kleinen, durch ihr Alter werthvollen Ausgabe der Bürger'schen Werke fehlte, allein auch dies entschwand, ohne daß sie einen Zusammenhang daran knüpfte, ihrem Gedächtniß.”

 

1874

Kleinsteuber, Hermann. Gefangen in Deutschland. In: Feuilleton zum Pfälzischen Kurier, Nr. 137. Digitalisiert von Google

“[S. 546] Schon am nächsten Tage rückten die achtzigtausend Mann, welche die Besatzuug von Metz gebildet hatten, in Abtheilungen aus, um nach Deutschland in die Gefangenschaft zu wandern. Auch durch Bolchen kamen verschiedene Züge und die Einwohner reichten ihren Landsleuten Brod und Lebensmittel, welche gierig verschlungen wurden. Marianne beging die Unvorsichtigkeit, ganze Körbe mit Aepfeln auf die Straße zu streuen; da fielen denn die Leute darüber her und wälzten sich im Kothe. So mancher Kolbenstoß mußte von der deutschen Begleitungsmannschaft ausgetheilt werden, um den Zug im Gange zu erhalten.
    Marianne hielt jeden Augenblick einen französischen Infanteristen an, um sich nach Günther Benett zu erkundigen; aber es erging ihr wie Bürgers ´Leonore´:
         ´Sie frug den Zug wohl auf und ab,
         Und frug nach allen Namen;
         Doch keiner war, der Kundschaft gab,
         Von Allen, so da kamen.
         Als nun das Heer vorüber war,
         Zerraufte sie ihr Rabenhaar
         Und warf sich hin zur Erde
         Mit wüthiger Geberde.´
Viele von den armen französischen Soldaten starben auf dem Wege buchstäblich im Kothe.”

 

1875

Grosse, Emil. Rezension Briefe von und an G.A. Bürger. In: Wissenschaftliche Monats-Blätter. III. Jahrgang

"[S. 12] Str. [Strodtmann] hofft, diesser Briefwechsel werde die oft gehörte irrthümliche Ansicht zerstreuen, als habe Boie Bürgern ´durch kleinliche Krittelei zu jener übertriebenen ängstlichen Anwendung der poetischen Feile gestachelt, welche in späteren Jahren so manches seiner schönsten Gedichte verdarb´, die Schuld hiervon trage ´einzig und allein´ Schiller's Recension. Meines Erachtens liegt die Schuld weder an Boie noch an Schiller, sondern ´einzig und allein´ - an Bürger selbst: an Boie nicht - das lehrt der Briefwechsel allerdings, denn seine Bemerkungen kann man in der Regel nur für verständig und richtig halten; aber auch an Schiller nicht, das lehrt - seine Recension. Wie kann der die Schuld tragen, welcher gesagt: ´Kein noch so grosses Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen.´ Wenn B. empört über Schiller's Recension dennoch ihre Forderungen zu erfüllen sich mühte, zu dem Zwecke aber· gerade das Mittel ausschliesslich anwandte, welches Sch. als verkehrt ausdrücklich gekennzeichnet hatte, was in aller Welt kann Sch. dafür?
   Diese Anklagen sind durchaus nicht neu. Es ist herkömmlich, jene Recension hart, streng, ungerecht zu nennen. Dabei ereignet es sich auch, dass man über Bürger so urtheilt wie Schiller, dasselbe an B. tadelt, ja mit Schiller's eigenen Worten, ohne ihn freilich anzuführen, Bürgern nicht einmal so lobt, wie Schiller gethan, aber - Schillern ungerecht schilt. Wem das übertrieben erscheint, der lese in der Literaturgeschichte von Heinrich Kurz. Man betont die beiden Vordersätze Schiller's viel zu wenig, oder verschweigt sie auch wol ganz. Erstens: ´nur gegen einen Dichter, auf den so viele nachahmende Federn lauern, verlohnt es sich der Mühe, die Partei der Kunst zu ergreifen.´ Zweitens: ´nur das grosse Dichtergenie ist im Stande, den Freund des Schönen an die höchsten Forderungen der Kunst zu erinnern, die er bei dem mittelmässigen Talent entweder freiwillig unterdrückt oder ganz zu vergessen in Gefahr ist.´ Vergisst man diese Voraussetzungen des Recensenten, dann ist derselbe ungerecht. Das hat Schiller selbst zuerst gesagt. Niemand hat Bürgern je mehr gelobt als Schiller. Die jenen gegen diesen in Schutz nehmen zu müssen glauben, stellen ihn in der That tiefer als Schiller. Seine Voraussetzung wiederholt Schiller ausdrücklich in einer Note zur Abhandlung über naive und sentimentalische Dichtung.
   Schiller soll einen unrichtigen Massstab angelegt haben. Möglich! Das kann dann aber nur heissen, er überschätzte Bürgern! In einer längeren Anmerkung bei Koberstein V5 S. 39, in welcher noch stehen müsste, dass auch Goethe mit Schillers Urtheil einverstanden war, heisst es, dass später Sch. selbst in einem Briefe vom 27. Juni 1798 an Humboldt S. 444 von der Strenge seiner idealistischen Forderungen an die poetische Praxis nachgelassen habe. Wären seine Worte aber auch so zu verstehen, sie sind gar nicht Schiller's Endurtheil über die Recension. Dies schrieb er 1802, als er dem Wiederabdruck hinzufügte: ´So urtheilte der Verfasser vor elf Jahren über Bürger's Dichter-Verdienst; er kann auch noch jetzt seine Meinung nicht ändern!´ Die daran geknüpfte Hoffnung, ´wenn alles persönliche Interesse schweigt, wird man der Intention des Recensenten Gerechtigkeit widerfahren lassen´, hat sich, wie die Bemerkung, von der wir ausgingen, zeigt, noch nicht völlig erfüllt, so richtig die Sache auch von Einigen dargestellt ist, von Niemandem richtiger als von Julius Tittmann."

Grosses vollständige Rezension in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1875

Krembs, Johannes Bernhard. Ueber Gottfr. August Bürger´s Stellung zur Litteratur seiner Zeit. Dissertation Universität Jena.

"[S. 10] Während so in den siebziger Jahren verschiedene Strömungen in der Literatur sich geltend zu machen suchten und überall eine masslose Betriebsamkeit herrschte, da stieg aus deren erster Hälfte G.A. Bürger sehr wohl vorbereitet auf als ein ganzer Mann wie ´Minerva aus dem Haupte des Jupiter.´ Wenngleich dem Hainbunde angehörend [B.stand ihm nahe, gehörte ihm nicht an], blieb er doch nicht unberührt von den grossen und hohen Gedanken Herders, so dass er als der einzige dieses Kreises überzeugt und durchdrungen war von der Nothwendigkeit, die deutsche Kunst an der Quelle der Volkspoesie zu
verjüngen.

[S. 11] Denn Bürger besass alle Eigenschaften, die einen wirklichen Dichtergeist bezeichnen; er hatte eine regsame Einbildungskraft, ein tiefes und ebenso weiches als warmes Gefühl, und wie er alle Eindrücke rasch und sicher in sich aufnahm, so war er zugleich mit einer grossen, schöpferischen Gestaltungskraft begabt. In ihm war eine wirklich grossartige Weise, eine Menge gegebener Stoffe mit weitspähendem Blicke und in der Regel glücklichen Griffen zusammenzuraffen und sie einzuschmelzen im Hochofen des Genies. Zudem beherrschte er die Sprache mit wunderbarer Gewandheit, alle ihre geheimsten Schätze standen ihm zu Gebote. Konnte doch auch das Studium der alten Sprachen und neueren Litteraturren, dem er in Halle und Göttingen in der eifrigsten Weise oblag, nur veredelnd und weiter bildend wirken auf seinen schon natürlich feinen und sicheren Tact für das Rythmische und Wohllautende der Form.

[S. 12] Bürger ist unter allen litterarisch gebildeten Deutschen der erste, den man in einem wahrhaft poetischen Sinne einen Volksdichter nennen darf und als solcher steht er nicht in seiner Zeit, sondern schwebt wie ein Geist aus einer höheren Welt über seinen sterblichen Zeitgenossen, dem sich nur ein Goethe würdig zur Seite stellt.

[S. 14] Nicht minder aber darf unerwähnt bleiben, dass er der Ballade auch in allem, was zur Bildung der Sprache und Versarten gehört, eine klassische Vollendung gab. Bürgers Lenore, welche im Jahre 1773 erschien, bethätigte durch die Wirkung, die sie machte, die Wahrheit und Richtigkeit der Herder´schen Ideen und schien für immer den Bildungsgang in unserer Balladenpoesie zu entscheiden, wie Goethe´s Götz von Berlichingen im Bereich des Drama.

[S. 15] Wenngleich die Alles umfassenden Genien der deutschen Litteratur Schiller und Goethe, welche im Jahre 1797 ihre meisten Balladen schrieben, das Wesen der Volkspoesie erfasst haben mögen, so bleibt Bürger doch unbestritten das Verdienst, wenigstens als der Erste die volksthümliche Ballade behandelt zu haben und daher mit Recht der Vater und Repräsentant der vereinten Volks- und Naturdichtung genannt zu werden. Unübertrefflich aber bleibt er in der Darstellung des Einzelnen sowohl als der Situation und Charaktere, und kein anderer Dichter erreicht ihn an dramatischer Lebendigkeit, so dass die Wirkung seiner Balladen geradezu unwider[steh]lich ist.

[S. 16] Obgleich aber Bürger in seinen epischen Gedichten am grossartigsten ist und am meisten wirkte, so war er auch als Lyriker von mächtigem Einflusse auf die Entwicklung der Poesie seines Zeitalters.

[S. 17] ...und in seinen Gedichten gibt es Vieles, das sich in Poesie und Empfindung und in Schmelz und Wohllaut dem Schönsten anreiht, was deutsche Dichter gesungen; besonders gilt dies von seiner Liebeslyrik. Eine Gluth und Zartheit, eine Lust und glückerfüllte Munterkeit, die unwiderstehlich hinreisst. Mit zutraulicher, oft mit derber Herzlichkeit malt hier der Dichter die anmuthigsten Mädchengestalten aus, wie es ihm eben der Natursinn eingibt. Seine Bilder sind überaus einfach, volksthümlich und ländlich. Der Genius legt alle Blitze der Erhabenheit nieder, um sich mit kindlicher Freude in das blumige, reizende Mädchenbild zu versenken, das ihm eine verschwenderische Fülle der Jugend entgegenathmet. Der Dichter zeigt sich hier als Meister der von Lessing empfohlenen Kunst, seine Gestalten nicht sowohl durch unmittelbare Darstellung, als durch Wirkungen und Beziehungen zu malen.

 [S. 20] Es mag zugegeben werden, dass man in den lyrischen Gedichten Bürgers hier und da die Würde vermisst, von der auch die naivste Poesie sich nicht lossagen darf; aber die naive Tändelei, die dem feierlichen Schiller an Bürgers lyrischen Gedichten missfiel, gehört zu ihrem Wesen und kann nur dem missfallen, der sich überhaupt keine wahre Schönheit ohne eine gewisse Feierlichkeit denken kann.

[S. 24] Neben Goethe war Bürger ohne Zweifel in den siebziger Jahren das bedeutendste Talent. So weit Bürger sich seinem Genius überläßt, ist er wahrhaft gross im Epischen und Lyrischen. Jedoch wie nicht fest im Leben, war er auch haltlos in seinen ästhetischen Ansichten oder vielmehr in den Folgerungen, die er aus ihnen zog.

[S. 25] Um dieselbe Zeit, als Herder seine Stimmen der Völker sammelte und in feinsinnigster Weise übertrug, und Goethe den König von Thule und den Erlkönig dichtete, wucherte in Bürger unausrottbar die aus der bänkelsängerischen Verwilderung des Volksliedes entsprungene Anschauung, als müsse die Ballade eine rührende Schauergeschichte oder eine auf rohe Lachmuskeln berechnete Schwankgeschichte sein. Auch der Ausdruck einer gemeinen und zurückstossenden Leidenschaftlichkeit schien ihm nur zur Wahrheit und Wärme des poetischen Colorits zu gehören, und oft wird mit schamloser Offenheit Alles, was Sittlichkeit und Sitte vor Aug´ und Ohr verhüllen, der Anschauung bloss gestellt, so dass die Wellen der Luft hoch gehen und weit über die Ufer schlagen. Solche Mordgeschichten wie ´des Pfarrers Tochter von Taubenheim´ sind bloss geschmacklos; aber die schmutzige Erzählung von ´Veit Ehrenhold´ und ´die Königin von Golkonde´, ferner ´die Frau Schnips´, gegen welche der naive Volksschwank von Hans Pfriem ein wahrer Juwel ist, sind ein moralischer Flecken, und ihnen gleichen Bachus, Fortunens Pranger, der Raub der Europa, die Menagerie der Götter.

[S. 29] Von seiner verzehrenden Liebesgluth und Leidenschaft wird er nicht selten in seinen Gedichten verzehrt, und sie sind nicht bloss der Gegenstand, den er besingt, sie sind leider auch der Apoll, der ihn begeistert. Die Schwüle brünstiger Genusssucht, nicht die Heiterkeit ´lieblicher Sinne´ schwebt selbst über vielen sonst so schönen Liebesliedern. Daher entwickelt sich Bürgers erotische Poesie nur allzu sehr zur Besonderheit, so dass selbst jenes in seiner Art vollendete grosse erotische Gedicht, das hohe Lied auf Molly, sich gegen den Abend eines abenteuerlichen Lebens hin ganz in unpoetisches und zufälliges Detail hineingewühlt hatte.

[S. 30] Bürger jedoch versteht es nicht, sich und seiner Leidenschaft fremd zu werden, den Gegenstand von seiner Individualität loszuwickeln, seine Leidenschaft aus einer milderen Ferne anzuschauen, um das in ihr liegende tragische Element durch eine höhere Weltanschauung zu versöhnen und zu idealisiren."

Krembs Dissertation in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1875

Dilthey, Wilhelm. G.A. Bürger und sein Kreis. In: Westermanns Monatshefte Juli 1875, S. 443-448 unter Pseudonym Wilhelm Hoffner, auch in: Die grosse Phantasiedichtung und andere Studien zur vergleichenden Literaturgeschichte. 1954.

“[S. 229] Im Jahre 1791 erschien in der Jenaer Literaturzeitung, damals dem Organ von Goethe, Schiller und Kant, der dominierenden Zeitschrift Deutschlands, eine Kritik des Dichters Gottfried Bürger von Schiller, welche ein ungeheures Aufsehen in der literarischen Welt Deutschlands machte. Schiller instruierte förmlich einen Prozeß gegen den Volksdichter Bürger und den Beifall, den er in der Nation gefunden hatte. Er trat den Beweis an, daß Bürger in intellektueller und sittlicher Beziehung unter dem Niveau der gebildeten Klassen stände, an welche seine Gedichte gerichtet seien. [...] Erklärte er doch, daß nichts in dem intellektuellen oder moralischen Zustande dieser Poeten ihn allzusehr überrasche nach seiner Kenntnis ihrer Gedichte. Und seine Kritik Bürgers griff aus der Herde nur den Kräftigsten, sie gab sich nur als ein erster Anfang, kurz diese Kritik Schillers ist der Ausdruck der tiefsten und gründlichsten Abneigung, welche der große und vornehme Dichter gegen die ganze Gesellschaft lyrischer Poeten hatte, in deren Mitte er leben mußte.
    Die Geschichte hat Schillers Urteil bestätigt. Die Literaturhistoriker möchten immer noch an ihm modifizieren. In Wirklichkeit leben von Gedichten Bürgers heute nur noch ein paar im Bewußtsein der Nation, und das hervorragendste von ihnen, Lenore, lebt ebensosehr durch die unverwüstliche Macht des volksmäßigen Gesanges, nach welchem es gedichtet ist, als durch die ungestüme sprachgewaltige Darstellung Bürgers. Auch Goethe hat ganz wie Schiller empfunden und sich ebenso hart in kurzen Worten über Bürgers Plattheit erklärt; schon der parodistische Sinn ärgerte ihn, ´der das Große und Edle herabzieht und ein Symptom enthält, daß die Nation, die daran Freude hat, auf dem Wege ist, sich zu verschIechtern´ .
   Wenn heute der Prozeß noch einmal instruiert werden sollte, so liegt nun für den Punkt, den Schiller ins Auge faßte, die Persönlichkeit, welche hinter den Dichtungen steht, ein umfassendes Beweismaterial für Anklagen und Verteidigungen vor. Es liegt vor in einer unverkürzten und ganz authentischen Gestalt; wenigstens nur an wenigen Stellen ist das Privateste unterdrückt. Wir verdanken diese Vorlage des ganzen Tatbestandes dem unermüdlichen und erfolgreichen Sammelfleiß von Adolf Strodtmann, welcher in vier Bänden die gesamte erreichbare Korrespondenz Bürgers dem Publikum vorgelegt hat. Das Interesse dieser Korrespondenz reicht aber weit hinaus über die Person Bürgers, ein bedeutender Teil jener dichterischen Generation tritt hier höchst anschaulich und in realistischen Zügen vor das Publikum. Ein guter Teil des allgemeinen Urteils von Schiller über diese poetische Gesellschaft kann hier an ihren Personen bemessen werden.

[S. 232] Und hier macht man eine Erfahrung, welche die Auffassung Schillers in ihrem tiefsten Grunde bestätigt. Alle diese Menschen machen ein Metier aus ihren Gefühlen und deren ergreifendem, starkem Ausdrucke. Sie begrüßen sich gegenseitig als die süßen Minnesänger, singen einander an und sind unermüdlich, sich Momente des gehobenen Gefühls abzulauschen. Einige von ihnen erscheinen in ihrem Leben regellos und glauben der Denkart der meisten Menschen keine Art von Rücksicht schuldig zu sein. In ihrer innersten Betrachtung des Lebens aber sind sie alle Philister, d. h. die Durchschnittsvorstellung des gewöhnlichen Menschen über die Ziele des Lebens und die Durchschnittsschätzung der Güter desselben sind die ihrigen. Dies ist vielleicht der für ihre Beurteilung instruktivste Punkt.

[S. 236] In denselben Tagen, in denen ich diese Korrespondenz las, kamen mir die bei den Biographien des hervorragenden englischen Denkers John Stuart MiIl und des hervorragenden Historikers des alten Griechenland Georg Grote entgegen. Mir war, indem ich diese Biographien las, wie einem, der die schmutzigen und winkligen Gassen einer Vorstadt hinter sich läßt und mit einem Mal den reinen Atem von Berg und Fluß zu sich herüberwehen fühlt.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1875

Strodtmann, Adolf. Bürger´s politische Ansichte. In Neue Monatshefte für Dichtkunst und Kritik.

“[S.217] Ein glühender Haß gegen Fürstenwillkür, Adelsübermuth, Archonten-Nepotismus und politische Barberei zieht sich durch den ganzen Briefwechsel Bürger´s und Goeckingk´s, wie er sich auch in ihren Gedichten oft genug Luft macht. Bürger´s Zornlied des Bauers “an seinen durchlauchtigen Tyrannen”, dies an Kraft und Kühnheit unübertroffene Vorbild unserer späteren social-politischen Dichtung, entstand lange vor der französischen Revolution.

[S. 221] Es versteht sich von selbst, daß Bürger sowohl wie Goeckingk bei ihren demokratischen Gesinnungen den Ausbruch der französischen Revoluition mit nicht minderem Jebel begrüßten, als Klopstock,[...].

[S.223] Der anfängliche Rückzug der Revolutionsarmee und die ersten Niederlagen derselben im Jahre 1792 hatten Bürger so überrascht und empört, daß er einen Augenblick fast in dem Glauben an die französische Republik irre ward, und sein entrüstetes “Straflied beim schlechten Kriegsanfange der Gallier” dichtete, das er mit dem verwandten Epigramm “Unmuth” im Musenalmanache auf das Jahr 1793 drucken ließ. Letzteres lautete:
   Der Henker hole sie, die schönen Seifenblasen
   Von euerm Freiheitsmuth und seiner Riesenkraft,
   Wenn beides schon im ersten Kampf erschlafft!
   Mit Fäusten schlagt den Feind und nicht mit Rednerphrasen!”

Bürger´s politische Ansichten von Strodtmann in der ONLINE-Bibliothek.

 

1875

Grisebach, Eduard. Die Deutsche Literatur 1770-1870.

 “[S. 133] Bürger´s Lenore und die andern haupt-balladen sind zugleich ächt volksmäßig, d.h. nationaldeutsch, vom englischen charakter wesentlich verschieden, und zeigen überall im hintergrunde die individualität des denkenden kunstdichters. Beides gilt von seinen andern lyrischen gedichten in gleichem masse.- Der wilde Jäger stellt die noch heute lebendigen, ebenfalls uralten volksvorstellungen reiner dar, in trefflicher konkreter gestalt und in ebenso glänzender künstlerischer form, wie sie die Lenore auszeichnet. Die onomatopoetischen ausrufe in beiden gedichten kann nur die überweisheit tadeln; Walter Scott bildete sie vorzüglich nach:  
              Tramp! tramp! along the land they rode
              splash! splash! along the sea.”
Ja, der deutsche literaturhistoriker kann hier mit stolz verzeichnen, dass diese beiden werke von dem grossen Walter Scott in´s Englische übersetzt sind, welcher mit ihnen seine schriftstellerlaufbahn eröffnete “The chase and William and Helen, two ballads from the german of G.A. Bürge. Edinburgh and London 1796”. Dass Goethe und Bürger sogleich in die sprachen des auslands übertragen wurden, verbrieft uns erst das wirkliche dasein einer neuen deutschen literatur.”

Grisebachs Deutsche Literatur 1770-1870 in der ONLINE-Bibliothek.

 

1875

Loeper, G. von. Anmerkungen zu Dichtung und Wahrheit. In: Goethe's Werke. Dreiundzwanzigster Theil, Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 162] 645. Bürger's Lenore (S. 28) erschien wenige Monate nach dem ´Götz´ im Herbst 1773 (Gött. Mus.-Alm. v. J. 1774). Auch Goethe nahm das Gedicht mit Enthusiasmus auf (vergl. die Briefstelle in Anm. 456). André's Komposition für eine Singstimme ward von Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Liedes. Die Ballade ist (uns liegt die 2te verbesserte Auflage vor, Berlin bei Maurer 1782, 33 Seiten) dramatisch behandelt, ganz durchkomponirt, mit Wechsel der Tonart und des Tempo und den Wendungen des Gedichts entsprechender, jedoch mäßiger Tonmalerei. Die Komposition bildet so einen etwas naturalistischen Vorläufer von Schubert's ´Erlkönig´. Sie setzte die Zeitgenossen in Entzücken und erschien ihnen wie eine neue Offenbarung. Biester schreibt darüber an Bürger im Winter 1776: ´Kennst Du schon Deine L enore von A ndré in Musik gesetzt? Du glaubst nicht, was beide Gerstenberg für hohe musikalische Talente haben. - Sie spielte, und sie und er sangen; denn die Lenore ist als Duett gesetzt [ist nicht richtig; jedoch werden die Ehegatten die Worte Wilhelm's und Lenorens unter sich vertheilt haben]. O Bürger! Bürger! Wärst Du doch da gewesen! Solche Herrlichkeit der Musik, solche Kraft des Gesangs! Wie jeder Gedanke ganz ergriffen ist und ganz ausgedrückt! Voll Wahrheit! Voll Natur! Einige Stellen sind über allen Ausdruck vortrefflich. Wie hat's mein Herz gelabt! Und wie entzückte mich's, dabei an Dich zu denken´ (Strodtmann's Bürger, Nr. 288).

Die Aeußerung Ewald's über Goethe's Deklamation in Anm. 400 bezieht sich eben auf die damalige Zeit, mithin vorzüglich auf den Vortrag der ´Lenore´.”
 

1875

Röper, Paul. Tanne. In: Bilder aus Mecklenburgs Vor- und Jetztzeit, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 1] Und wenn sie gefällt ist, da liefert das gesägte Brett das Material zur Wiege, zum Bett, zum Tisch, auf dem das Mittagsbrot aufgetragen, und zum Sarge.
    Zum Sarge!
Zwischen den Brettchen der Wiege und zwischen den ´sechs Brettern und zwei Brettchen´ des Sarges, welch´ ein unbegrenzter Strom von Wünschen und, Hoffnungen und Gedanken, welche Fluth von Liebe und Ehrgeiz, von Habsucht und Wissensdrang!
   Sechs Bretter und zwei Brettchen.”

 

1875

Thiele, H. Kaiser und Papst. In: Freimund's kirchlich-politisches Wochenblatt für Stadt und Land, Donnerstag, den 18. Februar. Digitalisiert von Google

“[Sp. 51] Die Bischöfe werden ihre Strafe erleiden und harren. Am wahrscheinlichsten ist es uns, daß es schließlich damit gehen wird, wie es im Liede heißt: ´Der König und die Kaiserin des langen Haders müde, erweichten ihren harten Sinn und machten endlich Friede.´ Wir wünschen von Herzen, auch diese Friedensglocken noch läuten zu hören und - je eher, desto beßer. Dominus providebit (der Herr wird's versehen)! - -”

 

1875

Kipper, Hermann. Dritte Scene. In: Kellner und Lord: komische Operette in 1 Akt , Leipzig. Digitalisiert von Google

”[S. 8] Zuerst: großes Festessen und Liedertafel, darauf: theatralische Vorstellung, und zuletzt: Tanz. Dann fahren sie endlich, wie Leonore, ums Morgenroth heim und ich - krieche todtmüde um dieselbe Zeit oder noch etwas später in mein Dachkämmerlein. Welch' geplagtes Leben führt doch ein armer Kellner!”

 

1875

Grosse, Julius. Dritter Gesang. In: Abenteuer des Kalewiden, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 43]    [...]
     Von des Abends Schultern streute ihren letzten Purpurschimmer
     Scheidend noch herab die Sonne; hie und da im Glühwurmflimmer
     Ließ vom Wipfel bald der Birken, bald der ruhelosen Espen
     Sich ein Vogel noch vernehmen; Bienen schliefen längst und Wespen,
     Doch als wiederkam die Sonne, roth den Birkenwald zu säumen,
     Fuhr empor der Kalewide, fuhr empor aus schweren Träumen
     Und dann sprang er auf die Fersen, kämmt' mit Fingern sich die Locken,
     Schleuderte den Schlaf zum Walde, der beschneit mit Blüthenflocken.
         [...]”

 

1875

Grimme, Friedrich W. Fünfte Scene. Meister Fastabend in seiner Stube. In: De Kumpelmäntenmaker, Münster. Digitalisiert von Google

“[S. 69] Wann ik niu sau 'n recht schoin Versken wüßte van der Liebe! Wachte! ik konn ase Junge sau 'n nett Laid, do kam en Wyiwesmenske in füär, dat hette Lenörken. Niu wachte: biu hett doch dat Versken? - Richtig: (er schreibt und spricht) ´Holla, holla! thu' auf, mein Kind! schläfst, Liebchen, oder wachst Du? Wie bist noch gegen mich gesinnt? und weinest oder lachst Du?´ - Dat passet niu äinzig! In diär Froge is eigentlich alles saggt, bat ik selwer frogen woll. ´Thu auf, mein Kind!´ . . . dat is ungefähr datselftige, ase wann ik säggte: ´Brümme is de Kükendüähr ümmer tau?´ Un: ´ schläfst, Liebchen, oder wachst Du?´ Dat is sauviel ase: ´brümme hör' ik un saih' ik nix van Dyi?´ - ments finner iutgedrücket . . . do kann't op riuken! - ´Wie bist noch gegen mich gesinnt?´- Dat is en Woort, do hanget tain Punt an. Biu bist Diu gesinnet? Fröntlik? hiärtlik? holdsiällig? liebreich? anmaidig? - Ik huapp' et, ik huapp' et. Un bist Diu gesinnet, moren met no'm Büreau te gohn? Ik huapp' et. - ´Und weinst Du oder lachst Du?´ Schoin! Do sett' ik iut eigner Invänz ments nau ächter: ´Und bist Du roth oder todt?´ Schoin! et lutt. (Pause)”

 

1875

Schlögl, Friedrich. Aus dem "Loch" (März 1869.) In: "Wiener Blut." Kleine Culturbilder, Wien. Digitalisiert von Google

“[S. 311] Diese Fragmente einer Muster-Schmiere, die Ueberreste einer Deklamations-Armada, die in Luttenberger- und Kerschbacher-, Villaner- und Karlowitzer-Fluthen nicht unrühmliche Siege erfocht und nur auf den Sandbänken bei Schwechat auffuhr, resp. in der prosaischen Zone der Müller kein kunstsinniges Auditorium fand, sahen allerdings ein Bischen trübselig aus. Ich frug sie um ihr Repertoire. Sie huldigten noch der alten Schule und waren nur auf ´Pfefferrösel´, ´Fridolin,´ ´Lenore´ und ´Wer wird Amtmann?´ eingerichtet. ´Lenore´ gaben sie, wie sie versicherten, besonders schön. Auf einem Zettel stand es auch schwarz auf weiß gedruckt: ´Zum Schlusse der Vorstellung erscheinen Wilhelm und Lenore als Gespenster zu Pferde bei bengalischer Beleuchtung.´ Dennoch glaube ich, fanden die Aermsten diesmal kein Engagement, wenn sie nicht etwa für das ´Herkulanum´ gewonnen wurden, dessen Prinzipal die disponiblen Kräfte eindringlich musterte.”

 

1876

Hettner, Hermann Julius Theodor. Gottfried August Bürger. In: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 3, Seiten 595-600

“[S.600] Aber man thut Unrecht, wenn man im Hinblick auf diesen scharf ausgeprägten volksthümlichen Zug vorzugsweise immer nur die Balladen Bürger’s ins Auge faßt; höher noch steht seine Lyrik. Gewiß gehört die Lenore zu den schönsten Perlen deutscher Dichtung; ein solches Hereintreten in die Tiefe der Gemüthswelt und in die düstere Region des Nächtlichen und Gespenstigen kann nur dem Auserwählten gelingen; aber trotz aller Macht und Pracht der Gestaltung stört die moralisirende lehrhafte Fassung des Grundmotivs und stört insbesondere auch die spielende Ueberladung der Tonmalerei, die dem schlichten Naturlaut des Volksliedes widerspricht. Und die späteren Balladen Bürger’s, so reich auch sie an markigen Zügen sind, zeigen doch leider nur eine sich steigernde Vergröberung in das Platte und Burleske. Um dieselbe Zeit, da Goethe den „König von Thule“ und den „Erlkönig“ dichtete, wucherte in B. noch unausrottbar die aus der bänkelsängerischen Verwilderung des Volksliedes entsprungene Anschauung, als müsse die Ballade durchaus eine rührende Schauergeschichte oder ein auf rohe Lachmuskeln berechneter Schwank sein. Die Lyrik Bürger’s dagegen hat gar manches Lied, das sich an Tiefe der Empfindung und an Schmelz und Wohllaut des Verses dem schönsten anreiht, was deutsche Dichter gesungen. besonders gilt dies von den Liedern an Molly, vorausgesetzt, daß man sie in ihrer Urgestalt liest, bevor eine durch Schiller’s bittere Kritik veranlaßte überängstliche Feile sie abschwächte und verkünstelte. In diesen Liedern und Sonnetten ist eine Gluth und Zartheit, eine Ausgelassenheit jubelnder Lust und Munterkeit, deren süßem Zauber sich keiner entziehen kann. Nur selten werden schmerzvolle Töne angeschlagen und dann nicht in koketter Zerrissenheit, sondern immer nur mit dem tief elegischen Sehnen nach Friede und Versöhnung. B. ist einer der Größten der Sturm- und Drangperiode und zugleich eines ihrer unglückseligsten Opfer.”

 

1876

Hoefer, Edmund. Von der Stiftung des Hainbundes bis zur Rückkehr Goethe´s aus Italien (1788). In: Deutsche Literaturgeschichte für Frauen und Jungfrauen. Stuttgart

“[S. 105] Denn dieses, sein dichterisches Talent ist von der Art, daß wir unter unseren Dichtern nur wenige seines Gleichen und kaum eines oder
ein paar finden, die ihm wirklich überlegen gewesen sind.

[S. 106] Ueber seine Schwächen und Verirrungen wollen wir den Schleier des Schweigens und Vergebens decken. Sagen wir nur das Eine, daß es unter unseren großen Dichtern fast nur einen oder zwei gibt, welche von den ebenen und zahmen Pfaden des Lebens in der Glut und Leidenschaft der Jugend nicht einmal ungestüm auf die wilden und rauhen hinübergeschweift sind. Was ihnen zu Hülfe kam und sie rettete, günstige Verhältnisse, eine gesellschaftliche Stellung, nachsichtige und thätige Freunde - dem armem Bürger ist von dem allen wenig oder nichts zu Theil geworden. - Das wollen und dürfen wir nie vergessen. [...]
   Seine ´Lenore´ dagegen ist eine ureigene Schöpfung seines Geistes, ein mächtiges, nie wieder erreichtes Werk, das seinen Ruhm mit einem Schlage begründete und heut wie damals als ein Kleinod unserer gesammten Dichtung erscheint. Selbst Bürger hat, was er hier erreichte, niemals wieder zu Stande gebracht, obschon er noch manches Gute - z. B. ´Das Lied vom braven Mann´ - geliefert hat.
   Einen fast noch höheren Werth müssen wir Bürgers Lyrik zugestehen, nur muß man es bei ihm noch entschiedener als bei manchem anderen Dichter festhalten, daß man diese Lieder in ihrer ersten Gestalt liest, bevor die spätere Bearbeitung den ursprünglichen frischen Duft und Reiz von ihnen fortkünstelte. Dann finden wir in ihnen, zumal in den Liebesliedern, diesen Duft und Reiz, eine Tiefe der Empfindung, eine glückselige Heiterkeit, einen Wohllaut des Verses, sie sich dem Schönsten an die Seite stellen, was wir besitzen. Der arme Bürger, dem das Leben schwerer bettete, als irgend einem Anderen, weiß nichts von dem gemachten Weltschmerz und all den eingebildeten Herzensjammer, die später auch unsere Poesie zu einem Jammerthal gemacht haben, und wo einmal die Klage laut wird, ist auch sie voll Wahrheit und ein ächter Schmerzenston des Herzens. - Das Sonett endlich hat Bürger nach langer Ruhe zuerst wieder aufgenommen und zu einer Vollendung erhoben, die noch heute nicht übertroffen ist. - Mit einem Worte, Schiller, der in einer bittern Recension Bürger herab- und sogar unter den Vers- und Reimspieler Matthisson setzte, hat Bürger weder von seiner Stelle in unserer Poesie, noch aus dem Herzen seiner Nation zu verdrängen vermocht, sondern zeigt nur, wie auch ein großer Geist sich einmal verirren und zur vollen Ungerechtigkeit steigern kann.“

 

1876

Jugler, August. Anmerkung. In: Aus Hannovers Vorzeit, Hannover. Digitalisiert von Google 

“[S. 15] Von dem Mißbrauch des Chargenschmauses in Hannover zu einer späteren Zeit handelt ein in etwas derbem Geschmack verfaßtes, nach der Melodie: Lenore fuhr um's Morgenroth usw. zu singendes Lied: ´Für zwei Schillinge Gelbe Erbsen mit Speck oder der Chargen-Schmaus auf dem Walle zu Kapadozia."

Bereits 1872 war folgende Meldung zu lesen:
“Gaedechens, C. F. Die Eintheilung der Bürgerwache in Kolonellschaften. In: Hamburgs Bürgerbewaffnung: ein geschichtlicher Rückblick, Hamburg.  
´[S. 19] Den Chargen erwuchsen mancherlei Unkosten durch die vielen Schmausereien bei den Wachtzügen, denn jeder, der eine Charge erhielt, mußte eine Chargenmahlzeit geben.1)

1) Persiflirt ist eine solche in: Gelbe Erbsen mit Speck oder der Chargen-Schmaus a. d. Walle z. Kapadozia. Aus dem Chaldäischen versifizirt v. Hieronymus Knicker. 1800.´

 

1877

Strodtmann, Adolf. Aus Bürgers Amtmannsleben. In: Berliner Sonntagsblatt. Gratis-Beiblatt. 24.Juni

„[S. 197] Ich habe im Laufe der Jahre ein umfangreiches Aktenmaterial zur Aufhellung dieser dunklen Partie in Bürgers Leben gesammlet, das ein grelles Licht auf den schmachvollen Zustand kleinstaatlicher Gerichtspflege im vorigen Jahrhundert wirft; ich will an dieser Stelle Einzelnes daraus mittheilen. Viel Leidwesen verursachten Bürger die im Lande herumziehenden fremden Werber, welche manchen kräftigen jungen Burschen seines Gerichtssprengels mit List oder Gewalt in ihre Netze lockten und, nachdem sie ihn betrunken gemacht, bei Nacht und Nebel über die Grenze schleppten. Derartige Vorgänge brachten den unglücklichen Dichter mehr als einmal in scharfen Konflikt mit einem seiner nächsten Vorgesetzten, dem ihm besonders feindlich gesinnten Obristen Carl August Wilhelm von Uslar, der zu wiederholten Malen seine eigenen Unterthanen durch seine Werber zum Soldatendienste in seinem zu Münden stationierten Regimente pressen ließ. Mit unerschrockener Pflichttreue nahm Bürger in solchen Fällen die Rechte der ihm anvertrauten Untergebenen wahr und ließ sich durch keine Drohungen einschüchtern. So gelang es ihm einmal  durch energisches Einschreiten die Befreiung eines schwächlichen Schneiders zu erwirken, dem die Werber im Rausche die Montur angezogen und das Handgeld in die Tasche gesteckt hatten.“

Strodtmanns Bürgers Amtmannsleben in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1877

Duboc, Julius. Bürger´s Charakter in seinem Liebesleben. Eine psychologisch-ethische Studie.
In: Gegen den Strom. 

“[S.19] Bürger war, wie auch Boie von ihm rühmt, im Ganzen eine zu biedere Natur, um sich von vornherein mit jesuitischen Deutungskünsten selbst um das Bewußtsein und das Gefühl seiner Pflichten zu betrügen. Erst später, nachdem er dieselben einmal über Bord geworfen, versucht er es gelegentlich mit einer entstellenden oder beschönigenden Wendung. Aber der anfänglich schwere Kampf, den er gekämpft, bezeugt, wie hoch ihm das Heiligthum der Pflicht stand, wie theuer ihm das sittliche Ideal war: so zu handeln, wie ihm die gewissenhafte Erwägung dessen, was er Anderen schuldig war, vorschrieb. Es drückte gewiß sein innerstes Empfinden aus, als er 1777 - die Stelle ist weiter oben bereits mitgetheilt worden - an Sprickmann schrieb: “Ich darf nicht einmal wünschen, denn die Wünsche, die allein zu meinem Heil abzwecken könnten, scheinen mir schwarze Sünde , wovor ich zurückschauere.” In seinem Verhältniß zu Doretten handelte es sich ja auch nicht blos -dies darf man nicht übersehen! - um das Halten eines Gelöbnisses, weil dasselbe nun einmal gelobt worden war, nicht blos darum, daß einem zu Recht bestehenden Anspruch genügt wurde, weil derselbe nun einmal zu Recht bestand, sondern gleichzeitig darum, daß, indem Bürger dem magnetischen Zug der Leidenschaft für Molly folgte, er ein ihm ganz in Treue ergebenes, seinem Wort vertrauendes Herz aufs Schwerste, vielleicht (wie dies der Ausgang denn auch bestätigte) unheilbar, bis auf den Tod verwundete. Jede edelmüthige Regung seines Innern, jeder loyale und großmüthige Gedanke seiner Seele stand daher auf Seiten Dorettens, es war kein irgendwie verblaßtes und verkümmertes, sondern das volle sittliche Ideal, welches ihm innerlich zurief: Dort ist Deine Stelle und wenn Du dort wankst, so verräthst Du Alles, was Pflicht, Mannesehre und Großmuth von Dir heischen.

[S.21] Ein tragisches Schicksal, “der Conflictsfall zwischen zwei gleich mächtig wirkenden Potenzen im Innern des Menschen”, war entstanden und mochte Bürger nun Molly für Dorette oder dieser für jene entsagen, mochte er dem Heiligthum des sittlichen Ideals oder dem Heiligthum seiner neu erstandenen Liebe Treue halten, immer konnte er den ethischen Vollgehalt seiner Natur nur dadurch bewähren, daß der Conflict sich an ihm tragisch vollzog, d.h. daß er in demselben zu Grunde ging, daß sein Lebensschiff an den unlösbaren Widersprüchen wie an Felsenriffen völlig scheiterte oder zum entmasteten Wrack wurde. Das Umgekehrte vollzog sich aber : Bürger rettete sich und ließ Dorettens Lebensschiff zu Grunde gehen.”

Bürgers Liebesleben von Duboc in der ONLINE-Bibliothek.

 

1877

Anonym. Eine weibliche Reise nach Suez. In: Fliegende Blätter, Nro. 1704. München. Digitalisiert von Google

“[S. 91] Die Kabylen sprengten in sausendem Galopp über die Oase. Der Erste derselben packte mich im Vorüberreiten bei meinem Schwanenhalse und hob mich zu sich auf sein schnaubendes Roß. Der Zweite ergriff den staunenden Professor, der Dritte die lautschluchzende Nettel, der Vierte den schlafenden Mohren, der Fünfte, Sechste und Siebente unsere Bagage, der Achte, Neunte und Zehnte die Zügel unserer Kameele, und ´hopp, hopp, hopp gings fort im sausenden Galopp, daß Roß und Reiter schnoben und Kies und Funken stoben.´ Wie lange wir fortgeritten waren, weiß ich nicht. Mein Entführer war ein sehr hübscher, junger Mann mit kohlschwarzem Barte und glühenden Augen. “

 

1877

Herwegh, Georg. Ballade vom verlornen König. In: Neue Gedichte von Georg Herwegh. Milwaukee, Wisc. Digitalisiert von Google 
 
“[S. 158]    [...]

In Baiern, da war große Noth;
Der Pfordten fuhr ums Morgenroth
Empor aus schweren Träumen,
Fuhr nach den Königsräumen
Und suchte hin und her:
In Baiern ist kein König mehr.
    [...]
Laut jubelt Bajuwaria,
Da sie den König wieder sah,
Mit Fußvolk und mit Reisigen.
Gottlob! daß von den Dreißigen
Nicht eine einz'ge Majestät,
O Michel, Dir verloren geht.”


 

1878

Hirsch, Franz. Bürger. In: Illustrirte Literaturgeschichte des deutschen Volkes. Berlin.

“[S. 240] Das große Verdienst Bürgers um die deutsche Dichtung beruht wesentlich darin, daß er im Sinne Herderscher Weltpoesie das volksthümliche Element in der epischen und lyrischen Dichtung, welches seit dem Ausgang des Mittelalters und dem Beginn der Reformationszeit der deutschen Dichtung entschwunden war, wieder und in neuer Form zu Ehren brachte. Eine so nachhaltige und ergreifende Wirkung, wie sie die Bürgerschen Balladen aufweisen, ist neben Goethes und Schillers Gedichten keinem deutschen Poeten beschieden gewesen. So mochte Bürgers Ausspruch: ´die Popularität eines poetischen Werkes sei das Siegel seiner Vollkommenheit´, in seinen Werken lebendige Bestätigung finden.

[S. 241] Dabei unterscheidet sich der Wohllaut Bürgerscher Dichtung von der Correctheit eines Voß ungemein. Jeder Gedanke wird bei Bürger Fleisch und Blut, jeder Vorgang zum lebendigen Bilde. Man denke an die Ballade ´Der wilde Jäger´, die Entführung und die durch reizend schalkhaften Humor ausgezeichnete Umarbeitung eines alten Stoffes, welche unter dem Titel ´Der Kaiser und der Abt´ Gemeingut des deutschen Volkes geworden ist. [...] Es liegt nicht im Raume noch in der Absicht dieser gedrängten Darstellung, alles Gute und Schöne, was deutsche Dichter geschaffen haben, hervorzuheben. So können wir auch von Bürgers reicher Lyrik nur das wunderschöne, mit des Dichters Herzblut geschriebene und sich unauslöschlich ins Herz grabende Gedicht ´Als Molly sich losreißen wollte´, hier erwähnen.“

 

1878

Brehm, Alfred Edmund. Unke: Vorkommen. In: Brehms Thierleben, Siebenter Band. Leipzig. Digitalisiert von Google 

“[S. 501] Bürger weiß das schauerliche der Weise eines ´Geistergesanges´ nicht treffender zu schildern als durch die Worte:
  ´Ihr Lied war zu vergleichen
   Dem Unkenruf in Teichen´,
- gerade, als ob sein Ohr jemals durch den Laut dieser Thiere beleidigt worden wäre. Wahrscheinlich will er weniger seine eigene Ansicht ausdrücken, als Rechnung tragen einem uralten Aberglauben des Volkes, welches mit der Unke und ihrem Leben Bilder des Grauens und Entsetzens verbindet, ohne daß es weiß, warum. Allerdings belebt die Unke sehr gern auch die wasserreichen Stellen des unheimlichen, weil schwer zugänglichen und trüherischen Moores, und in der That klingt ihr Ruf nicht heiter und fröhlich, wie der des Teichfrosches, sondern schwermüthig und traurig: [...].”

 

1880

Brahm, Otto. Drittes Kapitel. Törrings Dichten. In: Das deutsche Ritterdrama des achtzehnten Jahrhunderts. Studien über Joseph August von Törring, seine Vorgänger und Nachfolger. Strassburg. Digitalisiert von Google

“ [S. 21] 1. Gedichte.
Im Familienarchiv zu München wird eine im November 1795 verfasste Beschreibung der ´Privat-Pappiere´ Törrings bewahrt, von denen das für uns Wichtigste die Nummern 19 (´Fragmente das vaterländische Trauerspiel Agnes Bernauerinn betreffend´), 20 (´das vaterländische Schauspiel betitelt Caspar der Thorringer; die wegen dessen in Klagenfurt heimlich veranstalteten Druck sich anbegebene Correspondenz s. a. betreffend. Von ao. 1779-85´) und 21 (´Gedichte, Lieder s. a. betreffend´) gewesen sein müssen. Die Documente selbst aufzufinden ist mir trotz aller Mühe leider nicht gelungen, mit Ausnahme der Lieder; diese sind zu einem Heft vereinigt mit der Bezeichnung: ´Lieder für das Clavier, mit einem Späthischen Flügel zu begleiten, 1788´. Die Zahl deutet jedenfalls auf das Jahr, in dem die Compositionen zusammengestellt wurden, nicht auf das Jahr der Entstehung. Es sind im Ganzen 29 Gedichte, darunter 17 von Bürger,* 8 von Fritz Stolberg, 1 von Christian.

* 1. Lust am Liebchen. 2. Stutzertändelei. 3. Huldigungslied. 4. An den Traumgott. 5. An die Hoffnung. 6. Herr Bachus. 7. Der Minnesinger (jetzt: ´Minnesold´).
 8. Winterlied. 9. Des armen Suschens Traum. 10. Die Weiber von Weinsberg. 11. Das neue Leben. 12. Der Ritter und sein Liebchen. 13. Spinnerlied.
 14. Ständchen. 15. Die Umarmung. 16. Liebeszauber. 17. Die Entführung.

Bürgers Gedichte lagen Törring in der ersten Ausgabe vor, ebenso die der Stolberge, wie sich aus den beigesetzten Seitenzahlen ergiebt; die meisten Compositionen dürften in dieselbe Zeit, in die Jahre 78 bis 80 fallen. “

 

1880

Bahnsen, Julius. Das Todtenhafte des abstract Typischen. In: Der Widerspruch im Wissen und Wesen der Welt. Berlin, 1880. Hier Georg Olms Verlag 2003. (Sammlung Klaus Damert)

“[S. 159] [...] [Lessing] nicht übel Lust zeigt, Alles, was ihm durch Invidualreichthum unhandlich wird, mit der Kategorie des Kläglichen, Verächtlichen, Armseligen abzuthun. Da war es denn in der That hohe Zeit, dass im Interesse der Fortentwicklung deutscher Poesie jener Rückschlag der Genie-Periode erfolgte, welcher, das entgegengesetzte Princip vertretend, jedes markirt Individuelle - und das heisst im Grunde nichts Anderes als: das in sich widerspruchsvoll Charakteristische - als solches schon für ästhetisch hinlänglich legitimirt, ja für das specifisch ästhetisch Berechtigte erklärte - denn ohne diese hypershakespearisirende Zwischen-Aera würden die Gestalten Goethe's und Schiller's noch schablonenhaft blutärmer und typisch unlebendiger ausgefallen sein, als manche von ihnen - Gott sei's geklagt! - ohnehin schon geblieben.
   Deshalb ging ja die Pendelschwingung des Geschmacks in den Romantikern uud deren Ausläufern von der Art Grabbe's, Hebbel's und O. Ludwig's noch einmal auf jene Seite charakterischer Hyperbeln und Parabeln hinüber. Ob ein Charakter "lebenswahr" oder "naturgetreu" und in sich consequent gezeichnet sei, darüber steht am allerwenigsten den professionellen Kritikern ein Urtheil zu, weil es ja zu deren Handwerk gehört, mit conventionell so oder so fixirten Begriffen zu hantiren. Meistens kommen sie obendrein von der Zunft der Philologen her, welche als solche speciell darauf geschult ist, bei ihren Corrigirarbeiten Verstösse gegen die Regel als ´Fehler´ anzustreichen und die angestrichenen auch noch zu zählen. Wie Wenige bewahren sich bei solchem Geschäft die hochsinnige Unbefangenheit eines Jacob Grimm, der es wagte, aller Pedanterie zum Trotz das vermeintlich ´Unregelmässige´ als das wahrhaft - nämlich essentialiter - Gesetzmässige zu restituiren und umgekehrt das Pseudo- reguläre unter das Gerümpel ´schulmeisterlicher Erfindungen´ zu verweisen. In ähnlicher Auflehnung gegen das despotische Regiment der ´Mamsell La Regle´, deren Machtsprüche es dahin bringen konnten, dass jetzt nach alltäglichem Sprachgebrauch jede angebliche ´Anomalie´ etwas ethisch und ästhetisch kaum noch Courfähiges sein soll, [...]. “

 

1881

Nietzsche, Friedrich an Paul Rée, 8. Juli

"Ich habe gerade auch eine gefährliche Zeit hinter mir und bin wieder im Engadin angelangt, meiner alten Rettungsstätte: ´des Leibes noch nicht ledig´ und was die Seele betrifft, so lesen Sie das Buch, welches unser Verleger Ihnen zusenden wird."

 

1882

Stern, Adolf. Bürger, Gottfried August. In: Lexikon der deutschen Nationallitteratur. Leipzig

“[S. 46] Seine ´Gedichte´ (zuerst 1778 gesammelt) bildeten den Kern und Stamm seiner sämtlichen Werke und gaben ihm eine bedeutende Stellung in der Entwicklungsgeschichte der deutschen Poesie. B. war einer der ersten Dichter, die in Lied und Ballade unmittelbare Wärme der Empfindung, volle Wirklichkeit des Lebens, höchste Mannigfaltigkeit der Stimmung in sinnlich-kräftigem, fortreißendem Ausdruck und in reizvoller Form und mit melodischem Fluß gaben. Seine vorzüglichen Balladen (namentlich ´Lenore´, ´Der wilde Jäger´, ´Das Lied vom braven Mann´, ´Der Kaiser und der Abt´) und die einfach-schönen Gedichte, welche die Stimmungen seines freilich nicht harmonischen Lebens treu wiedergeben, konnten durch vermeintlich volkstümliche Roheiten, Plattheiten und Geschmacklosigkeiten, die sich in andern Gedichten, ja gelegentlich und vereinzelt sogar in den besten Dichtungen selbst finden, nicht wirkungslos gemacht werden. An der formellen Vollendung der Bürgerschen Gedichte hatten auch die Reflexion und unablässige Übung ihren Anteil; B. gehörte zu den Poeten, bei welchen die Vorstellung künstlerischer Vollendung zuerst wieder Macht gewann. Die verhältnismäßig nicht sehr zahlreichen Gedichte schlossen daher eine Fülle wirklichen innern Lebens, sprachlicher Kraft und poetischer Arbeit in sich ein und lassen in B. den hervorragendsten deutschen Lyriker der vorgoetheschen Epoche
unsrer Literatur erkennen. “

 

1882

Brockhaus’ Conversations-Lexikon, Leipzig

„Seine Liebesgedichte, obschon er in ihnen die Liebe nicht in ihren zarten Tiefen und geistigen Elementen erfasste, sind oft hinreißend durch den vollen Klang ihrer Worte und durch ihre sinnliche und leidenschaftliche Glut. Seine Sonette gehören zu den besten, die in deutscher Sprache gedichtet worden sind. Wohl zu beachten ist auch der kräftige Mannessinn, der Haß gegen alles Schlechte, Gemeine, Despotische in manchen seiner Gedichte, wie er auch einer der ersten Deutschen war, welche die exklusive Gelehrsamkeit, den Gelehrtendünkel und die Pedanterie in der Wissenschaft mutig angriffen. Bürger ist als einer der Sprachschöpfer des 18. Jahrhunderts zu betrachten. Nicht nur, dass er ängstlich auf Korrektheit und Wohllaut des Verses hielt, so hat er auch manche fremdländische poetische Formen, wie das Sonett, in Deutschland wieder zu Ehren gebracht.“

 

1882

Egelhaaf, Gottlob. Die Sturm- und Drangperiode. In: Grundzüge der deutschen Litteraturgeschichte. Heilbronn

“[S. 92] Herders Richtung auf das Volkslied fand einen höchst talentvollen Fortsetzer in Gottfried August Bürger, 1747 - 94, der nach den bittersten, verschuldeten und unverschuldeten Lebenserfahrungen als ausserordentlicher Professor der Literatur in Göttingen starb, wo er früher dem ´Hain´nahe gestanden war. Mit volkstümlicher Kraft des Ausdrucks und wirklicher Originalität begabt, hat er in seinen Liedern den Volkston meisterhaft getroffen, wenn er auch freilich manchmal volktümlich und gemein-derb verwechselt, worüber ihn Schiller zur Rede stellte. Seine 1774
erschienene Lenore ist ein Meisterstück populärer Balladendichtung; aber auch andere Schöpfungen Bürgers (der Kaiser und der Abt; das Lied vom braven Mann; der wilde Jäger) sind noch nicht verklungen. “

 

1883

Holzhausen, P.: Die Ballade und Romanze von ihrem ersten Auftreten in der deutschen Kunstdichtung bis zu ihrer Ausbildung durch Bürger. In: Zeitschrift für deutsche Philologie (S. 129-193, 297-344)

[S. 297]Da aber Bürgers dichtung wie die weniger deutscher dichter pathologisch ist und die eigenen lebensumstände des autors, aus denen sie hervorgegangen, beständig widerspiegelt, so möchte eine ganz kurze darstellung derjenigen lebens - und bildungsverhältnisse Bürgers hier am platze sein, aus deren schosse seine dichterische persönlichkeit hervorwuchs; und welche das zusammenwirken jener zwei scheinbar so weit auseinanderliegenden elemente bedingten, welche - um es kurz vorweg zu nehmen - das wesen der Bürgerschen poesie zusammensetzen, ich meine die bereits oben angedeutete richtung auf das volkstümliche und zugleich sein streben nach äusserer, fast in antikem sinne aufgefasster formvollendung.

[S. 303] So wuchs denn die `Lenore´, von dem deutschen volksliede angeregt, von den werken der sturm- und drangperiode gezeitigt, unter den veredelnden eindrücken, die eine romantische natur schon vor der geburt auf das kind der phantasie ausübten; nicht, wie die meisten werke der stürmer und dränger war sie eines tages da, sondern in harten weben rang sie sich aus dem schosse des dichters, und der ganze Göttinger bund hat bei der geburt geholfen.

[S. 305] Mit genialer meisterschaft ist die charakterschilderung in der ´Lenore´ ausgeführt; die charaktere sind voll individueller wahrheit und mit realistischer schärfe aufgefasst, die einzelnen züge fast alle wahr und würdig; eine eigentliche so genante manier ist allerdings im werden begriffen, aber sie taucht noch unter in dem lebendigen ringen und schaffen des jünglings und ist von jeder beengenden starre noch weit entfernt.

[S. 311] Auch zeigt Bürgers dichtung [Die Weiber von Weinsberg], die sich durch einheit und einstimmigkeit über den ´Raubgrafen´ unvergleichlich erhebt, wie man auch das bänkelsängerlied durch humor und geistvolle behandlung, wobei einige derbheit immerhin nicht ausgeschlossen ist, zu einer ästhetisch nicht übel wirkenden dichtung verarbeiten könne.

[S. 311] Aus diesem einfachen stoffe hat Bürger nnter luxuriöser ausmalung der gegebenen und einflechtung mancher neueren züge ein 82strophiges balladenopus [Lenardo und Blandine] geschaffen. Tragen nun jene zusätze Bürgers schon im ganzen den charakter theatralischer effecthascherei, so ist im einzelnen alles so überladen und schwülstig, die ausbrüche der leidenschaft sind so sehr ins furiose und tobende, die schreckensscenen so ins grasse, schauerliche, körperlich angreifende hineingemalt, dass die ballade kaum anders als einem groben, an dicke pinselstriehe gewöhnten geschmacke wol behagen kann, den feineren leser indessen durch eben diese züge unangenehm berühren muss. [...] Dass Bürger in diese ausschweifende manier verfiel, hat seine guten litterarischen ursachen. Dem einflusse Shakespeares, des missverstandenen Shakespeare, haben wir, wie die tumultuarischen dramen von Lenz und Klinger, so auch das furiose gebahren der neuen ballade zu verdanken; [...] Wichtiger indessen ist die Shakespearomanie und der sturm und drang in dieser ballade überhaupt; wenn ´Lenore´, zusammen mit den ´Fliegenden Blättern´ und dem ´Götz´ die sturm- und drangperiode in gutem sinne ankündigt, d. h. den fortschritt bezeichnet, den das geniewesen gegen die dürre regelmässigkeit einer früheren epoche unleugbar gemacht hat, so ist ´Lenardo und Blandine´ die vertreterin der sturm - und drangballade im tadelnden sinne des wortes, welche die auswüchse und verkehrtheiten jener litterariscben epoche widerspiegelt.

[S. 314] Bürger hat diese rhetorischen partien mit voller, bewuster absicht so stark hervortreten lassen; er beabsichtigte ein volles durchdringen der episcben durch die lyrischen teile des gedichtes [Das Lied vom braven Manne] zur specifisch lyrischen romanze, wie dies, abgesehen von dem titel, auch aus einer stelle der von Carl v. Reinhard herausgegebenen Bürgerschen Aesthetik (teil II, s. 261) hervorgeht, wo er das ´Lied vom braven mann´ neben ´Des armen Suschens traum´ (einer der kleineren romanzen, gedichtet 1773), als vertreter der echt lyrischen unter seinen romanzen anführt. In wirklichkeit aber stehen die lyrisch - rhetorischen und die epischen bestandteile in dem ´Lied vom braven mann´ ziemlich unvermittelt neben einander, das gedicht ist bei seiner verarbeitung zur ballade gewissermassen auf halbem wege eingefroren, und die veramalgamierung der epischen und lyrischen bestandteile des gedichtes, welche sich in der alten volksballade von selber volzog, die aber der moderne balladendichter immer erst auf künstlichem wege erreichen muss, ist verunglückt, überhaupt ist das ´Lied vom braven mann´ dem begriffe einer ballade nicht recht entsprechend, immerhin aber als erster versuch in seiner art für die geschichte der balladenpoesie wichtig. und wenn auch diese ballade in der gegebenen form nicht recht populär werden konte, so ist sie anderseits durch ihren inhalt wie wenige von Bürger, für den unterricht besonders geeignet, und mancher der späteren balladendichter mag durch sie auf das gebiet dieser dichtungsart hingeführt worden sein.
   Mit bedeutend besserem erfolge gelang es Bürger, einen stoff zur ballade zu gestalten, der noch weit mehr als derjenige des ´Liedes vom braven mann´ dem gewöhnlichen, ja sogar dem trivialen altagsdasein entnommen ist, in der ballade´ Die kuh´ (zuerst im Musenalmanach für 1785 erschienen, nach Pröhle 1784 verfasst). ´Eine Kuh, die von einem wohlthätigen Manne einer armen Frau in den Stall geführt wird,´ fragt Götzinger, ´was macht das auf die Phantasie weiter für einen Eindruck?´ Aber der dichter der ´Lenore´ hat diesen stoff behandelt, mit der genialität, die er in der ´Lenore´ bewiesen hatte, und merkwürdigerweise ist das stück auch nach demselben plane im kleinen angelegt, nach dem die ´Lenore´ im grossen gebaut ist; eine ganz genau mit jener correspondierende dreiteilung. [...] Das bild der herde muss den schmerz des armen weibes um ihr treues tier auf das lebhafteste erregen. Der dichter lässt durchblicken, dass die kuh der witwe mehr als ein blosses versorgungsmittel, dass sie ihr ein lieber hausgenoss gewesen.

[S. 318] Aber es ist nicht zu leugnen, dass Bürger bei dem nachzeichnen an vielen stellen [Die Entführung] die farben zu dick aufgetragen und das zarte der englischen dichtungen gröstenteils verwischt, dass er auch, um dem ganzen mehr effect zu geben, durch wilkürliche änderungen allerlei übertreibungen in das gedicht gebracht und endlich gar zu viel vulgarismen als volkstümlichkeiten auftischt. [...] Wenn nach der voraufgegangenen besprechung Bürger sein original durch die vielfachen änderungen im grossen und ganzen vielleicht verschlechterte, so ist dabei nicht zu übersehen, dass er nur durch akklimatisierung seiner helden und eine allerdings übertriebene annäherung an das deutsche landbaronentum der neuzeit seine übertragung populär zu machen hoffen durfte, und wenn Schlegel gerade mit bezug auf dieses gedicht den einfluss der zu spät erschienenen Herderschen ´Volkslieder´ vermißt, so ist doch dagegen einzuwenden, dass noch so vorzügliche übertragungen poetischer erzeugnisse fremder völker im originalen geiste wenig hofnung haben, in einer nation völlig heimisch zu werden.

[S. 320] ´Frau Schnips´ ist eine, wie die `Entführung´ ihr original vergröbernde, allein auch wie diese dasselbe treflich in deutsche anschauung übertragende Bearbeitung von ´The wanton wife of Bath´ (Percy III, 145), einem schwankartigen gedichte aus der späteren, etwa der nachelisabethanischen zeit, welches in der damals aufkommenden, dem deutschen bänkelgesang in mancher Beziehung ähnlichen manier die schicksale eines zanksüchtigen weibes nach dem tode - als folie dient jene ergözliche figur aus Chaucers Canterbury Tales - schildert. [...] Weniger gerechtfertigt vom ästhetischen standpunkte halte ich die angehängte ´apologie´, welche aber Bürger um so notwendiger schien, als er durch seine mutwillige und lascive behandlung des gegenstandes - bei seiner ohnehin exponierten stellung - zu litterarischen und persönlichen angriffen herausgefordert hatte.

[S. 324] Der vorwurf Schlegels, dass Bürger sich bei dieser ballade [Des Pfarrers Tochter von Taubenhain] in dem stoffe vergriffen habe, hätte, glaube ich, dem dichter erspart bleiben können, namentlich von der seite, wie Schlegel die sache auffasst. Das unglück eines armen verführten mädchens, welches von seinem eigenen vater verstossen und auch von dem liebhaber verleugnet, als kindesmörderin durch die strenge der gesetze endet, ist entschieden ein poetisch wol brauchbares und speciell zu einer ballade durchaus verwendbares motiv, das viele volkslieder, wenigstens in einzelnen seiner momente behandeln. Vielleicht eher berechtigt ist dieser vorwurf Schlegels von der seite, dass dieser stoff speciell für Bürgers behandlungsweise der ballade etwas verfängliches hatte; konnte er doch bei seinem streben nach ausführlicher behandlung der grossballade leicht in eine peinigende detailmalerei der psychologischen wie körperlichen zustände der unglücklichen heldin verfallen, wie es in der tat in dieser dichtung der fall war, wodurch diese ein gewisses criminalistisches gepräge nicht verkennen lässt. Anderseits ist es Bürger gelungen, die schilderung dieser seelenzustände so in den lyrisch - dramatischen teil der ballade hineinzugiessen und diesen wiederum so geschickt mit der epischen erzählung zu verflechten, dass von diesem standpunkte aus das gedicht gerade als ballade eine nicht verächtliche stelle einnimt; schade, dass sich Bürger auch hier der einmischung von vulgären elementen nicht ganz entschlagen konte!

[S. 329] Die composition des gedichtes [Der wilde Jäger] ist der der ´Lenore´ ähnlich, doch ist die ballade eigentlich monodramatisch, die andern personen haben nicht viel mehr bedeutung als der chor in der antiken tragödie, das ganze interesse concentriert sich auf die wüste, aber imposante gestalt des wilden grafen. [...] In geschicktester weise ist nun im verlaufe des gedichtes das epische und das lyrisch - dramatische balladenelement zu einem äusserst lebensvollen ganzen verflochten. Wie eine wand durch gitterwerk und verzierungen, so ist die erzählung des jagdverlaufs durch die reden der fremden reiter und des grafen und die bitten des durch die rohheit des lezteren bedrängten landmanns, hirten und klausners durchbrochen. Der wechsel zwischen erzählung und rede findet auch innerhalb der strofe statt, deren bau zur aufnahme verschiedenartiger elemente sehr geeignet ist. [...] Recht charakteristisch für Bürgers balladendichtung ist in der endstrofe ein schon öfter beobachtetes anknüpfen an die unmittelbarste gegenwart, diesmal an den landläufigen glauben an den wilden jäger, wie ihn der wüstling sieht, der in düsterer nacht trunken nach hause taumelt, und der waidmann, der auf dem anstande liegt oder nächtlicherweile einsam den wald durchstreift.

[S. 331] Mit genialer vielseitigkeit schöpfte Bürger aus dem vollen borne alles dessen, was poesie heisst, griff in die lieder und sagen des volkes, des eigenen sowol, denen er in den spinnstuben und unter den linden des dorfes lauschte, wie auch des englischen, die er besonders in Percys sammlung vorfand; daneben weiss er sich anderseits der begebnisse des lebens für seine balladen dichtung zu bemächtigen; im algemeinen sind es einfache, nicht verwickelte begebenheiten, die er behandelt, aber solche, welche das einfache gemüt ergreifen und erschüttern. Zugegeben nun auch, dass sich Bürger in den stoffen hin und wieder vergriffen - so hätte er z. b. unstreitig den Percy ausgiebiger und zugleich mit sorgfältigerer auswahl benutzen können - so bleibt die tatsache bestehen, dass Bürger der balladenpoesie anstatt der bisherigen engen sphäre ein freies, grossartiges gebiet würdiger stoffe erschlossen.
     Hinsichtlich der darstellung ist Bürger der erste, der in grösserem massstabe und consequenterer durchführung seine balladenstoffe als ernste, um ihrer selbst willen der darstellung würdige gegenstände auffasste und damit zugleich die ballade und romanze aus der komischen gattung, zu der sie bisher in Deutschland ausdrücklich war gerechnet worden, unter die ernsten gattungen der poesie versetzte. In dieser seiner tätigkeit knüpft er an die vorhandene volksdichtung, wie schon oben gesagt, gerne an, geht aber in der ausführung über sie hinaus und erreicht seine hauptsächlichste bedeutung als schöpfer der grossballade, d. h. derjenigen dichtung, welche die epischen, lyrischen und dramatischen elemente , die in den kleineren balladen mehr oder weniger getrent auftreten, mit künstlerischem bewustsein in sich vereinigt.
   Die durchführung dieses princips ist Bürger in manchen seiner balladen in hervorragender weise gelungen. (´Lenore´, ´Entführung´, `Pfarrerstochter´ , ´Wilder jäger´.)
   Das dramatische element insbesondere tritt ausser dem dialoge in der Bürgerschen grossballade auch in der composition im grossen hervor.

[S. 333] Die superiorität der dem echten volksleben entnommenen, lebensvollen charaktere Bürgers über die trockenen schattenbilder der bünkelsänger tritt besonders in den dialogen seiner balladen hervor. Auch in diesen hat Bürger die form der volksdichtung aufgegeben bzw. völlig umgearbeitet. Der dialog des volksliedes ist abgebrochen, die psychologische motivierung nur undeutlich angegeben, oft geradezu unverständlich; Bürger dagegen glänzt in grossartigen, die gedanken völlig erschöpfenden dialogen (vergl. die berühmten dialoge in der ´Lenore´ und im ´wilden jäger´), und in diesen liegt gerade eine hauptstärke der Bürgerschen balladendichtung; anderseits ist er der erste, welcher versucht, die ballade zur darstellung einer sittlichen idee zu benutzen (´Lenore´, ´wilder jäger´), wenn auch mit geringerem erfolge.

[S. 334] Ein volksdichter aber in dem sinne der alten minstrels oder balladensänger ist in unserer zeit bei der trennung unseres volkes in die klassen der litterarisch gebildeten und nicht gebildeten nicht mehr möglich. Ein volksdichter im modernen sinne kann also nur derjenige sein, der entweder mit aufgaben der ersteren klasse in der ideen - und empfindungs sphäre der zweiten, des ´volkes´, dichtet, oder dem es gelingt, seine dichtung so zu gestalten, dass sie dem ungebildeten zugänglich, zugleich aber dem gebildeten geschmackvoll genug ist; denn ein dritter weg, den Goerth (in seiner citierten abhandlung s. 382) so nent, die denk - und empfindungs weise des zweiten teiles in den nur dem ersten teile zugänglichen kunstformen darzustellen, d. h. die empfindungsweise des volkes nur als objekt der dichtung zu benutzen, kann doch unmöglich als wirkliche volksdichtung bezeichnet werden. Nun ist von den beiden oben angegebenen arten die erste entschieden so niedrig, dass sich ein wahrer dichter kaum zu ihr verstehen wird; die zweite aber, die von Schiller in seiner bekannten recension als forderung aufgestelte, so schwierig, dass sie kaum in der einen oder andern dichtung durchzuführen ist - am ersten noch im einfachen liede, wie es Claudius u. a. anbauten - am wenigsten aber, wie Schiller in überstiegenem idealismus von dem dichter verlangte, in allen gedichten desselben oder auch nur in der mehrzahl. Ein volksdichter also als dichter für den zweiten teil des volkes, den litterarisch nicht gebildeten, ist, wenn er nicht bei der ganz niedrigen aufgabe stehen bleibt, seine bezüglichen gedichte nur für diesen zu verfassen, in unseren tagen nahezu eine unmöglichkeit, und das bestreben eines dichters, volkstümlich zu sein, kann sich allein darauf richten, durch eine möglichste enthaltung von allen positiven, specifisch der klasse der gebildeten angehörenden elementen und durch eine klare, algemein verständliche darstellung die grenze der zugänglichkeit für seine dichtungen möglichst weit in den besseren teil der zweiten klasse des volkes hineinzuschieben. Bürger aber fasste die aufgabe volkstümlicher poesie vielmehr als die einer durchschnitsdichtung auf, wie aus seinem vergleiche des volksdichters mit einem schuhmacher hervorgeht, welcher fertige schuhe zum markte liefert und sich dabei für das gros derselben eines durchschnitsmasses bedient. Bei dieser auffassung wird man es erklärlich finden, dass Bürgers dichtung viele elemente aufnahm, die dem gebildeten, ich will nicht sagen, ganz ungeniessbar sind, aber die ihn doch abstossen; anderseits aber wäre trotz des erwähnten strebens seine dichtung bei weitem weniger in das volk eingedrungen, wäre Bürger bei seinen absichten von kahler theorie ausgegangen, und nicht vielmehr sein wesen und seine ganze dichterische persönlichkeit mit diesen bestrebungen auf das innigste verwachsen gewesen.
    Als ein echter sohn des deutschen volkes, mit welchem im innigsten verkehr er den grösten teil seines lebens verbrachte, brauchte er die empfindungs- und anschauungsweise des volkes sich nicht erst anzueignen, da er sie in den meisten beziehungen teilte; daher seine sinliche, packende art der darstellung, sein interesse an der frischen, umgebenden gegenwart, auf die er seinen balladen stets eine beziehung zu geben wusste, daher seine vorliebe für die geheimnisvollen schauer der natur - und geisterwelt, und in sofern man diese ingredienzien der nordisch - germanischen volksballade auch als solche der kunstballade betrachtet, ist Bürger Deutschlands gröster balladendichter , wie Löwe sein gröster compositeur.
    Bei seiner immerhin vagen vorstellung von volkstümlichkeit lag nun aber für Bürger die gefahr nahe, das volk, wenn auch nicht gerade mit dem pöbel, wie ihm vorgeworfen worden ist, so doch mit den niedrigeren elementen des volks zu identificieren, und, wie er selbst keine ganz geläuterte und abgeklärte natur war, in den unreinen, ja rohen vorstellungen dieser klasse sich zu bewegen.
    So hat Bürger eine bedenkliche vorliebe für die darstellung entsetzlicher begebenheiten in der ballade, deren grässlichste momente er gerne hervorsucht, um sie in grasser, nerven angreifender weise zu schildern. Dahin gehört auch die übertreibung in seinen schilderungen überhaupt, die verschwendung von bildern und gleichnissen und farben, die dicken, oft plumpen pinselstriche, mit denen er malt und mit denen derjenige malen muss, der nicht für einen verfeinerten geschmack, sondern für die groben nerven des weniger gebildeten arbeitet.

[S. 336] Das lebhafteste bild von Bürgers volkstümlichen bestrebungen gewährt seine sprache. Wie Bürger in seinen briefen, besonders in denjenigen an vertraute freunde (z. b. an Goecking, an den hofrat Liste, an seinen schwager Georg Leonhard usw.) sich mit vorliebe in volksmässigen und derben redensarten ergeht, so bringt er auch in seinen balladen gerne derartige wendungen und ausdrücke an, welche seiner sonst so schönen und grossartigen sprache nicht eben zum vorteile gereichen. Durch diese form des unterhaltungstones sind allerdings die dialoge der Bürgerschen balladen sehr lebenswahr und individualistisch gefärbt, aber in das reich vollendeter und reiner kunst erheben sie sich nicht alle. Dies war einer der wesentlichsten punkte, an denen der idealismus Schillers anstoss nahm und nehmen muste; Bürger aber hielt sich zu einer einführung derartiger elemente in die balladendichtung um so mehr berechtigt, als er dieser, entsprecbend dem alter und der abkunft der alten volkslieder, noch vor aller anderen dichtung das recht vindicieren zu müssen vermeinte, gewisse rauheiten an sich zu tragen oder, nach seinem ausdrucke, ´etwas rostig zu sein.´

[S. 338] Wenn auch manche dieser versuche, durch solche äusserliche mittel auf volksmässiges dichten hinzustreben, recht wirkungsvoll sind, so hat anderseits durch übertreibung und unkünstlerische verwendung derselben die sprache des dichters manchen flecken erhalten. Immerhin aber sind diese gering anzuschlagen gegen das verdienst G. A. Bürgers, nach den rohen tönen des bänkelsanges der deutschen ballade eine grosse, geniale und edle sprache gegeben zu haben. Berühmt ist die musik der Bürgerschen sprache überhaupt, und gerade die ausführlichkeit der grossballade gab dem dichter gelegenheit, seine poetischen mit grossartigen ton - und klanggemälden zu begleiten.
     Auch im reime weiss Bürger vortreflich zu wirken; er liebt volle und bedeutungsvolle reime.
     Nicht minder versteht es der dichter, in metrischer hinsicht seine balladen in ein angemessenes und schönes gewand zu kleiden und mit grosser kunst weiss er die metra dem gedankeninhalte seiner gedichte anzupassen. Bürgers balladen sind in steigenden, jambischen oder anapästischen metren abgefasst, dem lebendigen, stürmenden charakter der nordisch - germanischen und insbesondere seiner ballade durchaus angemessen.”

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1884

Ueberweg, Friedrich. Uebersicht über Schiller's spätere philosophische Arbeiten überhaupt. In: Schiller als Historiker und Philosoph. Hg. Moritz Brasch. Leipzig.

“[S. 145] In die letzten Monate von 1790 fällt Schiller's Recension von Bürger's Gedichten (die in der ´Allgemeinen Litteraturzeitung´ von 1791 erschien), worin er von dem Dichter das ernste Streben nach idealischer Selbstvollendung als Bedingung classischer Leistungen fordert und bei Bürger vermißt. ´Alles, was der Dichter uns geben kann, ist seine Individualität. Diese muß es also werth sein, vor Welt und Nachwelt ausgestellt zu werden. Diese seine Individualität so sehr als möglich zu veredeln, zur reinsten herrlichsten Menschheit heraufzuläutern, ist sein erstes und wichtigstes Geschäft, ehe er es unternehmen darf, die Vortrefflichen zu rühren. Der höchste Werth seines Gedichtes kann kein anderer sein, als daß er der reine Abdruck einer interessanten Gemüthslage eines interessanten vollendeten Geistes ist. Nur ein solcher Geist soll sich uns in Kunstwerken ausprägen; er wird uns in seiner kleinsten Aeußerung kenntlich sein und umsonst wird, der es nicht ist, diesen wesentlichen Mangel durch Kunst zu verstecken suchen.´ Vergeblich hat Bürger in seiner Antwort Schiller's Ideal als den leeren Traum eines Metaphysikers bekämpft. Schiller zeigte die Realisirbarkeit durch die eigene That, durch die Läuterungsarbeit, die er an sich selbst vollzog, um geistig erneut und gekräftigt zur Dichtung zurückzukehren. Aber darin hatte Schiller Unrecht, daß er wie er selbst später gestand) die allgemeinsten Normen zu unvermittelt auf die Leistungen des einzelnen Dichters anwandte und daß er zwischen der gelungenen Lösung der höchsten Aufgabe und dem Verwerflichen nicht die Mittelstufen gelten ließ, deren jede doch für bestimmte Bildungssphären das gerade ihrem Verständniß noch zugängliche Maaß von idealischer Erhebung enthält. Schiller fordert hier von dem lyrischen Dichter im Wesentlichen das Gleiche, was er in der Recension des Goethe'schen ´Egmont´ von dem Helden eines dramatischen Stückes verlangt hatte, nämlich Idealität, nur daß diese bei der lyrischen Dichtung in der reinen Empfindungsweise des Dichters, bei der dramatischen Dichtung aber in der Tüchtigkeit des Charakters der handelnden Personen sich erweisen soll: ´Eine relative Größe,´ sagt er dort, ´einen gewissen Ernst verlangen wir mit Recht von jedem Helden eines Stückes.´ Auch in der späteren (1794 erschienenen) Recension über Matthison kehrt die Forderung der Idealität wieder, zu der das Subject mit Ueberwindung der Schranken seiner Individualität sich erheben soll. Diese Aeßerungen sind für die fernere Gestaltung der ästhetischen Ansichten Schiller's von der höchsten Bedeutung; seine Empfänglichkeit für die Kant'schen Lehren war durch dieselben bedingt. “

 

1885

Hausrath, Adolf. Elfriede. Leipzig 1885 (hier nach Nachdruck 2011)

“[S. 56] Er war der Knappe, der die Pflicht hatte, seinen Herrn rechtzeitig herauszuhauen, dann aber in den Stall geschickt ward, während der Ritter mit seiner Dame koste. ´Knapp, sattle mir mein Dänenroß!´ rief Nik ihm am Morgen zu, und es kam sogar vor, daß der Knappe - allerdings immer in seiner Abwesenheit - tüchtig ausgescholten ward.“

 

1886

Richter, Ludwig. Lebenserinnerungen eines deutschen Malers, Frankfurt am Main.

“[S. 293] Nun ergab sich ein Uebelstand dadurch, daß mein Papa und Vetter Böttger einander nicht besonders liebten. Der Vater war ein gutmüthiger, natürlicher, jovialer Mann, der Herr Vetter Acciseinnehmer aber spitz, geschraubt und eitel, und wenn er übler Laune war, konnte er sehr unangenehm werden, und so entstand bald ein so gespanntes, ja feindseliges Verhältnis zwischen Beiden, daß es auch für uns junge Leutlein recht bedrückend wurde. ´Des langen Haders müde, da macht' ich endlich Friede´, und zwar dadurch, daß ich dem Freund Oehme nachfolgte und Aufgebot und Trauung bestellte mit der Eltern Zustimmung, ja Wunsch.

[S. 298] Ungleich mißlicher waren die lieben Freunde Peschel und Hantzsch gestellt. Ersterer arbeitete an einem kleinen Oelbilde: ´Rebekka und Elieser am Brunnen´, welches noch seht das Studium der alten Florentiner erkennen ließ. Hantzsch dagegen hatte den wilden Jäger nach Bürger's Ballade in Arbeit, ein Gegenstand, der nicht für ihn paßte und trotz allen Mühens nicht gelingen wollte.”

 

1887

Sahr, Julius. Gottfried August Bürger und sein Wilder Jäger. In: Gottfried August Bürger und sein wilder Jäger. Zeitschrift für den deutschen Unterricht.

“[S. 515] Traurig war, als Bürger zuerst dichterisch auftrat, der Zustand unserer Litteratur in den Gebieten, wo seine Begabung lag: der Lyrik und Kleinepik. Allerdings stand Klopstock als gottbegnadeter Sänger des Messias und als erster wahrhaft deutsch gesinnter Dichter damals in doppelter Größe da. Aber sonst wurde außerordentlich wenig von höherem Werte geleistet, wie etwa Gleims Kriegslieder und Gedichte von Claudius. Moralische, didaktische Gedichte, Fabeln und poetische Erzählungen nahmen den breitesten Raum ein. Diese Gattungen aber genügten Bürgern nicht. Ihn begeisterte Klopstocks dichterischer Schwung, sein echt deutsches Wesen, aber nicht seine Form. Ihm widerstrebte durchaus die abstrakte, ins Unbegrenzte gehende Wendung Klopstocks, ihm mißfielen seine reimlosen undeutschen Versformen; ihm war das geschmacklose ´Bardengebrüll´ seiner Nachtreter verhaßt. Auch die geistigen Lieder und Oder jener Zeit, von der gemütlosen Aufklärungssucht angekränkelt, kamen für Bürger nicht in Betracht. Nur nach einer Seite zeigte sich ein Fortschritt: in der leichten, der anakreontischen Lyrik.

[S. 517] Die schlüpfrige Seite tritt hie und da scharf hervor, wie in der ´Stutzertändelei´, ganz besonders - auf epischem Gebiete - aber in dem 1770 entworfenen Gedichte ´Raub der Europa´, das durchaus in den Bahnen der widerlichsten Romanzenmacherei wandelt, nur von hier aus zu verstehen und mit ihr zu verwerfen ist. Recht glutvoll zeigt sich Bürgers Sinnlichkeit in den Gedichten ´Die beiden Liebenden´ und ´Das vergnügte Leben´, zarter, obwohl immerhin nicht angenehm, in dem sonst reizenden Gedicht ´Mein Dörfchen´ - alle drei nach fremden Mustern.
  Auch in der Zeit größeren Ernstes ist Bürger hin und wieder in den gemeinen oder grobsinnlichen Ton verfallen, gleich als ob diese Seite in ihm, wenn sein edleres Selbst sie zurückgedrängt hatte, sich einmal wieder austoben müsse; ´Die Menagerie der Götter´, ´Fortunens Pranger´ leisten hierin das Widerlichste, ´Veit Ehrenwort´, ´Der wohlgesinnte Liebhaber´ gehen, wenn auch lange nicht so niedrig, doch auch über das Maß des Erlaubten hinaus, sind freilich im übrigen nach Form und Inhalt dem Dichter gut gelungen. Selbst in vortreffliche, hochernste Gedichte schleicht sich hie und da ein stark sinnliches Bild, ein unzarter Ausdruck ein.

[S. 518] Eine wichtige Seite von Bürgers Lyrik, die Liebesdichtung, findet bereits in den Jahren 1770-73 eine eigenartige und schöne Vertretung in den Minneliedern, zu denen ihn wohl die altdeutschen Minnesänger anregten. Die Gedichte ´Adeline´, ´Gabriele´, ´Winterlied´, ´Minnesold´, ´Gegenliebe´, ´Himmel und Erde´ schlagen einen für jene Zeit neuen, unerhörten Ton an. Hier ist liebliche Reinheit in Gedanken und Empfindungen mit Innigkeit und Frische aufs Glücklichste gepaart. Hier verrät sich unverkennbar die Glut eines warm schlagenden edlen Herzens, hier spricht Seelentiefe und Geisteshoheit überzeugend und stark.
   Ihnen schließen sich die späteren Liebesgedichte an, die meist der Verherrlichung Mollys gewidmet sind. Sie tragen sämtlich das Gepräge einer glühenden Leidenschaft, die sein ganzes Sein erfüllt, ja oft seine besseren Grundsätze übertäubt. Zum Teil sind auch sie von der Leichtigkeit und Anmut der jugendlichen Minnelieder, wie z.B. ´Ständchen´, ´Trautel´, ´Das Mädel, das ich meine´, ´Liebeszauber´. Männlicher, verzehrender tritt in andern die Leidenschaft auf, z.B. in ´Abendphantasie eines Liebenden´, ´Die Umarmung´, ´Untreue über Alles´ - oft aber klingt in ihnen der tiefe Schmerz, der Kampf durch, der sich seit 1774 dem Liebesglück unzertrennlich zugesellte und in dem sich Bürgers Geistes- und Seelenkraft zum Teil aufrieb. Bald tritt der Schmerz abgeklärt als Zug tiefergreifender Wehmut auf, wie in dem unvergleichlich schönen ´Blümchen Wunderhold´ und in den Sonetten; bald bricht er mit elementarer Leidenschaft hervor, wie in der ´Elegie´, bald mengt er sich mit einem gewissen Vorwurf gegen die Menschen, die sein Verhältnis zu Molly verurteilen, wie in dem Gedicht ´An die Menschengesichter´ und in der Elegie".

[S. 519] Dem Gedichte ´Männerkeuschheit´ nahe verwandt ist ´Der große Mann´, in derselben kernigen, kraftvollen Art verfaßt wie jenes. Hier tritt aber ein neues Element hinzu, das ebenfalls eine wichtige Rolle in Bürgers Dichtung spielt. Trotzig und selbstbewußt stellt sich hier der Dichter mit seiner Ansicht vielfach herrschenden Meinungen entgegen. Wir kennen diese seine Art schon aus der Theorie über die Dichtkunst. Was er in dem Gedicht ´Der große Mann´ äußert, berührt sich innig mit dem mächtigen Gedankenkreise, dem wir bei Betrachtung des ´Wilden Jägers´ näher treten werden.

[S. 523] In die erste Gruppe [nieder oder mehr schwankartige Gedichte] gehören: ´Raub der Europa´, ´Menagerie der Götter´, ´Fortunens Pranger´; ´Der Ritter und sein Liebchen´; ´Veit Ehrenwort´, ´Der wohlgesinnte Liebhaber´; ´Der Raubgraf´; ´Die Weiber von Weinsberg´ und aus der Gruppe der Nachbildungen besonders ´Frau Schnips´ und ´Der Kaiser und der Abt´.
   Man sieht aus diesem Verzeichnis, daß der Ausdruck ´niedere´ an und für sich kein Tadel sein soll. Alles, was einen niederen, leichtfertigen oder überhaupt einen leichteren, komischen oder derb-humoristiechen Charakter trägt, ist hier vereinigt. Über eine gewisse niedrig gezogene Grenze ragt keines dieser Gedichte hinaus. Keines erhebt sich in das Gebiet der reinen, höheren Dichtkunst, oder in das eines ergreifenden Ernstes. Diese Gedichte wollen und sollen nichts anderes sein, als Werke leichterer Art, nichts als Schwänke. Ihr Gegenstand ist entweder schon an sich schwankartig oder er ist durch seine Behandlung in dieses Gebiet gezogen. Es erinnern diese Gedichte lebhaft an die Erzeugnisse, die in unserer älteren Litteratur zur Zeit der Reformation und vorher blühten, wo es nicht verschmäht wurde, auch einmal heilige Dinge und Personen in das Bereich des Lächerlichen, ja Unartigen zu ziehen. Von hier aus betrachte man diese Dichtungen Bürgers und nicht von dem allzu zimperlichen Standpunkte des heutigen gesellschaftlichen Anstandes. Bürger gefiel sich in einer gewissen Kraft und Derbheit des Ausdruckes; er ist darin durchaus ein Kind der Geniezeit, und es ist nicht zu verkennen, daß durch seinen Vorgang mit die frische Laune des Volkes, das burschikose Wesen übermütiger Jugend Eingang in die Litteratur gefunden hat.
  Im Tone freilich sind diese Gedichte untereinander himmelweit verschieden. Es versteht sich, daß, wenn wir Derbheiten in Schutz nehmen, wir nicht von der lüsternen, ja gemeinen Art reden, die in den drei ersten der obengenannten Gedichte herrscht. Wir nehmen aber Partei für die Gattung als solche, und, in gewissem Sinne, auch für die Gedichte ´Der Ritter und sein Liebchen´, ´Veit Ehrenwort´ und ´Der wohlgesinnte Liebhaber´. Wenigstens kommen diese Gedichte in ihrer Form dem Volkliede ziemlich nahe. Ausdruck, Bewegung des Ganzen, Rede und Gegenrede ist besonders in dem Gedichte ´Der Ritter und sein Liebchen´ so vortrefflich volksmäßig, daß der leichtsinnige Grundzug dieses Gedichts tief zu beklagen ist. [...] In der ´Frau Schnips´ geht Bürger mit einem gewissen Behagen in Derbheiten sehr weit - aber etwas im Grunde sittlich Anstößiges, wie bei den vorherbesprochenen Balladen, können wir hier nicht finden, ja der Schluß versöhnt und mit jenen Auswüchsen. Die Apologie freilich ist unnötig und unschön.

[S. 525] Bürger ist kein Übersetzer im gewöhnlichen Sinne, auch keineswegs einer nach Art Herders. Er verpflanzt meist die ganze Begebenheit, die Personen, die Sitten und Anschauungen aus dem völkstümlich-fremden in den volkstümlich-deutschen, oder besser in den Bürgerischen Boden um. Seine Naturanlage, sein Verständnis geht nur nach einer Seite: dem deutsch-volkstümlichen Wesen, wie er es aus eigener Erfahrung kannte. Innerhalb desselben ist seine Fähigkeit allerdings unbegrenzt und da stehen ihm alle Töne zur Verfügung, - aber aus diesem immerhin engumgrenzten Gebiete kann er nicht heraus. Sein innerstes Wesen fühlt sich eins mit dieser, der Anschauung des Volkes. Seine ganze Seele ist davon erfüllt, nichts anderes hat in ihr Raum. Sich an etwas, was nicht mit seiner subjektiven Anlage zusammenfällt, angleichen, etwas anders geartetes, von seinem Wesen verschiedenes nachbilden: das kann er nicht. Daher nimmt er - bei jeder Übertragung - das fremde Erzeugnis einfach herüber und setzt es in den Boden, woraus er selber alle Kraft zieht. Ist jener fremde Boden diesem ähnlich: gut, so wird die Übertragung vortrefflich und macht völlig den Eindruck einer Dichtung, die aus seinem eignen Geiste stammt. Ist das nicht der Fall, so muß die Übertragung gänzlich mißglücken.

[S. 526] ´Das Lied vom braven Manne´ und ´Die Kuh´ haben neben ihrem dichterischen Werte noch einen anderen: sie waren damals die ersten bedeutenden Versuche, Vorkommnisse des täglichen Lebens für die ernste Balladendichtung zu verwerten. Diese kühne Neuerung entsprach auch Bürgers Eigenart. Anstatt, wie es hergebracht war, die Begebenheit örtlich und zeitlich aus möglichster Ferne zu nehmen oder in sie zu versetzen, greift Bürger hinein ins volle Menschenleben, in die Gegenwart, in die Verhältnisse, die ihn umgeben. Nicht zufällig entstammen diese seine Helden den bürgerlichen oder bäuerlichen Kreisen, den damals geknechteten. [...] Hier [Die Kuh] hielt er sich auch fern von der Übertreibung, die seine dichterische Technik oft zur Manier macht. Die Ballade ist ein Muster schöner, volkstümlicher Behandlung eines scheinbar dürftigen Stoffes. Bürger verstand es, einem unscheinbaren prosaischen Vorkommnis höhere dichterische und menschliche Weihe zu geben. [...]
  Eine ganz neue Welt erschließt sich uns in den drei Balladen ´Lenore´, ´Der wilde Jäger´, und `Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´. Hier entwickelt sich Bürgers ganze Größé und geniale Kraft vor unsern Augen, und zwar nicht zu Äußerlichkeiten und zur Manier hingerissen, wie in seinen Nachbildungen, sondern gezügelt von Besonnenheit. Seine Kraft ordnet sich hier dem hohen Zwecke der Dichtung unter. Diese drei Werke stehen wie granitne Säulen in unserer Litteratur da: unzerstörbar und unerreicht! So verschieden sie nach Stoff und Charakter im einzelnen auch sind, sie haben eine Reihe wichtiger Berührungspunkte. Sie sind insgesamt tragisch und ergreifend im höchsten Grade; sie gehören, ihrem Stoffe nach, in das Gebiet der vaterländischen, romantischen Sage, die sie zuerst in großartiger Weise für die Dichtung verwerten. Sie berühren sich innig mit den geheimnisvollen Mächten unserer Seele, unseres Gemüts: dem Glauben und dem Aberglauben. Das Geisterhafte steigert sich in ihnen zum Grausigen. Neigung und Absicht führten Bürger dazu, der Welt des Aberglaubens und der Sagen so große Wichtigkeit beizumessen. Er erkannte in dem Aberglauben, den Sagen und Märchen des Volkes die Tiefe des Volksgemütes, er fand darin heilige, stillwirkende Gesetze, denen wir alle, bewußt oder unbewußt, unterworfen sind. Für ihn war das Wesen des Volkstümlichen untrennbar von diesem Aberglauben, neben dem recht gut der religiöse Glauben bestehen konnte.

[S. 528] Die drei Gedichte müssen mit dem höchsten Maßstab gemessen werden. Sie sind künstlerisch schön in sich abgerundet; allen drei liegt ein tiefer ethischer Gedanke zu Grunde.

[S. 529] Ein Zug mächtig dahinschreitender Größe spricht aus diesen Gedichten. Ihre Handlung eilt rasch und unaufhaltsam dahin; die hochgesteigerte Spannung, die sie erzeugen, läßt den tragischen Ausgang ahnen. Die Schilderung der Charaktere und der Gegenden ist meisterhaft und bis zur vollen Lebendigkeit und Naturwahrheit herausgearbeitet; Kraft und Wohllaut der Sprache sind unübertrefflich - all dies zusammen ergiebt bei diesen Gedichten ein Ganzes, dem in der Balladenpoesie nach Bürger an Gewicht wenig gleichkommen dürfte.

[S. 530] Bürger ist ein kühner Neuerer. Armselig, dürftig war die Lyrik und Kleinepik, als er auftrat. Reich und vielseitig ging sie aus seinen Händen hervor. Als er anfing zu dichten, standen die größeren Massen des Volkes, sogar viele Kreise der gebildeten der Poesie gleichgiltig gegenüber. Die Teilnahme an seinen Dichtungen wurde den weitesten Schichten des deutschen Volkes zu einer Herzenssache. Nicht er allein bewirkte diesen gewaltigen Aufschwung, er hatte viele Mitstrebende, darunter einige, größer als er: Goethe und Herder. Doch als Bahnbrecher braucht er ihnen nicht zu weichen. Er begründete die deutsche Balladendichtung und baute sie zugleich nach allen Seiten hin aus: der tragisch-romantischen, der bürgerlichen und der humoristischen. Auch die Neubelebung des deutschen Sonettes - wenigstens wie Bürger es auffaßte und pflegte - mag immerhin als ein bedeutendes Verdienst gelten.
  Alles was Bürger erstrebte und erreichte, that er im engen Anschluß an das Heimische und Volkstümliche. Hier liegt der springende Punkt, das Geheimnis seines Denkens und Dichtens. Seit 1773 war ihm diese Offenbarung aufgegangen, er hängt noch daran, gläubig, am Ende seiner Laufbahn, als sein Leben und Dichten sich umnachten. Obgleich er in der Theorie die Anregung von Herder empfing, und ihm in der Ausübung Goethe vielleicht auf einigen Gebieten überlegen war, hat keiner von ihnen Klarheit der Grundsätze und eignes dichterisches Können so vereinigt wie Bürger, hat überhaupt keiner seiner Zeitgenossen seine Glaubenssätze sein Leben lang so nachdrücklich bekannt und unermüdlich verfochten. Bürger will erstens stets deutsch und vaterländisch sein, d.h. gegen alles Fremde und Undeutsche - er will zweitens volkstümlich sein, d.h. gegen alles Gelehrte, Unverständliche, Tote und Abstrakte.

[S. 531] Wenn wir Bürgers unablässige Bemühungen sehen, den Grundzug der Volksposie herauszufinden, ihre ganze Tiefe zu ergründen und in seine Dichtung hineinzulegen, so kommt uns die doppelte Frage: Ist er theoretisch zum vollen Verständnis der Volksdichtung gekommen und hat er in seiner eigenen Poesie den Kern des Volkstümlichen getroffen? Nach seinen dichterischen Werken zu urteilen, gelangte er weder zum unerschütterlichen Bewußtsein des wahren Wesens der Volkspoesie, noch verkörperte er dasselbe durchweg rein und ungetrübt in seinen Gedichten. Wohl vermochte er es zu empfinden, ja nachzubilden; es war seiner inneren Anlage nahe verwandt, aber er lebte offenbar in dem Irrtum, das Grausige sei in der ernsten volkstümlichen Ballade das Wesentliche. Dies beweisen deutlich seine drei großen tragischen Balladen. Dies zeigt sein Wahn, den übrigens Herder teilte, ´Lenardo und Blandine´ sei sein vollendetstes Gedicht, dort habe er das Volkstümliche am wahrsten getroffen. Dies zeigt endlich der Umstand, daß er mit Herders Art, fremde Volkslieder zu verdeutschen und die Volkspoesie aufzufassen, nicht einverstanden ist.

[S. 536] Bürger scheint die Wendung der Zeit weniger bemerkt zu haben. Er ward erst grausam aus seinem Dichten und Sinnen gerissen, als der neue Zeitgeist in Gestalt Schillers rauh und verwüstend in sein Allerheiligstes griff. Selbst die so gerechtfertigte Bitte Bürgers um Schonung seiner Person wurde nicht beachtet. Mit dem Dichter zugleich sollte der Mensch fallen. Schillers Rezension hat an Ungerechtigkeit und Lieblosigkeit kaum ihresgleichen in unserer Litteraturgeschichte. und warum diese Schärfe Schillers gegen Bürger, da sich leicht nachweisen ließe, daß beide in höchst wichtigen Punkten ihrer Lehre - und ihres Lebens! - übereinstimmten. Bürger siechte von nun an dahin, er ward an ich selbst irre.
  Doch umsonst hat er nicht gelebt! Sein Wirken hat tiefe Spuren in unserer Litteratur hinterlassen. Der danals scheinbar Besiegte war doch im Grunde der Sieger. Das zeigte die Folgezeit. Nicht zufällig knüpfte die Romantik durch Wilhelm Schlegel persönlich und sachlich an Bürger an. Die Romantik hat das unzweifelhafte Verdienst, den Alpdruck des antiken Kunstideals von der deutschen Brust genommen zu haben, so daß sie wieder frei atmen konnte. Die Germanistik und die Dichtung der Freiheitskriege hängt mit der Romantik innig zusammen. Nun wurden die Träume Herders und Bürgers verwirklicht.
  Neben Herder hatte vor allem Bürger den Mut gehabt, in jener vaterlandslosen und undeutschen Zeit nicht zu wanken. Bei weitem nicht alle seine Dichtungen sind vollendete Werke: aber sie zeigen doch den Weg, wo der Dichter auf heimischem Boden hohe Aufgaben und volle Befriedigung finden konnte. Sie wandeln auf gesunden Bahnen. Jedenfalls gehörte sittlicher Mut dazu, damals bei jener Ansicht zu bleiben, und persönlicher, sie in gefahrvoller Zeit zu verfechten.

[S. 541] Es scheint, daß an und mit der Arbeit am ´Wilden Jäger´ sich gewissermaßen seine Ansicht über die Volkspoesie ausgebildet und ausgereift habe. Aus der Theorie zieht er die Nutzanwendung auf das Gedicht, und aus diesem heraus gewinnt er wieder neue Gesichtspunkte für die Theorie. Mit keinem seiner Gedichte war seine lebhafteste Anteilnahme so innig und so viele Jahre hindurch verknüpft.
  Der Wert des Gedichtes entspricht vollkommen der Wichtigkeit, die Bürger der Ballade beimißt.
  Der ´Wilde Jäger´ vereinigt eine Anzahl wesentlicher Vorzüge Bürgers in höherem Maße als die ´Lenore´ oder irgend ein andres Gedicht. Er ist mit der ´Lenore´ zusammen ein sprechender Beweis davon, wie hoch Bürger die Bedeutung des Volksaberglaubens anschlägt: Er ist die geniale Verkörperung einer volkstümlichen Sage. Bürger hat diese Sage mit der ganzen Kraft, die ihm zu Gebote stand, in die Höhe dramatisch-tragischer Behandlung gehoben. Er hat die Begebenheit selbständig aufgefaßt, vertieft, eine Menge fein durchdachter einzelner Züge hineingebracht und sich so bestrebt, den Gegenstand möglichst erschöpfend und abschließend darzustellen.

[S. 542] Bürgers Balladenstil, seine Formvollendung, seine vortreffliche Art, das Zwiegespräch zu behandeln und auszunutzen, dies alles kommt in der Ballade schön zur Geltung. Auch in der Klangmalerei geht Bürger sehr weit; wie obige Briefstellen beweisen, mit vollem Bewußtsein. Wir können nicht finden, daß er über der Liebe zur Klangmalerei den hohen Zweck des Gedichtes oder die Einheit des Tones und der Handlung vernachlässigt habe. Alle Einzelheiten, die sie hervorhebt, stehen im Dienste des scharf ausgeprägten Grundgedankens. Die ganze lebensvolle Ausführung soll offennbar dazu dienen, um dem Treiben des Grafen den Stempel schlagender Naturwahrheiten zu geben.
 Die Charakterzeichnung des Grafen gilt von jeher als ein Meisterstück. In ihm, sowie in dem Junker von Falkenstein und dem Junker Plump von Pommerland hat Bürger Vertreter des entarteten Adels geschildert - im Lied vom braven Manne das Gegenteil. Die Gestalt des Wildgrafen ist nicht ohne Größe - aber es ist eine wüste, ja teuflische Größe. Seine Seele ist nicht jeder besseren Regung überhaupt unfähig, wird aber ganz beherrscht durch die gewissenlose, rohe Art, wie die Jagdleidenschaft ins tierische übergeht. Nun tritt er alles menschliche und göttliche Recht mit Füßen und glaubt die Berechtigung dazu aus dem Standesunterschiede zwischen ihm und seinen Untergebenen ziehen zu können. Die Leidenschaftlichkeit, die der wilde Jäger dabei zeigt - ´Verderben hin, Verderben her´ - ist ein echter Zug aus Bürgers eignem Wesen. Wie oft erlebte er schmerzlich an ich selbst, daß sein vom Sinnlichen mächtig erregtes Gefühl alle Einwände des Verstandes, alle Grundsätze übertäubte! Man denke an den Ausbruch der Verzweiflung in der ´Elegie´ - an Lenore, die sich auch im Übermaß ihrer Leidenschaft, wie der wilde Jäger, zur Gotteslästerung hinreißen läßt; man denke an jenen Bief, wo Bürger, im höchsten Schmerze über den Verlust seiner Molly in ganz ähnliche Worte ausbricht.

[S. 544] Das Gedicht soll ein Spiegel sein, der dem sittlich heruntergekommenen, rohen und dabei anmaßenden Teil des damaligen Adels warnend vorgehalten wird. Bürger selbst lebte in der drückendsten Abhängigkeit von der alten Familie derer von Uslar, die ihm seine Stellung vergällt haben, so daß er sie endlich aufgab. Er hatte jedenfalls Fälle beobachten können, wo auf ähnliche gewaltsame Weise in das Recht anderer eingegriffen wurde. Dieser Adel, der Menschenrechte anderer weder kannte noch achtete, pochte noch anmaßend auf altüberlieferte Standesrechte, deren er längst nicht mehr würdig war. Bürger versetzte ja die Geschichte vom ´Wilden Jäger´ in die Vergangenheit, aber wir müssen doch wohl annehmen, daß zu seiner Zeit ein ähnliches Mißverhältnis vorhanden war zwischen den angemaßten Rechten des Adligen und dem Selbstbewußtsein der Abhängigen und Geknechteten, die schwer litten. Es ist nicht richtig, dem Dichter vorzuwerfen, er habe sich im ´Wilden Jäger´ von Partei- und Adelshaß blind leiten lassen, wie Gruppe thut.Nicht so ist es aufzufassen. Allerdings ist der ´Wilde Jäger´ das bedeutendste Gedicht, welches in diesen Gedankenkreis gehört. Aber diese Gesinnung stört weder die Wahrheit der Zeichnung, noch die dichterische Einheit des Ganzen, sie drängt sich nicht störend hervor, sondern paßt der Sache und dem Tone nach durchaus in dieses Gedicht.

[S. 547] Wir können ruhig zugeben: den Herzensanteil vermögen wir dem ´Wilden Jäger´ nicht entgegenzubringen, den wir der ´Lenore´ und der ´Pfarrerstochter´ widmen. Diese schlagen mehr an die weibliche, die Gefühlsseite unsres Innern an. Dafür aber ertönen im ´Wilden Jäger´ mächtiger und gewaltiger denn sonstwo starke männliche Klänge und erheben unseren Geist in die Höhen der erhabensten Menschengüter und -Rechte. Dies dünkt uns kein geringer Verdienst als jenes. Beide Seiten unserer Natur muß der wahre Dichter vertreten, denn beide sind in einem natürlich und voll entwickelten Menschen lebendig!
 So gewinnt man aus dieser Betrachtung die Überzeugung: Auch in dieser Hinsicht ist Bürger ein Geistesriese. In alledem, was jene Zeit Großes und Gesundes hat, steht er auf der Höhe seiner Zeit. Er verkörpert nicht nur das Schöne und Reizvolle, sondern auch das Hohe und Gewaltige, was damals alle Geister mächtig ergriff, in genialer, lebendiger Weise; er ist, trotz all seiner Fehler, ein herzens- und geisteskundiger Mitarbeiter an der Befreiung der Menschen von unwürdigen Fesseln, ein Führer auf der Bahn zu höherer Vollkommenheit.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1887

Sahr, Julius. Bürger als Denker und Dichter. In: Gottfried August Bürger und sein wilder Jäger. Zeitschrift für den deutschen Unterricht.

“[S. 120] Schiller hat Bürger Mangel an Idealismus vorgeworfen. Der abstrakte Idealismus Schillers fehlte ihm allerdings. Bürger
wurzelte zu tief in den menschlichen, sinnlichen Seiten unserer Natur. Umsomehr verdient es unsere Anerkennung, daß er sich in seinem Dichten wie in seiner Theorie darüber auf eine Höhe schwingt, zu welcher der begeisterte Herder aus ganz anderem inneren Triebe gelangte. Gewiß giebt Herder Schiller oder sonst einem großen Idealisten an idealer innerer Anlage nichts nach. Auf wie ganz anderem Boden stand Bürger!

[S. 123] Die Frage, woher und woraus sich denn Bürger seine Ansichten über Volkspoesie bildete, muß dahin beantwortet werden, daß ihn zunächst Liebe zur Natur, Bibel und Gesangbuch in seiner natürlichen Hinneigung zum Volkstümlichen bestärkten. Er lernte aber auch selbst in der Gegend, wo er lebte, genug lebendige Volkslieder und Volkssagen kennen.

[S. 136] Viele Kreise der Bevölkerung, die jetzt selbständig sind, politische Rechte ausüben, denen jetzt Mittel und Wege zu Amt und Ehren offenstehen, waren damals rechtlos und wurden mit Verachtung von den höheren, bevorzugten Kreisen behandelt. Ihrer nimmt sich Bürger zunächst in edlem Eifer an, schon deshalb, weil er erkannte, daß in ihnen vielfach mehr gesunde Natur zu finden war, als in jenen. Man wird daher zunächst richtig annehmen, daß Bürger mit ´Volk´ öfters, im Gegensatz zu den höheren und gelehrten Klassen, welche sich vornehm und vorurteilsvoll vom deutschen und volkstümlichen Wesen abschlossen, mehr die mittleren und unteren Schichten der Bevölkerung meint. Aber bei einer so engherzigen Auffassung bleibt Bürger, der scharfe Denker, nicht stehen. Daß er zunächst mehr die mittleren und unteren Kreise im Auge hat, ist nur das Zufällige in seinem Begriff Volk. Das Wesentliche darin, das, was den Begriff ausmacht, ist, wie sich schon aus dem vorhergehenden klar ergiebt, folgendes: Alle diejenigen soll der Begriff Volk einschließen, die in ihrer Art zu handeln, zu denken, zu empfinden, die in Ausdruck und Sprache nicht von Standes- oder geistigen Vorurteilen, von undeutschen Grundsätzen eingeschränkt, sondern noch natürlich, unverbildet, unverdorben und deutsch geblieben sind. Dieser Begriff umfaßt in gleicher Weise viele aus den höheren Kreisen, wie er viele aus den mittleren und niederen ausscheidet: nämlich die rohen, gemeinen, unvernünftigen Elemente, die keiner höheren, edleren Regung fähig sind. Nur so kann Bürgers Wort verstanden werden: ´In den Begriff des Volkes aber müssen nur diejenigen Merkmale aufgenommen werden, worin ungefähr alle, oder doch die ansehnlichsten Klassen übereinkommen´.

[S. 139] Versuchen wir es, die Kernpunkte der Bürgerschen Lehre von der Dichtung kurz zusammenzufassen, so dürfte es vielleicht in folgenden Sätzen geschehen: Soll die Poesie wahre, echte Poesie sein, so darf sie ihres hohen edlen Zweckes nie vergessen. Dieser kann nur dann erfüllt werden, wenn alle Menschen an ihren Segnungen Anteil haben. Um zu diesem Ziele zu gelangen, muß die Poesie zwei Gesetzen zugleich folgen: dem der Natur und dem des Geschmackes. Dem der Natur nicht allein, denn der Geschmack muß das Unedle und Ungesunde, was die Natur hie und da bietet, sobald es dem hohen Zwecke der Dichtung widerstreitet, aus dieser verbannen; dem Geschmack nicht allein, denn er kann sich zeitweise von der Natur, dem Wahren, Gesunden, dem Sinnlichen, Anschaulichen entfernen. Die Natur findet ihren gesunden unverdorbenen Ausdruck im Volk, der Geschmack den seinen in dem gebildeten Publikum, den Edeln des Volkes. Natur und Geschmack streben also auf dasselbe hinaus: wahre Dichtung muß mithin beiden zugleich folgen.


[S. 142] Bürger wie Herder, beide klagen fortwährend über die falsche Auffassung ihrer Ansichten und die elende Romanzenmacherei. [...] Freilich hatte diese Romanzenmacherei ihre tiefere geschichtliche Wurzel und ließ sich nicht so leicht
ausrotten. Sie verquickte sich nun mit der neuen durch Herder und Bürger in Deutschland eingeführten volkstümlichen Balladen- und Liederdichtung zum Verderben der guten Sache. Denn wiewohl es natürlich Männern wie Bürger und Herder einleuchtete, daß ´die neue Romanzenmacher- und Volksdichterei .. mit der alten meistens soviel Gleichheit hat als der Affe mit dem Menschen´, denn ´das Leben, die Seele ihres Urbilds fehlt ihr ja, nämlich: Wahrheit, treue Zeichnung der Leidenschaft, der Zeit, der Sitten´ (Herder ´Volkslieder´ 1778), so ward dennoch für viele beides eins. Mit tiefer Verstimmung sahen beide Männer ihre heiligsten Überzeugungen in den Staub des Gemeinen gezogen, ihr reinstes Streben verkannt und vernichtet. Diese Verstimmung brach sich deutlich Bahn in ihren späteren Äußerungen, 1778/79 in Herders ´Volksliedern´, 1789 in Bürgers Vorrede. Ja, diese Verkennung hat Bürgers Lebensabend vergiftet. Sie sahen das Rad dem Abgrunde zurollen; und als Goethe und Schiller mit ihren genialen Dichtungen auftraten, als das hellstrahlende Licht dieser neuen Sonnen alles andere verdunkelte, als beide sich vom deutschen ab und dem antiken Kunstideal zuwandten, da verschlang der Abgrund der Vergessenheit - freilich auf kurze Zeit - die so edel begonnenen, vielversprechenden Bestrebungen um eine wahrhaft volktümliche deutsche Dichtkunst.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1887

Sahr, Julius. Bürgers Leben und Charakter. In: Gottfried August Bürger und sein wilder Jäger. Zeitschrift für den deutschen Unterricht.

“[S. 32] Leicht erkennbar heben sich aus Bürgers Leben die Schwächen seines Wesens hervor: vor allem der Mangel an dem ewig gleichen sittlichen Halt. Nicht als ob dem Dichter das Gepräge einer edel angelegten, männlich starken Natur fehlte - sein Kampf gegen seine Liebe zu Molly, sein Mut in der Äußerung seiner politischen Ansichten (z.B. in der Vorrede zu seinen Gedichten vom Jahre 1789) und gar manches Gedicht, z. B. Männerkeuschheit, sind Beweis genug dafür. Sein ganzes Wesen strebte vielmehr zum Höheren, Strengeren, Ewigen empor, er rang mühselig darnach wie ein Mann, aber er besaß neben diesen edlen Naturanlagen eine zu leidenschaftliche Sinnlichkeit, ein Unvermögen, dem sinnnlichen und menschlichen Teile seiner Natur dauernd Fesseln anzulegen.

[S. 33] Woraus entsprang nun die so übermächtige Sinnlichkeit Bürgers? Vor allem aus einer zu großen Lebhaftigkeit der Einbildungskraft. Diese war für ihn eine mächtige Zauberin, die ihm nicht nur alles Gesehene, sondern auch das nur gedachte so sinnlich, so greifbar und anschaulich vor sein geistiges Auge stellte, daß es den Eindruck einer mächtig wirkenden Sinneswahrnehmung machte. Seiner Natur widerstrebte nichts so sehr als das Abstrakte.

[S. 35] Diese Empfänglichkeit Bürgers für die von außen kommenden oder von außen angeregten Eindrücke im Verein mit der guten und edlen Naturanlage erklärt manche andere Seite seines Wesens. Sein feines Kunstgefühl, sein Auge und Ohr für Farbe, Ton, Klang, sein religiöser Sinn, sein Verständnis für die Schönheit und Größe der Natur, sein Erfassen der menschlichen Charaktere, wie seine Begeisterung für die edle Größe der Menschen kann nicht Wunder nehmen. Niemand erkannte herzlicher fremdes Verdienst an: um der Schönheit und Größe der Werke selbst willen mußte er diese lieben und bewundern. Dabei floß Neid, Haß, Mißgunst oder sonst ein niederer gemeiner Zug nie mit unter. Bürger kannte überhaupt kein Falsch und keine Verstellung, sondern war eine offene, biedere Natur, und wenn er auch hie und da nicht die volle Wahrheit gesagt hat, so geschah dies gewiß nicht, um betrügerisch zu täuschen, sondern aus Nachlässigkeit und Flüchtigkeit, zu der er in mehrfacher Hinsicht neigte.

[S. 36] Die Derbheit, die manchmal bedenklich ans Rohe und Gemeine streift in Bürgers Gedichten, Briefen u.s.w., seine hie und da grobe Genußsucht waren nicht bloß eine Angleichung an gewisse niedere Volksklassen, aus deren Anschauungsweise er sonst manches Wertvolle entlehnt hat, auch nicht bloß ein Zoll an jene Seite der allgemeinen menschlichen Natur, deren Ton in der Scene in Auerbachs Keller in so unnachahmlicher Weise angeschlagen ist, sondern sind sicher auch zum großen Teil mit auf die Rechnung der Geniezeit und Genieunarten zu setzen, in denen sich ja auch Goethes und Schillers Jugendwerke gefallen. Bürgers Anlage paßte in ganz eigener Weise zu diesem Tone.

[S. 37] Was Bürgers äußere Lage betrifft, so ist er, trotz seines Fleißes und seiner ununterbrochenen Thätigkeit doch nie auf einen grünen Zweig gekommen. Er war dazu zu unpraktisch, verstand nicht zu wirtschaften und mit dem Gelde hauszuhalten, weshalb ihm auch alles, was er unternahm, in dieser Hinsicht mißlang oder ihn in große Schwierigkeiten verwickelte. Seine Leichtgläubigkeit und Bereitwilligkeit anderen zu helfen, mag auch manchen Mißbrauch seiner Güte herbeigeführt haben. Zudem scheint auch, daß seine erste Frau keine gute Haushälterin war.”

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1887

Baumgart, Hermann. Handbuch der Poetik. Stuttgart. 1887. [Hier entsprechend dem Nachdruck Georg Olms Verlag AG, Hildesheim 2003]

“[S. 52] Ein sehr interessantes Beispiel ist Bürgers ´dem Altenglischen nachgedichtete´ Ballade ´Graf Walter´, welche zwar alle Merkzeichen der echten Volksballade an sich trägt, aber durch die übel angebrachte Sorgfalt des alle Gelegenheit zum Effekt ausnutzenden Dichters allenthalben in epische Breite gewandelt und mit störenden Detail belastet.
      Eben wegen seiner Anlehnung an den alt-englischen Volksgesang ist Bürger in einigen seiner Dichtungen der echten Ballade nahe gekommen, doch bleiben auch diese auf der Grenze stehen. Der ´wilde Jäger´ ist solch ein Stück; wie die Sage jener fürchterlichen Ausartung der Jagdlust entsprungen ist, die unter all seinen unerträglichen Lasten den mittelalterlichen Bauernstand am heftigsten empörte, so ist es dem Dichter in der That gelungen, jenen bis zum grausigen Wahnwitz erhitzten, wildesten Frevelmut in ergreifender Nachahmung darzustellen, aber doch nur an einzelnen Stellen. Statt nach dieser einzigen Richtung auf sein Ziel loszugehen, hierzu alle stärksten Züge, in kürzester Andeutung zusammengedrängt, zu vereinigen, alles andere ganz fortzuwerfen oder höchstens durch ein Wort dem Hörer ins Gefühl zu rufen, bringt er neben der ausgeführten Haupthandlung noch eine ganze Reihe von Nebenhandlungen in nachdrücklich eingehenstem Vortrage vors Auge und zerstreut damit das Interesse nach den verschiedensten Gesichtspunkten, so daß in solchem Zusammenhange der breit moralisierende Schluß freilich nichts Auffallendes mehr hat, so sehr er dem Wesen der Ballade widerspricht.
   Auch die ´Lenore´ verdankt ihre weit hervorragende Stellung dem vorwiegend lyrischen Stimmungscharakter und Sangeston des Ganzen, dessen schattenhafte Vorgänge, ganz ohne eigentliche (innere) Handlung, nur Seelenzustände zu vergegenwärtigen dienen sollen. Will man recht klar erkennen, was das bedeutet, so vergleiche man mit diesen Gesängen Stücke wie die ´Entführung´ (´Knapp', sattle mir mein Dänenroß´) oder ´Des Pfarrers Tochter zu Taubenhain,´ oder ´Das Lied von Treue,´ in welchen in der That Handlung, und zwar um ihrer eigenen epischen Bedeutung willen, bei dem letztgenannten vielleicht wegen der anekdotenhaften Schlußwendung, nachgeahmt ist. Aber dennoch! wie weit steht auch Bürgers ´Lenore´ von der alt-schottischen Ballade ab, welche einen ähnlichen Inhalt, die todbringende Gewalt bis ins Grab getreuer Liebe, unendlich viel reiner, tiefer und wahrer ausdrückt.
   Es ist das schöne Lied ´Wilhelms Geist´in Herders ´Stimmen der Völker´, das achte im dritten Buche:
    Da kam ein Geist zu Gretchens Thür
         Mit manchem Weh und Ach!
   Und drückt' am Schloß und kehrt' am Schloß
         Und ächzte traurig nach.
              [...]
Nicht allein, daß hier vermieden ist, was in Bürgers ´Lenore´ so sehr verletzt: die Roheit des Ausdrucks und die maßlose Heftigkeit in den Aeußerungen des Schmerzes, welche statt den Seelenadel starker Empfindungen zu bekunden, vielmehr die Vorstellung der Ungebärdigkeit einer vulgären Natur hervorrufen; der Grund, warum die alte schottische Ballade so hoch über der modernen deutschen steht, liegt tiefer. In jener Zeit ist, wie in allen den herrlichen alten Stücken derart, die visionäre Handlung wie die Schilderung der Körperwelt auf das strengste und diskreteste lediglich nur als Darstellungsmittel des überwältigenden Gemütszustandes verwendet; daher hält sich beides so glücklich und sicher in den Grenzen der einfachen Wahrheit und Natur. [...]
   Und nun vergleiche man damit, wie die ´Lenore´ überall den Nachahmer zeigt, und zwar den Nachahmer der bloßen Manier, der in den Nebendingen seine Stärke sucht und darüber den Hauptzweck aus dem Auge verliert! Was das Gedicht so berühmt gemacht hat, ist die Virtuosität in der Behandlung des dekorativen Beiwerks. Und um dieser spukhaften Scenerie, um jenes Todesgrauen willen, das in der schottischen Ballade sich nur mit leisem Aklang in die äußere Darstellung mischt, aber ganz ohne die Seele der handelnden Hauptperson zu berühren, ist bei Bürger die Handlung in eine Breite ausgesponnen, mit einem Detail ausgestattet, welche schon allein mit ihrem Charakter als Darstellungsmittel im Widerspruch stehen. Aber weil ihm das Bewußtsein dieser Bestimmung der Handlung fehlt und er sie daher ganz als Selbstzweck betrachtet, geht ihr auch jener enge, symbolische Anschluß an die zugrunde liegenden Gemütszustände und Vorgänge verloren, sie büßt mit der Einfachheit auch die Wahrheit ein. Statt durch getreue Nachahmung ergreifenden Seelenlebens zu bewegen, beschränkt sich die Dichtung darauf, durch eine effektvoll vorgetragene Spukgeschichte rein äußerliche Sensation hervorzurufen!
    Bürger stellt den Gegenstand unter einem veränderten Gesichtspunkt dar; die Uebergewalt der Liebe kehrt sich über den Verlust des Geliebten in Verzweiflung, die mit Gott und der Vorsehung hadert, die Entführung durch den Geist des Bräutigams und der Tod Lenorens erscheinen dann gewissermaßen als göttliches Strafgericht. Darauf deutet der moralisierende Schlußgesang, den das im Mondenschein tanzende Geistergesindel als Hochzeitslied ´heult´: ´Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht! Mit Gott im Himmel hadre nicht! Des Leibes bist du ledig; Gott sei der Seele gnädig!´ Und doch hat es der Dichte nicht vermocht den Sturm in der Seele seiner Heldin in der Handlung selbst zu verkörpern, sondern er greift zu dem poetisch weit unwirksameren Mittel ihn geradehin zu beschreiben, wobei die Mattigkeit des Verfahrens durch das Excessive des Ausdrucks aufgewogen werden soll. Die Handlung selbst aber behält, trotz der Dekorationskunst, die darauf gewandt ist das Zwielicht des Geisterreichs herzustellen, den Charakter eines von außen hereinbrechenden Ereignisses, bei welchem die innerlich allein Beteiligte sich passiv, ja zögernd und halb widerwillig verhält, während der Vollzug der Aktion ganz ohne innere Motivirung dem Gespenste des toten Bräutigans und dem gräulich spukhaften Geistergesindel von Kirchhof und Hochgericht zufällt. Soll darin eine Symbolik gefunden werden - und wie anders erhält der ganze Vorgang überhaupt irgend eine Bedeutung? - so kann es nur diese sein: die tötliche Wirkung des ´in Gehirn und Adern wütenden´ Fieberparoxysmus; ein singulärer und noch dazu häßlich pathologischer Vorgang, statt, wie in ´Wilhelms Geist,´ der Offenbarung kraftvollster und zugleich zartester Gemütsart, die, obwohl im einzelnen Falle vergegenwärtigt, doch in typischer Allgemeinheit die Macht der Kräfte verkündet, deren das menschliche Herz fähig ist.

[S. 266] Noch ein frappantes Beispiel, wie hoch die rein epische Behandlung, d. i. also diejenige, welche die Handlung ganz für sich allein, als aus dem unmittelbaren Antriebe des Gemüts, aus schönem Ethos, hervorragend erzählt, über derjenigen steht, welche auch nur die Vermischung der ethisch-pathetischen Auffassung mit der moralischen Rücksicht zuläßt, zeigt die Gestaltung eines nahe verwandten Stoffes durch Goethe und Bürger. Wie Bleigewichte hängen sich die moralisierenden Betrachtungen an die im Uebrigen vortreffliche Erzählung in Bürgers ´Lied vom braven Mann´; wie rein dagegen die Schönheit des von allem Beiwerke befreiten Körpers der Handlung in Goethes ´Johanna Sebus´!

[S. 319] Gedichte wie diese [Hans Sachsens ´Sct. Peter mit der Geis´ und die ´Die ungleichen Kinder Eva´, und Goethes ´Legende vom Hufeisen´.] thun ihre erfreuliche Wirkung eben dadurch, daß in ihnen die Gattung rein erhalten ist; wie überall so gibt es auch auf dem Felde der komischen poetischen Erzählung nicht vieles derart. Vielleicht für keine Dichtungsart war Bürgers Talent so glücklich disponiert wie für diese, und seine große Beliebtheit dankt er vorzüglich den ihm am besten gelungenen komischen Erzählungen, von welchen vor allen andern ´Der Kaiser und der Abt´ als ein Musterstück der Gattung bezeichnet werden kann. Es zeigt sich auch hier, daß die komische Poesie ganz ebenso die höchsten Anforderungen an den Dichter stellt wie die tragische. So unscheinbar vielleicht gerade diese Gattung der komischen poetischen Erzählung vielen Beurteilern vorkommen mag, so ist, bei den auf allen Seiten sie umgebenden Gefahren der Ausartung, sie rein darzustellen, die Sache nur eines sehr bedeutenden Dichters. Bei Bürger selbst wird die heitere Freude an dem dargestellten allzu oft getrübt, wenn nicht ganz aufgehoben, durch das Parodische und Triviale, ja zuweilen Niedrige und Gemeine, welches diesem Genre so leicht sich zugesellt, bei den Einen um es als das wohlfeilste Mittel zum Ersatz für die mangelnde wahrhaft komische Wirkung zu verwenden, bei den Andern um einer angeblich satirischen Tendenz damit zu dienen. Ist nun die entschieden satirische Tendenz, so gut wie die lehrhafte Absicht, an sich dem reinen Charakter der poetischen Erzählung, auch der komischen, widersprechend, so werden andererseits die Mittel des niedrig Parodischen, Trivialen, Vulgären durch satirische Verwendung selbst bei der an sich besten Absicht noch keineswegs etwas Anderes als sie an sich sind, noch keineswegs der poetischen Verwendung fähig; als ein abschreckendes Beispiel der Art wäre Schillers Jugendgedicht ´Der Venuswagen´ zu nenneen, welches, wie noch andere Gedichte in Schillers ´Anthologie´, deutliche Spuren einer ziemlich starken Beeinflussung durch Bürgersche Ausdrucks- und Darstellungsweise zeigt: vielleicht ein Grund mehr dafür, daß Schiller zehn Jahre später sich mit um so entschiedenerer Verurteilung gegen Fehler wandte, die er einst selbst bis zu einem gewissen Grade mitzumachen sich hatte verleiten lassen. “

 

1887

Kniest, Philipp. Von der Wasserkante, Bremen.

“[S. 198]
   Der König und die Kaiserin,
   Des langen Haders müde,
   Erweichten ihren harten Sinn
   Und machten endlich Friede . . .
Der edle Frieden war in Deutschland wieder eingekehrt. Die Soldaten der verschiedenen Mächte marschirten
nach Hause, mit Wunden viele, mit Lorbeeren nicht alle bedeckt.”

 

1888

Meyers Konversationslexikon von 1888

"Schiller wirft in seiner Rezension in der ´Allgemeinen Litteraturzeitung´ von 1791 B. vor, daß seine Gedichte keinen reinen Genuß böten, daß ihm durchaus der ideale Begriff von Liebe und Schönheit fehle, daher seine Gedichte zu oft in die Gemeinheit des Volkes hinabsänken, statt dieses zu sich zu erheben, daß überhaupt der Geist, der sich in seinen Gedichten ausspreche, kein gereifter sei, daß seinen Produkten nur deshalb die letzte Hand der Veredelung fehle, weil sie ihm wohl selbst fehle. Dies wenn auch strenge Urteil mag bestehen, wenn man das Gegengewicht der Vorzüge Bürgers gelten läßt. Denn die Wärme seiner Empfindung, die unmittelbaren und ergreifenden Naturtöne der Innerlichkeit, die Weichheit und zugleich die Kraft des Ausdrucks, die Mannigfaltigkeit der Formen, die er beherrschte, werden ihm unter den deutschen Lyrikern immer einen bedeutenden Platz sichern. In der Ballade hat er (einige verfehlte abgerechnet) sehr Hervorragendes geleistet, und der melodische Fluß seiner Lieder ist oft von höchster Schönheit. Seine Übersetzungen sind, wie der Versuch einer Ilias in Jamben und seine Macbeth-Bearbeitung, meistens durch die Anwendung falscher Übersetzungsprinzipien mißlungen."

 

1888

Tieck, Johann Ludwig . In: Deutsche Dichter von Gottsched bis auf unsere Tage in Urtheilen zeitgenössischer und späterer deutscher Dichter. Von Dr. R. Mahrenholtz u. Dr. A. Wünsche. Leipzig

”[S.37] Bürger´s großes Talent war die populäre Behandlung der Poesie, und darum wird seine “Lenore” immer ein wahres Meisterwerk bleiben. Auch manche andere seiner Gedichte verdienen volle Anerkennung. Zu bedauern ist, daß er mitunter in einen platten, ja gemeinen Ton verfallen konnte, wie in dem Gedichte von der “Jungfrau Europa”. Dennoch ist Schiller´s bekannte Kritik zu streng, besonders wenn man bedenkt, daß dieser sich doch auch Manches vorzuwerfen hatte. Seine Recension Bürger´s erscheint um so schärfer, wenn man sie mit der unnöthig anerkennenden des weichlichen Matthisson vergleicht. Dagegen war Goethe gegen ihn freundlich gesonnen, und die Erbitterung Bürger´s in dem bekannten Epigramme war ungerecht. Ich hatte die Veranlassung dazu von Reichardt erzählen hören, und danach fällt die Schuld bei weitem mehr auf Bürger. Goethe und Reichardt hatten miteinander musicirt; während dessen war Bürger, der Goethe besuchen wollte, in das Nebenzimmer eingetreten. Goethe sieht ihn, und noch erfüllt von der Musik, tritt er ihm mit einer freudigen Begrüßung entgegen. In demselben Augenblicke verbeugt sich Bürger sehr tief. Durch das Sonderbare dieser Lage wird Goethe in Verlegenheit gesetzt, er wird verdrießlich, und eine steife und kalte Unterhaltung beginnt. Darüber wird nun Bürger empfindlich; er entfernte sich bald, und sprach in jenem Epigramm seinen Zorn aus.”

 

1888

Hahn, Werner. Gottfried August Bürger. In: Geschichte der poetischen Litteratur. Berlin. Sammlung Klaus Damert

“[S. 200] Poetisches Talent und sinnliche Leidenschaft waren in ihm unglücklich gemischt. Von dem wüsten Leben, das er seit seinem Aufenthalt in Halle und Göttingen führte, konnte er sich nicht mehr beharrlich frei machen.[...] Bürgers Dichterruhm gründete sich auf die 1774 im Göttinger Musenalmanach erschienene ´Lenore´. Seine Gedichte wurden 1778 und seitdem wiederholentlich gesammelt. Unter den lyrischen Gedichten: ´Trinklied (Herr Bacchus ist ein braver Mann, Das kann ich euch versichern!); das Dörfchen (Ich rühme mir mein Dörfchen hier); Himmel und Erde (In dem Himmel quillt die Fülle der vollkommnen Seligkeit); Minne (Ich will das Herz mein Leben lang Der holden Minne weihen)´usw. Bürgers Sonette sind die ersten, die seit Gottsched wieder gedichtet wurden. Sie empfingen selbst von Schiller, der ihn mit einseitiger Strenge beurteilte, das Lob, [...]. “

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1888

Kawerau, Waldemar. G. A. Bürger. In: Aus Halles Litteraturleben. Halle. Digitalisiert von Google

“ [S. 196] Auch unter den Studenten warb sich Klotz seinen Anhang, aber Diejenigen, die der grossmächtige Herr Geheimrath mit seiner Freundschaft beglückte, hatten meist den sittlichen Schaden davon, da der verheirathete Professor in dem lockeren Kreise der lockerste, unter den leichtsinnigen der leichtsinnigste war und durch sein Beispiel haltlose Naturen auf das unheilvollste beeinflusste. Auch Bürger, der mit 16 Jahren das Hallische Pädagogium verliess, wo er mit Göckingk auf derselben Schulbank gesessen hatte und nun als blutjunger Student der Klotzschen Protection sich erfreute, lief in dem wüsten und regellosen Treiben Gefahr, sich selbst zu verlieren. Aber Klotz, der für Talente eine feine Witterung hatte, liess nicht locker; auch nach Bürgers Uebersiedelung nach Göttingen setzte er den Verkehr mit ihm fort, und schmeichelte ihm jener: Tu mihi Socrates, Tu mihi Plato, aut si quos novisti magis unquam a suis adamatos, corum Te similem judico; versicherte Bürger des Weitern, es sei ihm die ´liebste Geistesbeschäftigung, Klotzens Verdienste zu bewundern, seinen göttlichen Geist zu feiern, sein reines und offenes Herz zu lieben´ - so blieb Klotz seinerseits nicht zurück, sondern bewunderte dankbar Bürgers ´Geisteskraft´ und hoffte gewiss, ihn bald als Hallenser Professor wieder zu begrüssen. Er solle nur schleunigst seine Doctordisputation machen, ´weil ich (Klotz) will, dass Sie bald wieder zu uns kommen sollen und zwar als Professor. Das erste überlasse ich Ihnen, das letztere überlassen Sie mir´. Klotz war es auch, der Bürger zur Nachdichtung des Pervigilium Veneris, jenes ´carmen molle, dulce et jucundum´ veranlasste, denn ´ich weiss ja, was für ein Mann Sie sind, und was ich von Ihnen erwarten kann´. Mit klarem Blick erkannte der feine und gewissenhafte Boie in Gottingen den schweren sittlichen Schaden, der dem jungen Bürger aus dieser Verbindung erwachsen musste und wie nothwendig es sei, ihn in andere Gesellschaft zu bringen, die ihm nicht von vornherein ´in der Meynung derer schade, deren Beyfall ein Mann, der edel und fein denkt´, allein suchen muss. ´Ich würde mich vor mich selbst schämen, - schrieb er an Gleim - wenn ich einen Funken persönlichen Grolles wider Klotz in mir hätte. Ich verkenne sein Genie nicht, aber ich bin zu sehr von dem grossen Schaden überzeugt, den er in unserer Litteratur angerichtet, als dass ich die Vereinigung eines guten Kopfes mit ihm ohne Schmerz sehen könnte. Sie ist seinen Sitten und seiner Grösse gleich nachtheilig. Wie kann der gross werden, der frühzeitig lernt, dass es Nebenwege giebt, zu dem Tempel der Ehren zu kommen?´ Und später: ´Er (Bürger) weiss zu viel, um auf Klotzens Halbgelehrsamkeit zu bauen; aber Klotz hat ihm so viel Gutes erwiesen, dass es Undankbarkeit wäre, wenn er wider ihn wäre. Für ihn kämpfen soll er aber eben so wenig, so nöthig Kl. bei seiner halbdesertirten, halb furchtsamen Armee junge, rüstige Streiter braucht.´“

 

1889

Frommel, Emil Wilhelm. Aus der Chronik eines geistlichen Herrn. Stuttgart. Digitalisiert von Google

“[S. 33] Am liebsten war es uns, wenn sie von ihrem Bruder erzählte, der mit den badischen weißen Husaren nach Rußland unter Napoleon gezogen und nicht mehr heimgekommen, sondern dort an der Beresina erfroren sein mußte. Grade dies Dunkel, in das sich dies Leben verlor, was nun allen Phantasien Spielraum ließ, war das Interessanteste dabei. Konnte er denn nicht am Ende gefangen und nach Sibirien verbracht, dort ein reicher Pelzhändler geworden sein und an einem schönen Tage zu seiner Haan - und der Applone, die seine Braut war, heimkehren? Als ich später Bürgers Leonore ´um das Morgenrot herumfahren´ sah, dachte ich immer an den weißen Husaren an der Beresina und die ´Applone´.“

 

1889

Herder, Johann Gottfried. Brief vom 27. December 1779. In: Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte, Weimar. Digitalisiert von Google

“[S. 144] Ich bin in den meisten, ja allen Stücken so sehr seiner Meinung und freue mich so ganz über den warmen von der Wahrheit begeisterten Ton, mit dem Alles gesagt ist, dass es mir leid thäte, wenn auch Er, ein so erleuchteter Kenner des Guten und Schönen,
durch die Ausgabe der ´Volkslieder' mich unter die Zahl der Verderber der Poesie setzte. Sie sind nicht herausgegeben, um Muster zu werden und gerade nicht in dem, worinn Bürger, der Almanach *) etc. die VolksDichtelei setzen, die mich von Herzen mit ihrem Eia, Popeia! ärgern. Ich glaubte nur, den Engländern, z. E. Spenser, Shakespear, Pope, Mallet, Gray u. a. zu Folge, hie und da Goldkörner aus Unrath ziehen zu dörfen und hoffte mit einem kleinen Versuch solcher Sammlung theils ältere, gute und zu sehr vergessne Dichter unsers Vaterlandes wieder ins Andenken zu bringen, theils durch die treuherzige, wahre Sprache, die damals das deutsche Lied hatte, von manchem Geklingel neuerer sogenannter Poesie und lyrischen Schwunges, zur Einfalt und Natur zurückzuführen, ohne das Rauhe und Unpassende aus solchen Zeiten wiederbringen zu wollen. Ist meine Absicht fehlgeschlagen, so hat sie dies Schicksal mit vielen andern guten Absichten gemein. “

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1889

Minor, Jakob. Der junge Schiller als Journalist. In: Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte, Weimar. Digitalisiert von Google

“[S. 372] Die Vorliebe für mathematischen Calcul, die Berechnung des Reisgewinnes eines Goldmachers, der Kriegsschiffe und Truppen in ganz Europa, der englischen Beamtengehalte u. s. w. haben wir schon als eine Eigenthümlichkeit Schillers erwähnt, von welcher sein Kalender weitere Proben gibt. Viele Anekdoten sind in dem derben cynischen Tone erzählt, in welchem sich der Mediciner und das Kraftgenie sowohl im mündlichen Verkehre als im Schreiben gefiel: die Gedichte in der Manier Bürgers, namentlich aber die prosaische Vorrede zu der Anthologie, geben davon die deutlichsten Belege. So lesen wir auch hier wiederholt von dem ´Kerl´, von der Tabakspfeife ´im Maul´. Der aufgeknöpften Manier der Darstellung entsprechen inhaltlich die Sticheleien auf die Schwächen des weiblichen Geschlechtes und auf die alten Weiber, welche in den Epigrammen der Anthologie ihre Entsprechung finden.“

 

1890

Poppenberg, Felix. Bürger (Gest. 8.Juni 1794). In: Das Magazin für Litteratur. Vereinsorgan der Freien Literarischen Gesellschaft, Nr.22, Sp.678-684  (Sammlung Helmut Scherer)

“[Sp. 678] Doch in seiner Lebens Wildnis leuchtete die Poesie. Er war ein Dichter und er hat die Zeit überdauert. Das Echte, das er geschaffen, wirkt heut - hundert Jahr nach seinem Tod - frisch wie einst.

[Sp. 682] Was Bürger als Dichter war, läßt sich daraus ersehen, daß man sein Schaffen in keine der Zeitgruppen einregistriren kann. Er gehört allen an. Er stimmt in die Weise des Hains ein, ist Minnesänger und Brde; er folgt den fliegenden Fahnen der Stürmer und Dränger; er tummelt sich in der wildkühnen Freischar der Herder-jünger und schwört den Treueid auf Shakespeare und die Volkspoesie; und er ist, was Goethe vom Lyriker verlangt und was neben ihm zu dieser Zeit in einigen wenigen Liedern nur Lenz gewesen, ein echter Gelegenheitspoet, ein Ausgestalter des eigenen Erlebens. Des sind schmerzlich süße Zeugen die Mollylieder.
   Hier erklingen die schlichten Töne des Volksliedes. [...] Hier hat aber auch Sehnsuchtsqual, Gewissenspein und Leidenschaftstaumel den tieferschütterndsten Ausdruck gefunden. [...] Als ihm aber die Geliebte endlich wird, da versagt ihm die Dichterkraft. Sein ´hohes Lied von der Einzigen, in Geist und Herzen empfangen am Altare der Vermälung´ ist, wenige Zeilen ausgenommen, schwülstig wie sein Titel und charakterisirt treffend jene nur zu große Schar der Bürgerschen Gedichte, die durch pomphaften Wortprunk innere Leere verbergen wollen.
   Seine übrige Lyrik hält sich innerhalb der Schranken des Zeitgeschmacks.

[Sp. 683] Derselbe Sänger solcher holden Nichtigkeiten hat aber auch das bewegte dramatische Lied geschaffen wie es Herder verlangte; er, der einzige neben Goethe. Die Volkslieder mit ihrer lebendigen Technik, die häufig kleine Dramen mit Hin- und Widerrede sind: die kraftvolle Wucht des Sturms und Dranges mit seinen oft krassen Motiven; das Shakespeareevangelium, das nach Natur, Leben und Charakteristik schrie, - diese Dreieinigkeit befruchtete Bürgers Balladendichtung. [...] Doch nur zu häufig wird auch die Szene zum Theater; die Bühne des Ritterdramas mit hohen Mauern und Zinnen tut sich auf, gelblederne Ritterstiefel klirren bombastisch mit den Spundsporen, und allzu biderbe Recken schwingen allzu renommistisch die plumpen Schwerter. Schlimmer aber noch ist es, wenn Bürger vom Theater zum Jahrmarkt übergeht, ein großes grell gemaltes Tableau anspannt und in beweglichen Reimen ein klägliches Karmen absingt. Er verstand sich dazu in übertriebenen Streben nach Popularität, uns aber tut es weh, den Dichter unter den Gauklern zu sehen in Misgestalt.
   Doch auch in diesen Produkten zeigt sich unter dem hohlen Kling-klang die Meisterschaft, bewegte Gruppen zu gestalten, Leben und Affekt zu geben. Und der Dramatiker unter den Balladendichtern hält stets auf sorgsam abgetönte Differenzirung der Sprache in den Rollen seiner Personen. - -
   Seine Gegenwart sah nur die Schlacken und Flecken an seiner Persönlichkeit. Und er hat sich hinausgehungert aus der Welt, die ihn verstieß.
   Die Nachwelt aber ward ihm gerechter als die Mitwelt, und hundert Jahr nach seinem Tode will man sogar ein Denkmal ihm errichten. Doch er hat stets entbehren müssen, was seinen Werken nun so reichlich widerfährt. -”

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1890

Werner, Richard Maria. Biographische Einleitung. In: G.A. Bürgers ausgewählte Werke in zwei Bänden. Erster Band.

[S. 9] Alle guten, aber auch alle bösen Seiten seiner Periode [des Sturm und Drang] wurden in ihm lebendig und machen ihn zu einem der interessantesten Vertreter seiner Tage; wenn wir ihn bewundern, so bewundern wir die neuen Errungenschaften, wenn er uns abstößt, so fällt auf ihn nur ein kleinerer Teil der Schuld: seine Zeit wurde sein Verhängnis; er ist einer von den vielen, welche an jener Zeit zu Grunde gingen, denn das Licht leuchtete nicht bloß, es versengte auch, dem neugewonnenen Golde waren Schlacken beigemischt, und nicht jeder konnte einen Klumpen Goldes rein ausscheiden.

[S. 25] In Schillers Kritik stellt sich der Klassizismus gegen den Sturm und Drang, der Vertreter des idealen gegen den Vertreter des realistischen Stils. Schiller gab eine Art Selbstkritik. Der Dichter des Don Carlos durfte den Dichter der ´Anthologie´ bekämpfen, er durfte auf die glücklich überwundene Periode seines Lebens mit Hoheit herabsehen und seine eigene dichterische Vergangenheit in Bürgers Poesie verwerfen, das bildet die tiefe Bedeutung der Schillerschen Anzeige für Schiller, mildert aber auch in unseren Augen ihre Härte. Davon wußte jedoch die Zeit, wußte vor allem Bürger nichts.

[S. 26] Am 13. Juni begann jener bedeutsame Bund unserer zwei größten Dichter, welcher den Sieg des Klassizismus in Deutschland entschied. Fünf Tage vorher schloß der letzte und treueste Vertreter des ´Sturm und Drang´ für immer all seine Qual und Sorge, treue Freundeshände drückten ihm die Augen zu. Er ging zu Grunde, weil der starre Realist nicht einsehen wollte, daß die Dichtkunst die Individualität des Künstlers und doch Idealisierung verlange. Bis zuletzt glaubte er fest daran, daß gerade das Eigentümliche, das streng Individuelle das Schöne, idealisierte Empfindungen dagegen ein Unsinn sei. Es ist tragisch, daß Bürger an dem Ideale scheitert, welches unsere klassische Literatur hat begründen helfen, aber die Entwicklung mußte weiterschreiten, wenn es galt - sogar über Leichen."

Werners Biographische Einleitung in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1890

Meyer, Friedrich Ludwig Wilhelm. In: F.L.W. Meyer, sein Leben und seine schriftstellerische Wirksamkeit, Dissertation von Curt Zimmermann

“[S. 18] Die Schwächen, welche Meyer in dem Leben des Dichters [Bürger] wahrnahm, fand er auch in seinen lyrischen Produkten wieder; in einem Briefe an Heyne charakterisiert er die 1789 erschienen Bürgerschen Gedichte folgendermassen: “Popularität, die keine Grazie zulässt, tönende Worte für gemeinen Sinn, Stolz, der das Verdienst seinem Richter aufdringen will, und vor allem die häufige Wiederkehr der beleidigenden Forderung, dass eine Gottheit, wie wir uns die christliche denken, sich um alltägliche Liebeshistorien und Küsse kümmern und verwenden sollte, Vermischung der Sprache und des Tones, Dehnung, Mangel an Empfindung und Verstösse gegen die Anständigkeit, berauben den Dichter beinah der vorzüglichsten Eigenschaften, um derentwillen er Achtung verdient.”

Dissertation von Curt Zimmermann in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1891

Köster, Albert. Macbeth. In: Schiller als Dramaturg. Berlin.

“[S. 60] Wieland, Eschenburg, Stephanie, Fischer, Schröder, Bürger bilden eine festgeschlossene Kette. Und erst Schiller bricht in vielen Punkten mit der Tradition; das ist sein großes Verdienst. Vor Schiller bringt jeder der genannten Bearbeiter den verpfuschten ´Macbeth´ ein Stückchen wieder in die Höhe; ein Jeder erbt aber auch von den Vorgängern eine Anzahl von Fehlern. Und da nun die Bearbeitungen von Stephanie und Fischer heutzutage kaum noch dem Forscher in die Hände fallen, die von Schröder aber vergessen war, so wurden die meisten Entstellungen Bürger zur Last gelegt. Das ist jedoch durchaus zurückzuweisen; von jeder der genannten Bearbeitungen ist bis zur nächstfolgenden vielmehr ein ständiger Fortschritt festzustellen, und darum steht Bürger am höchsten.

[S. 67] Schröder schickte das Stück an Bürger, damit er es bei seiner Bearbeitung als Grundlage benutze; und dieser hielt sich in manchen Einzelheiten eng an die Vorlage. Jahre lang hat er an seinem ´Macbeth´ gearbeitet, eine leichtfertige Pfuscherei kann man das Werk darum nicht nennen. Daß es heute dem Leser als eine grobe Entstellung erscheint, liegt in den veränderten Ansprüchen; für die Zeit seiner Entstehung war es ein wesentlicher Fortschritt gegen die früheren Versuche. Daß ein Bearbeiter mit dem Werke eines fremden Dichters frei schalten dürfe, war eine allgemein verbreitete Anschauung; aus ihr sind die Mängel von Bürgers ´Macbeth´ nicht abzuleiten. Verhängnisvoll war vielmehr, daß der Dichter nicht freie Bewegung hatte, da er ja an Schröders Vorarbeit gebunden war, und ferner, daß seine ganze Begabung sich auf das kleine Gebiet der Lyrik und Balladendichtung concentrirte, daß sie dagegen für das Drama nicht ausreichte. Diese Erkenntnis ging ihm jedoch erst während der Arbeit auf.
   Viele Fehler sind nicht Bürger, sondern seinem Vorgänger zur Last zu legen. Die Scenenfolge des Hamburger Manuscripts ist fast durchgehend beibehalten, denn in dieser Hinsicht war für Bürger die Erfahrung des großen Bühnenpraktikers maßgebend, obwol er auch hier schon trotz Schröder die Macduffscenen wieder an ihren richtigen Platz stellte.

[S. 68] Neben diesen alten und neuen Willkürlichkeiten finden sich aber auch Zeugnisse einer durchaus richtigen Auffassung, die für jene Zeit sogar originell waren. Nicht nur, daß Bürger an Hand des Originals Vieles, was Schröder ausgelassen hatte, wieder einfügte, oder umgestellte Scenen und Reden ihren gebührenden Platz wieder anwies; er hat sich auch von dem Einfluß Stephanies und Fischers nach Kräften befreit; [...]

[S. 69] Berühmt geworden ist aber die Bearbeitung erst durch die Hexenscenen; auf sie hat der Dichter sein Hauptaugenmerk gerichtet.

[S. 71] Und doch liegt trotz aller Übertreibung und Verzerrung in dem Bürgerschen ´Macbeth´, besonders in den Hexenscenen etwas Gesundes. Bürger war der Erste, welcher einsah, daß für einen so mächtigen Inhalt, wie ihn die Shakespearschen Dramen darbieten, auch die Form von hoher Bedeutung sei.

[S. 73] Mit alledem ist noch durchaus kein Werk entstanden, welches das Shakespearesche Original ersetzen könnte; aber wenn man die Entstehungsgeschichte dieses Stückes kennt und weiß, wie der Bearbeiter durch Rücksichten und Schwierigkeiten eingeengt wurde, so wird man milder urteilen. Zwanzig Jahre lang vermochte in Deutschland keiner eine bessere Bühnenbearbeitung zu schaffen, als die Bürgersche war. Zeitgenössische Kritiker sprechen von ihrer großen Bühnenwirkung, die noch erhöht wurde durch die ´fürchterlich schöne´ Musik, welche Reichardt zu den Hexenscenen schrieb, die Partien der Hexen für kräftige Frauenstimmen, die der Hekate für Tenor. In welcher Bearbeitung man in Zukunft auch den ´Macbeth´ spielte, die Reichardtsche Musik nahm man jetzt überall zu Hülfe. Da nun aber diese die hinzugedichteten Hexenscenen Bürgers mit umfaßte, so trug sie die Auffassung der Schröder-Bürgerschen Bearbeitung, die Vorstellung von dem edlen Macbeth, der einer übermächtigen Höllenmacht erliegen muß, an alle Bühnen. Und von dieser Auffassung, die sich mehr und mehr befestigte, konnte sich selbst Schiller, als er um die Wende des Jahrhunderts die erste Bearbeitung in Versen unternahm, nicht freimachen.“

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1892

Fischer, Kuno. Schiller als Philosoph. Zweites Buch. Die akademische Zeit. 1789-1796. Digitalisiert von Google.

“[S. 246] Es ist kein Zweifel, daß die beiden Aufsätze über Bürger und über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst innerlich zusammenhängen, daß sich der zweite zum ersten verhält, wie die Regel zur Anwendung, daß Schiller in jenem generalisirt hat, was er in diesem exemplificirt hatte. Ein Theil der Regel betraf den Gebrauch des Gemeinen in der Dichtkunst. Das Exempel war Bürger. Erst hatte Schiller den einzelnen Fall als prärogative Instanz vor Augen gehabt, dann behandelte er die Frage theoretisch; jetzt gab er beide Aufsätze zusammen heraus und sagte in der Schlußanmerkung des ersten, daß er nunmehr seine Gründe noch besser entwickeln könne. Diese bessere, d.h. philosophische Begründung enthielt der zweite Aufsatz.

[S. 247] Diese Recension, die letzte noch vor dem Ausbruch seiner Krankheit verfaßte Schrift, fand nicht überall einen so ungetheilten Beifall, wie in Weimar und Jena. Es wurde ihm vorgeworfen, daß er gegen Bürger zu hart, ja parteiisch und ungerecht verfahren sei.Mit Unrecht, denn Schiller hat die geniale Begabung dieses Dichters, die Zauberkraft seiner Phantasie, den Wohllaut seiner Verse, die Unübertrefflichkeit seiner Balladen, die unnachahmliche Schönheit seiner Molly-Sonette, die sich auf den Lippen in Gesang verwandeln, den unerreichbaren Werth des hohen Liedes von der Einzigen laut anerkannt. Wenn er jetzt die fehlerhafte Seite der Gedichte Bürgers eingehend beleuchte, so sei dies eine Ungerechtigkeit, die man sich nur gegen einen Dichter von so unbestrittener Bedeutung erlauben dürfe. Doch sei der Dichter als Künstler zu beurtheilen, und Schiller wollte in seiner Recension über Bürger als Kunstrichter sprechen.

[S. 248] In den Tagen der Anthologie hatte er Bürgers derbe, ungenirte Natürlichkeit und deren parodistische Anwendung ganz nach seinem Sinne gefunden und nachgeahmt. Man vergleiche nur ´Fortunens Pranger´ mit dem ´Venuswagen´, ´Männerkeuschheit´ mit ´Kastraten und Männer´, man erinnere sich an Gedichte wie ´Die Journalisten und Minos´, ´Der hypochondrische Pluto´, ´Die Rache der Musen´ u.a. und man wird die Ähnlichkeit nicht verkennen. Damals hatte Schiller seine Anthologie dem Tode gewidmet, um sie unsterblich zu machen; jetzt hatte er jene Gedichte längst zum Tode verurtheilt, und wenn es nach ihm gegangen wäre, so würde heute niemand ahnen, daß Schiller je solche Gedichte gemacht und veröffentlicht habe.

[S. 249] Nun war es der Dichter der Götter Griechenlands und der Künstler, der von neuem Bürgers Gedichte gelesen und darunter
so viele gefunden hatte, die ihn anwiderten, wie ´Die Menagerie der Götter´, ´Fortunens Pranger´, ´Frau Schnips´ u.a. Kein einziges gewährte ihm einen völlig reinen Genuß. Er verwarf den Gebrauch des Gemeinen in der Kunst, nicht was den Stoff, wohl aber was die Form, die dichterische Empfindungs- und Ausdrucksweise betraf. Der Dichter darf auch gemeine Empfindungen und Sitten schildern, aber nicht selbst haben und pflegen; er soll volksthümlich sein, nicht pöbelhaft, populär, nicht vulgär, er soll die Seele seines Volkes ergreifen und zu sich emporheben, aber sich nie mit der Masse gemein machen.

[S. 250] Bürger war von dem Stoff seiner eigenen Stimmungen und Gefühle viel zu sehr unterjocht, um mit künstlerischer Freiheit denselben beherrschen und in eine von den Schlacken seiner Individualität gereinigten Form ausprägen und mittheilen zu können.

[S. 252] Eine Schwäbin, in seine [Bürgers] Gedichte verliebt, hatte in ungenirten Versen sich ihm angetragen und den schwachen Mann dadurch berückt. In der Ehe kam alsbald die gemeine Natur des sinnlichen und vergnügungssüchtigen Weibes zum Vorschein.Gerade diejenige Seite der Gedichte Bürgers, von welcher Schiller sich angewidert fand, hatte seine Landsmännin entzückt; sie lieferte ein lebendiges Beispiel und den traurigsten Beweis, daß Schiller recht hatte.”

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1892

Heyse, Paul Johann Ludwig von. Wahrheit? Schauspiel in drei Akten. Berlin. Digitalisiert von Google

“[S. 21] Fünfte Scene [...]
Normann.
Der macht ja ein sonderbares Gesicht. Wenn ich doch richtig vermuthet hätte, daß er selbst - Es wäre freilich kein Wunder.
   Die hübsche Puppe, seine Frau, mit der er keine zehn vernünftigen Worte reden kann - und neben ihr ein Mädel wie diese Emmy - hat man nicht Beispiele? Bürger und Molly - Der arme Kerl würde mir leid thun. Aber um so nöthiger ist es, bei Zeiten einen Riegel vorzuschieben.“

 

1893

Koch, Max. Geschichte der deutschen Literatur. Stuttgart

“[S. 181] Der den Göttinger Bundesbrüdern befreundete Gottfried August Bürger, 1747 bis 94, dichtete 1773 als Amtmann zu Gelliehausen seine Volksballade ´Leonore.´ 1778 und 89 hat der erste und genialste deutsche Balladendichter in Gedichtsammlungen die ganze reiche Fülle seines volkstümlichen Empfindens und poetischen Könnens bewiesen.

[S. 199] Die den Staat und politische Freiheit allein ermöglichenden Bürgercharaktere zu schaffen, die Widersprüche der menschlichen Natur auszugleichen, sei Aufgabe der seelenbildenden Kunst. Das deutsche Volk zu solchem Charakter zu erziehen, ist das Ziel seiner Dichtung, nachdem er selbst [Schiller] in der Schule der Geschichte und Kantschen Philosophie seine Selbsterziehung errungen. Und so forderte er denn in den beiden, die Vorzüge von Bürgers Lyrik freilich nicht genügend betonenden Kritiken vor allem eine ethisch-ästhetische Bildung der eigenen Persönlichkeit des Künstlers, ehe dieser mit seinen Werken an die Oeffentlichkeit trete. Der menschliche Charakter des Dichters drücke sein Gepräge den Werken auf, welche den Charakter der Zeitgenossen veredeln sollten.“

 

1893

Dühring, Eugen. Die unterschätzte Grösse Bürgers und dessen Annäherung an eine Wirklichkeitsdichtung. In: Die Grössen der modernen Literatur populär und kritisch nach neuen Gesichtspunkten dargestellt.

“[S. 217] Nach unserm Urtheil ist Bürger der wahrste und bedeutendste Liebeslyriker, den die Deutschen, ja den vielleicht überhaupt das 18. und 19. Jahrhundert zusammengenommen aufzuweisen haben. Die gleiche Kraft und der gleiche Wirklichkeitssinn, gepaart mit der gleichen Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit, sind in diesem Gebiet, soweit mir bekannt, in der ganzen Geschichte und Welt von Niemand sonst vertreten. Dies will aber Etwas sagen und gleicht die verhältnissmässige Einschränkung des Feldes aus, in welchem sich das Gebiet Bürgerscher Dichtung bewegt hat. Die sonstigen Literaturgrössen haben irgend etwas von herkömmlich universeller Richtung; sie ergingen sich in mehrerlei Gebieten, die eigentlichen Dichter beispielsweise seit dem 18. Jahrhundert neben dem Lyrischen, was ihnen stand, auch im Dramatischen, was ihnen theils nicht, theils nicht sonderlich stand. Bürger hat dagegen die ganze Kraft seines Geistes auf das Lyrische concentrirt und hiemit das getroffen, was der deutschen Stammesanlage am Meisten gemäss gewesen. Diese Einschränkung sieht nun für den oberflächlichen Betrachter wie eine Beengtheit aus, ja erscheint sogar als ein Mangel, wird aber für den überlegenden zu etwas Natürlichem, ja zu einem Vorzug.”

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1894

Heilborn, Ernst. G. A. Bürger. Zu seinem hunderjährigen Todestage. In: Die Nation. Berlin. (Sammlung Helmut Scherer)

“[S. 526] Auf Gottfried August Bürger´s Grab zum 8. Juni, seinem hundertjährigen Todestage, ein Denkmal zu setzen, ist vor Kurzem ein Aufruf erschienen. Man sollte in den Stein die Liederanfänge graben: - ´Lenore fuhr ums Morgenroth empor aus schweren Träumen´, ´Hoch klingt das Lied vom baraven Mann, wie Orgelton und Glockenklang´; ´O, was in tausend Liebespracht das Mädel, das ich meine, lacht´; ´Mädel schau mir ins Gesicht! Schelmenauge blinzle nicht´; ´Knapp sattle mir mein Dänenroß, daß ich mir Ruh´erreite´; ´Ich will Euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig´; ´Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn´. Das sind die Anfangsworte der Gedichte, die von ihm lebendig geblieben sind. Es ist Vieles, das noch heut, nach hundert Jahren, von ihm lebt.
    Ein großer Theil seiner Gedichte gehört zu denen, die man als Kind in der Schule auswendig lernt. Und nennt man die Namen der wenigen deutschen Dichter von Hans Sachs bis hinauf zu Anzengruber, die fest im Deutsch-Volksthümlichen gewurzelt haben, so muß man darunter den Namen Bürger´s nennen.

[S. 528] Man muß Goethe´s Briefe an Bürger in ihrer Reihenfolge lesen, um die Wandlung voll zu begreifen, die damals vor sich ging. Zuerst war Bürger für Goethe der Meister und Mitkämpfer; dann wurde er der unbequeme Bittsteller; schließlich war er die anrüchige Persönlichkeit, die noch dazu höchst unbequem an jugendliche Geschmacksverirrungen erinnerte. Und Schiller war es dann vorbehalten, Bürger den Gnadenstoß zu versetzen. Er that es in seiner Rezension Bürger´scher Gedichte, die in den Worten gipfelte: ´eine nothwendige Operation des Dichters ist Idealisirung seines Gegenstandes, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen´. Goethe und Schiller waren eben selbst andere geworden.
   Vielleicht wäre Bürger dazu berufen gewesen, der einseitig antikisirenden und idealisirenden neuen Richtung kraftvoll entgegenzuwirken. Haltlos, wie er war, versuchte er einzulenken. Er wurde ängstlich in Form, farblos in Inhalt.“

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1894

Fontane, Theodor . Werke, Schriften und Briefe. Abteilung IV, Vierter Band 1890-1898. München 1982.
S.337. Brief an August von Heyden.

„Im allgemeinen ist es nicht blos grausam, sondern auch ungehörig, Freunden dergleichen ins Haus zu schicken, aber hier ist vielleicht ein Ausnahmefall gegeben;ich kann mir nämlich kaum einen ordentlichen Deutschen vorstellen, der nicht Bürger-Schwärmer wäre. Als Balladier steckt er doch den ganzen Rest in die Tasche; der Ruhm Bürger's hat mir immer als ein Ideal vorgeschwebt: ein Gedicht [Lenore] und unsterblich“.

 

1894

Schlenther, Paul. Gottfried August Bürger. In: Sonntagsbeilage No. 23. zur Vossischen Zeitung. 10. Juni
[Die Seitenangaben beziehen sich wegen des im Original dreispaltigen Drucks auf die zugehörige pdf-Datei]

“[S. 7] Wie ein Bildhauer wohl bestrebt ist, im Bildniß der todten Geliebten sein Meisterwerk zu schaffen, so ging auch Bürger darauf aus, für das Gedächtnis seiner Molly das Beste zu leisten, was ihm je gelungen ist. Er verläßt sich nicht mehr allein auf die Eingebungen des Augenblicks, sondern er ist bemüht, seiner dichterischen Kunst die feinsten Formenreize abzugewinnen. So entstanden zwei Jahre nach Mollys Tode die vielumstrittenen Sonette und das Hohelied von der Einzigen. Das Hohelied ist nicht das Feurigste, auch nicht das Mächtigste, was Bürger geschaffen hat, aber es ist sein erhabenstes Lied. Der Realist verwirklicht hier sein Ideal, indem er die Verklärte als eine Lebende feiert, frei von allen Schlacken des Irdischen und doch ein wandelndes Menschenbild. In die Sonettendichtung tritt man wie in ein Mausoleum. Molly liegt in marmorner Leichenschönheit da. Alles was einst lebendig war, scheint wieder aufzuleben, und doch ist Todeskälte drüber hingebreitet. Die Wehklage um ihren Verlust faßt sich in verhaltne Trauer, dem ernsten Auge fehlen schon die Thränen. Nie sind dem feiervollen Schweigen in Todesnähe schönere Worte gegeben als hier. Und wie man einen Gedächtnißtempel gern mit Bildern aus dem Leben des Umtrauerten schmückt, so werden auch dem trauernden Dichter Eindrücke wieder gegenwärtig, die weit hinter ihm liegen: sein verbotenes Glück, sein langes Werben.

[S. 8] Das Siegel seiner Vollkommenheit, sagt er, ist die Popularität eines poetischen Werkes. Poesie ist Nachbildnerei. Alle Bildnerei ist in der Endwurzel Darstellung (nicht Nachahmung) des Urgegenstandes. Darstellung aber ist Spiegel und Spiegelbild. So kommt schon Bürger dazu, die Kunst als Wiedergabe des Natureindrucks zu fassen. Von der temporären Wirklichkeit, unter der so oft die Natur des modernen Naturalismus einseitig und engherzig verstanden wurde, hat sich allerdings kein Dichter weiter entfernt, als Bürger, der gerade über diesen Punkt mit Nicolai, dem Obmann der Berliner Aufklärung, hart an einander gerieth. Wenn sich heutige Realisten, durch den Kuß der Erde antäisch gestärkt, nicht mehr allein damit begnügen, das von ihnen selbsterlebte oder miterlebte Ilic et Nunc darzustellen, sondern wenn sie, wie es alle große Dichtung thut, auch stofflich in die Welt der Träume, der Phantasien, der Symbole, in das, was Goethe ´die dritte Welt´ genannt hat, übergreifen, so werden sie von Freund und Feind des Treubruches am eignen Prinzip beschuldigt. Gegen Bürger konnte ein so kurzsichtiger Einwand nie erhoben werden. Denn Bürgers Welt hatte von jeher mehr als drei Dimensionen; seine stärkste Kraft setzte er stets darein, Uebersinnliches zur sinnlichen Anschauung zu bringen. Von seinem rationalistischen Nützlichkeitsstandpunkt hatte Herr Daniel Seuberlich=Nicolai mithin nicht unrecht, wenn er dem Herrn Daniel Wunderlich=Bürger vorwarf, durch die poetische Verwerthung von Hexen und Gespenstern würde der alte Köhler- und Aberglaube wieder ins Volk getragen werden. Wie man heute gegenüber den psychopathischen Wagnissen moderner Dramatiker um die Seelenruhe und Nervenpflege des Publikums besorgt wird, so fürchtete damals Nicolai für die mühsam eroberte Herrschaft der Vernunft. Und wie heute die poesielose Konsequenz jener Besorgniß vor allem einen Tragiker wie Shakespeare träfe, so trug Nicolai nicht das leiseste Bedenken, die von Bürger übersetzten Hexenscenen des Macbeth als vernunftwidrig und kulturfeindlich zu perhorresziren.

[S. 11] Der Dichter dürfe nicht zum Geschmack der Menge herabsteigen, sondern er müsse als der aufgeklärte verfeinerte Wortführer der Volksgefühle, als ein sittlich ausgebildeter, vorurtheilsfreier Kopf die Masse zur reinsten herrlichsten Menschheit hinaufläutern. Maßstab des Publikums sei der gebildete Mann. Nur der sei ein Dichter, der mit reinen und gebildeten Händen den reinen, vollendeten Abdruck der interessanten Gemüthslage eines interessanten vollendeten Geistes zu geben vermag. Der Popularität dürfe nichts von der höhern Schönheit aufgeopfert werden. Unwillkürlich weicht der Kritiker vom Bürgerschen Popularitätsbegriff zum Schillerschen Schönheitsideal aus, die beiden großen künstlerischen Pole, Idealismus und Naturalismus, stehn hier einander schroffer gegenüber, als je vorher oder nachher. Weil sich Bürger das Schönheitsideal Schillers nicht zum Ziele setzte, darum genügt er ihm nicht. Der unbefangne Kritiker überläßt mitten in der Erörterung dem parteiischen Mitpoeten das Wort. Schiller selbst rang sich von seinen kraftgenialen Anfängen durch philosophische und geschichtliche Studien zu einem neuen dichterischen Ziele hin. Um sich mit seiner eignen Vergangenheit ab- und in das Neue hineinzufinden, brauchte er für den inneren Feind, den er in sich selbst vernichtete, ein äußerlich sichtbares und gegenständliches Zeichen. Dies fand er an Bürgers Gedichten. Seine Rezension ist der endgültige Abfall des Kabale und Liebe-Dichters vom radikalen Realismus. Mit der Begeisterung und Leidenschaftlichkeit des Renegaten flog er dem neuen Kunstziel entgegen und entfernte sich dadurch von Bürger so weit, daß er für die Art und Kunst dieses wesentlich Andern, der sich selbst treu geblieben war, allen gerechten Maßstab verlor. Hierin liegt die naive Grausamkeit seiner namenlosen Rezension, und für die Urtheilsfreiheit späterer Aesthetiker und Literaturhistoriker ist es ein schlechter Beweis, daß Schillers subjektives Verdikt ein volles Jahrhundert lang den Geschmack an Bürger regelte, ohne daß irgend einer der schöngeistigen Nachtreter jenen psychologischen Prozeß, den Schiller durchmachte, an sich selbst erfahren hätte. [...] Aber Schillers Richtschwert blieb nicht in den Travestien stecken. Es schlug auch auf die Mollylieder ein. Schiller verfaßte die Rezension in einer Zeit, wo seine Neigung zu Lotte Lengefeld stark und edel aufblühte, ohne daß er fähig gewesen wäre, seinen reinen und tiefen Herzensempfindungen irgend einen liebeslyrischen Ausdruck zu geben. Er schrieb über dieses zarte Verhältniß recht schöne Briefe an seine Schwestern, aber der Muse flüsterte er nicht das geheimste Wörtchen ins Ohr. Wenn über Gebühr oft die hagre Formel nachgebetet wurde, Goethe sei zwar ein Lyriker, aber kein Dramatiker gewesen, so hätten unsre ästhetischen Schulmeister viel eher verkünden dürfen, Schiller sei zwar Dramatiker, aber kein Lyriker gewesen. Es ist wohl nicht nöthig, daß ein geborner Lyriker lyrische Gedichte drucken läßt. In vielen Gemüthern lebt eine stumme Lyrik. Daß in Schiller auch diese Art von Lyrik nicht waltete, beweist sein mangelhaftes Verständniß für die Mollylieder, deren schönstes ´An die Menschengesichter´ er mit der ´Frau Schnips´ und mit ´Fortunas Pranger´ verächtlich zusammenwirft. Nur ein Unlyriker konnte es tadeln, daß diese Mollylieder nicht blos Gemälde, sondern auch Geburten einer eigenthümlichen Seelenlage sind. Wenn Schiller den lyrischen Dichter davor warnt, mitten im Schmerze den Schmerz zu singen, und dabei auf den Schauspieler exemplifizirt, der durchaus nicht das, was er darzustellen habe, selber empfinden dürfe, so berührt er eines der ungelösten Kunstprobleme, dessen Lösung im Schillerscher Sinn die Weimarische Theaterschule allerdings voraussetzte, das aber noch heute höchst fragwürdig dasteht. Wenn Schiller die bei Bürger so beliebten onomatopoetischen Naturlaute, wie Klinglingling und Hopphopphopp für kindisch erklärt, so wäre ihm dienlich gewesen, einen nicht in Weimar gebildeten Sprecher zu hören, der im ´wilden Jäger´ oder in der ´Lenore´ diese Naturlaute zur gewaltigsten Wirkung brächte. Wenn Schiller von einem Lyriker verlangt, daß er das Individuelle und Lokale zum Allgemeinen erhebe, so verschließt er sich dadurch dem herzbewegenden Einblick in ein bewegtes Menschenherz. Und wenn er Sätze aufstellt wie diese: ´Eine nothwendige Operation des Dichters ist Idealisirung seines Gegenstandes, ohne welche er aufhört, seinen Namen zu verdienen;´ oder ´Der Dichter muß sich von der Gegenwart loswickeln und frei und kühn in die Welt der Ideale emporschweben´, so läßt sichs begreifen, daß unter dem entscheidenden Einfluß, den Schillers Rezension über Bürger auf die Fortentwicklung deutscher Dichtkunst gewonnen hat, unsrer ästhetischen Schulweisheit die Naturkraft des niedersächsischen Bauernenkels widerstand. Bürger, den der stark persönliche Angriff des Ungenannten in trübsten Lebensverhältnissen traf, raffte sich zu einigen schwächlichen Repliken auf und wurde an sich selbst so irre, daß er anfing, in seinen Gedichten nach Schillerschen Rezepten herumzukuriren. Aber einen starken Moment hatte er in diesem Kampfe doch: als er sein Spottgedicht ´Der Vogel Urselbst´ schrieb, das, obwohl oder weil es gegen Schiller gerichtet ist, noch niemals nach Gebühr gewürdigt wurde. Es ist eine der glücklichsten literarischen Revanchen, die wir besitzen, und zeigt den niedergetretnen Dichter noch einmal aufrecht dastehn in der ganzen Vollendung seiner poetischen Formen und seines selbständigen Geschmacksbewußtseins.

[S. 12] “Wer weiß wo jetzt ein Küchlein noch im Neste gebrütet wird, das in zwey, drey Jahren uns alle überfligt”, hatte Bürger 1778 geweissagt. Nach drei Jahren kam aus dem für Bürger auch sonst so verhängnißvollen Schwabenlande das Küchlein geflogen. Es war auch ein wilder, schöner Waldvogel und brachte ´Die Räuber´. Nicht Bürger, sondern Schiller gewann die Bühne und führte sie nach seinem Sinn empor. Auch als Uebersetzer drang Schiller in die eigentliche Domäne Bürgers ein, auf das Shakespearegebiet, das Macbethgebiet. Ein Vergleich der beiden Bearbeitungen ist überaus lehrreich für den ganzen großen Unterschied der beiden Dichter. Er öffnet weite Perspektiven auf das, was die deutsche Bühnendichtung unter Schillers Einfluß geworden ist, was unter Bürgers Einfluß aus ihr hätte werden können.
    Bei Bürger Wucht, bei Schiller Glanz; bei Bürger Naturlaute, bei Schiller fließende Rede; bei Bürger charakteristischer Ausdruck, bei Schiller schöner Stil; bei Bürger stählerne Prosa, bei Schiller silberne Verse; bei Bürger Individuen, bei Schiller Typen; bei Bürger Kerle und Weiber, bei Schiller Herren und, selbst im Hexenbrodem, Damen; bei Bürger Brachfeld, aus dem der Duft der Erde steigt, bei Schiller geeggtes Land, auf dem die Himmelssonne scheint; bei Bürger Shakespeare, bei Schiller Schiller. Bürgers Beispiel wirkte auf seinen Lieblingsschüler A.W. Schlegel, mit dem er noch in letzter Lebenszeit am ´Sommernachtstraum´ arbeitete, und dem er so den Grund zur klassischen, aber höchst unschillerischen Shakespeareübersetzung legte. Aber Bürgers eigne dramatische Kraft blieb unbenutzt, Schiller hingegen dichtete im Stil seiner Macbethübersetzung alle späteren Trauerspiele und eroberte sich damit die Nation. Seit hundert Jahren ist er der Herr im Hause deutscher Dichtung. Von seinem Pol aus hat er die poetische Welt gelenkt. Aber diese Welt bleibt nicht im Gleichgewicht, wenn der Herrschersitz nicht bisweilen wechselt. Und wohin unsre junge Zukunftskunst mit allen ihren Kräften auch streben und steuern mag, irgendwo wird ihr der Geist Bürgers erscheinen. Auch ihm gilt ein Spruch der Schicksalsschwestern seines Macbeth: es war ihm nicht wie diesem beschieden, durch eigne Gewalt ein König zu werden; aber wie der wackre Kriegsgefährte Banquo, der kläglich endete, kann er Könige zeugen."

Schlenthers Beitrag in der Vossischen Zeitung in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1894

Grisebach, Eduard. Biographische Einleitung. In: G.A. Bürger´s Werke.

“[S. XLI] Hatte aber die Schänderin seines Hauses [seine dritte Gattin] den Menschen Bürger in´s Mark getroffen, so litt er vielleicht noch mehr durch die berüchtigte anonyme Recension seiner Gedichte, in der Jenaer Litteraturzeitung von 1791, besonders seit er, erst spät, erfuhr, daß Schiller der Verfasser gewesen, denn durch diese Kritik wurde seine Individulität als Dichter an den moralisch-ästhetischen Schandpfahl gestellt. Die Gegenwirkung gegen diesen Angriff hat den Sänger der Lenore bis zum letzten Athemzug beschäftigt. [...] Schade ist es, daß Bürger gegen Schiller´s Vorwurf: “seine Muse trage einen zu sinnlichen, oft gemeinsinnlichen Charakter” und auch dem Hohen Liede fehle die “idealische Reinheit und Vollendung” - schade, daß er sich dagegen nicht auf den schönen Ausspruch Goethe´s berufen, den H.L. Wagner 1776 aus “Goethe´s Brieftasche” veröffentlicht hatte: “Was der Künstler nicht geliebt, nicht liebt, soll er nicht schildern, kann er nicht schildern. Ihr findet Rubenses Weiber zu fleischig! Ich sage euch, es waren seine Weiber, und hätt´ er Himmel und Hölle, Luft, Erd und Meer mit Idealen bevölkert ... es wäre nie kräftiges Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Bein geworden.”

Grisebachs vollständige Bürger-Ausgabe von 1894 in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1894

Fontane, Theodor. Briefe an seine Freunde. Zweiter Band. 1925.

“[Brief an Paul Schlenther, 9.Juni 1894]
Da mein Briefschreiberuf nun doch mal feststeht (...Wenn er seinen Ruf verliert, Lebt der Mensch erst ungeniert...), so sehe ich nicht ein, warum ich Ihnen für Ihren Bürgeraufsatz nicht danken soll. Entzückend ist die Parenthese: ´Darf ich sagen so glücklich.´ Übrigens ist in dem wundervollen Gedicht [Des Pfarrers Tochter von Taubenhain] die Strophe:
 Und als der Herbstwind über die Flur
 Und über die Stoppel des Habers fuhr usw.
doch schöner.

[Brief an Friedrich Stephany, 2.Juli 1894]
Sehr interessant war auch der Schlußartikel unseres Schlenther über Bürger. Der Artikel hat eine literarhistorische Bedeutung, weil er fixiert, was seit lange in der Luft schwebt: Nationales und Volktümlichkeit gegen das Schillertum als etwas halb Fremdes. Die Sache war schon öfter da, aber der Ausgangspunkt (Bürger) ist hier neu."

 

1894

Düsel, Friedrich. Gottfried August Bürger. In: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Littertur und Kunst.

"[S. 449] Die geschäftige Totenschaufel einer erbärmlichen Kalenderpietät hat oft genug Gräber aufgewühlt, über die Mutter Erde in ihrer Weisheit und alles zudeckenden Milde längst den Rasen der Vergessenheit gezogen hatte, und deren stillen Leuten mit allem Beschwörungspathos der Odem des Lebens nicht mehr einzuhauchen war. Noch öfter vielleicht aber hat kritikloser Übereifer mit seinem unfruchtbaren Phrasenschwall den bescheidnen Gedächtnishügel vollends verschüttet, der einem Braven der Vergangenheit sonst sicher gewesen wäre; denn das Nil nisi bene blüht für die Namen der Geschichte nicht. Aber wem man den Lorbeer nicht aufs Grab legen darf, dem gebührt deshalb vielleicht doch ein schlichter auf Feld und Flur zusammengelesener Blumenkranz der Erinnerung; wen ein prunkvolles Denkmal erdrücken würde, dem wäre vielleicht eine einfache Gedenktafel ein würdiger, verdienter Schmuck. Das gilt auch von Gottfried August Bürger. Trotz allem Rohen und Verzerrten, das ihm anhaftet, wird man ihn doch immer als den gewaltigen Balladendichter bewundern und ihm in der Geschichte unsrer Lyrik und Übersetzungslitteratur ein ehrenvolles Andenken gönnen.

[S. 451] Dem Sumpfe, in den ihn der liederliche Klotz und seine weibliche Sippschaft lockte, hat ihn nur der Umgang mit Boie, sein reines Verhältnis zur Hofrätin Listn und dann seine Liebe zu Molly zeitweise enthoben, bis ihn Elise Hahns dirnenhafte Gemeinheit völlig darin erstickte.

[S. 452] Besonders geschäftig und eilig hatte es Bürger, denn seiner kecken, frischen Manier, die die ´goldpapiernen Amors und Grazien,´ wie sich der junge Goethe ausdrückte, burschikos verschmähte, klang diese neue Botschaft ´von deutscher Art und Kunst´ natürlich wie ein erlösendes Evangelium. Der Ton, den Herder auferweckte, der schon lange auch in seiner Seele auftönte, hat ihn nun ganz erfüllt; seine Lenore ist die gleich darnach im ersten Herbst gereifte saftige Frucht dieser Begeisterung.

[S. 454 ] Dieser Anbetung und Götzendienerei der Popularität hält unter Bürgers ästhetischen Bekenntnissätzen nur noch der Grundsatz des krassesten Naturalismus die Wage. Die moderne Lehre vom milieu ist ihm nicht fremd, und seine Auslassungen über die praktische Stoffwahl muten uns wie ein Ausschnitt aus Zolas Theorien an. [...] Daß ein Dichter, der solche Bekenntnisse that, Schillers heiligste Entrüstung hervorrief, kann nicht Wunder nehmen. Die Rezension in der Jenaischen Allgemeinen Litteraturzeitung vom Jahre 1791 ist so bekannt, daß ich hier nicht darauf einzugehen brauche. So groß und erhaben der aufgestellte Maßstab, so einseitig, schroff und ungerecht ist er auch. Das hieß denn doch aus den metaphysischen Wolken herabgesprochen, anstatt mit dem Rezensirten unter eignen Dache Zwiesprache halten. Wieviel gerechter erscheint neben dieser harten ´eisernen Elle´ die weiche ´Schmiege´ des jungen Schlegel! Kann mans dem Dichter der Lenore verargen, wenn er sich diesen Schurigeleien gegenüber auf das gute Recht des Genius berief, dem Charakteristischen zuliebe auch einmal eine scharfe Würze an die Speise zu thun, und kann mans ihm, der zu allen innern Martern nun auch noch öffentlich so unbarmherzig gestäupt wurde, dem in demselben Jahre auch die unselige Dirne aus Schwaben noch ihre Stacheln ins Herz stieß, nicht nachverstehen, wenn er einige Tropfen seiner Galle auch gegen Schiller spritzte? Tief im Innern geschmerzt und erschreckt hat ihn dieser Jenaer Richterspruch, bekehrt hat er ihn nicht, denn alle Zugeständnisse, die er den idealisirenden Forderungen Schillers für die dritte Ausgabe seiner Gedichte gemacht hat oder machen wollte, sind rein äußerlicher Natur und beschränken sich allein auf die Korrektheit der Form.

[S. 456] Urwüchsige Kraft und Originalität, eine starke Neigung zu volkstümlichen Bildern, Pariaswörtern und bezeichnenden Idiotismen, die nach Lenzens Ausdruck ´weder in der Grammatik noch im Wörterbuch stehen,´ und eine verächtliche Abkehr von der ´konventionellen Büchersprache´ weisen ihn aber immerhin auch hier zu dem von Herder geführten Chor des Sturms und Drangs.

[S. 510] Wie schon gesagt, bewog Schillers strenge Rezension Bürger trotz seiner energischen äußern Reaktion doch zu einer Durchsicht und spätern formalen Umarbeitung einzelner Gedichte. Mehr als einmal schnitt er seiner lebendigsten Poesie dabei so tief ins Fleich, daß ihr alles Blut entrann. Zum Glück sind von dieser Mißhandlung seine Balladen nicht mehr betroffen worden. Darüber darf man sich um so mehr freuen, als man in diesen doch immer zuerst Bürgers historischen und ästhetischen Maßstab suchen wird. Welchen unersetzlichen Verlust würde unsre Litteratur durch ihre idealisirende Überarbeitung, etwa im Geiste des frommen Fridolin, erlitten haben! Nein, gern erkennen wir von Gleims Berliner Mord- und Schauerballade bis zu Goethes Erlkönig einen steten, fröhlichen Fortschritt an, aber Bürgers Lenore und Wilder Jäger, Bruder Graurock und Armes Suschen bezeichnen auf dieser Stiege eine Stufe, die wir nicht entbehren möchten.

[S. 511] Den entscheidenden Stoß aber, der die deutsche Ballade aus der niedern, gequetschten Gassensphäre in die freie Himmelshöhe der Poesie emporhob, gab ihr erst Bürger. Freilich entrichtet auch er noch der burlesken Manier seinen reichlichen Zoll, und die vollendete Lenore hat Nachfolger wie Frau Schnips, die Weiber von Weinsberg und den Hechelträger. Aber daß die Lenore kein bloßer blinder Treffschuß war, zeigt die übrige Balladensaat desselben Jahres: des armen Suschens Traum und der wilde Jäger - denn die spätern Früchte der alten Zwittergattung sind eher sich selbst ironisierende Wechselbälge, als Kinder einer bewußten Kunstübung, die vor sich selber Ernst zu halten imstande wäre. Jedenfalls sind die Denkmäler seiner ernsten, poetisch würdigen Balladendichtung zahlreich, dicht und großartig genug, den ästhetisch und historisch abwägenden Blick festzuhalten und den Aufschwung der deutschen Ballade auf seinen Namen zu taufen.

[S. 514] Dieses Gebot völliger innerer Übereinstimmung zwischen Inhalt und Form, der organischen ´Ineinsbindung´ beider, wie es die neuere Ästhetik nennt, bezeichnet den Hauptfortschritt in Bürgers Sonettentheorie. Seine Vorgänger hatten immer nur hier das Gefäß, hier den poetischen Gedanken gesehn und sich bemüht, diesen in jenem unterzubringen; Bürger zuerst begriff die Kunst, die poetische Eingebung schon im Werden sonettenhaft zu bilden, sodaß sich Gedankenkeim und Formenhülle dann ungezwungen zu einem Blütenkelch entfalten könnten.

[S. 515] Weder der Vorwurf, seine Sonette seien zu kleinlich und niedlich und entbehrten des gediegenen Gedankeninhalts, den der Formenkünstler der Romantik [Voss] erhebt, noch die Kritteleien, die der Verfasser des ´Spottsonetts´ und der ´Zeitmessung der deutschen Sprache,´ dem nach Goethes treffenden Ausdruck ´für lauter Prosodie längst die Poesie abhanden gekommen war,´ an dem innern Wohlklang und der Behandlung des Stoffes übt, treffen auf die Mollysonette zu, so ungern man auch in ihnen den für das Sonett nun einmal innerlich geforderten Jambus durch den zu energischen Trochäus verdrängt sieht. Durchaus überzeugend weiß deshalb auch Heinrich Welti, der Verfasser der ´Geschichte des Sonettes in der deutschen Dichtung´ (Leipzig, 1884), Bürgern den Ruhmestitel des ´ersten bedeutenden deutschen Sonettendichters´ zu wahren. Zur Charakteristik der äußern Technik der Bürgerischen Sonette mag noch angeführt werden, daß sich gegenüber der anfänglichen Willkür in der Reimstellung des ersten Strophenpaares bald, unter Petrarcas wachsendem Einfluß, die feste Regel der Reimverschlingung (a b b a) durchsetzt, daß aber das Reimgeschlecht bis zuletzt keinem ausschließlichen Gesetz unterworfen wird. Sonst braucht zum Lobe der entzückenden Grazie und der hinschmelzenden Leidenschaft, der rührenden Wehmut und der traumverlorenen Erinnerung, worin die Liebe zu Molly ihre poetische Verklärung gefunden hat, nichts weiter gesagt zu werden.

[S. 542] Und doch waren auch Bürgers Übersetzungen seiner Zeit nicht so unwürdig, hangen auch nicht so verloren in der Luft, wie man wohl behauptet hat, sondern haben ihre Wurzeln in den Anschauungen und in dem Geiste seiner Zeit, werfen ihre Samenkörner in den Boden einer spätern, höhern Kunst und sind deshalb wohl wert, auch jetzt nach hundert Jahren noch einmal im Zusammenhang betrachtet zu werden.

[S. 545] Heute wird es uns leicht, bei den vielen Wunderlichkeiten und Übertreibungen Bürgers ein mitleidiges Lächeln aufzusetzen, und wir begreifen nur mühsam, wie Goethes und Wielands Geschmack diesen Homer erträglich finden konnte.

[S. 549] Doch sind nicht alle seine Abweichungen von Schröders Text gleich unglücklich: wo er über diesen hinaus Shakespeare einen Schritt näher geht, erobert er häufig ein verlornes Wortspiel, eine übersehene Anspielung oder ein bezeichnendes Bild zurück. Genug: ein Caliban [Unhold aus Shakespeares Der Sturm], wie man wohl gesagt hat, ist dieser Macbethübersetzer nicht, und nicht umsonst hat seine Arbeit fast zwei Jahrzehnte lang mit der ´fürchterlich schönen´ Musik von Reichardt die deutschen Bühnen beherrscht: auch Schiller, so sehr er sich gegen die ´Pfuscherey der Hexengesänge´ empört, steht in seiner ersten Bearbeitung durchaus unter ihrem Bann.

Düsels dreiteiliger Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1894

Aufruf zur Errichtung eines stattlichen Grabsteins für Bürger. In: Euphorion.

“[S. 236] Am 8. Juni 1894 werden es 100 Jahre, seit Gottfried August Bürger die Augen schloß. Die zerstörende Macht der Zeit, die mit unerbittlicher Gerechtigkeit das Echte und Dauernde sondert von dem Vergänglichen, sie hat den Dichter der Lenore nur leise berührt. Noch heute bewegt der Meister der volkstümlichen deutschen Ballade in ursprünglicher Kraft die Herzen seines Volkes bis in die breitesten Schichten hinein, mit heiligem Schauer sie füllend und mit heiterm Behagen. Noch heute packt uns die ungestüme künstlerische Wahrhaftigkeit, mit der in Bürgers Lyrik ein leidenschaftlich glühendes Herz seine innersten Tiefen bloß legt, mit der erregenden Frische der ersten Augenblicks.
     Ein würdiges Denkmal ist dem Dichter nicht einmal in Göttingen errichtet worden, der Stadt, die Zeuge war, wie der jugendliche Adler des Hains die Flügel zu mächtigem Aufschwunge hob, der Stadt, die den in Sturm und Drang Erschöpften ringen und sterben sah. Wir hoffen, daß der mahnende Gedenktag Gelegenheit giebt, eine alte Schul abzutragen. Aber wir denken nicht an ein anspruchsvolles Standbild. Nur die verwitterte Denksäule, die heute Bürgers versteckte Ruhestätte kennzeichnet, möchten wir ersetzen durch einen stattlichen Grabstein, den Künstlerhand mit der Büste oder dem Reliefbilde des teuren Sängers schmücken soll, und wir bitten alle Freunde des Dichters, unsern Plan zu unterstützen.

[Auswahl der Unterzeichner]
Prof. H. Althof  Weimar
R.v. Bennigsen Oberpräsident der Provinz Hannover
Th. Fontane    Berlin
Prof.J.Minor    Universität Wien
H.Pröhle      Berlin
Prof.A.Sauer   Universität Prag
P.Schlenther   Redakteur Vossische Zeitung, Berlin
F.Schnorr v. Carolsfeld Oberbibliothekar, Dresden
K.Schüddekopf  Roßla
K.Weinhold    Rektor Universität Berlin”

Der vollständige Aufruf in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1894

Illustrierte Zeitung

“um die Wiedererweckung unserer deutschen Volkspoesie hat sich kaum ein anderer Dichter des 18. Jahrhunderts ein so hervorragendes Verdienst erworben wie Gottfried August Bürger; das Herz des Volkes hat kein anderer Balladendichter wieder so tief erschüttert und gerührt wie der Sänger der ´Lenore´[...]
   Schon seine lyrischen Gedichte, mit denen er zunächst hervortrat, fanden großen Beifall in weiten Kreisen; die Innigkeit und Gefühlswärme, die aus diesen Liedern und poetischen Bildern sprach, machte auf alle empfänglichen Herzen einen tiefen Eindruck, der gefällige, oft schalkhaft-humoristische, immer echt volksthümliche Ton gewann selbst die prosaischen Naturen.[...]
   In seinen weiteren Balladen, ´Das Lied vom braven Mann´,[...] erreichte Bürger die Höhe der ´Lenore´ nicht wieder. Hier verfiel er bei seinem Bestreben, den volksthümlichen Charakter noch lebhafter auszuprägen, wiederholt in den Bänkelsängerton, und außerdem neigte er mehr und mehr zur Ueberladung in der Tonmalerei.”

 

1894

Doenges, Willy. Zum hundertjährigen Todestage Gottfried August Bürger´s.

„Wie berechtigt auch immer das absprechende Urtheil sein mag, das die Welt über Bürger´s Leben und seine damit in engstem Zusammenhang stehende dichterische Entwicklung fällt, so muß man doch zugeben, daß neben den Werken der drei Dichterheroen unserer classischen Periode, Lessing, Goethe und Schiller, die Dichtungen keines anderen deutschen Dichters eine so bleibende Volksthümlichkeit sich bewahrt haben, wie die Bürger´s. Wie seine Lenore bei ihrem ersten Erscheinen im Siegeslauf die Welt durchflog und gleicherweise in die Tiefen wie zu den Höhen des Volkes drang, so lebt sie auch heute noch, nach mehr als hundert Jahren, in Jedermanns Munde. [...] Und wie manche deutsche Jungfrau griff, als zuerst die Liebe an ihrem jungen Herzen anklopfte, verstohlen nach Bürger´s Mollyliedern und berauschte sich an den süßen, zaubervollen Tönen, die aus ihnen uns entgegenklingen, die uns willenlos mit sich fortreißen zu den höchsten Höhen des Glückes, wie zu den tiefsten Tiefen des Harmes und Leides. [...]
   Dieses übergroße Vertrauen auf Andere schuf in Verbindung mit dem stark ausgeprägten Hange zur Sinnlichkeit und einer ungemein großen Sorglosigkeit freilich auch jene unerfreulichen häuslichen Verhältnisse, die ihn nach und nach aufrieben. Alle diese Eigenthümlichkeiten finden wir in seinen Dichtungen wieder, die durchaus nicht, wie man annehmen sollte, eine Verbitterung und Trübung seines Gemüths erkennen lassen. Er stand als Dichter über seinem Leben, daher die Frische und Ursprünglichkeit seiner Dichtungen, daher der volle, von leidenschaftlicher Gluth erfüllte Klang seiner Liebeslieder, daher auch der trotzige Kampfesmuth gegen alles Schlechte und Verderbte. Welche Verdienste er sich um die Einbürgerung der Balladenpoesie in Deutschland erworben hat, wie er zuerst das Verständniß für dieselbe erweckte, wie er ferner den Geist der Romanze erst richtig begriff und der deutschen Dichtkunst mizutheilen verstand, das brauche ich hier nicht näher zu erörtern; [...].“

Der vollständige Feuilleton-Artikel von Doenges in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1894

Michels, Victor. Gottfried August Bürger. In: Protokolle über die Sitzungen des Vereins für die Geschichte Göttingens.

“[S.126] Er war keine ideale Natur, kein Mensch, zu dem wir in unbedingter Begeisterung emporschauen, dem wir im Ueberschwang der Empfindung dankbar unser ganzes Herz zum Opfer bringen möchten. Aber er war ein Mensch, der als Dichter sein Bestes gab; und das will viel sagen.

[S.128] Die Deutschtümelei des Bundes hat auf Bürger am wenigsten eingewirkt. Er hat nie die Maskierung in altdeutsche Barden mitgemacht, in der sich Voß, Hölty, Hahn und Miller eine Zeitlang gefielen. Er hat allerdings vielfach an ältere deutsche Traditionen angeknüpft.

[S.131] Alte volkstümliche Vorstellungen wurden in seinen Balladen mit Glück wieder zum Leben erweckt. Der Welt des volkstümlichen Aberglaubens, auf die aufgeklärte Männer, wie der Berliner Friedrich Nicolai, von der Höhe ihrer Bildung verächtlich herabschauten, hat er, durch Shakespeares großes Vorbild geleitet, ihre poetischen Reize abgelauscht. [...] Ein Volksdichter! Das Wort hat auch sehr einen socialen und politischen Beigeschmack. Mit den unteren Gesellschaftsschichten hielt er innige Fühlung. Das Leben auf dem Lande, mit den Bauern, als Amtmann von Altengleichen, hat auch auf seine Dichtung gewirkt. [...] Ein Volksdichter war Bürger, indem er politisch Partei nahm für die Bauern gegen die adeligen Herren und Fürsten. Grunddemokratisch war sein Fühlen und Denken. Ein Tyrannenhasser war er, wie so manches andere Mitglied des Hains.”

Viktor Michels Vortrag zu Bürger in Göttingen in der ONLINE-Bibliothek

 

1894

Thimm, Rudolf. Bürgers Lenore und ihr Verhältnis zur deutschen Volkssage. In: Deutsches Geistesleben

 „[S. 156] Und Bürger vermischt sich in seinem Streben nach Volkstümlichkeit, besonders in den späteren Balladen, oft ´mit dem Volke, zu dem er sich herablassen sollte, und anstatt es scherzend und spielend zu sich heraufzuziehen, gefällt es ihm oft, sich ihm gleich zu machen [Schiller].´ Doch läßt sich das nicht mit Recht von der Lenore sagen: sie ist im besten Sinne volkstümlich, wie sie denn auch durch Bürgers Bekanntschaft mit dem Volksliede, dieser rührendsten und wärmsten Sprache der Volksseele, veranlaßt war. Für die melodischen, tiefer und einförmiger klingenden Töne der alten Volksballaden wäre die damalige Lesewelt nicht reif gewesen, aber die Macht und das Schauerliche der Darstellung, das Ungestüm des Verses und der Sprache rüttelte auch die Trägen auf. So wurde Bürger mit einem Schlage ein Sänger des Volkes.“

Thimms Aufsatz in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1894

Sahr Julius. Gottfried August Bürger als Lehrer der deutschen Sprache. In: Festschrift zum siebzigsten Geburtstag Rudolf Hildebrands.

“[S. 352] Wer 1793 noch auf dem vaterländischen Standpunkte von 1773 stand, paßte nicht in die damalige Weltordnung; unmerklich hatte der Zeitgeist eine neue Schwenkung gemacht, vom Heimischen, Deutschen weg zum Fremden. Die Engherzigkeit deutscher Sprachmeister in Stil, Grammatik und Rechtschreibung, die Wieland und Bürger bekämpften, siegte und legte sich mit bleierner Schwere auf deutsche Lande und Geister; ein Schiller, ein Goethe greifen, um sich in sprachlichen Dingen Rats zu holen, zu Adelung. Die Dichtung wird ´klassisch´; auf dem Umweg über Rom und Griechenland kehrt sie gegen Ende des Jahrhunderts langsam und zögernd zur Heimat zurück. Die Metrik liegt tief in den Banden des Fremden. Beide sind, eine Zeit lang, so befangen in dem antiken Schönheitsideal, daß ´klassisch´ und ´deutsch´ sich fast wie Gegensätze feindlich gegenüberstehen: als ob sie nicht für immer hätten Eines sein sollen: als ob in deutscher Sprache etwas klssisch, das heißt, vollendet schön sein kann, was nicht nach W esen und Form zugleich völlig deutsch ist, oder, um mit Bürger zu reden, als ob etwas nicht durch und durch Deutsches in unserer Sprache ´vollkommen´ sein d.h. sich in völliger Übereinstimmung der Mittel zum Zwecke befinden könnte!

[S. 353] Wir besitzen, was Bürger erstrebte: Seit Jahrzehnten wird die Deutsche Wissenschaft, zu einem herrlichen weitverzweigten Baume entwickelt, an allen Universitäten sorgsam gepflegt, und niemand wagt, ihr die Gleichberechtigung mit andern Fächern abzusprechen. Ja, das Studium der Muttersprache ist, wo gottbegnadete Priester ihre Lehren verkünden, das geworden, zu dem Bürger es machen wollte: ein Studium der Weisheit im höchsten Wortsinne. Aber daraus dürfen wir leider noch nicht schließen, daß deshalb auch heute jener Gelehrtendünkel und -Hochmut, an dem Bürgers Streben zu Schanden ward, aus allen Köpfen völlig verschwunden sei. [...] Seltsame Empfindungen überkommen uns, wenn wir das überblicken, was Bürger als Lehrer des Deutschen gewollt und geleistet hat. Er war kein Germanist im heutigen Sinne, das ist klar, aber ein Vorläufer der Germanistik war er doch und zwar einer von scharf ausgeprägter Eigenart. Bewundernswert ist, daß er, ein Mann ohne eigentliches geschichtliches Studium unserer Sprache, eine so richtige Ahnung von sprachgeschichtlichen Vorgängen, von der Entwickelung der Sprache hatte, vor allem, daß er den weitern Gang seines Lehrfaches so klar voraussah und vorhersagte. Bürger zeigt hier, ähnlich wie öfters Herder, einen wunderbaren geschichtlichen Spürsinn. Bei ihm wie bei Herder empfinden wir wieder einmal lebhaft, daß Dichter Lieblinge der Götter sind; ihrem ahnungsvollen Geiste offenbart sich mehr als gewöhnlichen Sterblichen; vor ihrem Seherblick lüftet sich der Schleier der Zukunft.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1894

Leimbach, Carl. Balladen und Balladenartiges. In: Emanuel Geibels Leben, Werke und Bedeutung für das deutsche Volk.  Wolfenbüttel. Digitalisiert von Google

“[S 252] Im ´Grafenschlosse´nähert er sich der einfachen poetischen Erzählung. Der Inhalt ist ein Gegenstück zu der Bürgerschen allbekannten Schauerballade ´Des Pfarrers Tochter von Taubenheim´. “

 

1894

Spitta, Philipp. Ballade. In: Musikgeschichtliche Aufsätze. Berlin. (Sammlung Klaus Damert)

“[S. 408] Ballade in der Dichtkunst und Ballade in der Musik sind Begriffe, die sich nicht vollständig decken. Diese setzt jene zwar voraus, ist aber doch über sie nach mehr als einer Richtung hinausgewachsen, wie solches in andrer Weise bei der Romanze geschehen ist. Die deutsche Ballade als Dichtwerk läßt man von Bürger geschaffen sein; wer Jahreszahlen nötig hat, hält sich an 1773, da die ´Lenore´ entstanden ist. Was Anfang unseres Jahrhunderts in das Empfinden der Deutschen als Balladenform einwuchs, ist freilich noch etwas Anderes, vor Allem etwas viel Geklärteres, und es wird nicht geleugnet werden können, daß die Reinigung und endgültige Festsetzung des Begriffs durch Uhland vollzogen ist. In Bürgers erzählenden Dichtungen spielen sehr verschiedene Elemente durcheinander. Stark hervortretend ist das Romanzenhafte im Sinne Schiebelers und Löwens, die parodirend im ironischen Bänkelsängerton unterhaltliche Abenteuer vortragen. Stärker noch ist ihnen der Stempel jenes wüsten, zügellosen Studentenlieds aufgeprägt, das, eine geschmacklose Mischung von Volks- und Gelehrtenpoesie, doch so nothwendig zum Charakter des 17. und 18. Jahrhunderts gehört; Bürger hatte in Halle studirt, das damals auch in diesem Punkte eine Hochschule war. Dazu kommt aber der Einfluß der echten, stimmungsvollen Nordländer-Ballade, wie sie der Engländer Percy in seiner berühmten Sammlung 1765 der literarischen Welt zum Geschenk gemacht hatte. Endlich noch ein Anklang an das Volksmäßig-Kirchliche; er äußert sich meist nur im Bau der Strophen und Zeilen, ist aber für das musikalische Ohr unverkennbar und von den Zeitgenossen nachweislich auch empfunden worden. Es darf sogar behauptet werden, daß es nicht zum wenigsten dieser Klang gewesen ist, der Bürgers Balladen die rasche Volksthümlichkeit eintrug. Denn der wirkliche Volksgesang bestand damals fast nur noch in den Chorälen der evangelischen Kirche; was weitgreifende Wirkung üben wollte, that wohl, wenn es irgendwie an sie sich anlehnte. So bunt und einander widersprechend die Ingredienzen von Bürgers Dichtungen nun sind, so geschmacklos oft ihre Mischungen - ein sicherer Instinct für das Packende, die Gabe großer Anschaulichkeit und ein starkes Temperament waren sein eigen. Er hat eine neue Bahn gebrochen; in der deutschen Dichterwelt war man sich darüber sogleich klar. Nicht so innerhalb der Kaste der Musiker.
   Ihnen ward in der Ballade eine neue Form geboten, die sie wohl reizen konnte, der sie aber mit ihren damaligen Kunstmitteln nicht
gerecht zu werden wußten. Die Gesangsmusik hatte sich - wenn man von der Motette und ihrem Spruchtexte absieht - bis dahin nur am strophischen Gedicht und an der Madrigaldichtung entwickelt.

[S. 410] Johann André aus Offenbach, einer der begabtesten unter jenen deutschen Operncomponisten, die Johann Adam Hillers Singspiel zu Mozarts ´Entführung´ und ´Zauberflöte´ hinüberleiteten, machte den ersten Versuch. Er componirte die ´Lenore´ für eine Singstimme und Clavier in der Weise, daß in der Regel jede Strophe ihre eigene Musik erhielt; wo im Gedicht Wiederholungen derselben Wendungen, dieselben oder ähnliche Vorgänge sich finden, bediente er sich auch der gleichen oder doch ähnlicher Tonreihen. Hierdurch und weil der Componist die musikalische Cäsuren gern mit den Schlüssen der Gedichtstrophen zusammenfallen läßt, kommt ein Anklang an strophische Construction in das Ganze, und dieses ist im Hinblick auf Loewe's viel späteres Wirken wichtig festzustellen. Sonst aber heftet sich die Musk an die Handlungen des Gedichts und läßt sich von ihrem Sturmritt mit fortnehmen. Diese ´Lenore´ ist viel gelobt worden und mit Recht. Sie vereinigt Einheitlichkeit der Stimmung mit charakteristischer Mannigfaltigkeit: auch der bänkelsängerische Romanzenton, der in den erzählenden Theilen einige Male angeschlagen wird, erweist sich zur Sonderung der Hauptgruppen der Ereignisse und zur Hebung der schauerlichen umgebenden Vorgänge wirksam. Er fügt einen Zug derber Volksthümlichkeit ein. Für das Volksmäßige in edlerem Sinne sorgt eine Choralreminiscenz:
    Horch Glockenklang! horch Todtensang:
    ´Laßt uns den Leib begraben!´
Dem Componisten ist nicht entgangen, daß hier der Anfang eines altevangelischen Sterbechorals angedeutet wird: er läßt die Melodie desselben sogar mit ihrem Originaltext eintreten, obwohl dieser sich in das Metrum der Bürgerschen Strophe nicht ganz fügt. Andrés ´Lenore´ ist gewiß die beste Ballade, die vor Loewe geschrieben ist, aber auch eine ganz vereinzelte Erscheinung in ihrer Zeit. “

 

1895

Elster, Ernst. Bürger und Walther von der Vogelweide. In: Euphorion

 „[S. 778] Mir sind in Bürgers Gedichten einige Anklänge an Walther aufgestoßen, die kaum auf Zufall beruhen können, und da sie eins seiner berühmtesten Gedichte betreffen, verdienen sie vielleicht hier erwähnt zu werden. Die betreffenden Strophen sind in der älteren Sammlung Bodmers, den „Proben der alten schwäbischen Poesie“, (1748) nicht enthalten und können daher Bürger nur aus den „Minnesingern“ (1758) bekannt geworden sein. Ich habe eins der besten Molly Lieder Bürgers im Auge, „Das Mädel, das ich meine“, und muß fast meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, daß bisher meines Wissens niemand, auch nicht Sauer und Berger in ihren wertvollen Ausgaben, auf die Aehnlichkeiten hingewiesen haben, die dieses Gedicht mit Wathers
 „Si wundervoll gemachet wip“ erkennen läßt.“

Elsters Bürger und Walther in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1896

Leimbach, Karl L., Ausgewählte deutsche Dichtungen für Lehrer und Freunde der Literatur. Erster Teil.

“[S. 99] Bürger war ein gutmütiger, liebenswürdiger, gegen Freund und Feind edeldenkender Mann, der mit den Feinden seine letzte Habe geteilt hat; er war bescheiden und anspruchslos, teilnehmend an fremder Lust und fremden Leid, - aber er war leider auch leichtsinnig, leichtlebig, und sein früherer Lebenswandel nicht fleckenlos, seine traurige Lage nicht unverschuldet. Auch die meisten Gedichte Bürgers ermangeln sittlicher Reinheit, streifen ans und sinken ins Gemeine, oft nicht aus Freude am Gemeinen, sondern weil Bürger, um allgemein verständlich zu werden (und ein volksmäßiger Dichter war er, wie keiner nach ihm), das Platte und Unedle oft für ´das Populäre´ hielt und in Stoff und Ausdruck sich vergriff. - Ausgezeichnet war seine Begabung und sind teilweise seine Leistungen in der Ballade, nicht minder hervorragend war er in dem Sonette, und Schiller hat nicht etwa deshalb ihn so scharf beurteilt, weil er Bürgers Begabung unterschätzte, sondern weil er an einen Mann, dem er Fülle poetischer Malerei, glühende, energische Herzenssprache, einen bald prächtig wogenden, bald lieblich flötenden Poesieenstrom, ein biederes Herz nachrühmte, einen hohen Maßstab der Kunst legen und weil er von solchem Dichter Vollendetes fordern zu müssen glaubte.
   Die Popularität Bürgers war übrigens eine großartige, - unerreicht; namentlich mit seiner Lenore hat er die ganze Welt in Entzücken versetzt und Gebildete wie Ungebildete in gleicher Weise für sich begeistert. [Hervorhebung K.D.]”

Das vollständige Kapitel Gottfried August Bürger in der ONLINE-BIBLIOTHEK.

 

1896

Berg, Leo. Bürger und Schiller. Ein Essay. In: Zwischen zwei Jahrhunderten

“[S.224] Am wenigsten verzeiht und versteht Schiller die gewiss nicht makellose. aber prächtige Liebeslyrik Bürgers, die weder unkeusch noch gemeinsinnlich ist, die schon durch ihren hohen formalen Reiz, ihre blühende Phantasie, ihre männlich-erotische Liebenswürdigkeit und ihren lebendigen fast modernen Empfindungsreichtum über alle Gemeinheit hoch erhaben ist, und die eine fast noch gar nicht begriffene Bedeutung für die Entwicklung der modernen Lyrik gehabt hat. An Rhytmik, Melodik, Intimität der Stimmung und Seelenmalerei und an Feinheit der Technik stehen einzelne Lieder fast unerreicht da und mussten, ehe die Romantiker der deutschen Prosodik ihre Geschmeidigkeit gaben, fast wie eine Offenbarung wirken.Schiller scheint hierfür kein Gefühl gehabt zu haben. Seltsam genug ist es immer und muss gemerkt werden, dass er, der sich in der Rhytmik mit Bürger gar nicht messen durfte, der nie eine so virtuose Behandlung des deutschen Verses heraus hatte wie Bürger, der ja im wild Leidenschaftlich-Dramatischen wie im Lyrisch-Weichen unerreichbar war, ihm sogar unechte Reime, “entstellende Bilder”, “unnützen Wörterprunk” und “harte Verse” vorwerfen konnte....”

Leo Bergs Essay in der ONLINE-Bibliothek.

 

1896

Steig, Reinhold. Frau Auguste Pattberg. In: Neue Heidelberger Jahrbücher Jahrgang VI, Heidelberg.

“[S. 85] Und wende mich zu dem vielumstrittenen Lenoren-Liede des Wunderhorns 2, 19, das weder von Arnim noch von Brentano herrührt, sondern das, wie das Originalmanuskript unwiderleglich macht, von Frau Auguste Pattberg eingeliefert worden ist: unten S. 109.

[S. 86] Nun hat das Lied das seltsame Geschick gehabt, iu hervorragendem Masse der Träger des Streites zwischen Voss und Arnim zu sein. Die Ähnlichkeit dieser Volks- und Naturballade mit Bürgers Kunstballade Leonore musste natürlich von Anfang an in die Augen fallen. Der Stoff derselbe. Einzelne Wendungen ähnlich. Der Unterschied aber der: dass in dem Pattberg'schen Volksliede Feinsliebchen sich mit einer Art nüchtern-gesundem Gefühles gegen das Geisterhaft-Gespenstige dem Rufe des Geliebten versagt, während Bürgers Leonore, wie sich hier überhaupt das Wirkliche mit dem Übersinnlichen grenzlos bindet, dem Geiste Wilhelms auf sein Ross und in die 'l'otenwohnung folgt.

[S. 88] Dies war der Stand der Dinge damals, als für das Wunderhorn gesammelt wurde. Wieland, Schlegel nnd Althof - Boie beriefen sich sämtlich auf mündliche Mitteilungen Bürgers. Was sie aber Thatsächliches anzuführen hatten, wich von einander ab; und durch zwei bekannt gewordene briefliche Äusserungen Althofs zu Friedrich Nicolai 1797 wird die Unbestimmtheit eher noch erhöht als vermindert. Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit der Existenz eines deutschen Volksliedes warausgesprochen. Jetzt erhielt Brentano 1806 oder 1807 in Heidelberg ans dem liederreichen Odenwald von Frau Auguste Pattberg ein Lied ähnlichen, nicht gleichen, Inhalts und Wortklangs wie die Leonore oder die mit ihr in Verbindung gebrachten Volksliedfragmente. Das war ein ungewöhnliches Ereignis in der sonst so einförmigen Samme!arbeit für das Wunderhorn. Es wurde im Freundeskreise angelegentlich erörtert.

[S. 94] Dies ist der Thatbestand über Bürgers und des Wunderhorns Lenoren-Dichtungen, wie er damals vorlag, und seine tief in das persönliche Getriebe der beteiligten Personen eingreifende Geschichte. Ungewöhnlich reich erscheint sie uns, und dennoch in ihrem uranfänglichen Werden lückenhaft und unvollständig. Stellt man bei Bürger überhaupt die Frage nach der Herkunft seines Stoffes, so kann als ein wichtigstes Moment alles dasjenige, was ihm nicht dem Wortlaute, sondern dem Sinne nach im Gedächtnis blieb, nicht in Anschlag gebracht werden, und selbst die Vergleichung ähnlicher Dichtungen giebt uns doch im Einzelnen keinen festen Anhalt; die Volksballade des Wunderhorns aber verschwindet unserem Gesicht in dem Augenblicke, wo wir sie rückwärts über die Frau Pattberg hinaus verfolgen möchten. Wenn ich die spätere, litterarische Beurteilung der Wunderhorn-Lenore - ich verweise namentlich auf Wackernagel (Altdeutsche Blätter 1836. 1, 193. 196), Pröhle (Bürger 1856, S. 100), Goedeke (Grundriss 1881. 3, 39), Sauer (Kürschner 78, S. LV), Schmidt (Charakteristiken 1886, S.222. 240) - mir vergegenwärtige, so glaube ich zu bemerken, dass im Durchschnitt die Vossische Kritik vor der Arnim-Brentano-Grimm'schen Auffassung im Vorteil geblieben ist. Jetzt, wo zu Strodtmanns authentischem Briefwechsel und Schmidts Bekanntmachung der ´Ur-Leonora´ Bürgers der Originaltext des Pattbergschen Volksliedes hinzutritt, kann das Urteil ein anderes sein, und in diesem Sinne schliesse ich noch einige Bemerkungen an.“

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1896

Gläßer, P. Das deutsche Kriegslied seit dem siebenjährigen Kriege. In: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, 1. September. Digitalisiert von Google

“[S. 419] Es waren in jener Zeit überhaupt viele sentimentale Lieder im Volke verbreitet; man sang:
   Guter Mond, du gehst so stille
   In den Abendwolken hin. (a.d.J. 1800)
      [...]
   Herz, mein Herz, warum so traurig?
   Und was soll das Ach und Weh? (a.d.J. 1811)
und viele andere, die Jeden, besonders wenn ihm dazu die Melodien gewärtig sind, überzeugen müssen, daß nicht etwa nur das niedere Volk, sondern auch der Bürgerstand damals zu einer überzarten, schwermüthigen Empfindsamkeit neigte. Um so furchtbarer wirkt der mitleidlose Spott, den der Untergang des französischen Heeres in Rußland im Volke hervorrief. Fast gleichzeitig mit der entsetzlichen Kunde verbreitete sich eine Umdichtung von Bürger's Leonore:
    Napoleon fuhr ums Morgenroth
    Empor aus schweren Träumen -
    ´Ach, alles hin, ach, alles todt!
    Jetzt muß ich Deutschland räumen.´
Wie elend und hohläugig die zerlumpten Gestalten, die bald darauf die preußische Grenze überschritten, auch aussahen, beim Volke haben sie, wie es scheint, keine Spur von Mitleid erweckt; [...].”

 

1897

Schneider, Gust. Heinr. (Hg.) Der Blankenhainer Rachezug. In: Die Burschenschaft Germania zu Jena, Jena

“[S. 162] "Licht." Mit dem sonnigen Morgen zogen, dahinten lassend Alles, was entbehrlich geworden, die sieggekrönten Schaaren der Marschfertigen, zum Theil sogar wieder in wohlgeordneten Kolonnen, größtentheils rottenweise, oder auch als Marode auf einer langen Reihe mit frischem Laub bekränzter Bauerwagen und im Besitz der folgenden Tages am schwarzen Brett prangenden ´Satisfaktion´der inzwischen verwaisten Musenstadt wieder zu.
    ´Und jedes Heer mit Sing und Sang,
     Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
     Geschmückt mit grünen Reisern
     Zog heim zu seinen Häusern.´ -
Läßt schon dieser Blankenhainer Zug erkennen, daß es nur geringen Anlasses bedurfte, um die Jenaische Studentenschaft zu besonderen Kraftäußerungen zu veranlassen, so wies die unruhige Stimmung, welche sich nach der Rückkehr von Blankenhain und dem Bekanntwerden des Ausbruchs der Julirevolution in Jena bemerkbar machte, deutlich auf den Einfluß hin, den die politische Lage auf die leicht erregbaren Musensöhne ausüben mußte.”

 

1898

Salzer, Anselm. Der Hainbund. In: Wilhelm Lindemanns Geschichte der Deutschen Litteratur. Zweite Abteilung.

“[S. 643] Bürgers schönes Talent hätte wohl eine Ausführung der hohen Herderschen Wünsche und Strebungen möglich erscheinen lassen. Er warf zuerst das Volkstümliche in seine Gedichte hineinn, und sieh, alle Kreise des deutschen Volkes erkannten in Bürger den wahren Dichter. Die Dichterhand griff unablässig ins frische Leben, vorzüglich in das eigene, hinein; aber ach! das Leben war nicht geläutert, das Herz von Leidenschaften zerrissen, die Dichterliebe eine unreine Flamme, sein Ringen ein Spiel unsittlicher Mächte, darum ohne reine Poesie. [...]

[S. 644] Die übrigen Lieder haben meist die Liebe Mollys zum Gegenstand; aber die sündhafte Liebe ist ein ´Krankheit schwer und unheilbar´; und wollten wir das Unsittliche daran vergessen, der Dichter läßt es nicht zu, indem er, wie Schiller bemerkt, sein Liebesverhältnis zu individuell faßt. Nur einzelnes wie: ´Die Holde, die ich meine´, ´Ach könnt´ ich Molly kaufen´, ´In dem Himmel quillt die Fülle´, kann wirklich anziehen. Durch sein Streben nach Formschönheit wurde Bürger auch zu der lange vergessenen Kunstform des Sonettes geführt, dem er indes meistens trochäische Verse zuweist. Aber Inhalt und Form decken sich bei ihm, die Kongruenz zwischen beiden ist ihm eine wesentliche Forderung; er weiß seine Empfindungen zu einer Situation zu verdichten und der lyrische Ausdruck strömt ihm in reicher Fülle zu. [...] Einzelne von diesen Sonetten, besonders das mit dem ergreifenden Schluß: ´Herz, ich wollte, du auch würdest alt´, verdienen wohl als wahre Perlen bezeichnet zu werden. Ein prächtiges Lied ist noch ´Das Blümchen Wunderhold´.[...]
  Von Bürgers epischen Gedichten erwähnen wir zuerst die wenigstens nicht mißlungene Legende ´Sankt Stephan´. [...] Die Balladen nach Percy: ´Der Kaiser und der Abt´, ´Die Entführung´, ´Bruder Graurock´, möchte man für Originale halten. Bürgers erste selbständige Ballade ´Lenore´(1774) ist auch die beste; [...]. Von annähernder Güte sind das ´Lied vom braven Mann´, das ´Lied von der Treue´, ´Der wilde Jäger´ und ´Robert´ (Seitenstück zu Claudius´ ´Phidile´). Die drollige Naivetät im ´Raubgraf´ und in den ´Weibern von Weinsberg´ wird man noch passieren lassen, aber trivial wird ´Frau Schnips´, die ´Entführung Europas´ giebt sich selbst als Bänkelsänger-Produkt, ´Lenardo und Blandine´, nach Boccaz, ist verfehlt, widerlich ´Die Tochter des Pfarrers von Taubenhain´. Endlich mußte Bürger noch gar der geschwätzig-lüsternen Wielandschen Manier huldigen (`Veit Ehrenwort´, ´Königin von Golkonde´).”

 

1898

Dühring, Emilie. Gedenkzettel an Bürger und Denkzettel für dessen Neider. In: Der Moderne Völkergeist. Nr. 1.

Gedenkzettel an Bürger
und Denkzettel für dessen Neider.
   1.
´Ueber Nattern weg und Molche,
Mitten hin durch Pfeil´ und Dolche´
Nahmst und nimmst du deinen Weg.
So gerieth dein wirklich Streben
Nach dem höchsten Liebesleben;
So verkehrte man dein Sein
In der Nächst- und Nachwelt Schein.

    2.
Und Fortunen, dieser Glückesdirne
Botest du mit unbeirrter Stirne,
´Was noch keiner ihr geboten hat´.
An den Pranger stelltes du die bloße,
Der ´das ärgste Schandgesindel´ lieb.
Die verrieth fast jederzeit das Große,
Krönte meist den allerfrechsten Dieb.

    3.
Schwärzen mochte dich der Schwabenschiller
Und der Schwäbin Falschheit hintergehn
Mit der üblich affichirten Treue,
Die doch niemals ernstlich wird bestehen.

Jener Schillerer mochte sich versteigen,
Schwarz zu pinseln, was er nicht verstand,
Um damit das eigne Bild zu zeigen
Von Naturkraft völlig fast entmannt.

Endlich kommt nun doch die Rachegöttin,
Die sein Thun im rechten Lichte weist
Und zur Unehr´ ihm den falschen Nimbus
Von der mimenhaften Stirne reißt.

    4.
Vornehm that ja auch der Herr ´vom Kothe´
Gegen dich, obwohl er nicht mal ´Gothe´,
Sondern nur ein Furter Franke war;
Er, der Knecht von vielen Liebelinen,
Von Philinen, Mühlerinen
Und so manchen andern Trinen,
Die zusammen all´ geschachtelt
Stückwerk bloßer Liebelei.

Ja, das ´Alltagsstück Minister´
Mit dem Liebelingeschwister
Spreizte sich vor dir als Weimar-d-rath,
Als Geheimer, Excellenz, - worin denn Excellirt er?
In der kleinen Lyrik etwa?
Nein, die dünkt´ ihn gar so groß,
Daß er eifersüchtig auswich
Vor ´nem Concurrentenstoß.

    5.
Fest dem schrägen Schicksalsschieben
Trotztes du mit gradem Sein,
Zeigtest uns dein ganzes Lieben
Ohne Scheu und ohne Schein.

Dieses mit den mächt´gen Trieben
Warf dich aus der glatten Bahn,
Und so jähem Kampf verschrieben -
Fand dich bald der Läst´rung Zahn.

Sieger bist du doch geblieben,
Ob an dir sich auch gerieben
Noch bis heut der Neider Brut
Und versteckt dein bestes Gut.

Das zu eigen nahm dein Herz,
Das du decktest mit dem Schild,
Das noch Trost in letzten Schmerz,
Deiner stärksten Liebe Bild -

Uebermächtig steigt es wieder
Aus dem Schutt der Zeit empor,
Und man sengt die Häls´ der Hyder,
Die sich wider dich verschwor.

    6.
Volksballadenrasseldichter
Solltest du - nicht Andr´res sein,
Meinte kritisches Gelichter,
Stellt´ dich so in falsche Reihn.

Aber hoch noch über Wegen
Donnernder Balladenkraft
Hast du von der Blitze Stegen
Weiter dich emporgerafft,

Wo sich sanft´re Heimat je malte,
Freundlicher die Sonne strahlte,
Solcher Liebe Geister stehn,
Die noch niemals sie gesehn;

Wo die edlen Formen wohnen,
Wo der Sprache Zauber thronen
Und den Geist von sich entbinden,
Daß er Hohes mag verkünden.

Dort erhob sich hin dein Sinnen;
Dort verklärte sich dein Minnen;
Dort erblühte dir die Kraft,
Reg´ für Alles, was da schafft.

Ende December 1897, Frau Emilie Dühring.”

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1898

Harnack, Otto. Schillers Leben. Berlin. (Sammlung Klaus Damert)

“[S. 203] Während sich Schiller so entschlossen von der Dichtkunst zurückzog - so entschlossen, daß er selbst zu poetischen Stammbucheinträgen in dieser Zeit ältere Verse, zurückgebliebene Strophen der ´Künstler` verwandte - ließ er ein strenges Gericht über einen anderen Dichter ergehen, der nicht solche Selbstzensur übte. Bei Schillers Rezension über Bürgers Gedichte bewährt sich mutatis mutandis der Spruch Goethes:
   ´Wer Euch am strengsten kritisiert,
    Ein Dilettant, der sich registriert.´
Zwar kein Dilettant kritisiert hier, wohl aber ein Dichter, der sich aufs entschiedenste ´resigniert´ hatte. Wenn Bürger für unmöglich hielt, daß Schiller diese Rezension verfaßt habe, weil er damit seine eigenen Gedichte verdammt haben würde, so entging ihm gänzlich, daß Schiller gerade das aus vollster Seele wollte und tat; in Bürger stieß er den eigenen alten Menschen von sich. Es ist klar, daß unter solchen Umständen die Rezension sich nicht durch Billigkeit auszeichnen konnte. Sich auf den Standpunkt des Autors zu versetzen, ist die erste Bedingung gerechter Kritik; sie verweigern ist nur gestattet, wenn man glaubt, das Werk von vornherein als ´unter aller Kritik´ betrachten zu dürfen. Diese Meinung lag auch der Schillerschen Rezension tatsächlich zugrunde, und eben darum konnten auch alle einzelnen Lobsprüche, mit denen nicht gekargt war, den vernichtenden Eindruck nicht aufheben. Talent in verschiedener Hinsicht wurde Bürger zuerkannt; aber ein Talent, das mutwillig durch die unerzogene Persönlichkeit des Dichters verschleudert und vergeudet war. Und nicht nur in einzelnen Plattheiten und Schlüpfrigkeiten fand Schiller diesen Verderb des Talents, sondern in der Ungezähmtheit, mit der sich die maßlose, den Dichter zerrüttende Leidenschaft in seine Dichtung hineindrängte, die künstlerische ldealisienmg von sich wies und deshalb auch die äußere Formvollendung unmöglich machte.
   In diesem Urteil über Bürgers Person und Leistung ist viel Wahres; ja das meiste ist wahr, und doch setzte sich Schiller mit dieser Rezension im ganzen ins Unrecht. Zunächst war die Theorie, die er zugrunde legte und verfocht, eine unmögliche; seine Lehre von der Idealisierung, wie sie hier ausgesprochen, würde tatsächlich die lyrische Dichtung töten. Wenn verlangt wird, daß die Dichtkunst die Sitte, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit geläutert und veredelt in ihrem Spiegel sammeln solle, daß der Dichter der aufgeklärte verfeinerte Wortführer der Volksgefühle ein solle, der die Geheimnisse des Denkens in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kindersinn zu erraten gebe, - so meint man eher, daß von einem Verkünder populärer Philosophie nach Art Garves oder Engels die Rede sei, als von einem lyrischen Dichter. Es war eben Schillern damals die selbständige Bedeutung des Ästhetischen noch nicht aufgegangen. Er selbst hat später ein klares Bewußtsein dieses Mangels gehabt, wenn er nur an dem Endurteil über Bürger festhielt, die ´Beweise´ aber, die er dafür angeführt, preisgab. Wir jedoch müssen auch gegen das Endurteil Einspruch erheben. Waren auch die Vorwürfe meist berechtigt, so fehlte das Bewußtsein der eigentümlichen dichterischen Kraft Bürgers. Bürger war nicht nur talentvoll, sondern in ihm lebte ein Funke genialen Feuers. Und er hatte das Recht, trotz aller Mängel seiner Ausbildung, ein Urteil zu fordern, das von der Achtung vor dieser poetischen Genialität getragen war. Dafür ließ Schillers Rezension das Verständnis vermissen; von der Nachwelt ist sie nicht bestätigt worden. Aber ein glänzendes Zeugnis ist sie für den Ernst, mit dem Schiller damals sich selbst zu reinem künstlerischen Schaffen zu erziehen strebte.
      Die Form hatte Schiller übrigens durchaus rücksichtsvoll und würdig gehalten; zu dem damals oft recht derben und polternden Rezensententon hatte er sich nicht herabgelassen. Formell konnte sich Bürger nicht beleidigt fühlen; aber die sachlichen Angriffe trafen ihn ins Herz. Geistig ind körperlich schon dahinsiechend, ward er jetzt völlig niedergeworfen. Es war ein tragisches Verhängnis, daß dies unter einem Streich geschah, der nicht eigentlich gegen ihn gezielt war, an dem der Gegener nur die Schärfe der eigenen Waffen hatte erproben wollen.“

 

1898

Konversations-Lexikon

“Im eigentlichen Liede, wo er sich dem Volkstone nähert und sich nicht, wie im ´Hohen Lied´ oder in der ´Nachtfeier der Venus´, mit Rhetorik und rhythmischem Glanze begnügt, steht B. den besten Dichtern gleich. Seine Liebesgedichte, obschon sie die Liebe mehr in ihrem sinnlichen Gehalt als in ihren zarten Tiefen und geistigen Elementen erfassen, sind oft hinreißend durch den klangvollen Strom der Worte und die leidenschaftliche Glut des Gefühls. Er zuerst wieder ließ alle Empfindungen des Herzens in seinen Versen zu völlig ungekünstelten, ehrlichen und doch poetisch vollendetem Ausdruck gelangen. B. ist als Mitschöpfer der neudeutschen Dichtersprache zu betrachten.”

 

1898

Wildenbruch, Ernst von. Die Waidfrau. In: Tiefe Wasser, Berlin. Digitalisiert von Google 

“[S. 307] Sie nahm Abschied von dem Zimmer, Abschied von ihm - es war ihr, als nähme sie Abschied von sich selbst.
  Dann wieder vom Fußboden gingen ihre starren trockenen Augen zu dem Sopha zurück. War er nicht da? Wirklich nicht da?
  Ein Gedicht fiel ihr ein, das sie als Kind in der Schule auswendig gelernt hatte. ´Lenore fuhr ums Morgenroth´, so fing es an. Dann war von einem todten Soldaten erzählt, der aus Böhmen geritten kam in der Nacht, seine Liebste mit sich zu nehmen über Stock und Stein, ins ferne Grab.
  ´Er war mit König Friedrich's Macht gezogen in die Prager Schlacht und hatte nicht geschrieben, ob er gesund geblieben.´
 Das hatte sie noch behalten.
 War das Alles nur Fabel, was in dem alten Gedicht erzählt war? Konnte so etwas in Wirklichkeit nicht geschehen?”

 

1899

Nordhausen, Richard . ARS AMANDI.  Zehn Bücher der Liebe, von Hofmannswaldau bis Schiller 
Herausgegeben von Richard Nordhausen, Zeichnungen von Max Dasio.

“[Vorwort,S.11-12] So schluchzenden Wohllaut, so süsse Fülle der Empfindungen, so wehmütige Schönheit findet sich nie in den Liedern eines gesunden und robusten Daseinskämpfers. Bürger verzehrte sich, wie das Licht sich verzehrt, aber in dem nicht übermässig umfangreichen Gedichtbande, den er uns hinterliess, lodert unvergänglich die Pracht seines tiefen und edlen Gemütes. Unsrer Zeit ist sie nicht ganz offenkundig, doch kein Zweifel daran, der Tag wird kommen, wo das deutsche Volk den nationalsten seiner Klassiker voll zu würdigen versteht. Schillers ungerechte und grausame Totschlagkritik in der Jenaer Litteraturzeitung von 1791, die dem Kranken weh that, bis er die müden Augen schloss, wirkt leider noch heute nach.[ ..] So oder so - die wider Bürger verübte Kritik ist ein Flecken auf dem weissen Mantel Friedrich Schillers. Und sie vermögen der hohen Bedeutung Bürgers nur in den Augen Urteilsloser zu schaden. Der die ´Elegie, als Molly sich losreissen wollte` schrieb und daneben jeden leichten, frohen Klang des Volksliedes wiedergeben konnte; der ´Des Pfarrers Tochter von Taubenhain´ ersann, vielleicht die lieblichste und ergreifendste Wirklichkeitsdichtung unserer Literatur, der war ein Gewaltiger vor dem Herrn, den tötet keine Totschlagskritik.”

 

1899

Harnack, Otto. Zur Recension von Bürgers Gedichten. In: Euphorion. Wien und Leipzig. (Sammlung Helmut Scherer)

“[S. 539] In der Recension wird verlangt, daß die Dichtkunst, die Sitten, den Charakter, die ganze Weisheit ihrer Zeit geläutert und veredelt in ihrem ´Spiegel´ sammeln und ´mit idealisierender Kunst aus dem Jahrhundert selbst ein Muster für das Jahrhundert´erschaffe. [...] ´Kein noch so großes Talent kann dem einzelnen Kunstwerk verleihen, was dem Schöpfer desselben gebricht, und Mängel, die aus dieser Quelle entspringen, kann selbst die Feile nicht wegnehmen´. Hier ist eine ganze Reihe von Einseitigkeiten und Schiefheiten aneinandergefügt. Statt von dem Kunstwerk wird nur vom Künstler geredet. statt von seiner künstlerischen Anlage, nur von seiner Ausbildung und statt von seiner künstlerischen Ausbildung von seiner ´Läuterung´ zum ´vollendeten Geist´. Es wird zuerst das ganze Thema vom sachlichen Boden auf den persönlichen hinübergeführt; es wird die Person nicht nach ihrem natürlichen Sein, sondern nur nach ihrem Wollen und Streben beurteilt; es wird endlich das Streben nach sittlicher Vollendung mit dem nach der ästhetischen vermengt. Man glaubt eher die Anforderungen an einen Lehrer oder Prediger als die an einen Dichter zu hören. Der Kritiker scheint sich erst dort einer sachlicheren Behandlung zuzuwenden, wo er speciell die Aufgabe des Volksdichters erörtert. Aber auch dies ist nur Schein. Denn wenn er auch zunächst betont, hier handle es sich um ´glückliche Wahl des Stoffes und höchste Simplicität in Behandlung desselben´, so treten doch sogleich wieder andere Forderungen hervor. ´Als der aufgeklärte, verfeinerte Wortführer der Volksgefühle [...] und die Geheimnisse des Denkers in leicht zu entziffernder Bildersprache dem Kindersinn zu erraten geben´. Der Volksdichter wird also hier zu einer Art Popularphilosophen, wie sie ja in dem Zeitalter eines Engel und Garve beliebt waren; aber wo bleibt dabei die lyrische Poesie?
      Es war eben Schiller damals die selbständige Bedeutung des Ästhetischen noch nicht aufgegengen. Es war ihm der Wert des Naiven und Unbewußten noch nicht verständlich geworden. Es war ihm das Wesen objectiven künstlerischen Schaffens überhaupt, am meisten aber bei dem lyrischen Dichter noch völlig verschlossen. Es fehlt ihm die Schule Kants, es fehlt die neidlose, verständnisvolle Bewunderung Goethes, es fehlt die tiefere Erkenntnis und Auffassung der Antike. Hätte er diese drei großen inneren Erfahrungen schon besessen, so wäre sicherlich sein Urteil über Bürger milder ausgefallen.
     Wie ganz anders stellt sich Schiller vier Jahre später zu diesen Problemen! In den Briefen über ästhetische Erziehung, in den Aufsätzen, ´Über das Naive und über die sentimentalischen Dichter!´oder noch später in den ´Gedanken über den Gebrauch des Gemeinen und Niedrigen in der Kunst´. Jetzt weiß er, daß für den Künstler in erster Linie nicht eine durch abstrakte Begriffe zu bestimmende Beschaffenheit in Betracht kommt, sondern sein Verhältnis zur umgebenden Welt, seine Art, sie zu erfassen und ihr nachzubilden; er weiß, daß die Kunst nicht nach einem abstrakten Idealbilde, sondern nach einer harmonischen Verschmelzung von Geist und Natur, nach ´lebender Gestalt´, nach der ´Consummation der Menschheit´ strebe, daß für den Wert der küntlerischen und dichterischen Thätigkeit nichts anderes bestimmend ist als der Grad ihrer ästhetischen Vollkommenheit. Jetzt gab er zu, daß solche Vollkommenheit der Leistung auch schon der einfachen, ungebrochenen, glücklich veranlagten Natur gelingen könne. Er sprach ausdrücklich aus, daß die ästhetisch vollkommene Behandlung den gemeinen Stoff veredeln könne.
     Gewiß wäre auch nach solchen Gesichtspunkten an Bürger noch mancherlei zu tadeln gewesen, aber der Tadel hätte das Kränkende verloren und Bürgers Einrede, daß nach solchen Grundsätzen fast alle lyrischen Dichter verdammt werden müßten, wäre nicht möglich gewesen. Schiller hat in jener Recension eben doch trotz aller ästhetischen Detailkritik Bürger nach moralischem Maßstabe beurteilt; den rein ästhetischen Maßstab lernte er erst später erkennen und anwenden. “

Der vollständige Beitrag in der ONLINE-BIBLIOTHEK

 

1899

Rosenberger, Eugenie. Auf großer Fahrt. Berlin 1899 (hier Bremen 2009)

“[S. 153] Indem begann der Dampfer zu pfeifen und wirklich drehte er, kam zurück, hatte den Fehler bemerkt und berichtigt und schrie es uns noch zum Ueberfluß zu - es war uns allen leid, daß er es sich so viel kosten ließ; er ist englisch, der St. Clears, nach Mexico unterwegs.
   Ich habe mir eine Nachttasche aus Segeltuch gemacht und mit einem letzten Stückchen roten Inletts eingefaßt, wobei Jürgen nicht ermangelte, zu zitieren: ´Frau Magdalis weint auf ihr letztes Stück Rot.´ “

 

1899

Busch, Moritz. Die Kriegswochen von 1866 in Leipzig. In: Tagebuchblätter Dritter Band. Denkwürdigkeiten aus den Jahren 1880-1893, Leipzig. Digitalisiert von Google

“[S. 508] Fünfte Woche.
Freitag, 13. Juli. Unsre Köchin ist wieder glücklich und versalzt uns nicht mehr die Suppe. Ihr Granatkanonierm mit König Johanns Macht gezogen in die böhmische Schlacht, hatte bisher nicht geschrieben, ob er gesund geblieben. Heute früh Brief von ihm, etwas schmutzig zwar, wie alles aus Krieg und Lager, mit Bleistift, vielleicht auf einem Protzkasten, so unleserlich wie möglich zusammengekritzelt und sehr dürftig an Detail, ´da wir hier nichts weiter schreiben dürfen,´aber doch Sonnenschein in ein verdüstertes Lenorengemüt; denn ´Dein innigst geliebder Wilhelm´war am 5. Juli noch ´gesunt und am Leben.´”

 

1899

Freytag, Gustav. Jahre der Vorbereitung. In: Erinnerungen aus meinem Leben, Leipzig.

“[S. 151] Schnell wurde das Stück abgeschrieben und nach Vorschrift ohne Namen des Verfassers eingesandt mit dem Motto aus Bürgers Lenore: ´Weit ritt ich her von Böhmen, ich habe spat mich aufgemacht.´”

 

bis 1789    1790-1799    1800-1806    1807-1815    1816-1821    1822-1825    1826-1828    1829-1831    1832-1836    1837-1840    1841-1845
1846-1850    1851-1855    1856-1858    1859-1861
 
  1862-1865    1866-1870    1871-1899    1900-1949    ab 1950



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08022017-126